1933

Luther

478

LUTHER

1933

Anlässlich des anstehenden Lutherjubiläums bat Franz Alfons Gayda1 von der «Gesellschaft für Deutsches Schrifttum» in Berlin Barth am 19. September 1933 um einen Leitartikel, den die Gesellschaft verschiedenen Zeitungen zum Abdruck vermitteln wollte. Ein solcher sei, so Gayda, «notwendig innerhalb des Festgeräusches, das am 10. November in Deutschland sein wird».2 Obwohl Barth nicht abgeneigt war, einen solchen Artikel zu verfassen, zögerte er mit der Zusage, weil Gayda ihn gebeten hatte, besonders «den deutschen Charakter und die deutsche Sendung»3 Luthers darzustellen. Barth schrieb daraufhin an Gayda: «Ich weiß nun wohl, dass damit etwas in sich Sinnvolles gemeint sein kann, aber ich bin dennoch der Meinung, dass man den Reformator, wie er wirklich war, den Lehrer der christlichen Kirche, unter dem Gesichtspunkt seiner Deutschheit nicht zu Gesicht bekommt. Und gerade dem heute herrschenden und das schon angebrochene und noch bevorstehende Jubilieren sicher beherrschenden Fragen nach Luthers Deutschheit könnte ich im jetzigen Augenblick nicht die geringste Konzession machen. Darf ich Sie bitten, mich noch ein Wort darüber wissen zu lassen, ob da nicht ein Missverständnis hinsichtlich meiner Person und Stellung obwaltet[?]»4 Dass ein solches Missverständnis nicht vorlag, stellte Gayda in seiner Antwort klar: «ich […] habe zunächst zu sagen, daß ich sehr wohl weiß, an wen ich |479 meine Bitte um Mitarbeit richte», und bekräftigte zugleich seine Bitte.5

Barth schloss den Aufsatz am 15.10. ab.6 Zur Vorbereitung habe er – so Barth in einem Brief an Thurneysen – «nur einen Band Tischreden durchlesen» können. Dementsprechend sei es «diesmal, wie es ja schließlich zu einem Jubiläums-Aufsatz passt, ein bisschen biographisch oder charakterologisch geworden».7

Gayda bedankte sich für die Zusendung des Artikels mit den Worten, dieser sei «ganz so ausgefallen», wie er ihn erwartet habe, und kündigte an, es würden «wahrscheinlich […] 10 Blätter es wagen, eine solche Äußerung zu veröffentlichen», unter ihnen die «Deutsche Allgemeine Zeitung» Berlin, die «Münchner Zeitung» und die «Neue Zürcher Zeitung».8 Die Verbreitung des Aufsatzes lief ausschließlich über die Gesellschaft für Deutsches Schrifttum. Als Gottfried Traub den Artikel für die von ihm herausgegebenen «Eisernen Blätter» bei Barth anforderte, verwies dieser ihn an Gayda.9

Das Manuskript des Aufsatzes ist nicht erhalten. Abgedruckt wurde er unter anderem in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 154, 10.11.1933, Morgenausgabe Nr. 2034, S. 1f 📖.; Unterhaltungsblatt der Deutschen Allgemeinen Zeitung, Nr. 490, 5.11.1933 📖 (leicht gekürzt unter dem Titel: «Das Geheimnis um Luther»10); Eiserne Blätter, Jg. 15, Nr. 47, |480 19.11.1933, S. 601–604 📖 (redaktionell stark bearbeitet unter dem Titel: «Das Rätsel um Luthers Gestalt»).

Barth ließ den Aufsatz schließlich – Karl Gerhard Steck hatte ihn auf diese Idee gebracht11 – auch selbst in Lutherfeier 1933 (ThExh 4), München 1933, S. 8–12 📖 erscheinen. Dieser Fassung folgt der untenstehende Abdruck.

Luther

Der Mann, dessen Gedächtnis am 10. November gefeiert werden soll, ist schwerer verständlich und Wenigeren zugänglich, als man es in diesen Tagen wahrhaben12 wollen wird. Die Warnung ist am Platze, dass man ihn mit der symbolischen Gestalt, die jetzt in den Kirchen und auf dem Markt festlich sichtbar werden wird, nicht verwechseln soll. Ein ernstes Luthergedächtnis würde sich wohl vor allem an dem Luther der meisten Lutherfeiern vorbei freie Bahn brechen müssen.

Luthers Wort, Haltung und Werk sind Zeuge der unerhörten Sammlung, in der dieser Mensch gelebt haben muss. Er konnte sich wohl auch gehen lassen. Nur umso deutlicher blitzt auch in seiner Zerstreuung die Einheit auf, die sein Denken und Wollen dauernd zerbricht und neu formt. Die aus dieser Sammlung folgende Geschlossenheit seines Bildes wird viel bewundert und sie ist bewun|481dernswert. Sie ist aber keine Form, die von ihrem Inhalt zu trennen wäre. Luther selbst nannte das Eine, um das er gesammelt war, «Christus» oder «das Evangelium» oder «das Wort Gottes». Man muss die Geschlossenheit seines Bildes schon von daher sehen oder man sieht sie gar nicht. Von daher gesehen erscheint sie aber jedenfalls auch als eine fremdartige, unheimliche, gefährliche Geschlossenheit. Sie ruht nicht in sich selber. Sie weist über sich selbst, aber damit auch über alle anderen menschlichen Geschlossenheiten hinaus. Sie ist im strengen Sinn des Begriffs exzentrisch. Sie ist die Geschlossenheit eines angestrengt hörenden Menschen. Das unterscheidet sie von der Geschlossenheit, die uns wohl auch im Bilde eines Mönches, eines Staatsmannes, eines Philosophen begegnen mag.

Dicht13 daneben ist es die fast robust wirkende und doch immer wieder erquickliche seelische Gesundheit des Mannes, die uns in Staunen versetzt. Das Exzentrische seiner Sammlung macht ihn weder zum Grübler, noch zum Begeisterten, noch zum Entrückten. Luther hebt sich von seinen katholisch, humanistisch, enthusia9stisch, reformatorisch gesinnten Zeit- und Weggenossen fast durchweg nur schon dadurch ab, dass er in seinen Stellungnahmen und Entscheidungen unverhältnismäßig viel mehr ruhigen sicheren Instinkt verrät. Luther war beneidenswert praktisch, ein gescheiter Bauer, möchte man sagen, von innen heraus gewöhnt, die Dinge und die Menschen auf der direktesten Linie zu verstehen und anzufassen. Aber ohne um den Abgrund zu wissen, an dem dieser Mann wandelte, würde man ihn auch hier seltsam missverstehen. Derselbe Mann dachte doch unpraktisch genug, um den Willen jedes Menschen für einen unfreien und zwar durch die Sünde völlig und restlos geknechteten Willen zu halten.14 Derselbe Mann behauptete, den Teufel besser zu kennen als alle seine Freunde und Feinde.15 Derselbe Mann erklärte immer wie|482der, von «Anfechtungen» herzukommen, denen gegenüber er in sich selbst keinen Halt gefunden.16 Wie «ungesund»17 das alles! Widersprüche? Nein, das eben ist Luthers Gesundheit, dass er an dieser Krankheit zum Tode18 [vgl. Joh. 11,4] leidet!

483 Luther war einfältig. Viel von dem Geheimnis, das ihn auch inmitten der großen und echten christlichen Theologen vor und nach seiner Zeit umgibt und seltsam auszeichnet, beruht in der Tatsache, dass er immer gerade in den kritischen Momenten seines Lebens (die mehrfach zugleich kritische Momente der ganzen Kirchen- und Weltgeschichte waren, etwa in Worms19, in Marburg20, auf der Koburg21) und immer gerade zu den schwersten Fragen des Glaubens und des Lebens ganz einfach sich zu geben, ganz einfach zu reden wusste, einfach wie ein Kind, das ein auswendig gelerntes Sprüchlein aufsagt und in diesem Augenblick nichts anderes zu sagen weiß als eben dieses Sprüchlein. Man denke an gewisse unvergessliche Formulierungen etwa des kleinen Katechismus! Aber wer sich schon darum bemüht hat, Luthers Stellungnahmen und Meinungen nun wirklich zu verstehen, der weiß etwas davon zu sagen, dass dieser Mann seine Einfalt nicht billig erworben hatte und darum bis auf diesen Tag nicht billig hergibt. Scheint er nicht immer noch um eine Ecke weitergedacht zu haben, wo auch die scheinbar Komplizierteren (wie etwa sein kluger Melanchthon) zu denken aufhörten? Ist er nicht in Wahrheit doch differenzierter und dunkler als etwa Thomas von Aquino oder Schleiermacher? Ist es ein Zufall, dass vielleicht auf keinem Gebiet der Kirchengeschichte der Auslegungs- 10 und auch der Irrtumsmöglichkeiten (selbst bei gutem Willen und großer Kunst) so viele sind wie auf dem Gebiet der Lutherforschung? Man weiß nicht, was man |484 tut, wenn man Luthers Schlichtheit rühmt, ohne seine Subtilität zu kennen. Und man fälscht Luther, wenn man ihn als antiintellektualistischen Volksmann22 und Tatmenschen23 darstellt, ihn, der nun gerade nichts anderes sein wollte als ein rechtschaffener «Doktor der heiligen Schrift»24, nichts anderes als – Professor. Gerade als Theologieprofessor war er jener Einfalt fähig und teilhaftig! Keiner seiner kindlichen Sprüche war ein Schlagwort und nie und nimmer wird das, was er meinte und wollte, in Schlagworten richtig wiederzugeben sein.

Etwas vom Größten aber auch vom Seltsamsten an Luther ist die Gewissheit, in der er gelebt, aus der er gehandelt und mit der er geredet hat. Er ist seiner Sache in einer geradezu aufreizenden, aber endlich und zuletzt doch immer wieder überzeugenden Weise sicher |485 gewesen. Was die eigentümliche Gewalt seiner Sprache ausmacht, das dürfte hier seinen Ursprung haben. Man hat Luther gerade von dieser Seite schon in allen Tonarten gepriesen und nachzuahmen versucht. Welcher moderne Kirchenmann welcher Richtung möchte nicht wenigstens ein ganz klein wenig «Luther in Worms» in eigener Person auf den Plan führen? Aber die echte lutherische Gewissheit lässt sich nicht nachahmen. Sie wurzelte bei Luther selbst in einem dem modernen Menschen und auch und gerade dem modernen Kirchenmann sehr fremden bindenden Wissen um die Dinge jener ganz bestimmten Ordnung, die sein Zentrum bildeten. Wer mit Luther und wie Luther gewiss sein wollte, der müsste jenseits von allen noch so ehrlichen Überzeugungen «Gottes Wort» für sich haben. Und dann müsste er es wagen, sich von dieser Instanz in die strengste Einsamkeit weisen zu lassen. Dann würde er in der Wahl zwischen Klugheit und Weisheit keinen Augenblick schwanken dürfen. Dann müsste er es ertragen, sich von allen Seiten fragen zu lassen: ob er denn meine, ganz allein recht zu haben und alle anderen ins Unrecht versetzen zu können? Dann müsste er sich nicht nur schelten lassen, sondern er müsste sich, was noch schwerer ist, getrauen, selber mit großer Kraft zu schelten, zu fluchen, zu verdammen, Lüge Lüge und Greuel Greuel zu heißen ohne Rücksicht und Empfindsamkeit, ohne jegliche Bereitschaft, Parlamen11täre zu empfangen – um der gewissen Wahrheit und gerade darum um der Liebe willen. So war es mit der echten lutherischen Gewissheit bestellt und so auch mit der ebenfalls viel besprochenen Freudigkeit, die Luther um dieser seiner Gewissheit willen in der Tat eigen war. Verschiedene kleine «Luther in Worms» von heutzutage würden ja vor Entsetzen einfach umfallen, wenn sie wüssten, mit was sie da spielen!

Alles Gesagte soll nur ein fragmentarischer Hinweis sein mit dem Zweck, zu der Frage anzuregen, welche Kategorie wohl die rechte sein möchte, um die Erscheinung Luthers zu fassen. Es gab eine barocke Zeit, die feierte ihn als eine Art geistlichen Herkules.25 Es gab |486 eine spätere Zeit, die feierte ihn als kühnen Träger des reinen Vernunftlichtes.26 Es gab eine andere Zeit – und sie ist noch nicht fern, die feierte ihn als «religiöse Persönlichkeit» ersten Ranges.27 Heute dürfte aus naheliegenden Gründen vor allem Luther «der große Deutsche» an der Reihe sein.28 Das Alles verantworte vor dem wirklichen Luther, wer da kann und mag. Die Zeiten nehmen sich offenbar das Recht, aus Luther (auch aus Luther!) je ihr eigenes Symbol zu machen. Ob sie das Recht haben, indem sie es sich nehmen, ist eine andere Frage. Es gibt jedenfalls eine von den Zeiten und Zeitgeistern unabhängige Kategorie für Luther, auf die man sich immerhin auch heute besinnen kann. Ob sie die einfachste oder die schwierigste ist, mag hier unerörtert bleiben. Sie ist vielleicht beides. Was wollte denn Luther in und mit dem vielen, was er getan und gesagt hat? Wenn es wahr ist, dass er schließlich nur als ein treuer Knecht [vgl. Lk. 17,7–9] das merkwür|487dige Buch des Alten und des Neuen Testamentes lesen und auslegen und als Leser und Ausleger dieses Buches dies ans Licht stellen wollte, dass es dem Menschen gut ist, zu glauben, will sagen: seine Gerechtigkeit ganz und gar in Gott zu suchen, weil Gott ganz und gar entschlossen ist, mit seiner Gerechtigkeit für den Menschen einzutreten – wenn das wahr ist, was ist Luther dann anderes gewesen als ein Lehrer der christlichen Kirche, den man dann schwerlich anders feiern kann als indem man ihn hört. Oder vielmehr: indem man das hört, was er selber gehört und darum zu sagen hat. Ich wüsste nicht, wie ich mit den angedeuteten Rätseln der wirklichen Gestalt Luthers einigermaßen fertig werden, und ich wüsste schließlich auch nicht, was ich mit dem ganzen merkwürdigen Mann anfangen wollte, 12 wenn ich ihn anders verstehen und ehren wollte denn als den «Evangelisten», als den er sich selber gerne bezeichnet hat.29 Fasse es, wer es fassen kann [Mt. 19,12]: dass es neben all den Kategorien, unter denen man «große Männer»30 verstehen kann, auch diese gibt, die nun freilich die Eigenschaft hat, den Begriff des «großen Mannes» aufs Gründlichste aufzuheben.

Sachfußnoten

1
Franz Alfons Gayda (1896–1970) gründete 1926 die «Gesellschaft für Deutsches Schrifttum», die Ende 1933 aufgelöst wurde.↩
2
Brief Gaydas an Barth vom 19.9.1933 (KBA 9333.688). Zur deutsch-christlichen Instrumentalisierung des Lutherjubiläums s. unten, S. 516f. Der für den 10. November geplante Festtag musste dann allerdings mit Rücksicht auf den kurzfristig angesetzten Termin für Reichstagswahlen und eine Volksabstimmung über den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund am 12. November um eine gute Woche auf den 19. November verschoben werden.↩
3
Ebd.↩
4
Brief Barths an Gayda vom 28.9.1933 (KBA 9233.261; Br. 1933, S. 424 📖). – Wie groß 1933 das Interesse an Luthers «Deutschheit» war, dokumentiert H. Seesemanns Luther-Bibliographie in: LuJ 17 (1935), S. 154–167, dort S. 159–161. 📖 Urteile über Luther als Deutschen hat H. Preuß, Martin Luther. Der Deutsche, Gütersloh 1934, S. 103–124 📖, zusammengetragen.↩
5
Brief an Barth vom 9.10.1933 (KBA 9333.745).↩
6
Vgl. Brief Barths an E. Thurneysen vom 16.10.1933: «Gestern habe ich selber einen Lutheraufsatz für das Jubiläum vollendet» (KBA 9270.603; Bw.Th. III, S. 514 📖). Nachdem er den Aufsatz gelesen hatte, sprach Thurneysen von einem ihm «ganz besonders nahen und wichtigen und glanzvollen kleinen Aufsatz über Luther» (Brief an Barth vom 20.11.1933 [KBA 9370.710; Bw.Th. III, S. 547]).↩
7
Brief an Thurneysen vom 16.10.1933 (Bw.Th. III, S. 515 📖).↩
8
Brief Gaydas an Barth vom 31.10.1933 (KBA 9333.835).↩
9
Vgl. den Brief Barths an Traub vom 21.10.1933 (KBA 9233.291; Br. 1933, S. 466 📖). Gottfried Traub (1869–1956) gab seit 1919 die «Eisernen Blätter» heraus und arbeitete seit 1921 als Redakteur bei der «München-Augsburger Abendzeitung».↩
10
Durch einen Brief von Robert Neumann, Studiendirektor i. R. aus Berlin, vom 6.11.1933 (KBA 9333.858) hatte Barth erfahren, dass sein Aufsatz dort unter dem oben genannten Titel erschienen war, und beschwerte sich daraufhin über diese Änderung bei Gayda: «Ich muss dazu bemerken dürfen, dass ich solche Veränderungen auch nur in der äußern Aufmachung meiner Arbeiten nicht gerne sehe und dass ich doch wohl hoffen darf, dass dem Aufsatz nicht etwa auch noch andere Verbesserungen widerfahren sind» (Brief an Gayda vom 7.11.1933 [KBA 9233.309; Br. 1933, S. 489f. 📖]). In seiner Antwort vom 21.11. (KBA 9333.933) stellte Gayda klar: «An dem Titel Ihres Aufsatzes in der Deutschen Allgemeinen Zeitung bin ich nicht schuld; die Redaktion hat eigenmächtig und ohne vorher anzufragen geändert.» – Direkt neben diesem Abdruck des Artikels von Barth hatte die «Deutsche Allgemeine Zeitung» übrigens den Beitrag Luthers völkische Sendung 📖 von Reinhold Krause (s. unten, S. 581, Anm. 1) veröffentlicht.↩
11
Vgl. Brief Stecks an Barth vom 16.11.1933 (KBA 9333.910) und Barths Antwort vom 17.11. (KBA 9233.329; Br. 1933, S. 513 📖): «Der Gedanke, die Lutheraufsätze […] in der Schriftenreihe noch einmal zu bringen, war mir neu. Er ist aber sicher erwägenswert und ich will sehen, was sich tun lässt.» Gemeint ist neben Luther auch noch Luthers Wissenschaft 📖 (s. unten, S. 567–572).↩
12
Von den Hrsg. korrigiert aus «Wort haben». Diese Korrektur wurde ebenfalls vorgenommen in: Eiserne Blätter, Jg. 15 (1933), S. 601. 📖↩
13
In allen anderen oben genannten Abdrucken steht: «Doch».↩
14
Vgl. M. Luther, De servo arbitrio, WA 18, 600–787. 📖↩
15
Vgl. WA.TR 6, 88,29–36 (Nr. 6629) 📖: «Wer aber als denn Christum recht und eigentlich kennen, […] als den allerfreundlichsten und lieblichsten Heiland und Hohenpriester ansehen und halten könnte, der […] wäre schon bereit an im Himmelreich. Aber nichts schwerers ist auf Erden, denn daß man solches in der Anfechtung thun könne. Was ich sage, das hab ich zum Theil erfahren; denn ich kenne des Teufels List und behende, tückische Griffe sehr wol». Vgl. auch WA.TR 1, 147,3ff. (Nr. 352): «Meine Theologiam hab ich nicht gelernet auf einmal, sondern ich hab immer tiefer und tiefer darnach forschen müssen. Da haben mich meine Anfechtung zu gebracht; denn die heilige Schrift kann man nimmermehr verstehen, außer der Praktiken und Anfechtungen. Solches feilet den Schwärmern und Rotten, daß sie den rechten Widersprecher, nehmlich den Teufel, nicht haben, welcher es einen wol lehret. Also hat S. Paulus auch einen Teufel gehabt, der ihn hat mit Fäusten geschlagen, und also ihn getrieben hat mit seinen Anfechtungen, fleißig in der heiligen Schrift zu studieren. […] Wenn wir sonst einen solchen Teufel nicht haben, so sind wir nur speculativi Theologi, die schlechts mit ihren Gedanken umgehen und mit ihrer Vernunft allein speculiren […].»↩
16
Vgl. WA.TR 6, 24,38–25,4 (Nr. 6535) 📖: «Wenn er [Gott] nicht immerdar uns erhält, so hilft uns auch das aller höheste Erkenntniß und die beste Theologie nichts, so wir erreichen und haben mögen. Denn wenn das Stündlin der Anfechtung kömmet, so ists in einem Hui und gar balde geschehen, daß uns der Teufel durch seine List hinweg reißet, ja auch die Sprüche, damit wir uns trösten sollen […]»; WA.TR 4, 579,7ff. (Nr. 4915): «Ich habe aber in meinen großen Anfechtungen und Kämpfen wider den Teufel aus der Schrift gelernt und bins gewiß, daß Christus, wahrer natürlicher Gott, sei auch Mensch geworden. […] Denn in hohen Anfechtungen hat mir nichts besser geholfen, als daß ich mich dessen getröstet und den Teufel damit abgewiesen habe, daß Christus, der wahre, ewige Sohn Gottes, unser Fleisch und Gebein ist […]. Wenn ich diesen Schild des Glaubens ergreife, so hab ich den Böswicht mit seinen feurigen Pfeilen bald verjagt»; WA.TR 1, 66,35–39 (Nr. 141): «Ich hab keine größer und schwerer gehabt denn von meinem Predigen, daß ich gedacht: dies Wesen richtest du Alles an! In der Anfechtung bin ich oft dahin gangen, in die Hölle hinein, bis mich Gott wieder heraus gerückt und getröstet hat, […]. Aber es kostet viel, ehe einer diesen Trost bekömmt; […].»↩
17
Kritische Anspielung auf den damaligen Gesundheitskult, der auch die Sprache prägte. Vgl. z. B. aus der Rundfunkansprache Hitlers am 22.7.1933, dem Vorabend der Kirchenwahlen: «Entscheidend für die Existenzberechtigung von Kirche und Staat ist die seelische und körperliche Gesunderhaltung der Menschen; denn ihre Vernichtung würde sowohl das Ende des Staates als auch das Ende der Kirche bedeuten» (DKPDR I, S. 120 📖). Oder: «Unsere Kirchengemeinden sollen Zellen der Gesundung im kranken Volkskörper sein» (K. Themel, Sozialfragen, in: Volk und Kirche. Die amtlichen Berichte der ersten Reichstagung 1933 der Glaubensbewegung «Deutsche Christen» [Schriftenreihe der «Deutschen Christen», 4], Berlin 19332, S. 35–39, Zitat S. 37 📖).↩
18
Anspielung auf S. Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode. Eine christliche psychologische Erörterung zur Erbauung und Erweckung (1849), Gesammelte Werke, Bd. 8, Jena 1911. 📖↩
19
Gemeint ist Luthers Auftritt vor dem Reichstag in Worms am 17. und 18. April 1521 mit der berühmten Verweigerung des Widerrufs (s. oben, S. 87, Anm. 61).↩
20
Ende September / Anfang Oktober 1529 fand in Marburg auf Anregung des Landgrafen Philipp von Hessen ein Religionsgespräch der führenden reformatorischen Theologen über das Abendmahlsverständnis statt, in dem es zum endgültigen Bruch zwischen Luther und den reformierten Theologen in dieser Frage kam. Luther  selbst war vom 1. bis 3. Oktober an den Hauptverhandlungen beteiligt.↩
21
Während des Augsburger Reichstags von 1530 befand sich Luther, der als Geächteter nicht erscheinen konnte, auf der Veste Koburg und hielt von dort aus Verbindung zu den lutherischen Theologen, die am Reichstag teilnahmen und dort über die Confessio Augustana verhandelten.↩
22
«Der starke Haß, welchen Luther seinerzeit gegen Erasmus hegte, war keineswegs von zufälliger oder persönlicher Art; es war der Haß des Ehrenmannes gegen den zweifelhaften Charakter, des treu und schlicht empfindenden Volksmannes gegen den mit einer falschen Politur versehenen Geist» (J. Langbehn, Rembrandt als Erzieher (1890), Leipzig 189644, S. 187 📖). «Der Beiname Volksmann ist für Luther nicht schmeichelnde Anerkennung, sondern Ausdruck höchster Verehrung» (W. Mühlner, Der Mensch der Gegenwart und Luther, in: Das Eisleber Lutherbuch, hrsg. von H. Etzrodt / K. Kronenberg, Eisleben 1933, S. 73–81, Zitat S. 79 📖). Vgl. auch Br. Violet, Luther der Volksmann (Volksschriften des Evangelischen Bundes, 19), Berlin 1925 📖; G. Portig, Martin Luther. Zur Erinnerung an den größten deutschen Volksmann und zur Feier seines 400jährigen Geburtstages, Leipzig [1883]. 📖↩
23
Vgl. etwa A. E. Berger, Martin Luther in kulturgeschichtlicher Darstellung, Teil 2: Luther und die deutsche Kultur, 2. Hälfte, Berlin 1919, S. 443 📖: «Luther ist bei den Andeutungen solcher Gedanken stehen geblieben, weil er als Willens- und Tatmensch viel zu sehr Gelegenheitsdenker war, um der ­Ideenentwicklung als solcher sich hingeben zu können». Vgl. auch: Luther – der Held des Wortes und der Tat (Führer und Wege zu völkischer Eigenart und deutscher Größe), Berlin 1933. 📖↩
24
«Hie sprichstu villeicht zu mir: Warumb lerestu denn mit deinen büchern ynn aller wellt, so du doch allein zu Wittemberg Prediger bist? Antwort: Ich habs nie gern gethan, Thu es auch noch nicht gern. Ich bin aber ynn solch ampt erstlich gezwungen und getrieben, da ich Doctor der heiligen schrifft werden muste on meinen danck. Da fieng ich an als ein Doctor […] ynn einer gemeinen freien hohen schulen, wie einem solchen Doctor nach seinem geschwornen ampt gebürt, für aller wellt die schrifft aus zulegen und yederman zu leren» (M. Luther, Der 82. Psalm ausgelegt [1530], WA 31/I, 183–218, Zitat 212,6–13 📖). Vgl. außerdem WA.Br 1, 467,66; 2, 255,54; 12, 369,57 📖; WA 6, 405,1 📖; 7, 161,8; 162,9 📖; 28, 248,24f. 📖; 34/II, 167,11 📖; 48, 674,16 📖.↩
25
Der Vergleich findet sich bei den Humanisten Eobanus Hessus (nach dem Reichstag zu Worms 1521) und Euricius Cordus (1525) (vgl. H. Preuß, Martin Luther. Der Prophet, Gütersloh 1933, S. 62 📖). Auch auf einem Holzschnitt, der als Werk Hans Holbeins d. J. gilt, wird Luther 1522 als Herkules dargestellt (abgedruckt in: Lutherbildnisse, ausgewählt und erläutert von H. Preuß, 2. Aufl., Leipzig o. J., S. 52 📖). Von Luther als einem «Herkules», der den «geistlichen Despotismus» angegriffen habe, sprach noch J. G. Herder, Briefe zur Beförderung der Humanität, Nr. 18 (1793), Sämtliche Werke, hrsg. von B. Suphan, Bd. 17, Berlin 1881, S. 87–91, Zitat S. 87 📖.↩
26
Nach Herder, ebd. 📖, gab Luther «ganzen Völkern, und zwar zuerst in den schwersten, den geistlichen Dingen den Gebrauch der Vernunft wieder». Vgl. die Widmung, die J. A. L. Wegscheider seinen Institutiones theologiae christianae dogmaticae, Halle 1817 📖 (vgl. dazu Prot.Theol., S. 428 📖), voranstellte: «Piis manibus Martini Lutheri, viri immortalis memoriae, veritatis evangelicae vindicis, libertatis cogitandi assertoris, tyrannidis pontificiae eversoris, […].»↩
27
Gemeint ist die Zeit des Liberalismus. Vgl. etwa E. Troeltsch, Luther, der Protestantismus und die moderne Welt (1907/08), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 4: Aufsätze zur Geistesgeschichte und Religionssoziologie, hrsg. von H. Baron, Tübingen 1925, S. 202–254, Zitat S. 231 📖: «Er ragt […] in die Region des Zeitlosen und Allgemein-Menschlichen hinein, allerdings nicht durch einen über alles bisher Geschilderte hinausgehenden philosophischen Hintergrund der Lehre oder durch unausgeführte, am Widerstand der Masse scheiternde Ideen, sondern durch die Ursprünglichkeit und Kraft seines religiösen Erlebnisses.» Noch 1921 schrieb Troeltsch über Luthers reformatorische Erkenntnis, «daß der Kern der Entdeckung des Evangeliums eben das Zu-sich-selbst-kommen einer starken religiösen Persönlichkeit ist» (ders., Zur religiösen Entwicklung Luthers [Rez. zu: O. Scheel, Martin Luther. Vom Katholizismus zur Reformation, Bd. 2, Tübingen 1917], in: a.a.O., S. 774–778, Zitat S. 777 📖). Vgl. auch H. Stephan, Luther in den Wandlungen seiner Kirche, Gießen 1907, S. 1–3.130–133. 📖↩
28
Vgl. oben, Anm. 4.↩
29
«Und ob ich mich einen Euangelisten von gotis gnaden nennet, trawet ich dasselb ehe zu beweyßen, denn ewr einer seinen bischofflichen titel oder namen beweyßen kund, byn des gewiß, das mich Christus selbs also nennet und dafür hellt» (M. Luther, Wider den falsch genannten geistlichen Stand des Papsts und der Bischöfe [1522], WA 10/II, 93–158, Zitat 105,19–106,2 📖). Vgl. außerdem WA 18, 327,30 📖; 30/III, 366,26 📖; WA.Br 2, 455,43. 📖↩
30
Siehe unten, S. 526, Anm. 50.↩