19. November 1933

Vorwort [zu: Lutherfeier 1933]

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VORWORT
[ZU: LUTHERFEIER 1933]

1933

Nachdem Barth am 16. November 1933 aus Berlin, wo er sich mit der Führung des Pfarrernotbundes getroffen hatte,1 zurückgekehrt war, muss er sehr bald mit der Niederschrift dieses Vorwortes zu ThExh 4 📖 begonnen haben. Bereits am darauffolgenden Tag schrieb Charlotte von Kirschbaum nämlich an Albert Lempp, Barth habe – noch vor dem Erscheinen des dritten Heftes2 – «ein Heft 4 zusammengestellt, das noch heute an Sie abgehen wird».3 Die Arbeit am Vorwort hat sich aber dann doch verzögert, denn am 19. November schrieb Ch. von Kirschbaum am Ende ihres Berichtes über die Berliner Ereignisse, sie lege das «Vorwort zu Heft IV bei, das eben fertig wurde»,4 und Barth selbst berichtete seinem Bruder Peter einen Tag später: «[...] soeben geht hier das Manuskript für Heft 4 mit einem zünftigen Vorwort ab. Ich schieße jetzt tatsächlich mit Maschinengewehr und weiß nicht, wie es in solchen Zeiten anders sein könnte».5

Wie im Text angedeutet6 kann dieses Vorwort zu Lutherfeier 1933 in weiten Teilen als ein Kommentar zur im selben Heft veröffentlichten Thesenreihe Kirchliche Opposition 1933 📖7 gelesen werden. Es ist das «Ergebnis der Berliner Eindrücke»8 Barths. Die Veröffentlichung seiner Einwände gegen das Vorgehen des Pfarrernotbundes und besonders dessen Charakterisierung als «kirchenpolitische Ausnützung»9 |591 der durch den Sportpalastskandal geschaffenen Situation trugen Barth scharfe Kritik seitens des Notbundes ein. Er antwortete in zwei ausführlichen Briefen, in denen er darauf hinwies, dass man ihn im persönlichen Gespräch nicht habe hören wollen und dass er das Vorgehen des Pfarrernotbundes, das sich aus dessen eigenen Veröffentlichungen ablesen lasse, auch im Nachhinein nicht anders bezeichnen könne.10

Vorarbeiten zu diesem Text, mit dem Barth die Reihe seiner Vorworte «zur Lage»11 fortsetzte, sind nicht erhalten; der Erstabdruck, auf den sich die eingefügte Originalpaginierung bezieht, erfolgte in: K. Barth, Lutherfeier 1933 (ThExh 4), München 1933, S. 3–7. 📖

Vorwort

Die beiden ersten Stücke dieses Heftes sind anlässlich des Lutherjubiläums in verschiedenen Tageszeitungen erschienen.12 Aber wer Luther heute einsichtig und ehrlich feiern will, der muss das Schwert zur Hand haben. Das dritte Stück enthält darum die Quintessenz der Abwehr gegen die Theologie des neugegründeten evangelischen Bistums Köln-Aachen, die ich auf Einladung an einer Pfarrer-Konferenz in Bonn am 6. November vorgetragen habe.13 Und das vierte Stück ist ein in fliegender Eile entstandenes kleines Memorandum, das ich der am 15. November in Berlin versammelten Führung des Pfarrernotbundes (der Organisation der bekannten opponierenden 300014) vorlegte.15

592 Einige Bemerkungen gerade zu diesem Stück dürften notwendig und nützlich sein. – Ich fand jenes Gremium durch die Möglichkeit einer kirchenpolitischen Ausnützung der durch den Sportpalastskandal16 und durch einige eben ausgesprochene Suspensionen17 geschaffenen Lage leidenschaftlicher und durch die gerade an jenem wichtigen Tage gebotene grundsätzliche Besinnung weniger leidenschaftlich bewegt und in Anspruch genommen als es einer guten Führung der kirchlichen Opposition heute zukommen müsste. Meine große Sorge ist die, dass die Opposition unter diesen Umständen der außerordentlichen Gefahr des gegenwärtigen Augenblicks so wenig gewachsen sein könnte als sie es im vergangenen Sommer war.18 Auch und gerade dann, wenn ihr nun vielleicht allerlei Teilerfolge beschieden sein sollten! Die Reichskirchenregierung und sogar die Reichsleitung der Deutschen Christen haben auf jenen Skandal prompt genug in der Weise reagiert, dass sie denjenigen unter ihren Mitschuldigen, der für das Unheil jenes Abends hervorragend verantwortlich war, in die Wüste geschickt19 und dafür sich selber plötzlich als die Hüter der Geltung von «Bibel und Bekenntnis» dargestellt haben.20 Die ergan|593genen Suspensionen sind suspendiert worden.21 Und sogar der vom Landesbischof Müller in Preußen in aller Form eingeführte Arierparagraph22 ist von dem ihm vor4geordneten Reichsbischof Müller bis auf weiteres sorglich auf Eis gelegt worden.23 Trotz allem, was vortreffliche Theologen im Süden und Norden bereits zu seiner Rechtfertigung entdeckt und ausgesprochen hatten!24 Siehe da, man konnte |594 auch anders!25 Wird die Opposition verstehen, dass durch das alles an der Krisis, in der wir uns befinden, nichts, aber auch gar nichts geändert wird? Es hatte ja wirklich keinen Sinn, am 15. November auf einmal gegen die Deutschen Christen loszugehen, als ob ausgerechnet jetzt erst, in den Extravaganzen des Herrn Krause, das Geheimnis der Bosheit an den Tag gekommen wäre. Selbstverständlich mussten und konnten die Reichskirchenregierung und die vermeintlichen Besseren unter den Deutschen Christen diesen Herrn abschütteln und sogar über die immerhin solenn gefasste «Entschließung»26 jener Sportpalastversammlung stillschweigend hinweggehen. Selbstverständlich mussten und konnten sie unter dem Druck der entstandenen peinlichen Situation auch jene anderen Konzessionen machen. Keine Rede davon, dass sie über solche Zwirnsfaden stolpern mussten, solche Zwirnsfaden nicht auch beseitigen konnten. Sie konnten es, weil die deutsch-christliche Substanz durch das alles mitnichten berührt wurde. Eben darum hätte es nun auch keinen Sinn, aus den gemachten Konzessionen auf eine ernsthafte Wendung im Wesen, in der Haltung und im Charakter der Deutschen Christen bzw. der deutsch-christlichen Kirchenregierungen schließen zu wollen. Solange der das ganze Schrifttum der Deutschen Christen (einschließlich der Reden des Reichsbischofs selber) eindeutig beherrschende falsche Ansatz ihrer Lehre (von dem unten im dritten und vierten Stück27 aufs Neue die Rede ist) und solange das Unrecht, durch das sie am 24. Juni, am 23. Juli und nachher in den Besitz der kirchlichen Macht gekommen sind,28 nicht umfassend und ehrlich in Frage gestellt sind, solange hilft es gar nichts, wenn sie nun auf einmal das Schriftprinzip und die Rechtfertigungslehre auch in Anspruch nehmen wollen,29 solange |595 würde es auch gar nichts helfen, wenn etwa der unselige Arierparagraph übermorgen gänzlich in der Versenkung verschwinden würde. Und wohlverstanden: auch ein völliges «Tannenberg» der Deutschen Christen,30 auch ein hundertprozentiger kirchenpolitischer Sieg der Opposition würde gar nichts helfen, wenn diese es dann vielleicht doch nicht verstehen würde, das in den Deutschen Christen schließlich 5 nur aufgebrochene, aber nicht erst und nicht nur in ihnen wirksame Übel unserer Kirche bei der Wurzel zu fassen. Oder andernfalls: Auch und gerade die Entstehung einer Freikirche31 ohne Klärung der grundsätzlichen Fragen könnte uns gar nichts helfen. Sie würde geradezu als ein Landesunglück zu bezeichnen sein, wenn dann vielleicht eine neuprotestantische Hierarchie doch nur von einer anderen von etwas milderer Couleur abgelöst werden sollte! Ich weiß, was ich sage, denn ich habe in jenen Berliner Tagen alles, aber auch alles, was ich im Sommer gegen die damaligen «Jungreformatorischen» auf dem Herzen hatte,32 in erschreckender Weise bestätigt gefunden.33 Ich |596 fürchte ganz einfach, dass lange nicht alle von den 3000 – bei welcher Zahl ich an Richter 7,1–8 zu denken nicht umhin kann – auch nur verstehen werden, dass man angesichts der auf der Gegenseite nun offenbar geübten größeren Vorsicht im Geringsten nicht denken darf, etwas Entscheidendes erreicht zu haben, dass der Widerstand vielmehr weitergehen und sich grundsätzlich gegen das keineswegs nur in den Deutschen Christen verkörperte kirchlich-theologische System des Neuprotestantismus34 überhaupt richten muss, wenn nicht alles umsonst gewesen sein soll. Ich fürchte, dass Viele von denen, die es mit dem Widerstand gegen die Deutschen Christen an sich treu und redlich meinen, das nicht verstehen. Geschweige denn, dass sie sich entschließen werden, entsprechend zu handeln! Zu handeln in Ausscheidung der deutsch-christlichen – aber eben wahrlich nicht erst und nicht nur deutsch-christlichen – Substanz des in die Kirche eingedrungenen und nun offenkundig gewordenen Irrtums! Wer aber um diese Substanz und um die Notwendigkeit, sie auszuscheiden, nicht weiß, wie soll der heute – ob er nun zu den Deutschen Christen oder zu ihren Gegnern gehört, und wenn er noch so laut von der vielberufenen «Substanz der Kirche»35 redete – etwas wirklich Dienliches zu sagen haben und zu tun wissen? Wir stehen gerade auf Grund der letzten Ereignisse vor der heillosen Gefahr, dass der in der kirchlichen Bewegung dieses Jahres sichtbar gewordene Konflikt zwischen dem Neuprotestantismus und seinem reformatorischen Ur|597sprung – den die deutsche evangelische Kirche heute vielleicht gewissermaßen stellvertretend für alle übrigen Kirchen ehrlich auszutragen berufen wäre36 – wieder einmal nicht ausgetragen, sondern kläglich neutralisiert, vielleicht aufs Neue zu 6 einem harmlosen Streitgegenstand verschiedener theologischer Schulen gemacht wird. Dass das angesammelte und zur Ausscheidung reif gewordene Gift sich aufs Neue verteilt und in den Blutkreislauf des ganzen Körpers zurückkehrt. Dass jene vermeintlich Besseren unter den Deutschen Christen und alle diejenigen Kreise der Opposition, die bisher wohl gekämpft, aber nicht recht d. h. nicht grundsätzlich gekämpft haben, sich unter der Führung der Kirchenregierungen in irgendeiner schlimmen Mitte zusammenfinden. Dass das Ergebnis all der Schmerzen und Sorgen dieses Jahres eine neue Kirche – nun eben der unentschiedenen neuprotestantischen Mittelmäßigkeit werden wird. Diese Gefahr ist wirklich schlimmer als alle die Gefahren, die uns von dem früher oder später sicher zum Abwirtschaften verurteilten besonderen System der Deutschen Christen her bedrohen mögen. Dieser Gefahr gegenüber kann nicht dringend genug gesagt werden: die Frage, die uns durch den Einbruch der Deutschen Christen und doch auch durch – die Lutherfeier gestellt ist, bedeutet ein der deutschen evangelischen Kirche gemachtes Angebot von unerhörter Tragweite. Der deutsch-christliche Abfall und die nach einem partiellen Friedensschluss mit ihm sicher drohende neue Mittelmäßigkeit sind nicht die einzigen Möglichkeiten, die heute vor der deutschen evangelischen Kirche stehen. So wahr sie heute hören kann, was Kirche ist, und so wahr sie die Kirche Luthers ist! Sie könnte angesichts der Deutschen Christen endgültig erschrecken über das, was aus ihr geworden ist, und sie könnte sich angesichts der Gestalt Luthers aufgerufen wissen zu dem, was sie dennoch zu sein nicht aufgehört hat. Sie könnte aufstehen und in ihrem geistlichen Zentrum umkehren von den Ideologien zu der einfachen, harten, frohen Wahrheit, aus der sie geboren ist. Sie könnte zum Heil des deutschen Volkes – und vielleicht als Trägerin des Lichtes auch für andere Völker – wieder heilige Kirche werden. Dazu müssten nicht nur die Deutschen Christen aus dem Felde geschlagen |598 werden, dazu müssten sich auch und gerade die opponierenden 3000 befreien lassen aus der Saulsrüstung [vgl. 1.Sam. 17,38f.] eines immer wieder allzu geschichtsphilosophischen, politischen, taktischen und vermeintlich (nur vermeintlich!) praktischen Denkens, in welcher sie den Deutschen Christen nur zu ähnlich und in welcher sie dem wirklichen Feind auf keinen Fall gewachsen sind. Aber auch wenn dazu nur 30, 7 nur 3 in der Lage sein sollten, wäre es nicht umsonst, wäre die Umkehr da, wäre das uns gemachte Angebot angenommen. Wo das Wort Gottes wieder einfältig gehört und verkündigt wird, da ist die heilige Kirche. Ich grüße diese 30 oder 3 und ich habe Gründe, die Übrigen darauf hinzuweisen, dass es zahlreiche Nichttheologen auch im heutigen Deutschland gibt, die das alles sehr wohl verstehen und die mit Recht darauf warten, dass die Theologen es endlich auch besser verstehen möchten.37

Was sollen wir tun? Eines und nur Eines:

«Ein jeder sein Gesichte
In ganzer Wendung richte
Steif nach Jerusalem!»38

599 In aller Schwachheit und Torheit und Verkehrtheit, an der es kein Einziger von uns wird fehlen lassen, aber «steif» und in «ganzer Wendung»!

Wo das geschieht, ist alles geschehen. Wo das nicht geschieht, ist nichts geschehen.

Bonn, 19. November 1933.

Sachfußnoten

1
Siehe oben, S. 582–586.↩
2
Siehe oben, S. 553.↩
3
Brief Ch. von Kirschbaums an Lempp vom 17.11.1933 (KBA 9233.326; Br. 1933, S. 517 📖).↩
4
Bericht Ch. von Kirschbaums vom 18./19.11.1933 (KBA 9233.333; Br. 1933, S. 524–529, Zitat S. 529 📖). Siehe zum Bericht auch oben, S. 582, Anm. 4.↩
5
Postkarte an Peter Barth vom 20.11.1933 (KBA 9233.337; Br. 1933, S. 543 📖). Schon in einem Brief an Wilhelm Niesel vom 8.11.1933 (KBA 9233.310; Br. 1933, S. 492) hatte Barth die schnelle Folge der von ihm im Oktober und November 1933 angefertigten aktuellen Stellungnahmen ähnlich kommentiert: «Ich wollte so gerne, dass das Salvenfeuer aus allen Geschützen, das ich jetzt abgebe, kein leeres Geschrei sei!»↩
6
Siehe unten, S. 592.↩
7
Siehe oben, S. 587–589.↩
8
So Ch. von Kirschbaum in ihrem Bericht vom 18./19.11.1933 (Anm. 4).↩
9
Siehe unten, S. 592.↩
10
Die Diskussionen im Pfarrernotbund spiegeln sich in den zwischen Barth und Günter Jacob (Brief Jacobs vom 12.12.1933 [KBA 9333.1040], Antwort Barths vom 15.12.1933 [KBA 9233.371; Br. 1933, S. 573–576 📖]) bzw. Gerhard Jacobi (Brief Jacobis vom 20.12.1933 [KBA 9333.1075], Antwort Barths vom 23.12.1933 [KBA 9233.378; Br. 1933, S. 583–587]) gewechselten Briefen.↩
11
Siehe oben, S. 554, Anm. 10.↩
12
Es handelt sich um die aus Anlass von Luthers 450. Geburtstag (10. November 1933) verfassten Aufsätze Luther 📖 (s. oben, S. 478–487) und Luthers Wissenschaft 📖 (s. oben, S. 567–572).↩
13
Gegenthesen zu den Rengsdorfer Thesen 📖 (s. oben, S. 558–566).↩
14
Die Angaben zur Mitgliederzahl des Pfarrernotbundes in diesen Monaten sind unsicher (vgl. Scholder I, S. 684 📖). Die Zahl 3000 nannte Gerhard Jacobi im Gespräch zwischen Vertretern des Pfarrernotbundes, Ludwig Müller und Otto Weber am 14. November 1933 (s. oben, S. 581f., Anm. 3). Am 20. November 1933 berichtete auch die «Kölnische Zeitung» von «3000 evangelische[n] Pfarrer[n], die […] sich zu einem ‹Pfarrer-Notbund› zusammengeschlossen haben» (zit. in: JK 1 [1933], S. 350 📖).↩
15
Kirchliche Opposition 1933 📖 (s. oben, Anm. 7).↩
16
Siehe oben, S. 581, Anm. 1.↩
17
Siehe oben, S. 588, Anm. 38.↩
18
Vgl. Barths Kritik ausführliche Kritik in Theologische Existenz heute! 📖 (s. oben, S. 340–359) und seiner Rede Für die Freiheit des Evangeliums 📖 (s. oben, S. 407–409).↩
19
Reinhold Krause war am 14. November 1933 durch Ludwig Müller seiner kirchlichen Ämter enthoben und einen Tag später von Joachim Hossenfelder von allen Funktionen bei den Deutschen Christen entbunden worden (vgl. Gauger I, S. 110.111 📖; Scholder I, S. 706.710 📖).↩
20
Schon am 15. November 1933 hatte Ludwig Müller in einer ersten Stellungnahme zum Sportpalastskandal sich selbst als den «für die Wahrung des Bekenntnisses vor Gott verantwortliche[n] Führer der Kirche» bezeichnet und von agitatorischer Vorgehensweise gegen das Alte Testament sowie «kirchlich unmögliche[r] Kritik» am Neuen Testament gesprochen, die «nichts anderes als die Aufhebung der Bibel als der einzigen und unverrückbaren Grundlage der Kirche» darstellten. In einem Erlass vom 16. November sah er die notwendige innere Einigung der Kirche als «nur von Bibel und Bekenntnis her» möglich an (beides in: Gauger I, S. 110 📖; der Erlass auch in: GDEK 1 [1933], S. 34 📖). – Hossenfelder, Mitunterzeichner des genannten Erlasses, hatte seine Maßnahmen gegen Krause u. a. damit begründet, dieser habe «fast die ganze Bibel aufgelöst» (JK 1 [1933], S. 355 📖), und so laut den «Nachrichten aus der Glaubensbewegung ‹Deutsche Christen›» vom 15.11.1933, S. 2 (LKA Bielefeld, 5.1, Nr. 289/1), «mit aller Schärfe gezeigt, daß die Glaubensbewegung [...] ein Hineintragen liberalistischer Begriffe und Anschauungen in die Kirche [...] als artfremd ablehnt». Wenige Tage später wurde eine Erklärung Hossenfelders veröffentlicht, nach der er «Bibel und Bekenntnis» als «Grundlagen der Bewegung» ansehe (JK 1 [1933], S. 356 [nach einem Bericht der «Kreuzzeitung» vom 25.11.1933]).↩
21
Die oben genannten Suspensionen waren am 16. November 1933 auf Veranlassung Müllers wieder aufgehoben worden (vgl. Gauger I, S. 109 📖; JK 1 [1933], S. 348 📖; RKZ 83 [1933], S. 366 📖, nennt als Datum der Wiedereinsetzung ins Amt den 17. November).↩
22
Siehe oben, S. 474, Anm. 63.↩
23
Müller war am 4. August 1933 zum Präsidenten des Evangelischen Oberkirchenrates der altpreußischen Union gewählt worden und führte in diesem Amt den Titel «Landesbischof» (vgl. Gauger I, S. 98 📖). Seit seiner Wahl zum Reichsbischof am 27. September 1933 war er somit in den von Art. 2 der Reichskirchenverfassung (GDEK 1 [1933], S. 2 📖) vorgegebenen Grenzen sein eigener Vorgesetzter. – Per Beschluss vom 16. November 1933 hatte das Geistliche Ministerium als oberstes Leitungsorgan der Deutschen Evangelischen Kirche «[b]is zum Erlaß eines Deutschen Evangelischen Kirchengesetzes über die Rechtsverhältnisse der Geistlichen und Beamten der allgemeinen kirchlichen Verwaltung […] die Durchführung der von den Deutschen evangelischen Landeskirchen über den gleichen Gegenstand seit dem 1. Januar 1933 ergangenen Gesetze ausgesetzt» (a.a.O., S. 33; vgl. JK 1 [1933], S. 351f. 📖).↩
24
Gemeint sein dürften Paul Althaus und Werner Elert als Verfasser des «Erlanger Gutachtens» zum Arierparagraphen vom 25.9.1933, das dessen Anwendung im Raum der Kirche rechtfertigte (vgl. JK 1 [1933], S. 271–274 📖; Schmidt I, S. 182–186 📖), sowie die Göttinger Professoren Emanuel Hirsch und Georg Wobbermin, die ähnliche Stellungnahmen abgegeben hatten (E. Hirsch, Arier und Nichtarier in der Deutschen Evangelischen Kirche, in: Kirche und Volkstum in Niedersachsen, Jg. 1 [1933], S. 17–20 📖; G. Wobbermin, Zwei theologische Gutachten in Sachen des Arier-Paragraphen kritisch beleuchtet, in: Kirche im Kampf. Beilage zum «Reichsboten», Nr. 239, 18.10.1933 📖; auch in: ThBl 12 [1933], Sp. 356–359 📖).↩
25
Vgl. oben S. 87, Anm. 61.↩
26
Siehe oben, S. 581, Anm. 1.↩
27
Siehe oben, Anm. 13 und 15.↩
28
Siehe oben, S. 588.↩
29
In seiner oben, Anm. 20, genannten Erklärung hatte Müller an der Rede Krauses ebenfalls kritisiert, dass dort Anschauungen vertreten worden seien, «die einer Ablehnung der reformatorischen Lehre von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben gleichkommen» (Gauger I, S. 110 📖).↩
30
Am 15. November 1933 hatte Otto Dibelius davon gesprochen, dass den Deutschen Christen nun ein «Tannenberg» zu bereiten sei (Brief Ch. von Kirschbaums an Anna Barth vom 21.11.1933 (KBA 9233.345; Br. 1933, S. 546 📖]). Nach einem Brief Barths an Richard Karwehl vom 17.11.1933 (KBA 9233.332; Br. 1933, S. 522) scheint auch Niemöller diese Formulierung gebraucht zu haben. – Nahe bei der Gemeinde Tannenberg im Kreis Osterode, Ostpreußen, wurde zu Beginn des Ersten Weltkriegs die bis dorthin vorgedrungene, zahlenmäßig überlegene russische Narew-Armee in einer vom 26.– 30. August 1914 andauernden Schlacht von der deutschen 8. Armee unter dem Oberkommando Hindenburgs entscheidend geschlagen. Der Name «Tannenberg» stand seitdem – besonders in deutschnational ausgerichteten Kreisen – als ein Synonym für vernichtende Niederlagen.↩
31
Gerade aus Kreisen oppositioneller Berliner Pfarrer war der Gedanke der Gründung einer Freikirche an Barth herangetragen worden (s. oben, S. 556f., Anm. 19).↩
32
Vgl. oben, Anm. 18.↩
33
Gegenüber Günter Jacob, der ihn wegen der Veröffentlichung seiner Bedenken gegen den Pfarrernotbund kritisiert hatte (vgl. oben, S. 590f.), ging Barth auf diesen Punkt ausführlicher ein: «Ich komme aber nicht darüber hinweg, dass ich in diesem engeren, führenden Kreis [...] einerseits auf so viel schwerwiegende theologische Unklarheit, andererseits auf so viel rein taktisch-strategisches Denken und Wollen stieß, dass es mir zur Überzeugung werden musste – zur Erneuerung der Überzeugung, die mir im Sommer schon durch die Lehre und durch die Manöver der Jung-Reformatorischen aufgedrängt worden war: Wenn das die Opposition ist, dann mag es früher oder später gelingen, die Hossenfelderei und Alles, was man das grobe D. C.-Unwesen nennen könnte, aus dem Felde zu schlagen – das Resultat wird schließlich doch eine Kirche sein, die einerseits mit der Dibelius-Kirche, andererseits mit den Idealen der feineren, aber darum nicht besseren, sondern schlimmeren D. C. viel zu viel Ähnlichkeit haben wird, als dass man nicht sagen müsste: alle Mühe und Sorge, die uns dieses Jahr gekostet hat, wird umsonst gewesen sein, wenn der künftige Reichsbischof dann doch nur – nun sagen wir z. B. Niemöller heißen sollte. Mein Vorwort zu Heft 4 müssen Sie vor allem im Zusammenhang mit dem lesen, was ich schon im Sommer zu den Jung-Reformatorischen zu sagen versucht habe. Es ist meine große Sorge, die ich nicht unterdrücken kann, dass jetzt wohl gekämpft, aber nicht recht gekämpft wird» (Brief vom 15.12.1933 [Anm. 10; Br. 1933, S. 573f. 📖]).↩
34
Vgl. oben, S. 587.↩
35
Müller hatte in seiner ersten Stellungnahme zum Sportpalastskandal (s. Anm. 22) auch von «Angriffe[n] auf die Substanz der Kirche» gesprochen.↩
36
Dieser Gedanke ist breiter ausgeführt im folgenden Vorwort Barths (s. unten, S. 617f.).↩
37
In einem Brief vom 17.11.1933 an Franziska Ramdohr (KBA 9233.330; Br. 1933, S. 520 📖) berichtete Barth von den Reaktionen, die er auf Theologische Existenz heute! erhalten hatte: «Dass so viele Nicht-Theologen sie [...] gelesen und verstanden haben, ist mir natürlich eine große Freude gewesen.» Im gleichen Zusammenhang sprach er von einer ihn «ganz überraschende[n] Zustimmung aus allen Kreisen und aus allen möglichen Gegenden von Deutschland».↩
38
Es handelt sich um ein Zitat aus Strophe 2 des Liedes «Kommt, Kinder, lasst uns gehen» (1738) von Gerhard Tersteegen 🎵:   
Es soll uns nicht gereuen
Der schmale Pilgerpfad,
Wir kennen ja den Treuen,
Der uns gerufen hat:
Kommt, folgt und trauet Dem!
Ein jeder sein Gesichte
Mit ganzer Wendung richte
Steif nach Jerusalem!
In dieser Fassung findet sich das Lied u. a. als Lied Nr. 178 in: Reformirtes Gesangbuch. Die Psalmen, Geistliche Lieder, Katechismus und Formulare, Elberfeld 1888 📖. In leicht modernisierter Form fand es Eingang auch in neuere deutschsprachige Gesangbücher (EKG 272; EG 393). – W. Stapel, Kampf um die evangelische Kirche, in: Deutsches Volkstum 16 (1934), S. 33–36, Zitat S. 35 📖, kommentierte, nachdem er sich zuvor kritisch mit Hans Ehrenbergs «72 Leitsätzen zur judenchristlichen Frage» (s. Schmidt I, S. 66–73 📖) befasst hatte: «Angesichts solcher Thesen genießen wir die pikante Bosheit Karl Barths, daß er das ‹Eine›, das ‹wir tun sollen›, nicht mit dem bekannten Kirchenliede formuliert: ‹Eins ist not, ach, Herr, dies Eine 🎵›, sondern mit dem unbekannten: ‹Ein jeder sein Gesichte in ganzer Wendung richte steif nach Jerusalem!›»↩