14. November 1933 – 15. November 1933

Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Bd. III 1930–1935

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Lieber Eduard,

schon rollen K. und ich wieder im D-Zug nach Berlin. Ein dringender Hilferuf von dort ertönte.2 Die kirchliche Lage scheint entscheidungsreif, nachdem neueste Beschlüsse der D. C. den Boden der christlichen Kirche verlassen zu haben scheinen.3 K. ist etwas besorgt wegen |540 Übereilungen. Aber er muß jetzt dorthin, um eventuell an höchster Stelle schlimmste Unglücke zu verhüten. Denkt an uns. Wir sind friedlich und getrost und ich so froh und dankbar, mit K. zu sein.

Eure
Lollo und Karl

[Nachschrift von Barth:]

Motto: «Karl Barth schon wieder in Berlin»

Du bekommst so bald als möglich Nachricht von den großen Dingen, denen wir scheinbar entgegeneilen. Pfeife ja nicht, ja nicht ausgehen lassen! Lollo ist unersetzlich.

Sachfußnoten

1
Poststempel: Magdeburg-Uelzen-Bremen / Bahnpost / Z. 463 - 15.11.1933. Datum im Original: «15. November». Trotz der übereinstimmenden Datumsangabe im Bahnpoststempel und Ch. von Kirschbaums Datierung muß die Karte bereits am 14.11. geschrieben worden sein. Dieses frühere Datum gab Ch. von Kirschbaum — zusammen mit dem Wochentag! — in ihrem Bericht über die Berliner Reise (s. unten Anm. 2) an. Der Datierungsfehler unterlief ihr auch in ihrem Protokoll des abendlichen Gesprächs im Hause Jacobi, an dem Barth und Ch. von Kirschbaum, direkt vom Bahnhof kommend, ab 22.30 Uhr teilnahmen (s. unten S. 541, Anm. 3), ist aber auch dort anhand der Nennung des Wochentags als Irrtum erkennbar. Offenbar wurde die am Abend des 14.11. geschriebene Karte nach Mitternacht, also am 15.11., abgestempelt.↩
2
Über den Anlaß zu Barths Reise nach Berlin schrieb Ch. von Kirschbaum: «Am Dienstag vormittag (14.XI.), als wir um zehn Uhr aus dem Kolleg heimkamen, empfing uns Nelly mit der Botschaft: Pfarrer Jacobi aus Berlin habe telephonisch dringend verlangt, daß K.B. dorthin komme. Es hätten sich schlimmste Dinge ereignet. Wir läuteten sofort bei Jacobi an und erfuhren von ihm von den Vorgängen im Sportpalast und dem nun von der Opposition gegen die deutschen Christen geplanten Gegenstoß, der unter Umständen zur Kirchenspaltung führen könne. ‹K.B. muß sofort kommen.› Da er freundlicherweise mich aufforderte, ebenfalls zu kommen, und ich natürlich das aus den Dir bekannten Gründen mir nicht zweimal sagen ließ, stiegen wir also beide eine Stunde darauf schon [in] den D-Zug Köln-Berlin und rollten durch das weite, immer noch herbstlich schöne Land» (aus dem Bericht von Ch. von Kirschbaum über die Reise nach Berlin, überschrieben mit «Abschrift», datiert «Bonn (18./19.XI.1933)» [3 einzeilig maschinengeschriebene Seiten]; Photokopie aus dem Besitz von H. Traub im Karl Barth-Archiv; es handelt sich offenbar um den Ausschnitt aus einem Brief an eine ihr vertraute Person, deren Identität nicht mehr festgestellt werden konnte). Zu den Auseinandersetzungen bei der Zusammenkunft der Berliner Oppositionellen vgl. Scholder I, S. 706–709 📖; Busch, S. 245f. 📖↩
3
In der deutschchristlichen Versammlung im Berliner Sportpalast am 13.11.1933 wurde eine Entschließung vorgetragen und angenommen, in der u. a. die radikale Anwendung des «Arierparagraphen» in der Kirche, die Begründung einer gesonderten judenchristlichen Kirche, die «Verkündigung der von aller orientalischen Entstellung gereinigten schlichten Frohbotschaft und einer heldischen Jesusgestalt als Grundlage eines artgemäßen Christentums» sowie die Abkehr «von allem Undeutschen in Gottesdienst und Bekenntnis, insbesondere vom Alten Testament und seiner jüdischen Lohnmoral» gefordert wurden (Abdruck bei Gauger I, S. 111 📖; K. Meier, Die Deutschen Christen, a.a.O. (S. 404, Anm. 11), S. 36 📖; Meier I, S. 135 📖; Michaelis/Schraepler, S. 600f. 📖; van Norden, S. 216f. 📖). Zur Sportpalastveranstaltung vgl. Gauger I, S. 109. 111; K. Meier, Die Deutschen Christen, S. 32–37 📖; Meier I, S. 132–136; Scholder I, S. 702–705. 📖↩