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5. November 1933
Lollo arbeitet leidenschaftlich an der Erstellung des sehr umfangreichen Berliner Protokolls. So muß ich zur Feder greifen. Ich war sehr froh, endlich Nachricht von dir zu erhalten, hatte ich doch schon gefürchtet, daß du ernstlichen Widerspruch gegen meinen «Abschied» einzulegen habest. Der deinige ist ganz so ausgefallen, wie ich ihn von dir erwartet hatte. «In tiefer Beschämung» (würde etwa H. Gelzer sagen) muß ich anerkennen: So, so hat gewißt der wirkliche Apostel Johannes geredet, als er jene Badanstalt verließ.1 Nein, da habe ich gar nichts zu widersprechen oder zu verbessern (nur ein Dickicht, das durch allzu häufigen Gebrauch des Wortes «umklammert» irgendwo entstanden war, habe ich durch eine kleine Streichung etwas gelichtet und das Wort «alte» vor «Religiös-Soziale» gestrichen, weil sie ja alle noch am Leben sind). Wirklich, zufriedener könnte ich nicht sein, als ich es bin angesichts der Art, wie du, ruhiger, aber nicht weniger entschieden, mich nun auch in dieser Sache flankierst. — Zu der Stelle über Gogarten kann ich nur sagen, daß ich den Lauf der Dinge bei ihm tatsächlich so sehe. Und nimmt man ihn nicht tatsächlich ernster, wenn man so von ihm redet, wie es dort geschieht, als wenn man ihm jetzt bloß das Begehen eines kleinen Irrweges zuschriebe? Gog. hat viel zu viel Format, als daß er sich im Einzelnen irren könnte. Er wußte immer unheimlich genau, was er im Ganzen wollte, und das ist nun eben «aus dem Faß». Zu G. Keller ist aus der hiesigen «konkreten Situation» dies zu sagen — ich habe die Stelle in seinen Gedichten nicht ohne Schaudern nachgeschlagen! —, daß man im heutigen Deutschland auch den verlassenen Graben |534
«Freisinn» «in etwa» wieder besetzen und halten muß als eine Stelle, wo Notwendiges zu behaupten und zu halten ist. Die Anführung dieses Verses wird Unzählige (nicht zu Unrecht) erquicken und trösten! — Georg sandte mir sein Abschiedswort an uns2. Es ist geradezu erschreckend schwach. Er antwortet wirklich auf 1000 nicht 1 [vgl. Hiob 9,3], sondern schreibt in der Hauptsache jenen Brief von — Gogarten ab.3 Gogarten wird in derselben Nr. ebenfalls antworten4, bekommt also unsere scripta sicher zu lesen vorher. — Diese Nr. von ZdZ wird noch einmal lebhaft gekauft werden! Denk, Lempp hat auf unsere neuen Hefte5 bereits 3000 Bestellungen bekommen!! Er scheint (Traub ist soeben von dort eingetroffen) zwischen Freude über das gute Geschäft und Ängstlichkeit über das, was kommen könnte, mitten drin! Heft 2 bringt meine (ausgeschriebene) Wahlrede vom Juli, Heft 3 den Berliner Vortrag.6 Die deutsche Lage schreit danach, daß man jetzt aus allen Rohren Feuer gibt. Ich wollte, ich hätte 3 Köpfe, um mit mindestens zweien davon Flugschriften zu verfassen. Schon kracht es im Gebälk der D. C., die ja jetzt nach zwei Seiten kämpfen müssen und deren Paupertät an allen Ecken sichtbar wird.7 Aber damit ist freilich noch nicht geholfen. Du |535 wirst aus dem Berliner Protokoll sehen, in welchem Rumor wir uns befinden. Man wünscht sich jetzt fast, sich auf eine Weile ganz nur diesem Geschehen widmen zu können. Ernst und aufregend genug ist es. Aber ich weiß, ich weiß … Und morgen früh 8 Uhr muß ich nun einfach wieder mit der Dogmatik
📖 anfangen. Lollo behauptet, ich hätte in Berlin in zwei Tagen nun mehrere Pfund abgenommen!! Wenn du das Protokoll liesest, wirst du verstehen! — Ich muß abbrechen.
Sei herzlich gegrüßt von