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Törli, 14. Oktober 1933 [Bergli]
da sitze ich nun an deiner Statt an diesem deinem Ort, irgendwie umweht vom genius loci, Birnbaum und Waldrand vor Augen, deiner und Lollos vielfach gedenkend. Ruedi und Gerty sind mit einer Fuhr Kinder im Auto zu Schildius abgerollt, Hansjoggeli auf Gertys Knieen und mit einer blechernen Flugmaschine in der Hand (symbolkräftig, beides: die Kniee und die Flugi — wa?), Marguerite dagegen mit der Forsytesaga
📖1 auf die «Waldwies» zum Lesen. Ihr aber seid wieder getaucht und in voller Fahrt in den deutschen Meeren von 1933, ein paar lebhafte Zeichen habt Ihr uns ja bereits wieder zukommen lassen, worunter die beiden so hoffnungsvollen Briefe von Karwehl2 und von Niesei3! Daß wir täglich Euer gedenken, jetzt aus der Berglimuße heraus besonders, ist klar. Noch stehen ja auch die trefflichen Münchnertage lebhaft genug vor uns. Das Berglidasein ist wie ein einziger Abklang dazu. «Wämmer no meh mache!»4
Unterdessen ist Gogartens umdüsterte Gestalt, begleitet von dem freilich in Gegenwart dieses seines besonderen Meisters völlig, (auch zum Ärgsten) völlig schweigenden Lukas, ein weiteres Mal an mir vorübergezogen. Es war wiederum sachlich natürlich ergebnislos; nur daß er mir eher noch ratloser vorkam und beide noch verwundbarer, Frau Gogarten brach plötzlich mitten im Gespräch einfach in heftiges Weinen aus — es ließ sich schwer etwas Rechtes abklären. Soviel ich merkte, will auch er mit Georg noch einmal Rücksprache nehmen, aber ich denke in dem Sinn, daß er erst recht bei Zw.d.z. bleibt — ob das für Georg tragbar bleibt?? Du bist doch auch der Meinung, daß Gog. das Pro|507tokoll unseres Gesprächs5 zugestellt erhalten soll? Ich warte deine Rückäußerung noch ab, bevor ich es ihm schicke. Er ist richtig verrannt und redet sich in sture Rechtfertigungen des Arierparagraphen und dergl. hinein. Weiter ist Helmi V. aufgetaucht mit seiner von Georg verehrten Frau Maria und brachte Grüße von Euch. Sein Fall ist ja nun «abgeklärt», wenn man das so heißen will.6 Und er will als allerdings zum |508 Nichtschießen verurteilter Zeitgenosse vorläufig draußen auf dem Schicksalsfeld weiter ausharren. Hoffentlich schreibt er nun sein längst geplantes Buch.7 Endlich: Heiner hat seinen Besuch bei Emil und vor allem Gerty ausgeführt und beiden sein Leid wegen mir geklagt und verspricht sich davon Erleichterung der Lage, was mir nicht nur einleuchtet, aber ihm persönlich sicher wohl getan hat. Emil soll jetzt dann in Basel reden, und ich werde durch vorsichtige Zurückhaltung das Meine tun, um Heiner den gewünschten Raum zu geben.8 Er behauptet nach wie vor: mit dir und mit Emilen könne er ausgezeichnet verhandeln, mit mir gehe es nur deshalb nicht, weil ich zu wenig von seiner Lehre verstehe und zu sehr nur (wie er meint: wenig gute) Abwandlungen deiner Sätze von mir gebe. Ich bin ein wenig wehrlos dieser Sicht der Dinge gegenüber. Aber lassen wir’s so gehen. Emil versicherte mir gestern (ich sah ihn kurz), es seien übrigens starke Aussichten vor|509handen, daß Heiner nach Zürich komme an Stelle des eben demissionierenden Freytag9. Das wäre allerdings die Lösung aller seiner Nöte und Fragen. Wie möchte man das für ihn wünschen! Emil will sich völlig für ihn einsetzen, und da sein Freund Spoerri augenblicklich Dekan der philosophischen Fakultät ist, hat er einiges in der Hand. Hoffen wir!
Mein von dir unterdes gelesener Vortrag10 ist natürlich in der vorliegenden Form nicht zu veröffentlichen. Daran habe ich nie gedacht. Mehr als eine flüchtige Skizze ist er nicht. Ich habe ihn auch ganz schnell und in einem Zug diktiert und dann brühwarm vorgelesen. Die Frage ist nur die: ob die Linie, die er in sich hat, als solche dir möglich erscheint, oder ob du die ganze Sicht als solche für abseitig und verzeichnet hältst. Ich bin überhaupt mir darüber ganz klar, daß ich keineswegs über die treffliche Rüstung auch nur von ferne verfüge, in die du etwa deine eigenen Schüler einkleidest und mit der versehen sie dann so ausgezeichnete Manöver vorführen können wie etwa Traub an jenem Abend in München.11 Darüber mußt du dich bei mir nicht täu|510schen: das kann ich niemals nachholen und nachmachen. Und du mußt es mir darum auch ganz ruhig sagen, wenn du jetzt oder bei kommender Gelegenheit denkst, es sei mit der oder jener meiner Arbeiten besser nicht hervorzutreten. Ich werde darüber nie unglücklich sein, weil ich meinen Ort schon kenne und auch halte. Ich bin zwar schon längst vor dem Umsturz dein SA-Mann und Standartenführer gewesen, aber das heißt noch lange nicht, daß ich nun, wo so trefflicher Nachwuchs sich zeigt, weiterhin gerade in der vordersten Front mich hervorzutun habe. Meine Meriten bleiben sicher auch so an ihrem Orte aufgehoben. Ich wußte von jeher, daß ich mehr faute de mieux immer wieder an der Spitze unserer Kolonne auftauchen mußte. An Arbeit, die mir liegt, fehlt es mir wahrhaftig auch so nicht. Vielleicht gehe ich besser wieder einmal an ein Predigtbuch und an Arbeiten speziell aus der Praktischen Theologie.
Das Bergli präsentiert sich im Augenblick ausgezeichnet: Sonnenglanz, Herbstfarben, gute neue Grammophonplatten (Mozart!), Ruedi durch das eben eingetroffene Venedigbuch12 in bester Verfassung, Gerty erfreut durch ein freundlich und, wie es scheint, erhellend verlaufenes Gespräch zwischen mir und seiner merkwürdigen Schwägerin und nicht minder merkwürdigen Mutter, zu der ich an einem Regennach|511mittag durch den Wald von Gerty selber hinübergeführt wurde.13 Unterwegs breitete mir Gerty so schreckliche und greuliche Verwirrungen des Lebens dieser Schwägerin aus, daß ich am liebsten umgekehrt wäre, was aber Gertys darüber ausbrechendem Lachen gegenüber ganz undurchführbar war. So mußte es denn sein und ging also besser ab, als zu erwarten stand. Der schreckliche Bruder14 wurde durch Gerty währenddem weise abgeführt. Eine mehr als seltsame Familie ist und bleibt es, aus der Gerty herauskommt!
Karl, was für gute Tage und Abende hatte unser kleines Team doch in München! Lassen wir uns solche Begegnungen auch künftig wieder — «schenken»! Die Melodie, nach der das geht, kennen wir ja: «so wollen wirs denn wagen …»15.
Morgen Heimfahrt. Und dann bricht vieles wieder los: der Konfirmandenunterricht und der Volkshochschulkurs16, ich kann nur mit Unruhe an beides denken. Aber es muß jetzt sein. Laß wieder von dir hören!
Nelly gehe es so viel besser! Wir freuen uns darüber und lassen es vielmal grüßen.
Herzlich