5. November 1933

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Lollo arbeitet leidenschaftlich an der Erstellung des sehr umfangreichen Berliner Protokolls. So muß ich zur Feder greifen. Ich war sehr froh, endlich Nachricht von dir zu erhalten, hatte ich doch schon gefürchtet, daß du ernstlichen Widerspruch gegen meinen «Abschied» einzulegen habest. Der deinige ist ganz so ausgefallen, wie ich ihn von dir erwartet hatte. «In tiefer Beschämung» (würde etwa H. Gelzer sagen) muß ich anerkennen: So, so hat gewißt der wirkliche Apostel Johannes geredet, als er jene Badanstalt verließ.1 Nein, da habe ich gar nichts zu widersprechen oder zu verbessern (nur ein Dickicht, das durch allzu häufigen Gebrauch des Wortes «umklammert» irgendwo entstanden war, habe ich durch eine kleine Streichung etwas gelichtet und das Wort «alte» vor «Religiös-Soziale» gestrichen, weil sie ja alle noch am Leben sind). Wirklich, zufriedener könnte ich nicht sein, als ich es bin angesichts der Art, wie du, ruhiger, aber nicht weniger entschieden, mich nun auch in dieser Sache flankierst. — Zu der Stelle über Gogarten kann ich nur sagen, daß ich den Lauf der Dinge bei ihm tatsächlich so sehe. Und nimmt man ihn nicht tatsächlich ernster, wenn man so von ihm redet, wie es dort geschieht, als wenn man ihm jetzt bloß das Begehen eines kleinen Irrweges zuschriebe? Gog. hat viel zu viel Format, als daß er sich im Einzelnen irren könnte. Er wußte immer unheimlich genau, was er im Ganzen wollte, und das ist nun eben «aus dem Faß». Zu G. Keller ist aus der hiesigen «konkreten Situation» dies zu sagen — ich habe die Stelle in seinen Gedichten nicht ohne Schaudern nachgeschlagen! —, daß man im heutigen Deutschland auch den verlassenen Graben |534 «Freisinn» «in etwa» wieder besetzen und halten muß als eine Stelle, wo Notwendiges zu behaupten und zu halten ist. Die Anführung dieses Verses wird Unzählige (nicht zu Unrecht) erquicken und trösten! — Georg sandte mir sein Abschiedswort an uns2. Es ist geradezu erschreckend schwach. Er antwortet wirklich auf 1000 nicht 1 [vgl. Hiob 9,3], sondern schreibt in der Hauptsache jenen Brief von — Gogarten ab.3 Gogarten wird in derselben Nr. ebenfalls antworten4, bekommt also unsere scripta sicher zu lesen vorher. — Diese Nr. von ZdZ wird noch einmal lebhaft gekauft werden! Denk, Lempp hat auf unsere neuen Hefte5 bereits 3000 Bestellungen bekommen!! Er scheint (Traub ist soeben von dort eingetroffen) zwischen Freude über das gute Geschäft und Ängstlichkeit über das, was kommen könnte, mitten drin! Heft 2 bringt meine (ausgeschriebene) Wahlrede vom Juli, Heft 3 den Berliner Vortrag.6 Die deutsche Lage schreit danach, daß man jetzt aus allen Rohren Feuer gibt. Ich wollte, ich hätte 3 Köpfe, um mit mindestens zweien davon Flugschriften zu verfassen. Schon kracht es im Gebälk der D. C., die ja jetzt nach zwei Seiten kämpfen müssen und deren Paupertät an allen Ecken sichtbar wird.7 Aber damit ist freilich noch nicht geholfen. Du |535 wirst aus dem Berliner Protokoll sehen, in welchem Rumor wir uns befinden. Man wünscht sich jetzt fast, sich auf eine Weile ganz nur diesem Geschehen widmen zu können. Ernst und aufregend genug ist es. Aber ich weiß, ich weiß … Und morgen früh 8 Uhr muß ich nun einfach wieder mit der Dogmatik 📖 anfangen. Lollo behauptet, ich hätte in Berlin in zwei Tagen nun mehrere Pfund abgenommen!! Wenn du das Protokoll liesest, wirst du verstehen! — Ich muß abbrechen.

Sei herzlich gegrüßt von
Deinem
Karl

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 326, Anm. 35.↩
2
Gedruckt zusammen mit den Abschiedsartikeln von Barth und Thurneysen unter der gemeinsamen Überschrift Abschied, in: ZZ, Jg. 11 (1933), S. 551–554 📖; und in: Anfänge der dialektischen Theologie, Bd. II, a.a.O., S. 328–331. 📖 ↩
3
G. Merz, a.a.O., S. 552 📖 bzw. S. 329 📖. Gogartens Brief war bereits auf der Sitzung der Mitarbeiter von ZZ in München am 30.9.1933 verlesen worden.↩
4
Gogarten nahm zum Ende von «Zwischen den Zeiten» nicht öffentlich Stellung. Merz schrieb am 10.11.1933 an Gogarten: «Sehr froh bin ich, daß nun von Dir die Predigt erscheint, so daß ich glaube, daß ein besonderes Schlußwort von Deiner Seite nicht nötig ist. Das, was tatsächlich zu sagen ist, steht ja nun auch in meinem Schlußwort» (Durchschlag im Karl Barth-Archiv). Vgl. Fr. Gogarten, Predigt über Joh. 15,26–27 (gehalten in der Elisabethkirche zu Breslau am 18. Mai 1933), in: ZZ, Jg. 11 (1933), S. 465–472. 📖↩
5
D. h. die Reihe «Theologische Existenz heute».↩
6
Siehe oben S. 515f., Anm. 12 und 14.↩
7
Wahrscheinlich denkt Barth an die kirchliche Opposition und an die zunehmende Verbreitung deutschvölkischer Gläubigkeit z. B. durch die von Jakob Wilhelm Hauer gegründete Deutsche Glaubensbewegung, die für radikal eingestellte Deutsche Christen anziehend war. Am 8.11.1933 schrieb er an W. Niesel: «Den D. C. scheint es Land auf Land ab gar nicht wohl zu sein in ihrer Haut, seit jener Pg. [Parteigenosse] Heß die Gewissensfreiheit proklamiert hat und seit überdies die Hauerleute sich immer mehr bemerkbar machen. Es ist ja schon wahrscheinlich, daß sie uns, nun einmal an der Macht befindlich, noch zu schaffen machen werden. Aber auch das Andere ist nicht unmöglich, daß dieser ganze Zauber eben so plötzlich verschwindet, wie er gekommen ist.» Die Kluft zwischen dem gemäßigten und dem radikalen Flügel in der Glaubensbewegung Deutsche Christen hatte sich durch eine Kundgebung L. Müllers vom 11.10.1933 vergrößert, in der er mit dem Ziel, die innerkirchlichen Auseinandersetzungen zu beruhigen, das Ende des kirchenpolitischen Kampfes erklärt hatte. Als daraufhin der Stellvertreter Hitlers, Rudolf Heß, am 13.10. offiziell die kirchenpolitische Neutralität der NSDAP erklärte, verstärkte sich die Gefahr einer Abwanderung radikal eingestellter Deutscher Christen zu den deutschgläubigen, völkischen Verbänden weiter. Dem versuchte Müller mit verschiedenen Äußerungen entgegenzuwirken (Ausführungen zur konsequenten Anwendung des «Arierparagraphen» in der Kirche am 27.10.; Erklärung vom 28.10. zur Interpretation des Heß-Erlasses). Vgl. Scholder I, S. 572–575.666–677 📖; Meier I, S. 129–132 📖; K. Meier, Die Deutschen Christen, a.a.O. (S. 404, Anm. 11), S. 29–34 📖; Schneider, S. 159–163. 📖↩