Nachdem Barth am 16. November 1933 aus
Berlin, wo er sich mit der Führung des Pfarrernotbundes getroffen hatte,1 zurückgekehrt war, muss er sehr bald mit der
Niederschrift dieses Vorwortes zu ThExh 4
📖 begonnen haben. Bereits am darauffolgenden Tag
schrieb Charlotte von Kirschbaum nämlich an Albert
Lempp, Barth habe – noch vor dem Erscheinen des
dritten Heftes2 – «ein Heft
4 zusammengestellt, das noch heute an Sie abgehen wird».3 Die Arbeit am
Vorwort hat sich aber dann doch verzögert, denn am 19. November schrieb Ch. von Kirschbaum am
Ende ihres Berichtes über die Berliner Ereignisse, sie lege das «Vorwort zu Heft IV bei, das
eben fertig wurde»,4 und
Barth selbst berichtete seinem Bruder Peter einen
Tag später: «[...] soeben geht hier das Manuskript für Heft 4 mit einem zünftigen Vorwort ab.
Ich schieße jetzt tatsächlich mit Maschinengewehr und weiß nicht, wie es in solchen Zeiten
anders sein könnte».5
Wie im Text angedeutet6 kann dieses Vorwort zu Lutherfeier 1933 in
weiten Teilen als ein Kommentar zur im selben Heft veröffentlichten Thesenreihe
Kirchliche Opposition 1933
📖7 gelesen werden. Es ist das «Ergebnis der
Berliner Eindrücke»8 Barths. Die Veröffentlichung seiner Einwände gegen das Vorgehen des
Pfarrernotbundes und besonders dessen Charakterisierung als «kirchenpolitische
Ausnützung»9
|591 der durch den Sportpalastskandal geschaffenen Situation trugen Barth scharfe Kritik seitens des
Notbundes ein. Er antwortete in zwei ausführlichen Briefen, in denen er darauf hinwies, dass
man ihn im persönlichen Gespräch nicht habe hören wollen und dass er das Vorgehen des Pfarrernotbundes, das sich aus dessen eigenen Veröffentlichungen
ablesen lasse, auch im Nachhinein nicht anders bezeichnen könne.10
Vorarbeiten zu diesem Text, mit dem Barth die Reihe seiner Vorworte «zur
Lage»11 fortsetzte, sind nicht
erhalten; der Erstabdruck, auf den sich die eingefügte Originalpaginierung bezieht, erfolgte
in: K. Barth, Lutherfeier 1933 (ThExh 4), München 1933, S. 3–7.
📖
Vorwort
Die beiden ersten Stücke dieses Heftes sind anlässlich des Lutherjubiläums in verschiedenen Tageszeitungen
erschienen.12 Aber wer Luther heute einsichtig und ehrlich feiern will, der muss
das Schwert zur Hand haben. Das dritte Stück enthält darum die Quintessenz der Abwehr gegen
die Theologie des neugegründeten evangelischen Bistums Köln-Aachen, die ich auf Einladung an einer Pfarrer-Konferenz in Bonn am 6. November vorgetragen habe.13 Und das vierte Stück ist ein in fliegender Eile
entstandenes kleines Memorandum, das ich der am 15. November in Berlin versammelten Führung
des Pfarrernotbundes (der Organisation der bekannten
opponierenden 300014) vorlegte.15
592 Einige Bemerkungen gerade zu diesem Stück dürften notwendig und nützlich sein. – Ich fand
jenes Gremium durch die Möglichkeit einer kirchenpolitischen Ausnützung der durch den Sportpalastskandal16 und durch einige eben ausgesprochene Suspensionen17 geschaffenen Lage leidenschaftlicher und durch die gerade an jenem wichtigen Tage gebotene grundsätzliche
Besinnung weniger leidenschaftlich bewegt und in Anspruch genommen als es
einer guten Führung der kirchlichen Opposition heute
zukommen müsste. Meine große Sorge ist die, dass die Opposition unter diesen Umständen der
außerordentlichen Gefahr des gegenwärtigen Augenblicks so wenig gewachsen sein könnte als sie
es im vergangenen Sommer war.18 Auch und gerade dann, wenn ihr nun vielleicht
allerlei Teilerfolge beschieden sein sollten! Die Reichskirchenregierung und sogar die
Reichsleitung der Deutschen Christen haben auf jenen
Skandal prompt genug in der Weise reagiert, dass sie denjenigen unter ihren Mitschuldigen, der
für das Unheil jenes Abends hervorragend verantwortlich war, in die Wüste geschickt19 und
dafür sich selber plötzlich als die Hüter der Geltung von «Bibel und Bekenntnis» dargestellt
haben.20 Die ergan|593genen Suspensionen sind
suspendiert worden.21 Und sogar der vom Landesbischof Müller
in Preußen in aller Form eingeführte Arierparagraph22 ist von dem ihm vor4geordneten Reichsbischof Müller bis auf weiteres sorglich auf Eis gelegt worden.23 Trotz allem, was vortreffliche Theologen
im Süden und Norden bereits zu seiner Rechtfertigung entdeckt und ausgesprochen hatten!24 Siehe da, man konnte |594
auch anders!25 Wird
die Opposition verstehen, dass durch das alles an der Krisis, in der wir uns befinden, nichts,
aber auch gar nichts geändert wird? Es hatte ja wirklich keinen Sinn, am 15. November auf
einmal gegen die Deutschen Christen loszugehen, als ob
ausgerechnet jetzt erst, in den Extravaganzen des Herrn Krause, das Geheimnis der Bosheit an den Tag gekommen wäre. Selbstverständlich
mussten und konnten die Reichskirchenregierung und die vermeintlichen
Besseren unter den Deutschen Christen diesen Herrn
abschütteln und sogar über die immerhin solenn gefasste «Entschließung»26 jener Sportpalastversammlung
stillschweigend hinweggehen. Selbstverständlich mussten und konnten sie
unter dem Druck der entstandenen peinlichen Situation auch jene anderen Konzessionen machen.
Keine Rede davon, dass sie über solche Zwirnsfaden stolpern mussten, solche Zwirnsfaden nicht
auch beseitigen konnten. Sie konnten es, weil die deutsch-christliche
Substanz durch das alles mitnichten berührt wurde. Eben darum hätte es nun auch keinen Sinn,
aus den gemachten Konzessionen auf eine ernsthafte Wendung im Wesen, in der Haltung und im
Charakter der Deutschen Christen bzw. der deutsch-christlichen Kirchenregierungen schließen zu
wollen. Solange der das ganze Schrifttum der Deutschen Christen (einschließlich der Reden des
Reichsbischofs selber) eindeutig beherrschende
falsche Ansatz ihrer Lehre (von dem unten im dritten und vierten Stück27 aufs Neue die Rede ist) und solange das Unrecht, durch das sie
am 24. Juni, am 23. Juli und nachher in den Besitz der kirchlichen Macht gekommen sind,28 nicht umfassend und ehrlich
in Frage gestellt sind, solange hilft es gar nichts, wenn sie nun auf einmal das Schriftprinzip und die Rechtfertigungslehre auch in Anspruch nehmen wollen,29 solange
|595 würde es auch gar nichts helfen, wenn etwa der unselige Arierparagraph übermorgen gänzlich in der Versenkung
verschwinden würde. Und wohlverstanden: auch ein völliges «Tannenberg» der Deutschen Christen,30 auch ein hundertprozentiger kirchenpolitischer Sieg der
Opposition würde gar nichts helfen, wenn diese es
dann vielleicht doch nicht verstehen würde, das in den Deutschen Christen schließlich 5 nur aufgebrochene, aber nicht erst und nicht nur in ihnen wirksame Übel
unserer Kirche bei der Wurzel zu fassen. Oder andernfalls: Auch und gerade die Entstehung
einer Freikirche31 ohne
Klärung der grundsätzlichen Fragen könnte uns gar nichts helfen. Sie würde geradezu als ein
Landesunglück zu bezeichnen sein, wenn dann vielleicht eine
neuprotestantische Hierarchie doch nur von einer anderen von etwas milderer Couleur abgelöst werden sollte! Ich weiß, was ich
sage, denn ich habe in jenen Berliner Tagen alles,
aber auch alles, was ich im Sommer gegen die damaligen «Jungreformatorischen» auf dem Herzen
hatte,32 in erschreckender Weise bestätigt
gefunden.33 Ich |596 fürchte
ganz einfach, dass lange nicht alle von den 3000 – bei welcher Zahl ich an Richter 7,1–8 zu denken nicht umhin kann – auch nur verstehen werden, dass man angesichts der auf der Gegenseite nun offenbar
geübten größeren Vorsicht im Geringsten nicht denken darf, etwas Entscheidendes erreicht zu
haben, dass der Widerstand vielmehr weitergehen und sich
grundsätzlich gegen das keineswegs nur in den Deutschen Christen verkörperte kirchlich-theologische System des Neuprotestantismus34 überhaupt richten
muss, wenn nicht alles umsonst gewesen sein soll. Ich fürchte, dass Viele von denen, die es
mit dem Widerstand gegen die Deutschen Christen an sich treu und redlich meinen, das nicht
verstehen. Geschweige denn, dass sie sich entschließen werden, entsprechend zu handeln! Zu handeln in Ausscheidung der deutsch-christlichen – aber eben wahrlich nicht
erst und nicht nur deutsch-christlichen – Substanz des in die Kirche eingedrungenen und nun
offenkundig gewordenen Irrtums! Wer aber um diese Substanz und um die Notwendigkeit, sie
auszuscheiden, nicht weiß, wie soll der heute – ob er nun zu den Deutschen
Christen oder zu ihren Gegnern gehört, und wenn er noch so laut von der vielberufenen
«Substanz der Kirche»35 redete – etwas wirklich Dienliches zu sagen haben und zu tun wissen? Wir
stehen gerade auf Grund der letzten Ereignisse vor der heillosen Gefahr, dass der in der
kirchlichen Bewegung dieses Jahres sichtbar gewordene Konflikt zwischen dem Neuprotestantismus
und seinem reformatorischen Ur|597sprung – den die deutsche evangelische
Kirche
heute vielleicht gewissermaßen stellvertretend für alle übrigen Kirchen ehrlich auszutragen
berufen wäre36 – wieder einmal nicht ausgetragen, sondern kläglich neutralisiert, vielleicht aufs Neue zu 6 einem harmlosen Streitgegenstand verschiedener theologischer Schulen gemacht wird.
Dass das angesammelte und zur Ausscheidung reif gewordene Gift sich aufs Neue verteilt und in
den Blutkreislauf des ganzen Körpers zurückkehrt. Dass jene vermeintlich Besseren unter den
Deutschen Christen und alle diejenigen Kreise der Opposition, die bisher wohl gekämpft, aber nicht recht
d. h. nicht grundsätzlich gekämpft haben, sich unter der Führung der Kirchenregierungen in
irgendeiner schlimmen Mitte zusammenfinden. Dass das Ergebnis all der Schmerzen und
Sorgen dieses Jahres eine neue Kirche – nun eben der unentschiedenen neuprotestantischen
Mittelmäßigkeit werden wird. Diese Gefahr ist wirklich schlimmer als alle die Gefahren, die
uns von dem früher oder später sicher zum Abwirtschaften verurteilten besonderen System der
Deutschen Christen her bedrohen mögen. Dieser Gefahr gegenüber kann nicht dringend genug
gesagt werden: die Frage, die uns durch den Einbruch der Deutschen Christen und doch auch
durch – die Lutherfeier gestellt ist, bedeutet ein der
deutschen evangelischen Kirche gemachtes Angebot von unerhörter Tragweite.
Der deutsch-christliche Abfall und die nach einem partiellen Friedensschluss mit ihm sicher
drohende neue Mittelmäßigkeit sind nicht die einzigen Möglichkeiten, die heute vor der
deutschen evangelischen Kirche stehen. So wahr sie heute hören kann, was Kirche ist, und so
wahr sie die Kirche Luthers ist! Sie könnte
angesichts der Deutschen Christen endgültig erschrecken
über das, was aus ihr geworden ist, und sie könnte sich angesichts der Gestalt Luthers
aufgerufen wissen zu dem, was sie dennoch zu sein nicht aufgehört hat. Sie könnte aufstehen
und in ihrem geistlichen Zentrum umkehren von den Ideologien zu der einfachen, harten, frohen Wahrheit, aus der sie geboren ist. Sie
könnte zum Heil des deutschen Volkes – und vielleicht als Trägerin des Lichtes auch für andere
Völker – wieder heilige Kirche werden. Dazu müssten nicht nur die Deutschen
Christen aus dem Felde geschlagen |598 werden, dazu müssten sich auch
und gerade die opponierenden 3000 befreien lassen aus der Saulsrüstung [vgl. 1.Sam. 17,38f.] eines immer wieder allzu
geschichtsphilosophischen, politischen, taktischen und vermeintlich (nur vermeintlich!)
praktischen Denkens, in welcher sie den Deutschen Christen nur zu ähnlich und in welcher sie dem wirklichen Feind auf keinen Fall
gewachsen sind. Aber auch wenn dazu nur 30, 7 nur 3 in der Lage sein
sollten, wäre es nicht umsonst, wäre die Umkehr da, wäre das uns gemachte Angebot angenommen. Wo das Wort Gottes wieder einfältig gehört und verkündigt wird, da ist die heilige Kirche. Ich grüße diese 30 oder 3 und ich habe Gründe, die
Übrigen darauf hinzuweisen, dass es zahlreiche Nichttheologen auch im heutigen Deutschland
gibt, die das alles sehr wohl verstehen und die mit Recht darauf warten, dass die Theologen es endlich auch besser verstehen möchten.37
Was sollen wir tun? Eines und nur Eines:
«Ein jeder sein Gesichte
In ganzer Wendung richte
599 In aller Schwachheit und Torheit und Verkehrtheit, an der es kein Einziger von uns wird
fehlen lassen, aber «steif» und in «ganzer Wendung»!
Wo das geschieht, ist alles geschehen. Wo das nicht geschieht, ist nichts geschehen.
Bonn, 19. November
1933.