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16. Oktober 1933
Dein soeben eingetroffener guter Brief soll sofort beantwortet werden. Auch du bist unterdessen in deinen Gefechtsstand zurückgekehrt und nimmst den Anlauf zur Winterkampagne, die sicher auch auf einem Frontabschnitt wie Basel keine leichte Sache ist. Wolkiger hat der Horizont im Großen und im Kleinen noch selten ausgesehen in den langen Zeiten unserer gemeinsamen Exerzitien und Feldzüge. Große böse Dinge sind geschehen auf Erden und mitten in unserem eigensten Bereich, und noch größere, bösere scheinen irgendwie im Heraufziehen. Die Christenheit und Theologenschaft hat sich auf der ganzen Linie als eine noch viel weichere, klebrigere und zweideutiger riechende Masse erwiesen, als wir es auch in den Tagen des größten aargauischen Zornes uns träumen ließen. Und mitten drin müssen wir offenbar noch immer am Leben sein und in bestimmten Abständen unsere Schüsse abgeben. Es wird dir auch so gehen: ich möchte oft am liebsten auf und davon, von Allem nichts mehr hören müssen, sondern unter irgend einer fernen Kürbisstaude [vgl. Jona 4] oder auch Palme den lieben jüngsten Tag1 abwarten. Da dies nun nicht sein kann, da, wie es scheint, nicht einmal ein Absetzungsdekret eintrifft und mich wenigstens von Einigem freispricht, will der Karren der «theologischen Existenz heute» offenbar weitergeschoben sein, und da ist es einer der wenigen ganz tröstlichen Gedanken, daß du ihn an deinem Ort auch weiterschiebst.2 Laß uns — es wird mir ganz besonders nötig sein — in den kommenden Zeiten in erhöhter Weise darauf achten, daß wir immer in Gefechtsfühlung bleiben, daß nie zu lange Unterbrechungen der Meldungen hin und her eintreten.
513 Daß Gogarten das Protokoll auch erhält, habe ich als selbstverständlich angenommen.3 Es ist so sprechend, daß ich mich geradezu gefragt habe, ob wir es nicht an Stelle aller Erklärungen4 einfach in der letzten Nr. von ZdZ zum Abdruck bringen sollten, natürlich unter Beseitigung bzw. Glättung aller mehr persönlichen Stellen und Wendungen. Ich bin dann doch wieder davon abgekommen und will nun in der nächsten Zeit versuchen, das, was ich in der Sache zu sagen habe, aufzusetzen. Ich würde, wie in München schon gesagt, größten Wert darauf legen, daß du dich dabei in einem eigenen Votum vernehmen lässest, und werde dir darum meinen Schrieb, sobald er vorliegt, zusenden. Aber vielleicht äußerst du dich doch auch noch zu der Möglichkeit, einfach das Protokoll abzudrucken. Es ist doch klar, nicht, daß man es diesen und jenen Nahestehenden unter der Hand bekannt machen darf? — Frau Gogarten soll schon in Jena gelegentlich geweint haben. Im Übrigen hat neulich auch der Moderator des reformierten Bundes5 in Elberfeld in offener Sitzung geweint, leider nicht über Jerusalem [vgl. Lk. 19,41], sondern nur über die heftigen, aber sehr berechtigten Angriffe, denen er seine Amtsführung ausgesetzt sah, und leider ohne die Wirkung, daß er demissioniert hätte, wie es längst hätte geschehen müssen.6 Das fehlte jetzt noch, daß die Leute einfach weinen, statt etwas Ordentliches zu tun. Ob Gogarten in Basel auch gesagt hat (in Breslau tat er es), daß ich mit meiner Schrift «theologischen Selbstmord» verübt habe? Das gehört auch in dieses Kapitel!
514Ich habe hier noch nicht eben große Taten getan. Zunächst habe ich den Bethelern ein ausführliches Gutachten zu ihrem Bekenntnis geschrieben.7 Das Entscheidende darin sind die Vorhaltungen: 1. es dürfte von den «Ordnungen» nicht als von einer von dem Gesetz bzw. Gebot Gottes verschiedenen Größe die Rede sein, 2. es dürfte die Lehre von der Rechtfertigung und vom Glauben nicht abstrakt, d. h. nicht ohne eine parallel ebenso ernsthafte Lehre von der Heiligung und vom Gehorsam vorgetragen werden, 3. es dürfte die Kirche nicht unter Berufung auf ihre Unsichtbarkeit dem Konflikt mit dem Staat und der Welt überhaupt entzogen werden. Ich kleidete das alles aber in die Form eines Friedensvorschlags an die Lutheraner, denen es mit dem Gegensatz zu den D. C. ernst sei, mit welchen die wirkliche Union aufzurichten ich den Augenblick jetzt für gekommen erachte. — In diesem Zusammenhang habe ich auch die Schrift von Georg über Glaube und Politik bei Luther8 nochmals genauer gelesen und daraus entnommen, daß die fatale Lehre des Betheler Bekenntnisses sicher von ihm stammt, aber auch das Andere, daß er im dritten Teil dieser Schrift ganz ausgezeichnete Dinge über Melanchthon gesagt hat9, die er nur auf die heutige Lage und nicht zuletzt auf sich selber hätte anwenden müssen, um dann zu einer anderen Antwort zu kommen als der, die er mir in München schließlich gegeben hat. Aber das liegt nun dahinten. — Gestern habe ich selber einen Lutheraufsatz für das Jubiläum vollendet, der von einer literarischen Stelle in Berlin zuhanden verschiedener Tageszeitungen stürmisch und mit der Beteuerung, sie wüßten sehr wohl, mit wem sie es zu tun hätten, von mir verlangt war10: 120 Schreibmaschinenzeilen, |515 ein Kunststück, wa? Eine Kopie ist eben nach dem Bergli abgegangen und wird dir von dort aus zukommen. Ich konnte zur Vorbereitung nur einen Band Tischreden durchlesen und dem entsprechend ist es diesmal, wie es ja schließlich zu einem Jubiläums-Aufsatz paßt, ein bißchen biographisch oder charakterologisch geworden. — Schwieriger wird eine andere Aufgabe sein, die mir zuteil geworden: ich soll am 30. Oktober in Berlin in irgend einem großen Raum11 die Reformationsrede für die (da Jacobi mich anfrug, nehme ich es so an) jungreformatorisch pastorierten Berliner Gemeinden halten.12 Da werde ich nicht darum |516 herumkommen, ins volle Menschenleben hineinzugreifen13. — Vorderhand möchte ich jetzt meine Wahlrede vom Juli und den Meiringer Vortrag druckfertig machen (beide liefen eben nur nach Notizen) als zweites Heft unserer mit der 8. Auflage der «Existenz» soeben feierlich gestarteten Neugründung.14
Dies führt mich zu deinem Vortrag über die Schweizertheologie. Ja, ich war zunächst etwas erschrocken über das, was du das «Flüchtige» an dieser Sache nennst. Aber ich entnahm ja schon der Arbeit selbst, daß sie offenbar während der Konferenz selber entstanden ist, und bin nun beruhigt durch die Aussicht, daß du ihr noch etwas auf die Beine helfen wirst. Es bestehen dazu m. E. zwei Möglichkeiten. Entweder Ergänzung in der Richtung einer eigentlichen Dokumentierung deiner Sätze durch bestimmtere Angaben und Texthinweise. Das würde der Sache dann sozusagen kirchengeschichtlichen Wert geben. Aber vielleicht wäre es für den gegenwärtigen Augenblick noch wichtiger, die Hauptaufmerksamkeit auf die Präzisierung der Bestimmungen der verschiedenen theologischen Standorte zu legen, damit Alles ein wenig plastischer und gültiger und verantwortlicher dasteht, damit der Schuß das betreffende Tor jeweilen auch wirklich erreicht, während er jetzt oft mehr die Latte zu treffen scheint. Der Aufriß des Ganzen hat durchaus meine Billigung. Aber die eigentliche Darstellung bzw. Polemik muß gegenüber dem allgemeinen Eingang entschieden verstärkt werden. Nebenbei könnte dann wohl auch in Form von Anmerkungen, für die es dir an Stoff ja nicht fehlen wird, auch in der Richtung der ersten Möglichkeit ein wenig «gedrippelt» werden. Die Hauptsache dürfte aber sein, daß der Ball, wenn der Punkt «natürliche Theologie», von allen Seiten bestens vorbereitet, erreicht ist, mit höchster, dem Niveau des Anfangs des Vortrags entsprechender Kraft in den Kasten gesendet wird. Dieses Ereignis nämlich wird es sein, das das Erscheinen dieser Sache gerade jetzt bedeutsam machen wird.
Nun noch eine weitere Frage unsere Heftreihe betreffend. Du erwähntest in München nach dem Referat von Traub die Möglichkeit, diese Darbietung zu übernehmen. Ich zögere ja etwas davor zurück, |517 jetzt gleich einen solchen wenn auch noch so gediegenen Jüngling an Bord zu nehmen. Aber nun scheint es, daß ihm Lempp neuerdings zusetzt, die Sache doch ja in einer der verschiedenen Zeitschriften seines vielseitigen Verlags zu veröffentlichen. Er selber hat aber weder zu ZdZ Lust noch zu Chr[istentum] und Wirkl[ichkeit]! Sollen wir ihn nun doch für Heft 4 oder (wenn deine Instandsetzungsarbeit einige Zeit in Anspruch nehmen sollte) als Heft 3 bei uns aufnehmen? Sag mir auch in dieser Sache, wie dir zu Mute ist.
Ich wurde letzten Freitag von Niesel auf den Kriegsschauplatz Elberfeld gerufen, wo ich eine Schar von 40 nun allerdings höchst entschlossenen Leuten gerade beim Absingen eines sehr energischen Hugenottenpsalms antraf, im Begriff, sich zu einer «Bruderschaft» zusammenzuschließen, wie dies jetzt bei den mehr oder weniger Unentwegten hierzulande überall an der Tagesordnung ist.15 Ich ermahnte sie dann zunächst (nach der in Tambach bewährten Methode, weißt du noch?), sich mit der Benennung von Vertrauensmännern hin und her im Lande zu begnügen und ja keine Formation zu erstellen.16 So geschah es denn auch. In Bezug auf die Fragen, ob am kommenden Sonntag (gestern) eine Proklamation des neuen «evangelischen Bischofs Aachen-Köln» (des Mannes, der noch vor einem Jahr in Koblenz durchgefallen ist!)17
|518 zu verlesen und ob ein eventuell kommender Revers mit der Erklärung «rückhaltlosen» Stehens zu — nun sagen wir zum «Caesar» zu unterschreiben sei, gab ich den Rat in der Richtung eines entschiedenen Quod non! Im Übrigen habe ich auch dort meine Speziallehre über die Union vorgetragen. Es war eine bewegte und in ihrer Art wirklich gute Versammlung, wenn es auch nicht eben zu loben war, daß ein ganz Geharnischter mich nun einfach per acclamationem zum neuen Moderator des reformierten Bundes machen wollte! und daß etliche Mitglieder des bisherigen Moderamens18 nebst meinem Kollegen Goeters wegen ihrer schwankenden Haltung gegenüber den D. C. schlankweg als «Zuhälter» charakterisiert wurden, und zwar durch den Vorsitzenden19. Das alte Moderamen denkt übrigens gar nicht daran abzudanken, sondern hat uns am Nachmittag desselben Tages prächtig hinzuhalten gewußt.20
|519 So daß die leise Kompromißlerei, die die Ref. K. Zeit, (liesest du sie noch?) — N. B. trotz calvinistischer Heldengebärde auch und gerade Kolfhaus’ — bisher getrieben hat, zunächst weitergehen wird. Es läßt sich offenbar im Augenblick nichts machen, bis dann einmal Alles miteinander zum Gericht reif wird. Aber der Elan der 40 meist jüngeren Pfarrer war eine erbauliche und tröstliche Angelegenheit. Ich war nach jenem Vormittag ganz erschöpft, nachdem ich nach vielen Einzelvoten auch noch aus dem Stegreif eine zusammenfassende Schlußansprache (sie nennen dort dergleichen eine «Handreichung»21) hatte darbieten und sogar ein Schlußgebet sprechen müssen, was mir in meinem Leben zum ersten Mal bei diesem Anlaß als notwendig erschienen ist. Zum Mittagessen war ich dann beim Fremdling22, wo auch Heiner zu sehen war und es an erstaunten Bemerkungen über all diese kirchlichen Vorgänge nicht fehlen ließ.
Am Samstag morgen bin ich dann wieder mit K. L. Schmidt zu Pferde gestiegen, wobei mein Tier einen kleinen Acker zertrampelt hat, weil |520 es sich vor einer Feldlokomotive fürchtete. K. L. Schmidt rüstet sich zum Aufbruch, zunächst nach der Schweiz und im Besonderen nach Bern, wo er bei meiner Mutter in dem dir bekannten Stüblein absteigen und dann im Schädelinkreis einen Vortrag halten soll.23 Er ist nicht ohne Zuversicht, bei uns oder sonstwo eine neue Existenz zu finden.
Aber am Samstag Abend kam wie eine Bombe die Nachricht vom Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund.24 Wir haben um 7 Uhr bei K. L. Schmidt die große Rede von Hitler am Radio gehört25 und saßen dann noch lange in besorgten Gesprächen zusammen. Was bedeutet dieses Zeichen? Wir sind hier geneigt, es in der Hauptsache aus innerpolitischen Absichten der Regierung zu verstehen. Aber noch sieht man nicht hindurch, und noch hat ja auch Oeri das Seine zu dieser neuen Wendung nicht gesagt26. Sicher ist, daß man hier in die sehr fatale Alternative zwischen dem System von Versailles und dem System von Hitler versetzt sein wird. Wir waren ja — weißt du noch 1920?! — immer gegen den Völkerbund.27 Aber …!
Gestern morgen hörte ich eine unglaubliche Predigt, in der die Geschichte von dem Kämmerer aus Mohrenland [Act. 8,26–40] mit der zehnjährigen Erinnerungsfeier an eine «Schlacht» gegen die rheinischen Separatisten28 kühn kombiniert wurde: er zog nämlich, und dies gelte |521 auch von dem deutschen Volk, «seine Straße fröhlich». Selbstverständlich hat der Mann auch ohne zu erröten das bischöfliche Manifest vorgelesen. Bei diesem Anlaß geschah es dann wieder einmal, daß — gegen alle vorherige Abrede — Lollo wie vom Sturmwind aus der vollen Kirche hinausgetragen wurde, vorbei an mir, der bereits in würdiger Haltung zum Einsammeln des Almosens an der Kirchentüre Posto gefaßt hatte!29
Nun noch eine Mitteilung und Bitte. Es wurde soeben beschlossen, daß Nelly zur Erholung von ihrer Operation noch einige Wochen nach der Schweiz, d. h. nach Dürrenroth30, fahren soll. Dies soll am kommenden Donnerstag geschehen, und sie wird 17.51 am Badischen Bahnhof eintreffen. Darf sie dann bei euch übernachten, und würdet ihr es auch übernehmen, sie am Bahnhof abzuholen?
522 Damit dürfte der Schatz dessen, was im Augenblick zu sagen ist, erschöpft sein, und es ist Zeit, daß ich an all die wartende Arbeit zurückkehre. Außer dem schon Erwähnten warten nämlich noch zwei umfängliche Licentiatenarbeiten, für die ich das Hauptreferat habe31, und dann muß ja auch die Dogmatik und meine beiden Seminare wieder in Gang kommen.32
Nimm hier als Gruß aus dem dritten Reich und vielleicht zur Vorweisung an Hartenstein dieses Bild! Was darunter steht, habe ich ihn am 1. Mai ebenfalls am Radio tatsächlich sagen hören.33 Eduard, wenn dieser «Nomos» nun wirklich mit dem Gesetz Gottes identisch sein sollte34 — ich weiß nicht, aber ich glaube, daß ich mich dann einfach dem Trunk ergeben würde.
Noch eine seltsame Nachricht: ich habe einen Brief von Emil erhalten, in welchem er mich nun plötzlich wegen jenes mißlungenen Oxfordabends um Verzeihung bittet. Er habe mich tatsächlich einfangen |523 wollen, und das sei nicht gut gewesen etc.35 Was soll ich ihm nun nur |524 antworten? Das ist ja das Schrecklichste von Allem, in dieser Weise christlich beträufelt zu werden, und unwillkürlich gerät man wenigstens in Gedanken auf die Spuren des von Lukas Christ bevorzugten Bilderkreises.36
Sollte nicht doch der liebe jüngste Tag37 in der Nähe sein? So kann’s ja eigentlich auf keinem Gebiet mehr lange weiter gehen!
Sei mit Marguerite herzlich gegrüßt