Reformation als Entscheidung
REFORMATION ALS ENTSCHEIDUNG
Die
Um dieser Vereinnahmung
Am Montag, dem 30. Oktober, traf
Am Morgen des folgenden Tages traf Barth sich zunächst mit
520 Die Gespräche mit den oppositionellen Pfarrern kamen auf
Inhaltlich besteht zwischen dem Vortrag und den Gesprächen ein enger
Zusammenhang. Mehrfach nahmen die Gesprächsteilnehmer explizit auf den Vortrag Bezug oder
griffen Motive und Themen daraus auf.20 In seinem
Vortrag hatte Barth den Deutschen Christen das Recht bestritten, sich auf die Reformation zu berufen, aber anders als in Theologische
Existenz heute!21 und in seiner Rede Für die Freiheit des
Evangeliums22
hatte er eine direkte Kritik der kirchlichen Opposition diesmal vermieden. Diese äußerte er dann vor allem im ersten Gespräch, in
dem es zu einer Auseinandersetzung mit
522
Nachdem
Von den Vorarbeiten zum Text ist lediglich ein beidseitig beschriebenes
Blatt des Manuskripts (KBA 10573/1) erhalten, aus dem ersichtlich ist, dass
Der Vortragstext erschien mit einem Vorwort als Heft 3 der Reihe ThExh (München
1933)
Reformation als Entscheidung
Unsere evangelische Kirche hat es in den vierhundert Jahren ihres bisherigen
Bestandes zu keiner Zeit gänzlich unterlassen können, der Reformation des 16. Jahrhunderts zu gedenken, ihr geschichtliches Bild aufs Neue
hervorzurufen und sich einzuprägen, ihre eigene sachliche Verbundenheit mit ihr zu betonen und
zu pflegen, sich selbst als Kirche eben jener Reformation verstehen zu wollen. Es war oft gar
nicht selbstverständlich, dass dies geschah. Es geschah oft genug im Gegensatz zu dem eigenen
Geist der betreffenden Zeit und darum mehr oder weniger künstlich und mühsam. Aber es geschah.
Nacheinander und nebeneinander haben Orthodoxe, Pietisten und Aufklärer, Idealisten, Romantiker
und Positivisten und manche Andere unserer Kirche die Spuren
ihres Wesens eingeprägt. Diese alle konnten es doch nicht lassen, ihre Aufmerksamkeit immer
wieder den Ereignissen und Gestalten jener alten Tage zuzuwenden und womöglich sich selbst als
die wahren Erben ihres Geistes zu fühlen und darzustellen. Kaum eine erhebliche Persönlichkeit
oder Bewegung im Raume des Protestantismus, die die Kirche etwa ganz ohne
Es gibt ein religionsgeschichtliches Gesetz der Unvergesslichkeit, der beharrlichen Symbolkraft aller kirchlichen Begründergestalten und Begründungsereignisse. Aber der Hinweis auf diese allgemeine Erscheinung würde doch mehr eine Bezeichnung als eine Erklärung des genannten rätselhaften Tatbestandes bedeuten. Das ist es ja gerade: dass in der Reformation Kirche begründet, in der Kirche selbst neu begründet wurde. In der 6 Tat: von daher ihre ausgezeichnete, ihre willig oder unwillig, verständnisvoll oder verständnislos anerkannte normative Stellung gegenüber den späteren Zeiten der Kirche. Was gibt ihr diese Stellung und Würde einer Kirchenbegründung? so müs|525sen wir in der Tat fragen und eben darum ist die Beantwortung dieser Frage so schwer, weil die Frage so zu stellen ist, weil dadurch so viele auf den ersten Blick einleuchtende Antworten zum vornherein ausgeschlossen werden.
Man hat sich schon einreden wollen und man versucht es z. T. noch sich einzureden, es sei
der kulturelle45, der politische46, heute betont man besonders: der nationale47 Gehalt der Reformation, der ihr jene eigentümliche
Denkwürdigkeit verleihe. Man wird nicht bestreiten können, dass sie solchen Gehalt tatsächlich
gehabt hat. Aber unter diesen Gesichtspunkten kann man nur schon darum nicht so überzeugend
von der Reformation reden, wie man es wohl möchte, weil es nun einmal sehr umstritten ist und
bleiben wird, ob man ihre kulturellen, politischen, nationalen Wirkungen letzten Endes mehr
begrüßen oder beklagen soll. Man wird ja, um nur ein Beispiel zu nennen, schwerlich sagen
können, dass der faktische Ertrag des Lebenswerkes
Dasselbe ist zu sagen von dem Versuch, die Bedeutung der Reformation zu begründen auf dem
durch
Man kommt aber auch damit nicht viel weiter, dass man die Reformationszeit beschreibt als
eine Zeit der aufbrechenden Quellen und der durchbrechenden Kräfte der Innerlichkeit,51 als eine klassische |527 Zeit tiefer und unmittelbarer Besinnung auf die letzten Gründe des
menschlichen Daseins, als eine von den hohen Zeiten lebendiger Religion.52 In der wirklichen Reformation ging es überall – so weit man sehen kann,
auch im intimen Leben der Reformatoren selbst, sehr viel äußerlicher zu, es ist z. B. auch von
ihnen selbst sehr viel mehr räsoniert und disputiert, dogmatisiert und politisiert worden als
es den Liebhabern einer Religion und Metaphysik des Herzens53 aus der |528 Nähe besehen recht sein dürfte.
Man sollte nicht
Man kam der Sache gewiss viel näher, wenn man in früheren Jahrhunderten das Verdienst und
die Größe der Reformatoren schlicht darin sah, dass sie gewisse in der Kirche vergessene oder
halb vergessene christliche Wahrheiten wieder ausgesprochen und damit die
Kirche wieder hergestellt haben: die Herrlichkeit und Autorität der Bibel, die
Herrenwürde Gottes des Schöpfers, die Geltung Jesu Christi
als des Versöhners des sündigen Menschen, die Gewalt des
Glaubens an diesen Christus, die Freiheit des Christen in der Welt, die notwendige Demut und den notwendigen Mut der wahren Kirche.
In der Tat: Fragt man die Reformatoren selbst nach der Bedeutung, die sie 8
|529 ihrem Wollen und Tun zumaßen, so bekommt man den schlichten
Bescheid: es ging ihnen um die reine Lehre dieser Wahrheiten und in und mit dieser reinen
Lehre um den rechten Gehorsam, das rechte Leben, die rechte Gestalt der Kirche, oder negativ: um ihre rechte Befreiung vom
Papsttum als von einer mit dieser reinen Lehre nicht
übereinstimmenden Form kirchlichen Gottesdienstes, kirchlichen Rechtes, kirchlicher Moral. Das
können wir in Beantwortung unserer Frage gleich vorweg nehmen: Evangelische Kirche im Sinn der
Reformation ist da und ist
nur da, wo es um die reine Lehre der christlichen Wahrheiten geht, wo das ganze Leben der Kirche auf diese eine Aufgabe ausgerichtet, an
ihr gemessen ist. Aber man beachte wohl: Es ging den Reformatoren um die reine Lehre jener Wahrheiten.57 Ganz
unbekannt sind sie ja auch dem christlichen Mittelalter nicht gewesen. Und irgend einen Raum
gönnt ihnen auch die heutige katholische Kirche. Gelehrt
hat man sie vermeintlich auch in den späteren Zeiten der evangelischen Kirche. Die
Reformatoren aber haben sie rein gelehrt, was im Katholizismus sicher nicht
geschehen ist und nicht geschieht, während in allen späteren Zeiten der evangelischen Kirche
eben dies die Frage war und ist, ob jene Wahrheiten rein oder vielleicht doch wieder unrein,
und das heißt dann sofort: gar nicht gelehrt worden sind. Denn man kann mit diesen Wahrheiten
nicht umgehen, wie man will. Man kann ihnen nicht ebensowohl diesen oder jenen Sinn, Nachdruck
und Zusammenhang geben. Sie wollen in einer ganz bestimmten Meinung und Form gelehrt sein,
sonst sind sie nicht mehr diese Wahrheiten. Das war es, was in der Reformationszeit Kirche
begründet hat: dass da Tausende und Tausende überzeugt waren, jene Wahrheiten auf einmal in
der einen rechten und darum notwendigen Meinung und Form verkündigt zu hören und darum jetzt
auf einmal, wie seit vielen Jahrhunderten nicht mehr, als wirkliche gebieterische und heilsame
Wahrheiten. Mit dieser Überzeugung: da hören wir die alten christlichen Wahrheiten in reiner
und darum überlegener und darum gesunder Verkündigung – mit dieser Überzeugung war die
evangelische Kirche da, mitten in der Papstkirche zunächst
und nach|530her, als die Papstkirche das Licht der aufgegangenen
Sonne58
nicht sehen und dulden wollte, ohne sie, auf eigenen Füßen. Und das ist es, was die Reformation für alle Zeiten dieser evangelischen Kirche so wich9tig, so maßgeblich gemacht hat: die klare oder dunkle Erinnerung an das
unverwischbar Besondere, das damals in der Verkündigung der Kirche zu hören war und gehört
worden ist, das Besondere, das damals den Wahrheiten den Stempel der Wahrheit aufdrückte. Das Geheimnis dieses Besonderen war
und ist das Geheimnis der Reformation. Da wäre also jeweilen das Recht, sich auf die
Reformation zu berufen, sich mit ihr eins zu wissen – da, wo das Wissen ist um dieses
Besondere und wo nicht nur das Wissen darum ist, sondern wo dieses Besondere der
reformatorischen Verkündigung weiterlebt, in Ehren steht und fruchtbar gemacht ist, wo es
nicht ein Licht ist, das unter dem Scheffel steht, sondern ein Licht auf dem Leuchter,
leuchtend allen denen, die im Hause sind [vgl.
Es wird, um darauf richtig zu antworten, nützlich sein, noch einer weiteren Deutung der
Reformation zu gedenken. Sie ist abgesehen von der der Reformatoren selber die älteste. Sie
ist, wenn man will, auch die naivste. Aber sie ist lehrreich. Als
Und nun kann die Antwort einfach lauten: das christliche Denken und Reden der Reformatoren, wie es in ihrer Lehre zum Ausdruck kam, war wie das der Propheten und Apostel ein Denken und Reden, das aus einer soeben gefallenen Entscheidung63 kam und das auch inhaltlich nichts Anderes sein wollte als eine Ankündigung und Verantwortung dieser soeben gefallenen Entscheidung. Eine Entscheidung ist da gefallen, wo es für einen Menschen mit der vermittelnden Betrachtung und Erwägung verschiedener Möglichkeiten, mit der Frage nach ihrer allfälligen höheren Einheit oder gar mit dem vermeintlichen Wissen um eine solche Einheit für einmal ein Ende hat, |533 wo es statt dessen zu einem Urteil, zu einer Wahl, zu einem bestimmten Vorziehen und Zurückstellen, Über- und Unterordnen gekommen ist. Sich entscheiden heißt: sich in Freiheit seiner Freiheit entäußern. Wer sich entschieden hat, der hat sich gebunden. Das freundlich-schützende Dunkel oder auch die vornehme Höhe, wo er noch so oder auch anders konnte, liegt hinter ihm. Herausgetreten, herabgestiegen in das nüchterne Licht des Tages muss er nun Ja oder Nein sagen, dies oder das wollen, hier oder dort stehen. Solche durch Entscheidung gebundene Menschen waren die Reformatoren. Sie hatten gewählt. Der Ort, wo sie noch viele Möglichkeiten hatten, war ein von ihnen verlassener Ort. Und 11 darum hatte ihre Lehre nur eine Dimension, nur ein Anliegen, nur eine Absicht. Sie war teils Aufruf an Alle, sich mit ihnen zu entscheiden, teils Verantwortung über den Inhalt dieser Entscheidung gegenüber denen, die sich nicht mit ihnen entscheiden wollten, teils Verständigung mit denen, die sich schon mit ihnen entschieden hatten. Sie ging aber in keinem Wort hinter diese ihre Entscheidung zurück und so ist sie auch in keinem Wort abgesehen von dieser ihrer Entscheidung zu verstehen. Reformatorische Lehre ergeht gerade nicht von irgend einer höheren Warte aus. Sie vergleicht nicht, sie erwägt nicht, sie diskutiert nicht. Sondern sie zeigt an, sie erklärt, sie disputiert. Dies ist’s, was ihr Metall und Gefälle gibt. Dies ist’s, was sie mit der Verkündigung der Propheten und Apostel gemeinsam hat.64 Dies ist’s, was es in der katholischen Kirche vor der Reformation nicht gab und auch in der katholischen Kirche nach der Reformation nicht gibt. Und dies ist’s, was die Reformation der evangelischen Kirche unvergesslich gemacht hat, obwohl es und indem es auch hier zu allen Zeiten fraglich und zu manchen Zeiten mehr als fraglich war und ist, ob man noch darum wusste und weiß: Reformation ist Entscheidung und da und nur da ist die Kirche der Reformation, wo Entscheidung ist.
534 Aber es gibt mancherlei Entscheidungen. Die Reformatoren kamen gerade wie die Propheten und
Apostel von einer ganz bestimmten mit keiner anderen zu verwechselnden Entscheidung her. Alle
menschlichen Entscheidungen, auch die ernsthaftesten und gewichtigsten – mit Ausnahme einer
einzigen – haben es nämlich an sich, dass der Mensch sie, solange er Zeit hat, durch neue
Entscheidungen überholen, korrigieren und geradezu ersetzen kann. Wir haben es doch reichlich
erlebt, wie mancher noch gestern stand und mit höchster Entschiedenheit zu stehen schien, um
dann – siehe da! – heute doch auch anders zu können.65 Es ist aber
auch sehr tröstlich, sich klar zu machen, dass es auch für die höchsten Entschiedenheiten von
heute ein morgen gibt, das viel oder alles ändern kann. Das hängt aber damit zusammen, dass
der Mensch in allen seinen Entscheidungen – mit Ausnahme einer einzigen – eine seiner eigenen Möglichkeiten ergreift und wiederum: sich selbst für
diese eine ergriffene Möglichkeit einsetzt und also sich selber von seiner
Entscheidung her bindet. Der Verlust an Freiheit, den er in seiner Ent12scheidung erleidet, ist allemal – mit einer einzigen Ausnahme – zugleich ein Triumph seiner
Freiheit. Solange er Zeit hat, kann er sich in derselben unverlorenen Freiheit heute anders
binden als gestern, und morgen anders als heute. Eine nicht aufzuhebende Entscheidung, also
eine solche, in der der Mensch sich unwiderruflich binden, in der er seine Freiheit nun
wirklich opfern würde, müsste zugleich eine solche sein, auf Grund deren er keine Zeit mehr –
jedenfalls zu einer Revision dieser Entscheidung schlechterdings keine Zeit mehr hätte. Diese
Entscheidung kann aber – wenn wir den Grenzfall der Entscheidung zum Selbstmord hier außer
Betracht lassen dürfen – keine andere sein als die Entscheidung zum christlichen Glauben. In
dieser Entscheidung hat sich der Mensch unwiderruflich gebunden: ohne
jeden Ausblick auf ein künftiges Anderskönnen, ohne jede offen bleibende Möglichkeit eines
künftigen Überholens dieser Entscheidung. Ist er anders, ist er weniger streng gebunden, so
war seine Entscheidung sicher nicht diese Entscheidung. Diese Entscheidung
ist im Unterschied zu allen anderen die endgültig gefallene Entscheidung. Denn in dieser
Entscheidung hat der Mensch seine Freiheit, d. h. eben die Möglichkeit künf|535tigen Auchanderskönnens geopfert. Beides aber darum, weil der zum christlichen
Glauben Entschiedene keine Zeit, keine ihm zur Abweichung vom Glauben zur Verfügung stehende
Zeit mehr hat. Die Entscheidung zum christlichen Glauben ist nämlich die Entscheidung für Gott als den Herrn des Menschen. Und so steht seine,
des Menschen Zeit nicht mehr in seinen eigenen, sondern in Gottes Händen [vgl.
Es handelt sich in der reformatorischen Lehre von der heiligen Schrift als dem einzigen Zeugnis wirklicher und maßgeblicher Offenbarung Gottes um die einfache Erkenntnis: Gott ist von uns Menschen da zu finden, wo es ihm gefallen hat, uns zu suchen. Also nicht da, wo wir meinen, ihn von uns aus suchen zu können: nicht im Bereich unserer eigenen Möglichkeiten, ob sie nun Vernunft oder Erfahrung, Natur oder Geschichte, inneres oder äußeres Universum heißen mögen. Nicht da, wo wir in unserer Weisheit über ihn meinen reden zu sollen, sondern da, wo er in seiner Weisheit zu uns geredet hat. Und er hat zu uns geredet, einmal für allemal. Und von diesem Perfektum: Deus dixit66 zeugt die heilige Schrift und nur sie. Darum kann und darf die Verkündigung der christlichen Kirche in keinem Sinn eine Philosophie, d. h. eine Entwicklung irgend einer selbstgefundenen Welt- und Lebensanschauung sein. Darum ist sie gebunden als Schriftauslegung. Alle andere Lehre hat in der Kirche kein Recht und keine Verheißung. Diese reformatorische Lehre von 14 der heiligen Schrift ist sofort verständlich für den, der versteht: sie redet von der endgültig gefallenen Entscheidung her. Sie sagt, dass, nachdem Gott uns gesucht hat im Wunder seiner Herablassung in Jesus Christus, dessen Zeugen die Propheten und die Apostel sind, alle unsere Bemühungen, ihn von uns aus zu finden, nicht nur gegenstandslos geworden, sondern als in sich unmöglich hingestellt worden sind. Nachdem Gott zum Menschen geredet hat, hat der Mensch ganz schlicht keine Zeit mehr, sich selber über Gott unterrichten zu wollen. Von der gefallenen Entscheidung her konnte die Lehre von der heiligen Schrift tatsächlich nicht anders lauten als so, wie sie von den Reformatoren in großer Härte aber auch in noch größerer Freudigkeit vorgetragen worden ist. Von der gefallenen Entscheidung her konnte und kann eben nach irgend einer natürlichen Theologie auch nicht das geringste Bedürfnis bestehen.
537 Es handelt sich weiter in der reformatorischen Lehre von der Erbsünde um die
einfache Erkenntnis: indem Gott der Schöpfer, der Versöhner, der Erlöser, indem
Gottes Gebot und Gottes Trost
sich uns zu erkennen gegeben hat durch sein Wort, ist uns unser Urteil gesprochen, vor dem es keine Entschuldigung und
kein Entfliehen gibt. Denn indem wir dieses Wort hören, müssen wir uns sagen lassen, dass der
Gebrauch, den wir von unserer Freiheit machen im
Bereich unserer Geburt von Adam her, im Bereich unserer eigenen Möglichkeiten – mit Einschluss
des Gebrauchs, den wir für den besten halten mögen – ein böser Gebrauch ist, ein Gebrauch, der
alle Zeit Feindschaft gegen Gott und Hass gegen unseren Nächsten bedeutet.67 Wir haben – und das eben
ist unsere unendliche Schuld – faktisch
keine Freiheit für Gott, wir sind in der Wurzel unseres Seins und Wesens solche, die diese
Freiheit mutwillig weggeworfen und also verloren haben. Auch diese reformatorische Lehre redet
von der endgültig gefallenen Entscheidung her. Sie
sagt, dass, nachdem Gottes Herablassung in Jesus Christus
sich als der einzige Weg zwischen Gott und Mensch
erwiesen hat, des Menschen ungöttliche, unheilige, ungerechte Art nicht mehr zu verleugnen,
sondern zu bekennen ist: Wer schlechterdings auf Erbarmen
angewiesen ist, der ist eben erbärmlich. Die reformatorische Lehre sagt, dass der von Gottes
wirklichem Wort erreichte und getroffene Mensch das anerkennen muss, weil er keine Zeit,
keinen 15 Atem, keine Lust68 mehr haben kann, sich über sich selbst, über den Gebrauch,
den er von seiner Freiheit zu machen weiß, und also über den faktischen Bestand seiner
Freiheit Illusionen zu machen. Wie sollte die Lehre vom Menschen von dieser Entscheidung her
anders lauten können als dahin: sein Dichten und Trachten ist böse von Jugend auf [
538 Es handelt sich weiter in der reformatorischen Lehre von der Rechtfertigung des
sündigen Menschen allein durch den Glauben um die einfache Erkenntnis: eben darum, weil wir,
unsere eigene Freiheit gebrauchend, im Bereich unserer eigenen Möglichkeit niemals tun noch
tun werden, was vor Gott recht ist – eben darum können wir unsere Gerechtigkeit nur dort
suchen, wo Gott sie uns geschenkt und angeboten hat: in der Herablassung, in der er in Jesus
Christus an unsere Stelle getreten ist, um gut zu
machen, was wir böse machen [
Und so handelt es sich in der reformatorischen Lehre von der Gnadenwahl oder Prädestination
um die in ihrer Absicht ebenfalls ganz einfache aber grundlegende Erkenntnis: die Entscheidung
zu diesem christlichen Glauben an die geschehene Herablassung, an die kundgewordene
Barmherzigkeit Gottes ist wohl eine Entscheidung des Menschen, aber nun gerade keine von den
Entscheidungen, die er in und aus seiner eigenen Freiheit vollzieht.
Das zeichnet sie ja aus vor allen anderen Entscheidungen, dass sie Entscheidung für Gott den
|539 Herrn ist, dass also gerade die Freiheit des Menschen in ihr
geopfert wird. Das macht sie zur ernstlichen Bindung, zur gewissen notwendigen und
unumstößlichen Entscheidung. Aber wer entscheidet denn sich selber für Gott den Herrn? Gerade
wer das wirklich tut, also gerade wer glaubt, wird gerade dafür nimmermehr seine Freiheit
geltend machen. Sondern das ist die Lehre des christlichen Glaubens von sich selber: dass er
auf einer ganz und gar unverdienten und unbegreiflichen Wahl dessen beruhe, an den er glaubt,
dass nicht der Mensch frei sei zu glauben oder nicht zu glauben, wohl aber Gott frei, sich zu
erbarmen und zu verstocken nach seinem Wohlgefallen [vgl.
Das eben Gesagte wollte von ferne keine Darstellung dessen sein, was die Reformatoren im Ganzen oder auch nur in diesen einzelnen Punkten von der christlichen Wahrheit gelehrt haben. Es sollte nur an vier herausgegriffenen Punkten die eigentümliche Richtung bezeichnet werden, in der ihre Lehre verlief. Diese Richtung war das Beson|540dere, war die Reinheit, war die prophetisch-apostolische Art ihrer Lehre und das Geheimnis der ganzen Reformation. Diese Richtung war dem alten und ist dem neuen Katholizismus unerhört. Diese Richtung hat die Reformation in der evangelischen Kirche unvergesslich gemacht.
Aber wir hörten ja schon: Oft genug ist diese Richtung auch der jeweils
herrschenden Bewegung in der evangelischen Kirche selbst unerhört gewesen. Weil die Richtung
der jeweils in der evangelischen Kirche herrschenden Bewegung oft genug heimlich oder offen,
milde oder scharf, gerade die entgegengesetzte war! Merkwürdige Zeiten brachen dann an. Die
Reformation blieb dann wohl stehen in ihrer Würde und Geltung, aber die Art, in der man sich
mit ihr beschäftigte, erweckte den dringenden Verdacht, es gehe dabei im Grunde vor allem
darum, sich dem Protest zu
entziehen, der sich von jenem fernen Geschehnis her gegen das, was die Gegenwart dachte und
wollte, wie ein Gewitter zu erheben schien. Die Reformation wurde geliebt und gelobt, aber die
Liebe und das Lob wurde unter sorgfältiger Vermeidung des brennenden Punktes denjenigen
Momenten der Reformation zugewendet, auf Grund derer sie Kirchenreformation
gerade nicht hätte werden können. Die Reformatoren insbesondere wurden,
besonders wenn etwa gerade wieder ein Jubiläum fällig war, eifrig zitiert und emporgehoben,
ihre Gräber tüchtig gebaut und geschmückt [vgl.
Von einer anderen, der der Reformation entgegengesetzten Richtung in der Kirche muss man da reden, wo jenes Besondere, jene |541 Reinheit, jene prophetisch-apostolische Art der reformatorischen Lehre dem Denken und Reden der Kirche verloren gegangen ist, das heißt aber: wo das Denken und Reden der Kirche bei allem Anspruch und guten Willen, gläubig zu sein, nicht mehr von jener gefallenen Entscheidung zum christlichen Glauben herkommt. Nicht darin wird ja die Entfremdung der evangelischen Kirche von der Reformation in solchen Zeiten bestehen, dass die christlichen Wahrheiten, die die Reformation wieder auf den Leuchter gehoben hat, etwa gar nicht mehr verkündigt oder gar geleugnet werden. Nein, gerade in solchen Zeiten wird man vielmehr die Beteuerung, und zwar die ehrliche Beteuerung auf allen Gassen hören: dass das Bekenntnis unangetastet bleiben, dass nach wie vor das Evangelium in der Kirche gelten und gehört werden solle.71 Gerade in solchen Zeiten – es ist mehr als einmal so geschehen – wird hinsichtlich der überkommenen Glaubenssätze geradezu ein konservativer, um nicht zu sagen reaktionärer Zug durch die Kirche gehen. Ein allzu offener Liberalismus hüte sich in solchen Zeiten, dass er nicht das Opfer eines der Totschlagsversuche werde, die gerade in solcher Zeit an der Mode zu sein pflegen.72 Vielleicht dass es dann |542 nach krampfhaften Bemühungen in diesem Sinn früher oder später ungewollt doch zu seltsamen Durchlöcherungen und Veränderungen der überkommenen Glaubenssätze kommt. Aber wesentlich und ursprünglich handelt es sich nie darum, wenn die evangelische Kirche der Reformation wieder einmal untreu wird. Sondern wesentlich und ursprünglich handelt es sich dann immer darum, dass man in guter Treue von Haus aus von ganz anderswoher denkt und redet als die Reformation, nämlich nicht mehr von der gefallenen Entscheidung, sondern nun eben doch von der Betrachtung und Vergleichung, von der höheren Ein19heit zweier Möglichkeiten her, von denen der christliche Glaube nur noch die eine – vielleicht eine stark und ehrlich betonte, aber doch nur noch die eine ist. Man hat ihn nicht preisgegeben, aber man hat ihm gegenüber seine Freiheit wieder gewonnen. Seine Freiheit! Also doch Liberalismus? Ja, im Grunde, in dem Punkt, auf den alles ankommt, gerade doch Liberalismus, so heftig man ihn verabscheuen möchte. Das ist aber der Liberalismus in der Kirche: man wählt den Glauben, aus Gründen, mit Ernst und Überzeugung, aber man wählt ihn als eine seiner eigenen Möglichkeiten. Man bekennt sich zu ihm, aber man will doch die vielen anderen Möglichkeiten neben dem Glauben auch nicht übersehen, die man ja in derselben Freiheit auch wählen könnte. Man hat grundsätzlich doch noch oder doch wieder Zeit für sie. Man will gewiss Gott und nur Gott dienen, aber man will das nun doch wieder von jener höheren Warte |543 aus tun, von der aus gesehen auch der Dienst Mammons eine ernste Möglichkeit ist. Es triumphiert, auch und gerade indem man nun doch Gott dienen will, die eigene Freiheit, in der man grundsätzlich in der Mitte steht. Diese Mitte wird behauptet. Man hat Zeit zum Vergleichen, zum Erwägen, kurz, Zeit für sich selber. Und in diesem grundsätzlichen Zeit-haben für sich selber und seine eigenen Möglichkeiten will man nun auch den christlichen Glauben verstehen und bekennen, erklären und verkündigen. Das heißt aber: man versteht und bekennt, man erklärt und verkündigt ihn nun in Beziehung zu demjenigen Verständnis seiner selbst und seiner eigenen Möglichkeiten, für das man gerade Zeit hat, m. a. W. das gerade zeitgemäß ist. Man muss ihn verstehen in Beziehung zur Moral, so sagte man einst, dann: in Beziehung zur Vernunft, dann: in Beziehung zur Humanität, dann: in Beziehung zur Kultur und heute bekanntlich: in Beziehung zu Volkstum und Staat. Man hat als Kind dieser oder jener Zeit, als Genosse ihrer Geschichte, ihres Geistes, ihrer besonderen Meinungen und Überzeugungen diese oder jene Bestimmung des Menschen bejaht und ergriffen als die derzeit allein richtige und der Glaube – nun, der Glaube muss nun unter allen Umständen in Beziehung stehen zu dem so bestimmten Menschen. Sonst würde er ja wohl – und das gehe doch nicht, so meint man jetzt seufzen zu müssen – «im luftleeren Raum» sich befinden.73 Dass er in jener Beziehung stehen muss, d. h. dass 20 er unter allen Umständen ein moralischer oder ein vernünftiger oder ein humanitärer oder also heute ein volksmäßiger Glaube sein muss, das ist in aller Stille merkwürdig gewiss und wichtig geworden. Muss man nicht sagen: ebenso gewiss und wichtig wie das Andere, dass er Glaube sein muss? Ja, muss man nicht vielleicht sagen: noch viel gewisser und wichtiger als dieses Andere? Offen herausgefragt: Was ist in solchen Zeiten sicherer und notwendiger, die Beziehung des Glau|544bens zur Moral, zur Vernunft, zur Humanität, zur Kultur, zu Volkstum und Staat, kurz, zum Menschen in irgend einer der Bestimmungen, die er sich selbst gibt – oder der Glaube selber? Das ist jedenfalls sicher, dass alles Interesse, aller Eifer, alle Leidenschaft in solchen Zeiten diesen Beziehungen des Glaubens gilt, nicht dem Glauben selbst, nicht seinem Bekenntnis. Der Glaube und das Bekenntnis pflegen dann wohl als selbstverständlich vorausgesetzt zu werden! Es braucht dann nicht einmal so zu sein, dass der Glaube in dieser Gegenüberstellung gleich den Kürzeren zieht. Es braucht nur so zu sein, dass die beiden Notwendigkeiten wie die Balken einer leeren Waage sich im Gleichgewicht gegenüberstehen, der Mensch in seiner Freiheit aber sich selbst als das Zünglein an der Waage verstehen darf. Auch und gerade dann ist der Glaube selbst ein anderer geworden. Er ist nun diskutabel geworden wie die anderen Möglichkeiten, für die sich der Mensch entscheiden kann, diskutabel deshalb, weil ja nun die Beziehung zu diesen anderen Möglichkeiten, in die man ihn setzen will, und damit diese anderen Möglichkeiten selbst seine eigenen Bedingungen werden. Frei ist er nun nicht mehr. Er kann nun nur noch sein, was er vermöge der Freiheit des Menschen und was er in jener Beziehung sein kann. Mag er noch immer ein höchst orthodoxer Glaube sein – es hat schon im 18. Jahrhundert eine prachtvolle Orthodoxie gegeben, die sich in dieser Lage befand74 – so ist er doch eingesehen von seinem Gegenüber her, gemessen an ihm, verpflichtet, Antwort zu geben auf die Fragen, die ihm von dorther gestellt, Genüge zu tun den Anliegen, die ihm von dorther entgegengebracht werden. Tut er das nicht, erweist er sich nicht als moralisch, als vernünftig, als völkischer Art und Aufgabe entsprechend, dann droht ihm schon heimlich die Kündigung. Er ist nun ein vielleicht sorgfältig und eifrig gepflegter, aber eben doch ein domestizierter, ein gefangener und in fremden 21 Dienst gestellter Glaube geworden. Und das umso mehr, wenn der Mensch in seiner Freiheit sich herausnimmt, jene dem Glauben gegenübergestellten menschlichen Möglichkeiten ihrerseits mit religiösem Glanz zu umgeben, sie auf eine göttliche Uroffenbarung zurückzuführen,75 sie mit der Ordnung der Schöp|545fung zu identifizieren76 oder noch höher hinauf: mit dem Gesetz Gottes77 oder schließlich ganz direkt mit dem heiligen Geist,78 der ja bekanntlich in uns allen lebe.79 Ist der Mensch wirklich in der Lage, seine eigene Bestimmung, so wie er sie zu verstehen meint, als Wort Gottes aufzufassen, wie sollte dann das Wort Gottes, das er im Glauben zu vernehmen meint, auf die Länge zu ihm dringen als Gottes Wort, wie sollte es ihm dann auf die Länge etwas anderes sein können als wiederum ein Wort, das er zu sich selber sagt, das er darum gestaltet entsprechend dem, was er sich selber zu sagen hat oder zu sagen wünscht. Er ist ein anderer geworden, dieser Glaube, der sich von der Vernunft, von der Kultur, von Volk und Staat her hat Schach bieten lassen, der sich nur noch in diesem Gegenüber vernehmen lassen kann. Er wird sich – von jenem anderen Ursprung her verstanden und bekannt, erklärt und verkündigt – auch beim besten Willen darstellen und erweisen als derjenige Glaube, in welchem der Mensch Gott und dem Mammon dienen kann und dann auch tatsächlich dienen muss. |546 Die der Reformation entgegengesetzte Richtung ist, wo man sie einmal eingeschlagen hat, früher oder später noch immer darin sichtbar geworden, dass man der Reformation im Glauben und im Leben tatsächlich ganz fremd werden musste. «Fällt der Mantel, so muss der Herzog nach!»80 Hat man jene Richtung einmal verloren, dann wird man auf die Länge auch vergeblich orthodox sein wollen. Wie sollte man dann, um nur die vier erwähnten Punkte nochmals zu nennen, in Sachen der Autorität der heiligen Schrift, in Sachen der Erbsünde, in Sachen der Rechtfertigung, in Sachen der Prädestination noch so lehren können, wie es die Reformatoren getan haben? Wird man ihre Lehre, die so von ganz anderswoher kam, dann überhaupt noch verstehen können? Wird sie einem nicht notwendig, zuerst heimlich und dann offen, absurd erscheinen müssen? Wird man sie nicht auf der ganzen Linie umbiegen und abschwächen müssen – bis sie ungefähr wieder so lautet, wie sie im Katholizismus, von dem die Reformation ausge22gangen war, gelautet hatte und bis heute lautet? Ist die Trennung vom Papsttum dann noch rechtmäßig und notwendig? Wir können nur sagen: Ja, so haben sich die Dinge noch immer abgewickelt, wo man die reformatorische Richtung, die der Freiheit Gottes genug tun wollte, verloren hatte zugunsten der anderen Richtung, die der Freiheit Gottes und der Freiheit des Menschen miteinander genug tun will, um im Ergebnis allein der Freiheit des Menschen genug zu tun. Es entsteht dann wirklich etwas ganz, ganz Anderes: ein anderer Glaube, ein anderer Christus, eine andere Predigt, ein anderer Geist,81 eine andere Kirche. Mag man dann streiten darüber, ob man diese andere Kirche lieber als Humanitätskirche oder lieber als Volks- oder Staatskirche aufziehen will, ob sich ihre Predigt besser am Einzelnen oder besser an der Gemeinschaft orientiert. Unnützer Streit! Die Kir|547che der Reformation wird sie, die nicht aus der Entscheidung für den christlichen Glauben, nicht aus dem Worte Gottes geboren82 ist, so oder so nicht mehr sein, sondern so oder so eine Kirche der heimlich oder auch offen triumphierenden natürlichen Theologie, des Optimismus, der Werkgerechtigkeit, des menschlichen Übermuts, der nie größer ist als wenn er auch noch religiös wird – eine Parallele zum Papsttum trotz alles antirömischen Geschreis, das man in ihren Hallen da und dort noch immer vernehmen wird.
Es lässt sich nicht scherzen mit der Reformation. Es
ist gewiss angebracht, sich ernstlich zu fragen, ob die Reformatoren mit ihrer Neubegründung
der Kirche nicht etwas gewagt haben, was sie nicht hätten wagen sollen, weil die europäische
Menschheit diesem Wagnis nicht gewachsen war. Ob sie uns nicht ein Erbe hinterlassen haben,
mit dem wir, so wie es ist, nichts anzufangen wissen, weil es eine untragbare Zumutung für uns
bedeutet, weil es einen Glauben von uns verlangt, den wir nicht aufbringen können, weil es dem
nicht gerecht wird, was nun einmal unser Anliegen ist. So kann man allen Ernstes fragen. Und
wer die Dinge so meint sehen zu müssen, der stehe dazu als ein ehrlicher Mann und baue die
Kirche statt mit den Reformatoren auf den einen Grund Jesus Christus [vgl.
548 Können wir sie aber nicht unterlassen, wollen wir dennoch und dennoch evangelische Kirche,
Kirche der Reformation sein und bleiben, möchten wir ihr Erbe nicht ausschlagen, möchten wir
also auch die Reformation selbst nicht anders haben – wirklich als den heute noch lebendigen
Anfang unserer Kirche nicht anders haben als so, wie sie nun einmal war – ja, was wird uns
dann übrig bleiben, als uns durch die Richtung, die sie hatte, fragen zu
lassen, wie es denn mit der Richtung steht, die wir haben. Die Reformation
als Entscheidung wird dann
die evangelische Kirche von heute nach ihrer
Entscheidung fragen. Und wenn wir ihrer Frage standhalten,
dann wird es ja wohl an den Tag kommen, ob es unter uns auch noch so etwas wie eine gefallene
Entscheidung gibt und darum dann auch legitimes reformatorisches Bekenntnis, reine
reformatorische Lehre –
oder eben nur noch die Vermittlung86 und deshalb kein
Recht, sich auf die Reformation zu berufen. Und wenn es dann vielleicht ebenfalls an den Tag
kommen sollte, dass es solche gefallene Entscheidung gerade in der heute in der evangelischen Kirche herrschenden Bewegung nicht geben, dass diese Bewegung nichts anderes sein
sollte als die letzte vitalste vollendete Gestalt der großen neuprotestantischen Untreue gegen
die Reformation87 – nun, dann wüssten wenigstens alle die, die dieser Bewegung nicht verfallen
sind, eindeutig, was sie zu tun haben. Was haben sie zu tun? Sie haben, gestärkt durch das,
was uns die Reformation gerade heute zu sagen hat, Widerstand zu leisten. Im Namen der wahren gegen die in Gestalt dieser Bewegung herrschende falsche evangelische Kirche. Und darin wird dieser
Widerstand bestehen, dass sie sich im Unterschied zu der herrschenden Bewegung wieder
rücksichtslos und fröhlich, wie es vor vierhundert Jahren geschehen ist, hinter die gefallene
Entscheidung stellen. Rücksichtslos sage ich: denn wer dieser Bewegung gegenüber nicht etwas ganz anderes
will und darum auch tut als sie, der ist hier unbrauchbar.88
Zwischen der Entscheidung und |549 der Nicht-Entscheidung kann nicht
noch einmal vermittelt werden; zwischen
aufbrechenden Quellen u[nd] der durchbrechenden Kräfte der Metaphysik des Herzens, als eine
klassische Zeit der Besinnung, der Vertiefung und Erhebung im ernsthaftesten Sinn dieser
Begriffe. Man meint doch wohl mehr
Man kam der Sache gewiss viel näher, wenn man in früheren Jahrhunderten das Verdienst und
die Grösse der Reformatoren schlicht darin sah, dass sie als Lehrer der christl[ichen] Kirche
gewisse halb oder ganz vergessene Wahrheiten wieder rein [?] entdeckt und
auf den Leuchter gestellt hatten: die Herrlichkeit der Bibel, die Gewalt des Glaubens, die
Freiheit des Christen in der Welt, die Ehre Gottes in der Herrschaft Jesu Christi als dem, der
allein Sünde vergiebt und heilig macht, die notwendige Demut der Kirche. In der Tat: Fragt man
die Reformatoren selbst nach der Bedeutung, die sie ihrem Wollen u[nd] Tun zumassen[,] so wird
man den Bescheid bekommen: sie haben der Kirche mit diesen Wahrheiten die reine Lehre wieder
gebracht und in und mit dieser reinen Lehre den rechten Gehorsam, das rechte Leben, die rechte
Gestalt, oder negativ: die rechtmässige Befreiung[,] Befreiung vom Papsttum, d. h. von einer
Form des kirchl[ichen] Gottesdienstes, des |2| kirchlichen Rechtes u[nd] der kirchl[ichen]
Moral, die sich aus der reinen Lehre nicht begründen liess. Aber was heisst «reine Lehre»?
Ganz unbekannt sind jene Wahrheiten auch dem christl[ichen] Mittelalter nicht gewesen. Irgend
einen Raum gönnt ihnen auch die heutige kathol[ische] Kirche. Und damit allein war die
evang[elische] Kirche späterer Zeiten noch nicht die legitime Fortsetzung der Reformation,
dass sie die Verkündigung jener Wahrheiten fortsetzte. Damit ist sie es auch heute noch nicht!
In der Verkündigung der Reformatoren hatten jene Wahrheiten einen ganz besonderen Sinn,
Nachdruck und Zusammenhang, den sie in der alten und neuen kathol[ischen] Kirche jedenfalls
nicht haben und den sie auch in der evang[elischen] Kirche bis auf diesen Tag nicht
selbstverständlich haben. Kraft dieser Besonderheit, die jene[n] Wahrheiten im Mund u[nd] in
den Schriften der Reformatoren eigen war, waren sie «reine Lehre», haben sie Kirche begründet,
haben sie die Reformation zur gesetzgebenden u[nd] richterl[ichen] Instanz in der Kirche
erhoben. Der Vortrag jener Wahrheiten an sich hätte es auch nicht geschafft. Im Blick darauf
müssen wir vielleicht zunächst einfach annehmen, dass diejenige Deutung der Reformation der
Sache am Nächsten kommt, die die älteste u[nd] die naivste ist, die man nach dem Tode Luthers
ebensowohl wie nach dem Tode
Darum wurde hier Kirche begründet, die eine Kirche neu begründet, reformiert, d. h. wiederhergestellt zu ihrer ursprünglichen und eigentlichen Gestalt. Und darum hatte und hat die ev[angelische] Kirche dauernd Anlass, der Reformation zu gedenken, sich nach der Reformation auszurichten: darum weil in der Reformation prophetisch gesprochen u[nd] gehandelt wurde.