Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart
Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart
Barth hat diese Erklärung im Auftrag des
Die Entstehung der Erklärung lässt sich in ihren einzelnen Phasen gut rekonstruieren:
Alle diese Korrekturen sind eingearbeitet im nächsten vorliegenden Typoskript II, das fünf engzeilig beschriebene Seiten umfasst.7
Hier sind die Ablehnungsaussagen mit rotem Farbband geschrieben. Am Rand stehen
Die Erklärung wurde erstmals in der «Reformierten Kirchenzeitung» im ersten Heft des Jahres 1934 veröffentlicht.10 Dieses Heft wurde, obwohl als Erscheinungsdatum der 7. Januar 1934 angegeben ist, bereits vor der am 3. Januar beginnenden Synode ausgeliefert, so dass die Erklärung den Synodalen schon im Druck vorlag.11
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Als letztes Stück Textgeschichte ist die Diskussion der Thesen aufgrund von
Unmittelbar nach der Synode wurde ein zweiseitiger Separatdruck als Verteilblatt gedruckt. Der darauf angebotene Mengenrabatt lässt eine sehr hohe Auflage vermuten.13
Schriftbild und Zeilenumbruch gleichen völlig dem Erstdruck, nur der Satzspiegel wurde neu gestaltet. Außerdem sind diesem Zweitdruck nun die Entschließungen der Synode und der Hauptversammlung des
Barth übernahm den Text des Separatdrucks für die Veröffentlichung in K. Barth, Gottes Wille und unsere Wünsche (ThExh 7), München 1934, S. 9–15.
Im textkritischen Apparat sind die Abweichungen ausgewiesen, die das Manuskript und die Typoskripte gegenüber dem Separatdruck bzw. dem hier zugrundeliegenden Abdruck aufweisen. Ebenso werden die – geringfügigen – Abweichungen in den dann folgenden Druckfassungen erkennbar gemacht. Um diesen Apparat nicht mit Kleinigkeiten zu überfrachten, werden wie üblich offensichtliche orthographische Versehen, lediglich auf Unterschiede im verwendeten Schriftsatz zurückgehende Abweichungen («ss» statt «ß», «Ae» statt «Ä», u. ä.) und Unterschiede in der Groß- und Kleinschreibung ge|68prägter Namen – Barth schrieb z. B. durchgängig «deutsche evangelische Kirche» und «heilige Schrift» – nicht ausgewiesen.
Dem Abdruck der Erklärung vorangestellt ist die Wiedergabe von
1. Notizen Barths16
– Ordnungen
Studenten20 Wort – Völker – Staat
nur: Schrift – Gott in X [= Christus] – Rechtfertigung – Hilfe u[nd] Trost – Erneuerung – Ehre Gottes
70 ______________
Union22
Offenbarung
Schrift
Gnade
Versöhnung
Nicht Initiative, Auftrag23 Kirchea1
Eintreten?Gesetz
Wie Beschluss?Staat
Wie verwerten?Hoffnung
Solidarität24
Notwendigkeit
Gegenüber
2. Erklärunga über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart.
I. Die Kirche in der Gegenwart.
1. Angesichts der kirchlichen Ereignisse des Jahres 1933 gebietet uns das Wort Gottes, Buße zu tun und umzukehren. Denn in diesen Ereignissen ist ein die evangelische Kirche seit Jahrhunderten verwüstender Irrtum25 reif und sichtbar geworden.b Er besteht in der Meinung, dass neben Gottes Offenbarung, Gottes Gnade und Gottes Ehre auch eine berechtigte Eigenmächtigkeit des Menschen über die Botschaft und die Gestalt der Kirche, c-d. h. über den zeitlichen Weg zum ewigen Heil-c, zu bestimmen habe.
d-Damit ist abgelehnt die Ansicht:-d Die kirchliche Entwicklung seit der Re|72formation sei eine normale gewesen und es handle sich in der heutigen Not unserer Kirche nur um eine vorübergehendee Störung, nach deren Beseitigung f-jene Entwicklung geradlinig weitergehen dürfe-f.
2. Dieser Irrtum ist g-derselbe wie der-g Irrtum der Papstkirche und der Schwärmerei, gegen den sich das reformatorische Bekenntnis richtet. Wenn die evangelische Kirche ihm erliegt, so hat sie aufgehört, evangelische Kirche zu sein. Er muss heute, auch in seinen feinsten und reinsten Gestalten, als Irrtum festgestellt und bekämpft – dem alten Irrtum muss das alte Bekenntnis mit neuer Freudigkeit und Bestimmtheit entgegengestellt werden.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Der Irrtum von der Eigenmächtigkeit des Menschen h-in Sachen der Botschaft und Gestalt der Kirche-h sei eine Meinung neben anderen, die wenigstens in ihren edleren Formen in der evangelischen Kirche nach wie vor Heimatrecht haben könne.
10 3. Angesichts der Einheit, in der dieser Irrtum heute in die Erscheinung getreten ist, i-sind die in der einen Deutschen Evangelischen Kirche zusammengeschlossenen Gemeinden aufgerufen, unbeschadet ihrer lutherischen, reformierten oder unierten Herkunft und Verantwortung,-i aufs Neue j-die Hoheit des-j einen Herrn der einen Kirche und darum die wesentliche Einheit ihres Glaubens, ihrer Liebe und ihrer Hoffnung [vgl.
73 Damit ist abgelehnt die Ansicht: Es dürfe oder müsse die berechtigte Vertretung lutherischer, reformierter oder unierter «Belange»26 noch immer den Erfordernissen des gemeinsamen evangelischen Bekennens und Handelns l-gegen den-l Irrtum und fürm die Wahrheit übergeordnet werden.
II. Die Kirche unter n- der Heiligen Schrift-n.
1. Die Kirche hat ihren Ursprung und ihr Dasein ausschließlich aus der Offenbarung, aus der Vollmacht, aus dem Trost und aus der Leitung des Wortes Gottes, das der ewige Vater durch Jesus Christus, seinen ewigen Sohn, in der Kraft des ewigen Geistes, als die Zeit erfüllt war [vgl.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne undp müsse sich außer auf die Offenbarung des dreieinigen Gottes auch noch auf eine dem Menschen trotz des Sündenfalls zugänglicheq Gottesoffenbarung in Natur und Geschichte begründen und beziehen.
2. Die Kirche hört das ein für allemal gesprochene Wort Gottes durch die freie Gnade des heiligen Geistes in dem doppelten, aber einheitlichen und in seinen beiden Bestandteilen sich gegenseitig bedingen |74 den Zeugnis des Alten und des Neuen Testamentes, das heißt in dem Zeugnis des
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die biblischen Schriften seien s-zu verstehen -s als t-Zeugnisse aus der Geschichte-t menschlicher Frömmigkeitu; maßgebend für die christliche Frömmigkeit sei aber v-vorwiegend oder ausschließlich-v das Neue Testament; es könne oder müsse darum das Alte Testament zugunsten des Neuen abgewertet, zurückgedrängt oder gar ausgeschieden werden.
11 3. Die Kirche lebt durch die freie Gnade des heiligen Geistes davon und darin, dass sie, indem sie das Zeugnis der Heiligen Schrift im Glauben aufnimmt und im Gehorsam weitergibt, die Strenge und die Barmherzigkeit, die Ehre und die Menschenfreundlichkeit des dreieinigen Gottes erkennt und verkündigt.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse neben dem durch die Heilige Schrift bezeugten Handeln Gottes in Jesus Christus auch noch sein Wirken in denw Ereignissen der jeweiligen Gegenwart feststellen und bekannt machen.x
III. Die Kirchey in der Welt.
1. Die Kirche ist in der Welt. Sie bekennt sich in der Nachfolge des fleischgewordenen Wortes Gottes rückhaltlos zu der ganzen Not des von Gott gut geschaffenen, aber in Sünde gefallenen und unter dem göttlichen Fluch stehenden Menschen. Sie vertraut und sie gehorcht allein der eben diesem Menschen in Jesus Christus widerfahrenen Barmherzigkeit. Sie wartet nach Gottes Verheißung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnt [vgl.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse außer der Barmherzigkeit Gottes in Christus auch noch einer dem Menschen erkennbaren Güte dieser Welt vorbehaltloses Vertrauen schenkenz und einer dem Menschen erkennbaren Eigengesetzlichkeit dieser Welt vorbehaltlosen Gehorsam entgegenbringen.aa
2. Die Kirche anerkennt nach Weisung des Wortes Gottes dankbar, dass der Wandel der Menschheits- und Völkergeschichte, die politischen, philosophischen und kulturellen Versuche des Menschen unter der Anordnung des göttlichen Befehls und der göttlichen Geduld stehen. Sie begleitet sie darum mit der ernsten Anerkennung ihres zeitlichen, bestimmten und begrenzten Rechtes,ab mit ihrer Fürbitte, aber auch mit der Erinnerung an Gottes Reich, Gesetz und Gericht, mit der Hoffnung auf ihn, der alles lenkt, um alles neu zu machen [vgl.
76 Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse in der Wirklichkeit dieses oder jenes Versuchs des Menschenad nicht sowohl einen Erweis der göttlichen Geduld, als vielmehr eine Annäherung an die Wiederherstellung der göttlichen Schöpfungsordnung erblicken.
12 3. Die Kirche ist in der Welt unter ae-der Heiligen Schrift-ae. Sie dient af-dem Menschen und dem Volk, dem Staat und der Kultur-af, indem sie hinsichtlich ihrer Botschaft und ihrer Gestalt dem ihr vorgeschriebenen Worte Gottes und seinem heiligen Geistag gehorsam ah-zu sein bemüht ist-ah.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche habe dem Menschen damit zu dienen, dass sie, ihmai mehr gehorchend als Gott [vgl.
IV. Die Botschaft der Kirche.
1. Der Auftrag der Kirche besteht darin, in Auslegung und nach Maßgabe des prophetisch-apostolischen Zeugnisses an Christi Statt und also seinem eigenen Wort und Werk dienend, durch aj-Predigt und Sakrament-aj die Botschaft von Gottes nahe herbeigekommenem Reich auszurichten: Gott der Schöpfer hat sich seiner Geschöpfe, Gott der Versöhner hat sich der Sünder, Gott der Erlöser hat sich seiner geliebten Kinder in freier Gnade angenommen.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse das Wort Gottes des Schöpfers, Versöhnersak und Erlösers, statt ihm zu dienen, als ihr eigenes Wort aussprechen und also, statt die freie Gnade zu verkündigen, «dynamisch»27 wirken.
2. Die freie Gnade, in der Gott sich unser annimmt, ist die in der Kraft des heiligen Geistes sich erfüllende Verheißung der Gegenwart Jesu Christi als des Herrn, der für uns Knecht geworden, um unser altes Leben in den Tod zu geben undal unser neues Leben an das Licht zu bringen [vgl.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Gnade Gottes besteheam in moralischen oder religiösen Vollkommenheiten, deren sich der Mensch nicht nur im Blick auf den, der den Gottlosen gerecht macht [vgl.
78 3. Die Gabe der Gnade ist unsere Zugehörigkeit zu Jesus Christus: In ihm sind wir gerechtfertigtan durch das Wunder des Glaubens, der immer wieder die in ihmao geschehene Vergebung unserer Sünde annimmt. Und in ihm sind wir geheiligtan- durch das Wunder des Gehorsams, der sich immer wieder unter das 13 Gericht und unter die Weisung des von ihmao- kommenden Gebotes stellt.
Damit ist abgelehnt die Ansicht:
a) Als sei das «Evangelium» und das «Gesetz», unsere Rechtfertigung und unsere Heiligung, nicht die Offenbarung und das Werk der einen Gnade Jesu Christi.
b) Als vollziehe sich unsere Rechtfertigung als Sünder dadurch, dass wir plötzlich oder allmählich bessere Menschen werden.
c) Als sei die Gabe der freien Gnade nicht auch unsere Inanspruchnahme zum Gehorsam gegen Gottes Gebot oder als sei diese unsere Heiligung etwas anderes als eine Gabe der freien Gnade.ap
4. Unser durch den Heiligen Geist in Jesus Christus begründetes und von ihm jeden Tag neu zu erbittendes Leben im Glauben und im Gehorsam wartet auf seine Erlösung durch den kommenden Herrn:aq in der Auferstehung der Toten, durch das Gericht und ar-zum ewigen Leben-ar.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Ein Leben im Glauben und im Gehorsam könne in irgendeiner Hinsicht ein in sich abgeschlossenes, sich selbst genügendes, dem Warten auf den kommenden Herrn und also der Hoffnung auf ihn und der Furcht vor ihm entzogenes Leben sein.
V. Die Gestalt der Kirche.
1.as Die Kirche Jesu Christi ist die at1-sichtbar und zeitlich-at gestaltete Wirklichkeit der durch den Dienst der Verkündigung vom Herrn selbst berufenen, versammelten und getragenen, getrösteten und regierten Gemeindeau und die ebenso at2-sichtbar und zeitlichat- gestaltete Wirklichkeit der Einheitau1- solcher Gemeindenau-.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Als empfange die Kirche ihre av-zeitliche und sichtbare Gestalt kraft ihreraw eigenen Willkür oder ax-äußerer Notwendigkeiten wie ein religiöser Verein, dessen Prinzip-ax ebenso gut in dieser wie in jener Form verwirklicht werden könne.
2. Die Gestalt der Kirche ist dadurch bestimmt, dass ihre äußere Ordnung ebenso wie ihr inneres Leben unter der Verheißung und unter dem Befehl Jesu Christi als des alleinigen Herrn der Kirche steht.ay Die Gemeinden tragen einzeln und in ihrer Gesamtheit vor ihm die |80 Verantwortung dafür, dass der Dienst der Verkündigung, der Dienst der Aufsicht und die die Verkündigung 14 begleitenden Dienste der Lehre und der Liebe28 in ihrer Mitte ihre berufenen Träger findeaz und von diesen recht ausgeübt werdeaz-.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Als könne und dürfe den Gemeinden die Verantwortung für die Bestellung und Verwaltung des kirchlichen Dienstes von einem besonderen kirchlichen Führeramt abgenommen werden.
3. Die Kirche Jesu Christi ist, was ihre Botschaft und ihre Gestalt betrifft, eine und dieselbe in den verschiedenen Zeiten, Rassen, Völkern, Staaten und Kulturen. Das Recht kirchlicher Verschiedenheiten da und dort steht und fällt damit, dass sie mit der Einheit ihrer Botschaft und Gestalt vereinbar sind.
Damit ist abgelehnt die Ansicht:
a) Als sei das Recht zeitlicher, nationaler und lokaler Verschiedenheiten der kirchlichen Formen aus besonderen Offenbarungen Gottes in der Geschichte abzuleiten.
b) Als sei es mit der Einheit der Botschaft und Gestalt der Kirche vereinbar, die ba-Gliedschaft und die Befähigung zum Dienst in ihr-ba auf die Angehörigen einer bestimmten Rasse zu beschränken.
81 4. Die Kirche erkennt im Staate auf Grund der Weisung des Wortes Gottes die Anordnung bb-des göttlichen Befehls und-bb der göttlichen Geduld, kraft welcher der Mensch esbc versuchen darf und soll, bd-im Rahmen seines Verständnisses von Vernunft und Geschichte, verantwortlich dem Herrn aller Herren-bd [vgl.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Als sei der Staat die höchste oder gar einzige («totale»29)bk Form sichtbar-zeitlich gestalteter geschichtlicherbl Wirklichkeit, der sich darum auch die Kirche mit ihrer Botschaft und Gestalt «gleichzuschalten»30bm, unter- oder gar einzuordnen habe.
15 82 Obigebn Erklärung nahm die
«Die zu einer freien reformierten Synode versammelten 320 reformierten Ältesten und Prediger aus 167 evangelischen Gemeinden Deutschlands bekunden, dass die von ihnen gehörte, durch Herrn Professor D. Barth verfasste Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart die Wahrheit der Heiligen Schrift bezeugt und nehmen sie dankbar auf ihre Verantwortung.»31
Die Hauptversammlung des
83 «Der