Bemerkungen zum Betheler Bekenntnis
BEMERKUNGEN ZUM BETHELER BEKENNTNIS
Im September 1933 gehörte
Dieses Bekenntnis war nach den Kirchenwahlen
des 23. Juli 1933, die mit dem hohen Wahlerfolg der
Zunächst hatte
425 Die endgültige Einarbeitung der Gutachtervorschläge in den Text des Betheler
Bekenntnisses erfolgte, nachdem auch
Barths Stellungnahme zur «August-Fassung» gliedert sich in zwei Teile: Die
Vorbemerkung «Grundsätzliches» wurde in
Neben den ausformulierten, längeren Bemerkungen Barths finden sich an zwei
Stellen kurze Ergänzungen des Textes, deren Positionierung mit Korrekturzeichen vermerkt
wurde, sowie an einer Stelle von Barth direkt in den Text eingefügte eckige Klammern. Außer
diesen, ebenfalls mit Tinte geschriebenen Korrekturen sind an einigen Stellen mit einem
Bleistift geschriebene Änderungsvorschläge direkt im Text bzw. am Textrand angebracht, deren
Urheber nicht sicher zu bestimmen ist.24 Diese Bleistiftkorrekturen sind im Apparat vermerkt. Parallel zu den
Bemerkungen Barths ist die «August-Fassung» des Betheler Bekenntnisses dokumentiert, wie sie Barth vorgelegen hat, d. h. mit den in ihr
enthaltenen Fehlern und Ungenauigkeiten vor allem bei Zitaten aus den Bekenntnisschriften.25
Die von Barth vorgenommenen Unterstreichungen und Einfügungen von eckigen Klammern oder
senkrechten Strichen im Bekenntnis-Text sind ebenfalls wiedergege|427ben. Sie sollten deutlich machen, worauf sich eine Bemerkung genau bezieht.
Offensichtliche Übernahmen der Bemerkungen
Die Vorbemerkung ist unter der Überschrift «Grundsätzliche Vorbemerkung zum
Betheler ‹Bekenntnis›» auch als einseitiges, einzeiliges Typoskript im Durchschlag
erhalten.26 Ein Abdruck findet sich in: Die mündige Welt, Bd. 5: Dokumente
zur Bonhoeffer-Forschung 1928–1945, hrsg. von J. Glenthøj, München 1969, S. 106f.
Bemerkungen zum Betheler Bekenntnis
Grundsätzliches
Mir hat sich auch beim Durcharbeiten29 dieses Entwurfs die Frage aufgedrängt, ob heute nicht von uns verlangt
ist, das in
Der vorliegende Entwurf rechnet offenbar noch nicht mit dieser Möglichkeit bzw. Notwendigkeit, sondern stellt sich im Ganzen formell und inhaltlich auf den spezifisch lutherischen Boden. In dieser Form könnte ich darum dem Entwurf als Reformierter nicht beistimmen. Ich sehe aber andrerseits so viele Berührungen und Übereinstimmungen, dass ich die Verfasser fragen darf, ob es nicht der Mühe wert wäre, den Versuch zu machen, den Entwurf nun gemeinsam so durchzuarbeiten, dass er ohne Preisgabe unveräußerlicher Anliegen auf beiden Seiten, antwortend auf die Dinge, nach denen wir heute gefragt sind, als evangelisches Bekenntnis vor die Öffentlichkeit treten könnte?
Nicht alle, aber die meisten meiner Einwendungen gegen den Entwurf, die ich im Folgenden
angemerkt habe, hängen mit der konfessionellen Differenz zwischen den Verfassern und mir
mindestens zusammen. Ich halte aber diese Differenz angesichts dessen, was wir gegenüber den
Darf ich den lutherischen Verfassern des Entwurfs folgende konkrete Fragen stellen, die mich beim Lesen ihrer Arbeit besonders beschäftigt haben:
Sollte es den Verfassern als lutherischen Theologen nicht möglich sein
- I. Der Lehre von den «Ordnungen» einen solchen Ort und eine solche Gestalt zu geben, dass sie aus der Nachbarschaft mit einer dem (von ihnen so klar vertretenen) Schriftprinzip widerstreitenden natürlichen Theologie verschwindet und eindeutig zu einem Bestandteil der Lehre von Gottes offenbartem Gebot wird?32
- II. Die Lehre von der Rechtfertigung und vom Glauben in eine klare und feste Beziehung zu setzen zu einer ebenso ernst zu nehmenden Lehre von der Heiligung und vom Gehorsam?33
- III. 429 Die Lehre von der Kirche so auszubilden, dass das «Wesen» der Kirche ebenso in ihrer «Sichtbarkeit» wie in ihrer «Unsichtbarkeit» gesucht, die Problematik ihrer Gestalt auf keinen Fall durch einen metaphysischen Dualismus umgangen wird?34
Wenn in diesen heute aktuellen Fragen eine Union möglich wäre, so würde ich es nicht für ausgeschlossen halten, die alten Kontroversfragen über die Christologie und über das Abendmahl, deren Diskussion um 1700 herum auf beiden Seiten notorisch stecken blieb,35 in Zukunft als wichtige Schulfragen[,] aber nicht als trennende Glaubensfragen zu behandeln.
Ich bitte insbesondere Herrn Koll[egen]
Betheler Bekenntnis, |
430 Randbemerkungen | |
| Inhalt. | ||
|
| I. Von der Heiligen Schrift | |
| Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes ist allein Quelle
und Maßstab der Lehre der Kirche. Sie bezeugt, gültig in ihrer Einheit, dass der unter
|
|
| Alle Lehre der Kirche muss an der Heiligen Schrift gemessen werden und sich an ihr allein als reine Lehre ausweisen. | Die Heilige Schrift allein ist das Zeugnis der göttlichen Offenbarung. Diese hat sich in einer einmaligen, unwiederholbaren und abgeschlossenen Geschichte, die mit der dem gefallenen Adam gegebenen Verheissung anhebt und in der Stiftung der Kirche vollendet wird, ereignet. Diese Geschichte verkündigt die Kirche als für uns gültige Offenbarungstat Gottes. Indem die Schrift diese Taten bezeugt, ist sie Wort Gottes an uns. | Nur in der Auslegung der Schrift vermag die Kirche die Offenbarung Gottes zu verkündigen. | Der positive Satz, mit dem dieser Absatz schließt: «Nur
in der Auslegung...» sollte an die Spitze |431 gerückt werden, der negative: «Alle Lehre der Kirche...» sollte den Abschluss
bilden. Ich würde den Eingangssatz so formulieren: «Die Kirche erkennt und anerkennt, dass sie in ihrer Verkündigung der Offenbarung Gottes gebunden ist an die Form der Auslegung der heil[igen] Schrift.» Und den Schlusssatz: «Alle Lehre der Kirche muss also an der heiligen36 Schrift gemessen werden und sich an ihr und an ihr allein als reine Lehre ausweisen.» |
| Die in der Heiligen Schrift bezeugte Geschichte ist Heilsgeschichte, d.h. sie ist
Geschichte des Heils, das Gott über die Welt bringt. Nicht die Heiligkeit der biblischen
Menschen, sondern das ihnen von Gott ihrer Unwürdigkeit zum Trotz in der Berufung zur
Kirche bereitete Heil ist hier allein ins Auge gefasst. Vollgültiges Verstehen dieser
Geschichte gibt es erst vom Neuen Testament her, in dem die Vollendung des göttlichen
Heilsplans in der Menschwerdung, Worten, Werken und Wundern, Tod und Auferstehung37 Jesu Christi und in der Stiftung der Kirche bezeugt wird. Das Alte
Testament ist Gottes Wort, weil 432| es der eine38 Gott ist, der Israel zur
Kirche beruft, der von Israel verworfen wird und der die Kirche des neuen Bundes
stiftet. Die Heilige Schrift ist ein Ganzes. Ihre Einheit ist Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, der durch die ganze Schrift redet. Nicht wir sind Richter über Gottes Wort in der Bibel, sondern die Bibel ist uns dazu gegeben, dass wir uns von ihr durch Christus richten lassen. Allein durch den Heiligen Geist hören wir das Wort Gottes aus der Bibel; aber dieser Geist kommt allein durch das Wort der ganzen Heiligen Schrift zu uns und kann deshalb ohne Schwärmerei nie von diesem Worte getrennt werden. In Übereinstimmung mit den Bekenntnissen der evangelischen Kirche der Reformationszeit verwerfen wir die Irrlehre, in welcher Gestalt sie auch auftreten möge, dass Christus sich auch ohne die Schrift und ausserhalb derselben bezeuge und dass der heilige Geist auch ohne das äusserliche Wort39 der auf die Schrift gegründeten Predigt und ohne das Sakrament gegeben werde (A.A. 5 Wir verwerfen die Irrlehre, dass die Heilige Schrift nur eine geschichtliche Urkunde sei und dass in ihr nur allgemeine religiöse Wahrheiten ausgesprochen und religiös-sittliche Werte enthalten seien, die durch die berichteten Tatsachen beispielhaft veranschaulicht werden. Wir verwerfen die Irrlehre, durch die die Heilsgeschichte gleichnishaft übertragen wird, also z.B. die Erwählung Israels auch auf ein anderes Volk 434| oder gar auf alle Völker bezogen wird. Das ist eine Verleugnung der Einmaligkeit und Geschichtlichkeit der Offenbarung Gottes. Wir verwerfen aus dem gleichen Grunde die Irrlehre, die aus der Gottgegebenheit des mosaischen Gesetzes auf die Gottgegebenheit aller völkischen Gesetze überhaupt schliesst. (Lehre von den nomoi). Die biblischen Heilstaten Gottes sind nicht Beispiele oder Symbole, die gedeutet werden könnten, sondern Offenbarung, die verkündigt werden soll. Wir verwerfen die Irrlehre, die die Einheit der Heiligen Schrift zerreisst, indem sie das Alte Testament verwirft oder gar durch nichtchristliche Urkunden aus der heidnischen Frühzeit eines anderen Volkes ersetzt. Denn die Einheit der ganzen Heiligen Schrift und ihre Einheit allein ist Christus. Wir verwerfen aus dem gleichen Grunde die Irrlehre, die das Alte Testament nur als Bibel Jesu bzw. der urchristlichen Gemeinde und nur soweit anerkennt, als es dort benützt wird (religiöser Antisemitismus). Wir verwerfen jeden Versuch, nach willkürlichen Gründen der eigenen Vernunft oder des eigenen frommen Erlebens Gottes Wort und Menschenwort in der Heiligen Schrift zu sondern. Luthers Satz, dass die Heilige Schrift Gottes Wort sei, 435| wo sie Christum treibet, gibt keineswegs einem willkürlichen Wählen in der Schrift Raum. Die ganze Schrift, wie sie im Kanon zusammengefasst ist, treibt Christum. Aber der heilige Geist offenbart uns Christus in der Schrift, wo und wann er will. Der heilige Geist, der durch ein Wort der heiligen Schrift zu uns spricht, ist immer der Geist der ganzen heiligen Schrift und kann darum nie mit dem frommen Erleben, das aus der Schrift nach eigenem Gefallen auswählt, verwechselt werden. Vielmehr geht es darum, den Herrn der Schrift, Christus, dort gegen die Schrift zu treiben, wo die Schrift in der Gefahr ist, gegen Christus getrieben zu werden. Aber diese Freiheit gegen die heilige Schrift entsteht allein durch die Beugung unter das ganze Schriftwort. Diese demütige Beugung ist der Ausdruck der Erkenntnis, dass Gottes Wort nie in meiner Gewalt steht, sondern von Gott her Gewalt über mich bekommt, dass Gottes Wort immer wieder für mich das fremde Wort ist. (Vgl. Vorrede zum Jakobusbrief. 1522). |
| II. Was ist Reformation? [Unsere Väter haben um der Hoheit der Heiligen Schrift und um der Predigt der freien Gnade willen die äussere Einheit der christlichen Kirche geopfert. Kirche der Reformation ist darum wesentlich protestantische 436| Kirche. Sie scheidet sich von jeder Kirche, die den immer neu zu erhebenden Einspruch des in der Schrift bezeugten Wortes Gottes zugunsten einer geschichtlichen Entfaltung preisgibt. Als Gemeinde Jesu Christi ist sie und bleibt sie ebenso wesentlich Kirche und scheidet sich darum von jedem Protestantismus, der die Kirche gleichsetzt mit einer nationalen, kulturellen, religiösen Bewegung. Die Reformation ist in ihrem Wesen Besinnung auf die Heilige Schrift, Beugung unter die Heilige Schrift.] Martin Luther ist ihr der dem Worte gehorsame Lehrer der heiligen Schrift. Seine Tat als Durchbruch des germanischen Geistes oder als Ursprung des modernen Freiheitsgefühls oder als Stiftung einer neuen Religion zu verstehen, verstösst gegen sein eigenes Wort. Er kämpfte gegen die verblendete Überschätzung der menschlichen Vernunft* und verwarf den Wahn des Menschen, ohne das göttliche Wort aus eigenem Geiste** zu Gott zu kommen, als teuflische Verführung. Wie er sich aber gesandt wusste, der deutschen Nation zur Besserung ihres christlichen Standes zu helfen, so diente er zugleich und dient noch heute allen Völkern im Amte eines Evangelisten. |
Ich würde die erste Hälfte so formulieren: «Die Reformation ist in ihrem Wesen die Erneuerung der Erkenntnis, dass in der Kirche allein Jesus Christus und darum allein die Predigt der freien Gnade auf Grund und nach Maßgabe der heil[igen] Schrift regieren kann. Nicht die Reformation[,] sondern der römische Katholizismus, der sich dieser Erkenntnis verschloss, hat die Einheit des Leibes Christi preisgegeben. Im Gegensatz zu ihm muss die Kirche der Reformation wesentlich protestantische Kirche sein. Im gleichen Sinn scheidet sie sich aber auch von jedem ‹Protestantismus›, der anstelle des Wortes Gottes oder neben ihm die Entfaltung moralischer, religiöser, kultureller oder völkischer Eigenkräfte des Menschen zur regierenden Macht in der Kirche erheben will.»40 * und der menschlichen Freiheit ** und aus eigener Gerechtigkeit |
| III. Von der Dreieinigkeit Gottes. Die Kirche lehrt, dass Vater, Sohn und heiliger Geist, in einem göttlichen Wesen und Natur drei unterschiedliche Personen, ein einiger Gott ist, der Himmel und Erde geschaffen hat, dass der Vater von niemandem, der Sohn vom Vater geboren, der heilige Geist vom Vater und vom Sohn ausgehe (Schmalk. Art. I, If | 437 |
| Wir verwerfen jeden Versuch, die Offenbarung des dreieinigen
Gottes auseinanderzureissen und so entweder die Schöpfung oder die Versöhnung oder die
Erlösung aus sich heraus begreifen zu wollen. Vielmehr erschliesst sich uns allein in
Christus der ganze dreieinige Gott als Schöpfer, Versöhner und Erlöser. |
438 |
| IV. Von Schöpfung und Sünde. 1. Schöpferglaube und natürliche Erkenntnis. Die Kirche lehrt, dass Gott am Anfang die Welt aus dem Nichts geschaffen hat und ihr Herr ist. Wir empfangen diesen Glauben allein aus der Verkündigung der Offenbarung des dreieinigen Gottes, wie sie uns die Kirche auf Grund der Heiligen Schrift bezeugt. In diesem durch dies Zeugnis gegebenen Sinn vermag die fromme natürliche Erkenntnis Gott nicht als Schöpfer und die Welt nicht als Schöpfung zu erfassen. Denn sie schliesst von der Schöpfung auf den Schöpfer, von der Wirkung auf die Ursache. Gott wird ihr zum Weltgrund. Darum bleibt sie in den ungelösten Widersprüchen der Welt stecken. Für sie bleibt Gott der Erhabene, Rätselhafte, Dunkle oder Schreckliche. Sie wird darum bei ihrem Weiterfragen an Gott zuschanden oder verliert sich in Spekulationen über die Geheimnisse der göttlichen Majestät, die das Geschöpf 439| nicht wissen und nicht erforschen soll und kann. Die natürliche, fromme Erkenntnis erkennt Gott niemals als den lebendigen Herrn, der den Menschen in seinem Denken, Wollen und Tun anruft und fordert. Der Glaube geht aus von Gott und seinem Wort. Er kann angesichts des Todes und des Bösen in der Welt allein an dem von Gott selbst geoffenbarten Worte und nicht an der Welt entspringen. Der von Gott gewirkte Glaube weiss, dass eine Lösung der Widersprüche und Rätsel nur in der Erlösung durch eine neue Schöpfung, d.h. vom Schöpfer her geschieht. |
|
| Glaube und natürliche Erkenntnis sind darum nicht mehr eins, weil wir in einer gefallenen Welt leben, d.h. weil die Welt nicht mehr das eindeutig sichtbare Wort Gottes ist. Zwischen uns und dem Anfang liegt der Sündenfall. Gottes Segen ist jetzt verborgen unter dem Fluch, Gottes Gnade verborgen unter dem Zorn. In der gefallenen Schöpfung wirken an jedem Geschehen Gott und der Teufel: [Segen und Gnade Gottes sind nie mehr eindeutig sichtbar an dieser gefallenen Welt abzulesen.] Darum sind wir zur Erkenntnis Gottes allein auf seine Selbstoffenbarung, bezeugt durch die Heilige Schrift, verkündigt 440| durch die Predigt der Kirche, angewiesen. Allein aus dem Gehorsam gegen das Wort Gottes aus der Schrift erkennen wir den Schöpfer, nicht aus irgendeiner Deutung des Geschehens in der Welt. | Die im letzten Jahrzehnt in die christl[iche] Sprache eingedrungene Rede
von der «gefallenen Welt» bzw. «Schöpfung» ist ungenau und irreführend: Nicht die
Welt bzw. Schöpfung, sondern der Mensch ist gefallen
und für ihn ist die Welt bzw. Schöpfung eine andere geworden. Der ontische Gehalt dieser Sätze sollte darum ins Noetische
übersetzt werden: «weil wir als in Sünde gefallene Menschen in Gottes Schöpfung leben, weil sie für unsere Vernunft also nicht mehr das eindeutig vernehmbare Wort Gottes sein kann.»41 «In unserer d. h. in der uns erkennbaren Welt wirken in jedem Geschehen...» |
| Wir verwerfen die Irrlehre, dass wir ohne Christus Gott den Schöpfer und Vater erkennen können; denn ausser Christus muss der Schöpfer zum zornigen Despoten werden. Alles Vertrauen auf den Allwaltenden und Allgütigen ist Hoffnung ohne Gewissheit. | |
| Wir verwerfen die Irrlehre, dass diese Welt, wie sie ist, dem ursprünglichen Schöpfungswillen Gottes entspricht und darum ungebrochen bejaht werden müsse. Denn das bedeutet, im Widerspruch zur Bibel, dass die Sünde nicht tödlich [ist]42 und die Welt von ihr unversehrt geblieben sei. | «... wie wir sie erkennen, wie sie also für uns da ist...»43 «unsere Welt»44 |
| Wir verwerfen die Irrlehre, dass der Kampf das Grundgesetz der ursprünglichen Schöpfung
sei und kämpferische Haltung darum ein von der ursprünglichen Schöpfung her gesetztes Gebot
Gottes. Kampf setzt das Freund-Feindverhältnis voraus. Dieses Verhältnis entsteht erst mit
der Tatsache des Guten und Bösen. 441| Das in ihm gesetzte Ziel der
gegenseitigen Vernichtung ist Folge des Falles, nach dem Gutes und Böses nicht mehr
unvermischt in einem Menschen gegeben sind. Darum darf aller Kampf mit dem Bösen, d.h. mit
der Sünde, niemals auf den Träger des Bösen gerichtet sein, weil das Böse auf beiden Seiten
wirksam ist. Er ist gerichtet auf das Böse als solches. Dieser Kampf ist, vom Menschen aus
gesehen, ohne Verheissung des Sieges. Der Sieg über das Böse ist das Ende der Dinge, da
Gott ist alles in Allem. Dieses Ende wird nicht von Menschen herbeigeführt, sondern von
Gott aus souveräner Entscheidung gesetzt. Dann beginnt der Friede Gottes in Seinem Reich.
Er ist nicht die Ruhe der Unbewegtheit, sondern Gottes ungestörtes Walten jenseits der
menschlichen Geschichte, und unserm menschlichen Begreifen von Kampf und Frieden
enthoben. Wir verwerfen die Irrlehre, dass Gott aus einer bestimmten «geschichtlichen Stunde» unmittelbar zu uns rede und sich in einem unmittelbaren Handeln in der Schöpfung offenbare, denn es ist Schwärmerei, den Willen Gottes ohne das äusserliche Wort der Heiligen Schrift, an das Gott sich gebunden hat, vernehmen zu wollen. («Gott sprach: ‹Es werde Volk!› und es ward Volk». | |
| Wir verwerfen die Irrlehre, dass des Volkes Stimme Gottes Stimme sei, als schwärmerische Geschichtsdeutung. Des Volkes Stimme schreit: «Hosianna» und «Kreuzige!» – «Da schrien sie aber alle und sprachen: ‹Nicht diesen, sondern Barrabam!›». | 442 |
| 2. Die Ordnungen. Die Kirche lehrt, dass Gott in seiner Geduld den Menschen in der gefallenen Welt leben lässt und erhält. Um die Menschen vor der Zügellosigkeit ihrer Selbstsucht und vor ihrer eigenen Selbstvernichtung zu bewahren, zwingt Gott das menschliche Leben in feste Ordnungen. Diese Ordnungen sind nicht die Ordnungen der ursprünglichen Schöpfung, sondern Ordnungen, in denen Gott die Menschen am Leben erhält um der Zukunft Christi und der Neuschöpfung willen. Diese Ordnungen der Erhaltung haben also keinen eigenen Wert, sondern sie sind bezogen allein auf das Ende, das Gott über die Menschen bringen wird, auf die Neuschöpfung in Christus. Dass der Mensch in ihnen leben darf und soll bis zur Erlösung, das ist ihr einziger Sinn. Sie sind gültige, aber nicht endgültige Ordnungen Gottes. Sie sind vom Ende her immer schon zerbrochen und überwunden. Die Ordnungen bleiben, aber ihre Gestalt wandelt sich mit der Geschichte. |
An dieser Stelle habe ich ein ernstliches Bedenken
gegen den Entwurf: Ich verstehe nicht, wie angesichts der vorzüglichen Lehre von der Alleingenugsamkeit der heil[igen] Schrift (I) und angesichts der scharfen Ablehnung aller natürlichen Theologie (IV 1) diese Lehre von den (nach IV 3 S. 1045 vom Gesetz Gottes zu unterscheidenden!!) «Ordnungen» nun doch wieder Raum gewinnen und sogar beherrschend werden und mit unverkennbarem Pathos vorgetragen werden konnte. Woher wollen die Verfasser nach ihren eigenen Voraussetzungen um diese «Ordnungen» anderswoher wissen als aus Gottes einer Offenbarung und also aus der heil[igen] Schrift? Warum reden sie nicht zuerst und vor Allem (wie es dann IV 3 nachträglich geschieht!) von dem «konkreten Herrschaftsanspruch Gottes», der sich auch auf das bezieht, was 443unter uns Menschen als «Ordnung» ausgegeben wird, was aber nach dem 1. Gebot (S. 11!46) nicht beanspruchen kann, an sich und im Voraus als göttliche Ordnung Geltung zu haben?! Lassen sie hier nicht doch eine zweite (bzw. erste) Offenbarungsquelle zu Worte kommen?47 |
| Als solche Ordnungen
sind uns gegeben die Ordnungen der Geschlechter, der Ehe, der Familie, des Volkes, des Eigentums (Arbeit und
Wirtschaft), des Berufes, der Obrigkeit. Keiner dieser Ordnungen kann sich der Mensch
entziehen, auch lässt sich keine in die andere überführen oder verwandeln. Ehe bleibt Ehe, Volk bleibt Volk. Obrigkeit bleibt Obrigkeit. Bibel
und Bekenntnisschriften wissen ferner um die Einheit des Menschengeschlechtes in seinem
Ursprung und in seinem Ziel (Adam – Christus. Vgl. |
Quo jure werden diese gewiss diskutablen, aber eben doch diskutablen Aufstellungen als Kirchenlehre ausgegeben? |
| Durch den Anspruch der verschiedenen Ordnungen ist der Mensch in eine dauernde Spannung gestellt. Diese Spannung ist ihm sichtbarster Hinweis auf die Unerlöstheit der Welt. Die innerweltliche Lösung der Spannung liegt der weltlichen Obrigkeit ob, die allein ihre Rechtsordnung mit dem Schwerte schützt. | Versteht man auch unter «Ordnung» nichts Anderes als den konkreten Herrschaftsanspruch Gottes, dann wird man die «Spannung», in der sich der Mensch hinsichtlich der «Ordnungen» befindet, nicht aus dem göttlichen Anspruch, sondern aus dem Versagen des Menschen diesem Anspruch gegenüber herleiten. – Mit welchem Recht wird in der zweiten Hälfte des Absatzes gerade die innerweltliche Bedeutung der Obrigkeit in dieser Weise ausgezeichnet? |
| Der Christ empfängt diese Ordnungen, in denen der Mensch am Leben erhalten und für die Zukunft Christi bewahrt wird, im Glauben aus der Hand seines Schöpfers. Sie rufen ihn auf zu Dank und Busse; aber er weiss, dass neben der Lösung der Konflikte durch den Staat, dem er sich gehorsam beugt, die Verkündigung der Kirche steht von der endgültigen Lösung aller Konflikte durch die Erlösung in Christus. | 445 Dieser Satz und dieser ganze Absatz müsste gründlich geklärt werden, wenn er nicht mit Abschnitt I und IV 1, aber auch mit dem zweiten Absatz von Abschnitt III kollidieren soll!! |
| Wir verwerfen die Irrlehre, dass es in der gefallenen Welt irgendwelche endgültigen Ordnungen gäbe, die nicht durch den Fall unter den Fluch Gottes gestellt sind und die als ungebrochene Schöpfungsordnungen in ihrer Ursprünglichkeit erkannt und bejaht werden können. Denn hier ist dem Menschen der Rückzug in eine sündlose Welt ermöglicht und damit der Kreuzestod Christi überflüssig gemacht. | |
| Wir verwerfen die Irrlehre, dass die genannten Ordnungen der gefallenen Welt weil nicht
endgültig, darum für die Christen gleichgültig oder gar ungültig seien. Wir verwerfen daher jeden Versuch, aus dem Evangelium der Liebe ein
Gesetz für den Aufbau einer neuen harmonischen Gesellschaftsordnung zu machen. «So
lange aber dies Leben währt, lässt er uns nichtsdestoweniger in der gesetzten Ordnung der
Stände so in der Welt gehen… Das 446| Evangelium zerreisset nicht
weltlich Regiment, Haushaltung, Kaufen, Verkaufen und anderweltliche Polizei, sondern
bestätiget Oberkeit und Regiment und befiehlt, denselben gehorsam zu sein als Gottes
Ordnung … Dies haben wir darum erzählt, dass auch die fremden Feinde und Freunde verstehen
mögen, dass durch diese Lehre die Oberkeit, das Land, Regiment, kaiserlich Recht u. a. nicht
niedergestossen, sondern vielmehr hochgehoben und geschützt werden. (A.C. 10, Art.
16
|
Dieser Anathematismus müsste vorsichtig gesichert werden gegen das immerhin mögliche Verständnis, als solle unter dem Titel «Ordnungen» ein ganzer Bereich der menschlichen Wirklichkeit gegen den Anspruch des göttlichen Gesetzes (das doch wohl immer auch das Gesetz der Liebe ist!) sichergestellt bzw. seiner «Eigengesetzlichkeit» überlassen werden. Die Abweisung des Chiliasmus wird illegitim, wenn sie auf der metaphysischen Unterscheidung eines Bereichs des Gesetzes und eines Bereichs des Evangeliums beruht. Der Anspruch des einen Wortes Gottes gilt auch und gerade gegenüber dem Bereich, den wir jeweilen für durch die schon erkannten «Ordnungen» schon geordnet halten. |
| Wir verwerfen die Irrlehre, dass eine bestimmte ständische Ordnung als Gottes
Schöpfungsordnung bezeichnet werden könne. Die menschliche Gesellschaft ist nach Luthers
Lehre zwar geordnet, doch so, dass derselbe Mensch den verschiedenen Ordnungen oder Ständen
(ordo oeconomicus, politicus, ecclesiasticus) zugleich angehört. Es wäre ein Rückfall in
die katholische Soziallehre, eine geschichtliche Gestalt der gesellschaftlichen Ordnung als
im Naturrecht begründet und darum endgültig auszugeben. Wir verwerfen die Irrlehre, dass der Gehorsam gegen die Ordnungen abhängig zu machen sei von der Christlichkeit der Person, die diese Ordnungen verkörpert. Nicht dass die Obrigkeit christlich oder heidnisch ist, sondern dass sie ihr weltliches Amt recht sieht, verpflichtet uns 447| zum Gehorsam gegen sie als als Gottes Ordnung. «Er gebeut und will haben, dass wir den Gesetzen sollen gehorsam sein und der Obrigkeit, darunter wir wohnen, es seien Heiden oder Christen». (A.C. 16 Wir verwerfen die Irrlehre, dass wir selbst es vermögen, die von der Sünde zerstörte Schöpfungsordnung in ihrer Reinheit wiederherzustellen. Allein in Christus ist die Welt wiederhergestellt; erst die neue Schöpfung wird in sichtbarer Reinheit vor ihrem Schöpfer stehen, «dass die Natur und solche Verderbung niemand voneinander scheiden könne denn allein Gott». (F.C. I,I,III |
| 3. Das Gesetz. In den Ordnungen wird nach Gottes Willen die Welt auf das Ende hin erhalten. Diese Ordnungen sind Heiden und Christen gleichermassen bekannt. Von ihnen zu unterscheiden ist das Gesetz Gottes. Dieses ist die persönliche Anrede des Menschen durch Gott in seiner Offenbarung. Es ist der Herrschaftsanspruch Gottes unter den Menschen in der Forde448|rung der ganzen Hingabe an ihn und der Gottes- und Nächstenliebe. Das Gesetz ist in der Bibel offenbart in vielen einzelnen Forderungen, die für uns nicht den Sinn von Anwendung eines Prinzips, sondern die Autorität des echten Zeugnisses für den frei gebietenden Herrn haben. (Dekalog und Bergpredigt kommen hierin überein.) Die Kirche verkündigt das Gesetz der Schrift daher nicht als Prinzip, das jeweils verschieden anzuwenden wäre, sondern als den konkreten Herrschaftsanspruch Gottes, der uns immer wieder allein an den einen in der Bibel offenbarten Herrn bindet. Der Christ vernimmt das Gesetz Gottes allein in der schriftgemässen Verkündigung der Kirche. Er versteht daher auch die Ordnungen, in denen er lebt, als Gesetz Gottes nur von der heiligen Schrift her. Das alttestamentliche Gesetz unterscheidet sich von den Lebensgesetzen- und Ordnungen anderer Völker dadurch, dass es Israel als dem Volke Gottes, als dem zur Kirche erwählten Volke gegeben ist. Es ist aus diesem Grunde nicht Gegenstand des Vergleichens, sondern allein Gegenstand der Verkündigung. |
Von den hier ausgesprochenen richtigen Einsichten aus müsste die IV 2 vorgelegene Lehre von den «Ordnungen» revidiert d. h. aber ihre illegitime Selbständigkeit müsste beseitigt, es dürfte auch und gerade von den «Ordnungen» nur im Rahmen der Lehre vom Gesetz (besser: vom Gebot) Gottes die Rede sein. Das Nebeneinander von «Ordnung» und Gesetz bedeutet einen Rückfall in den Dualismus von «natürlicher» und «offenbarter» Theologie. |
| Wir verwerfen die Irrlehre, dass die Ordnungen Gottes im Nomos der Völker mit dem Gesetz Gottes eins seien. Es gilt allein für das alttestamentliche Gesetz des Volkes Israel. Denn Israel ist Volk und Kirche zu449|gleich. Es ist allein erwählt. Dieser Sachverhalt drückt sich in dem Unterschied des Dekalogs von allen anderen Volksgesetzen aus. Seine Einzigartigkeit besteht darin, dass im 1. Gebot jedem Versuch, sich auf irgendwelche Ordnungen als auf Gesetze Gottes zu berufen, widersprochen wird. Allein vom 1. Gebot her gilt das gesamte israelitische Gesetz des Volkes Gottes. Die 1. und die 2. Tafel sind eine unauflösliche Einheit und allein als solche zu verkündigen. Der Christ, der gehorsam in den Ordnungen als nach Gottes Gesetz leben will, kann das nur von der Verkündigung des biblischen Gesetzes aus. | Dieser Anathematismus wäre nur dann sinnvoll, wenn von Ordnungen Gottes im Nomos der Völker gar nicht
gesprochen würde, wie das ja auch in der zweiten angestrichenen Stelle
nachträglich als verboten hingestellt wird. Von diesem
Verbot müsste ausgegangen werden! Auch diese Einschränkung der Lehre von den «Ordnungen» kommt zu spät. Wenn das gilt, dass es Gehorsam gegen Gottes Ordnung nur gibt in Verantwortung gegenüber der Verkündigung des biblischen Gesetzes, dann muss IV 2 ein anderes Gesicht und einen anderen Ort bekommen. |
| 4. Die Sünde. Die Kirche lehrt, dass der Mensch durch freie Übertretung des Gesetzes Gottes von Gott abgefallen, im Elend der Sünde und im Verderben des Todes sei mit seiner ganzen Natur und seinem ganzen Tun, dass er auch seine Gott-Ebenbildlichkeit verloren habe. Wie die Bekenntnisschriften sagen: «dass nichts Gesundes oder Unverderbtes an Leib und Seele des Menschen, seiner innerlichen und äußerlichen Kräfte, geblieben, sondern, wie die Kirche singt: Durch Adams 450| Fall ist ganz verderbt menschlich Natur und Wesen. Grosser Schaden unaussprechlich nicht mit der Vernunft, sondern allein aus Gottes Wort erkannt werden mag. Und dass die Natur und solche Verderbung niemand voneinander scheiden könne denn allein Gott (F.C. I,I,III. Wir verwerfen die Irrlehre, dass Sünde nur Sonderung aus dem organischen Lebenszusammenhang sei. Damit wäre gesagt, dass alles Handeln innerhalb des organischen Lebenszusammenhangs ohne Sünde und gut sei. Das bedeutet aber eine Verleugnung des biblischen Gedankens, dass auch die Welt des Organischen48 durch den Sündenfall verderbt sei. Es gibt ein Handeln, «das den organischen Lebenszusammenhang nicht zerreisst» und dennoch Sünde ist, weil es ohne Liebe geschieht. Sünde ist Auflehnung gegen Gottes absoluten Herrschaftsanspruch im Gesetz der Liebe. Wir verwerfen die Irrlehre, in der Schöpfung und Sünde in spekulativer Weise auf ein gemeinsames Prinzip 451| zurückgeführt werden, so dass Sünde nur eine andere Seite der Schöpfung wäre. Schöpfung und Sünde sind letzte Gegensätze, die nicht mehr aufeinander zurückgeführt werden können. Sie verhalten sich wie Gottes Welt und Teufels Welt, wobei freilich gewiss ist, dass Gott der «Überwinder» auch des Teufels ist. Der gnostische Versuch, Sünde als notwendig zu begreifen, entschuldigt die Sünde, macht aus schwarz weiss, macht es dem Menschen möglich, sich selbst zu rechtfertigen, hebt so die Versöhnung durch den Kreuzestod auf, nimmt ferner dem Gegensatz von Gut und Böse den letzten Ernst und führt so zur Zuchtlosigkeit. Wir verwerfen die Irrlehre, dass Sünde moralische oder biologische Verfehlung oder Unvollkommenheit oder Unwissenheit sei, die man dadurch beseitigt, dass man es das nächste Mal besser macht. Unsere Sünde hat Christus ans Kreuz gebracht, und allein durch Christi Tod ist die Sünde vergeben. (F.C. II,I, 16–25 Wir verwerfen die Irrlehre, dass durch die Sünde der Mensch nicht mehr Geschöpf Gottes sei, denn Christus ist für den Menschen ans Kreuz gegangen und bezeugt damit die Liebe Gottes zu seinem gefallenen Geschöpf. (F.C. II,I, 34). |
| V. Von Christus. Die Kirche lehrt, dass Jesus Christus, Sohn Gottes und Sohn Davids, wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch, der Sündlose im Fleisch der Sünde, alleiniges Heil der Menschen sei, dass die Welt ohne Christus verloren sei unter dem Zorne Gottes. Dass Christus das Ende und die Erfüllung des Gesetzes, die Vergebung aller Sünde, der Sieg über den Tod, die Lösung aller Fragen und dass er allein die Wende der Zeiten sei. Jesus ist durch den Unglauben und um der Schuld aller Menschen willen gekreuzigt worden, und um unserer Gerechtigkeit willen auferstanden. Mit der Heiligen Schrift und den Bekenntnissen nennen wir ihn darum unseren Herrn, weil er «mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels. Nicht mit Gold und Silber, sondern mit seinem heiligen teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben. Auf dass ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit. Gleichwie er ist auferstanden, lebet und regieret in Ewigkeit (kl. Katech. 2. Art. Wir verwerfen die Irrlehre, dass das Erscheinen Jesu ein Aufflammen nordischer Art mitten in einer von Zersetzungserscheinungen gequäl453|ten Welt sei. Christus ist der Glanz der Herrlichkeit Gottes ( Wir verwerfen die Irrlehre, dass wir uns um seiner heldischen Frömmigkeit willen zu Jesus als zu unserem Herrn bekennen. Allein als der vom Vater gesandte, für uns gekreuzigte und auferstandene Sohn und Heiland ist er unser Herr. Mit den Bekenntnisschriften verwerfen wir hiermit den Irrtum der neuen Arianer, «daß Christus nicht ein wahrhaftiger, wesentlicher, natürlicher Gott, eines ewigen göttlichen Wesens mit Gott dem Vater und dem Heiligen Geist, sondern allein mit göttlicher Majestät unter den Namen Gott dem Vater gestellt sei (F.C. I,XII, 8 Wir verwerfen die Irrlehre, dass das Kreuz Jesu Christi ein Symbol für eine allgemeine religiöse und menschliche Wahrheit sei, etwa für den Satz: Gemeinnutz geht vor Eigennutz (Wienecke). Das Kreuz Jesu Christi ist überhaupt kein Symbol für irgend etwas, sondern die einmalige Offenbarungstat Gottes, in der so für alle die Erfüllung des Gesetzes, des Todes Gericht über alles Fleisch, die Versöhnung der Welt mit Gott vollzogen ist. Es geht darum nicht an, den Kreuzestod Christi mit irgendeinem anderen Opfertod, die Passion Jesu Christi mit der Passion eines anderen 454| Menschen oder eines Volkes zu vergleichen. Christi Passion und Kreuz können allein als Gericht und Gnade Gottes über die ganze Welt verkündigt werden. Wir verwerfen die Irrlehre, als wäre die Kreuzigung Christi die alleinige Schuld des jüdischen Volkes, als hätten andere Völker und Rassen ihn nicht gekreuzigt. Alle Völker und Rassen, auch die höchststehenden, sind mit Schuld an seinem Tode und machen sich täglich aufs neue mit schuldig, wenn sie den Geist der Gnade schmähen ( | 452 |
| VI. Vom heiligen Geist und der Kirche. 1. Vom heiligen Geist. Die Kirche lehrt, dass der Heilige Geist wahrhaftiger Gott in Ewigkeit nicht geschaffen oder gemacht, vom Vater und vom Sohne ausgehe; dass er dem Menschen gegeben werde, allein durch das äussere Wort und das Sakrament in der Kirche; dass durch ihn aus allen Völkern nach der Wahl Gottes ausgesondert werde, wer zur Kirche Christi berufen ist; dass er lehre, strafe, richte und den Glauben, die Bekehrung und die Erneuerung im Menschen schaffe. |
|
| Wir verwerfen die Irrlehre, dass der Heilige Geist ohne
Christus in der Schöpfung und in ihren Ordnungen erkennbar sei; denn der Heilige Geist ist
immer von dem Sohne her, in dem diese gefallene Welt gerichtet ist, in dem über den Völkern
die neue Ordnung der Kirche als des Volkes Gottes aufgerichtet ist. Nur weil der Heilige
Geist vom Vater und vom Sohne ausgeht, ist die Mission an allen Völkern
Auftrag der Kirche. Die Auflehnung gegen diese Lehre vom Heiligen Geist ist völkische
Auflehnung gegen die Kirche Jesu Christi. C.A. I
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455 |
| 2. Von Rechtfertigung und Glaube. Die Kirche lehrt, dass der gottlose Mensch allein durch den Glauben an Jesus Christus, der als Mittler für ihn 456| gekreuzigt und auferstanden ist, einen gnädigen Gott findet. Diesen Glauben gibt der Heilige Geist durch das Wort von Christus. Gegen die Vernunft, gegen den Stolz des Fleisches, gegen das Gewissen hält sich der Glaube allein an das biblische Wort der Verheissung der Gnade Gottes. Allein dieser Glaube ist es, der rechtfertigt. (C.A. IV. |
Was in IV 2 zu viel ist, ist hier zu wenig. Es gibt keine Rechtfertigung ohne Heiligung, keinen Glauben ohne Gehorsam.49 Wieviel biblischer wäre es[,] anstelle jener breiten Ordnungslehre diesen Dingen: der Beanspruchung des Menschen durch das Gebot Gottes Raum zu geben. Dann allein wird ja auch die Rechtfertigungslehre sinnvoll. Und dem Quietismus[,] der in der Lehre von Kirche, Volk und Staat im Folgenden überhand nimmt, wäre dann gewehrt gewesen. |
| Wir verwerfen die Verwechslung von Gottvertrauen und Glaube. Es gibt auch ein Gottvertrauen der Heiden, das sich im Vorsehungsgedanken erschöpft, das in undemütiger Vertraulichkeit die Gnade Gottes ohne Furcht als etwas Selbstverständliches für sich in Anspruch nimmt, das sich durch Gott vor der Welt rechtfertigen lassen will, das den Blick starr auf das Geschehen in dieser Welt gerichtet hält, ohne im Glauben um das Ende aller Dinge in Christus und um die Zukunft zu wissen. Christlicher Glaube ist demgegenüber ganz an Christus als das Wort Gottes gebunden, der mit uns ins Gericht geht, der uns vor Gott sterben lässt und uns aus unsichtbarer Gnade und Kraft wieder ins Leben ruft. Christlicher Glaube weiss um den Zorn Gottes, steht in der Busse, fürchtet Gott und nimmt seine Gnade als das Wunder schlechthin, das die Welt nicht fassen kann. 457| Christlicher Glaube ist darum immer auf das Ende der Welt hingerichtet. Heidnisches Gottvertrauen versteht Gott als namenlose Macht, der man sich fügen muss, als Schicksal. Christlicher Glaube erkennt Gott als den allein in Christus sich offenbarenden, lebendigen, heiligen, gerechten und barmherzigen Vater und Herr. Christliches Gottvertrauen heisst diese Welt aus der Hand des in Christus geoffenbarten Gottes gehorsam hinnehmen, sein Kreuz auf sich nehmen und es tragen in der Kraft der Verheissung, dass Gott am Ende aller Dinge einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird. Heidnisches «Gottvertrauen» traut den schicksalhaften Gesetzen der Welt, christliches Gottvertrauen lebt von der Gewissheit, dass der Herr, der die Welt an seinem Tage richtet, der Gott gnädiger Verheissung ist. | In dieser Einseitigkeit formuliert dürfte ein solches «Gottvertrauen» quietistisch wirken. |
| Wir verwerfen die Lehre, dass Gott im letzten Gericht den Menschen allein nach seiner
«Anständigkeit» fragen werde, als israelitisches Denken. Hier ist Sinn des Evangeliums und
des Glaubens Luthers im Grunde verkannt. Gott wird in seinem Gericht über den Menschen ihn
allein nach seinem Glauben an Christus fragen, und in diesem Glauben soll der Mensch vor
Gott gerecht sein. Dieser Glaube ist Sein Werk und seine Frucht die Werke, zu denen Er
458| uns zuvor bereitet hat (Vgl. |
Ich vermisse hier einen Anathematismus gegen die Lehre, die dem Menschen
in der Vergebung zugesprochene Gerechtigkeit sei nicht sowohl die fremde[,] den Menschen
zuzurechnende Gerechtigkeit Christi als vielmehr
eine von Gott beabsichtigte und vorhergesehene Gerechtigkeit, die dem Menschen in Form
einer allmählichen und im Tode vollendeten sittlichen Umbildung zu eigen werde (K.
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| 3a). Von der Kirche. Die Kirche ist der Leib Jesu Christi. Der Gekreuzigte und Auferstandene ist der Herr, der sich sein Volk schuf und schafft. Sein Volk ist die Kirche. Sie ist überall da, wo Menschen durch Ihn im Worte des Evangeliums und im Sakrament zur Umkehr und zum Glauben herausgerufen werden. Damit wird die Kirche zur Gemeinschaft der «Heiligen». Heilig sind ihre Glieder nicht, weil sie ohne Sünde wären. Ihre Heiligkeit ist nicht eine Frucht menschlichen Leistens; sie ruht allein in Gottes handelndem Ruf. Darum ist die Kirche eine Gemeinschaft der Sünder, das ist eine Gemeinschaft der Gottlosen, das ist eine Gemeinschaft der Menschen, die verloren sind. Durch Gottes Handeln in vergebender Rechtfertigung, d.h. nur von Gott her, werden aus den Gottlosen Kinder Gottes. Für die Kirche besteht, wenn sie auf den Menschen sieht, keine Möglichkeit des eigenen Ruhmes; sie ist nur ihrer völligen Schwachheit und Unzulänglichkeit gewiss. Darum bekennt die Kirche, dass sie fehlt und sündigt. Zum anderen aber, wenn die Kirche auf Christus sieht, den sie ver460|kündigt, kann sie nur voll Rühmens sein in der Gewissheit Seiner Unüberwindlichkeit. Sie bekennt, dass sie die Gemeinschaft der Heiligen ist. Darum ist sie jedem Urteil der Welt entzogen. Sie steht unter dem tötenden und lebendig machenden Wort Gottes, – unter Seinem Gericht, das zugleich immer Gnade ist. Was Kirche ist, kann nur in ihr, niemals ausser ihr verstanden werden. Die Lehre von ihr ist für die natürliche Vernunft eine Anmaßung oder eine Torheit. Keine Wissenschaft, auch kein Staatsmann oder Obrigkeit vermag zu begreifen, was Kirche ist, es sei denn im Glauben an und durch Christus den Herrn. |
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| Vor den Augen der Menschen ist die Kirche als Volk Gottes und Leib Christi verborgen. Dennoch ist sie eine Wirklichkeit in der Welt. Nur der Glaube erkennt durch die sichtbaren Einrichtungen und Formen hindurch, in denen die Kirche in die Geschichte eingeht, die wahre Kirche. Ihre einzigen Merkmale sind die Reinheit der Lehre des Evangeliums und die richtige Verwaltung der Sakramente, nicht der religiöse oder sittliche Stand ihrer Glieder. | Sofern die «sichtbaren Einrichtungen und Formen» nicht willkürliche Schöpfungen[,] sondern Zeichen des Gehorsams sind und also göttlicher Anordnung sind, glauben wir nicht «durch sie hindurch», sondern in ihnen, also in der sichtbaren Kirche die wahre Kirche d. h. die eine Kirche Christi.53 |
| Wo immer auf Erden das Evangelium lauter und rein verkündet wird und die Sakramente
stiftungsgemäss verwaltet werden, da gibt Gott durch den heiligen Geist den Glauben; da ist
die eine heilige, katholische Kirche eine Wirklichkeit in der
Welt. Wo eines der beiden verfälscht oder verkürzt wird, ist keine Kirche mehr,
sondern eine unter den vielen Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen. | 461 |
| 3b). Amt und Bekenntnis. Die christliche Kirche steht allein unter dem Worte Gottes, wie es im Evangelium von Christus bezeugt und in den Sakramenten sichtbar dargestellt wird. Dies Wort zu verkündigen und die von Christus eingesetzten Sakramente zu verwalten ist das Predigtamt gegeben. Es ist Dienst am Worte und durch das Wort. Es hat seinen Grund nicht vor dem Worte und nicht ausser dem Worte, sondern steht allein unter dem Worte. Als solches ist es nicht Besitz eines Einzelnen oder einer Gemeinschaft, sondern ist Lehen des göttlichen Wortes, geordnet durch den Auftrag der christlichen Gemeinde. Die christliche Gemeinde hat je und je Pflicht und Recht, gegenüber drohender Entstellung des göttlichen Wortes bekennend das Wort zu Ehren zu bringen und die für gültig erkannte Lehre gegenüber Irrtümern festzustellen. 462| Diese Bekenntnisse, in ihrer Richtigkeit immer am Wort zu prüfen, sind die Norm für den Dienst des Amtes an der Gemeinde. |
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| Wir verwerfen die Irrlehre, als sei das Amt eine Ordnung, die dem Wort und Sakrament
vorangehe und es erzeuge. Wir verwerfen sie in der Gestalt der römischen und
romanisierenden Hierarchie und in der Gestalt der Schwärmerei. Die Kraft des Amtes ruht
weder in einer geschichtlich gewordenen Institution noch in den seelischen Kräften
menschlicher Begabung. Wir wenden uns darum auch gegen den Versuch, den modernen
Führungsgedanken auf das Predigtamt zu übertragen. Predigtamt ist Dienst am Worte der
Versöhnung und steht darum im Gegensatz zu jeder Führungsmagie (Vgl. |
Dann würde man hier besser von keinem besonderen «Amt» und auf keinen Fall von dem nun einmal endgültig belasteten Ausdruck vom Amt eines «Bischofs» reden! Ceterum censeo…!54 |
| 4. Kirche und Volk. Weil55 der Grund der Kirche allein die Gegenwart des in die Geschichte eingegangenen Jesus Christus in Wort und Sakrament ist, gehören die äusseren Formen ihrer Gebräuche und ihrer Verfassung nicht zum Wesen der Kirche. Dadurch wird sie fähig zur Erfüllung ihrer Pflicht, das Evangelium zu allen Völkern zu bringen. |
463
Auch hier habe ich ein ernstes Bedenken anzumelden.
Meinen die Verfasser wirklich, dadurch werde die Kirche missionsfähig, dass sie «die äußeren Formen ihrer Gebräuche
und ihre Verfassung» nicht zu ihrem Wesen rechne und also der Willkür bzw. irgendwelchen
Eigengesetzlichkeiten überlasse? Folgt aus der Gegenwart Christi in Wort und Sakrament wirklich die
Unwesentlichkeit der Form des Gottesdienstes und der Verfassung? Dürfen die Römischen auf diesem Gebiet dekretieren und dürfen die |
| Sie geht mit ihrer Verkündigung und in ihren äusseren Formen in die verschiedenen Völker und Zeitalter ein. Sie kann, nach dem Vorbild des Apostels, «den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche», den Deutschen ein Deutscher, den Chinesen ein Chinese werden, «um ja etliche zu gewinnen». | Gegen diese Verwendung des «Vorbilds des Apostels» muss aufs Bestimmteste Einspruch
erhoben werden. «Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche», steht[,]
so oft man auch so zitieren hört, nirgends im NT! Was |
| Diese Volksgemässheit findet ihre Grenzen in dem Inhalt der Verkündigung. Von hier aus
allein, nur von der Kirche selbst 465| darf Art und Form des
Eingangs in die Zeit bestimmt werden. Die Botschaft des Evangeliums ist allen Völkern gleich zugänglich oder gleich unzugänglich. Denn Gottes heiliger Geist allein kann in Menschen den Glauben wirken und den consensus des rechten Bekennens wecken. Die Gemeinschaft der bekennenden Kirche geht über die Volksgrenzen hinaus. Niemals decken sich die Grenzen des Volkes und die der Kirche. |
|
| Die Kirche Christi schwebt niemals über den Völkern. Sie lebt in
den Völkern, und zwar seit der Auferstehung Jesu Christi niemals in einem
allein. In jedem Volk, zu dem die Botschaft der Kirche gekommen ist, lebt die Kirche. Das Volk ist nicht die Kirche; aber die Menschen, die zu beiden gehören, sind in unlösbarer Solidarität mit beiden verbunden. Sie tragen mit an der Schuld ihres Volkes. Sie sind zugleich Glieder des Gottesvolkes, dessen Bürgerschaft im Himmel ist. |
Hier scheint mir verdunkelt, dass eine direkte Beziehung der Kirche zu einzelnen Völkern als solchen im NT nun
einmal überhaupt nicht vorgesehen ist. Die «Völker» interessieren das NT nur in ihrer Gesamtheit
im Unterschied zum jüdischen Volk, aber gerade nicht
als deutsches, chinesisches… Volk. Eine besondere Betonung der Deutschheit der Kirche in
Deutschland ist darum auch nicht einmal in den lutherischen
Bekenntnisschriften wahrzunehmen. Man sollte den
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| 5. Kirche und Staat. Die Kirche lehrt, dass die weltliche Obrigkeit von Gott geordnet und dass jedermann ihr Gehorsam schuldig sei. Die weltliche Obrigkeit trägt das Schwert, um der Unordnung zu wehren, die der Widersacher Christi anstiftet, um sein Werk auszurichten. Sie ist von der Geduld Gottes dem Volke als väterliche Obrigkeit gesetzt, die unser Leben schützt, die Zucht und Ehre wahrt (A.C. XXIII, 55 |
466 |
| Weltliche Obrigkeit und Kirche sind beide von Gott. Sie sind durch unüberschreitbare Gren467|zen voneinander getrennt und doch ganz aufeinander angewiesen. | Beide «sind» es im Anspruch des göttlichen Gebotes. Eben in diesem hat das «von Gott sein» der Kirche und des Staates auch seine Grenze! |
| Kirche kann nie in der weltlichen Obrigkeit aufgehen, d.h. sie kann nie in einen Staat «eingebaut» werden. Sie bleibt jeder weltlichen Obrigkeit immer gegenüber durch den Inhalt ihrer Verkündigung. | Doch nicht nur durch den Inhalt ihrer Verkündigung, sondern schon durch ihre äußere Existenz und Gestalt in ihrer Verschiedenheit von der des Staates. |
| Die Verbundenheit der Kirche mit der weltlichen Obrigkeit aber ist eine dreifache: 1. Ihr Wort ist an denselben Menschen gerichtet, der durch das Amt des Schwertes am Leben erhalten wird. |
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| 2. Ihr Wort weist diesen Menschen wieder hinein in die Ordnung der
Obrigkeit als Gottesordnung. 3. Die Kirche weiss sich selbst in ihrer sichtbaren Gestalt der Ordnung der Obrigkeit untertan. |
Wenn die Bestimmungen 2 und 3 in der alten Kirche wörtlich und uneingeschränkt gegolten hätten, dann wäre es wohl zu keiner Christenverfolgung gekommen, sondern das Evangelium wäre auf dem freien Feld der «sichtbaren Gestalt» im Gehorsam gegen die Obrigkeit gemächlich verraten worden. Gegen die Bequemlichkeit einer allzu übersichtlich durchgeführten Lehre von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Kirche müsste das Verständnis der vorgetragenen Wahrheit besser geschützt werden.58 |
| Die Verbundenheit der weltlichen Obrigkeit mit der Kirche besteht allein darin, dass
diese durch die rechte Verkündigung der Kirche in die Schranken ihrer eigenen Ordnung
gewiesen und somit nicht ein Werkzeug des Teufels wird, der zuletzt nur die Unordnung
sucht, um darin alles Leben zu zerstören. Weltliche Obrigkeit soll von der Kirche nur
diesen Dienst erwarten. Mit diesem Dienst bewahrt die Kirche den Menschen unter der
Obrigkeit vor dem Betrug des Teufels, der ihn eine schrankenlose Obrigkeit als
Lebensspender und Heilsbringer anbeten lassen will. Kirche und Obrigkeit geraten in Konflikt erstens, wo die Kirche ihren Dienst dahin missversteht, dass sie Staat im Staat und damit politischer Machtfaktor sein will, dass sie vom Staat begehrt, die Zugehörigkeit zu ihr (Taufe) zur Vorbedingung der Staatszugehörigkeit zu machen; mit anderen Worten: Kirche und Obrigkeit geraten in Konflikt, 469| wo die Kirche aus Scheu oder Unvermögen es versäumt, dem Staat allein durch schriftgemässe Verkündigung und Bekenntnis zu dienen. Kirche und Staat geraten in Konflikt zweitens, wo eine Obrigkeit die Kirche als ihr Werkzeug verwenden will, wo eine Obrigkeit das Zeugnis von der Alleinherrschaft Christi nicht mehr erträgt, wo sie nicht mehr hören kann, dass ihre Würde mit der Welt der Sünde dem Tode verfallen ist. Wir verwerfen die Irrlehre vom christlichen Staat in jeder Form. Obrigkeit unter Heiden oder Christen versieht ihr Amt allein darin recht, dass sie ihr Schwert recht führt und in ihren Grenzen bleibt. «Dem Worte mag kein Kaiser noch Richter als auch kein Schutzherr gegeben werden denn Gott selber» (W.A. 17, 2 S. 108 |
468
Mir fehlt an dieser Stelle die offene Ankündigung, dass die Kirche im Fall dieses Betrugs sich nicht etwa auf ihre Unsichtbarkeit zurückziehen und die Welt dem Teufel überlassen[,] sondern dass sie dann in der Sichtbarkeit versuchen wird, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen [vgl. |
| Wir verwerfen jeden Versuch der Aufrichtung einer sichtbaren Gottesherrschaft auf Erden durch die Kirche als Eingriff in 470| die Ordnung der Obrigkeit. Hier ist das Evangelium zum Gesetz gemacht. Die Kirche kann irdisches Leben nicht schützen noch erhalten. Das bleibt das Amt der weltlichen Obrigkeit. | Es scheint mir etwas billig, mit diesem Anathematismus noch einmal und noch einmal gegen die armen Schwärmer des 16. Jahrhunderts Front zu machen in einem Augenblick[,] wo in Deutschland kein Mensch daran denkt, dass dieser «Versuch» vielleicht in irgend einem Zusammenhang sehr wohl Gehorsam bedeuten könnte.59 Wo bleibt dagegen der Anathematismus gegen die heute von allen Dächern gepredigte Lehre vom totalen Staat60??? |
| 6. Die Kirche und die Juden. Die Kirche lehrt, dass Gott unter allen Völkern der Erde Israel erwählt hat zu seinem Volke. Allein in der Kraft seines Wortes und um seiner Barmherzigkeit willen, keinesfalls auf Grund eines natürlichen Vorzugs ( Gott preist seine Treue dadurch überschwenglich, dass er Israel nach dem Fleisch, aus welchem Christus nach dem Fleisch geboren ist, trotz aller Untreue auch nach der Kreuzigung des Christus noch die Treue hält. Er will die Erlösung der Welt, die er mit dem Herausruf Israels angefangen hat, mit den Juden auch vollenden ( Die Gemeinschaft der zur Kirche Gehörigen wird nicht durch das Blut und also auch nicht durch die Rasse, sondern durch den heiligen Geist und die Taufe bestimmt. Wir verwerfen jeden Versuch, die geschichtliche Sendung irgendeines Volkes mit dem heilsgeschichtlichen Auftrag Israels zu vergleichen oder zu verwechseln. Es kann nie und nimmer Auftrag eines Volkes sein, an den Juden den Mord von Golgatha zu rächen. «Mein ist die Rache, spricht der Herr» ( Wir wenden uns gegen die Behauptung, der Glaube des Judenchristen sei im Unterschied von dem des Heidenchristen blutgebunden als judaistische Schwärmerei. |
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| Wir wenden uns gegen das Unternehmen, die deutsche evangelische Kirche durch den Versuch, sie umzuwandeln in eine Reichskirche der Christen arischer Rasse, ihrer Verheissung zu berauben. Denn damit würde ein Rassegesetz vor dem Eingang zur Kirche aufgerichtet und wäre eine solche Kirche selbst zur judenchristlich gesetzlichen Gemeinde geworden. Wir lehnen darum die Bildung judenchristlicher Gemeinden ab; denn die falsche Voraussetzung dafür ist, dass das Besondere der Judenchristen auf der gleichen Ebene liegt wie z.B. die geschichtlich bedingte Besonderheit der französischen Refugiantengemeinden in Deutschland oder dass die Christen aus dem Judentum ein ihrer Art gemässes Christentum entwickeln müssten. Das Besondere des Judenchristen ist nicht in seiner Rasse oder Art oder Geschichte begründet, sondern allein in der besonderen Treue Gottes gegenüber Israel nach dem Fleisch. Dadurch, dass der Judenchrist gerade nicht in irgendeiner ge474|setzlichen Weise besonders gestellt wird in der Kirche, ist er in ihr ein lebendiges Denkmal der Treue Gottes und ein Zeichen dafür, dass der Zaun zwischen Juden und Heiden niedergelegt ist und der Christusglaube nicht in der Richtung auf eine Nationalreligion oder auf ein artgemässes Christentum verfälscht werden darf. Die aus der Heidenwelt stammenden Christen müssen eher sich selbst der Verfolgung aussetzen als die durch Wort und Sakrament gestiftete kirchliche Bruderschaft mit dem Judenchristen freiwillig oder gezwungen auch nur in einer einzigen Beziehung preiszugeben. | 473
Ist die bürgerliche Behandlung, die man den Juden im
heutigen Deutschland systematisch zuteil werden lässt,62 eine
solche[,] zu der «wir» nichts zu bemerken haben? Die «wir», weil sie von der
«Obrigkeit» verfügt ist, als
gottgewollt hinnehmen und mitmachen? Hier müsste der für die Kirche der altpreuß[ischen] Union rechtsgültig gewordene Arierparagraph63 ausdrücklich genannt und diese Kirche ausdrücklich der Häresie bezichtigt werden. |
| 7. Vom Ende aller Dinge. Die Kirche lehrt, dass Jesus Christus das Ende der Geschichte und der Welt sei. Er, der in der Geschichte Geborene, Gekreuzigte und Auferstandene, wird wiederkommen zum 475| Gericht über Lebendige und Tote. Weil der geschichtliche, der gegenwärtige und der zukünftige Christus ein und derselbe ist, darum ist auch Ende und Gericht in ihm sowohl gegenwärtig als zukünftig. (Es kommt die Stunde und ist schon jetzt… Wie Christus durch den Tod gegangen ist, so muss die ganze Welt und der ganze Mensch in den Tod. Es gibt keinen stufenweisen Übergang oder Fortschritt von dieser Welt zur neuen Welt. Es geht alles durch den Tod. Aber wie Christus auferweckt ist von den Toten, so wird Gott am Ende die Toten auferwecken und vor seinen Richterstuhl rufen. In diesem Gericht wird allein der Glaubende bestehen. Wer aber ist es, der glaubt, und wer ist es, der nicht glaubt? Diese Frage, an uns selbst gerichtet, ist das Letzte, was hier gesagt werden kann. Die neue Welt der Auferstehung wird eine neue Erde und ein neuer Himmel sein. Es ist unsere Erde, die erneuert wird, die Erde, auf der das Kreuz Christi gestanden hat. Aber es 476| ist eine neue Erde, «dass man der vorigen nicht mehr gedenken wird» ( Dem Ende zuvor kommt der Antichrist, der sich in falschem Schein selbst als der Gesandte Gottes, der Messias, der Christus ausgibt und die Kirche verführen will. Gefährlich in der Welt, gefährlicher in der Kirche, bringt er über die Gemeinde Christi den Kampf, scheiden sich an ihm die Geister. Das Ende der Geschichte ist die Entzweiung, der Kampf der Gemeinde Christi gegen die Herrschaft des Antichrist. Dies Ende der Geschichte aber «kommt» und ist schon «jetzt». |
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| Wir verwerfen die Irrlehre, die die Welt der Hoffnung und unsere Welt so auseinanderreisst, dass jene mit dieser nichts zu tun hat. Wir erblicken hierin die Flucht vor der Erkenntnis, dass die gegenwärtige Welt schon «jetzt» durch das Ende bedroht und gerichtet ist und dass das Ende der Welt, Jesus Christus, schon jetzt sein Wort über die Welt sagt und Gehorsam fordert. Es gibt ein Pochen auf das «noch nicht», ebenso von einer ungebrochenen Weltlichkeit her wie von einer frommen Weltflucht her. Beides liegt hier auf der477|selben Ebene. Beides vermag den Gedanken des Endes in Christus nicht zu denken, denkt also grundsätzlich weltlich. | Eben diese Negation und eben diese Position wünschte ich in diesem ganzen Entwurf fruchtbarer gemacht zu sehen. Vgl. die erste Anmerkung zu VI 2. |
| Wir verwerfen die Irrlehre, dass es eine allmähliche innerweltliche Entwicklung zur neuen Welt gebe. Auch das Edelste in dieser Welt muss in den Tod. Christus musste ans Kreuz. Auch der Frömmste muss ins Gericht. Christus ist für uns von Gott am Kreuz verflucht. Vom Ausgang dieses Gerichtes kann keine Lehre gegeben werden, weder die Wiederherstellung der ganzen Welt noch die ewige Verwerfung. Vom Ausgang dieses Gerichtes kann nur betend gesprochen werden. | |
| Wir verwerfen eine Auffassung der Lehre vom tausendjährigen Reich, die in bestimmten geschichtlichen Ereignissen den Beginn der sichtbaren Herrschaft Christi auf Erden eindeutig erkennen will. | Wer soll hier getroffen werden? Noch einmal die alten Schwärmer? Oder eine phantastisch-christliche Interpretation des Nationalsozialismus? Wenn das letztere gemeint ist, so müsste es deutlicher gekennzeichnet sein. |