Es gibt wohl nur wenige Texte Barths, deren Entstehung so minutiös dokumentiert ist wie die dieses Entwurfes, den er anlässlich des bevorstehenden Empfangs der Kirchenführer bei Hitler schrieb. Barths exponierte Rolle bei den vorbereitenden Verhandlungen fand im umfangreichen Quellenmaterial1
, aber auch in der Literatur eine entsprechende Würdigung.2
Mitte Januar 1934 schien es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis Ludwig Müller von seinem Amt als Reichsbischof würde zurücktreten müssen. Er hatte mit der von ihm betriebenen Eingliederung der evangelischen Jugendverbände in die Hitlerjugend Ende Dezember 19333
und dem sogenannten «Maulkorberlass» vom
4. Januar 19344
jegliche Unterstützung der nicht-deutschchristlichen Kirchenführer, vor allem aber beim Kirchenvolk massiv an Vertrauen verloren. Zwar |112 unterließ man nach einem Gespräch mit Ludwig Müller am 13. Januar in Bayern und Württemberg aus Taktik und politischer Rücksichtnahme die Verlesung der gegen den «Maulkorberlass» protestierenden Kanzelabkündigung des Pfarrernotbundes,5
doch hatten schon vorher in Berlin geheime Verhandlungen begonnen, die Müllers Sturz zum Ziel hatten. Vertreter des Pfarrernotbundes und der Kirchenführer versuchten, Reichspräsident Hindenburg und Reichsinnenminister Frick6
, die beide dem Anliegen der kirchlichen Opposition nahestanden, von der Notwendigkeit dieses Schrittes zu überzeugen. Man hoffte, über sie Hitler, dessen zentrale Rolle und Zuständigkeit auch für diesen Bereich fraglos anerkannt wurde, beeinflussen zu können.7
Andererseits war Müller, maßgeblich von Heinrich Oberheid und August Jäger beeinflusst und unterstützt, bemüht, seine Position zu halten.8
Von dieser Seite aus wurde man ebenfalls bei Hindenburg vorstellig, versuchte die Opposition, vor allem den Pfarrernotbund, bei Hitler politisch in Misskredit zu bringen und verhandelte gleichzeitig mit den Kirchenführern, auch den nicht-deutschchristlichen, die man gegen den Pfarrernotbund auszuspielen versuchte.9
Es gelang Müller, Letztere zu einem «Burgfrieden» bis zum 17. Januar zu bewegen, indem er sie davon überzeugte, dass ein an diesem Tag anstehender Empfang bei Hitler wichtige kirchenpolitische Entscheidungen bringen würde.10
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Bald entstand der Eindruck, dass Hitler unschlüssig war, jedenfalls nicht unbeirrbar auf Seiten Müllers stand: der Empfang Müllers wurde abgesagt, stattdessen wurden nach einer Beratung mit Frick und dessen Ministerialdirektor Rudolf Buttmann11
für den 24. Januar nun Vertreter beider kirchlicher Parteien zu einer Aussprache in die Reichskanzlei eingeladen und noch dazu unmittelbar vor dieser Aussprache aus demselben Anlass ein Gesprächstermin beim Reichspräsidenten vereinbart.12
Aufgrund dieser Entwicklung sah die Opposition ihren Sieg nahen und lud «befreundete Herren»13
zu Vorbesprechungen des Empfangs bei Hitler nach Berlin ein. Dort war bereits am 19. Januar über die Frage beraten worden, welche DC-Kandidaten für das nach Müllers Demission neu zu bildende Leitungsgremium der Deutschen Evangelischen Kirche, das Geistliche Ministerium, tragbar seien.14
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Gerade das war Barths größte Befürchtung. Gleich nachdem Hermann A. Hesse ihn vom Stand der Dinge unterrichtet und um Rat gebeten hatte,15
warnte Barth die Reformierten vor jedem Kompromiss:
«Wenn das kommt: eine Kirche, die sachlich und persönlich den ‹rechten Flügel› der D.C. gelten lässt! (die Meiser’sche Erklärung oder Begründung dafür ist so, dass man nur heulen möchte!), dann ist alles umsonst gewesen, dann können wir alle Hoffnungen begraben. […] Keiner, der auf der Barmer Erklärung16
steht, darf sich durch Mitwirkung in diesem Kirchenregiment auch nur indirekt damit einverstanden erklären, dass die Basis der D.C. in einer etwas gedämpfteren Form nun doch kirchlich-offiziell wird. […] Verzeihen Sie, dass es diesmal nicht der solenne theologische Rat ist, was Sie von mir bekommen, sondern eben nur diesen Zuruf: Résistez! Wenn irgend einmal, dann jetzt!»17
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Hesse hatte sich, schon bevor er diesen Brief erhalten hatte, bei dem nach Berlin reisenden Otto Koopmann18
dafür eingesetzt, «Karl Barth für die grundsätzlichen Fragen nach Berlin einzuladen».19
Außerdem gab er Georg Schulz20
, der als Mitglied einer Delegation der rheinischen Pfarrbruderschaft Martin Niemöller von der grundsätzlichen Ablehnung jedes Kompromisses überzeugen wollte,21
einen Durchschlag von Barths Brief für Koopmann mit, versehen mit der erneuten Bitte, Barth telegrafisch nach Berlin zu rufen.22
Um sicher zu gehen, rief er Barth am Montag, dem 22. Januar, abends gegen 23.00 Uhr an und bat ihn, «sofort nach Berlin zu fahren, und zwar als Bevollmächtigter des Reformierten Bundes, weil höchste Gefahr im Verzuge sei».23
Hesse gab ihm für die Verhandlungen freie Hand: «Was Barth dazu in Berlin tun könne, möge er tun: ich gebe ihm als Moderator für seine Fahrt General- und Spezialvollmacht und erkläre mich von vornherein grundsätzlich mit dem, was er sagt, einverstanden.»24
Barth – «mitten aus seiner Vorlesungsvorbereitung nach Berlin gerufen»25 – reagierte sofort und fuhr noch in der Nacht von Köln aus «mit dem Polenzug nach Berlin».26 Vor der Abreise beriet er sich mit Charlotte von Kirschbaum und gelangte zu folgenden, grundsätzlich zu vertretenden Positionen: «Weg mit dem Reichsbischof und den Bischöfen. Einsetzung eines Interims-Komitees. Neuwahlen unter völliger Freiheit vom Staat. – So dass für die Kirche der Rechtsstand vor dem 24. Juni wieder hergestellt wäre.»27
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In Berlin erreichte Barth ein noch nach Bonn gesandtes Telegramm Koopmanns, in dem dieser ihn für «Dienstag 21 Uhr» zu sich ins Hospiz St. Michael bat.28
Barth begab sich daraufhin zu Gerhard Jacobi29
, wo er zu seiner Überraschung erfuhr, dass die Verhandlungen im Hospiz bereits begonnen hätten.30
Als Barth dort eintraf, teilte Koopmann ihm mit, dass er ihn zu diesem Zeitpunkt in die Verhandlungen «leider […] nicht mehr einführen könne».31
In die um 19.00 Uhr beginnende Abendsitzung ging Barth dann «hinein, wie wenn nichts wäre, setzte sich an einen Platz und steckte eine Pfeife an».32
Man besprach ein von Karl Fezer in der Sitzungspause angefertigtes Memorandum für den um einen Tag verschobenen, nun endgültig auf Donnerstag, den
25. Januar 1934, 13.00 Uhr angesetzten Empfang bei Hitler.33
Fezer verteidigte seinen Entwurf, Barth trat «Fezer sachlich entgegen und fordert[e] ein Memorandum, das nicht vom Staate her, sondern von der Kirche aus spricht, am Evangelium orientiert».34
In der folgenden Diskussion neigte die Mehrheit bei Kritik an Einzelpunkten Fezer zu, der sich vorbehielt, den Text trotz der Kritik nicht zu verändern.
Nach Absprache mit dem inzwischen angereisten Hesse erklärte Barth schließlich auch im Namen des Reformierten Bundes die Ablehnung der von ihm auch in Fezers Entwurf erblickten Theologie der Deutschen Christen. Er schloss mit den Worten: «Wir haben einen an|117deren Geist, wir haben einen anderen Glauben, wir haben einen anderen Gott!»35
Dieses Diktum erregte äußerste Empörung,36
die Hesse durch den Hinweis zu dämpfen versuchte, dass Barth seiner Überzeugung nach niemanden persönlich, sondern nur die Sache gemeint habe, in der es auch für ihn nur «klare Ablehnung» gebe.37
Nach der Sitzung saß Barth mit einer größeren Gruppe im «Hofbräu» zusammen. Die Anwesenden baten ihn, selbst ein Memorandum zu verfassen: «Er sagt zu, trifft aber Professor Schmitz-Münster38
, der bis nachts 3 Uhr mit ihm aufsitzt, weshalb aus dem Memorandum nachts nichts mehr wird.»39
– Am Vormittag des folgenden Tages (Mittwoch, 24. Januar) gegen 10.00 Uhr trafen sich die in Berlin versammelten Reformierten Koopmann, Walter Hollweg40
, Udo Smidt41
, Hesse und Barth zu einer Aussprache über das weitere Vorgehen. Auch Koopmann, der kurz zuvor Barth noch «Richtgeist, Lieblosigkeit, Marxismus und Schweizertum» vorgeworfen hatte,42
ließ sich nun da|118von überzeugen, dass man dem Fezerschen Memorandum theologisch nicht zustimmen könne.43
Er erklärte sich schließlich sogar bereit, «ein jetzt noch zu verfassendes Memorandum von Karl Barth mit in die weitere Verhandlung zu nehmen».44
Hesse notierte zur nun folgenden Niederschrift des Textes:45
«Mittags 12 Uhr: Karl Barth zieht sich auf eine Stunde zurück und kommt nach etwa 57 Minuten unter bösen Kopfschmerzen mit dem fertigen Memorandum wieder. Er liest es Hollweg und mir vor, wir wollen beide kein Wort darin verändert haben und erklären: ‹Gott hat Gnade gegeben.›
Mittags 1 Uhr: Ein Tippfräulein in der Wilhelmstraße suchen wir vergeblich, treffen nur ihre Schwiegermutter und ihre beiden Katzen, fahren dann an die Ecke Leipzigerstr. Friedrichstr. in ein Vervielfältigungsbüro. Udo Smidt holt Karl Barth Pyramidon, und wir kommen bald mit 6 Durchschlägen und ohne Karl Barths Kopfschmerzen ins Hospiz zurück.»46
Von den Durchschlägen erhielten Meiser und Niemöller je ein Exemplar.47
Barths Text, der sich in seinen Kernaussagen an dem orientierte, was er wenige Wochen zuvor in Barmen vorgetragen hatte,48
wurde jedoch nicht als eigenständiger Entwurf geprüft oder gar zur Weitergabe an Hitler in Erwägung gezogen. Weil aber auch die am Abend zuvor in Auftrag gegebenen neuen Entwürfe von Fezer, Hans Lauerer49
und Simon Schöffel50
jeder für sich in einer Besprechung der |119 zum Empfang geladenen nicht-deutschchristlichen Kirchenführer am Mittwochmittag nicht voll überzeugen konnten,51
gab man am frühen Nachmittag Martin Niemöller den Auftrag, Lauerers Text «an Hand von Barths Arbeit» zu verändern.52
Der Entwurf Niemöllers wurde dann in der Nacht vom 24. auf den
25. Januar 1934 auch von den zum Empfang eingeladenen Deutschen Christen unterzeichnet, die nicht mehr hinter Müller standen: Hermann Beyer und Fezer.53
Der Text Niemöllers54
weist allerdings so gut wie keine Übereinstimmungen mit Barths Entwurf auf und weicht auch strukturell und inhaltlich erheblich davon ab.
Barth selbst verbrachte den Mittwochabend bei Günther Dehn.55
Er und Hesse wollten dann eigentlich am folgenden Vormittag abreisen, ließen sich aber – aufgehalten von einer fast zweistündigen Verspätung des aus Warschau kommenden Zuges – von Otto Weber überreden, doch noch den Empfang bei Hitler und dessen Ergebnis abzuwarten. Gegen 14.45 Uhr wurden beide durch Weber über den völlig unerwartet verlaufenen Empfang informiert:56
Hermann Göring hatte gleich zu Beginn Martin Niemöller durch das Verlesen eines am Vormittag abgehörten Telefonats desavouiert und Hitler eine Mappe mit den Pfarrernotbund belastendem Material übergeben, so dass der Empfang zu einer Festigung der Position Ludwig Müllers führte.57
Auf Hitlers Aufforderung zu einer Beilegung des Streites in |120 der evangelischen Kirche hin kam es schließlich zwei Tage später zu einer erneuten Versammlung der Kirchenführer bei Müller, die nach einer Überrumpelungsaktion Müllers mit der Herausgabe einer Erklärung endete, in der sich alle Kirchenführer erneut Müllers Regiment unterstellten.58
Unmittelbar nach dem Gespräch mit Weber reiste Barth in Begleitung Hesses nach Hause.59
Der Text des Entwurfs liegt als einseitiges Manuskript von Barths Hand vor, das auf der Rückseite eines Blattes vom Briefpapier des Michaelhospizes notiert ist (KBA 9234.28a). Der untenstehende Abdruck folgt der Typoskriptfassung (dreiseitig, zweizeilig getippt), die als Durchschlag erhalten ist (KBA 9234.28). Für das Original des Typoskripts wurde wahrscheinlich das gleiche Briefpapier verwendet wie für die handschriftliche Fassung.60 Ein erster Abdruck erfolgte in Wilhelm Niemöllers Studie über den Kirchenführerempfang: Hitler und die evangelischen Kirchenführer (Zum
25. Januar 1934)61, S. 27.
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Entwurf [für ein Memorandum an
Hitler]
24. Januar [193]462
Herr Reichskanzler!
Die Vertreter der Deutschen Evangelischen Kirche bitten Sie, Ihnen über das Wesen dieser Kirche, über ihre heutige Not und über den Weg zu deren Überwindung Folgendes vortragen zu dürfen:
Die Deutsch-Evangelische63 Kirche bekennt sich zu ihrer Aufgabe, im Raum des deutschen Volkes und Staates das Wort Gottes nach der Heiligen Schrift zu hören und zu verkündigen. Sie tut das in der alleinigen Verantwortung gegen den, an den sie glaubt und von dem sie ihre Existenz und ihren Auftrag hat, Jesus Christus. Indem sie in dieser Verantwortung handelt, dient sie dem deutschen Volk und Staat. Denn eben davon lebt jedes Volk und jeder Staat, dass Gottes Wort in seinem Raum in Gehorsam gehört und verkündigt wird.
Im Lauf der Ereignisse des vergangenen Jahres ist die Deutsche Evangelische Kirche dadurch in Not geraten, dass diese ihre Aufgabe und Verantwortung, mit der sie steht und fällt, von vielen 64-ihrer Glieder-64 und leider nicht zuletzt von der neu eingesetzten Reichskirchenregierung65 nicht so ernst genommen worden ist, wie das geschehen muss. 66-Kirchenfremde Rücksichten und Zielsetzungen haben das Handeln der Kirche weithin in einer Weise verdunkelt, die ihre Existenz als Kirche in Frage stellen musste.-66 2 Schwere innere Kämpfe sind die notwendige Folge dieser Nachlässigkeit gewesen. Die Einheit der Kirche ist in ihrem Zentrum bedroht. Wir beklagen es mit Ihnen, 67-Herr Reichskanzler,-67 Ihnen dies in einer Zeit sagen zu müssen, in |122 der das deutsche Volk 68-unter Ihrer Führung-68 seine politische Einheit wiedergewonnen hat. Aber wir sagen die Wahrheit und bitten Sie, von dem ganzen Ernst der Lage Kenntnis zu nehmen.
Wir bitten Sie, Herr Reichskanzler, als Führer und Vertreter des Staates in dieser Stunde darum, der Deutschen Evangelischen Kirche Ihr Vertrauen nicht zu entziehen. Kräfte, die zur Überwindung der gegenwärtigen Notlage nötig sind, sind vorhanden und sind am Werk. Aber sie bedürfen außer der Hilfe, die ihnen nur aus der Quelle alles kirchlichen Handelns selbst zukommen kann, vor allem einer größeren Bewegungsfreiheit. Diese Bewegungsfreiheit ist im Laufe des vergangenen Jahres, 69-insbesondere bei den Kirchenwahlen im Juli 1933,-69 durch das Verhalten bestimmter Organe des Staates und der Partei schwer bedroht gewesen.70 Mit darum ist es zu der heutigen Lage gekommen. Wir erinnern uns dankbar an die Worte, in denen Sie, Herr Reichskanzler, bei der Eröffnung des Reichstags in Potsdam am 71-21. März-71 1933 den Kirchen den ihnen zugewiesenen Raum im neuen Staat gesichert haben.72
123 Der nationalsozialistische Staat wird in der Deutschen Evangelischen Kirche dann dasjenige finden, was er 73-entsprechend ihrer Geschichte in den letzten 400 Jahren mit Recht von ihr-73 erwartet, wenn sie die innere und äußere Möglichkeit hat, ihr Leben so zu gestalten, wie es ihrem eigenen Wesen und 74-ihrem eigenen-74
Auftrag entspricht. Er könnte keinen Segen erwarten von einer Kirche, die, aus welchen Gründen immer, sich selbst preisgeben würde. Die Kirche, die Volk und Staat in Treue dient, ist die Kirche, die zuerst und vor allem gebunden ist durch die Treue gegen den, der der Herr aller Herren ist [vgl. 1.Tim. 6,15; Apk. 17,14; 19,16].
Seinem Machtschutz empfehlen wir Sie und Ihre Regierung, 3 unser teures deutsches Volk und Vaterland!