Vorwort
Die «Erklärung», die das erste Stück dieses Heftes bildet,10 habe ich auftragsgemäß einer am
4. Januar 1934 in Barmen versammelten «Freien Synode von 167 evangelisch-reformierten Gemeinden aus ganz Deutschland,vertreten durch je einen Pfarrer und einen anderen Ältesten, vorlegen und erläutern dürfen. Die Synode hat sich diese Erklärung ohne Abänderung zu eigen gemacht, und ihr hat sich auch die am 5. Januar am selben Ort tagende Hauptversammlung des Reformierten Bundes für Deutschland angeschlossen.11 Auf derselben Hauptversammlung ist beschlossen worden, dass die Zugehörigkeit zum Reformierten Bund mit der Zugehörigkeit zu den «Deutschen Christen»unvereinbar sei.12 Man wird die Ergebnisse dieser Tagungen, zusammen mit den in derselben Woche ergriffenen Maßnahmen der lutherischen Kirchenführer und des Deutschen Pfarrernotbundes,13 ohne sie zu überschätzen, als Anzeichen dafür würdigen dürfen, |126 dass sich der Widerstand gegen die im vergangenen Sommer scheinbar übermächtig Ereignis gewordene akute Überfremdung der evangelischen Kirche14 nunmehr auf der ganzen Linie jedenfalls äußerlich in |127 einer Weise konsolidiert hat, dass, was auch noch kommen möge, ein bemerkenswertes Gelingen der Absichten der «Deutschen Christen» nicht mehr zu den Wahrscheinlichkeiten gehört.
Dass diese, die Deutschen Christen, sich inzwischen im geringsten nicht gebessert haben, entnehme man dem u. A. von E. Hirsch15 und H. W. Beyer unterzeichneten, «Berlin, zur Weihnachtszeit 1933» veröffentlichten «Deutsch-christlichen Bekenntnis»16 und dem von dem neuen Reichsleiter der Deutschen Christen sowie von den Landeskirchen von Sachsen und Schleswig-Holstein kanonisierten «28 deutsch-christlichen Thesen»17 (beide abgedruckt in «Junge Kirche» |128 1934, Heft 118). Beide Dokumente sprechen den deutsch-christlichen Irrtum in der dankenswertesten Klarheit aus. Wer sie liest und etwa Heinrich Vogels «Acht Artikel evangelischer Lehre» (Furche-Verlag, 1933)19 und die hier 4 gebotene Barmer Erklärung20 danebenhält, kann heute Bescheid wissen über das, worum es hüben und drüben geht. Ich habe am 23. Januar bei einer Aussprache in Berlin zu K. Fezer gesagt: «Wir haben einen anderen Glauben, wir haben einen anderen Geist, wir haben einen anderen Gott»21. Das wird so lange in aller Bestimmtheit und in aller Öffentlichkeit gesagt werden müssen, als die Deutschen Christen auch in ihren besten Vertretern fortfahren, |129 das Wort Gottes durch die Stimme eines Fremden [vgl. Joh. 10,5] zu übertäuben.22 Es geht nicht um die Personen: es geht um die Sache. Die deutsch-christliche Sache ist falsch und faul bis auf den Grund. Es gibt ihr gegenüber nur ein Entweder-Oder. Gerade um der Personen willen: um sie aufzurufen, sich von dieser falschen und faulen Sache zu trennen, müssen wir dieser Sache gegenüber ganz hart und ganz kalt sein. Alles Andere wäre nicht Liebe. Auch diese jetzt erreichte Unzweideutigkeit des Gegensatzes ist, so schmerzlich sie an sich ist, ein hoffnungsvolles Zeichen. Ohne Klarheit kann es keine Entscheidung und ohne Entscheidung kann es keinen Frieden geben.23 Wir sind jetzt wenigstens auf dem Wege zur Klarheit.
Die Leser dieser Hefte kennen meine Ansicht: Es wird der Umkehr, es wird der geistlichen Konsolidierung, es wird des Widerstandes gegen die chronische, schleichende, latente Überfremdung bedürfen, wenn wir nicht alsbald von neuen, schwersten Gefahren bedroht sein sollen. Das eigentliche Problem, das uns heute gestellt ist, liegt (jenseits der Frage, wie man den Unfug der Deutschen Christen, so Gott will, wieder loswerden könne) in der Existenz des (mit dem kirchlich-theologischen «Liberalismus» nur teilweise zusammenfallenden) protestantischen Modernismus, der in den Deutschen Christen zum Ausbruch gekommen ist. Ich freue mich, dass diese in Art. I der «Erklärung»24 ausgesprochene Ansicht durch den Beschluss der Barmer Synode eine gewisse kirchliche Geltung erlangt hat. Dass ich (und hoffentlich nun nicht mehr bloß ich) noch mehr als einmal mit einem |130 ceterum censeo25 auf diesen größeren geschichtlichen Zusammenhang der heutigen Krise werde zurückkommen müssen, steht zu erwarten. Man wird mich also hoffentlich nicht missverstehen, wenn ich es nun doch auch einmal ausspreche, dass wir in, mit und unter allem uns aufgenötigten Seufzen Anlass haben, froh und dankbar zu sein im Blick auf das, was – nochmals: was 5 auch noch kommen möge – geschehen und erreicht ist. Ich hätte es in den vergangenen Jahren (menschlich geredet) nicht geglaubt, aber es ist nun offenbar so: zwei oder mehr Jahrhunderte schlimmster theologischer und kirchenpolitischer Verwüstung26 und der stärkste äußere Druck der Gegenwart haben es doch nicht vermocht, dass man heute mit der evangelischen Kirche, dieser armen Magd,27 machen könnte, was man will. Sondern auf einmal waren und sind sie doch wieder da: das Bekenntnis und – bei aller nur zu greifbaren Konfusion und in aller zuzugestehenden Fragwürdigkeit der Einsichten und Motive – auch die Bekenner. Frage man sich selber und Andere immerhin – man kann darnach nicht genug fragen: wie echt und wie rein und wie stark dieses Bekennen wohl sein möge? Zu der herzenskundigen These, dass es insgemein unecht, unrein und schwach sei, hat schließlich doch niemand die Kompetenz und das Recht. Dass, wie es immer um die Bekenner stehen möge, das Bekenntnis auf dem Plan war und ist, das kann man im Glauben gerade heute unmöglich leugnen. Und dann mag man wohl mit grimmigem, dann darf man aber auf keinen Fall mit einem sauren, versorgten Gesicht in dem viel berufenen «Raum der Kirche»28
|131 herumstehen. Überall da, wo man sie glaubt: credo unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam,29 da ist die Kirche und da hat man Grund, fröhlich zu sein.
Das Andere, was ich diesmal einleitend sagen möchte, ist dies: Die Barmer Erklärung ist zunächst eine Erklärung deutscher Gemeinden reformierten Bekenntnisses. Es war mir aber ein Anliegen, gleich in der Überschrift von der «Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart»30 zu reden. Ich habe ferner meine reformierten Brüder, obwohl es manchem unter ihnen nicht leicht fiel, dafür gewinnen können, auch und gerade dem Art. I § 3 dieser Erklärung31 einmütig ihre Zustimmung zu geben,32 und ich meine auch im Übrigen – ohne der reformierten «Herkunft und Verantwortung»33 dieser Synode im geringsten etwas zu vergeben, vielmehr in Fortsetzung bester reformierter Tradition – alles so gesagt zu haben, dass es ernsthafte Lutheraner, ohne sich ihrerseits etwas zu vergeben, mit uns sagen könnten, so gewiss es selbstverständlich ist, dass ihr spontanes Bekenntnis eine andere Gestalt als das unsrige zeigen würde. Ich glaube, so und nicht anders kann man und muss man heute bekennen in der 6 Deutschen Evangelischen Kirche. Lutheraner und Reformierte können und dürfen heute nicht gegeneinander, sondern sie können und müssen heute evangelisch-lutherisch und evangelisch-reformiert miteinander bekennen. Ich bin nie ein Freund der sogenannten «Union» des |132 19. Jahrhunderts gewesen und bin es auch heute nicht.34 Sie war, wenn nicht Alles täuscht, nicht aus dem gemeinsamen Bekenntnis, sondern aus dem damals bei Lutheranern und Reformierten gemeinsam akut gewordenen Mangel an Erkenntnis und Bekenntnis geboren. Ihre Geschichte in den letzten hundert Jahren musste von daher ein Stolperweg werden und ist es geworden. Ihr spezifisches Pathos hatte und hat von daher etwas Unechtes. Der heute in der Theologie und Kirchenpolitik der Deutschen Christen ausgebrochene Irrtum hat nun seinen Ursprung weder in der Schule Luthers noch in der Calvins, sondern er ist – Schleiermacher, R. Rothe35, W. Beyschlag36 wären unter seinen speziellen Vätern zu nennen – der typische Irrtum des Endstadiums gerade jener «Union» des 19. Jahrhunderts. Er verletzt das lutherische ebenso wie das reformierte Bekenntnis. Eben darum sind Lutheraner und Reformierte – woher ihr besonderer Weg auch komme und wohin er noch führen mag – heute zum Einverständnis des Glaubens aufgerufen. Das Luther-Lied «Erhalt uns Herr bei deinem Wort»37 ist in dieser Zeit vielen Lutheranern und Reformierten ein besonderer Trost gewesen. «Bei deinem Wort» heißt es – nicht: bei unseren noch so ernst zu nehmenden «Belangen»38! Und weiter: |133 «Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ»39 – nicht: das gute geschichtliche Recht unserer konfessionellen Sonderexistenz! Und weiter: «Beschirm dein arme Christenheit»40 – nicht: das Luthertum oder das Reformiertentum! Und weiter: «Gott heilger Geist, du Tröster wert, gib deim Volk einrlei Sinn auf Erd»41 – nicht: erhalte dem seinen niedersächsischen und jenem seinen niederrheinischen Starrkopf!42 Ich nehme die Differenzen, die zwischen Lutheranern und Reformierten stehen, wahrhaftig ernst, aber indem ich sie ernst nehme, kann ich nicht einsehen, inwiefern wir heute aufgerufen sein sollten, uns anders zu ihnen zu bekennen als eben im Einverständnis des Glaubens. Nicht in Sachen des Abendmahls, sondern in Sachen des ersten Gebots ist heute Streit in der Kirche und haben wir heute zu «bekennen». Dieser unserer Not und 7 Aufgabe gegenüber muss die der Väter zurücktreten, d. h. sie muss zu einem – immer noch ernsten, aber nicht mehr scheidenden, nicht mehr kirchenspaltenden Gegensatz der theologischen Schule werden.43 Man lege die schon erwähnten acht Artikel des Lutheraners H. Vogel und unsere Barmer Erklärung nebeneinander und frage sich selbst: Ist – obwohl oder gerade weil die besondere konfessionelle «Herkunft und Verantwortung» in beiden Schriftstücken zu ihrem Rechte kommt – solches Einverständnis nicht möglich und ist es angesichts des gemeinsamen Feindes heute nicht einfach notwendig? Und man lese das eben erschienene Heft 1 der von Hans Asmussen44, Fritz Collatz45 und Rudolf Jaeger46 herausgegebenen Schriftenreihe «Die Gemeindekirche» |134 (Hans Harder Verlag, Altona)47 und frage sich, ob man angesichts der darin sichtbaren gegenseitigen Berührung der eigentlichen Anliegen lutherischer und reformierter Auffassung von der Gestalt der Kirche auch nur auf diesem Gebiet von einem unheilbaren Gegensatz reden dürfte. Es ist doch nicht wahr – nur ein unverantwortlicher Journalismus oder ein ebenso unverantwortlicher Archaismus kann das behaupten –, dass es uns heute geboten sei, Luther und Calvin gegeneinander auszuspielen, heute, wo es gegenüber der eingebrochenen Vielgötterei und Werkgerechtigkeit wahrhaftig ebenso um das Sola fide! wie um das Soli Deo gloria! geht. Es ist nicht wahr, dass das Theologumenon von der Identität des Gesetzes Gottes mit den so|135genannten Schöpfungsordnungen oder das Theologumenon vom autoritären Bischof genuin und notwendig lutherische Lehren seien.48 Und es ist wiederum nicht wahr, dass man den Calvinismus deshalb als rationalistisch verdächtigen49 müsse, weil ihm allerdings an einem guten Schuss Eisen ins Blut mehr gelegen ist als an den etwa auch sonst vorfindlichen Geheimnissen dieses Blutes. Es geht mir hier noch nicht um die theologische und kirchenpolitische Verständigung, die doch einmal kommen muss, wenn wir heute nicht umsonst zu der einen «Deutschen Evangelischen Kirche» zusammengetreten sein wollen. Es geht mir um die glaubensmäßige Voraussetzung solcher Verständigung. Ich möchte öffentlich die Frage aufwerfen: ob diese Voraussetzung in dem uns heute aufgetragenen Kampf für die Wahrheit und gegen den Irrtum nicht schon sichtbar geworden ist? Ob es sich nicht lohnte, zunächst einmal zu ihr von Herzen 8 Ja zu sagen, um dann von da aus das Theologische und Kirchenpolitische zu bedenken, das gewiss fernerhin, aber dann vielleicht mit mehr Ernst und Kraft als bisher, zu bedenken sein wird. Ihre zahlenmäßige Überlegenheit jedenfalls dürfte die deutschen Lutheraner nicht hindern, diese unsere Frage heute zu hören, wenn wir sie darum bitten. Sie sind nun einmal, wie wenige unser sein mögen, nicht allein in der Deutschen Evangelischen Kirche. Die Frage nach dem evangelischen |136 Einverständnis ist ihnen gestellt und nicht erst durch uns gestellt; nur darum kann es sich handeln, ob sie sich diese Frage nun nicht gleich recht gestellt sein lassen wollen.
Das zweite Stück dieses Heftes ist ein Vortrag, den ich am Abend des 4. Januar in Barmen und danach am 5. in Bochum und am 6. in Lübeck vor großen Versammlungen gehalten habe.50
Das dritte Stück ist ein Abdruck aus dem letzten Heft von «Zwischen den Zeiten» (1933, S. 536 f.)51, um den ich von verschiedenen Seiten gebeten worden bin. Ich komme diesem Wunsche nach, weil in diesem Abschiedswort Einiges gesagt ist, was auch den Lesern dieser Hefte, die nicht Abonnenten von «Zwischen den Zeiten» waren, sachlich wichtig sein kann.
Zu dem Vorwort von Heft 5 dieser Reihe habe ich verbessernd nachzutragen, dass der dort S. 5 erwähnte Dr. Frank Buchman kein Engländer ist.52 Mehrere englische Freunde haben mir deshalb geschrieben, der eine mit folgenden Worten: Frank Buchman is very very much of an American and has no connexion with England, still less with Oxford.53 Ich darf bei dem Anlass anmerken, dass ich Anzeichen dafür habe, dass die kleine Ansprache an das Ausland, die ich mir dort erlaubte,54 freundlich und verständnisvoll aufgenommen worden ist.55
Bonn,
26. Januar 1934.|137