11. Dezember 1933

Vorwort [zu: Die Kirche Jesu Christi]

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VORWORT
[ZU: DIE KIRCHE JESU CHRISTI]

1933

Bereits einen Tag, nachdem Barth am 10. Dezember 1933 im Universitätsgottesdienst in der Schlosskirche in Bonn über Röm. 15,5–13 gepredigt hatte,1 schrieb er dieses Vorwort zum fünften Heft der Reihe «Theologische Existenz heute», das neben jener Predigt einen im November 1933 geführten Briefwechsel Barths mit dem in Brasilien wirkenden Pfarrer Heinz Giessel enthielt.2 Das Heft erschien noch im gleichen Monat, und bereits 1934 machte die hohe Nachfrage – in erster Linie wohl deshalb entstanden, weil Barth in Predigt und Vorwort die «Judenfrage» angesprochen hatte3 – eine Neuauflage notwendig.4

Mit Ausnahme der ersten beiden Absätze kann dieses Vorwort als ein vom Heft unabhängiger, eigenständiger Text gelesen werden, mit dem Barth die Reihe seiner Vorworte «zur Lage» fortsetzte.5

Der hier vorliegende Text ist auch als Durchschlag eines neunseitigen, zweizeilig geschriebenen Typoskripts erhalten.6 Vom Original dieses Typoskripts, auf dem Barth handschriftlich Verbesserungsvorschläge eingetragen hat, die sich in der Druckfassung wiederfinden, sind lediglich vier Seiten erhalten.7 Der Erstabdruck erfolgte in: K. |601 Barth, Die Kirche Jesu Christi (ThExh 5), München 1933, S. 3–10. 📖 Auszüge erschienen schon kurze Zeit später als Übersetzungen in Frankreich.8 Die kenntlich gemachte Originalpaginierung bezieht sich auf den Erstabdruck.

Vorwort

Die im ersten Stück dieses Heftes abgedruckte Predigt9 ist am 10. Dezember 1933 im Universitätsgottesdienst in der Schlosskirche zu Bonn gehalten worden. – Ich möchte bei diesem Anlass etwas Grundsätzliches zum Problem der Predigt in diesen Tagen sagen dürfen. Die vorgelegte Predigt berührt die Judenfrage10 – nicht weil ich sie berühren wolltea, sondern weil ich sie in Auslegung des Textes (den ich mir auch diesmal von der Perikopenordnung vorschreiben ließ11) berühren musstea . Als Thema würde weder die Judenfrage noch eine andere der uns heute bewegenden Fragen auf die Kanzel gehören. Niemand denke, dass die Frage, ob man über einen Texta oder b-ob man (unter «Zugrundelegung» eines Textes12)-b über ein Themaa predigt, als |602 Formfrage gleichgültig sei. Jeder bestimmte Inhalta schafft sich auch seine bestimmte Forma . Die Predigt Luthersc und Calvins war Schriftauslegung; die sie selbst und die Zuhörer bewegenden Tagesfragen wurden berührt, aber sie wurden nicht zum Thema. Gerade so – als Dienst am göttlichen Wort – war ihre Predigt dem wirklichen Leben zugewendet aber auch bewahrt davor, ihm zu verfallen. Das ganze Elend des modernen Protestantismus, das wir heute durchzukosten haben, lässt sich auch dahin zusammenfassen: seine Verkündigung ist Themapredigt13 geworden. Als dies (vor langer Zeit schon!) anfing und sich durchsetzte, da war man unaufhaltsam auf dem Weg, der bei den Deutschen Christen endigen musste. Denn die Themapredigt (die große Anmaßung, als ob der Prediger der Gemeinde neben oder mit der Schrifterklärung – d-analogia entis-d!14 – auch noch etwas Selbständiges zu sagen habe) war und ist nichts anderes als die praktische Anwendung der neuprotestantischen Verbindung von biblischer und natürlicher Theologie, deren Früchte heute so reif geworden sind, dass eigentlich jedes Kind an ihnen die Art des Baumes erkennen |603 müsste [vgl. Mt. 7,16–20]. Wenn die Predigt bei und neben dem Dienst am göttlichen Wort noch etwas Zweites beabsichtigte und wollte, dann hat noch immer dieses Zweite den Sieg 4 davongetragen und der Dienst fiel aus. Wer heute mit mir davon überzeugt ist, dass die Kirche etwas grundsätzlich Anderes sagen muss als das, was die Deutschen Christen sagen, der möge sich klar machen, dass man das Andere auch grundsätzlich anders sagen muss als die Deutschen Christen samt ihren positiven und liberalen, rationalistischen und supranaturalistischen Vorfahren. Solange wir es noch nicht anders sagen, wird es auch noch nicht das ersehnte Andere sein.

Auch das zweite Stück, ein vor einigen Wochen geführter Briefwechsel15, gehört in die praktische Theologie der Gegenwart. Eine lehrhafte Erörterung der mir von dem Briefschreiber gestellten Frage16 müsste den Gegenstand natürlich ungleich reicher entfalten und bewegen als dies in meiner Antwort geschieht. Man möge sie als Brief und nicht als Abhandlung lesen. Aber ich kann mir denken, dass es dem und jenem Leser hilfreich ist, wenigstens in dieser Form einmal zu hören, wie etwa man auf e-solche Fragen-e von dem in diesen Heften verteidigten Ort aus antworten muss.

Die evangelisch-kirchlichen Dinge in Deutschland haben sich, seit ich das Vorwort zu Heft 417 schrieb, in raschem Tempo weiterentwickelt. Herrn Krauses Rede im Sportpalast18 und der Beifall seiner 19 99919 |604 hat weitere und immer weitere Wellenringe gezogen: Von der so viel besprochenen, groß aufzuziehenden «Volksmission», mit der die Deutschen Christen und mit ihnen die neue Kirche ihr Daseinsrecht zu beweisen gedachten,20 ist es nach jenem etwas unglücklichen Anfang wieder ziemlich still geworden. Die auf den ersten Advent vorgesehene feierliche Einführung des Reichsbischofs hat nicht stattgefunden.21 Indem der Reichsbischof seine Würde als «Schirmherr»f der Deutschen Christen niederlegte und seinen Ministern und den sämtlichen Kirchenregierungen eine ähnliche Neutralisierung anempfahl,22 schien er sich von denen, die ihn emporgetragen, auf einmal zu |605 distanzieren. Der führende Mann der Deutschen Christen, Bischof Hossenfelder, verschwand – nachdem er (zu spät!) bewiesen hatte, dass auch er auchg anders konnte23 – zwar nicht aus der «Reichsleitung», wohl aber aus der Reichskirchenregierung.24 Und über die |606 Deutschen Christen selbst schien jetzt rasch und seltsam 5 so etwas wie eine Katastrophe hereinzubrechen. Eine Hand war wider die des Andern [vgl. Sach. 14,13]. Während die Einen in den Reihen der Glaubensbewegung für Herrn Krause eintraten und ausgerechnet Bischofh Hossenfelder eines veralteten Dogmatismus beschuldigten,25 begeisterten sich die Anderen gerade an der tatkräftigen Art, in der die Reichskirchenregierung und die Reichsleitung gegen die «Irrlehre»26 vorgegangen seien.27 Wieder andere aber, und zwar sehr viele Deutsche Christen fanden auf einmal das Ganze unheimlich. Es setzten sich die Einen einfach in faktischen Widerspruch zu dem, was die Glaubensbewegung bisher gewesen war, indem sie sich, als ob sie es |607 nie anders gemeint hätten, den auf einmal hageldicht niedergehenden Protest- und Bekenntniserklärungen gegen die Richtung Krause und gegen das Regime Hossenfelder anschlossen oder gar führend dabei mitwirkten.28 Wieder Andere haben sich «von der Reichsleitung losgesagt»,29 ein freilich nicht ganz durchsichtiger und auch nicht gerade stilgemäßer Vorgang. Es kam zu dramatischen Auseinandersetzungen zwischen Hossenfelder und den Tübinger Professoren Fezer, Rückert30 und Weiser31, in denen der Engländer Dr. Frank Buchman (der Gründer und Führer der Oxfordbewegung)32 – wie kam er auf |608 diese Galeere?33 – eine im Einzelnen nicht bekannte Rolle gespielt hat und die nach viel Hin und Her mit dem freiwilligen Austritt der Tübinger aus der Glaubensbewegung endigte.34 Von der Möglichkeit, aus der Glaubensbewegung einfach wie aus dem ersten besten Verein auszutreten, scheint aber auch sonst vielfach Gebrauch gemacht worden zu sein. In Württemberg, aber nach allen Nachrichten auch hier im Westen, muss es zu wahren Auswanderungen gekommen sein.35 |609 Die Bayern haben sich – noch ist nicht ganz deutlich, was siei eigentlich damit sagen wollten – angesichts der norddeutschen Wirren in Treue um ihren Landesbischof geschart.36 Kurz, viele wollten es jetzt auf einmal nicht mehr so recht gewesen sein! Die in meinem letzten Vorwort erwähnten 3000 des Pfarrernotbundes37 aber sollen, wenn der Bericht stimmt, gleichzeitig auf 7000 angeschwollen sein.38 Kleine Ursache, große Wirkungen! Ob das Alles nun schon das Ende der vor kurzem noch so gewaltig daherbrausenden Deutschen Christen be|610deutet, lässt sich zur Zeit nicht sagen und ist auch nicht von allzu großem Interesse. Ich könnte mich hier nur wiederholen: ihre Speere waren und sind hohl39 und früher oder später wird 6 es mit dieser nicht gut angesetzten Sache sicher auch ein nicht gutes Ende nehmen. Aber es handelt sich nicht um die Deutschen Christen, sondern um unsere evangelische Kirche, in deren Raum und Schoß das Alles geschehen ist, und zwar so geschehen ist, dass wir Allej, ob wir nun zu den Deutschen Christen gehören oder gehört haben oder ob wir immer schon in der Opposition standen, Anlass haben, uns vor Gott und den Engeln zu schämen,40 dass das möglich war. So wenig Erkenntnis war unter uns, dass es des groben Heidentums des Herrn Krause bedurfte, um den Sturm einer Entrüstung zu entfesseln, die, wenn sie echt gewesen wäre, spätestens im vergangenen Juni41 hätte losbrechen müssen. So wenig Kraft hatte diese Entrüstung, dass sie sich bis jetzt doch nur in ein paar vorgenommenen Personalverschiebungen,42 aber keineswegs in einer Erschütterung des theologisch-kirchlichen Systems, unter dem wir stehen, ausgewirkt hat. Und so wenig Tiefgang, dass es auf ihrem Höhepunkt schließlich doch nur zu einem Streit gegen – Hossenfelder und für die zweite (nicht bessere!) Form der deutsch-christlichen «Richtlinien»43 gekommen ist. So wenig schei|611nen viele Hunderte von Pfarrern im vergangenen Sommer gewusst zu haben, was sie taten [vgl. Lk. 23,34], als sie an der Spitze ihrer Gemeinden den Deutschen Christen beitraten, dass sie der Leitung ihrer «Bewegung» (ihrer «Glaubensbewegung»!) die Gefolgschaft, kaum zugesagt, so schnell wieder versagen konnten, um morgen – wer weiß? – welcher anderen «Bewegung» zu verfallen. So billig sind auf einmal die tapferen «Entschließungen» und die orthodoxen Glaubensbekenntnisse zu haben, dass die Kirchen k-jetzt plötzlich davon widerhallen-k,44 während im Sommer, als es darauf ankam, fast ebenso allgemein geschwiegen oder mit den Wölfen geheult45 wurde. Und so sehr sind wir, die wir nun doch mit so vielen «Bischöfen» gesegnet sind,46 verlassen von jeder echten, eindeutigen, zuverlässigen Führung, dass man wohl fragen kann, ob die evangelische Kirche wohl je so sehr eine Herde ohne Hirten [vgl. Mt. 9,36] gewesen ist. Wirklich, zum Triumph oder zur auch nur teilweisen Beruhigung ist angesichts der hinter uns liegenden Ereignisse kein Grund vorhanden. Sie haben keine Erleichterung gebracht. Sie haben uns gezeigt – und dafür halte ich mich wirklich, nachdem ich 12 Jahre in dieser Kirche mitgetan habe, für mitverantwortlich – wie wenig Glaube, Liebe und Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13] unter uns lebendig ist. Wenn das nun etwa 7 doch das Ende der Deutschen Christen gewesen ist, so möchte es wohl heißen: l-«Afflavit Deus et dissipati sunt»-l [vgl. Ex. 15,10]!47 – mitm der |612 Beharrlichkeit und mit dem Wachsein [vgl. Kol. 4,2] aber würden wir dann alle miteinander erst recht – um wie vielmehr, wenn es noch nicht das Ende sein sollte – von vorn anfangen müssen. Mit einer deuteronomischen Tempelreform [vgl. 2.Kön. 22,1–23,30] wird es nicht getan sein. Umkehr tut uns not. Was kommt, könnte sonst schlimmer sein, als was gewesen ist.

Diese Hefte werden auch im evangelischen Ausland mit Aufmerksamkeit gelesen; das erste ist ins Französische, Englische und Holländische übersetzt worden,48 andere sollen folgen. Es war klein und hässlich, dass Hans Michael Müller, der «Theologische Referent des Reichsbischofs»49, in seiner Schrift «Der innere Weg der Kirche», Tübingen 1933, S. 60, versucht hat, mich deshalb politisch zu denunzieren.50 Mehr habe ich ihm nicht zu sagen. Wohl aber möchte ich den Ausländern, die sich mit diesen Heften und überhaupt mit der Opposition in der deutschen evangelischen Kirche beschäftigen, bei diesem Anlass offen sagen, dass sie mit allem, was sie dazu redenn und schreiben, eine große Verantwortung auf sich nehmen.

613 Es muss sehr schwer sein, schon von der Schweiz, geschweige denn von England, Frankreich oder Amerika aus, auch nur die deutschen Tatsachen richtig zu sehen und festzustellen. Sie sind aus der Nähe gesehen immer noch ein bisschen anders, als sie sich auch dem gewissenhaften Beobachter aus der Ferne darstellen. Und die Journalisten haben schon das, was sie bei gutem Willen feststellen konnten, oft wirklich zu wenig gewissenhaft festgestellt, bevor sie darüber geschrieben haben. Ich nenne als Beispiel den großen, an sich ernsthaften Artikel von Raoul Allier 51, «Les conflits politico-religieux dans le protestantisme allemand» im Pariser Temps vom 3., 4. und 5. Dezember,52 o-der doch von Ungenauigkeiten und Missverständnissen in Bezug auf das rein Tatsächliche nur so wimmelt-o.53

Noch schwieriger muss es draußen sein, unsere kirchlichen Vorgänge angemessen zu beurteilen. Ich möchte vor allem darauf hinweisen, dass man sich das Verständnis für die kirchliche Opposition in Deutschland sofort verbaut, wenn man sie als Symptom eines vorhandenen Widerstandes gegen die gegenwärtige Staats8regierungp deutet.54 Ich glaube schon, dass sie den durchschnittlichen Zeitungs|614leser draußen unter diesem Gesichtspunkt interessieren mag. Aber uns, die Beteiligten, in deren Namen ich wohl hier reden darf, interessiert sie nun (so leid das etwa den schweizerischen Religiös-Sozialen sein mag!55) gerade nicht unter diesem Gesichtspunkt. Ich bin nicht Nationalsozialist. Aber damit hat der Streit, den ich in diesen Heften führe, nichts zu tun. Ich möchte das Ausland bitten, zu beachten, dass das sogar von Seiten des nationalsozialistischen Staatesq anerkannt zu sein scheint: man hat mich mitten im Dritten Reich, obwohl es an Denunziationen schon bisher nicht gefehlt hat56 bis auf diesen Tag in |615 dem, was ich getan habe, tun wollte und tun musste, gewähren lassen. Wer mich etwa als Daniel in der Löwengrube [vgl. Dan. 6] beloben und bewundern sollte, dem muss ich schon sagen, dass ich mit diesem Propheten nurr das gemeinsam habe, dass die Löwen mir s-bis jetzt-s nichts zuleide taten! Und der Staat scheint nach dem letzten Erlass des Reichskanzlers57 auch sonst im Begriff zu sein, die Selbständigkeit der kirchlichen Fragen und damit das gute und nicht zu verdächtigende Recht einer kirchlichen Opposition bestimmter zu anerkennen, als dies im vergangenen Sommer der Fall war. Aber meine Arbeit und meine Opposition und die vieler Anderer wären kirchlich und nicht politisch gemeint, auch wenn das vom Staat nicht anerkannt wäre oder in irgend einer weiteren Entwicklung vielleicht nicht mehr anerkannt würde. Ich widerstehe einer heute beim Nationalsozialismus ihre Zuflucht suchenden Theologie, nicht der nationalsozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung. Gewiss nicht aus klösterlicher Gleichgültigkeit gegen die Fragen der Staats- und Gesellschaftsordnung, aber einfach darum, weil ich überzeugt bin, dass die Kirche gegenüber Staat und Gesellschaft der übergeordnete, der überlegene Bereich ist, dass die eigentlichen Entscheidungen auch über Staat und Gesellschaft nicht in Staat und Gesellschaft, sondern in der Kirche fallen. Nicht damit, dass die Kirche Staat und Gesellschaft regiert und formt, sondern damit, dass sie mitten in Staat und Gesellschaft nüchtern und sachlich Kirche ist.58 Dass sie das sei und danach tue, dafür möchte ich |616 arbeiten und streiten und für nichts Anderes. Für nichts Anderes, weil damit, wenn es streng und ernst getan wird, auch für alles Andere gearbeitet und gestritten, und zwar aufs Beste gearbeitet und gestritten wird. 9 Dieses Eine muss aber t1-mit leidenschaftlicher Einseitigkeit-t1 um seiner selbst willen und also ohne Programm t2-und Absicht-t2 im Blick auf Staat und Gesellschaft getan werden. Würde ich dabei 3-auch nur nebenbei-t3 politische Opposition meinen und machen, so würde ich unter umgekehrtem Vorzeichen genau das tun, was eben – den Deutschen Christen vorzuwerfen ist.59 Gerade das kann und darf man nicht tun! Und gerade in dieser Hinsicht möchte ich im Ausland genau so verstanden sein, wie ich es tatsächlich meine und halte.

617 Wenn das begriffen ist, so möchte ich weiter freundlichst darauf aufmerksam machen, dass freilich – wie man eben in Deutschland Alles unheimlich gründlich und konsequent durchzuführen pflegt, so nun auch die Vertauschung des Evangeliums mit einer dem gegenwärtigen deutschen Staat angepassten religiösen Ideologie in einer allerdings auffallenden Gestalt in die Erscheinung getreten ist – dass man aber darum im Ausland nicht denken dürfte, den Deutschen gegenüberzustehen wie die Gerechten den Ungerechten. Oder gibt es etwa die entsprechende Vertauschung – vielleicht in weniger eklatanter Form, aber vielleicht nur umso radikaler! – gar nicht auch in anderen Ländern? Wird das Evangelium etwa in der Schweiz, in England, Frankreich oder Amerika rein von allen derartigen Ideologienu gepredigt? Wie, wenn man sich dort einmal unter dem unerhörten äußeren Druck befände, unter welchem sich Deutschland nun seit bald 20 Jahren befindet? Seid ihr sicher, dass v-die offene religiöse Irrlehre-v dann nicht auch bei euch ausbrechen würde? Ich fürchte, ich fürchte, dass viele von denen draußen, denen es heute eine gewisse Freude macht, den Weg der kirchlichen Opposition in Deutschland zu verfolgen, in anderer, vielleicht milderer Form jetzt schon ganz selbstverständlich genau dasw sind und genau das meinen, was unsere Deutschen Christen sind und meinen.60 Und ich fürchte, ich fürchte, |618 dass ich, wenn ich irgendwo im Ausland lebte, jetzt schon binnen kürzester Frist ebenso zur kirchlichen Opposition gehen müsste wie hier in Deutschland. Wer sich darüber nicht klar ist, der weiß nicht, was er tut, wenn er mich lobt. Wir sind dem Ausland dankbar für jede Teilnahme an unseren Sorgen und Kämpfen, die darauf beruht, dass man weiß: Es geht hier nicht um einen zufälligen Irrtum in der deutschen Kirche, sondern um eine gemeinsame Not der ganzen christlichen Kirche; wir 10 fechten hier in Deutschland eine Sache aus, die, wenn auch in anderen Formen, früher oder später in jederx modernen Kirche ausgefochten werden muss. Wer das weiß, der kann uns nicht genug den Rücken stärken; er wird das nicht mit Beifallsbezeugungen tun, sondern indem er mit uns laut und bestimmt den christlichen Glauben bekennt. Wer das nicht weiß – nein, von dem möchten wir lieber nicht gelobt sein …!

Bonn, den 11. Dezember 1933.

Textkritische Fußnoten

a
Im Tskr. nicht hervorgehoben; dort nachträglich handschriftlich unterstrichen.↩
b-b
Tskr.: «unter ‹Zugrundelegung› eines Textes»; handschriftlich in die Druckfassung korrigiert.↩
c
Erstdruck: «Luther». Von den Hrsg. in Übereinstimmung mit dem Tskr. korrigiert.↩
d-d
Im Tskr. nicht hervorgehoben; dort nachträglich mit einer Wellenlinie unterstrichen. ↩
e-e
Tskr.: «diese Frage». ↩
f
Tskr.: «Schutzherr».↩
g
Fehlt im Tskr.↩
h
Tskr.: «Herrn».↩
i
Tskr.: «sie nun».↩
j
Im Tskr. hervorgehoben.↩
k-k
Tskr.: «plötzlich davon widerhallen können».↩
l-l
Im Tskr. nachträglich mit einer Wellenlinie unterstrichen.↩
m
Im Tskr. aus «Mit» korrigiert.↩
n
Tskr.: «sagen».↩
o-o
Fehlt im Tskr.↩
p
Tskr.: «Regierung».↩
q
Im Tskr. folgte ursprünglich, dann durchgestrichen: «..., jedenfalls von seiten des mir vorgesetzten preußischen Kultusministers».↩
r
Tskr.: «bis jetzt nur».↩
s-s
Fehlt im Tskr.↩
-t1
Fehlt im Tskr.↩
-t2
Fehlt im Tskr.↩
-t3
Fehlt im Tskr.↩
u
Druckfassung: «Ideologen». Dieser Fehler ist in Barths persönlichem Exemplar korrigiert; diese Korrektur wurde von den Hrsg. – auch in Übereinstimmung mit dem Tskr. – übernommen.↩
v-v
Tskr.: «der religiöse Wahnsinn».↩
w
Tskr.: «so».↩
x
Im Tskr. nicht hervorgehoben.↩

Sachfußnoten

1
Siehe Predigten 1921–1935, S. 296–305. 📖↩
2
Siehe O.Br. 1909–1935, S. 254–262 📖. – Giessel (1900–1972) befand sich zum Zeitpunkt dieses Briefwechsels in Deutschland, hatte am 30. Oktober 1933 in Berlin Barths Vortrag «Reformation als Entscheidung 📖» (s. oben, S. 516–550) gehört und am folgenden Tag an den Diskussionen im Hause Jacobi teilgenommen (vgl. O.Br. 1909–1935, S. 254f.).↩
3
Schon während der Predigt hatte Barths Rede von den Juden und von Jesu Judesein für Aufsehen und vereinzelten Protest gesorgt, der sich im Verlassen des Gottesdienstes äußerte (vgl. Brief Ch. von Kirschbaums an E. Küppers vom 27.12.1933 [KBA 9233.386 ; Br. 1933, S. 593 📖]).↩
4
Vgl. Bibliographie Karl Barth, erarbeitet von H. M. Wildi, Bd. 1: Verzeichnis der Veröffentlichungen Karl Barths, hrsg. von H.-A. Drewes, Zürich 1984, S. 106. 📖 Auf die hohe Nachfrage weist hin E. Busch, Unter dem Bogen des einen Bundes. Karl Barth und die Juden 1933-1945, Neukirchen-Vluyn 1996, S. 165. 📖↩
5
Siehe oben, S. 554, Anm. 10.↩
6
KBA 10054.↩
7
KBA 10056 (Rückseiten). Erhalten sind nur die Seiten 1, 2, 4 und 5, auf deren Rückseiten Barth handschriftlich Stichworte für seine Rede auf der Reformierten Synode in Barmen am 4. Januar 1934 notiert hatte (K. Barth, Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart, in: ders., Gottes Wille und unsere Wünsche [ThExh 7], München 1934, S. 9–14 📖). Die Verbesserungsvorschläge sind, wie auch die sonstigen Abweichungen der Typoskripte von der Druckfassung, in einem gesonderten Apparat ausgewiesen.↩
8
Siehe Bibliographie 1 (Anm. 4), S. 115. 📖 – Neben der dort genannten liegt eine von Raoul Allier (s. unten, Anm. 51) eingeleitete Teilübersetzung ins Französische vor: Les luttes ecclésiastiques en Allemagne, in: Le Temps, No. 26 481, 2.3.1934, S. 2. 📖↩
9
Siehe oben, Anm. 1.↩
10
Predigten 1921–1935, bes. S. 299–302. 📖↩
11
Seit seinem Wechsel nach Bonn war Barth dazu übergegangen, sich bei der Auswahl seiner Predigttexte an das Evangelium bzw. die Epistel des jeweiligen Sonntags zu halten (vgl. a.a.O., S. XIIIf. 📖). Röm. 15,4–13 ist nach der altkirchlichen Epistelreihe die Epistel des 2. Advents.↩
12
«Es ist darum auch eine Verkennung der Predigtaufgabe, wenn man sich gedrungen fühlt, ‹den Text der Hl. Schrift seiner Predigt zugrunde zu legen›, wie man als stereotype Eingangsformel zu hören bekommt» (K. Barth, Homiletik. Wesen und Vorbereitung der Predigt [= Nachschrift des im Wintersemester 1932/33 und im Sommersemester 1933 in Bonn gehaltenen homiletischen Seminars «Übungen in der Predigtvorbereitung»], Zürich 1966, S. 75 📖).↩
13
Schon in seinem homiletischen Seminar hatte Barth sich in seiner Auseinandersetzung mit neuzeitlichen Predigtdefinitionen gegen die Entwicklung zur Themapredigt gewandt (vgl.a.a.O., S. 8–30 📖). In seinen eigenen Ausführungen zu den «Kriterien der Predigt» stellt er fest: «Freilich gibt es ein Thema, es wird etwas gesetzt (tithetai), es wird ein Satz ausgesprochen, aber dieser Satz ist streng Gott vorzubehalten. Gott setzt in der Predigt, was er setzen will und wird. Und wenn die Predigt meint, ihrerseits ein Thema aufstellen zu sollen, so greift sie dem vor, was Gott sagen will» (a.a.O., S. 34).↩
14
Barths Auseinandersetzung mit der Lehre von der Analogia entis, besonders mit E. Przywara, Analogia entis. Metaphysik, München 1932 📖, spiegelt sich besonders deutlich in KD I/1 📖: «Ich halte die analogia entis für die Erfindung des Antichrist und denke, daß man ihretwegen nicht katholisch werden kann» (a.a.O., S. VIII; vgl. S. 40.252.257 u. ö.).↩
15
Siehe oben, Anm. 2.↩
16
In seiner Anfrage stellte Giessel die nationale Prägung der deutschen evangelischen Kirche in Brasilien, die sich nach seiner Schilderung als einzige Institution für die «Erhaltung des deutschen Volkstums eingesetzt» habe, der von Barth vertretenen «Nichtbezüglichkeit des Glaubens zum Volkstum» gegenüber (O.Br. 1909–1935, S. 256 📖).↩
17
Siehe oben, S. 590–599.↩
18
Siehe oben, S. 581, Anm. 1.↩
19
Vgl. R. Krause, Der «Fall Krause» und seine Folgen. Von den Deutschen Christen zur Deutschen Volkskirche (Schriftenreihe der Glaubensbewegung Deutsche Volkskirche, Heft 3), o. O., o. J., S. 17 📖: «Es entsprach daher nur der schon durch den Beifall zu meiner Rede kundgegebenen Zustimmung der Massen, wenn die Entschließung mit allen Stimmen gegen die eines Volksgenossen, hoch oben auf einem Range, angenommen wurde, gewissermaßen ‹mit 19 999 gegen 1›, wie Pg. Arendsee scherzhaft feststellte.» Vgl. auch JK 1 (1933), S. 355 📖; Gauger I, S. 112. 📖 Der Text der vom «Völkischen Beobachter» am 15. November 1933 veröffentlichten «Entschließung» findet sich u. a. in: JK 1 (1933), S. 312; Gauger I, S. 111; G. van Norden, Der deutsche Protestantismus im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, Gütersloh 1979, S. 216f. 📖↩
20
Auf der Tagung der Reichsleitung der Glaubensbewegung «Deutsche Christen» am 27. Oktober 1933 beschrieb Joachim Hossenfelder die nun anstehenden Aufgaben so: «Heute gilt es, wahr zu machen, was wir in der Opposition wollten und als unser Ziel hinstellten […]. Die Stoßkraft der Bewegung darf nicht erlahmen, sie muß weiter wachsen. Sie muß auf den ersten Ruf des Reichsbischofs hin zur Stelle sein, um die schwersten Aufgaben zu lösen. Und diese Aufgaben lassen sich kurz zusammenfassen in dem einen Wort: Volksmission! Sinn, Ziel und Zweck dieser Arbeit ist die Verlebendigung der Gemeinde, die die alte Kirche nicht erreichen konnte» (Evangelium im Dritten Reich, Jg. 2 [1933], S. 465 📖). Vgl. auch: Aufruf der Reichskirchenregierung zur Volksmission 📖 sowie Richtlinien der Reichskirchenregierung für die Volksmission der Deutschen Evangelischen Kirche vom 10.11.1933, in: GDEK 1 (1933), S. 23f.25–28 📖; Rundschreiben der Reichskirchenregierung betr. Sofortprogramm der Volksmission vom 10.11.1933, in: a.a.O., S. 29. 📖↩
21
Der bereits bis in Einzelheiten der Ansprachen geplante Festgottesdienst zur Einführung des Reichsbischofs am 3. Dezember 1933 wurde kurzfristig abgesagt, offiziell mit «Rücksicht auf den Rücktritt des geistlichen Ministeriums» (Chr. Stoll, Idee und gegenwärtige Erscheinung der Deutschen Evangelischen Kirche. Dokumente zum Kirchenstreit [Teil I] [Bekennende Kirche 6], München 19342, S. 38 📖; vgl. Gauger I, S. 118 📖; Th. M. Schneider, Reichsbischof Ludwig Müller. Eine Untersuchung zu Leben, Werk und Persönlichkeit [AKIZ.B 19], Göttingen 1993, S. 182f. 📖).↩
22
Am 29. November 1933 hatten die Kirchenführer von Baden, Bayern, Hamburg, Hannover, Oldenburg, Thüringen, Württemberg und Eutin in einer Erklärung gefordert, kirchlich geordnete Verhältnisse wiederherzustellen und die «von der Glaubensbewegung Deutsche Christen geübte kirchliche Nebenregierung» restlos zu beseitigen. Der Reichsbischof wurde zudem aufgefordert, seine Schirmherrschaft über die Deutschen Christen niederzulegen (JK 1 [1933], S. 399 📖; Gauger I, S. 116 📖; van Norden [Anm. 19], S. 302f. 📖). Daraufhin beschloss das Geistliche Ministerium am 4. Dezember 1933 ein Gesetz, das den «Mitgliedern des Geistlichen Ministeriums sowie den Beamten und Hilfsarbeitern der Reichskirchenregierung […] die Zugehörigkeit zu kirchenpolitischen Parteien […] untersagt[e]» (GDEK 1 [1933], S. 35 📖). In Ausführung dieses Gesetzes empfahl Ludwig Müller am gleichen Tag den Landeskirchenregierungen ähnliche Maßnahmen (vgl. Gauger I, S. 118) und legte seine Schirmherrschaft über die Deutschen Christen nieder (vgl. Kundgebung des Reichsbischofs an die Deutschen Christen, in: Evangelium im Dritten Reich, Jg. 2 [1933], S. 457 📖).↩
23
Hossenfelder hatte Krause am 15. November 1933 von allen Funktionen in der Glaubensbewegung Deutsche Christen entbunden, nachdem ihn einen Tag zuvor schon der Reichsbischof seiner kirchlichen Ämter enthoben hatte (s. oben, S. 592, Anm. 19). Am 24. November erklärte Hossenfelder Bibel und Bekenntnis zur Grundlage der Glaubensbewegung (s. oben, S. 592f., Anm. 20). – Zur in der Formulierung angelegten Anspielung auf Luther s. oben, S. 87, Anm. 61.↩
24
Am 29. November 1933 hatten die Kirchenführer in ihrer Erklärung (s. oben, Anm. 22) auch gegen den Verbleib Hossenfelders im Geistlichen Ministerium protestiert. Daraufhin traten einen Tag später Hossenfelder und die beiden anderen verbliebenen Mitglieder des Geistlichen Ministeriums, Otto Weber und Friedrich Werner, zurück, blieben allerdings geschäftsführend im Amt (vgl. JK 1 [1933], S. 373 📖; Gauger I, S. 116 📖). Simon Schöffel, seit 29.5.1933 hamburgischer Landesbischof (bis zum erzwungenen Rücktritt am 1.3.1934), war bereits am 25. November von seinem Amt zurückgetreten (vgl. JK, a.a.O., S. 360; Gauger I, S. 114). Schon am 4. Dezember tagte ein neu zusammengesetztes Geistliches Ministerium und beschloss das oben erwähnte Kirchengesetz (s. oben, Anm. 22). Vgl. Stoll (Anm. 21), S. 39–41 📖; V. von Bülow, Otto Weber (1902–1966). Reformierter Theologe und Kirchenpolitiker (AKIZ.B 34), Göttingen 1999, S. 135–137. 📖 – Am 21. Dezember 1933 trat Hossenfelder schließlich sowohl vom Vorsitz der Glaubensbewegung Deutsche Christen als auch von seinen sämtlichen Kirchenämtern zurück (vgl. Gauger I, S. 119.121).↩
25
Zur Trennung der Thüringer Deutschen Christen von der Reichsbewegung hieß es in einer Erklärung: «Angesichts der grundsätzlichen tiefgreifenden Gegensätze, die sich zwischen Bischof Hossenfelder als Vertreter der alten Dogmatik und den jungen thüringischen Vorkämpfern – Leffler, Leutheuser, Sasse – für einen neuen Geist der Kirche aufgetan haben, kann diese reinliche Scheidung nicht wundernehmen» (Thüringische Staatszeitung, Nr. 277, 25.11.1933 📖, zit. nach Krause [Anm. 19], S. 34 📖).↩
26
So Ludwig Müller in seiner ersten Stellungnahme zur Sportpalastrede Krauses (Gauger I, S. 110 📖; JK 1 [1933], S. 350f., dort S. 351 📖). Barth lag auch folgender Zeitungsbericht vor: Gegen Irrlehren in der Kirche – für Bibel und Bekenntnis!, in: Augsburgisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung, Jg. 20, Nr. 48, 26.11.1933, S. 393f. 📖 (KBA 16197), nach dem die Enthebung Krauses von seinen Ämtern «von der breitesten Öffentlichkeit mit Befriedigung und Dankbarkeit begrüßt» wurde.↩
27
In den hektographierten «Nachrichten aus der Glaubensbewegung ‹Deutsche Christen›» vom 15.11.1933 (LKA Bielefeld, 5.1, Nr. 289/1) wird von einer «kompromisslose[n] und entschiedene[n] Haltung des Reichsleiters» gesprochen (S. 2). – Nach Scholder I, S. 712 📖, hatte Hossenfelder allerdings selbst am 16. November 1933 alle Gauobleute angewiesen, Treuebekundungen zu ihm und der Reichskirchenregierung nach Berlin zu telegrafieren. Trotzdem blieben an Hossenfelders Seite lediglich die Mehrheit der Berliner Deutschen Christen (vgl. a.a.O., S. 712f.), die Gaue Pfalz, Württemberg (hier aber nur der überhaupt noch deutsch-christlich gebliebene Rest [vgl. unten, Anm. 35]), Hannover und zunächst noch Westfalen, Schlesien und Baden (vgl. K. Meier, Die Deutschen Christen. Das Bild einer Bewegung im Kirchenkampf des Dritten Reiches, Göttingen 1964, S. 50 📖).↩
28
Barth meint hier wohl in erster Linie Professoren wie Gogarten, Friedrich Karl Schumann, Heinrich Bornkamm (1901–1977), seit 1927 Prof. für Kirchengeschichte in Gießen, Ernst Haenchen (1894–1975), 1933 Prof. für Systematische Theologie in Gießen, Hermann Wolfgang Beyer (1898–1942), seit 1926 Prof. für Kirchengeschichte in Greifswald und seit Ende November Mitglied im Geistlichen Ministerium, u. a., die sich im Frühsommer den Deutschen Christen angeschlossen hatten und nun protestierten (vgl. Gauger I, S. 113 📖; JK 1 [1933], S. 357–359 📖).↩
29
Von der Reichsleitung um Hossenfelder lösten sich in den Wochen nach der Sportpalastkundgebung ganze Landesverbände der Deutschen Christen (z. B. Bayern, Pommern, Sachsen, Groß-Hessen, Untergau Wuppertal; vgl. Gauger I, S. 113 📖), aber auch zahlreiche Gemeinden und prominente Einzelpersonen (vgl. JK 1 [1933], S. 357–360 📖; Stoll [Anm. 21], S. 28–32 📖). Zwar ist der von Barth zitierte Wortlaut in der angeführten Literatur direkt nicht zu belegen, in einem bei Stoll, S. 33f., dokumentierten Flugblatt der Deutschen Christen (wohl von Ende November / Anfang Dezember 1933) heißt es aber: «Die Gegner der ‹Deutschen Christen› berichten, Bayern, Württemberg und Thüringen hätten sich von der Glaubensbewegung losgesagt» (a.a.O., S. 34). Ähnlich, zur Abspaltung der Thüringer Deutschen Christen: «Die Thüringer gaben bekannt, daß sie sich von Berlin losgesagt hätten» (Krause [Anm. 19], S. 34 📖).↩
30
Hanns Rückert (1901–1974), seit 1931 Prof. für Kirchengeschichte in Tübingen.↩
31
Arthur Weiser (1893–1978), seit 1930 Prof. für Altes Testament in Tübingen.↩
32
Frank N. D. Buchman (1878–1961), nordamerikanischer lutherischer Theologe, gründete 1921 als Reaktion auf den Sieg des Kommunismus in Russland und den von ihm diagnostizierten moralischen Niedergang im Westen eine Bewegung, deren grundlegende Maßstäbe (abgeleitet aus 1.Tim. 1,5; 4,12) absolute Reinheit, Ehrlichkeit, Liebe und Selbstlosigkeit sein sollten. Wohl in Anlehnung an das Zentrum der Arbeit Buchmans kam 1929 der Name «Oxfordbewegung» auf; vgl. St. Mews, Art. «Moralische Aufrüstung», in: TRE 23, S. 291–294. 📖 – Barth war von Emil Brunner für den 11. September 1933 zu einem Treffen mit schweizerischen Mitgliedern der Oxfordbewegung eingeladen worden, das seine ohnehin vorhandenen Bedenken gegen die Prinzipien und Rituale dieser Gruppierung nur verstärkte (vgl. Bw.Brunner, S. 234–237 📖). – Seinen Irrtum bezüglich der Herkunft Buchmans klärte Barth im nächsten seiner Vorworte auf (vgl. K. Barth, Gottes Wille und unsere Wünsche [ThExh 7], München 1934, S. 8 📖).↩
33
Vgl. Molière, Les fourberies de Scapin, 2. Akt, 11. Szene 📖: «Que diable alloit-il faire dans cette galère?»↩
34
Die drei Tübinger Professoren hatten versucht, in Gesprächen mit Hossenfelder und Ludwig Müller am 20. und 22. November in Berlin den Rücktritt Hossenfelders zu erwirken, den sie für die Lage nach dem «Sportpalastskandal» verantwortlich machten. Während dieser Gespräche war es zum Streit mit Hossenfelder gekommen, woraufhin mehrere Tage lang unklar war, ob Hossenfelder die drei Professoren aus der Glaubensbewegung Deutsche Christen ausgeschlossen hatte oder nicht. Am 22. November kam es zu einem Gespräch zwischen Fezer, Weiser, Hossenfelder und Buchman, der den persönlichen Streit zu schlichten versuchte, damit aber letztlich keinen Erfolg hatte. Hossenfelder war noch im Oktober von Fezer auf Buchmans Bewegung aufmerksam gemacht worden, von der er sich wichtige Impulse für die angestrebte «volksmissionarische» Arbeit versprach (vgl. JK 1 [1933], S. 251 📖; J. H. Schjørring, Moralische Aufrüstung und westeuropäische Politik bis 1954, in: ZKG 87 [1976], S. 65–100, dort S. 71f. 📖). Am 25. November erklärten die drei Tübinger Professoren ihren Austritt aus der Glaubensbewegung, über dessen Hintergründe sie am 1. Dezember 1933 «im überfüllten Auditorium maximum der Universität [Tübingen] den Theologiestudierenden» Auskunft gaben (Bericht im «Kirchlichen Anzeiger für Württemberg», 8.12.1933, zit. nach Schäfer II, S. 853–858, Zitat S. 854 📖). Von diesem Bericht ist eine «Freie Nachschrift ohne Gewähr» als zweiseitiges Typoskript im KBA vorhanden (KBA 16201). Die Fakten dürften Barth also bekannt gewesen sein.↩
35
Nach einer Notiz vom 1.12.1933 (JK 1 [1933], S. 359 📖) hatten zu diesem Zeitpunkt allein in Württemberg «rund 800 Pfarrer […] und die hinter ihnen stehenden Gemeinden […] mit der Glaubensbewegung Deutsche Christen gebrochen». Gauger I, S. 113 📖, berichtet von einer «riesige[n] Protestversammlung» auch in Dortmund (18.11.1933). Mehr als 250 Pfarrer und Presbyter des Kirchenkreises Essen forderten am 23.11. vom Reichsbischof die Absetzung aller an der Sportpalastkundgebung beteiligten Kirchenführer sowie die Entlassung Hossenfelders aus seinen kirchlichen Ämtern; diesen Forderungen schloss sich «ein größerer Kreis von Pfarrern und Mitgliedern der kirchlichen Körperschaften aus der Synode Düsseldorf an» (RKZ 83 [1933], S. 376 📖). – «Die gleiche Forderung wird von einer großen Anzahl westfälischer Gemeinden erhoben» (a.a.O., S. 383).↩
36
Auf einer Großkundgebung der evangelisch-lutherischen Gesamtgemeinde Augsburg am 23. November 1933 wurde von mehreren tausend Teilnehmern eine Entschließung einstimmig angenommen, in der es u. a. hieß: «Wir stehen in einmütigem Vertrauen hinter unserem Landesbischof D. Meiser, wenn er um der bedrohten Einheit von Kirche, Volk und Vaterland willen seinen klaren Weg wie bisher unbeirrt geht.» Barth lag ein zehnseitiges Typoskript der auf dieser Kundgebung gehaltenen Reden und der Entschließung vor (KBA 16195). Vgl. die kurze Notiz in JK 1 (1933), S. 360 📖. – Unter Berufung darauf, dass sie sich im Sommer 1933 dem Landesbischof unterstellt hatten, traten die bayrischen Deutschen Christen zur gleichen Zeit aus der Glaubensbewegung aus. Zuvor hatte Hossenfelder auf der Herbsttagung der Glaubensbewegung in Weimar auf Anerkennung des unbedingten Führerprinzips innerhalb der Bewegung bestanden. Vgl. Stoll (Anm. 21), S. 31–33. 📖↩
37
Siehe oben, S. 591f.↩
38
Bei dem Bericht handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen Vortrag, den Pastor Friedel Denkhaus am 26. November 1933 in Bremen gehalten hat: Fr. Denkhaus, Die Wahrheit über die Gegenwartslage unserer deutschen evangelischen Reichskirche, in: Die Wahrheit über die kirchliche Lage, Bremen [1933], S. 9–32. 📖 Dort heißt es: «Wie verlautbart, hat die Mitgliederzahl des Pfarrernotbundes bereits das 7. Tausend überschritten» (S. 29, Anm. 15). Karl Stoevesandt hatte auf dem Deckblatt der Broschüre vermerkt: «Von der Geh. Staatspolizei sofort nach Erscheinen beschlagnahmt!» (KBA 16199). – Am 20. Dezember 1933 erklärte der Pfarrernotbund dem Reichsbischof sein Misstrauen «namens 6000 Pfarrern» (Gauger I, S. 121 📖).↩
39
Siehe oben, S. 549.↩
40
Vgl. J. Arndt, Die II. Predigt über den XXVII. Psalm, in: ders., Der gantze Psalter Davids / Des h. Königs und Propheten / In 462 Predigen außgelegt und erklärt / …, Anjetzo von neuem / mit grossem Fleiß durchgegangen / an unzehlig vielen Orten, von denen so Druck- als andern Fehlern gereiniget / verbessert / ergäntzet / geordnet und erläutert / …, Franckfurt am Mayn 1701, S. 245–248, Zitat S. 246 📖: «Wann wir die angeborne Erbsünde / den Greuel unsers Hertzens bedencken / wie unser Leib und Seel befleckt ist / so müssen wir dafür erschrecken / und alle für Gottes Angesicht und H. Engeln uns schämen […].»↩
41
Vermutlich hat Barth als entscheidenden Tag den 24. Juni 1933 vor Augen, an dem August Jäger als Staatskommissar für die evangelischen Kirchen in Preußen eingesetzt worden war (s. oben, S. 369f.).↩
42
Siehe oben, Anm. 23 und 24.↩
43
Während der Auseinandersetzungen zwischen den Tübinger Professoren und Joachim Hossenfelder (s. oben, Anm. 34) war versucht worden, Hossenfelder zum Rücktritt zu bewegen und die Glaubensbewegung Deutsche ­Christen definitiv auf die zweiten Richtlinien vom Mai 1933 festzulegen; vgl. Schäfer II, S. 855 📖. – Zu den verschiedenen Richtlinien der Deutschen Christen s. oben, S. 321f., Anm. 115.↩
44
Zahlreiche Beispiele in: JK 1 (1933), S. 357f.359f.376 📖; Gauger I, S. 119 📖; RKZ 83 (1933), S. 366f.376.393f 📖.↩
45
Siehe oben. S. 150, Anm. 29.↩
46
Neben dem Reichsbischof waren 1933 allein im Bereich der preußischen Landeskirche zu Bischöfen ernannt worden: Joachim Hossenfelder in Brandenburg, Friedrich Peter in Magdeburg, Johannes Beermann (1878–1958) in Danzig, Friedrich Kessel (geb. 1887) in Ostpreußen, Karl Thom (1900–1935) in Cammin, Pommern (nicht ins Amt eingeführt), Heinrich Oberheid im Rheinland, Bruno Adler (1896–1954) in Westfalen, Otto Zänker (1876–1960) in Schlesien, Emil Karow (1871–1954) in Berlin; vgl. Gauger I, S. 100 📖. – Auch Simon Schöffel (Hamburg), Theophil Wurm (Württemberg) und Hans Meiser (Bayern) hatten 1933 neu geschaffene Bischofsämter angetreten.↩
47
Von Fr. Schiller in einer Anmerkung zu seinem Gedicht «Die unüberwindliche Flotte» (1786) 📖 irrtümlich als Inschrift einer Münze Elisabeths I. genannt, die jedoch – in Erinnerung an den Sieg über die spanische Armada 1588 – von Niederländern geprägt wurde. Vgl. Büchmann, S. 8f. 📖↩
48
Vgl. K. Barth, Theological existence to-day!, transl. by R. B. Hoyle, London 1933; ders., Bezinning, uit het Duitsch vertaald door R. Limburg, ­’s-­­Gravenhage 1933. 📖 – In Frankreich bzw. der frankophonen Schweiz waren bis zu diesem Zeitpunkt zwei Teilübersetzungen erschienen: ders., Existence théologique aujourd’hui, trad. partielle par R. de Pury, in: FV 34 (1933), S. 627–632 📖; ders., Un avertissement aux églises d’Allemagne, trad. par W. Lachat / Ed. Burnier, in: CProt 17 (1933), S. 257–274. 📖↩
49
Auf dem Titelblatt des von Barth genannten Werkes ist unter dem Verfassernamen vermerkt: «a. o. Professor der systematischen Theologie in Jena / Theologischer Referent des Reichsbischofs».↩
50
Vgl. H. M. Müller, Der innere Weg der Deutschen Kirche, Tübingen 1933, S. 60 📖: «‹Theologische Existenz heute› wird auch nicht dadurch gewonnen und bestätigt, daß eine Schrift wie die gleichlautende Karl Barths englisch herauskommt – einschließlich der Stellen, die unweigerlich als Hetzmaterial gegen Deutschland wirken. Was man dadurch gewinnt, ist vielleicht Ansehen in der Welt auf Kosten Deutschlands.»↩
51
Raoul Allier (1862–1939), reformierter Theologe, seit 1889 Prof. der Philosophie an der theologischen Fakultät in Paris, seit 1920 Dekan. – Barth schrieb rückblickend über ihn: «sodann war es mir gänzlich entschwunden, dass Raoul Allier Doyen der Pariser Fakultät und überhaupt ein großes protestantisches Tier in Frankreich ist, während ich ihn nach seinem Schrieb im Temps für einen obskuren Journalisten gehalten hatte» (Brief an Adolf Keller vom 12.1.1934 [KBA 9234.9]).↩
52
Der genannte Artikel findet sich in: Le Temps, No. 26 394, 3.12.1933, S. 2 📖; No. 26 395, 4.12.1933, S. 1f. 📖; No. 26 396, 5.12.1933, S. 1f. 📖 Die Artikel-Serie zeichnet den Kirchenkampf in Deutschland seit Mai 1933 nach. Der zweite Teil widmet sich speziell Karl Barth und seinem Anteil an der Entstehung einer kirchlichen Opposition.↩
53
Allier besaß die Souveränität, diese Kritik Barths in französischer Übersetzung ebenfalls in «Le Temps» abdrucken zu lassen (s. oben, Anm. 8).↩
54
Diese dezidierte Aussage könnte mit einem Bericht der Basler Nachrichten über Barths Vortrag «Reformation als Entscheidung» in Berlin (s. oben, Anm. 2) zusammenhängen, in dem Barth als «der Kirchenlehrer der gefangenen, angefochtenen und wahren Kirche» bezeichnet wurde und der von der «Möglichkeit der Bildung eines geistlichen Widerstandszentrums» sprach: «Auf die Frage: ‹Was sollen wir nun tun?› antwortete er mit dem einen Wort: Widerstand! Man denke: dies Wort gefallen in aller Öffentlichkeit im nationalsozialistischen Deutschland. Sicher wird man es wohl auch politisch auslegen» (Basler Nachrichten, Nr. 306, 7.11.1933 📖; Abdruck auch in: Reformationstag 1933. Dokumente der Begegnung Karl Barths mit dem Pfarrernotbund in Berlin, hrsg. und eingeleitet von E. Busch, Zürich 1998, S. 57–60, Zitat S. 60 📖).↩
55
Barth war kurz zuvor in zwei Rezensionen von Theologische Existenz heute! 📖 aus diesen Kreisen scharf angegriffen worden: Es trete «auch in dieser Schrift der tiefe Mangel des ganzen ‹Barthianismus› hervor, der mit dem Worte Gottes nicht in die kämpfende Wirklichkeit eingehen, sondern sich im Reiche der reinen Theologie halten will» (L. Ragaz, Nachwort, in: Neue Wege 27 [1933], S. 330 📖); «[…] so sehen wir jetzt eine Theologie im Schwang, die Theologie um der Theologie willen treibt, auch sozusagen im leeren Raum […]. Ich bin überzeugt, daß die ‹theologische Existenz heute› nicht die von morgen sein wird, denn ich glaube an den Sieg der Menschlichkeit – sogar in der Theologie» (M. Gerber, Von Kirchen und Theologen, in: Der Aufbau. Sozialistische Wochenzeitung, Jg. 34 [1933], Nr. 34, 25.8.1933, S. 265f. 📖). Vgl. Bw.Brunner, S. 232f. 📖↩
56
Neben der von Barth hier schon selbst genannten (s. oben) bezogen sich ihn denunzierende Äußerungen in der Regel auf seine schweizerische Herkunft und seine sozialdemokratische Parteimitgliedschaft (vgl. H. Prolingheuer, Der Fall Karl Barth 1934–1935. Chronographie einer Vertreibung, Neukirchen-Vluyn 1977, S. 1–5 📖). Dazu kamen gerade in den ersten Dezembertagen 1933 die Vorgänge um den von Barth verweigerten «Deutschen Gruß» zu Beginn seiner Vorlesungen und Seminare, die ihm eine Anzeige des Dekans der Bonner Fakultät, Emil Pfennigsdorf, beim Rektor einbrachten (vgl. a.a.O., S. 10–12; H.-P. Höpfner, Die Universität Bonn im Dritten Reich. Akademische Biographien unter nationalsozialistischer Herrschaft [Academica Bonnensia, 12], Bonn 1999, S. 155f. 📖).↩
57
In einer «Anordnung des Reichsinnenministers» vom 30. November 1933 hieß es: «In der Deutschen Evangelischen Kirche sind zur Zeit Auseinandersetzungen im Gange, die auf eine Klärung der kirchlichen Gesamtlage hinzielen. Der Herr Reichskanzler hat die ausdrückliche Entscheidung getroffen, daß, da es sich um rein kirchliche Angelegenheiten handelt, von außen her in diesen Meinungsstreit nicht eingegriffen werden soll […]. Aus gegebenem Anlaß weise ich darauf hin, daß auch kirchliche Stellen nicht befugt sind, ein Einschreiten staatlicher Organe im kirchlichen Machtkampf herbeizuführen» (DKPDR I, S. 181 📖; vgl. Gauger I, S. 116 📖; JK 1 [1933], S. 373 📖).↩
58
Dass der Vorwurf der «Gleichgültigkeit gegen die Fragen der Staats- und Gesellschaftsordnung» Barth gegenüber fehlgeht, zeigt sich schon an seinen Äußerungen am 31. Oktober 1933 in der Aussprache mit 150 Pfarrern des Pfarrernotbundes in Berlin (vgl. oben, S. 519–522): «Natürlich sind wir in die Wirklichkeit hineingestellt. Aber wenn wir um den Primat des Wortes Gottes wissend sind, werden wir anders in diese Wirklichkeit hineingestellt sein […]. Gewiss, es geht den Menschen an, das Volk, den Staat. Aber das Wort Gottes will da hinein gesagt sein und nicht da heraus!! […] Die Rede zur Lage kann nicht bedeuten, dass wir jetzt auch in das allgemeine Horn stoßen, dass wir auch sagen, was Joseph Goebbels sagt, nur mit ein bisschen anderen Worten. Sondern dann wird die Kirche frei sein, gewiss auch einmal das zu sagen, was Goebbels sagt, aber vielleicht auch einmal etwas ganz Anderes. Das Konkrete könnte dann ein sehr gefährlich Konkretes werden. Es wird dann z. B. sehr konkret gefragt werden: Was ist geschehen diesen Sommer in Deutschland? Ist das mit Recht oder mit Unrecht geschehen? Diese Art Machtergreifung? Diese Beseitigung aller anderen Parteien? Diese Beschlagnahme von Vermögen? Was ist denn geschehen in den Konzentrationslagern? Was ist geschehen an den Juden? Kann Deutschland, kann die deutsche Kirche, diese Fülle von Selbstmorden verantworten? Ist die Kirche nicht mitschuldig daran, weil sie geschwiegen hat? Ich stelle nur Fragen. Wer das Wort Gottes zu verkündigen hat, der muss zu solchen Vorgängen sagen, was das Wort Gottes sagt. Mir liegt wahrhaftig nicht an einem politischen Widerstand, aber mir liegt an der Freiheit des Evangeliums» (Protokoll Ch. von Kirschbaums [KBA Dokumente und Materialien 1933–1935]; vgl. Reformationstag 1933 [Anm. 54], S. 105f. 📖).↩
59
Ähnlich hatte Barth sich bereits Brunner gegenüber zur Kritik der schweizerischen Religiös-Sozialen an seiner Theologie (s. oben, Anm. 55) geäußert: «Es ist aber für die Erkenntnis beider Teile erleuchtend, wie in diesen Äußerungen sichtbar wird, dass die Methode der Deutschen Christen und unsrer Religiös-Sozialen genau dieselbe ist» (Brief vom 29.8.1933 [KBA 9233.217; Bw.Brunner, S. 232f. 📖]).↩
60
Vgl. die rückblickenden Äußerungen Barths in KD II/1, S. 196 📖: «Was die ‹Deutschen Christen› wollten und taten, das lag nachweislich so genau auf der von der Kirche der ganzen Welt längst anerkannten und begangenen Linie der Aufklärung und des Pietismus, auf der Linie Schleiermachers, Richard Rothes und Ritschls, dafür gab es so viele Parallelen auch in England und Amerika, auch in Holland und in der Schweiz, auch in Dänemark und Skandinavien, daß draußen eigentlich niemand das Recht hatte, auf Deutschland nun gerade darum Steine zu werfen, weil es sich bei der dort betätigten neuen Kombination von christlicher und natürlicher Theologie um die Kombination mit dem der übrigen Welt zufällig ziemlich unsympathischen völkischen Nationalismus handelte, und weil diese Kombination nun eben mit jener den andern Völkern immer wieder erstaunlichen Gründlichkeit vollzogen wurde. Zu einem begründeten Widerspruch gerade dagegen war es zunächst, nachdem man so manche andere Kombination unwidersprochen durchgelassen und sogar selber liebevoll gepflegt hatte, um rund zweihundert Jahre zu spät. […] Menschlich geredet war 1933 nichts Anderes zu erwarten als dies, daß die deutsche evangelische Kirche der jetzt an sie gerichteten Zumutung, dem neuen ‹auch› samt dem dahinter stehenden ‹allein› ebenso hemmungslos sich ausliefern werde, wie sie sich so mancher früheren Zumutung ausgeliefert hatte, wie sich die Kirche der anderen Länder – wissend und nicht wissend, was sie tat – fortwährend so mancher anderen Zumutung auslieferte.»↩