527
4. November 1933
Endlich! Du erhältst hier meinen Versuch, mein Abschiedswort1 zu sagen. Verzeih, daß ich so lange damit gewartet habe. Oder vielmehr, ich habe nicht gewartet, aber es ging bei mir in den letzten Wochen so am laufenden Band, daß ich zu keiner Besinnung kam. Einmal fressen mich die Menschen immer mehr auf, und da es wirklich nicht nur Nichtigkeiten sind, um die es da geht, sehe ich oft gar keinen Weg, mich freizumachen. Und dann läuft zu allem anderen noch der Volkshochschulkurs2 vor wirklich vollbesetztem Münstersaal. Aber das muß auch jede Woche wieder bereitgestellt sein. Endlich sind da noch ein paar unvorsichtig angenommene Vorträge, so am kommenden Montag ein Reformationsvortrag für die St. Galler3 Ich hatte auch wirklich richtig Mühe, etwas für Zwischen den Zeiten zu schreiben. Du wirst es ja verstehen, ich bin da draußen in der Schweiz in einer anderen Lage, ich konnte nicht einfach schwächer nachreden, was du kräftig genug vorgesagt hast. So habe ich eben — wie soll ich’s sagen? — eine Art «Vertrauliches Blatt» geschrieben, wie es in seiner Weise der jüngere Blumhardt geschrieben hat, wenn ihm etwas seiner «Gemeine» Mitteilens|528wertes aus seinem Denken oder Leben einfiel.4 Sei es daß seine Frau eine Operation zu bestehen hatte5, sei es daß ein wichtiger Todesfall im Hause vorgekommen war6, sei es daß «Gedanken aus dem Reiche Gottes» weiterzugeben waren7. Ob die letztere Rubrik gerade für unser Tun und Reden zu beanspruchen sein wird, ist ja sicher die Frage. Aber warum eigentlich nicht? Gelt, du liesest nun meine Sache aufmerksam und kritisch. Du kannst ja ganz anders ermessen, was heute draußen wirklich gesagt werden kann und muß. Und wenn du wesentliche Veränderungen vorgenommen sehen möchtest, so müßte eben alles noch einmal an mich zurückgehen. Kleinere Streichungen oder dergl. nimm nur ruhig selber vor. Vielleicht leuchtet dir ja auch der ganze Schrieb überhaupt nicht ein. Dann — ja dann wäre ich in Verlegenheit, was vorschlagen. Ich könnte höchstens ungefähr das kleine Votum aus dem Protokoll8 mehr oder weniger tel quel abdrucken. Ich weiß, daß mein Wort |529 nicht die Stärke und Volltrefferhaftigkeit hat wie das deine, aber das ist nun einmal von mir her nicht zu machen. Ich dächte mir, falls du also damit einverstanden sein kannst, so würde mein Votum unmittelbar unter dem Deinen und unter der gemeinsamen Überschrift «Abschied» abgedruckt. Falls du es wirklich billigen kannst, so schick es doch von dir aus sogleich an Georg. Ich habe ihm keinen Durchschlag geschickt, er müßte also diese Sache für den Druck durch dich erhalten.9
530 Dein eigenes Schlußwort ist in allen Teilen gut. Ich habe es wie alle diese Dinge reiflich überdacht, und es hat wirklich zu mir geredet. Ich bin vielleicht allem zu nah, um ein objektives Urteil zu haben. Mir ist es sehr nahe gegangen. Mein subjektives Empfinden hat einzig an zwei kleinen Stellen nicht ganz mitgekonnt. Einmal bei dem Satz unten auf S. 4: «Sie und sein [Gogartens] Beitritt zu der ‹Glaubensbewegung› ist nur der unzweideutige Ausdruck dessen, was er immer gemeint und gewollt hat. Post eventum kann und muß man sagen: es ist nichts selbstverständlicher als dies, daß es mit ihm dahin kommen mußte. Es ist nun aus dem Faß, wie Luther zu sagen pflegte.»10 Ich weiß genau, was du damit sagen willst. Aber es ist an diesem Sagen irgendetwas, das ich als «synthetisches Urteil a priori»11, als ein fast endrichterliches Zusprechen und Auf-den-Kopf-hin-Sagen empfinde. Man könnte hier auf Erden wenigstens Gogartens fatalen Schritt auch als seine Verirrung, vielleicht seine Endverirrung ansehen und ihn sogar in seinem letzten theologischen Wollen besser deuten, als er sich nun mit seinem Schritt selber gedeutet hat. Aber ich weiß — da, über die persönliche Beurteilung Friedrichs, werden wir nie ganz einig werden. Und die zweite Stelle ist die auf S. 9 unten an sich treffende Berufung auf den schrecklichen Gottfried Keller.12 Ich mag diesen Vers nicht ausstehen. Der ganze, aber auch der ganze schweizerische Freisinn rauscht in dieser Strophe auf, dazu ist es ein Lieblingszitat Kefirs13. Aber ich will dir diesen Denkmalsspruch wirklich nicht absprechen. Sei es denn! Ich weiß, es ist bei mir Ressentiment!
531 Denk, ich hatte den gleichen Gedanken wie du, als das Protokoll fertig vorlag: warum eigentlich das nicht à titre de document einfach abdrucken? Aber als ich Georgens Abneigung sah, der ja nicht einmal haben will, daß ein paar Leute in unserer nächsten Nähe Einsicht darein nehmen14, sah ich ganz davon ab, den Vorschlag zu machen. Ich habe es in Deutschland außer an euch und Helmi Vischer (der gerade in Basel war) und Gogarten selbst und — Siebeck niemand geschickt, in der Schweiz aber unter anderem auch an deinen Schwager Lindt in Bern, der es glaub Schädelin und sicher auch deiner Mutter gezeigt hat.
Ich muß schließen. Ein ordentlicher Brief ist das wirklich nicht geworden. Karl, wie ging es euch wohl in Berlin? Darüber zu hören, wäre |532 ich sehr gespannt. Lollo schreibt an Georg von Aufzeichnungen über die dortigen Gespräche15: gelt, die bekomme ich auch gelegentlich zu sehen? Ich schreibe euch nächstens mehr. Dein Weg wird steil und angefochten genug weitergehen. Wir gedenken eurer. Noch einmal: verzeih, daß ich zu deinem Abschiedswort nicht gleich geschrieben habe. Ich wollte es nicht tun, ohne mein eigenes Wort beizulegen. Nun ist das so spät geworden. Sei mit Lollo herzlich, treulich gegrüßt. Lollo danke ich für die Zusendung von allerlei mir Wichtigem!
533 Noch etwas! Karl, ich halte es für ganz unerläßlich, daß Gogarten von unseren Abschiedsreden Einsicht bekommt vor der Drucklegung. Er muß Gelegenheit haben, sich sogleich dazu zu äußern, wenn er will. Das halte ich bei der Schärfe, mit der er hier angegriffen wird, für einfach geboten. Willst du das Georg nicht gleich mitteilen, wenn du ihm mein Wort schickst?