16. Oktober 1933

Karl Barth an Eduard Thurneysen

512
Lieber Eduard!

Dein soeben eingetroffener guter Brief soll sofort beantwortet werden. Auch du bist unterdessen in deinen Gefechtsstand zurückgekehrt und nimmst den Anlauf zur Winterkampagne, die sicher auch auf einem Frontabschnitt wie Basel keine leichte Sache ist. Wolkiger hat der Horizont im Großen und im Kleinen noch selten ausgesehen in den langen Zeiten unserer gemeinsamen Exerzitien und Feldzüge. Große böse Dinge sind geschehen auf Erden und mitten in unserem eigensten Bereich, und noch größere, bösere scheinen irgendwie im Heraufziehen. Die Christenheit und Theologenschaft hat sich auf der ganzen Linie als eine noch viel weichere, klebrigere und zweideutiger riechende Masse erwiesen, als wir es auch in den Tagen des größten aargauischen Zornes uns träumen ließen. Und mitten drin müssen wir offenbar noch immer am Leben sein und in bestimmten Abständen unsere Schüsse abgeben. Es wird dir auch so gehen: ich möchte oft am liebsten auf und davon, von Allem nichts mehr hören müssen, sondern unter irgend einer fernen Kürbisstaude [vgl. Jona 4] oder auch Palme den lieben jüngsten Tag1 abwarten. Da dies nun nicht sein kann, da, wie es scheint, nicht einmal ein Absetzungsdekret eintrifft und mich wenigstens von Einigem freispricht, will der Karren der «theologischen Existenz heute» offenbar weitergeschoben sein, und da ist es einer der wenigen ganz tröstlichen Gedanken, daß du ihn an deinem Ort auch weiterschiebst.2 Laß uns — es wird mir ganz besonders nötig sein — in den kommenden Zeiten in erhöhter Weise darauf achten, daß wir immer in Gefechtsfühlung bleiben, daß nie zu lange Unterbrechungen der Meldungen hin und her eintreten.

513 Daß Gogarten das Protokoll auch erhält, habe ich als selbstverständlich angenommen.3 Es ist so sprechend, daß ich mich geradezu gefragt habe, ob wir es nicht an Stelle aller Erklärungen4 einfach in der letzten Nr. von ZdZ zum Abdruck bringen sollten, natürlich unter Beseitigung bzw. Glättung aller mehr persönlichen Stellen und Wendungen. Ich bin dann doch wieder davon abgekommen und will nun in der nächsten Zeit versuchen, das, was ich in der Sache zu sagen habe, aufzusetzen. Ich würde, wie in München schon gesagt, größten Wert darauf legen, daß du dich dabei in einem eigenen Votum vernehmen lässest, und werde dir darum meinen Schrieb, sobald er vorliegt, zusenden. Aber vielleicht äußerst du dich doch auch noch zu der Möglichkeit, einfach das Protokoll abzudrucken. Es ist doch klar, nicht, daß man es diesen und jenen Nahestehenden unter der Hand bekannt machen darf? — Frau Gogarten soll schon in Jena gelegentlich geweint haben. Im Übrigen hat neulich auch der Moderator des reformierten Bundes5 in Elberfeld in offener Sitzung geweint, leider nicht über Jerusalem [vgl. Lk. 19,41], sondern nur über die heftigen, aber sehr berechtigten Angriffe, denen er seine Amtsführung ausgesetzt sah, und leider ohne die Wirkung, daß er demissioniert hätte, wie es längst hätte geschehen müssen.6 Das fehlte jetzt noch, daß die Leute einfach weinen, statt etwas Ordentliches zu tun. Ob Gogarten in Basel auch gesagt hat (in Breslau tat er es), daß ich mit meiner Schrift «theologischen Selbstmord» verübt habe? Das gehört auch in dieses Kapitel!

514Ich habe hier noch nicht eben große Taten getan. Zunächst habe ich den Bethelern ein ausführliches Gutachten zu ihrem Bekenntnis geschrieben.7 Das Entscheidende darin sind die Vorhaltungen: 1. es dürfte von den «Ordnungen» nicht als von einer von dem Gesetz bzw. Gebot Gottes verschiedenen Größe die Rede sein, 2. es dürfte die Lehre von der Rechtfertigung und vom Glauben nicht abstrakt, d. h. nicht ohne eine parallel ebenso ernsthafte Lehre von der Heiligung und vom Gehorsam vorgetragen werden, 3. es dürfte die Kirche nicht unter Berufung auf ihre Unsichtbarkeit dem Konflikt mit dem Staat und der Welt überhaupt entzogen werden. Ich kleidete das alles aber in die Form eines Friedensvorschlags an die Lutheraner, denen es mit dem Gegensatz zu den D. C. ernst sei, mit welchen die wirkliche Union aufzurichten ich den Augenblick jetzt für gekommen erachte. — In diesem Zusammenhang habe ich auch die Schrift von Georg über Glaube und Politik bei Luther8 nochmals genauer gelesen und daraus entnommen, daß die fatale Lehre des Betheler Bekenntnisses sicher von ihm stammt, aber auch das Andere, daß er im dritten Teil dieser Schrift ganz ausgezeichnete Dinge über Melanchthon gesagt hat9, die er nur auf die heutige Lage und nicht zuletzt auf sich selber hätte anwenden müssen, um dann zu einer anderen Antwort zu kommen als der, die er mir in München schließlich gegeben hat. Aber das liegt nun dahinten. — Gestern habe ich selber einen Lutheraufsatz für das Jubiläum vollendet, der von einer literarischen Stelle in Berlin zuhanden verschiedener Tageszeitungen stürmisch und mit der Beteuerung, sie wüßten sehr wohl, mit wem sie es zu tun hätten, von mir verlangt war10: 120 Schreibmaschinenzeilen, |515 ein Kunststück, wa? Eine Kopie ist eben nach dem Bergli abgegangen und wird dir von dort aus zukommen. Ich konnte zur Vorbereitung nur einen Band Tischreden durchlesen und dem entsprechend ist es diesmal, wie es ja schließlich zu einem Jubiläums-Aufsatz paßt, ein bißchen biographisch oder charakterologisch geworden. — Schwieriger wird eine andere Aufgabe sein, die mir zuteil geworden: ich soll am 30. Oktober in Berlin in irgend einem großen Raum11 die Reformationsrede für die (da Jacobi mich anfrug, nehme ich es so an) jungreformatorisch pastorierten Berliner Gemeinden halten.12 Da werde ich nicht darum |516 herumkommen, ins volle Menschenleben hineinzugreifen13. — Vorderhand möchte ich jetzt meine Wahlrede vom Juli und den Meiringer Vortrag druckfertig machen (beide liefen eben nur nach Notizen) als zweites Heft unserer mit der 8. Auflage der «Existenz» soeben feierlich gestarteten Neugründung.14

Dies führt mich zu deinem Vortrag über die Schweizertheologie. Ja, ich war zunächst etwas erschrocken über das, was du das «Flüchtige» an dieser Sache nennst. Aber ich entnahm ja schon der Arbeit selbst, daß sie offenbar während der Konferenz selber entstanden ist, und bin nun beruhigt durch die Aussicht, daß du ihr noch etwas auf die Beine helfen wirst. Es bestehen dazu m. E. zwei Möglichkeiten. Entweder Ergänzung in der Richtung einer eigentlichen Dokumentierung deiner Sätze durch bestimmtere Angaben und Texthinweise. Das würde der Sache dann sozusagen kirchengeschichtlichen Wert geben. Aber vielleicht wäre es für den gegenwärtigen Augenblick noch wichtiger, die Hauptaufmerksamkeit auf die Präzisierung der Bestimmungen der verschiedenen theologischen Standorte zu legen, damit Alles ein wenig plastischer und gültiger und verantwortlicher dasteht, damit der Schuß das betreffende Tor jeweilen auch wirklich erreicht, während er jetzt oft mehr die Latte zu treffen scheint. Der Aufriß des Ganzen hat durchaus meine Billigung. Aber die eigentliche Darstellung bzw. Polemik muß gegenüber dem allgemeinen Eingang entschieden verstärkt werden. Nebenbei könnte dann wohl auch in Form von Anmerkungen, für die es dir an Stoff ja nicht fehlen wird, auch in der Richtung der ersten Möglichkeit ein wenig «gedrippelt» werden. Die Hauptsache dürfte aber sein, daß der Ball, wenn der Punkt «natürliche Theologie», von allen Seiten bestens vorbereitet, erreicht ist, mit höchster, dem Niveau des Anfangs des Vortrags entsprechender Kraft in den Kasten gesendet wird. Dieses Ereignis nämlich wird es sein, das das Erscheinen dieser Sache gerade jetzt bedeutsam machen wird.

Nun noch eine weitere Frage unsere Heftreihe betreffend. Du erwähntest in München nach dem Referat von Traub die Möglichkeit, diese Darbietung zu übernehmen. Ich zögere ja etwas davor zurück, |517 jetzt gleich einen solchen wenn auch noch so gediegenen Jüngling an Bord zu nehmen. Aber nun scheint es, daß ihm Lempp neuerdings zusetzt, die Sache doch ja in einer der verschiedenen Zeitschriften seines vielseitigen Verlags zu veröffentlichen. Er selber hat aber weder zu ZdZ Lust noch zu Chr[istentum] und Wirkl[ichkeit]! Sollen wir ihn nun doch für Heft 4 oder (wenn deine Instandsetzungsarbeit einige Zeit in Anspruch nehmen sollte) als Heft 3 bei uns aufnehmen? Sag mir auch in dieser Sache, wie dir zu Mute ist.

Ich wurde letzten Freitag von Niesel auf den Kriegsschauplatz Elberfeld gerufen, wo ich eine Schar von 40 nun allerdings höchst entschlossenen Leuten gerade beim Absingen eines sehr energischen Hugenottenpsalms antraf, im Begriff, sich zu einer «Bruderschaft» zusammenzuschließen, wie dies jetzt bei den mehr oder weniger Unentwegten hierzulande überall an der Tagesordnung ist.15 Ich ermahnte sie dann zunächst (nach der in Tambach bewährten Methode, weißt du noch?), sich mit der Benennung von Vertrauensmännern hin und her im Lande zu begnügen und ja keine Formation zu erstellen.16 So geschah es denn auch. In Bezug auf die Fragen, ob am kommenden Sonntag (gestern) eine Proklamation des neuen «evangelischen Bischofs Aachen-Köln» (des Mannes, der noch vor einem Jahr in Koblenz durchgefallen ist!)17 |518 zu verlesen und ob ein eventuell kommender Revers mit der Erklärung «rückhaltlosen» Stehens zu — nun sagen wir zum «Caesar» zu unterschreiben sei, gab ich den Rat in der Richtung eines entschiedenen Quod non! Im Übrigen habe ich auch dort meine Speziallehre über die Union vorgetragen. Es war eine bewegte und in ihrer Art wirklich gute Versammlung, wenn es auch nicht eben zu loben war, daß ein ganz Geharnischter mich nun einfach per acclamationem zum neuen Moderator des reformierten Bundes machen wollte! und daß etliche Mitglieder des bisherigen Moderamens18 nebst meinem Kollegen Goeters wegen ihrer schwankenden Haltung gegenüber den D. C. schlankweg als «Zuhälter» charakterisiert wurden, und zwar durch den Vorsitzenden19. Das alte Moderamen denkt übrigens gar nicht daran abzudanken, sondern hat uns am Nachmittag desselben Tages prächtig hinzuhalten gewußt.20 |519 So daß die leise Kompromißlerei, die die Ref. K. Zeit, (liesest du sie noch?) — N. B. trotz calvinistischer Heldengebärde auch und gerade Kolfhaus’ — bisher getrieben hat, zunächst weitergehen wird. Es läßt sich offenbar im Augenblick nichts machen, bis dann einmal Alles miteinander zum Gericht reif wird. Aber der Elan der 40 meist jüngeren Pfarrer war eine erbauliche und tröstliche Angelegenheit. Ich war nach jenem Vormittag ganz erschöpft, nachdem ich nach vielen Einzelvoten auch noch aus dem Stegreif eine zusammenfassende Schlußansprache (sie nennen dort dergleichen eine «Handreichung»21) hatte darbieten und sogar ein Schlußgebet sprechen müssen, was mir in meinem Leben zum ersten Mal bei diesem Anlaß als notwendig erschienen ist. Zum Mittagessen war ich dann beim Fremdling22, wo auch Heiner zu sehen war und es an erstaunten Bemerkungen über all diese kirchlichen Vorgänge nicht fehlen ließ.

Am Samstag morgen bin ich dann wieder mit K. L. Schmidt zu Pferde gestiegen, wobei mein Tier einen kleinen Acker zertrampelt hat, weil |520 es sich vor einer Feldlokomotive fürchtete. K. L. Schmidt rüstet sich zum Aufbruch, zunächst nach der Schweiz und im Besonderen nach Bern, wo er bei meiner Mutter in dem dir bekannten Stüblein absteigen und dann im Schädelinkreis einen Vortrag halten soll.23 Er ist nicht ohne Zuversicht, bei uns oder sonstwo eine neue Existenz zu finden.

Aber am Samstag Abend kam wie eine Bombe die Nachricht vom Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund.24 Wir haben um 7 Uhr bei K. L. Schmidt die große Rede von Hitler am Radio gehört25 und saßen dann noch lange in besorgten Gesprächen zusammen. Was bedeutet dieses Zeichen? Wir sind hier geneigt, es in der Hauptsache aus innerpolitischen Absichten der Regierung zu verstehen. Aber noch sieht man nicht hindurch, und noch hat ja auch Oeri das Seine zu dieser neuen Wendung nicht gesagt26. Sicher ist, daß man hier in die sehr fatale Alternative zwischen dem System von Versailles und dem System von Hitler versetzt sein wird. Wir waren ja — weißt du noch 1920?! — immer gegen den Völkerbund.27 Aber …!

Gestern morgen hörte ich eine unglaubliche Predigt, in der die Geschichte von dem Kämmerer aus Mohrenland [Act. 8,26–40] mit der zehnjährigen Erinnerungsfeier an eine «Schlacht» gegen die rheinischen Separatisten28 kühn kombiniert wurde: er zog nämlich, und dies gelte |521 auch von dem deutschen Volk, «seine Straße fröhlich». Selbstverständlich hat der Mann auch ohne zu erröten das bischöfliche Manifest vorgelesen. Bei diesem Anlaß geschah es dann wieder einmal, daß — gegen alle vorherige Abrede — Lollo wie vom Sturmwind aus der vollen Kirche hinausgetragen wurde, vorbei an mir, der bereits in würdiger Haltung zum Einsammeln des Almosens an der Kirchentüre Posto gefaßt hatte!29

Nun noch eine Mitteilung und Bitte. Es wurde soeben beschlossen, daß Nelly zur Erholung von ihrer Operation noch einige Wochen nach der Schweiz, d. h. nach Dürrenroth30, fahren soll. Dies soll am kommenden Donnerstag geschehen, und sie wird 17.51 am Badischen Bahnhof eintreffen. Darf sie dann bei euch übernachten, und würdet ihr es auch übernehmen, sie am Bahnhof abzuholen?

522 Damit dürfte der Schatz dessen, was im Augenblick zu sagen ist, erschöpft sein, und es ist Zeit, daß ich an all die wartende Arbeit zurückkehre. Außer dem schon Erwähnten warten nämlich noch zwei umfängliche Licentiatenarbeiten, für die ich das Hauptreferat habe31, und dann muß ja auch die Dogmatik und meine beiden Seminare wieder in Gang kommen.32

Nimm hier als Gruß aus dem dritten Reich und vielleicht zur Vorweisung an Hartenstein dieses Bild! Was darunter steht, habe ich ihn am 1. Mai ebenfalls am Radio tatsächlich sagen hören.33 Eduard, wenn dieser «Nomos» nun wirklich mit dem Gesetz Gottes identisch sein sollte34 — ich weiß nicht, aber ich glaube, daß ich mich dann einfach dem Trunk ergeben würde.

Noch eine seltsame Nachricht: ich habe einen Brief von Emil erhalten, in welchem er mich nun plötzlich wegen jenes mißlungenen Oxfordabends um Verzeihung bittet. Er habe mich tatsächlich einfangen |523 wollen, und das sei nicht gut gewesen etc.35 Was soll ich ihm nun nur |524 antworten? Das ist ja das Schrecklichste von Allem, in dieser Weise christlich beträufelt zu werden, und unwillkürlich gerät man wenigstens in Gedanken auf die Spuren des von Lukas Christ bevorzugten Bilderkreises.36

Sollte nicht doch der liebe jüngste Tag37 in der Nähe sein? So kann’s ja eigentlich auf keinem Gebiet mehr lange weiter gehen!

Sei mit Marguerite herzlich gegrüßt
von deinem
Karl

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 149, Anm. 8.↩
2
Am 30. September war auf der Sitzung in München (s. oben S. 495f., Anm. 8) auch die Gründung einer in unregelmäßigen Abständen erscheinenden Schriftenreihe unter dem Titel «Theologische Existenz heute» beschlossen worden, die zunächst von Barth und Thurneysen gemeinsam herausgegeben wurde. Als deren Heft 1 war die 8. Auflage der Schrift «Theologische Existenz heute!» erschienen (bis zur 7. Auflage Beiheft 2 zu ZZ 📖). Zur Schriftenreihe vgl. Busch, S. 243 📖; K. G. Steck, Theologische Existenz heute. Rückblick und Ausblick, in: Theologische Existenz heute. Schriftenreihe, herausgegeben von Karl Barth und Ed. Thurneysen (Reprint der Hefte 1-77, erschienen in den Jahren 1933-1941), Bd. I: Hefte 1-31, München 1980, S. V-XXX. 📖↩
3
Thurneysen schrieb am 17.10.1933 an Gogarten: « … hier erhältst du eine Abschrift des Protokolls unseres Gespräches in München, aus dem auf alle Fälle die Linie, auf der die ganze Auseinandersetzung verlief, erkennbar wird. Es war sehr gut, daß wir uns persönlich sehen und sprechen konnten. Wir werden, was jetzt so oder so an Differenz und Einsamkeit auf uns alle gelegt ist, nicht einfach abwälzen können, aber wir sind trotz allem weiter vielleicht in besonderer Weise auf einander geworfen» (Nachlaß Thurneysen 📖).↩
4
Für das letzte Heft des Jahrgangs 1933 von ZZ war der Abdruck von Erklärungen der scheidenden Mitarbeiter und von Merz geplant; vgl. unten S. 524, Anm. 1, S. 527, Anm. 1, und S. 534, Anm. 2.↩
5
D. August Lang (1867–1945), 1893 dritter Domprediger, seit 1921 auch Superintendent des reformierten Kirchenkreises und Professor für neuere, besonders reformierte Kirchengeschichte in Halle, 1919-3.1.1934 Moderator des Reformierten Bundes.↩
6
Barth war auf Hesses Anregung hin mit einigen anderen zu einer Sitzung des Moderamens des Reformierten Bundes in Elberfeld am Nachmittag des 13.10.1933 eingeladen worden; s. unten Anm. 20.↩
7
Barth hatte den Ende August fertiggestellten Bekenntnistext aus nicht mehr zu klärenden Gründen — wohl auf Grund der sich überstürzenden Ereignisse — erst etwa um den 11.9.1933 über D. Bonhoeffer erhalten (Lichtenfeld, S. 375 📖) und schickte sein auf den 11.10.1933 datiertes Gutachten mit einem Brief vom 12.10.1933 an Bodelschwingh (Kopie einer Abschrift des Bekenntnisentwurfs mit Barths Bearbeitungen im Karl Barth-Archiv); Abdruck des Briefes in: J. Glenthøj, Dokumente zur Bonhoeffer-Forschung 1928-1945 (Die mündige Welt 5), München 1969, S. 106f. (zum «Betheler Bekenntnis» vgl. dort S. 105–107) 📖; zur Hinzuziehung Barths als Gutachter vgl. Lichtenfeld, S. 327f.373-379.↩
8
G. Merz, Glaube und Politik im Handeln Luthers, München 1933 📖; zuerst in: ZZ, Jg. 11 (1933), S. 207–254 📖.↩
9
A.a.O., S. 33–45 📖 bzw. S. 235–251 📖. Zu Merz’ Beteiligung an der Erarbeitung des Bekenntnisses vgl. Lichtenfeld, S. 338–356. 📖↩
10
K. Barth, Luther, zuerst erschienen in verschiedenen Tageszeitungen (s. unten), u. a. in: NZZ, Jg. 154 (1933), Nr. 2034 vom 10.11.1933, S. 1f. 📖; dann u. a. in: K. Barth, Lutherfeier 1933 (ThExh 4), München 1933, S. 8–12. 📖 — Die Bitte des Gründers und Vorsitzenden der Gesellschaft für Deutsches Schrifttum, Franz Alfons Gayda, um einen Luther-Artikel, der den deutschen Charakter und die deutsche Sendung Luthers behandeln sollte (Brief vom 19.9.1933), hatte Barth zu der Rückfrage veranlaßt, «ob Sie sich wohl ganz klar sind darüber, mit wem Sie es in mir zu tun haben» (Brief vom 28.9.; Frage wiederholt in einem Brief vom 7.10.). Gayda antwortete am 9.10.1933: «… ich … habe zunächst zu sagen, daß ich wohl weiß, an wen ich meine Bitte um Mitarbeit richte. In meiner Art und auf meinem Arbeitsgebiet kenne ich es sehr wohl, Alleingänger zu sein, und gerade heute lese ich einen Artikel über die Gesellschaft für Deutsches Schrifttum, betitelt ‹Außenseiter aus Überzeugung›.» Nach einem Brief Gaydas vom 31.10.1933 wurde Barths Artikel in etwa zehn Zeitungen veröffentlicht, darunter in der Münchner Zeitung und der Berliner Deutschen Allgemeinen Zeitung. — Zusätzlich zu den zahlreichen Jubiläumsfeiern in der zweiten Hälfte des Jahres 1933 in Deutschland anläßlich von Martin Luthers 450. Geburtstag am 10.11.1933 hatte die Reichskirchenleitung einen «Deutschen Luthertag» geplant, der den Höhepunkt eines Propagandafeldzuges zur Volksmission darstellen sollte. Mit Rücksicht auf den kurzfristig angesetzten Termin für Reichstagswahlen und Volksabstimmung am 12.11. (s. unten Anm. 24) mußte der «Luthertag» noch Ende Oktober auf den 19.11. verschoben werden; zum Luthertag vgl. Scholder I, S. 695–698. 📖↩
11
Der Vortrag fand am 30.10.1933 um 20.00 Uhr in der — trotz des Fehlens öffentlicher Ankündigungen überfüllten — Singakademie Berlin statt.↩
12
Eine schriftliche Anfrage ist nicht erhalten; die Anfrage erfolgte wohl telephonisch. In einem Brief vom 21.10.1933 nannte Jacobi als Beweggründe für die Einladung den «Luther-Rummel, der in der neuen Kirche heute getrieben wird». Zudem müsse die Gemeinde «endlich erfahren, worum es heute in der evangelischen Kirche geht». Nachdem Vorträge monatelang unmöglich gewesen seien, wolle man sich «nicht mit kleinen Handgranaten begnügen, sondern … mit einer 42 cm-Kanone schießen. Darum haben wir Sie als Mörser gebeten.» Den vorgeschlagenen Titel «Was ist Reformation?» änderte Barth in einem Brief vom 22.10.1933: K. Barth, Reformation als Entscheidung (ThExh 3), München 1933 📖; vgl. unten S. 532, Anm. 15, und S. 626, Anm. 3.↩
13
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V. 167 (Vorspiel auf dem Theater). 📖 ↩
14
K. Barth, Für die Freiheit des Evangeliums (ThExh 2), München 1933 📖, enthält nur die Bonner Wahlrede; der Meiringer Vortrag «Sorge und Hoffnung der Kirche heutzutage» wurde nicht gedruckt (vgl. oben S. 503, Anm. 12).↩
15
Erste Versammlung des im September 1933 gegründeten, von dem Barmer Pfarrer Karl Immer geleiteten Coetus reformierter Prediger Deutschlands am 13.10.1933. Bericht über die Versammlung und Abdruck der Beschlüsse in: Coetus-Briefe, S. 9–17 📖; vgl. auch Scholder I, S. 680–682 📖; Meier I, S. 490. 📖↩
16
Gegen Ende der Tambacher Tagung (vgl. oben S. 96, Anm. 22) wurde nach dem Willen der Mehrheit bewußt auf die Gründung eines Vereins verzichtet («… und gar erst die Schweizer wollten von einer erstarrenden Organisation nichts wissen und warnten dringend aus eigener Erfahrung»). Statt dessen schloß man sich unter dem Namen «Freunde des Neuen Werkes» zusammen zu einem «losen Freundschafts- oder besser Gesinnung- oder Vertrauensbund ohne Satzungen, Vorstände, Mitgliedschaften, Leitsätze, einzig geschart um das ‹Neue Werk,› … und durch gelegentliche vertrauliche Berichte» sowie durch «Oeftere Zusammenkünfte … in Landsmannschaften»; O. H[erpel], Berichte und Urteile über die Tambacher Konferenz vom 22.-25. September 1919, I., in: Vertrauliche Mitteilungen für die Freunde des «Neuen Werks», 3. Folge, Lißberg Oktober 1919, S. 1–3; Zitate dort S. 2. 📖↩
17
Dr. phil. Heinrich Oberheid (1895–1977), bis 1925 Industriekaufmann, SA-Sturmführer, seit 1932 Führer des Oberrheingaues der Deutschen Christen, nach Beendigung seines Theologiestudiums 1933 Pfarrer in Asbach, trat fünf Tage nach seiner Berufung durch den preußischen Kirchensenat sein Amt als Bischof des neugeschaffenen Bistums Köln-Aachen am 10.10.1933 mit einem Grußwort an, das mit seinem Bekenntnis zur nationalsozialistischen Revolution begann; vgl. Scholder I, S. 678f 📖. Stoltenhoff legt in seinen Erinnerungen Wert auf die Feststellung, Oberheid sei zwar als Bischof gewählt, aber nur als Beamter der kirchlichen Verwaltung vereidigt worden; vgl. E. Stoltenhoff, Die gute Hand Gottes …, a.a.O. (S. 47, Anm. 4), S. 273f. 📖 — Oberheid hatte sein zweites Examen nach überwiegend mäßig beurteilten schriftlichen Prüfungen wegen seiner mangelhaften mündlichen Leistungen am 22.-24.9.1932 in Koblenz nicht bestanden und mußte sich einem Nachexamen unterziehen. Am 12.12.1932 erklärte das Konsistorium das Examen für bestanden. Vgl. H. Faulenbach, Ein Weg durch die Kirche …, a.a.O. (S. 291, Anm. 4; zu Oberheids Examen, während dessen es zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und K. L. Schmidt kam, vgl. dort S. 41– 53) 📖; H. Faulenbach, Oberheids Examen …, a.a.O. (S. 401, Anm. 2), S. 58–62. 📖↩
18
Die Mitglieder des bis zum 3.1.1934 amtierenden Moderamens des reformierten Bundeswaren Prof. August Lang (Moderator), W. Kolfhaus (Assessor) sowie Prof. D. Dr. Viktor J. Bredt, H. A. Hesse, Landessuperintendent Walter Hollweg, die Pfarrer Wilhelm Brüns, August-Wilhelm Langenohl, Wilhelm Adolf Lauffs und Bernhard Leemhuis sowie Kirchmeister Remko Walther Siebel.↩
19
Karl Immer (1888–1944), 1927–1944 Pfarrer der reformierten Gemeinde in Barmen-Gemarke (am 15.3.1934 in den einstweiligen Ruhestand versetzt), Begründer und Vorsitzender des Coetus reformierter Prediger, seit Mai 1934 Mitglied des Reichsbruderrates der Bekennenden Kirche. Vgl. R. Steiner, Die Reformierte Gemeinde Gemarke im Jahre 1933 und 1934 (Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, Bd. 68), Köln 1982, S. 97–151 📖; «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes!» Karl Immer im Kirchenkampf, hrsg. von B. Klappert und G. van Norden, Neukirchen 1989. 📖↩
20
Da sich die Klausur-Beratung des Moderamens am Nachmittag des 13.10.1933 bis in den Abend hinzog, war Barth bereits wieder abgereist, als die eingeladenen Gäste eingelassen wurden. Am 16.10.1933 schrieb A. Lang entschuldigend an Barth: «Das Moderamen des Reformierten Bundes hat mich beauftragt, Sie herzlich zu bitten, unser Verhalten am Freitag, dem 13. Nachmittags in Elberfeld nicht übel nehmen zu wollen. Sie haben durch D. Hesse gewiß gehört, daß, als er vorschlug, Sie und andere Freunde zu der Besprechung der schwereren Fragen, die uns alle bedrückten, hinzuzuziehen, ich von mir aus ohne weiteres mich damit einverstanden erklärte. Zu dieser Zusage aber mußte ich natürlich erst die Genehmigung des ganzen Moderamens einholen. Die Genehmigung aber wurde, als wir um 2 Uhr zusammentraten, versagt. Aus triftigen Gründen wurde beschlossen, daß die Moderamens-Mitglieder zunächst unter sich über die wichtigsten prinzipiellen Fragen zu möglichster Einmütigkeit gelangen müßten, um dann unsere Ansichten und Wünsche dem neuen Kirchenminister O. Weber vorlegen zu können.» Es kam erst von 19.30 bis 1.30 Uhr nachts zu einer Besprechung mit den Gästen, an der außer W. Niesel die Pfarrer Hermann Klugkist Hesse (Elberfeld), K. Immer und Lic. Harmannus Obendiek (beide Barmen-Gemarke) teilnahmen. Niesel berichtete Barth am 14.10.1933 brieflich von der Sitzung mit dem Moderamen. Am 17.10.1933 bat Immer Lang im Namen des Coetus reformierter Prediger Deutschlands um seinen Rücktritt (Durchschlag und Brief Immers an Barth vom 18.10.1933 im Karl Barth-Archiv).↩
21
Abdruck von Barths Schlußwort in: Coetus-Briefe, S. 13 📖 (teilweise zitiert in: Scholder, S. 681f. 📖); Beispiele der an die Coetus-Mitglieder versandten «Handreichungen» a.a.O., S. 5–9.10-15 (1. und 2. Handreichung).↩
22
Alfred de Quervain, seit 1932 Pfarrer an der niederländisch-reformierten Gemeinde in Elberfeld; zur Herkunft seines Spitznamens s. oben S. 153 bei Anm. 34.↩
23
K. L. Schmidt, Das Christuszeugnis der synoptischen Evangelien (Vortrag, gehalten am 6. November 1933 in der Theologischen Arbeitsgemeinschaft des Kantons Bern), in: KBRS, Jg. 89 (1933), S. 385–390. 401-407. 📖↩
24
Der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund erfolgte am Samstag, den 14.10.1933. Gleichzeitig mit der Nachricht darüber wurden Reichstagswahlen und eine Volksabstimmung zur Bestätigung des Völkerbundsaustritts für den 12.11.1933 angekündigt, was zur Verschiebung des «Deutschen Luthertages 1933» führte (vgl. oben Anm. 10).↩
25
Vollständiger Abdruck der über alle deutschen Sender übertragenen Rede in: M. Domarus, Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945. Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, Bd. I: Triumph, Halbbd. I: 1932-1934, Wiesbaden 1973, S. 308–314. 📖↩
26
Original: «… Wendung noch nicht gesagt»; Streichung von der Hrsgn.↩
27
Vgl. Bw.Th. I, S. 327.386f.391.398 📖; Bw.Th. II, S. 56. 📖 ↩
28
Auf dem Hintergrund der seit 1920 bestehenden, überwiegend französischen Besetzung des Rheinlands führten die Angst vor einer Annexion durch Frankreich einerseits und starke Vorbehalte gegen die deutsche Regierung andererseits im Rheinland zu separatistischen Bestrebungen, die teils auf die Gründung eines rheinischen Bundesstaates im Verband des Deutschen Reiches, teils auf die Errichtung eines selbständigen rheinischen Staates zielten. Daß die Förderung separatistischer Gruppen von französischer Seite auch militärische Unterstützung einschloß, zeigte sich bei der Durchführung des Aachener Putsches (21./22.10.1923) und den wenig erfolgreichen Versuchen der danach ausgerufenen «Vorläufigen Regierung der Rheinischen Republik», sich durchzusetzen. Bevor die Separatisten Ende Dezember 1923 — nachdem Frankreich seine Unterstützung zurückgezogen hatte — endgültig scheiterten, kam es zu zahlreichen Unruhen und teils gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der preußischen Schutzpolizei, aber auch mit Teilen der überwiegend preußisch gesinnten Bevölkerung. Im Rahmen einer Feier auf dem zum Siebengebirge gehörenden Himmerich — an der nach einem Zeitungsbericht etwa 100000 Menschen, darunter zahlreiche SA- und SS-Formationen, teilnahmen (Die Feier auf dem Himmerich, in: Generalanzeiger für Bonn und Umgegend, Jg. 44, Nr. 14760 vom 16.10.1933, S. 3f. 📖) — legte Propagandaminister J. Goebbels am 15.10.1933 den Grundstein zu einem «Separatisten-Abwehr-Denkmal» (Faksimile der Urkunde zur Grundsteinlegung a.a.O., Nr. 14759 vom 14.10.1933, S. 13 📖), das damit im Kampfgebiet der verlustreichen «Schlacht bei Aegidienberg» (bei Bad Honnef) am 15./16.11.1923 zu stehen kommen sollte. Bei den damaligen Kämpfen zwischen 500 bis 600 Separatisten und den siegreichen 3000 bis 4000 Einheimischen wurden mindestens 16 Männer getötet und über 50 verwundet. Vgl. J. Klocksin, Separatisten im Rheinland. 70 Jahre nach der Schlacht im Siebengebirge. Ein Rückblick, Bonn 1993, bes. S. 8.14–16 📖; vgl. H. E. Nadler, The Rhenish Separatist Movements during early Weimar Republic 1918-1924 (Modern European History), New York / London 1987, S. V-VIII.303ff. 📖; E. Bischof, Rheinischer Separatismus 1918-1924. Hans Adam Dortens Rheinstaatbestrebungen, Bern 1969, S. 123–127. 📖↩
29
In Ausübung seiner Pflicht als Presbyter. Barth war von der größeren Gemeindevertretung der Bonner Gemeinde am 30.7.1933 in sein neues Amt berufen und am 8.10.1933 in der Kirche in Bonn-Poppelsdorf eingeführt worden.↩
30
Wohnort der Familie von P. Schild im Kanton Bern.↩
31
Nur ein Gutachten aus dem letzten Quartal des Jahres 1933 ist erhalten, nämlich das über G. Eichholz’ Arbeit zum Thema «Die Geschichte als theologisches Problem bei Lessing» (vom 8.12.).↩
32
Im WS 1933/34 hielt Barth das Seminar «Lehre von der Rechtfertigung», eine Sozietät über Thomas von Aquino und Bonaventura und die Vorlesung «Dogmatik III» (Vorlesungsbeginn am 6.11.1933 mit § 13: Gottes Freiheit für den Menschen, vgl. KD I/2, S. 1ff.). 📖↩
33
Anscheinend eine Postkarte mit Porträt Hitlers (nicht erhalten). Abdruck von Hitlers in einer Großveranstaltung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin gehaltener Rede in: M. Domarus, a.a.O., S. 259–264. 📖↩
34
Ein besonders einflußreicher Vertreter der Volksnomos-Lehre, den Barth auch in einem Gespräch am Vormittag des 31.10.1933 ausdrücklich erwähnte (s. unten S. 532, Anm. 15; Reformationstag 1933 …, a.a.O. [S. 500, Anm. 2], S. 80) 📖, war Wilhelm Stapel. Dieser setzte, unter Berufung auf Paulus, das Gesetz bzw. den Nomos mit der Sittlichkeit gleich, der, weil naturgegebenen, «verschieden nach Völkern und Staaten und dem Zustande ihrer biologischen und geschichtlichen Entwicklung, verschieden nach Geschlechtern und Ständen» sei. «Daraus geht hervor, daß die Sittlichkeit Sache des Volkes und des Staates ist und daß die sittliche Erziehung dem Staate zugeordnet ist» (vgl. W. Stapel, Die Kirche Christi und der Staat Hitlers, Hamburg 1933, S. 59–68 📖; Zitat dort S. 63; ders., Der christliche Staatsmann. Eine Theologie des Nationalsozialismus, Hamburg 1932, S. 174–185). 📖 Eine Verbindung zwischen völkischem Gedankengut und Theologie, die für die Deutschen Christen grundlegend war, suchten je auf ihre Weise u. a. auch Althaus, Elert, Gogarten und Hirsch; vgl. W. Tilgner, Volksnomostheologie und Schöpfungsglaube. Ein Beitrag zur Geschichte des Kirchenkampfes (AGK 16), Göttingen 1966, S. 88–232. 📖↩
35
Brief von E. Brunner, in Barths Handschrift auf «Oktober 1933» datiert (Bw.Br., S. 234–237 📖). — Am 11.9.1933 hatte Barth zusammen mit R. Pestalozzi auf Brunners Einladung hin dessen Oxfordgruppenkreis besucht, über den Brunner Thurneysen in einem langen Brief schrieb: «… der Abend mit meinen Freunden führte zu einem gegenseitigen Auseinandergehen, wie ich es kaum für möglich gehalten. Da du ja zweifellos auch von Karl selbst unterrichtet werden wirst, brauche ich nicht zu versuchen, dir das Bild der Situation von seiner Seite aus zu zeichnen. Die ganze Gruppensache kommt ihm menschlich als ‹grusig›, kirchlich als verwirrend und illegitim und theologisch als Rückfall in vorkutterische und vordialektische Frömmigkeitspflege vor. Von uns aus — und zwar nun ganz uneingeschränkt und ungeteilt auch von mir aus [—] sieht es so aus[:] K B hat sich in seine dialektische Theologie dh in seine von aller theologisch kirchlichen Tradition abweichende Sonderlehre dermaßen verstiegen, daß er nicht mehr auf der Ebene steht, wo Menschen leben» (Brief Brunners an Thurneysen vom 13.9.1933; Nachlaß Thurneysen 📖). Thurneysen antwortete am 14.9.1933: «Ich bin richtig unglücklich und erschüttert darüber, daß Du diesen mir von vornherein unmöglichen und innerlich verfehlt erscheinenden Schritt getan hast und Karl in diese Gruppensitzung einludst. … Das durfte nicht gelingen, und zwar möchte ich nun sagen von Gott her nicht gelingen, daß man in der Absicht, einen Prominenten irgendwie zu gewinnen oder, sagen wir deutlicher, zu bekehren, sich selber sozusagen als mit besonderer Ausrüstung begabte homines religiosi vorführte. Da ist, auch vielleicht ganz unbewußt, statt einer absichtslosen und innerlich gebotenen Handlung, die einfach stattfindet, weil sie stattfinden muß, etwas gespielt worden. Und das konnte nur mit einer absoluten Katastrophe enden. … Wenn Ihr zusammen hättet kommen wollen, so wäre die einzige Möglichkeit diese gewesen, daß Ihr mit Karl zusammen Euch um Gottes Wort versammelt hättet, um etwa vor dem Neuen Testament mit einander die Anliegen abzuklären, die in der Oxfordbewegung drin stecken. So aber habt Ihr, um es scharf auszudrücken, selber sozusagen Neues Testament spielen wollen. Und das konnte nicht gelingen» (Durchschlag mit Unterstreichungen und Ergänzungen von Thurneysens Hand im Nachlaß Thurneysen; weiteres Zitat bei Bohren, S. 162 📖). Brunner antwortete umgehend: «Ich danke dir für deinen treuen Brief. Eine seelsorgerliche Mahnung wird wohl hier am Platz gewesen sein. Ich habe selbst seit dem Montag ein leises Gefühl der Schuld nicht loswerden können. Der Fehler liegt in der von dir gesuchten Richtung, und doch stellst du dir die Sache doch sehr anders vor, als sie war. … Meine Absicht war einfach die, das, was ich Karl über die Gruppe gesagt, zu ergänzen durch die Erfahrung der anderen. Ich dachte, sie würden etwa im selben Sinne sprechen. … Eine Gruppe ‹vorführen› wollten wir wirklich nicht. Und das geschah auch nicht, abgesehen von dem Zeugnis von [Theophil] Spoerri, das auch mir überraschend kam und das ich in dieser allzu persönlichen Form lieber nicht gehört hätte. … Und doch bleibt bei mir ein Gefühl der Schuld. Ich konnte ahnen, daß die Sache ungefähr so laufen würde, wie [es] geschah, und darum hätte ich es nicht tun sollen. Der Versuchung, für K ein Besonderes zu tun, bin ich erlegen, und habe nun die Strafe. Darin hast du recht. Aber es bleibt: die Reaktion Ks war für mich furchtbar, ebenso für die anderen. Er ist mir an diesem Abend ungeheuerlich zusammengeschrumpft. Ich werde auch in Zukunft auf ihn hören, wie sollte ich nicht. Aber Entscheidendes erwarte ich allerdings nicht mehr von ihm, es sei denn, auch er sei der Wandlung fähig» (Brief vom 15.9.1933; Nachlaß Thurneysen).↩
36
Vgl. oben S. 314, Anm. 10; auch S. 349f., Anm. 11.↩
37
Siehe oben S. 149, Anm. 8.↩