Gottes Wille und unsere Wünsche
Vortrag, gehalten in
Barmen am
4. Januar, in
Bochum am
5. Januar und in
Lübeck am
6. Januar 1934a
Die Zeit großer Bedrängnis und Verwirrung, die im Gefolge der politischen Ereignisse des Jahres 1933 über unsere evangelische Kirche gekommen ist, hat neben viel Dunklem und Schmerzlichem, das sie uns gebracht hat und noch bringen kann, jedenfalls auch ein Gutes, für das wir nicht dankbar genug sein können: sie hat uns als Glieder dieser Kirche mit den ganz einfachen Fragen des Glaubens, der Ordnung und des Lebens, die sie uns gestellt hat, wieder einmal in die Möglichkeit versetzt, diesen Fragen entsprechend, ganz einfacheb Antworten, Ja- oder Nein-Antworten zu geben. Wie verwickelt und vieldeutig mussten unsere Väter und Großväter und mussten in den letzten Jahrzehnten noch wir selbst denken und reden, wenn es etwa galt, sich über das Verhältnis von Offenbarung und Vernunft, oder von Offenbarung und Geschichte, oder von sichtbarer und unsichtbarer Kirche, oder von Kirche und Staat Rechenschaft abzulegen. Wer konnte und wer durfte in den Zeiten, aus denen wir herkommen, in diesen Dingen eindeutig denken und reden? Wieviel Ja und Nein und wieviel Ja, das Nein meinte, und Nein, das Ja meinte, ist in der Kirche und Theologie der vergangenen zwei Jahrhunderte35 herrschend und |91 nahezu selbstverständlich gewesen. Obwohl es doch, so möchte man meinen, wenn anders es so etwas gibt wie Glaube und Glaubensbekenntnis, gewiss anders hätte sein müssen! Konnte es nicht anders sein? Es konnte wohl nicht anders sein, weil wir nicht anders konnten und die, die vor uns waren, in der besten Meinung und Absicht auch nicht. Aber es kann nicht unsere Sache sein, uns selbst oder Andere zu richten. Wie es auch gewesen sein mag, wir müssen heute anders. Abgründe hat es wohl immer gegeben mitten in der Kirche. Heute haben sie sich aufgetan. Und damit sind große Linien gezogen mit einem Hüben und Drüben, über das sich nicht mehr diskutieren, das durch kein Ja und Nein mehr zu überbrücken ist, das Entscheidung, Gehorsam und Bekenntnis verlangt und sonst gar nichts. Erinnern wir uns an einige von den Fragen, die uns heute gestellt sind: Ob wir Gottes Offenbarung wirklich auch noch anderswo als in der Heiligen Schrift zu suchen haben?36 Ob das Alte Testament wirklich weni145ger oder vielleicht gar nicht Heilige Schrift ist neben dem Neuen?37 Ob Rasse und Volkstum wirklich Faktoren sind, denen die Kirche maßgebenden Einfluss auf ihre Verkündigung und Ordnung zugestehen muss?38 Ob ein getaufter Jude wirklich ein «Christ anderer Art» und darum in einer deutschen Kirche nur geduldet und zur Verkündigung des Evangeliums in einer deutschen Kirche ungeeignet ist?39 Ob das innere Leben und die äußere Ordnung der Kirche wirk|92lich voneinander zu trennen und also die äußere Ordnung wirklich nach jeweiliger Willkür zu gestalten ist?40 Ob es in der Kirche wirklich nicht nur ein Amt des Dienstes, sondern auch ein Amt der Führung geben soll?41 Ob der Staat über den ihm nach Röm. 13 zugesprochenen Auftrag hinaus den ganzen Menschen in Anspruch nehmen und mit Beschlag belegen darf?42 Ob wir also wirklich zuerst Deutsche und erst dann und als solche Christen sind? So sind uns heute jene alten Fragen gestellt. Und so gestellt, sind sie auf einmal einfach geworden und auch einfach zu beantworten: vom gelehrten Theologen ebenso wie von jedem anderen Gemeindeglied, vom Lutheraner ebenso wie vom Reformierten, vom «Liberalen» ebenso wie vom «Positiven».43 Niemand kann hier im Ernst behaupten, dass er sich um seines besonderen Ortes und Standpunktes willen auf die Antwort lange besinnen oder dass er nun doch wieder eine Antwort mit allerlei Klauen und Hörnern44 geben müsse. Die Lage ist auf einmal wieder so schlicht geworden, wie es vielleicht seit den Tagen der Reformation |93 nicht mehr der Fall gewesen ist. Ist es nicht, als ob Josua seine Abschiedsworte heute vernehmlich auch zu uns spräche: «So fürchtet nun den Herrn und dienet ihm treulich und rechtschaffen… Gefällt es euch aber nicht, dass ihr dem Herrn dienet, so erwählet euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter gedient haben jenseits dem Wasser, oder den Göttern der Amoriter, in welcher Land ihr wohnet. Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen.» [Jos. 24,14f.] Das war eine einfache Antwort auf eine einfache Frage. Dass es das heute wieder gibt, das ist etwas Gutes mitten in dieser unguten Zeit der Kirche. Sie ist eine Zeit klarer Entscheidungen. Ist sie es wirklich? Doch nur dann und da, wo Josua wirklich gehört wird. Die Zeit – das sind ja immer wir und das uns gemachte göttliche Angebot. Das uns gemachte göttliche Angebot lautet: Klare Entscheidung.45 Wenn Josua nicht gehört wird, wenn wir die klare Entscheidung nicht wollen, dann fehlt unserer Zeit gewiss auch dieses Gute, und das könnte dann nicht nur für unsere Zeit verhängnisvoll sein. Die Zeiten, in denen es solche gött146lichenc Angebote gibt, pflegen kurze, vorübergehende Zeiten zu sein, maßgebend oft für lange folgende Zeiten ohne solches Angebot. Dass wir uns und wie wir uns heute entscheiden in der Einfachheit, in der uns das heute angeboten ist, das könnte leicht eine Sache von unermesslicher geschichtlicher Verantwortlichkeit sein. – Als Hinweis auf dieses uns gemachte Angebot habe ich das Thema, zu dem ich heute sprechen möchte, auf die einfachste Formel gebracht: «Gottes Wille und unsere Wünsche». Darum geht es in der kirchlichen Lage der Gegenwart. Es geht um die einfache Erkenntnis: Gottes Wille regiert, und unsere Wünsche sind in seiner Hand. Je nachdem, ob das gilt oder nicht gilt, muss in den uns bewegenden Fragen die Entscheidung fallen. Eben darum können wir jetzt von diesen Fragen einigen Abstand nehmen, um gemeinsam kurz zu prüfen, was dort gilt oder nicht gilt, von wo her-d die Entscheidung in diesen Fragen fallen muss.
94 Wenn wir nach Gottes Willen fragen, dann müssen wir nach seinem Wort fragen. Wenn Gott selbst es uns gesagt hat oder sagen wird, und wenn wir es uns von ihm sagen lassen, dann und nur dann wissen wir, was sein Wille ist. Ohne sein Wort ist uns Gottes Wille verborgener als das Verborgenste, was es sonst geben mag. Gottes Wille ist die Scheidung von Licht und Finsternis [vgl. Gen. 1,4], er ist die Gnade und das Gericht in seiner Offenbarunge. Darum hat Jesus seine Jünger beten gelehrt: «Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden!» [Mt. 6,10] Ist das Geschehen des Willens Gottes auf Erden, im Bereichef des Menschen, die Erhörung eines Gebetes, so ist es eine freie Tat Gottes an seinem Geschöpf. Um wieviel mehr die Erkenntnis dieser Tat! Und darum schreibt der Apostel Paulus (Röm. 12,2), es bedürfe beim Menschen einer Verwandlung in Erneuerung seiner Vernunft, um zu prüfen, «welches da sei der gute, der wohlgefällige und vollkommene Gotteswille». Ohne diese Verwandlung dürfen wir den Willen Gottes zu erkennen nicht erwarten. Wir werden ihn ohne sein Wort und also ohne Erneuerung unserer Vernunft gewiss nicht erkennen etwa in dem, was ohnehin und allgemein geschieht, aber auch nicht in den noch so außergewöhnlichsten Erfahrungen, deren wir uns vielleicht rühmen können. Gott ist ja nicht das Wesen und nicht das Prinzip der Welt oder unserer der Welt zugewandten Vernunft, so dass wir im Weltgeschehen auch das Geschehen seines Willens zu erkennen vermöchten. Sondern Gott ist der freie Herr der Welt. Und das Geschehen seines Willens ist das freie Hervortreten dieses Herrn mitten in der Welt, ein Hervortreten, bei 147 dem er die ganze übrige Welt sozusagen als Schatten hinter sich zurücklässt.
Indem die ganze übrige Welt in diesen zurückbleibenden Schatten seines Lichtes tritt, mögen wir dann wohl auch in ihr das Geschehen des Willens Gottes erkennen, aber eben nur so, nur kraft seines Hervortretens, nur in der Unterscheidung von seinem Lichte, nur durch sein Wort.-g «Wem ist |95 der Arm des Herrn offenbart?» (Jes. 53,1). Ja, wem? Wir können uns nicht etwa in unserer Welt umsehen mit der Frage nach der größten Macht, die es da geben möchte-h, um, wenn wir sie dai gefunden, in dem Wirken dieser größten Macht, in der Entfaltung der höchsten natürlichen oder geistigen Energien, in dem Marschtritt der stärksten Bataillone,46 das Geschehen des mächtigen Willens Gottes zu erblicken. Sondern-j wenn wir-kunwidersprechlichl die Urkraft aller Kräfte dieser Welt entdeckt hätten, würden wir noch immer, auch über sie hinausschauend-m, beten müssen: Dein Wille geschehe! Wir können uns wohl nach bestem Ermessen dessen, was nützlich und unnütz ist,-n fragen nach der Heilsamkeit des in unserer Welt wirklicheno Geschehens. Aber auch wenn wir nun wirklich ein unzweideutiges,-p über die Maßen Heilsames in Erfahrung gebracht oder unsq doch ausgedacht hätten, wäre esr noch keineswegs das Geschehen des heilsamens Willens Gottes, sondern aucht darüber hinaus würden wir beten |96 und flehen müssen: Dein Wille geschehe! Und so könnenu und müssen wir uns zwar nach bestem Wissen und Gewissen fragenv, was Recht zu heißen verdient im Geschehen unserer Welt im Unterschied zum Unrecht-w, um dann vielleicht in irgendeiner geschichtlichen Wirklichkeit oder auch in irgendeinem Vernunftideal auf ein nach unserer begründeten Überzeugung höchst berechtigtes Geschehen zu stoßen. Aber den gerechtenx Willen Gottes würden wir aus diesem Geschehen nicht ablesen dürfen, sondern auch dann und gerade dann würde uns nichts übrig bleiben als, hungernd und dürstend nach Gerechtigkeit [vgl. Mt. 5,6],-y zu beten und zu schreien: Dein Wille geschehe! So frei, so herrlich geschieht der Wille Gottes in seinem Wort inmitten alles dessen, was sonst geschieht-z. «Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr; sondern so weit der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken» (Jes. 55,8–9).
Aber inmitten alles dessen, was sonst geschieht, und so, im Schatten dieses Lichtes dann doch auch in all dem und durch all das, was sonst geschieht, geschieht der freie, herrliche Wille Gottes in seinem Wort:-aa 148 nicht nur im Himmel, sondern wie im Himmel alsoab auch auf Erden [vgl. Mt. 6,10].ac Denn Gott hat ein Wort gesprochen zum |97 Menschen inmitten seiner Welt und spricht es noch, und indem dieses Wort sich hören lässt und gehört wird, geschieht Gottes Wille am Menschen und in der ganzen Welt des Menschen, weil dieses Wort scheidet Licht und Finsternis [vgl. Gen. 1,4], weil es das Gericht verkündigt und die Gnade verheißt, weil in ihm das Alte vergeht und alles neu wird [vgl. 2.Kor. 5,17]. Gottes Wort ist die Offenbarung des freien herrlichen Gottes selbst, darum geschieht in ihm und wird in ihm offenbar der mächtige, der heilsame, der gerechte Gotteswille, um dessen Geschehen wir nur beten können. Kein Geschehen in der Welt liegt uns so unzugänglich ferne wie dieses und eben dieses tritt uns in Gottes Wort näher als alles andere Geschehen. Denn dieses Wort heißt Immanuel, «Gott mit uns» [vgl. Jes. 7,14; Mt. 1,23], der Mensch Jesus von Nazareth, der der Messias Israels ist, mächtig in Reden und Taten [vgl. Lk. 24,19], das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt [Joh. 1,29], der Herr: der Kyrios [vgl. 1.Kor. 12,3; Phil. 2,11 u. ö.], wie ihn das Neue Testament nicht ohne Gotteslästerung für jüdische und nicht ohne Majestätsbeleidigung für römische Ohren am häufigsten genannt hat. Weil das Wort der Herr ist, darum geschieht in ihm und durch es der Wille Gottes. Dies ist aber die Herrschaft, in der der Wille Gottes wirksam und erkennbar ist in seinem Wort und durch sein Wort:
98 Wer das Wort hört, der hört, wie es am Anfang des Evangeliums heißt, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist [vgl. Mk. 1,15], das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit [vgl. Jes. 9,1–6], das ewige Reich [vgl. Ps. 145,13; Dan. 3,33], das stehen wird, wenn alle die vorläufigen und undurchführbaren Reiche dieser Welt gefallen sind. Weil er das hört, ist er ein wachsamer und hoffender Mensch, mitten in der durch den anklopfenden Gast [vgl. Lk. 12,36; Apk. 3,20] in ihren Grundfesten erschütterten Welt. Und indem er aufgerufen ist zum Wachen und zum Hoffen, geschieht an ihm der Wille Gottes.
Wer das Wort hört, der hört, dass alle Dinge eben durch dieses Wort geworden sind [vgl. Joh. 1,3; 1.Kor. 8,6], dass es das Wort des Schöpfers ist, dass es, indem es zu uns kommt, in sein Eigentum kommt [vgl. Joh. 1,11], dass man also vor ihm nicht fliehen kann in die Wirklichkeit, in die Welt eines besonderen Schöpfergottes, weil es selber das Wort, der Schöpfergott, ist. Der hört, dass wir ihm standhalten und [uns] vor ihm verantworten müssen auch und gerade in unserer geschöpflichen Wirklichkeit: mit unserem Blut und Leben, mit unserem Essen und Trinken, in unserer ganzen Geistigkeit und Leiblichkeit. Indem Einer das hört und sich sagen lässt, geschieht an ihm der Wille Gottes.
149 Wer das Wort hört, der hört: Dir sind deine Sünden vergeben [vgl. Mk. 2,5 u. ö.]! Deine Sünden? Ja, erst durch das Wort, erst mit der Vergebung hört er, dass er Gott und seinen Nächsten hasst,47 und das heißt eben: ein Sünder ist. Wie und woher sollte er das denn sonst wissen, wenn auch das die Wahrheit ist, in der er vor Gott steht? Dass das Gesetz uns als Übertreter tötet [vgl. Jak. 2,11f.], das wissen wir, wenn die Sünde und der Tod durch das Wort von uns genommen sind, wenn wir’s glauben, dass der gekreuzigte Herr, bedeckt mit unserer Schuld, uns wiederum bedeckt mit seiner Gerechtigkeit. Das Wort erst und allein, das Wort, das uns zu Begnadigten macht, macht uns zu Sündern. Wer zum Sünder wird dadurch, dass seine Sünde hinweggetragen ist durch das Wort, an dem geschieht der Wille Gottes.
Und wer das Wort hört, der hört: Folge mir nach [Mk. 2,14 u. ö.]! der ist nicht mehr sein eigen,48 der kommt unter jenen Befehl und |99 Anspruch des Wortes zu stehen, der wird noch einmal, nun auch des neuen, freien Gehorsams schuldig, des Gehorsams des Verlorenen, der sich nicht selbst rechtfertigen konnte, der nur von Barmherzigkeit leben muss, der nur noch dankbar sein kann. Er wird es gewiss nie betasten und vorweisen können, dass er nun gehorsam ist – ein Bettler vor Gott hat eben wirklich keine Mittel, seine Dankbarkeit zu beweisen – aber er wird noch weniger die Hand leugnen können, die auf ihn gelegt ist, die ihn ergriffen hat. Er wird ohne Beweis, ohne eigene Rechtfertigung der geheiligte, der gehorsame Mensch sein, der von dieser Hand ergriffen ist. Sein, indem er hört! Sein Hören ist sein Gehorsam. Und indem er hört, geschieht an ihm der Wille Gottes.
Und wer das Wort hört, der hört: «Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte» (Jer. 31,3). So spricht der Vater im Sohn durch den Geist zu seinem Kinde. Der Mensch Gottes Kind, also von neuem geboren, je und je geliebt von Gott, jetzt und hier schon zu ihm gezogen? Ja, im Wort der Verheißung, die doch schon in der Gegenwart als wahr zu hören ist, ist ihm auch dies gesagt, ist ihm also die Gewissheit, die Freude, der Friede, die Weisheit eines neuen Menschen als göttliches Wunder ins Herz gesprochen, die ganze Ewigkeit im Voraus. «Der ich in der Höhe und im Heiligtum wohne und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Herzens sind!» (Jes. 57,15). So groß ist die Herrschaft des Wortes, dass auch dieses sein Wohnen im Staub, in den Verlorenen und Todverfallenen Wahrheit ist: das Geschehen des Willens Gottes an denen, die es hören.
Weil das Wort der Herr ist, darum geschieht in ihm und durch es der 150 Wille Gottes. Das Wort ist aber der Herr, weil Jesus Christus der Sohn Gottes das Wort ist [vgl. Joh. 1,14]. Und das Wort bleibt der Herr und wird es immer wieder, weil es, als Leib des Herrn und unter seiner Regierung, eine heilige allgemeine Kirche gibt, eine Kirche des Wortes, das heißt eine Kirche, in der nicht der Mensch sein Wort führt, sondern in der durch Predigt und Sakrament das Wort Gottes verkündigt und gehört wird. Es gibt aber Kirche, und das Wort Gottes kann verkündigt und gehört werden, weil es Zeugnisse dieses Wortes gibt, Worte der Propheten und Apostel, die es gehört und weitergegeben haben. Nicht aus eigenem Erfinden und Ermessen kann man sagen, was der hört, der das Wort hört, und wie also auf Erden der |100 Wille Gottes geschieht. Nur im Blick auf seine Zeugnisse kann man das sagen. Und wer immer, wenn er nach dem Willen Gottes fragt, auf das Wort Gottes verwiesen, weiter fragen sollte: wo denn das Wort Gottes zu finden sei, der wäre schlicht auf diese seine Zeugnisse zu verweisen. Er sehe selbst zu, ob sie ihm ein anderes Wort als das Wort des freien Herrn des Gerichts und der Gnade und also einen anderen Willen Gottes bezeugen werden.
Unsere Wünsche liegen uns allen unendlich viel näher als der Wille Gottes. Es ist keine rednerische Übertreibung, wenn ich sage: «unendlich viel näher», sondern so ist es tatsächlich, dass auch zwischen unseren besten und reinsten Wünschen und dem Willen Gottes immer noch eine unendliche Ferne besteht, jene Ferne, die eben nur durch die Nähe des Wortes Gottes überwunden wird. Wir würden ja, wenn wir über Gottes Willen und unsere Wünsche nachdenken, gewiss nicht gut tun, zwischen unseren besten und reinsten Wünschen auf der einen und unseren weniger guten und hohen Wünschen auf der anderen Seite einen allzu großen Unterschied zu machen. Gewiss ist es nicht unwichtig, dass es rein geistige und rein sinnliche Wünsche gibt, die uns bewegen, selbstsüchtige und selbstlose Wünsche, leidenschaftliche und geläuterte, unerlaubte und erlaubte, private und politisch-sozial-völkische, gottlose und fromme Wünsche. Zwischen allen diesen Polen bewegt sich unser menschliches Leben, und wenn wir über unser menschliches Leben als solches nachdenken wollten, dann könnten wir diese Gegensätze nicht ernst genug nehmen. Aber wenn es gegenüber, an und in unserem Leben einen Willen Gottes gibt, dann rücken alle diese Gegensätze, ohne dass sie aufhörten, bedeutsam zu sein, doch auch wieder so nahe zusammen wie der von Berg und Tal neben dem von Himmel und Erde. Wir werden uns dann sagen 151 müssen, dass der Wille Gottes immer den ganzen Menschen angeht, dass seine Gnade unsere niedrigen und unguten Wünsche nicht weniger umfasst wie unsere edlen und schönen und dass andererseits sein Gericht unsere edlen und schönen Wünsche nicht weniger trifft als unsere niedrigen und unguten. Das haben sie jedenfalls alle miteinander gemein: dass wir, um sie zu erkennen, im Unterschied zu der Erkenntnis des Willens Gottes, keiner Offenbarung, nicht des Wortes Gottes bedürfen. Sondern mit unseren Wünschen, |101 vom höchsten bis zum niedrigsten, befinden wir uns sozusagen in unserem eigenen Hause, in jenem Raume unserer Welt und unserer dieser Welt zugewandten Vernunft, in welchem wir uns auskennen oder doch auskennen können. Gewiss gibt es gerade unter den geistigen höheren und sozialen Wünschen auch verborgene, unterdrückte, vernachlässigte, die dann oft unter Jubel, Schmerz und Erschütterung erst wieder entdeckt und zur Geltung gebracht werden müssen; wobei wir doch nicht vergessen wollen, dass es im Menschenleben oft genug auch zu Wiedererinnerungen nach unten, zu seltsamen Durchbrüchen unserer sehr animalischen Wünsche kommt. Aber so oder so: bei diesen Entdeckungen oder Wiederentdeckungen ist der Mensch bei sich selber. Er hört dann wohl auch Stimmen, aber es ist die Stimme seines Blutes oder seines Gewissens oder seines Genius, die Stimme der Vernunft oder die Stimme der Überlieferung, die Stimme der Idee oder die Stimme des Schicksals, die er hört. Wie sollte es solche Stimmen nicht geben? Sie sind gewaltige Stimmen. Sie bilden miteinander in der mannigfaltigsten Zusammenstellung, auch in dem mannigfaltigsten Wechsel von Symphonie und Kakophonie das seltsame Konzert der Welt- und Kulturgeschichte und doch auch jeder einzelnen menschlichen Lebensgeschichte. Aber täuschen wir uns nicht: diese Stimmen sind doch immer das Echo unserer eigenen Stimme. Wir haben, wenn wir jeweils, hörend auf eine dieser Stimmen, wieder einmal etwas Neues oder doch vermeintlich Neues gefunden haben, im tiefsten Grunde doch nur uns selber neu gefunden, uns selber in einer weiteren Wendung und Bewegung der allerdings erstaunlich reichen menschlichen Schöpfungs- und Gestaltungskraft, uns selber in irgendeinem neuen Versuch, uns selber zu helfen. Etwas Neues in einem anderen Sinnead gibt es nicht unter der Sonne [vgl. Pred. 1,9]. Das ist das, was unsere Wünsche, wie verschieden sie auch sein mögen, unter sich gemein haben. Und darum sage ich, dass unsere Wünsche (alle unsere Wünsche!) uns allen unendlich viel näher liegen als der Wille Gottes.
152 Aber hier meldet sich nun die Frage: Ob es nicht irgendwo und irgendwie doch eine Einheit oder doch Übereinstimmung geben möchte zwischen unseren uns so naheliegenden Wünschen und dem |102 uns so fern liegenden Willen Gottes? Wir hören, so sagt man uns, das Wort und also den Willen Gottes doch nicht nur und nicht erst in der Offenbarung, in der Gott uns, den Himmel zerreißend und zu uns herabfahrend [vgl. Jes. 63,1949], Gericht und Gnade übend, als ein Fremdling entgegentritt in Jesus Christus seinem Sohn, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Sondern wir hören sein Wort schon und auch, indem wir auf jenes mannigfaltige Echo unserer eigenen Stimme und letztlich also in der Tat auf unsere eigene Stimme lauschen. Schon und auch diese unsere eigene Stimme ist Offenbarung und sagt uns Gottes Wort, ist also, indem wir sie hören, das Geschehen des Willens Gottes an uns. In diesem Sinne redet man heute von einer Offenbarung Gottes besonders in der Stimme des Blutes50 und der Geschichte und darum von einem Geschehen des Willens Gottes in Deutschlands Erwachen zu seinem Volkstum und Staatswillen.51 Ähnlich hat man in früheren Zeiten von einer Offenbarung Gottes im Gewissen und in der Vernunft, von einem göttlichen Naturrecht ge|103redet und dementsprechend in der französischen Revolution und später auch im Sozialismus das Geschehen des Willens Gottes erkennen und feiern zu können geglaubt.52 Die Begründung dieser Lehre und ihrer Anwendung pflegt heutzutage in der Regel die zu sein, dass man auf die Schöpfung der Welt und des Menschen verweist, deren Güte und deren Ordnung doch durch die Sünde des Menschen nicht so völlig zerstört sein könnten, dass es nicht erlaubt und sogar geboten sein dürfte, Gottes Wort und also Gottes Willen auch einfach in unserem geschöpflichen Dasein in seiner geschichtlichen Wirklichkeit zu suchen und zu hören. Und man pflegt dann hinzuzufügen, dass es uns gewiss gar nicht möglich wäre, Gottes Wort in Jesus Christus zu hören und aufzunehmen, wenn wir es nicht in Gestalt von allerlei «Anknüpfungspunkten»53 und «Auffangsformen»54 schon irgendwie mit uns brächten und also in uns selbst trügen.
104
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?
55
153 Gibt es ein solches zweites oder vielmehr erstes Wort Gottes56, gibt es eine solche «natürliche Offenbarung»57, in welcher Gottes Wille und unsere Wünsche eins wären oder mindestens zusammenklingen würden, so dass seine Gedanken nun doch auch unsere Gedanken und unsere Wege nun doch auch seine Wege wären [vgl. Jes. 55,8]? – Das ist die eine Frage in den vielen Fragen der kirchlichen Gegenwart, die Frage, die uns heute in einer Schärfe gestellt ist, wie sie Luther und Calvin in dieser Schärfe noch nicht gestellt war, und auf die wir deshalb bei ihnen auch keine eindeutige Antwort finden, an der sich aber heute die Geister scheiden, aus deren verschiedener Beantwortung das |105 Ja oder das Nein zu den anfangs erwähnten Tagesfragen mit der Selbstverständlichkeit eines senkrecht abwärts fallenden Steines folgen muss.
Was sollen wir sagen zu dieser Lehre von der natürlichen Offenbarung, von dem Willen Gottes in unseren eigenen Wünschen? Fragen wir uns, ob es nicht möglich wäre, dass Gott es so mit uns gehalten haben könnte und hielte, wie diese Lehre es angibt, dann würden wir gewiss antworten müssen, dass dies – bei Gott ist kein Ding unmöglich [Lk. 1,37] – sehr wohl möglich sein könnte. Und fragen wir uns, ob es uns nicht fein und gut dünken würde [vgl. Jos. 9,25; Jer. 26,14], ob unser Bild von Gott, Welt und Mensch nicht ein sehr befriedigendes und harmonisches würde, wenn wir annehmen dürften, dass diese Lehre recht habe, dann würden wir gewiss auch dazu Ja sagen müssen. Aber es ist eine müßige Sache, statt uns an den wirklichen Gott zu halten, nach dem zu fragen, was Gott allenfalls möglich sein könnte. Und es ist – jedenfalls wenn es um die Wahrheit Gottes gehen soll – eine unsichere und vielleicht gefährliche Sache, nach dem zu fragen, was uns fein und gut deucht. Eben darum geht es ja, ob wir für unser noch so wohlbegründetes Dünken die Autorität des Wortes Gottes in Anspruch nehmen dürfen, ob es also mit seinem Willen geschieht, wenn wir im Blick auf ihn unser Dünken entscheiden lassen. Gibt es hier keine Sicherheit, dann wird es sich eben fragen, ob wir unserer Sache hinsichtlich jenes angeblich zweiten Wortes Gottes, also hinsichtlich unseres Glaubens an Jesus Christus, sicher genug sind, ob wir dem in diesem Wort erkennbaren Willen Gottes Respekt genug entgegenbringen, um die Entscheidung, ob es eine natürliche Offenbarung gibt, ihm zu überlassen und uns an seine Entscheidung als an die definitive dann auch zu halten. Angenommen, wir täten das, also angenommen, wir hörten jetzt, ohne links noch rechts zu sehen, das, was der Mensch hört, dem Gott in der Kirche Jesu Christi sein Wort 154 sagt – wie wären wir dann wohl dran? Kann man das Wort hören, das der Herr ist, kann man das hören: «Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen» [Mk. 1,15], «Durch ihn sind alle Dinge geworden» [vgl. Joh. 1,3; 1.Kor. 8,6], «Dir sind deine Sünden vergeben!» [Mk. 2,5 u. ö.], «Folge mir nach!» [Mk. 2,14 u. ö.], «Ich habe dich je und je geliebet» [Jer. 31,3] – kann man im Angesicht Jesu Christi das Alles hören und dann doch noch einmal einen Schritt zurücktreten und |106 geltend machen: Ja, das ist wohl Gottes Wort und Wille, aber auch in mir, in meinen Wünschen, ist irgendwie Gottes Wort und Wille, und nun lasst uns zusehen, wie sich Wort und Wort, Wille und Wille Gottes, Jesus Christus und die «Auffangsform», die ich ihm entgegentrage, auseinandersetzen und vertragen? Nun lasst uns nach dem «Und» ausschauen, mit dem wir oben und unten, Gott und Mensch, umsichtig verbinden mögen? Kann man das Wort, das der Herr ist, hören und dann geltend machen, dass man als Gottes Geschöpf in der Tiefe seiner eigenen Wünsche etwas Ähnliches doch schon längst gehört habe und nun bloß an etwas Vergessenes wieder erinnert werde? Kann man dieses Wort hören und dann kluge Betrachtungen darüber anstellen: dies zu hören sei uns doch nur darum möglich, weil wir einen Anknüpfungspunkt dafür in uns selbst hätten, weil «des Gottes eigene Kraft»58 auch irgendwie in unseren Wünschen liege? Ist der Mensch, der das Wort hört und an dem also der Wille Gottes geschieht, so dran, dass er das kann? Und ist der Mensch, der so dran ist, dass er das kann, ein Mensch, der das Wort hört? Wenn ja, dann hat die Lehre von der natürlichen Offenbarung recht. Wenn vor dem Wort, das der Herr ist, noch ein anderer Mensch übrig bleibt als der, der mitsamt der Stimme seines tiefsten Inwendigen und allen ihren Echos tot war und ist wieder lebendig geworden [vgl. Lk. 15,24.32], wenn vor diesem Wort übrig bleibt ein Mensch mit einem sonnenhaften Auge und mit einer Gottesstimme in seinem Blut oder in seinem Gewissen, ein Mensch, der schon von Gott herkam, als ihm Gott begegnete, ein Mensch, dem Gott ein alter Bekannter ist59 – wenn das wahr ist, dann gibt es jene Einheit oder Übereinstimmung zwischen dem Willen Gottes und unseren Wünschen. Wenn das nicht wahr ist – und ich sage jetzt kurz und ohne Beweis: das ist nicht wahr! – dann ist die |107 Lehre von der natürlichen Offenbarung falsch, dann stimmt es nicht mit jener Einheit oder Übereinstimmung, dann können wir Gottes Willen und unsere Wünsche auf keinen Fall in einem Atem nennen. «Ich glaube an Gott den Schöpfer» bekennen wir dann mit dem ersten Artikel, nicht: Ich glaube an die Göttlichkeit oder Gottbezogenheit des Menschen als seines Ge155schöpfes. Und ein Wunder werden wir dann darin erblicken, dass wir seinem Wort glauben dürfen, und also nach der Möglichkeit dieses Geschehens nicht fragen. Wir verstehen dann, dass Gottes Wille wirklich kein Warum? kennt, mit dem es sich vor unseren Wünschen rechtfertigen müsste. «Gottes Wille und unsere Wünsche» bezeichnet uns dann eine Begegnung, ein Gespräch, in welchem echt gefragt und echt geantwortet wird, eine Begegnung, in der es zu einer Entscheidung kommt, einen Kampf, in welchem es einen Sieger und einen Besiegten gibt, die Aufrichtung einer Ordnung, in welcher oben und unten nicht zu verbinden, sondern zu unterscheiden und so, in ihrer Unterschiedenheit, aufeinander zu beziehen sind. Gott ist und bleibt dann Gott, und der Mensch ist und bleibt dann der Mensch, im Bunde miteinander, aber in dem von Gott gestifteten und geordneten Bunde, kraft des Willens Gottes, nicht kraft der Wünsche des Menschen. Unsere Wünsche sind dann ganz und gar nur dies: unsere Wünsche.
Haben unsere Wünsche darum mit dem Willen Gottes nichts zu tun? Doch, sie haben alles mit ihm zu tun, das nämlich, dass sie in seiner Hand sind. Sie haben alles mit ihm zu tun, wenn anders es wahr ist, dass Gottes Wille Immanuel heißt: «Gott mit uns!» [Jes. 7,15; Mt. 1,23] Mit uns! Wir aber sind eben die, die alle jene großen und kleinen, guten und weniger guten Wünsche haben, deren Existenz in einem einzigen rastlosen, nach immer neuen Seiten ausbrechenden Wünschen besteht. Indem Gott sich dieses Menschen annimmt, und also gewiss auch und gerade seiner Wünsche annimmt, geschieht Gottes Wille. Wie wäre sein Wille Barmherzigkeit, wenn er sich ihrer nicht annähme? Indem er Menschheit angenommen hat in Jesus Christus, hat er sich aller unserer Wünsche angenommen. Wirklich angenommen. Es ist also nicht an dem, dass es Gottes Wille wäre, unsere Wünsche zu ignorieren, zu verachten oder gar zu töten. Sie sind nicht nichts vor ihm; sie sind vor ihm genau das, was sie vor ihm sein kön|108nen und sein dürfen: das Herrschaftsgebiet seines Willens,-ae die Lebensbewegung des von ihm geschaffenen, vor ihm sündigen, aber auch von ihm erlösten Volkes, zu dem er gesagt hat: Du bist mein! [Jes. 43,1] Unsere Wünsche, auch unsere geistigen oder frommen Wünsche, dürfen sich nicht rühmen, mit dem Willen Gottes eins zu sein oder aus ihm herauszuwachsen. Sie dürfen sich aber, wenn wir sein Wort hören und wenn also sein Wille an uns geschieht, dessen rühmen, vom Willen Gottes umschlossen zu sein 156 wie ein Haus von einer festen Mauer, behütet wie Schafe von einem guten Hirten [vgl. Joh. 10,11–16], gewiss auch gerichtet und regiert wie Untertanen von einem König, der weiß und will, was recht ist, aber auch gesegnet, wie Kinder von ihrem Vater gesegnet werden. Wir können nicht genug reihum denken, wenn wir in Wahrheit erkennen wollen, wie es steht zwischen Gottes Willen und unseren Wünschen. Ein Weg ist hier zu gehen, auf dem keine Station überschlagen werden, auf dem aber auch bei keiner Station Halt gemacht werden darf. Wir haben die Geduld zu bedenken, in der Gott weiß, was für ein Gemächte wir sind [vgl. Ps. 103,14], und in der er uns darum Zeit lässt, unsere Wünsche zu haben und ihnen nachzugehen, so gut wir es jeweilen verstehen. Alles Ding währtaf wirklich seine Zeit vor ihm [vgl. Pred. 3,1].60 Vor ihm, getragen durch sein kräftiges Wort, darf sie sein, die Weltgeschichte und die Lebensgeschichte eines Jeden von uns, mit dem Entzücken und Entsetzen, in das wir, unseren Wünschen folgend, immer wieder hineinlaufen. Aber wenn wir «Geduld» sagen, so sind wir schon daran erinnert, dass Zeit nicht Ewigkeit ist, dass unser Dürfen im Großen und Kleinen seine Grenze hat. «Tue, was dein Herz lüstet und deinen Augen gefällt, und wisse, dass dich Gott um dies alles wird vor Gericht führen» (Pred. 11,9). In der Tat: wir haben das Gericht Gottes zu bedenken, dem alle unsere Wünsche entgegenlaufen. Sind wir nicht Übertreter vor ihm auch in dem besten Leben?61 Und wer kann sich |109 denn etwa rühmen, mit seinen Wünschen dieses beste Leben zu leben? Wir werden einmal endgültig gefragt werden, wie wir es denn rechtfertigen wollen, dass wir in der uns gelassenen Zeit gerade diesen und diesen Wünschen so stürmisch unser Leben und unsere Kraft widmeten und dass wir ihnen gerade so und so nachgingen. Aber wenn wir «Gericht» sagen, so sind wir wieder schon daran erinnert, dass ja nur Gottes liebe Kinder wissen um die Waage, auf der wir alle gewogen und sicher zu leicht erfunden werden [vgl. Dan. 5,27]. Gerade in Erinnerung des wartenden Gerichtes haben wir Gottes Gnade zu bedenken, kraft deren der Zorn, die Strafe, der Tod, die uns freilich gelten und gelten müssen, weil unser Wünschen, unser Dichten und Trachten böse ist von Jugend auf [vgl. Gen. 6,5; 8,21] (deren ungeheuren Schatten wir auch wahrlich beständig über uns und unserem ganzen Bereich liegen sehen)ag, nicht auf uns liegen, weil Gott selbst sie schon aufgehalten und zurückgenommen hat, weil sie nur so, als schon aufgehaltene und zurückgenommene, die finstere Wolke sind, die über uns steht. Über der Wolke aber – und die Wolke hat Ränder – scheint die Sonne der Barmherzigkeit: Gott will wirklich nicht den 157 Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe [vgl. Hes. 33,11]. Aber nun haben wir «Gnade» gesagt und konnten es nicht sagen, ohne nun doch auch wieder Gottes Gebot zu bedenken. Wer wüsste um die Barmherzigkeit, die die Verkehrtheit unserer Wünsche bedeckt und wegnimmt und gutmacht, der nicht eben damit, als einer, dem Barmherzigkeit widerfahren ist [vgl. 1.Tim. 1,16]62 um den Gebieter wissen müsste, der ihn nun bei all seinen Wünschen begleitet und leitet? Wird er nun nicht in allem seinem Tun dessen, wonach sein Herz begehrt, ständig in eine Sichtung, in eine Wahl, in eine Entscheidung geführt werden? Wird nun nicht sein ganzes Wünschen gemessen sein daran: es muss bestehen vor dem, der ihm Barmherzigkeit erwiesen? Ob es und wie es wirklich besteht? danach sind wir |110 nicht gefragt. Aber ob wir ihm gehorsam sein wollen, ob wir wirklich die sind, denen Barmherzigkeit widerfahren ist, danach sind wir gefragt durch das Gebot und darauf müssen wir antworten.
So sind unsere Wünsche in Gottes Hand, wenn wir sein Wort hören, wenn sein Wille an uns geschieht. Wenn esah erfüllt sein wird: «Siehe, ich mache alles neu!» [Apk. 21,5], wenn wir von Angesicht zu Angesicht sehen werden [vgl. 1.Kor. 13,12], was das heißt: «Ich bin die Auferstehung und das Leben!» [Joh. 11,25] – dann, dann werden unsere Wünsche noch in der unbegreiflich anderen Weise in Gottes Hand sein, dass man in Wahrheit sagen kann: sie sind mit dem Willen Gottes eins geworden.
Wir wollen nicht noch einmal zu den uns bewegenden Tagesfragen zurückkehren außer mit der Erinnerung: von hier aus sind sie zu beantworten, und wahrlich: alle miteinander einfach und eindeutig zu beantworten.