Als Barth am Dienstag, dem 14. November
1933, gegen 10 Uhr vormittags aus seinem Kolleg nach Hause kam, erhielt er die
Nachricht von einem Telefonanruf aus Berlin:
Gerhard Jacobi hatte dringend darum gebeten, dass
er nach Berlin komme. Auf seinen sofortigen Rückruf hin erfuhr Barth vom
«Sportpalastskandal»1 und davon, dass nun der oppositionelle Pfarrernotbund 2 einen Gegenschlag gegen die Herrschaft der Deutschen Christen plane,3 der «zur Kirchenspaltung
|582 führen könne».4 Trotz der Enttäuschung, die ihm kurz zuvor die ablehnende Haltung der
Führung des Pfarrernotbundes gegenüber seiner Teilnahme an
einer geplanten Audienz bei Hitler bereitet
hatte,5 sagte
Barth zu und befand sich schon eine Stunde später in Begleitung Charlotte von
Kirschbaums im
D-Zug Köln-Berlin.6
Am gleichen Abend trafen beide gegen 21.30 Uhr in Berlin ein und wurden von
Jacobi, Gertrud Staewen und Günther Dehn in Jacobis
Wohnung7 gebracht, wo führende Vertreter des Pfarrernotbundes8
|583 versammelt waren. In der sich bis tief in die Nacht hinziehenden
Diskussion über das gebotene weitere Vorgehen gab es einen Dissens vor allem zwischen Martin
Niemöller und Barth. Für Barth ging es jetzt «ums
Ganze», um eine «umfassende Opposition». Von
Verhandlungen mit Müller erwartete er nichts und
plädierte dafür, direkt an den Staat heranzutreten, um für die Kirche durch eine Revision der
Kirchenwahlen die Freiheit so weit zurückzuerlangen, «dass
sie aus ihren eigenen Kräften heraus die Krankheit bekämpfen kann, von der sie jetzt befallen
ist».9
Niemöller dagegen setzte auf Gespräche mit
Müller, den er als Reichsbischof weiter anerkennen und auf eine kirchliche, bekenntnistreue Linie
festlegen wollte, um die Deutschen Christen zu spalten.
Deshalb lehnte er im Namen des Pfarrernotbundes geführte
Verhandlungen mit Hitler – auch und gerade, wenn
Barth sie geführt hätte – ab.10
Am nächsten Morgen tagten in der Wohnung Jacobis parallel der Bruderrat, das Leitungsorgan des Pfarrernotbundes, und eine Versammlung von etwa 100
Notbundpfarrern aus Berlin,11 mit denen Barth auch schon am 31. Oktober 1933 diskutiert hatte.12 Zuvor hatte Barth unter seinem Eindruck «der
wirklich qualvollen Besinnungslosigkeit der Opposition» Charlotte von Kirschbaum
«noch in größter Eile einige Thesen diktiert, in denen er versuchte, das niederzulegen, was
er an grundsätzlicher Besinnung für nötig erachtet[e]».13
Hierbei handelte es sich um die unten wiedergegebenen Thesen, die in der Versammlung der
Berliner Pfarrer verteilt wurden, während Barth selbst an der Tagung des Bruderrats teilnahm. Mitten in der Diskussion
darüber, was dem Reichsbischof in der für den
Mittag verabredeten Besprechung zu sagen sei, wurde Barth von einem Pfarrer herausgerufen,
weil der zwischenzeitlich auf der Pfarrerversammlung erschienene Otto Dibelius in einer längeren Ansprache gegen seine |584 Thesen Stellung genommen hatte. Barth erklärte, er «habe seine
Thesen [...] nicht als Bekenntnis gemeint [...], sondern lediglich als Anregung», erläuterte
die ihn bewegenden grundsätzlichen Gedanken und warnte in der einsetzenden Diskussion vor
zuviel Euphorie.14
Währenddessen hatte der Bruderrat eine «Eingabe an den Reichsbischof» entworfen, die in sieben Forderungen u. a. die
Trennung des Reichsbischofs von den Deutschen Christen,
die Entfernung aller für die Sportpalastkundgebung
Verantwortlichen aus kirchlichen Ämtern, die Rücknahme aller Maßnahmen gegen oppositionelle
Pfarrer und die Entfernung der dafür Verantwortlichen aus ihren Ämtern sowie die
Neuverpflichtung der deutschchristlichen Amtsinhaber auf ihr Gelübde vor Gott verlangte.15 Nach ihrer Verlesung in der größeren Runde stand Barth auf und forderte: «Da
muss ein grundsätzliches Wort hinein; sonst gleitet die ganze Sache in eine kirchenpolitische
Aktion ab.»16
Einzelne Proteste auch anderer über das Vorgehen des Bruderrates, der den in kleiner Runde
formulierten Text nicht zur Diskussion gestellt hatte, führten dazu, dass Niemöller seinen Widerstand gegen ein grundsätzliches Wort,
das er zunächst abgelehnt hatte, weil Müller es
«doch nicht verstehe», aufgab: «Schließlich ‹durften› Barth, Bodelschwingh, Schulz-Sydow und Heinz Vogel in ein Nebenzimmer gehen und eine Formulierung produzieren.»17 Barth selbst sprach von einem «Torpedo gegen den unglückseligen
Reichsbischof», dem er «mit Mühe außer all der
kirchenpolitischen Ladung [...] auch noch etwas
theologischen Gehalt geben konnte».18
Nach weiteren eineinhalb Stunden der Beratung fand die wesentlich auf Barth zurückgehende
Formulierung auch die Billigung des Bruderrates.19
Barth hatte die grundsätzlichen Aussagen, die in den die Einzelforderungen
einleitenden Abschnitt der Eingabe eingefügt wurden, zunächst handschriftlich am unteren Rand
des Typoskripts der unten |585 wiedergegebenen sechs Thesen
notiert.20
In einem Typoskript der nun vollständigen Eingabe an Müller, das Charlotte von Kirschbaum
ihrem Bericht über Barths Aufenthalt in Berlin
beilegte, sind die auf ihn zurückgehenden Sätze hervorgehoben.21 Der einleitende Abschnitt
lautete nun:
«Im Namen aller Pfarrer des Pfarrer-Notbundes
stellen wir als die Vertreter sämtlicher preußischer Provinzen fest:
Das innerste Anliegen unseres Ringens ist die Wahrung der Geltung von Schrift
und reformatorischem Bekenntnis in Lehre, Leben und Verfassung der Kirche. Wir
kennen22
die Heilige Schrift als die alleinige Offenbarungsquelle
und die alleinige Regel und Richtschnur unserer Lehre, unseres Glaubens und unseres
Lebens. Darum verwerfen wir nicht nur die einzelnen Irrlehren und
die daraus erwachsenen unkirchlichen Methoden und Taten der Deutschen Christen, sondern ihre Grundirrlehre. Sie besteht darin,
dass die Deutschen Christen23
neben der Heiligen Schrift das Volkstum24
in seiner Geschichte und politischen Gegenwart als eine zweite
Offenbarungsquelle
behaupten und behandeln.
Dieses Anliegen hat durch die Kundgebung im Sportpalast seine blitzartige Rechtfertigung gefunden [...].»25
586 Gegen 15.30 Uhr trennte sich die Versammlung. Eine Delegation des Bruderrates begab sich mit der Eingabe zu dem
zugesagten Termin beim Reichsbischof, der sich
jedoch von Otto Weber vertreten ließ. Barth und
Charlotte von Kirschbaum verbrachten mit Gertrud
Staewen den Abend bei Günther Dehn, bevor sie am nächsten Morgen zurück nach Bonn fuhren.26
Dieses zweite Zusammentreffen Barths mit Vertretern des Pfarrernotbundes in Berlin hinterließ bei ihm einen «wesentlich negativen» Eindruck. Karl Gerhard
Steck gegenüber beklagte er die weitgehende
Ignoranz gegenüber seinen Einwänden: «Mich schien man schließlich nur zu dem Zweck von meiner
Arbeit weggeholt zu haben, um mich möglichst wenig – der Schweizer, der S. P. D.-Mann usw. spuckte [sic!] wieder
einmal – zum Schuss kommen zu lassen.»27 Er sprach vom Pfarrernotbund als von einem
«Ameisenhaufen aufgeregter Pfarrer [...] unter der Diktatur des U-Bootskommandanten Niemöller, der [...] sich im Namen der ‹Gemeinde› jegliche
theologische Bedenklichkeiten verbat»,28 und kam zu dem Schluss: «Diese Leute schaffen es eben wirklich auch nicht.
[...] Und darum habe ich einfach Angst vor dem Augenblick, wo es mit den D[eutschen]
C[hristen] zu Ende sein wird. Was dann kommt, wird nach menschlichem Ermessen eine pfäffische
Mittelmäßigkeit sein.»29 Im Ton zwar
moderater, dafür aber öffentlich und in der Sache ebenso deutlich, formulierte er seine
Kritik am Pfarrernotbund dann im Vorwort zum Heft
«Lutherfeier 1933».30
Das von Barths Thesen erhaltene Typoskript31 ist auf den 16. November 1933 datiert; da Barth auf dem freien unteren Rand des
Blattes handschriftlich seine Formulierung für die Eingabe an Müller notiert hat, kann es sich hierbei nur um ein Versehen handeln. Der Erstab|587druck der sechs Thesen erfolgte in: K. Barth, Lutherfeier
1933 (ThExh 4), München 1933, S. 20f
📖. Hierauf bezieht sich die in den Text eingefügte
Originalpaginierung.
Kirchliche Opposition 1933
Grundsätzliches
1. Der Protest richtet sich gegen die von den deutschen Kirchenregierungen
vertretene Lehre der Deutschen Christen, weil
sie Irrlehre und weil sie durch Usurpation32
zur in der Kirche herrschenden Lehre geworden ist.
2. Weil die Lehre und Haltung der Deutschen Christen nichts
anderes ist als ein besonders kräftiges Ergebnis der ganzen neuprotestantischen Entwicklung seit 170033, richtet sich der Protest gegen eine
eingerissene und vorhandene Verderbnis der ganzen evangelischen Kirche.
3. Der Protest gegen die Irrlehre der Deutschen Christen34 kann nicht erst beim Arierparagraphen35, bei der Verwerfung des Alten Testamentes, bei dem Arianismus der
deutsch-christlichen Christologie, bei
dem Naturalismus und Pelagianismus der deutsch-christlichen Rechtfertigungs- und Heiligungslehre, bei der
Staatsvergötterung der deutsch-christlichen Ethik einsetzen. Er muss
sich grundsätzlich dagegen (als gegen die Quelle aller einzelnen Irrtümer) richten, dass die
Deutschen Christen neben der heiligen Schrift als einziger Offenbarungsquelle36 das deutsche Volkstum, seine Geschichte und seine politische Gegenwart als eine
zweite Offenbarungsquelle37 behaupten |588 und
sich damit als die Gläubigen eines «anderen Gottes» [vgl. Ex. 20,3] zu erkennen geben.
21 4. Der Protest gegen die kirchliche Usurpation der
Deutschen Christen kann nicht erst bei Anlass von Suspensionen38 und ähnlichen Einzelübergriffen der
deutsch-christlichen Kirchenregierungen einsetzen. Er muss im Blick auf die Ereignisse des
24. Juni39, auf die Kirchenwahlen vom 23. Juli40, auf die
Konstituierung und auf die Beschlüsse der Synoden im August und September41 die Rechtmäßigkeit dieser
Kirchenregierungen als solche in Abrede stellen.42
5. Der Protest muss bei jeder einzelnen Aktion das Wesen
und das Ganze der Krankheit der Kirche im Auge haben. Er kann im Einzelnen und gemeinsam nur da sinnvoll, ernsthaft
und kraftvoll erhoben werden, wo man sich über das Wesen und über das Ganze dieser |589 Krankheit im klaren und einig
ist und wo man sie darum in ihrem Wesen und als Ganzes bekämpfen will.
6. Wer in einem dieser fünf Punkte «anderer Ansicht»43 ist, gehört selber zu den Deutschen Christen und sollte eine ernsthafte kirchliche Opposition nicht länger stören dürfen.44