Mit dieser Erklärung, der sich eine parallele Verlautbarung Eduard
Thurneysens anschloss,1 wollte Barth ursprünglich nur seine eigene Mitarbeit bei
«Zwischen den Zeiten»
einstellen. Der Abschied Barths und Thurneysens von der Zeitschrift wurde dann jedoch zugleich
zum Abschied der Zeitschrift von ihrer Leserschaft. In dem kurz vor Weihnachten ausgelieferten
letzten Heft des Jahres 1933 gab Georg Merz als
Schriftleiter im Anschluss an beide Darlegungen das Ende der Zeitschrift bekannt.2
Aus Barths Darstellung geht hervor, dass die Trennung von den einstigen
Weggefährten Friedrich Gogarten und Emil Brunner eine längere, in die zwanziger Jahre zurückreichende
Vorgeschichte gehabt hat. Es verdient auch Beachtung, dass Barth bereits im Januar 1933 –
also noch vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten
– das Ende der Arbeitsgemeinschaft des Kreises um «Zwischen den Zeiten» gekommen sah und sich
mit einer «Neuordnung der Angelegenheit ZdZ» beschäftigte. Schon dabei stellte er die
Möglichkeit zur Diskussion, «auf Ende des jetzt beginnenden Jahrgangs überhaupt Schluss [zu]
machen».3 Unmittelbarer Auslöser für solche
Erwägungen war ein erstes Echo Brunners auf den Ende 1932 erschienenen ersten Teilband der
Kirchlichen Dogmatik
📖 gewesen, in dem dieser Barth gegenüber erklärt hatte, «dass wir ungefähr
in der entgegengesetzten Richtung weitergehen».4 Barth antwortete Brunner am 10. Januar 1933,
es dränge sich ihm immer mehr die Überzeugung auf, «dass es sich […] längst nicht nur um
einen Gegensatz der Methode und Schreibweise, sondern um einen auf der ganzen Linie
stattfindenden Gegensatz in der Sache handelt».5 Und er fügte hinzu: «Das Jahr 1932 hat für mich die schmerzliche Bedeutung,
dass mir dies nun sowohl dir wie Gogarten
gegenüber so klar geworden ist, wie einem etwas derartiges klar |493
werden kann.»6 Gegenüber Georg Merz brachte Barth wenig später schon sein grundsätzliches Bedenken deutlich und
mit im Oktober wieder aufgenommenen Formulierungen zum Ausdruck: «Ich bin es leid, hier nach
außen den Anschein einer Gemeinschaft zu erwecken oder zu unterstützen, die ich als durch die
tatsächliche Entwicklung der Dinge gebrochen ansehen muss, und damit so und so viel
gutmütigen Leuten Anlass zu geben zu dem Irrwahn, als ob sie sich in aller Behaglichkeit
miteinander das, was ich vertrete, und
Brunners
Anknüpfungspunkt und Oxfordbewegung
und
Gogartens
Schöpfungsordnungen samt Ständelehre, Polis etc. gefallen lassen und als ‹irgendwie›
berechtigte ‹Anliegen› aneignen
könnten unter dem vagen Obertitel einer ‹biblisch-reformatorischen› Theologie.»7 Die weiteren im Januar 1933 zwischen Barth,
Thurneysen, Gogarten, Brunner und Merz
gewechselten Briefe und ein abschließendes Gespräch Barths mit Albert Lempp führten schließlich zu der Entscheidung, von Heft 1
des Jahrgangs 1933 an die Mitarbeiterschaft Barths, Gogartens und Thurneysens auf der
Titelseite nicht mehr explizit zu erwähnen.8 Das Ende der Zeitschrift schien noch einmal abgewendet worden zu
sein.
Die Ereignisse des Jahres 1933 konnten die Konflikte im Herausgeberkreis jedoch
nur verstärken. Vor allem der ihm im August bekannt gewordene Beitritt Gogartens zu den Deutschen Christen und die von ihm
zunehmend als taktierend empfundene Haltung von Merz9 bewogen Barth dazu, auf klare Entscheidungen zu drängen. |494 Aber auch bei Merz hatte sich der Eindruck verdichtet, dass die Zeitschrift so
nicht mehr weitergeführt werden könne. Auf Anregung von Lempp fanden sich Barth, Thurneysen, Merz und Lempp – Gogarten war nicht gekommen – am 30. September
1933 noch einmal zu einer Sitzung in München zusammen, um alle Möglichkeiten einer Weiterführung von «Zwischen den
Zeiten» auszuloten.10 Die von Barth intendierte Trennung von Gogarten und eine damit verbundene «neue Konstituierung von Z.d.Z.»11 scheiterten am auf
Vermittlung bedachten Einspruch von Merz. Aber es
sah so aus, als gebe es für die Zukunft der Zeitschrift doch noch eine Hoffnung: Barth und
Thurneysen würden aus der Zeitschrift ausscheiden (deshalb «Abschied») und ihre Arbeiten
separat in zwangloser Folge unter dem Titel «Theologische Existenz heute» erscheinen lassen.
Sie sollten aber alles unterlassen, was dieser Reihe den Charakter einer «Gegengründung»12 verleihen würde, und – so jedenfalls die Hoffnung von Merz
– zu einer späteren Zeit wieder in den Herausgeberkreis zurückkehren. Für das in Vorbereitung
befindliche nächste Heft sollte eine «Erklärung» verfasst werden, «in welcher dem Leser
gesagt wird, um was es nun geht, und gleichzeitig gesagt wird, dass nach dem Willen aller
Beteiligten Z.d.Z. weiterlaufe».13 Offensichtlich dachte man dabei an eine von Barth, Thurneysen und dem Schriftleiter Merz zu gleichen Teilen verfasste redaktionelle Mitteilung
an die Leserschaft.
Die von Barth unter dem Titel «Abschied» verfasste Erklärung trägt das Datum
des 18. Oktober 1933. Der Text kann nur zwischen dem 16. und
18. Oktober entstanden sein.14 Merz erhielt ihn aber erst |495 Anfang November. Im Begleitschreiben Ch. von Kirschbaums wird die
Verzögerung so erklärt: «Hier kommt nun also das Abschiedswort, das nun wohl schon mindestens
14 T[a]g[e] fertig da liegt. Wir haben auf Eduards Rückäußerung gewartet. Da diese leider bis
heute nicht gekommen ist, geht es nun eben so an dich ab.»15 Thurneysens
eigene – undatierte – Erklärung traf dann am 7. oder 8. November bei Merz ein; er hatte sie
zunächst an Barth geschickt, der sie durch Ch. von Kirschbaum an Merz weiterleiten ließ.16
Die Erklärungen von Barth und Thurneysen waren so entschieden und eindeutig ausgefallen, dass sich Merz außerstande sah, an der ohnehin nur schwer akzeptablen
Kompromisslösung festzuhalten. Vor allem vermisste er die von ihm erwartete klare Aussage,
dass beide die Weiterführung von «Zwischen den Zeiten» ausdrücklich wünschten. Am 9. November
erklärte er in einem Brief an Barth und Thurneysen17, am
10. November in Briefen an Gogarten und Lempp18 das Ende
der Zeitschrift. Er zog eine bereits gesetzte «Mitteilung»19 zur
Fortführung der Zeitschrift ohne Barth und Thurneysen zurück und verfasste stattdessen den
Schlussteil von «Abschied»20. Darin hieß es: «Bei
der Art, wie wir Z.d.Z. gründeten und wie wir elf
Jahre miteinander arbeiteten, ist es unmöglich, daß Karl Barth und Eduard Thurneysen in solcher Weise Abschied nehmen und wir
weiterfahren, als wenn nichts gewesen wäre. Ebensowenig könnte ich Friedrich Gogar|496ten bitten, nicht mehr mitzuarbeiten, um Karl
Barth das Ärgernis zu nehmen.»21 Der Verleger schrieb
dann am 15. November an Merz: «Es ist mir, wie
wenn plötzlich jemand ganz liebes gestorben wäre, so wenig begreiflich ist es mir, dass es
nun mit einemmal aus sein soll mit Z.d.Z. Nach all
Deinen Briefen ist es aber natürlich ausgeschlossen, dass hier noch irgendetwas geschehen
kann.»22
Barths erhaltenes handschriftliches Manuskript besteht aus fünf mit
schwarzer Tinte engzeilig beschriebenen Einzelblättern.23 Ebenfalls erhalten
ist ein Durchschlag des zehnseitigen Typoskripts24, das als
Vorlage für den Druck diente. Der Text erschien erstmals in ZZ 11 (1933), S. 536–544
📖. Barth
ließ ihn in Gottes Wille und unsere Wünsche (ThExh 7), München 1934, S. 31–39
📖, wieder
abdrucken.
Dem folgenden Abdruck liegt der Erstdruck zugrunde, dessen Paginierung durch
die zwischen senkrechten Strichen eingefügten Seitenzahlen ausgewiesen ist. Das Typoskript
weist immer wieder Ergänzungen gegenüber dem Textbestand des Manuskripts auf. Sie sind mit ˹
˺ kenntlich gemacht. Andere Textänderungen sind im textkritischen Apparat
dokumentiert.
Abschied
Als wir im Herbst 1922 «Zwischen den Zeiten» begründeten:25 Friedrich Gogarten, Eduard Thurneysen und ich mit Georg Merz als
Schriftleiter, da waren wir uns, wie wir meinten, leidlich einig in dem, was wir wollten: im
Gegensatz zu der positiv-liberalen oder liberal-|497positiven Theologie des Neuprotestantismus des Jahrhundertanfangs mit dem Menschgott, den wir als
deren Heiligtum erkannt zu haben meinten, eine Theologie des Wortes Gottes, wie sie sich uns als jungen Pfarrern von
der Bibel her allmählich als geboten aufgedrängt
hatte und wie wir sie bei den Reformatoren vorbildlich gepflegt fanden. (Der Name
«dialektische Theologie» ist uns noch im selben Jahr von irgend einem Zuschauer angehängt
worden.26) Es konnte nun schon nach der Vollendung weniger Jahrgänge unserer
Zeitschrift keinem Kundigen verborgen bleiben, dass das Verständnis jenes stillschweigend
vorausgesetzten Programms insbesondere bei Gogarten
und mir ein nicht unerheblich verschiedenes war. Aber man konnte sich eine gute Weile dabei
beruhigen und sogar daran erfreuen, dass es wohl ein Zeichen von Bewegung und Reichtum a-in unserem Kreise-a sein möchte, wenn man den Einen fast dauernd mit den philosophischen bzw. ethischen Grenzfragen der angeblichb
gemeinsamen Aufgabe, den Anderen fast ebenso dauernd mit Theologiegeschichte und Dogmatik beschäftigt sah.
Schwebte nicht schon in der allerersten Zeit die Frage in der Luft: Warum versäumst du die
notwendige Bereinigung der Voraussetzungen? Und die Gegenfrage: Wann wirst du endlich, endlich
zur Sache kommen? ˹Doch warum sollte es nicht ganz interessant und nützlich sein, sich
gegenseitig so zu fragen und fragen zu lassen?˺ Und wenn man mit den vorrückenden Jahren immer
öfter so |498 etwas wie gelegentliche implizite oder auch explizite
Polemik herüber und hinüber wahrzunehmen bekam, wenn die anthropologische Richtung des Einen mit der Zeit so unverkennbar wurde wie die
theologische des Anderen – wenn dann scheinbar oder wirklich unabhängig von diesem Gegensatz,
oder auch in bewusster Anteilnahme an der einen oder anderen Seite, Dritte und Vierte ˹und
Fünfte˺ hinzutraten und, vermeintlich immer auf dem gemeinsamen Grundton, ihr besonderes Lied
mehr oder weniger vortrefflich, erbaulich und lehrreich 537 dazwischen
sangen – nun, dann konnte und durfte das Alles in all diesen geistig bewegten, aber nicht eben
zu Entscheidungen herausfordernden Jahren wohl so sein.
Die vor fünf Jahren einmal gefallene Behauptung eines jüngeren Frechlings: dass die
Führerc der dialektischen Theologie unter sich so uneins seien wie die chinesischen Revolutionsgenerale,27 konnte als nicht übler Witz belacht
und beiseite gelegt werden. Die d-vorhandenen und uns nicht
unbewussten-d
Spannungen wurden ertragen, weil sie nicht unerträglich waren,
und sie wurden von manchen Lesern offenbar nicht nur ertragen, sondern wegen des
mannigfaltigen und gerade so anregenden Inhalts, den die Zeitschrift von daher zu bekommen schien, hochgeschätzt. Georg Merz aber, durch Natur und Gnade in gleicher Weise gerade zu solchem Amt ausgerüstet, hat in oft mühsamer und
immer entsagungsvoller Arbeit, ermunternd und ausgleichend, wo es Not tat, und auch aus seinem
Eigenen aufs Glücklichste ergänzend, die entstandene Gruppe in immer neuen Formationen
aufgestellt und vorgeführt. Und auch unser Herr Verleger28 konnte von seinem besonderen Ort
aus mit dem Gang der Ereignisse gewiss nur zufrieden sein. Es hätte vielleicht noch lange so
weitergehen können.
Die Frage, ob es in Ehren so weitergehen dürfe, hat mich in akuter Weise zum ersten Mal
jetzt vor einem Jahr und dann den ganzen |499 letzten Winter hindurch
beschäftigt. Die Leser des ersten Halbbandes meiner Dogmatik wissen um die Frage, die ich dort
an Gogarten richten zu müssen meinte – der Text
S. 128f. stammt schon aus dem Sommer 1931 und ist Gogarten damals sofort mitgeteilt
worden29 – ˹die Frage:˺
inwiefern sich seine anthropologischee
Unterbauung der Theologie nun eigentlich von der f-natürlichen Theologie-f des Katholizismus und des Neuprotestantismus noch unterscheiden möchte? Eine Antwort darauf habe ich nie
erhalten. Es erschienen aber auf dem Hintergrund der inzwischen veröffentlichten «Politischen
Ethik»30 in
Z.d.Z. 1932g die Aufsätze «Staat und Kirche»31 und «Schöpfung und Volkstum»32, die mich im Lichte jener unbeantwortetenh Frage mit einer nicht mehr zu
unterdrückenden Bekümmerung erfüllten. Wohin, wohin ging die Entwicklung, die, mit den
Untersuchungen über den echten Begriff der Geschichte
begonnen, über die Lehre vom Du |500 und Ich zu dem immer massiver
werdenden Dogma von den Ordnungen geführt hatte? In
welcher Meinung wohl˹, so fragte ich mich jetzt schon rückblickend,˺ hatte Gogarteni bereits
seiner «Religiösen Entscheidung» von 1921 das Thomaswort «Gratia non tollit naturam sed perficit»
vorangestellt?33
538 Es kam dazu, dass ich in und außerhalb unserer Zeitschrift den ebenfalls
zu unserer Gruppe gerechneten Emil Brunnerj34 eine Theologie treiben sah, die ich immer
mehr nur noch als eine unter neuen Fahnen vollzogene Rückkehr zu den – so wie ichk unseren
gemeinsamen Ausgang verstanden hatte – ˹mit Ernst˺ verlassenenl Fleischtöpfen des Landes Ägypten [vgl. Ex. 16,3], nämlich zu dem neuprotestantischen, bzw. katholischen Schema «Vernunft und
Offenbarung», wie es im Protestantismus zum
ersten Mal von der sogenannten «vernünftigen Orthodoxie» an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert
offen proklamiert worden ist,35 beurteilen konnte. Ich sah ˹aber auch˺ mit
Befremden, dass die Schar unseres m-engeren und
weiteren-m
Leserkreises und
nicht zuletzt unser Schriftleiter sich durch den
immer offenkundiger werdenden Zwiespalt durchaus nicht zu einer Entscheidung aufgerufen zu
fühlen, ja, dass sie den Zwiespalt überhaupt nicht so sehr zu empfinden schienen, sondern
n-dass sie-n sich
immer wieder ebenso gern gefallen ließen, durch meine Manifeste – so fasste man es ja wohl auf
– im Sinn des zweiten und dritten Artikels aufgerufen ˹zu
werden˺, wie durch die von Gogarten im Sinn des
ersten Artikels o-eine Art Rückversicherung |501 zu
erhalten-o.
In der vor einigen Jahren in den Verlag Chr. Kaiser übernommenen mehr
volkstümlichen Zeitschrift «Christentum und Wirklichkeit»36
p-sah ich es erst recht anschaulich zum Vorschein
kommen-p,
in welcher Dosierung und Mixtur man in
Franken37 und in anderen mittleren Gegenden
die vor 10 Jahren viel zu laut gepriesene Neuentdeckung «biblisch-reformatorischer
Einsicht»
zu verstehen und an den Mann zu bringen gedachte. Ich fragte mich in gewissen Stunden des
letzten Winters fast verzweifelt, ob denn die so entstehende Limonade nun wirklich der Arbeit
und der Kämpfe wert sein möchte, die wir an die Aufgabe einer Erneuerung des theologischen
Denkens und der kirchlichen Verkündigung seit nahezuq 20
Jahren38 gewendet zu haben meinten. Es war mir
ein Trost zugleich und eine Beunruhigung, von dem einen Eduard Thurneysen immer wieder bestätigt zu hören, dass ˹er
meine Sorge teile und dass˺ jedenfalls wir zwei es ursprünglich anders gemeint hatten als so.
Ich dachte aber noch immer, nach einer zu Beginn des laufenden Jahrgangs eingeführten leisen
Veränderung in der äußeren Aufmachung der Zeitschrift39
|502 könnte ich mit gutem Gewissen, nämlich in der immerhin nicht
unmöglichen Hoffnung auf neue Entwicklungen innerhalb des ganzen Kreises in diesem Kreis
insofern mit drinstehen, als ich meine Arbeiten nach wie vor, in der Erwartung, mindestens auch gehört zu werden, in diese nun einmal 539 aufmarschierte
Reihe stellte. Es war eben doch noch immer Friedenszeit, in welcher es als erlaubt oder sogar
geboten erscheinen konnte, in solchen Fragen der Taktik fünf gerade sein zu lassen. Aber die
letzten Monate dieser Friedenszeit sind für mich wahrhaftig nicht mehr schön gewesen.
Irgendeinmal im Laufr dieses Sommers las man dann
im «Deutschen Volkstum» das Bekenntnis Gogartens zu dem Stapelschen Theologumenon, dass das Gesetz Gottes für uns identisch sei mit dem Nomos des deutschen Volkes.40 Dass Gogarten sich wenig später mit|503samt seiner Umgebung auch kirchenpolitisch s-an die Seite von-s Ludwig
Müller und Joachim Hossenfelder stellte,41 war und ist mir verhältnismäßig nebensächlich neben der Tatsache jenes von
ihmt in der Schrift «Einheit von Evangelium und
Volkstum?» S. 18 und 23u in aller Form wiederholten Bekenntnisses.42 Gogartenv hat sich mit diesem Satz die entscheidende These der Deutschen Christen zu eigen gemacht. Es ist hier nicht der Ort, diese
These zu diskutieren. Ich anerkenne ohne Weiteres, dass Gogartens ganzer Weg ihn in höchster
Folgerichtigkeit dazu führen musste, sie gutzuheißen. Sie ˹und sein Beitritt zu der
«Glaubensbewegung»43˺
istw nur der unzweideutige Ausdruck dessen, was er immer gemeint und gewollt
hat. ˹Post eventum kann und muss man wirklich sagen: es ist nichts selbstverständlicher als
dies, dass es mit ihm dahin kommen musste.˺ Es ist nun «aus |504 dem
Fass», wie Luther zu sagen pflegte.44 Ebenso folgerichtig ist aber auch von meiner
Seite die glatte, zornige Ablehnung jenerx These. Ich
habe bei dem, was wir damals am Anfang der zwanziger Jahre gemeinsam zu bekämpfen
schieneny, immer gerade z-auf das
gezielt-z,
was jetzt in der Lehre, in der Mentalität und Haltung der Deutschen
Christen in geballter Form auf dem Plane steht. Ich kann in den Deutschen Christen nichts, aber auch gar nichts anderes sehen als die
letzte, vollendetste und schlimmste Ausgeburt des neuprotestantischen Wesens, das die evangelische Kirche, wenn es nicht zu
überwinden ist, romreif machen muss und wird. Ich halte den Stapelschen Satz über das Gesetz Gottes für den vollzogenen Verrat am Evangelium. aa-Ich meine, dass
dieser Satz nun doch wieder und viel schlimmer, weil viel grundsätzlicher und viel konkreter
als in der Ära Harnack-Troeltsch45, die Aufrichtung des Menschgottes des 18. und 19.
Jahrhunderts bedeute.-aa
Gogarten wird sich über michab so wenig
wundern wie ich mich über ihn wundere. Die Sonne hat es ja bei mir wie bei ihm nur an den Tag
gebracht.46 Wir sind jetzt ˹beide˺ klüger als wir
vor dreizehn |505
540 Jahren oder noch vor einem Jahr waren. Das muss aber heißen: wir sind
nun geschiedene Leute. Es hätte keinen Sinn mehr, sondern es könnte die theologische und
kirchliche Öffentlichkeit nur noch irreführen und verwirren, wenn wir fernerhin nach außen
eine Gruppe und Front darstellen wollten. Gogarten
steht dort, wo E. Hirsch, wo Wobbermin47, wo H. M. Müller48, wo Fezer49 und Schumann50, wo
sie alle, alle stehen. Wer aber dort steht, mit dem kann und will ich nicht einmal scheinbar
˹in einer Gruppe zusammenstehen und˺ zusammenarbeiten. So wenig wie der Apostel Johannes, wenn die Nachricht stimmt, mit Kerinth zusammen in einer Badeanstalt sein wollte.51 Trotz oder gerade wegenac
seines: «Kindlein, liebet euch untereinander!»52
Das ist meine Entscheidung hinsichtlich Gogartens und der Deutschen Christen. Ich nehme an, dass Gogarten selbst sie wenigstens |506 formal verstehen und
billigen wird. Sie ist aber nicht die Entscheidung des Schriftleiters und des Verlegers und
sie ist, wenn nicht alles täuscht, auch nicht die Entscheidung des größeren Teiles der
Leserschaft von Z. d. Z. Ihre Entscheidung geht dahin,
dass die kirchliche Krise dieses Jahresad für Z. d. Z.
keineae Entscheidung notwendig
macheaf, dass die Sonne ˹in unserem Kreise˺ nichts
an den Tag gebracht habe, dass theologische Aufsätze auf der Basis jenes Stapelschen Satzes fernerhin ruhig neben einem Aufsatz wie
etwa dem ag-von mir-ag
über das erste Gebot53 in Z. d. Z.
stehen und gelesen werden könnten, kurz, dass, als wäre nichts geschehen,54 in Z. d. Z. alles so weitergehen könne wie
bisher. Das klassische Dokument dieser Entscheidung für die Nicht-Entscheidung war das Heft 4
dieses Jahrgangs.55 Auf Grund |507 dieser Entscheidung muss ich
meine Mitarbeiterschaft an Z. d. Z. als abgeschlossen
ansehen. In einer Zeit wie der jetzigen, wo das Feld der Theologie und Kirche aus einem bloßen Manöverfeld zum
Kriegsschauplatz geworden ist wie in den Zeiten, um die wir bis jetzt vorwiegend aus den
Büchern wussten – in einer solchen Zeit müsste ich für den theologisch-kirchlichen Inhalt
einer Zeitschrift, für die ich mich als Mitbegründer dem Inland und Ausland gegenüber haftbar
fühle, die Verantwortung ˹voll˺ mitübernehmen können. Das kann ich aber nicht, wenn auch nur
ein einziger von den Deutschen Christen oder den ihnen
Nahestehenden fernerhin ebenfalls an dieser Zeitschrift mitarbeitet, wenn die Schriftleitung
keinen Sinn dafür hat, dass es mit der Gemütlichkeit ˹und Duldsamkeit˺ nun für einmal vorbei
ah-sein muss-ah,
wenn ich also befürchten muss, im nächsten
Heft z. B. irgend eine sanft-kluge Verteidigung des 541
Arierparagraphen56 auf |508 Grund der Schöpfungsordnungen
als einen immerhin auch möglichen Beitrag zur «biblisch reformatorischen Einsicht» zu lesen zu
bekommen. Weil ich das nicht kann und weil Schriftleitung und Verlag ihrerseits auch nicht
anders können, darum muss ich von Z. d. Z. Abschied nehmen. Georg Merz will, wenn ich ihn recht verstehe, in der Gestaltung
von Z. d. Z. im Kleinen die Situation wiederholen, die
wir nun in der deutschen evangelischen Kirche im Großen vor uns haben: das interessante
Nebeneinander von Ja und Nein.57 Ich meine, dass Z. d. Z. dies der
«Christlichen Welt»58, der «Zeitwende»59 oder ähnlichen Organen hätte überlassen
dürfen. Ich meine, dass der Ort, von dem aus man solche Synthese
für möglich hält, ein geschichtsphilosophischer und kein
theologischer ist.60 Ich meine, wahrhaft kirchlich |509 hätte unsere Zeitschrift in der heutigen Zeit nur ˹dann˺ sein
können, wenn sie sich als ein bescheidener aber nicht zu durchbrechender Damm gegen die
deutsch-christliche Überschwemmung bewährt hätte. Da das nicht möglich ist, kann ich, so leid
es mir tut, nichts mehr mit Z. d. Z. zu tun haben. Ich
will lieber gar nicht mehr gehört werden, als der Meinung Vorschub leisten, dass ˹man˺
fernerhin gemächlich mit dem einen Ohr mich und mit dem anderen Gogarten hören könne. Wer das will, der
soll heute lieber gleich ganz und gar nur Gogarten hören. – Die Gründung und der Bestand von
Z. d. Z. war ein Missverständnis.
Ein produktives Missverständnis, soviel kann ai-und darf man trotz
allem schon heute-ai
sagen. aj-Könnte man-aj die Wege der Vorsehung
einsehen, so dürften wir vielleicht sogar sagen: ein notwendiges Missverständnis. Aber auf
alle Fälle – der unversöhnliche Gegensatz zwischen Gogartens und meiner Arbeit, wie er nun am
Tage ist, und noch mehr das Nichtverstehen zwischen Georg Merz und mir hinsichtlich ˹des
Ernstes˺ jenes Gegensatzes beweist es – ein Missverständnis. Missverständnisse sind dazu da,
um beseitigt zu werden. Z. d. Z. wird kein Missverständnis mehr sein, nachdem ich
mich davon zurückgezogen habe.
Erklärungen wie die hier abgegebenen pflegen nachher allerlei Deutungen ausgesetzt zu sein,
mit denen man sich die Stellungnahme dazu vereinfachen zu können meint. Und wer kann sich
wehren gegen Deutungen? Ich darf aber den Deutern – es ist selbstverständlich, dass ich hier
weder an Gogarten noch an Georg Merz denke – einige Warnungen mit auf den Weg geben.
Es werden etliche Lust haben, meinen Rücktritt von Z. d. Z. wie meine ganze Stellung zu der
gegenwärtigen kirchlichen Kriseak auf |510
542 den Gegensatz meines reformierten zum lutherischen Bekenntnis
zurückzuführen. Ich warne. Selbstverständlich bin ich reformiert. Aber der in der
«Glaubensbewegung Deutsche Christen» kulminierende Neuprotestantismus zerstört das lutherische ebensowohl wie das reformierte Bekenntnis. Ein al-in seiner
Weise-al
so guter Lutheraner wie A. F. C. Vilmar hat einst in nicht ganz unähnlicher Lage
ebensowenig mit sich markten lassen, wie dies mir jetzt möglich ist.61 Gute Lutheraner stehenam heute nicht bei den Deutschen Christen, nicht bei den Vermittlern zwischen diesen und
unsan Anderen, sondern entschlossen bei uns Anderen! Und
schlechte Reformierte genug stehen ganz oder halb bei den
Deutschen Christen. Wenn irgend einmal der Augenblick zur Union zwischen den gutenao1
Lutheranern und den gutenao2 Reformierten (ich weiß, wie spärlich beide heute gesät
sind) nämlich zur Union in einem neuen Kampfbekenntnis
gegen die neueste Gestalt des altbösen Feindes62, gekommen sein
sollte, dann heute. Die ernsthaften Fronten laufen heute wirklich durch die ˹Grenzen der˺
beiden überkommenen Bekenntnisse quer hindurch.
Es werden etliche Lust haben, bei diesem Anlass wieder und wieder Betrachtungen des Inhalts
anzustellen, dass hinter meinem theologisch-kirchlichen Urteil entscheidend doch nur mein
politisches Denken über die Vorgänge dieses Jahres stehe. Ich warne. Selbstverständ|511lichap habe ich darüber meine eigenen Gedanken.
Aber wenn ich wirklich von daher zu interpretieren wäre, dann hätte ich wohl schwerlich den
deutschen Religiös-Sozialen so gründlich das Konzept
verdorben, wie dies schon 1919 nach dem unverdächtigen Zeugnis von Leonhard Ragaz geschehen ist,64 dann
hätte meine theologisch-kirchliche Affinität zum Marxismus, Liberalismus etc. doch auch in den |512 berüchtigten 14 Jahren65
irgendwie sichtbar werden müssen, dann müssten in dieser Zeit, und ich füge hinzu: auch in
diesem Jahr ˹1933˺ meine politisch überwiegend ganz anders als ich eingestellten Zuhörer
irgendetwas von diesem bösen ˹kausalen˺ Zusammenhang ˹meiner Theologieaq˺ gemerkt und sich entsprechend verhalten haben. Man beweise mir
diesen Zusammenhang aus meinen Büchern, Aufsätzen und Predigten oder man frage, wenn man will,
in Göttingen, Münster und Bonn nach, was ich ˹in all
den Jahren˺ getan und nicht getan habe, und dann – aber erst dann, setze man˹, wenn man kann
und mag,˺ das Reden über meine politischen Hintergründe fort. Bis dahin werde ich es für ein unter Männern unwürdiges Gerede
halten.
543 Und es werden etliche Lust haben, bei diesem Anlass nochmals und nochmals darauf
hinzuweisen, dass ich eben ein Schweizer und
nicht, wie Hirsch so schön schrieb, «von der Wurzel
bis zum Wipfel» ein Deutscher sei.66 Ich warne. Selbstverständlich bin ich ein Schweizer, |513 nicht nur halb, sondern ganz, genau so wie ich nun ebenfalls nicht halb, sondern
ganz zwölf Jahre lang mein Leben in Deutschland
gelebt, meine Arbeit in Deutschland getan habe. Aber es gibt doch auch Schweizer, und zwar in
der Schweiz lebende Schweizer, die nicht höher als
auf Gogarten schwören,
und andererseits gute Deutsche, und zwar in Deutschland lebende Deutsche, die gar nicht daran
denken, dies zu tun. Seit wann ist es üblich, den Heimatschein eines Menschen zum Argument in
einer sachlichen Auseinandersetzung zu machen? Was gedenkt man eigentlich in der Sache, um die
es heute in Theologie und Kirche geht, ar-mit diesem
Argument-ar
zu beweisen? Will man etwa mir und so und so viel geborenen Deutschen
mit mir einreden, as-das echte Deutschtum fange erst mit dem Arianismus67 und-as mit dem Bekenntnis zur natürlichen Theologie an? Ein ernstes ˹verantwortliches˺ Mittragen des
deutschen Schicksals68 müsse sich
ausgerechnet in der Kniebeugung vor den Mysterien der Deutschen
Christen oder doch in der Respektierung ihres angeblich
berechtigten «Anliegens»
erweisen?69 Ich weiß wohl,
in welchem Stück ich ein Schweizer bin und mitten in der deutschen Theologie und Kirche |514 auch total und unentwegt bleiben will – in dem nämlich, was bei dem
sehr profanen Gottfried Keller zu lesen steht:
Heil
at uns, noch ist bei Freien üblich
Ein leidenschaftlich freies Wort!
70
Und ich meine allerdings, dass ich – wenn denn von meinem Heimatschein
durchaus die Rede sein soll – meine Liebe zu Deutschland˹, meine Zugehörigkeit zu ihm˺ nicht
wohl besser beweisen kann als indem ich in diesem Sinn mitten in Deutschland ˹aber˺ im Unterschied zu vielen Deutschen ein –
Schweizer bin. Man zeige mir, mit welchem
Recht man mich deshalb erledigen willau!
Dies an die Adresse der Leichtfertigen! – Ich weiß, dass auch Ernsthafte, auch Menschen,
die sich der erwähnten, törichten Argumentationen enthalten werden, Menschen, die sich auch
sachlich, auch gegenüber den Deutschen Christen, auch
gegenüber den Vermittlern weithin mit mir eins wissen, über meine schroffe Haltung in der
gegenwärtigen ˹kirchlichen˺ Lage und nun auch über diese meine besondere Absage den Kopf
schütteln werden. Ich gebe zu, 544 dass es auchav im gegenwärtigen Augenblick angesichts der Verschiedenheit der Temperamente
und Lebensführungen nicht ohne weiteres Jedermanns Sache sein kann, so scharf zu sein, wie ich
es offenbar bin. Wenn aw-man mir nur umgekehrt zeigen könnte-aw, mit welchem inneren Recht man heute weniger
scharfax sein darfay! Bis dahin az-möge
|515 man-az
mir glauben, dass ich nicht nur der
Sache, um die es uns allen gehen muss, sondern auch und gerade allen ˹denen,˺ denen es mit
dieser Sache ernst ist, ob sie mich in diesem Augenblick verstehen oder nicht, gerade damit
Treue zu halten meine, dass ich jetzt scharf binba
und also z. B., da ich Z. d. Z. nicht scharf machen kann, von Z. d. Z. Abschied nehme. Ich bin der Meinung, dass ich mit dieser Tatbb
manchembc deutlicher sagen
kann, was ich sagen möchte, als wenn ich in Z. d. Z. im bisherigen Rahmen weitere bd-Worte machen würde-bd.
Und ich bin der Hoffnung, dass be-dieser
Schritt-be
einmalbf auch denen als
sinnvoll einleuchten wird, deren letzter Eindruck jetzt doch bloß der sein sollte, dass ich
reichlich – eigensinnig sei.
Meine künftigen Veröffentlichungen werden bis auf
weiteres in einer zwanglos erscheinenden Schriftenreihe unter dem Titel «Theologische
Existenz heute» im Verlag Chr. Kaiser München erscheinen, die Eduard Thurneysen und
ichbg herauszugeben schon begonnen
haben.71bh
Bonn, 18. Oktober
1933.Karl Barth.