Anlässlich des anstehenden Lutherjubiläums bat Franz Alfons Gayda1 von der
«Gesellschaft für Deutsches Schrifttum» in Berlin
Barth am 19. September 1933 um einen Leitartikel, den die Gesellschaft verschiedenen Zeitungen
zum Abdruck vermitteln wollte. Ein solcher sei, so Gayda, «notwendig innerhalb des
Festgeräusches, das am 10. November in Deutschland sein wird».2 Obwohl Barth nicht abgeneigt war, einen solchen Artikel zu verfassen, zögerte
er mit der Zusage, weil Gayda ihn gebeten hatte, besonders «den deutschen Charakter und die
deutsche Sendung»3 Luthers darzustellen. Barth schrieb daraufhin an Gayda: «Ich weiß
nun wohl, dass damit etwas in sich Sinnvolles gemeint sein kann, aber ich bin dennoch der
Meinung, dass man den Reformator, wie er wirklich
war, den Lehrer der christlichen Kirche, unter dem Gesichtspunkt seiner Deutschheit nicht zu Gesicht bekommt. Und
gerade dem heute herrschenden und das schon angebrochene und noch bevorstehende Jubilieren
sicher beherrschenden Fragen nach Luthers Deutschheit könnte ich im jetzigen Augenblick nicht
die geringste Konzession machen. Darf ich Sie bitten, mich noch ein Wort darüber wissen zu
lassen, ob da nicht ein Missverständnis hinsichtlich meiner Person und Stellung
obwaltet[?]»4 Dass ein solches Missverständnis nicht vorlag,
stellte Gayda in seiner Antwort klar: «ich […]
habe zunächst zu sagen, daß ich sehr wohl weiß, an wen ich |479 meine
Bitte um Mitarbeit richte», und bekräftigte zugleich seine Bitte.5
Barth schloss den Aufsatz am 15.10. ab.6 Zur Vorbereitung habe er – so Barth in einem Brief an
Thurneysen – «nur einen Band Tischreden
durchlesen» können. Dementsprechend sei es «diesmal, wie es ja schließlich zu einem
Jubiläums-Aufsatz passt, ein bisschen biographisch oder charakterologisch geworden».7
Gayda bedankte sich für die Zusendung des Artikels mit den Worten, dieser sei
«ganz so ausgefallen», wie er ihn erwartet habe, und kündigte an, es würden «wahrscheinlich
[…] 10 Blätter es wagen, eine solche Äußerung zu veröffentlichen», unter ihnen die «Deutsche
Allgemeine Zeitung» Berlin, die «Münchner Zeitung» und die «Neue Zürcher Zeitung».8 Die Verbreitung des
Aufsatzes lief ausschließlich über die Gesellschaft für Deutsches Schrifttum. Als Gottfried
Traub den Artikel für die von ihm herausgegebenen
«Eisernen Blätter» bei Barth anforderte, verwies dieser ihn an Gayda.9
Das Manuskript des Aufsatzes ist nicht erhalten. Abgedruckt wurde er unter
anderem in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 154, 10.11.1933, Morgenausgabe Nr. 2034, S. 1f
📖.;
Unterhaltungsblatt der Deutschen Allgemeinen Zeitung, Nr. 490, 5.11.1933
📖 (leicht gekürzt
unter dem Titel: «Das Geheimnis um Luther»10); Eiserne Blätter, Jg. 15, Nr. 47, |480
19.11.1933, S. 601–604
📖 (redaktionell stark bearbeitet unter dem Titel: «Das Rätsel um Luthers
Gestalt»).
Barth ließ den Aufsatz schließlich – Karl Gerhard Steck hatte ihn auf diese Idee gebracht11 – auch selbst in
Lutherfeier 1933 (ThExh 4), München 1933, S. 8–12
📖 erscheinen. Dieser Fassung folgt
der untenstehende Abdruck.
Luther
Der Mann, dessen Gedächtnis am 10. November gefeiert werden soll, ist schwerer verständlich und Wenigeren zugänglich,
als man es in diesen Tagen wahrhaben12 wollen wird. Die Warnung ist am Platze, dass man ihn mit der symbolischen
Gestalt, die jetzt in den Kirchen und auf dem Markt festlich sichtbar werden wird, nicht
verwechseln soll. Ein ernstes Luthergedächtnis würde sich wohl vor allem an dem Luther der
meisten Lutherfeiern vorbei freie Bahn brechen müssen.
Luthers Wort, Haltung und Werk sind Zeuge der unerhörten Sammlung, in der dieser Mensch
gelebt haben muss. Er konnte sich wohl auch gehen lassen. Nur umso deutlicher blitzt auch in
seiner Zerstreuung die Einheit auf, die sein Denken und Wollen dauernd zerbricht und neu
formt. Die aus dieser Sammlung folgende Geschlossenheit seines Bildes wird viel bewundert und
sie ist bewun|481dernswert. Sie ist aber keine Form, die von ihrem
Inhalt zu trennen wäre. Luther selbst nannte das Eine, um das er gesammelt war, «Christus»
oder «das Evangelium» oder «das Wort Gottes». Man muss die Geschlossenheit seines Bildes schon von
daher sehen oder man sieht sie gar nicht. Von daher gesehen erscheint sie aber jedenfalls auch
als eine fremdartige, unheimliche, gefährliche Geschlossenheit. Sie ruht nicht in sich selber.
Sie weist über sich selbst, aber damit auch über alle anderen menschlichen Geschlossenheiten
hinaus. Sie ist im strengen Sinn des Begriffs exzentrisch. Sie ist die Geschlossenheit eines
angestrengt hörenden Menschen. Das unterscheidet sie von der Geschlossenheit, die uns wohl
auch im Bilde eines Mönches, eines Staatsmannes, eines Philosophen begegnen mag.
Dicht13
daneben ist es die fast robust wirkende und doch immer wieder erquickliche seelische
Gesundheit des Mannes, die uns in Staunen versetzt. Das Exzentrische seiner Sammlung macht ihn
weder zum Grübler, noch zum Begeisterten, noch zum Entrückten. Luther hebt sich von seinen katholisch, humanistisch, enthusia9stisch, reformatorisch gesinnten Zeit- und Weggenossen fast durchweg nur schon dadurch ab,
dass er in seinen Stellungnahmen und Entscheidungen unverhältnismäßig viel mehr ruhigen
sicheren Instinkt verrät. Luther war beneidenswert praktisch, ein gescheiter Bauer, möchte man
sagen, von innen heraus gewöhnt, die Dinge und die Menschen auf der direktesten Linie zu
verstehen und anzufassen. Aber ohne um den Abgrund zu wissen, an dem dieser Mann wandelte,
würde man ihn auch hier seltsam missverstehen. Derselbe Mann dachte doch unpraktisch genug, um
den Willen jedes Menschen für einen unfreien und zwar durch die Sünde völlig und restlos
geknechteten Willen zu halten.14 Derselbe
Mann behauptete, den Teufel besser zu kennen als alle seine Freunde
und Feinde.15 Derselbe Mann erklärte immer wie|482der, von
«Anfechtungen»
herzukommen, denen gegenüber er in sich selbst keinen Halt gefunden.16 Wie «ungesund»17 das alles! Widersprüche?
Nein, das eben ist Luthers Gesundheit, dass er an dieser Krankheit zum Tode18 [vgl. Joh. 11,4] leidet!
483 Luther war einfältig. Viel von dem Geheimnis, das
ihn auch inmitten der großen und echten christlichen Theologen vor und nach seiner Zeit umgibt
und seltsam auszeichnet, beruht in der Tatsache, dass er immer gerade in den kritischen
Momenten seines Lebens (die mehrfach zugleich kritische Momente der ganzen Kirchen- und
Weltgeschichte waren, etwa in Worms19, in Marburg20, auf der Koburg21) und immer
gerade zu den schwersten Fragen des Glaubens und des Lebens ganz einfach sich zu geben, ganz
einfach zu reden wusste, einfach wie ein Kind, das ein auswendig gelerntes Sprüchlein aufsagt
und in diesem Augenblick nichts anderes zu sagen weiß als eben dieses Sprüchlein. Man denke an
gewisse unvergessliche Formulierungen etwa des kleinen Katechismus! Aber wer sich schon darum
bemüht hat, Luthers Stellungnahmen und Meinungen nun wirklich zu verstehen, der weiß etwas
davon zu sagen, dass dieser Mann seine Einfalt nicht billig erworben hatte und darum bis auf diesen
Tag nicht billig hergibt. Scheint er nicht immer noch um eine Ecke weitergedacht zu haben, wo
auch die scheinbar Komplizierteren (wie etwa sein kluger Melanchthon) zu denken aufhörten? Ist er nicht in Wahrheit doch differenzierter
und dunkler als etwa Thomas von Aquino oder
Schleiermacher? Ist es ein Zufall, dass vielleicht
auf keinem Gebiet der Kirchengeschichte der Auslegungs- 10 und auch der
Irrtumsmöglichkeiten (selbst bei gutem Willen und großer Kunst) so viele sind wie auf dem
Gebiet der Lutherforschung? Man weiß nicht, was man |484 tut, wenn man Luthers Schlichtheit rühmt, ohne seine Subtilität zu
kennen. Und man fälscht Luther, wenn man ihn als antiintellektualistischen Volksmann22 und Tatmenschen23 darstellt, ihn, der nun gerade nichts anderes sein
wollte als ein rechtschaffener «Doktor der heiligen Schrift»24, nichts anderes
als – Professor. Gerade als Theologieprofessor war er jener Einfalt fähig und teilhaftig!
Keiner seiner kindlichen Sprüche war ein Schlagwort und nie und nimmer wird das, was er meinte
und wollte, in Schlagworten richtig wiederzugeben sein.
Etwas vom Größten aber auch vom Seltsamsten an Luther ist die Gewissheit, in der er gelebt, aus der er gehandelt und mit
der er geredet hat. Er ist seiner Sache in einer geradezu aufreizenden, aber endlich und
zuletzt doch immer wieder überzeugenden Weise sicher |485 gewesen. Was
die eigentümliche Gewalt seiner Sprache ausmacht, das dürfte hier seinen Ursprung haben. Man
hat Luther gerade von dieser Seite schon in allen Tonarten gepriesen und nachzuahmen versucht.
Welcher moderne Kirchenmann welcher Richtung möchte nicht wenigstens ein ganz klein wenig
«Luther in Worms» in eigener Person auf den Plan
führen? Aber die echte lutherische Gewissheit lässt sich nicht nachahmen. Sie wurzelte bei
Luther selbst in einem dem modernen Menschen und auch und gerade dem modernen Kirchenmann sehr
fremden bindenden Wissen um die Dinge jener ganz bestimmten Ordnung, die sein Zentrum
bildeten. Wer mit Luther und wie Luther gewiss sein
wollte, der müsste jenseits von allen noch so ehrlichen Überzeugungen «Gottes Wort» für sich
haben. Und dann müsste er es wagen, sich von dieser Instanz in die strengste Einsamkeit weisen
zu lassen. Dann würde er in der Wahl zwischen Klugheit und Weisheit keinen Augenblick
schwanken dürfen. Dann müsste er es ertragen, sich von allen Seiten fragen zu lassen: ob er
denn meine, ganz allein recht zu haben und alle anderen ins Unrecht versetzen zu können? Dann
müsste er sich nicht nur schelten lassen, sondern er müsste sich, was noch schwerer ist,
getrauen, selber mit großer Kraft zu schelten, zu fluchen, zu verdammen, Lüge Lüge und Greuel
Greuel zu heißen ohne Rücksicht und Empfindsamkeit, ohne jegliche Bereitschaft, Parlamen11täre zu empfangen – um der gewissen Wahrheit und gerade darum um der Liebe
willen. So war es mit der echten lutherischen Gewissheit bestellt und so auch mit der
ebenfalls viel besprochenen Freudigkeit, die Luther um dieser seiner Gewissheit willen in der
Tat eigen war. Verschiedene kleine «Luther in Worms» von heutzutage würden ja vor Entsetzen einfach umfallen, wenn sie
wüssten, mit was sie da spielen!
Alles Gesagte soll nur ein fragmentarischer Hinweis sein mit dem Zweck, zu der Frage
anzuregen, welche Kategorie wohl die rechte sein möchte, um die Erscheinung Luthers zu fassen.
Es gab eine barocke Zeit, die feierte ihn als eine Art geistlichen
Herkules.25 Es gab |486 eine
spätere Zeit, die feierte ihn als kühnen Träger des reinen Vernunftlichtes.26 Es gab eine andere Zeit
– und sie ist noch nicht fern, die feierte ihn als «religiöse Persönlichkeit» ersten Ranges.27 Heute dürfte aus naheliegenden
Gründen vor allem Luther «der große Deutsche» an der Reihe sein.28 Das Alles verantworte vor dem wirklichen Luther, wer da kann und mag. Die
Zeiten nehmen sich offenbar das Recht, aus Luther (auch aus Luther!) je ihr eigenes Symbol zu
machen. Ob sie das Recht haben, indem sie es sich nehmen, ist eine andere Frage. Es gibt
jedenfalls eine von den Zeiten und Zeitgeistern unabhängige Kategorie für Luther, auf die man
sich immerhin auch heute besinnen kann. Ob sie die einfachste oder die schwierigste ist, mag
hier unerörtert bleiben. Sie ist vielleicht beides. Was wollte denn Luther in und mit dem
vielen, was er getan und gesagt hat? Wenn es wahr ist, dass er schließlich nur als ein treuer
Knecht [vgl. Lk. 17,7–9] das merkwür|487dige Buch des Alten und des Neuen Testamentes lesen und auslegen und als Leser und
Ausleger dieses Buches dies ans Licht stellen wollte, dass es dem Menschen gut ist, zu
glauben, will sagen: seine Gerechtigkeit ganz und gar in Gott zu suchen, weil Gott ganz und
gar entschlossen ist, mit seiner Gerechtigkeit für den Menschen einzutreten – wenn das wahr
ist, was ist Luther dann anderes gewesen als ein Lehrer der christlichen Kirche, den man dann schwerlich anders
feiern kann als indem man ihn hört. Oder vielmehr: indem man das hört, was er selber gehört
und darum zu sagen hat. Ich wüsste nicht, wie ich mit den angedeuteten Rätseln der wirklichen
Gestalt Luthers einigermaßen fertig werden, und ich wüsste schließlich auch nicht, was ich mit
dem ganzen merkwürdigen Mann anfangen wollte, 12 wenn ich ihn anders
verstehen und ehren wollte denn als den «Evangelisten», als den er sich selber gerne
bezeichnet hat.29 Fasse es,
wer es fassen kann [Mt. 19,12]: dass es
neben all den Kategorien, unter denen man «große Männer»30 verstehen kann, auch diese gibt, die nun
freilich die Eigenschaft hat, den Begriff des «großen Mannes» aufs Gründlichste
aufzuheben.