13. November 1933

Charlotte von Kirschbaum und Karl Barth an Eduard Thurneysen (sowie Nachschrift Karl Barth an Eduard Thurneysen)

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Lieber Eduard,

da läßt Karl dir den Durchschlag seines soeben an Georg abgegangenen Briefes1 senden, und diesen Anlaß will ich benützen, dir noch ei|536nen herzlichen Gruß beizufügen und die Meldung, daß es uns hier mitten im Gewühl des Tages und der Zeit gut geht. Karl war zwei Tage unterwegs mit einem Teil der hiesigen Fakultät zu einem Treffen mit den Marburgern und hatte an den Gesprächen mit Bultmann und besonders auch v. Soden Freude. Sie haben sogar eine gemeinsame Erklärung verfaßt zu einem Erlaß des Bischofs Ludwig Müller2, genannt Ludwig das Kind3. Du wirst ihn dann, sobald er geschrieben ist, auch zur Einsicht erhalten. — Hier beschäftigt uns augenblicklich ein kleiner Zwist mit den Studenten, die von sämtlichen Dozenten bei Beginn der Vorlesung den Hitlergruß verlangen. Karl hat seinem Auditorium in freundlichen Worten heute Morgen erklärt, warum er das nicht könne. Er habe den Bereich der Kirche und Theologie innerhalb der Universität zu |537 hüten und könne ihn nicht in dieser Weise an den Staat verraten. Er weigere sich nicht grundsätzlich gegen diesen Gruß, wohl aber in diesem Raum und vor dieser Vorlesung.4 Die Studenten nahmen seine Worte z. Tl. mit lebhaftem Beifall auf, einige scharrten. Und nun scheinen Karls Worte wie ein Lauffeuer durch die ganze Universität zu laufen, immer wieder kommen treubesorgte Schüler am Telefon und melden von diesem und jenem Gehörten und Gesagten. Wir müssen nun eben abwarten, was uns morgen früh im Hörsaal erwartet. Ich glaube, nichts Schlimmes. Es ist mir so klar geworden — was es mir nicht von Anfang an war —, daß Karl es nicht tun darf. Und damit ist der Fall ja ganz einfach und klar gelagert. Und er hat so gut und völlig entgiftet geredet, |538 daß ich einfach nicht glauben kann, daß seine Hörer ihm das nicht abnehmen sollten. —

Gestern waren wir hier in Bonn doch eine kleine «Gemeinde» von 1000, die ihre Kniee nicht gebeugt haben [vgl. 1.Kön. 19,18; Röm. 11,4]!! Aber mir ist noch selten eine Entscheidung so schwer gefallen wie diese.5

Nelly läßt Marguerite und dich herzlich grüßen und euch noch vielmals danken. Sie ist wohlbehalten hier angekommen, nur heute noch etwas müde von der Reise, —

In großer Herzlichkeit grüßen Karl und ich Marguerite und dich.
Deine
L.

[Nachschrift von Barth:]

Lieber Eduard!

Laß doch bald das versprochene Weitere von dir hören! K. Sartorius hat mir in letzten Tönen von deinen Volkshochschulvorträgen geschrieben.6 Sollte da nicht etwas für unsere Hefte Geeignetes sich druckfertig machen lassen? Heft 3 werde ich noch bestreiten. Dann mußt du auch einmal von dir hören lassen!

Mit herzlichem Gruß
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Brief vom 13.11.1933 als Antwort auf Merz’ Brief an Barth und Thurneysen vom 9.11.1933, in dem Merz nach Lektüre der Abschiedsartikel Barths und Thurneysens geschrieben hatte: «Ich bat am Schluß [des Münchner Gespräches] ausdrücklich, diese Regelung, also daß mit Eurer Zustimmung fortgefahren werde, müsse im Schlußwort zum Ausdruck kommen. Ich glaube mich deutlich zu erinnern, daß Karl dies bejahte.» Die Artikel enthielten aber entgegen dieser Verabredung eine Abgrenzung gegen ZZ, die «es dem Nichteingeweihten vielmehr so erscheinen [lasse], als ob ich Eure theologischen Voraussetzungen preisgegeben hätte und Z.d.Z. benützen wolle, die deutsche Kirche an die ‹Deutschen Christen› zu verraten. Dabei hat Eduard ausdrücklich erklärt, er habe von jeher sich völlig mit mir theologisch eins gewußt.» Unter diesen Umständen werde Merz die Zeitschrift nicht weiterführen (Teilabdruck des Briefes bei Lichtenfeld, S. 206 📖). Barth verwahrte sich gegen die Vorwürfe. Er habe zur Fortführung von ZZ nicht aufgefordert, sondern sei bereit, sie zuzulassen. Er habe «über die Zukunft von ZdZ nach meinem Ausscheiden» in seinem Abschiedswort «überhaupt nichts gesagt. Und dies nun eben in der Annahme, daß dies nun eben deine Sache sei, den Lesern zu erklären, wie du dir eine legitime Fortsetzung auf der von mir abgelehnten neutralen Basis denkest. Du konntest von mir nicht erwarten, daß ich in dieser Hinsicht etwas zu sagen habe.» Die ihm und Thurneysen wegen ihrer fehlenden Unterstützung zugeschriebene Verantwortung für das Ende von ZZ könne er daher nicht übernehmen.»Weißt du wirklich, was du mit Gogarten und den anderen mit der Fortsetzung einverstandenen Mitarbeitern von ZdZ willst, so wirst du doch in der Lage sein, es gegenüber dem, was nun eben ich in der gegenwärtigen Situation meine wollen zu sollen, so abzugrenzen, daß du auf den notgedrungen matten Abschiedssegen, den ich diesem neuen ZdZ mit auf den Weg geben könnte, verzichten kannst.» Vgl. auch unten S. 548, Anm. 13.↩
2
Am 11./12.11.1933 kam es in Marburg zu einem Treffen der Bonner Professoren Barth, Hölscher, Lieb und Wolf mit den Marburgern Bultmann, Schlier und von Soden, auf dem auch ein von H. von Soden entworfener offener Brief an L. Müller besprochen wurde, der sich gegen Müllers Erklärung vom 8.11.1933 zum «kommenden volkmissionarischen Kampf» gegen die Gegner der Deutschen Christen richtete. Von Soden versandte den Brief an Kollegen mit der Bitte um Unterzeichnung, doch nach L. Müllers öffentlicher Distanzierung von der Entschließung im Sportpalast (vgl. unten S. 539, Anm. 3) wurde der Brief nicht veröffentlicht; Abdruck des offenen Briefes in: Theologie und Kirche im Wirken Hans von Sodens. Briefe und Dokumente aus der Zeit des Kirchenkampfes 1933–1945, hrsg. von E. Dinkler und E. Dinkler-von Schubert, bearb. von M. Wolter (AKIZ, Reihe A, Bd. 2), Göttingen 1984, S. 362–364 📖 (Durchschlag des Briefes mit handschriftlichen Bearbeitungen im Karl Barth-Archiv); vgl. auch a.a.O., S. 60–68; Bw.B.2, S. 136 📖; Busch, S. 244f. 📖↩
3
Ludwig IV. (893–911), genannt das Kind, wurde unter der Vormundschaft des Mainzer Erzbischofs Hatto im Alter von 7 Jahren König von Ostfranken.↩
4
Über den Vorfall schrieb Barth, der außerhalb der theologischen Veranstaltungen im Dienst den Hitlergruß nicht verweigerte, am 13.11.1933 an A. Schädelin: «Heute morgen zu Beginn meiner Vorlesung gab es eine freundliche kleine Szene, indem meine Zuhörerschaft mich auf Befehl ihrer studentischen ‹Führer› beim Eintreten statt mit dem üblichen Trampeln mit dem Hitlergruß empfing, wobei die schöne Absicht die war, ich möchte es ebenfalls ‹lernen›, bei diesem Anlaß in der bewußten Weise meine Flosse zu erheben. Ich hielt dann eine kleine Ansprache, bei der zuerst gescharrt wurde, während es schon zwei Minuten später, als ich sagte, dem deutschen Volk könne nicht besser gedient sein als durch eine Kirche, die sich als die Grenze des totalen Staates bewähre, ein Beifall losging, daß ich kaum weitersprechen konnte. So ist es wohl schon auf dem römischem Forum zugegangen. Resultat: es herrscht Einverständnis darüber, daß ich diesen Gestus nicht vollziehen werde. Es kann aber sein, daß die Knäblein umgekehrt dabei bleiben, mich in dieser Weise zu begrüßen — weil es der studentische ‹Führer› nun einmal so haben will» (Abdruck bei: W. Koch, Karl Barths erste Auseinandersetzung …, a.a.O. [S. 383, Anm. 2], S. 509 📖). Zu demselben Thema schrieb er am 17.11. an K. G. Steck: «Ich für meine Person habe schon in den Ferien irgendwie gewußt, daß ich diese Sache, wenn sie an mich kommen sollte, nicht mitmachen werde, weil es mir ähnlich wie s. Z. bei der Frage des Austritts aus der S.P.D. schien, daß da mitten auf dem Gebiet der Adiaphora — und was ist schließlich nicht Adiaphoron? — die Grenze befestigt sei, die ich auf alle Fälle halten müßte … Irgendwelche Folgen auf dem Platze Bonn scheint die Sache übrigens nicht zu haben. Es spielt sich nun eben jeden Morgen die seltsame Szene ab, daß der größere Teil des Saales bei meinem Erscheinen wie gewohnt trampelt, während die ganz eifrigen Nazis und wohl auch einige um ihr Fortkommen Besorgte mich in der bewußten Weise begrüßen, was dann von mir ignoriert oder vielmehr mit jener … Lesung aus dem Losungsbuch beantwortet wird. Das gehört nun eben auch zu den verschiedenen Bildern aus dem Leben des deutschen Volkes unter dem dritten Reich, an die man einst nicht ohne Humor zurückdenken wird» (Teilabdruck a.a.O.). Zur Fortsetzung der Auseinandersetzung s. unten S. 563, Anm. 8.↩
5
Am 12.11.1933 war — zusammen mit der Reichstagswahl — die Volksabstimmung über Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund durchgeführt worden. Der General-Anzeiger für Bonn und Umgegend (Jg. 44 [1933], Nr. 14783 vom 13.11.1933, S. 3) 📖 veröffentlichte am 13.11. eine Statistik der Bonner Volksabstimmungs-Ergebnisse, die 1895 Nein-Stimmen und 1199 ungültige (von insgesamt 69667 abgegebenen) Stimmen auswies. Über die Entscheidungsschwierigkeit schrieb Ch. von Kirschbaum am 17.10.1933 an E. Küppers: «Wegen der ‹Wahl› sind wir selber noch im Unklaren. Ich glaube nicht, daß wir dir darüber Bescheid geben können. Ein Ja kommt nicht in Betracht, ein Nein scheint ausgeschlossen. Man muß auch da abwarten, um im Augenblick J[ede]r [durch Lochung z. T. unleserlich] nach s. Gutdünken zu entscheiden.» Vgl. auch oben S. 520.↩
6
K. Sartorius schrieb, dieser Volkshochschulkurs (vgl. oben S. 511, Anm. 16) sei «ganz tadellos fein, wenn man diesen banalen Ausdruck überhaupt dafür gebrauchen» könne (Brief an Barth vom 10.11.1933).↩