16. November 1933

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Du wirst von den Berliner Ereignissen durch die Zeitung gehört haben.1 Ich fand den Kreis um Jacobi aufgewühlt wie einen Ameisenhaufen teils in der Erwartung der nun nahe herbeigekommenen Freikirche, teils in der Hoffnung, nun endlich den D. C. ein «Tannenberg»2 berei|541ten zu können, teils doch auch in dem Nebengedanken an einen Separatfrieden mit den «besseren» D. C.! Mitten unter ihnen Bodelschwingh und Dibelius — beide gar nicht gut.3 Jacobi hätte mich wirklich wegen dieser Sache in Ruhe lassen dürfen. Ich kam nämlich einfach nirgends |542 recht zum Schuß, und es bestand sogar eigentliche Opposition gegen mich, die mir auf Schritt und Tritt in wenig aufrichtiger Weise entgegenarbeitete und vor allem den geplanten Besuch bei Hindenburg bzw. Hitler, für den ich natürlich auf die Berliner angewiesen gewesen wäre, durch seltsame Manöver zu hintertreiben wußten4. Ich habe einen sehr schlechten Geschmack im Mund bei der Erinnerung an das alles! — Die Art, wie der Reichsbischof und Hossenfelder auf diese Sache — für die sie sicher verantworlich sind — reagiert haben, indem sie nun plötzlich in der Toga der Orthodoxie auftreten, war sehr schlau und wird sicher viel falsche Eindrücke und viel Verwirrung verursachen.5 Der D. C. -Häupt|543ling O. Weber, mit dem ich gestern eine 1 1/2 stündige Unterredung hatte, meinte allerdings in einer pessimistischen Anwandlung, das Ende der ganzen D. C.-Sache schon nahen zu sehen. Ich traue dem Frieden nicht. Mein Reiseergebnis ist höchst unbefriedigend. Die Jung-Reformatorischen und Bodelschwingh haben sich aufs neue als eine Gesellschaft erwiesen, von der6 man sich distanzieren muß. Jacobi ist recht, aber wohl etwas schwach. Ich werde in der Hauptsache nach wie vor allein weiterfechten müssen.

Lieber Eduard, sei herzlich gegrüßt
von deinem
Karl

Sachfußnoten

1
Die Basler Nachrichten berichteten erstmals am 15.11.1933 über die Veranstaltung im Sportpalast und ihre Folgen: K., Reichsbischof Müller gegen die radikale Richtung der Glaubensbewegung Deutsche Christen, in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 314 vom 15.11.1933 📖 (auf der Titelseite außerdem Kurznotiz unter der Rubrik «Neuestes»); K., Reichsbischof Müllers Abwehr gegen die radikalen «Deutschen Christen», a.a.O., Nr. 315 vom 16.11.1933. 📖 ↩
2
In der Schlacht bei Tannenberg in Ostpreußen am 26.-30.8.1914 wurde die russische 2. Armee von der zahlenmäßig unterlegenen deutschen 8. Armee, die erst seit dem 23.8.1914 unter Hindenburgs Befehl stand, vernichtend geschlagen (vgl. unten S. 680, Anm. 4). — Das Wort über Tannenberg fiel während einer Zusammenkunft von ca. 100 Pfarrern des Notbundes am Vormittag des 15.11.1933, die bis 15.30 Uhr dauerte. Barth, der zusammen mit Ch. von Kirschbaum zunächst an der gleichzeitig stattfindenden Sitzung eines «Brüderrates» unter M. Niemöllers Vorsitz teilnahm, wurde, um sich verteidigen zu können, in die größere Versammlung gerufen. Ch. von Kirschbaum schilderte später die aufgeregte Szene in ihrem Bericht (s. oben S. 539, Anm. 2): «Mitten drin wurde die Tür erregt von einem jungen Pfarrer aufgestoßen: ‹Herr Professor, kommen Sie schnell, drüben spricht Dibelius und schlägt Ihre Thesen kaputt.› Wir zogen also hinüber in den ‹Notbund› (d. h. in die Zimmer nebenan) und fanden dort eine erregte Stimmung. Otto der Große war siegestrunken geworden und sprach von einem ‹Tannenberg›, das den D.C. jetzt zu bereiten sei. K. B. ergriff das Wort. Er habe seine Thesen — es handelte sich um sechs in größter Eile hingeworfene Thesen: eine halbe Stunde bevor der Brüderrat kam! — nicht als Bekenntnis gemeint und wolle darum niemand zwingen, sondern lediglich als Anregung. Als er dann noch kurz umrissen hatte, auf was es ihm ankomme, und vor ‹Tannenberg› warnte [Original: und warnte vor ‹Tannenberg›] und mit dem Sprechen zu Ende war, war Dibelius, genannt Otto der Große, verschwunden. Also auch dieser Kirchenfürst gekränkt.» — Die genannten Thesen wurden veröffentlicht unter dem Titel Kirchliche Opposition 1933, in: K. Barth, Lutherfeier 1933 (ThExh 4), München 1933, S. 20f 📖; Reformationstag 1933 …, a.a.O. [S. 500, Anm. 2], S. 132f. 📖 Ein Brief Barths an R. Karwehl vom 17.11. läßt den irrtümlichen Eindruck entstehen, der Ausdruck stamme von M. Niemöller (Teilabdruck bei Scholder I, S. 708 📖). In seinem Vorwort zu Heft 4 der ThExh 📖, in dem Barth seinen Eindruck von den Gesprächen vom 15.11. und seine dortige Haltung beschreibt, nimmt er das Stichwort wieder auf: «Und wohlverstanden: auch ein völliges ‹Tannenberg› der Deutschen Christen, auch ein hundertprozentiger kirchenpolitischer Sieg der Opposition würde gar nichts helfen, wenn diese es dann vielleicht doch nicht verstehen würde, das in den Deutschen Christen schließlich nur aufgebrochene, aber nicht erst und nicht nur in ihnen wirksame Übel unserer Kirche bei der Wurzel zu fassen» (a.a.O., S. 3–7; Zitat dort S. 4f.; zu Barths Haltung gegenüber der Freikirche s. dort S. 4).↩
3
Zu der ersten persönlichen Begegnung Barths mit Bodelschwingh kam es bereits unmittelbar nach Barths und Ch. von Kirschbaums Ankunft am Abend des 14. 11. in einem Gespräch, von dem Ch. von Kirschbaum ein Protokoll anfertigte («Protokoll des Gespräches am Dienstag, den 15. [richtig: 14.] Nov. 1933 abends im Hause von Pfr. Jacobi-Berlin»; abgedruckt in: Reformationstag 1933 …, a.a.O., S. 121–131 📖; in der dortigen Anwesenheitsliste [S. 121] fehlt G. Dehn, wahrscheinlich war auch G. Staewen anwesend). — In ihrem Bericht über die Berliner Reise (s. oben Anm. 2) schrieb Ch. von Kirschbaum: «Eine Stunde nach uns [also gegen 23 Uhr] traf Bodelschwingh ein. Er saß neben K. B. auf einem kleinen Ledersofa: zwei sehr gegensätzliche Gestalten. Für uns war schon sein erstes Wort eine Enttäuschung. Damit will ich gewiß seine Bedeutung für Bethel nicht antasten: aber … Kirchenführer ist dieser Mann nicht. Es ist sicher gut, daß er nicht Bischof wurde. Sooft er das Wort ergriff, war es immer die allgemeine Beschwörung, doch in die Stille zu gehen und den Kampf geistlich zu kämpfen, eine Beschwörung, die sicher not tat und auch ganz in der Linie dessen lag, was K. B. meinte, die aber eben in dieser Allgemeinheit nicht sachlich genug war und darum auch nicht eingriff in die Debatte, ganz abgesehen von jenem für mich sehr schwer erträglichen geistlichen Pathos.»↩
4
Original: «wußten»; Korrektur von der Hrsgn. — In ihrer Darstellung desselben Sachverhaltes im genannten Bericht nennt Ch. von Kirschbaum ausdrücklich den Namen Martin Niemöllers: «Betrüblich war, daß er [Niemöller] in Auflehnung gegen K. B. auch allerlei Intrigen nicht scheute und dessen Audienz sowohl bei Hitler als bei Hindenburg hintertrieb, bei welchen Machenschaften übrigens auch Bodelschwingh keine offene und gute Rolle spielte, was K. B. besonders leid war, da er sich ihm ganz, offen und vertrauend genähert hatte.» — Martin Niemöller (1892–1984), im 1. Weltkrieg U-Bootkommandant, führendes Mitglied der Jungreformatorischen Bewegung und Begründer und Führer des Pfarrernotbundes, war 1931–1937 Pfarrer in Berlin-Dahlem (1934 offiziell amtsenthoben); nach seiner Verhaftung 1937 als «Privatgefangener» Hitlers seit 1938 bis Kriegsende in Konzentrationslagern in Sachsenhausen, Dachau und in Südtirol, 1945–1956 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und Leiter des kirchlichen Außenamtes der EKD, 1947–1964 Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau.↩
5
In Reaktion auf ein am Nachmittag des 14.11.1933 von G. Jacobi, M. und W. Niemöller gestelltes Ultimatum ließ L. Müller am Abend desselben Tages den Hauptredner der Sportpalastkundgebung, Dr. Reinhold Krause (s. unten S. 545, Anm. 3), und den Kirchenältesten Fritz Arendsee, der die dort angenommene Resolution vorgelegt hatte, ihrer Ämter entheben. Am 15.11. veröffentlichten er und Mitglieder des Evangelischen Oberkirchenrates zusammen mit der Reichsleitung der Deutschen Christen jeweils eine Erklärung, in der sie sich von Krauses Rede distanzierten. Ebenfalls am 15.11. entband auch Hossenfelder, der vor Krause selber auf der Kundgebung geredet hatte, diesen von allen Funktionen in der Glaubensbewegung. Möglicherweise hatte Barth auch schon von Müllers sog. Morphium-Erlaß (Verfügung «der inneren Einigung … von Bibel und Bekenntnis her», Gauger I, S. 112 📖) und von dem Gesetz zur Aussetzung des Arierparagraphen in der Kirche vom 16.11. Kenntnis. Vgl. Gauger I, S. 108.110-112; Schneider, S. 164f. 📖; Scholder I, S. 705–707.711f. 📖; K. Meier, Die Deutschen Christen, a.a.O., S. 41f. 📖; Meier I, S. 136 📖; van Norden, S. 387f. 📖; Protokoll der Unterredung Jacobis und der Brüder Niemöller bei Müller in: W. Niemöller, Der Pfarrernotbund …, a.a.O. (S. 532, Anm. 15), S. 162–166 📖, und Reformationstag 1933 …, a.a.O., S. 114–120 📖 (Teilabdruck bei Michaelis/Schraepler, S. 601–604 📖); Abdruck von Müllers Erklärung vom 15.11. bei Gauger I, S. 110; Michaelis/Schraepler, S. 604. ↩
6
Original: «denen»; Korrektur von der Hrsgn.↩