19. Oktober 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

hier schicke ich dir Karls Abschiedswort für Z. d. Z.1. Er läßt dich bitten, es doch bald zu lesen und ihm eventuelle Einwände mitzuteilen. Es ist deutlich geworden, aber es konnte jetzt wohl nicht anders sein. Wir haben noch manche sehr ernsthafte Stimmen gehört, die diese Trennung sehr begrüßen, da sie von der Haltung von Z. d. Z. in der letzten Zeit enttäuscht und irregeführt waren.2 Nach deiner Rückäußerung wird Karl das Original an Georg abgehen lassen für den Druck.3

Für deinen Brief danke ich dir sehr herzlich, lieber Eduard. Deine Aufforderung, «unsere Freundschaft unbelastet» zu lassen, bejahe ich von ganzem Herzen. Wenn ich manchmal kleine Unsicherheiten dir ge|525genüber hatte, so entsprangen die wohl einfach der gewissen Scheu, die der Mensch, dessen Existenz den Ansprüchen der bürgerlichen Konvention nicht genügt, leicht vor dem hat, der auch in dieser Hinsicht gut besteht. Besonders wenn hinter diesem «gut bestehen» mehr steht als die bequeme Gedankenlosigkeit des Spießers. Ich habe vielleicht an diesem Punkt ganz regelrechte Mikoxe4 (wie man in Berlin so schön sagt) vor dir. Aber ich will noch so gern sagen und glauben, daß dies nun der Vergangenheit angehört. —

Das Jäckchen für Marguerite hast du mir im Hotel in München bezahlt. —

Es ist sehr schön, daß wir jetzt auch deine Predigten haben dürfen.5 Besonders die beiden über das 7. Gebot6 waren mir sehr nachdenklich und wichtig. — Ich bin daran, die Calvin-Protokolle des letzten Semesters zu ergänzen. Dann bekommst du sie. —

Lieber Eduard, hab Dank für Alles. Und grüße Marguerite, deren lieber Brief7 einmal eine besondere Antwort haben soll, wie ich auch den von Dorothee8 nicht ohne Echo lassen möchte. Darf ich ihr wohl ganz offen schreiben, was ich zu ihrer Berufsfrage sagen möchte (sie schrieb mir darüber), ohne damit väterlichen oder mütterlichen Ratschlägen in die Quere zu kommen? Sehr herzlich
Deine
Lollo

Hast du den kleinen Lutherartikel via Ruedi erhalten?

526 Ich lege auch noch das Vorwort zur «Wahlrede» bei, die nun also allein Heft 2 darstellen soll.9

Sachfußnoten

1
Datiert am 18.10.1933, gedruckt zusammen mit den Abschiedsartikeln von Thurneysen und Merz in: ZZ, Jg. 11 (1933), S. 536–544 📖; wieder abgedruckt u. a. in: ders., Gottes Wille und unsere Wünsche (ThExh 7), München 1934, S. 31–39 📖, und in: Anfänge der dialektischen Theologie (ThB 17), hrsg. von J. Moltmann, Bd. II, München 1963, S. 313–321. 📖 ↩
2
In diesem Sinn schrieben etwa Paul Leo am 10.10.1933 an K. Barth und R. Karwehl am 7.10.1933 an G. Merz (vgl. oben S. 506, Anm. 2).↩
3
Am 2.11.1933 schrieb Ch. von Kirschbaum an Merz: «Hier kommt nun also das Abschiedswort, das nun wohl schon 14 Tage fertig da liegt. Wir haben auf Eduards Rückäußerung gewartet. Da diese leider bis heute nicht gekommen ist, geht es nun eben so an dich ab.» Teilabdruck des Briefes bei Lichtenfeld, S. 203. 📖 ↩
4
D. h. Minderwertigkeitskomplexe.↩
5
Im Karl Barth-Archiv befindet sich eine (unvollständige) Sammlung von Predigten Thurneysens (Vervielfältigungen; vgl. oben S. 411, Anm. 2), die, abgesehen von einem Exemplar aus dem Sommer 1932, Predigten ab August 1933 enthält.↩
6
E. Thurneysen, Du sollst nicht stehlen. 2. Mose 20,15, in: D. gr. B., S. 17–25. 📖 In der Predigtforschungsstelle Heidelberg befinden sich drei Vervielfältigungen einer am 8.10.1933 im Basler Münster gehaltenen Predigt über Ex. 20,15 (unveröffentlicht; Signatur: PF Thur 0008/21); die Unterschiede zu der veröffentlichten Predigt — Verwendung der 1. Person statt der direkten Anrede, Bezüge auf die Basler Situation — bei gleichzeitiger inhaltlicher Nähe lassen es möglich erscheinen, daß Thurneysen eine stark überarbeitete Fassung der Predigt vom 8.10. veröffentlichte (telephonische Auskunft über das Verhältnis der Predigttexte am 22.2.2000 von Herrn St. Scholpp). Die zweite Predigt konnte nicht nachgewiesen werden.↩
7
Brief vom 15.10.1933. ↩
8
In ihrem Brief vom 7.10.1933 erwog D. Thurneysen Fragen zu den äußeren Umständen und zu ihrer persönlichen Eignung für ein Theologiestudium.↩
9
K. Barth, Für die Freiheit des Evangeliums (ThExh 2), München 1933; Vorwort: S. 2. 📖 ↩