Oktober 1933

Vorwort [zu: Für die Freiheit des Evangeliums]

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VORWORT
[ZU: FÜR DIE FREIHEIT DES EVANGELIUMS]

1933

Im Anschluss an das ereignisreiche Sommersemester 1933 verbrachte Karl Barth die Monate August und September im «Bergli», dem Sommerhaus des befreundeten Ehepaares Pestalozzi 1 oberhalb von Oberrieden am Zürichsee.

Hier, am Gründungsort der Zeitschrift «Zwischen den Zeiten»,2 reifte in diesen Monaten der Entschluss, die Mitarbeit daran endgültig einzustellen.3 Parallel dazu muss auch der Plan entstanden sein, der Schrift Theologische Existenz heute! weitere Broschüren in einer eigenständigen Reihe folgen zu lassen.4

Zunächst war daran gedacht, im zweiten Heft dieser neuen Reihe zwei Reden Barths zu veröffentlichen: «Vorderhand möchte ich jetzt meine Wahlrede vom Juli und den Meiringer Vortrag druckfertig machen (beide liefen eben nur nach Notizen) als zweites Heft unsrer mit der 8. Auflage der ‹Existenz› soeben feierlich gestarteten Neugründung.»5 Unmittelbar nach dem 16. Oktober, dem Datum dieser Mitteilung, muss Barth umdisponiert und das Vorwort geschrieben haben, denn schon in einem Brief vom 19. Oktober teilte Charlotte von Kirschbaum mit: «Ich lege auch noch das Vorwort zur ‹Wahlrede› bei, die nun also allein Heft 2 darstellen soll.»6

489 Das in der ersten Novemberhälfte 1933 erschienene, ebenfalls mit «Für die Freiheit des Evangeliums» betitelte Heft stieß aber trotz der im Ganzen positiven Aufnahme der neuen Reihe auf ein deutlich geringeres Interesse als das erste Heft: «Wir bekommen von verschiedenen Seiten erfreute Zuschriften über das Bestehen dieser neuen Hefte, und wenn auch speziell Heft 2 vielleicht nicht in dem Maße begehrt wird wie Heft 1, so ist die Nachfrage nach Heft 3, dem Berliner Vortrag, anscheinend wieder eine große.»7 Als Konsequenz daraus sollte das Erscheinen weiterer Hefte beschleunigt erfolgen, denn: «es war vielleicht schon für Heft 2 ein kleiner Nachteil, dass der Vortrag schon im Juli gehalten war».8

Von dem hier wiedergegebenen Vorwort sind keine Vorarbeiten erhalten.9 Abgedruckt wurde es in: Für die Freiheit des Evangeliums (ThExh 2), München 1933, S. [2]. 📖

Vorwort

Den Inhalt der folgenden Blätter bildet eine Rede, die ich an einer öffentlichen Kundgebung am 22. Juli 1933, dem Vorabend der Kirchenwahlen, in Bonn gehalten habe.10 Ich habe sie an Hand von zwei stenographischen Wiedergaben11, ohne den sachlichen Gehalt zu verändern, für den Druck in Ordnung gebracht und da und dort ergänzt. Die Absicht dieser Drucklegung ist vor allem, die Vielen zu grüßen, die mir brieflich ihre Teilnahme an der Schrift «Theologische Existenz |490 heute!»12 ausgesprochen haben und denen ich meistens nicht persönlich antworten konnte.13 Ich kann das Dasein so vieler in dieser Sache Einverstandener nicht anders deuten als dahin, dass die evangelische Kirche in Deutschland noch in anderer Weise vorhanden und auch sichtbar ist, als es nach den Zeitungsnachrichten erscheinen könnte. Dieser «ecclesia abscondita»14 wird es nichts ausmachen, wenn ich diese Rede – wahrlich nicht etwa als «historisches Dokument»! – ausgehen lasse, als ob ich von allen den bedeutenden Dingen, die sich seither zugetragen haben,15 nichts wüsste. Den verschiedenen «Deutschen Christen», die gegen meine erste Schrift Broschüren und Artikel verfasst haben,16 habe ich nichts mitzuteilen als dies, dass mir ihre Einwürfe und Proteste keinerlei Eindruck gemacht haben. «Groß |491 Macht und viel List...!»17 Aber gerade darum sind die Füße, auf denen ihre Sache steht, tönerne Füße [vgl. Dan. 2]!

Bonn, im Oktober 1933.

Sachfußnoten

1
Rudolf Pestalozzi (1882–1961), Besitzer einer Eisenhandelsfirma in Zürich, war seit 1914 verheiratet mit Gerty, geb. Eidenbenz (1893–1978). Vgl. Busch, S. 87. 📖↩
2
Vgl. a.a.O., S. 158. 📖↩
3
Siehe unten, S. 493f.↩
4
Vom «Plan einer zweiten Broschüre» war gegenüber Albert Lempp schon im August die Rede (Brief Ch. von Kirschbaums an Lempp vom 14.8.1933 [KBA 9233.195; Br. 1933, S. 319 📖]).↩
5
Brief Barths an E. Thurneysen vom 16.10.1933 (KBA 9270.603; Br. Th. III, S. 516 📖). Gemeint sind die Reden Für die Freiheit des Evangeliums 📖 (s. oben, S. 390–412) und Sorge und Hoffnung der Kirche heutzutage 📖 (s. oben, S. 413–421).↩
6
Brief Ch. von Kirschbaums an Thurneysen vom 19.10.1933 (KBA 9270.604; Bw.Th. III, S. 526 📖).↩
7
Brief Ch. von Kirschbaums an A. Lempp vom 17.11.1933 (KBA 9233.326; Br. 1933, S. 517f. 📖). Bei dem erwähnten Berliner Vortrag handelt es sich um Reformation als Entscheidung 📖 (s. unten, S. 516–550).↩
8
Ebd. (Br. 1933, S. 518 📖).↩
9
Erhalten ist lediglich die Druckfahne (KBA, Dokumente und Materialien 1933–35), an der eine kleine Fehlerkorrektur in Barths Handschrift vermerkt ist.↩
10
Für die Freiheit des Evangeliums [Rede] 📖 (s. oben, Anm. 5).↩
11
Im KBA erhalten sind lediglich Typoskripte, nicht mehr die ihnen zugrundeliegenden Stenogramme. Ein Typoskript ist mit «Hans Weidmann» gezeichnet, die anderen – untereinander sehr ähnlichen Typoskripte – sind nicht namentlich zugeordnet. Vgl. oben S. 393.↩
12
Siehe oben, S. 271–363.↩
13
Barth erhielt nach dem Erscheinen von Theologische Existenz heute! 📖 zahlreiche, ganz überwiegend zustimmende Briefe von Kollegen, Pfarrern und auch Laien. Siehe oben, S. 278f.↩
14
M. Luther, De servo arbitrio, WA 18, 551–787, Zitat 652,23. 📖↩
15
Schon am 23. Juli 1933 hatte die Jungreformatorische Bewegung beschlossen, ihre kirchenpolitische Tätigkeit zu beenden. Parallel dazu begann – zunächst lokal um einzelne Persönlichkeiten herum – die Sammlung bekenntnistreuer Pfarrer und Gemeindeglieder; im August entstand die ursprüngliche Fassung des «Betheler Bekenntnisses» (s. oben, S. 422–477). Mit den nach den Kirchenwahlen gebildeten sogenannten «braunen Synoden» hatten die Deutschen Christen im August und September faktisch die Macht in den evangelischen Landeskirchen – mit Ausnahme Bayerns, Hannovers und Württembergs – übernommen, die Synoden entmachtet und Kirchenführer aus ihren Reihen eingesetzt. Am 27. September 1933 wählte die abschließende Nationalsynode Ludwig Müller zum Reichsbischof. Der Widerstand der Opposition, der sich insbesondere daran entzündete, dass die «braunen Synoden» den «Arierparagraphen» auf den Bereich der Kirche übertragen hatten, führte am 11. September 1933 zur Gründung des Pfarrernotbundes unter der Leitung Martin Niemöllers (vgl. zum Ganzen Scholder I, S. 575–626 📖).↩
16
Zu nennen sind besonders die Artikel bzw. Broschüren von E. Hirsch, Das kirchliche Wollen der Deutschen Christen. Zur Beurteilung des Angriffs von Karl Barth, in: ders., Das kirchliche Wollen der Deutschen Christen, Berlin 19332, S. 5–17 📖; K. Leese, Katakomben-Theologie, in: Deutsche Rundschau, Jg. 59 (1933), S. 84–87 📖; E. Seeberg, Warum gehe ich nicht mit Barth?, in: EvDt 10 (1933), S. 274f. 📖; G. Wobbermin, Karl Barths Angriff auf die Glaubensbewegung «Deutsche Christen», in: EvDt 10 (1933), S. 275f. 📖; Fr. Tügel, Unmögliche Existenz! Ein Wort wider Karl Barth, Hamburg 1933. 📖↩
17
Aus Strophe 1 des Luther-Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» (EG 362,1; RG 32,1) 🎵.↩