1934

Bekenntnis der freien Kirchensynode

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Bekenntnis der freien Kirchensynode

1934

Unter diesem Titel wurde die Nachschrift des Vortrags veröffentlicht, den Barth am 4. Januar 1934 zur Einbringung der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart1 auf der Freien reformierten Synode in Barmen-Gemarke gehalten hatte.

Diese reichsweit erste Freie Synode war kurz vor dem Christfest unter dem Datum des 22. Dezember 1933 einberufen und dann während der Weihnachtsferien fieberhaft vorbereitet worden. Mit der Synode sollte der Widerstand vor allem des Pfarrernotbunds gegen das nach den Kirchenwahlen vom Juli im Sommer und Frühherbst 1933 in nahezu allen Landeskirchen und in der neu gebildeten Reichskirche durchgesetzte Kirchenregiment der Deutschen Christen zunächst im reformierten Bereich auf eine breitere Grundlage gestellt und in den Gemeinden besser verankert werden. Der Plan zu einer solchen Synode lässt sich bis in den September 1933 zurückverfolgen und gewann im Laufe des Dezembers festere Konturen.2 Aber der genaue Zeitpunkt blieb bis zuletzt offen. Die Einberufung für den 3. und 4. Januar 1934 wurde erst in den Tagen vor dem 22. Dezember auf Initiative des Coetus reformierter Prediger3 beschlossen. Bei dieser Terminwahl mag es eine Rolle gespielt haben, dass ursprünglich für den 4. Januar 1934 eine Würdigung des 450. Geburtstages Zwinglis vorgesehen war, für die Barth als Referent bereits zugesagt hatte.4 Barth erfuhr spätestens am 23. Dezember von der Einberufung der Synode, als man ihn bat, einen Entschließungstext, den die Synode als theologische Erklärung |4 zur Lage der Kirche beschließen sollte, und den dazugehörigen Einbringungsvortrag zu verfassen.5

Zu der Synode wurden reformierte Prediger und Älteste aus allen reformierten und aus unierten Gemeinden Deutschlands eingeladen. Als Synodale sollten nur diejenigen zugelassen sein, «welche sich als Prediger oder Älteste oder auch als frühere Älteste ihrer Gemeinde ausweisen können und in feierlichem Synodalgelübde erklären, daß sie, frei von jeder gemeindefremden Bindung in Fragen des Glaubens, sich rückhaltlos zum Worte Gottes Alten und Neuen Testamentes als der einigen Offenbarungsquelle unseres Glaubens bekennen».6 Die aus 320 Pfarrern und Ältesten aus 167 Gemeinden zusammengesetzte Synode7 tagte im Gemeindehaus der evangelisch-reformierten Gemeinde Barmen-Gemarke – der Gemeinde Karl Immers8 – in der Klingelhollstraße 54a.

Die Synode konstituierte sich am 3. Januar 1934 um 19 Uhr. Zentraler Programmpunkt dieses Abends war der Vortrag von Wilhelm Kolfhaus9 über «Die reformierten Kirchen und Gemeinden Deutschlands im Sturm des Jahres 1933».10 Barth sprach am Vormittag des |5 4. Januar. Für die Einbringung und Diskussion der Erklärung war – nach einer Bibelauslegung – die Zeit von 10 Uhr bis 12.30 Uhr vorgesehen.11 Am Nachmittag folgte Wilhelm Niesel12 mit einem Vortrag über den «Weg der Kirche im Gehorsam des Glaubens»13 . Danach nahmen die Synodalen die von Barth verfasste Erklärung in großer Einmütigkeit und ohne Abänderung an.14 Die offizielle Einladung hatte auch noch Barths Vortrag «Gottes Wille und unsere Wünsche»15 zur Tagesordnung gerechnet, aber mit der Entschließung zum Bekenntnistext war die Synode faktisch abgeschlossen.16

Die Zeit für die Vorbereitung war auch für Barth äußerst knapp bemessen, denn sein Terminkalender hatte für die Weihnachtsferien anderes vorgesehen. So reiste er am 26. Dezember für einige Tage in die Schweiz. Bis zum 29. Dezember weilte er bei seiner Mutter in Wabern bei Bern, die Rückreise führte ihn nach Basel, wo er den Abend bei Eduard Thurneysen verbrachte, um dann im Laufe des 30. Dezember wieder in Bonn einzutreffen.17 Es ist anzunehmen, dass Barth auch den Aufenthalt in der Schweiz zu Vorarbeiten für die ihn in Barmen erwartenden Aufgaben nutzen konnte: den seit längerem zugesagten Vortrag «Gottes Wille und unsere Wünsche»18 und nun auch noch die erbetene Erklärung und das dazugehörige Einführungsreferat. Andererseits waren die Tage in der Schweiz durch verabredete Begegnungen und Gespräche ausgefüllt. So wird Charlotte von Kirschbaum nicht übertrieben haben, wenn sie einer Freundin schrieb, dass Barth erst nach seiner Rückkehr zur Ausarbeitung der Texte kommen würde, und dann hinzufügte: «Also Arbeit in Hülle und Fülle!»19 |6

Bis zur Synode hatte Barth daher keine Zeit gefunden, auch den Einbringungsvortrag auszuformulieren. Also sprach er frei und erläuterte den Synodalen die ihnen bereits im Druck vorliegenden Thesen.20 Erhalten ist eine fünfseitige maschinenschriftliche Fassung dieser Thesen mit äußerst lapidaren, mit Bleistift geschriebenen Randnotizen von Barths Hand.21 Wohl anhand dieser Notizen hat er seine Ausführungen frei vorgetragen. Es ist zu vermuten, dass er jeweils auch die Thesen verlas, bevor er sie erläuterte.

Vom Vortrag existieren zwei Fassungen, die auf unterschiedlichen Nachschriften beruhen. Beide geben Barths Ausführungen nicht wörtlich wieder und weichen in der Akzentuierung dessen, was sie wiedergeben, deutlich voneinander ab. Die Druckfassung fußt auf dem Stenogramm eines cand. theol. Funke. Karl Immer hatte Funke gebeten, ihm die Übertragung seines Stenogramms für die Veröffentlichung der Synodalverhandlungen zur Verfügung zu stellen. Er schrieb dann am 20. Januar 1934 an Barth: «Ich habe soeben noch einmal die ganzen Verhandlungen durchgesehen und hätte gern, wenn etwas von der Lebendigkeit der Tagung in dem geplanten Heft offenbar würde. Ich sende Ihnen die stenographierten Erläuterungen zu den einzelnen Thesen und bitte Sie um freundliche Durchsicht sowie um die Erlaubnis zum Abdruck. […] Zur Lebendigkeit wird es sicher beitragen, wenn die einzelnen Einwände und Fragen mit abgedruckt werden.»22 Barth entsprach Immers Wünschen und autorisierte diesen Text für den Druck. Das Heft erschien Mitte Februar 193423 und lag der Freien evangelischen Synode im Rheinland vor, die am 18. und 19. Februar 1934 in Barmen-Gemarke zusammenkam und sich in ihrer Erklärung zustimmend hinter die Erklärung der Freien reformierten Synode stellte.24

7 Bei der anderen Fassung handelt es sich um einen elfseitigen, engzeilig beschriebenen Text in Maschinenschrift, der im Unterschied zur Druckfassung nicht den Wortlaut der Thesen bietet, sondern nur auf sie verweist. Diese Fassung ist im Karl Barth-Archiv im Original und in einer Durchschrift erhalten. Auf dem Titelblatt der Durchschrift steht unter den Überschriften der handschriftliche Vermerk: «Protokoll der Ausführungen v[on] K[arl] B[arth] auf Grund der Thesen (nicht wörtlich!).»25 Da es sich um die Handschrift Charlotte von Kirschbaums handelt und auch die Diktion dieses Textes ihre Autorschaft wahrscheinlich macht, wird es sich um «Lollos Protokoll» handeln, das Barth in seinem Freundeskreis verbreiten ließ.26

Erst die vergleichende Lektüre beider Textfassungen gestattet ein annähernd authentisches Bild von Barths Vortrag. Deshalb werden sie hier parallel abgedruckt. Links wird jeweils der von Karl Immer herausgegebene Erstdruck nach Freie reformierte Synode zu Barmen-Gemarke 1934 am 3. und 4. Januar 193427, S. 20–34, mit der Originalpaginierung wiedergegeben. Die Wiedergabe der Diskussion erfolgt wie in der gedruckten Fassung in Petit. Die Textgeschichte der Thesen selbst wird gesondert dokumentiert.28 Die teils kaum entzifferbaren Stichworte, die sich Barth am Rande des Thesen-Typoskripts für den Vortrag notiert hatte, werden in einem gesonderten Apparat ausgewiesen. Auf den rechten Seiten wird die wohl von Charlotte von Kirschbaum geschriebene Protokollfassung dokumentiert, in die um der besseren Lesbarkeit willen von den Herausgebern zusätzliche, durch einen senkrechten Strich markierte Absätze eingezogen sind. Aufgrund der teils stark abweichenden Länge und der mitunter leicht variierenden Anordnung der Aussagen in den einzelnen Abschnitten ist es nicht vermeidbar, dass die erläuternden Fußnoten an dieser Fassung nicht immer in der numerisch korrekten Folge stehen.

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Prof. D. Karl Barth, Bonn:

Bekenntnis der freien Kirchensynode

Ich rede hier, weil ich den Auftrag dazu habe. Ich könnte die Verantwortung nicht tragen, ein Bekenntnis aufzustellen. Ich wüsste nicht einmal zu sagen, ob die Lage heute reif ist, ein Bekenntnis aufzustellen. Das Bekennen kann nur ein Akt der Kirche und nicht eines einzelnen Professors sein. Die Erklärung, die ich Ihnen vorlege, kann nur sein eine Frage, die ich an Sie richte und die Sie als die Vertreter der Gemeinden aufnehmen und beantworten müssen im Namen der Kirche. So und nur so entsteht wirkliches Bekenntnis.

In dem Thema «Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart» liegt diese Zurückhaltung. Ich empfinde eine Hemmung, das Wort Bekenntnis so einfach dahinzusetzen. 29 Ein Bekenntnis kann es unter Umständen werden oder auch nicht werden. Darum nenne ich es: Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart.

10 Was kann man von einer solchen Bekenntniserklärung erwarten? Offenbar nicht eine summa doctrinae, eine vollständige Glaubenslehre. Man darf nicht erwarten, alles zu finden, was uns als Christen wichtig ist. Sondern was man erwarten muss, ist ein konkreter Akt der christlichen Kirche in einer bestimmten geschichtlichen Lage, ein Versuch, Antwort zu geben auf die Fragen, die heute gestellt sind, eine Erklärung zu der Sache der Deutschen Evangelischen Kirche in der Gegenwart. Jeder Satz ist zu verstehen als bezogen auf die Fragen, die uns heute erregen.

Der I. Artikel soll uns das Problem fixieren, die Frage, auf die wir zu antworten haben. II. und III. geben das Gesetz, unter dem die Kirche sich stehend erkennt in der gegenwärtigen Lage und der heutigen Frage gegenüber. Es antworten IV. und V., indem sie aus diesem Wesensgesetz der Kirche nun die Ordnung folgern, vor die die Kirche sich heute angesichts der aufgezeigten Fragen praktisch gestellt sieht. 21

Die Frage, die uns heute gestellt ist, ist die Frage nach der Kirche.b

I. Die Kirche in der Gegenwart.

1. Angesichts der kirchlichen Ereignisse des Jahres 1933 gebietet uns das Wort Gottes, Buße zu tun und umzukehren. Denn in diesen Ereignissen ist ein die evangelische Kirche seit Jahrhunderten verwüstender Irrtum reif und sichtbar geworden. Er besteht in der Meinung, dass neben Gottes Offenbarung, Gottes Gnade und Gottes Ehre auch eine berechtigte Eigenmächtigkeit des Menschen über die Botschaft und die Gestalt der Kirche, d. h. über den zeitlichen Weg zum ewigen Heil, zu bestimmen habe.

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die kirchliche Entwicklung seit der Reformation sei eine normale gewesen und es handle sich in der heutigen Not |12 unserer Kirche nur um eine vorübergehende Störung, nach deren Beseitigung jene Entwicklung geradlinig weitergehen dürfe.c

Angesichts der kirchlichen Ereignisse gebietet uns das Wort Gottes…» Bei jeder Erklärung muss sich die Kirche verstehen nicht aus dem Zeitbewusstsein heraus, sondern sprechend im Gehorsam gegen das Gebot Gottes, das sie allerdings empfängt in dieser bestimmten kirchlichen Lage.

«Buße zu tun und umzukehren…» Bekenntnis ist ein gewiss freudiger Akt der Kirche, und andererseits ein Akt des Kampfes wider den Irrtum. Aber vergessen wir nicht: Bekenntnis muss sein auch ein Akt der Buße, der umfassenden Einsicht: Wir haben allen Anlass, Gott, den Herrn der Kirche, ganz neu zu erkennen, zu ihm zu schreien: Mach du mit uns einen neuen Anfang! Wir erkennen und bekennen vor dir, dass wir gefehlt haben – wir, die Kirche, nicht nur die Anderen in der Kirche. Dass es D[eutsche] C[hristen] gibt und geben konnte, dass das möglich war, was wir erlebt haben, liegt als Schuld auf uns allen. Erst auf der Basis der Bitte: «Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern!» [Mt. 6,12] werden wir mit Ernst gegen den Irrtum in der Kirche streiten können.

«Denn in diesen Ereignissen ist ein seit Jahrhunderten verwüstender Irrtum reif und sichtbar geworden.» Das ist der Irrtum der evangelischen Kirche von Jahrhunderten her, der heute sichtbar geworden ist, dass immer wieder der Versuch gemacht worden ist, die Offenbarung freilich gelten zu lassen, die Ehre und Gnade Gottes freilich stehen zu lassen, aber nun diesem von Gott her kommenden Wort und Willen gegenüber geltend zu machen: da ist der Mensch mit seinen |14 Anliegen, Wünschen, mit seiner Innerlichkeit, seinem Lebensernst. Dieser Mensch steht dem Wort und Willen Gottes gegenüber als ein Partner, mit dem er zu verhandeln hat, der mitzureden hat über das, was Gestalt und Botschaft der Kirche ist, wie der Weg zum Heil beschritten werden soll. Seit rund 1700 ist das der Gang der Dinge,31 dieser Aufstand des Menschen gegenüber dem in der Kirche handelnden Gott und seinem Wort. Ein Aufstand, der nicht einfach eine Revolution war, 22 sondern ein «Sich ins Recht Setzen» des Menschen, verbunden mit sehr viel Gläubigkeit, aufrichtiger Frömmigkeit, gründlicher Wissenschaft. Dieser Irrtum ist heute manifest geworden. Was in den Glaubensbekenntnissen der D. C.32 offenbar wird, dieser selbstbewusste, herrische Ton, diese Anmeldung des deutschen Menschen mit seinem Eigenrecht, dass er das Evangelium hören und predigen könne, wie es ihm zukomme, das macht eine Not offenbar, an der wir schon lange gelitten haben. Es geht um eine Versuchung, die in uns allen lebt, der man durch keine noch so kräftige Orthodoxie Herr wird. Diese Macht gilt es zu erkennen und umzukehren.

2. Dieser Irrtum ist derselbe wie der Irrtum der Papstkirche und der Schwärmerei, gegen den sich das reformatorische Bekenntnis richtet. Wenn die evangelische Kirche ihm erliegt, so hat sie aufgehört, evangelische Kirche zu sein. Er muss heute, auch in seinen feinsten und reinsten Gestalten, als Irrtum festgestellt und bekämpft – dem alten Irrtum muss das alte Bekenntnis mit neuer Freudigkeit und Bestimmtheit entgegengestellt werden.

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Der Irrtum von der Eigenmächtigkeit des Menschen in Sachen der Botschaft und Gestalt der Kirche sei eine Meinung |16 neben anderen, die wenigstens in ihren edleren Formen in der evangelischen Kirche nach wie vor Heimatrecht haben könne.d

Dieser Irrtum ist derselbe wie der Irrtum der Papstkirche und der Schwärmerei, gegen den sich das reformatorische Bekenntnis gerichtet hat. Wenn wir heute bekennen, können wir nur das Bekenntnis der Väter aufnehmen. Der Feind ist nicht ein neuer, sondern ein alter in neuer Gestalt, der schon im 16. Jahrhundert auf dem Plan war. Das Bekenntnis kann nur das Eine sein, das alte, das mit neuer Freudigkeit und Bestimmtheit ausgesprochen wird. Denn es ging in der Reformation Luthers, Zwinglis, Calvins um zwei Gegner: Rom und Renaissancegeistigkeit. Sie haben eingesehen, dass sie es bei beiden Gegnern mit dem einen Feind zu tun hatten. Beide vertraten dem Wort Gottes gegenüber den Anspruch des Menschen, der selber unter Berufung auf seinen Geist, sein Gewissen, seine Gerechtigkeit Gott gegenüber ein zweiter Gott sein will. Das tut der Papst, indem er pocht auf die Geschichte, die Überlieferung seiner Kirche. Das tut genauso der Schwärmer, der Humanist, der geltend macht die innere Stimme des Geistes, der die Menschen leite in seinem Gewissen. Hier und dort ist der Mensch auf dem Plan gegen Gott. Geltend gemacht haben die Reformatoren demgegenüber: Es ist das Wort, der Geist Gottes, der die Kirche gestalten muss. Dem Wort hat sich der Mensch zu unterordnen und nicht umgekehrt.

Wenn die Kirche der Versuchung unterliegen würde, den deutschen Menschen bestimmend sein zu lassen für das, was sie als Wort Gottes zu sagen hat, dann nimmt sie wieder auf, was Luther und Calvin im Papsttum und im Schwärmertum ausgeschieden haben. Dann hat sie
aufgehört, 23 evangelische Kirche zu sein. Nicht eine etwas fatale Meinung hat sich dann eingeschlichen, sondern ein grundstürzender Irrtum. Es kann dann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Rom uns hat oder bis aus ihr eine allgemeine Auflösung und Willkür des Men|18schen geworden ist. Man kann schwerlich sagen, welche von den beiden Gefahren heute größer ist. Die beiden Irrtümer sind nicht eine Meinung neben anderen, die auch ein Heimatrecht beanspruchen könnte in der Evangelischen Kirche, sondern der alt-böse Feind;33 hier kann es nur ein Entweder-Oder geben. Der Friede darf nicht auf Kosten der Wahrheit geschlossen werden. Zu allen Zeiten ist es die Art des Irrtums gewesen, dass er sich nicht unmaskiert in der Kirche gegeben hat. Wir erleben es, wie man den Irrtum so schön einkleiden kann, dass man ihn nur noch ansieht als Zusatz, den man am Rande auch noch sagen könnte. Es ist die Frage für die Kirche und unsere Synode, ob wir die Gefahr sehen, so riesengroß wie sie ist, oder ob wir’s mit dem Sprüchlein halten: «Fährmann, sag mir’s ehrlich: ist’s denn so gefährlich?»34 Das werden Sie zu entscheiden haben, ob Sie es auch so sehen und ob Sie ein deutliches Wort wider den Irrtum dieser Zeit zu sagen entschlossen sind.

20 3. Angesichts der Einheit, in der dieser Irrtum heute in die Erscheinung getreten ist, sind die in der einen Deutschen Evangelischen Kirche zusammengeschlossenen Gemeinden aufgerufen, unbeschadet ihrer lutherischen, reformierten oder unierten Herkunft und Verantwortung, aufs Neue die Hoheit des einen Herrn der einen Kirche und darum die wesentliche Einheit ihres Glaubens, ihrer Liebe und ihrer Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13], ihrer Verkündigung durch Predigt und Sakrament, ihres Bekenntnisses und ihrer Aufgabe zu erkennen.

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Es dürfe oder müsse die berechtigte Vertretung lutherischer, reformierter oder unierter «Belange» noch immer den Erfordernissen des gemeinsamen evangelischen Bekennens und Handelns gegen den Irrtum und für die Wahrheit übergeordnet werden.e

Wer ist da gemeint, wenn wir von der Kirche sprechen, die Buße zu tun und umzukehren hat?

«Wir» sind aufgerufen: das darf nicht nur heißen: wir Reformierte, oder im Osten: wir Lutheraner, oder im Rheinland: wir Unierte. Ich will nicht die heilige Notwendigkeit unseres reformierten Bekenntnisses in Frage stellen, und gerade in diesem Jahr habe ich Respekt bekommen vor dem Ernst eines wirklichen lutherischen Bekenntnisses. Statt Verantwortung schrieb ich zuerst «Eigenart»; doch ich habe es gestrichen.35 Im Wort Eigenart liegt der Klang eines menschlichen Rechtes, und das haben wir nicht als Reformierte, sondern wir haben
als Reformierte nur einen Auftrag und damit eine Verantwortung. Gerade, wenn wir in dieser Verantwortung stehen, nicht im «leeren Raum»36, sondern im Raum des Jahres 1933/34, dann werden wir unvermeidlich daran erinnert: Evangelische Kirche – damit sagen wir unter allen Umständen noch mehr als reformierte Kirche; 24 wir sagen damit: Kirche Jesu Christi. Das bedeutet jetzt konkret in dieser geschichtlichen Lage das Wissen um die Einheit unseres Glaubens, |22 Liebens und Hoffens [vgl. 1.Kor. 13,13]. Können wir es uns leisten, im gegenwärtigen Augenblick noch gegeneinander zu stehen, Reformierte und Lutheraner? Wir haben es erlebt: es gibt mancherlei Reformierte und mancherlei Lutheraner; die wahre Scheidung geht quer hindurch. Unsere vielberufenen reformierten Belange37 sind den Erfordernissen des gemeinsamen evangelischen Bekenntnisses unter-, nicht überzuordnen.

Aber haben wir eine Macht, von den Anderen zu sagen: sie sind mit uns aufgerufen? Wir sprechen das nicht aus als einen kirchenpolitischen Satz. Wir haben keine Verhandlungen darüber gepflogen mit Lutheranern und Unierten. Sondern wir sprechen das aus als einen Glaubenssatz, gerade als einen reformierten Glaubenssatz. Es ist immer die Art der reformierten Kirche gewesen, zu reden von der Einen christlichen evangelischen Kirche. Es ist heute die Zeit, diese gute reformierte Tradition aufzunehmen.

Aussprache.

P. Dr. Boudriot: Wenn wir Reformierte mit den Anderen zusammenstehen, dann heißt der Dank: «reformierte Starrköpfe». Da sagen sie uns, wenn es an |24 die Kirchenordnung und ans Abendmahl geht: ihr habt einen anderen Geist.38

P. Sohnius39: Wenn wir die Hände zum Frieden bieten, dann ist Gefahr, dass wir uns ganz und gar aufgeben. Ich verweigere den Lutheranern die
Abendmahlsgemeinschaft, weil sie sie uns verweigern.

Barth: In dieser Frage kann ich nur um eines bitten: Wollen wir hier ein Glaubensbekenntnis ablegen, so kann die Frage nur heißen: Glauben wir oder glauben wir nicht? Dann können solche relativ berechtigten Einwände gegen These 3 nicht gemacht werden. Es ist selbstverständlich, dass wir unsere Kirchenpolitik treiben müssen, unsere Synode tut es ja auch durch ihr Zusammentreten. Aber worum es geht, ist dies, dass wir unsere reformierte Kirchenpolitik unterordnen den Erfordernissen des gemeinsamen evangelischen Handelns gegenüber dem Irrtum. Wenn uns gesagt wird, wir bekommen keinen Dank von den Anderen, so ist zu antworten: Das geht uns nichts an. Man kann bei einem Glaubensbekenntnis nicht nach dem Erfolg fragen. Wer glaubt, der hat dann auch eine Sicherheit in Bezug auf sein Handeln. Wir werden uns nicht schwächen, wenn wir in der Kraft unseres reformierten Glaubens das sagen, was wir zu bekennen haben. Ich meine in dem Kampf dieses Jahres gesehen zu haben, dass man mit ernsten Lutheranern nicht so weit auseinander ist, dass man dabei bleiben müsste: hier ist ein Glaubenssatzf. Mit Heinrich Vogel40 zum Beispiel könnten wir uns an einen Tisch setzen. Es würden übrig bleiben Gegensätze, über die man unter Christen reden kann. In diesem Sinne möchte ich bitten, als Glaubenssatz auch diesen 3. Satz nicht abzulehnen.

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II. Die Kirche unter der Heiligen Schrift.

1. Die Kirche hat ihren Ursprung und ihr Dasein ausschließlich aus der Offenbarung, aus der Vollmacht, aus dem Trost und aus der Leitung des Wortes Gottes, das der ewige Vater durch Jesus 25 Christus, seinen ewigen Sohn, in der Kraft des ewigen Geistes, als die Zeit erfüllt war [vgl. Gal. 4,4], ein für allemal gesprochen hat.

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne und müsse sich außer auf die Offenbarung des dreieinigen Gottes auch noch auf eine dem Menschen trotz des Sündenfalls zugängliche Gottesoffenbarung in Natur und Geschichte begründen und beziehen.g

Hier ist etwas zu sagen über die Autorität, die in der Kirche gilt, und um deretwillen wir sagen müssen: die Kirche hört auf die heilige Schrift. Warum hört sie auf die heilige Schrift? Warum steht sie unter ihr? siehe Satz 1.

Wir stehen heute vor der Frage: Hat die Kirche sich außer auf die Offenbarung des dreieinigen Gottes auch noch auf eine andere Gottesoffenbarung in Natur und Geschichte zu begründen? Nach meiner Ansicht ist diese Frage das theologische Kernproblem der gegenwärtigen Situation. An der Frage der Gottheit Jesu Christi scheiden sich allezeit, so auch heute wieder, die Geister. Wenn das, was in der Schrift Offenbarung heißt, nicht irgend eine Offenbarung ist, die die Erscheinung eines Halbgottes [ist], sondern wenn es klar ist: Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott von Ewigkeit wie der Vater und der Geist,41 dann ist damit grundsätzlich entschieden: redet Gott mit uns, dann haben wir auf ihn zu hören, wie man eben auf Gott hört; dann können wir nicht gleichzeitig auch noch woandershin hören. Wenn wir im Angesicht Jesu Christi das Angesicht Gottes zu erbli|28cken haben, dann sind wir hier festgehalten. Gott hat hier ein für allemal gesprochen. Alles Andere, was möglich sein könnte, wird für mich nicht existieren, sondern für mich gilt das Wort, das Gott tatsächlich gesprochen hat. Der Sohn ist nicht eine Erkenntnisquelle neben anderen, sondern er ist die einzige, oder er ist es gar nicht. Wir sind dann vollständig in Anspruch genommen. Andere Meister kann es dann für die Kirche nicht geben. Nicht andere Quellen, andere Stimmen, andere Wahrheiten. Sondern allein die eine Wahrheit: «niemand kommt zum Vater denn durch mich» [Joh. 14,6]. An der Strenge dieses Satzes scheiden sich heute die Geister.

Wir stecken alle voll natürlicher Theologie. Sie ist uns eingeimpft von unseren Großvätern her. Zwei Jahrhunderte haben einen Bund mit ihr geschlossen. Es ist eine große Sache, nun heute dem abzusagen. Es ist ein Wagnis, diesen Satz als Bekenntnissatz heute vorzulegen. Aber wenn heute bekannt werden soll, dann muss dies bekannt werden. Denn hier ist das trojanische Pferd, aus dem alle Feinde bis hin zu Hossenfelder43 hervorgegangen sind. Sonst mögen wir heute den Angriff der D. C. zurückschlagen, morgen werden sie in anderer Gestalt wiederkommen.

30 2. Die Kirche hört das ein für allemal gesprochene Wort Gottes durch die freie Gnade des Heiligen Geistes in dem doppelten, aber einheitlichen und in seinen beiden Bestandteilen sich gegenseitig bedingenden Zeugnis des Alten und des Neuen Testamentes, das heißt in dem Zeugnis des Mose und der Propheten von dem kommenden 26 und in dem Zeugnis der Evangelisten und Apostel von dem gekommenen Jesus Christus.

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die biblischen Schriften seien zu verstehen als Zeugnis der Geschichte menschlicher Frömmigkeit; maßgebend für die christliche Frömmigkeit sei aber vorwiegend oder ausschließlich das Neue Testament; es könne oder müsse darum das Alte Testament zugunsten des Neuen abgewertet, zurückgedrängt oder gar ausgeschieden werden.h

Dieser Satz stellt die Verbindung her zwischen der Offenbarung und der Heiligen Schrift. Ein doppelter Irrtum unserer Zeit ist hier abzuwehren. Einmal, die biblischen Schriften seien Zeugnisse menschlicher Frömmigkeit. Dann ist der Weg nicht weit, dass zwischen Altem und Neuem Testament unterschieden wird. Das Ausscheiden oder Zurückdrängen oder Abwerten des A. T. kommt daher, dass man in
der Bibel Religion zu hören meint. Die Kirche aber hört hier nicht Frömmigkeit, sondern Zeugnis von solchen, die das Wort Gottes selbst gehört und gesehen und betastet haben [vgl. 1.Joh. 1,1]. Das sind miteinander dort Mose und die Propheten, hier die Evangelisten und Apostel. A. [T.] und N. T. sind nicht dasselbe. Dort wird von Christus gesprochen als dem Kommenden, hier als dem Gekommenen. Immer wieder als kommend und als der Gekommene ist Christus der Herr der Kirche. Nur in diesen zwei Worten lässt sich sagen, was |32 uns gesagt sein muss vom Kommen des Reiches Gottes, dem Geschehen des Willens Gottes an und unter uns. Darum ist A. T. und N. T. das Zeugnis von ihm. Eines weist auf das Andere hin und ist durch es bedingt. Wer eines wegnimmt, nimmt auch das Andere weg.

3. Die Kirche lebt durch die freie Gnade des Heiligen Geistes davon und darin, dass sie, indem sie das Zeugnis der Heiligen Schrift im Glauben aufnimmt und im Gehorsam weitergibt, die Strenge und die Barmherzigkeit, die Ehre und die Menschenfreundlichkeit des dreieinigen Gottes erkennt und verkündigt.

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse neben dem durch die Heilige Schrift bezeugten Handeln Gottes in Jesus Christus auch noch sein Wirken in den Ereignissen der jeweiligen Gegenwart feststellen und bekannt machen.i

Was ist die Aufgabe der Kirche auf Grund dieser ihrer Offenbarung und ihrer Autorität in der Schrift?

Abzulehnen ist die Ansicht, als sei es Aufgabe der Kirche, zu zeigen, wie in dem Geschehen der Zeit, der Gläubigen, der Kirche auch Offenbarung Gottes geschehe. Die Kirche bezeugt die eine Offenbarung, die bezeugt ist durch die Heilige Schrift. Die Kirche hat nicht die Aufgabe, die Geschichte zu deuten, Prophetin zu spielen. Sie hat mit dem Wort Gottes zu dienen, sie hat aber nicht zu deuten. Der Pfarrer ist kein Prophet, er soll ganz schlicht sein Wort sprechen in Erklärung der Heiligen Schrift und soll es Gott überlassen, dass er sich dazu bekenne. Abzulehnen ist die Rede27weise der Oxfordbewegung: Die Apostelgeschichte wird fortgesetzt in die Gegenwart hinein; das Zeugnis soll zum Gegenstand haben, was man selbst erlebt hat.44 Das |34 ist nicht Sache der Kirche, darauf hinzuweisen. Die Kirche soll sich nicht fürchten, dass sie nicht zeitgemäß sei. Sie wird gerade dann zur Lage sprechen, wenn sie ganz schlicht sagt: Ich weiß von nichts anderem als dem, was in der Schrift steht. Dann wird sie zur Gegenwart reden, während die Prophetlein gerade nicht zur Lage sprechen.

Aussprache.

P. Sohnius bedauert, dass Barth nur gegen die Schwärmer und nicht auch gegen den Pietismus zu Feld gezogen ist.

P. Ibeling-Düsseldorf46: Warum beginnt Calvin seine Institutio mit der Lehre von der Erkenntnis Gottes des Schöpfers?47 Es gibt nach Calvin eine natürliche Gotteserkenntnis, aber eine confusa cognitio.48 Er weist auf sie hin, |36 um die Unentschuldbarkeit des Menschen aufzudecken. – Der Prediger ist mehr als bloß Exeget: muss den Hörer ansprechen.

P. Ködding51: Die Unersetzbarkeit des A. T. wird in der Mission erwiesen. Gereifte indische Christen wehren sich dagegen, die Veden an die Stelle des A. T. zu setzen. – Frage zu Satz 3: Wir sehen in der Mission das Wirken Gottes; ist sie da nicht eine Bestätigung der heiligen Schrift?

Barth: Die Front gegen den Pietismus gehört nun zu den veralteten Fronten. Was am Pietismus nicht gut war, ist bei den D. C. aufgewacht. – Zu Römer 152 und Calvin: Trotz des Angeführten schöpfen beide, Paulus und Calvin, bei der Darlegung des Evangeliums nur aus einer Quelle. Die Reformatoren haben diese Frage noch nicht so scharf gesehen, wie wir sie heute sehen müssen. Ganz harmlos reden sie von einer natürlichen Gotteserkenntnis, aber praktisch machen sie keinen Gebrauch von ihr. Den Anwälten der natürlichen Gotteserkenntnis ist zu sagen: macht ihr mal den sauberen Gebrauch von ihr, wie die Reformatoren es getan haben! Unsere Erklärung bedeutet hier eine Verschärfung gegenüber den Reformatoren. Das kann nicht anders sein nach den Erfahrungen der letzten 400 Jahre.

Soll der Prediger nur Exeget sein? Wäre er es doch! Exegeten natürlich, die deutsch sprechen. Aber sie sprechen deutsch von dem, was sie hören. Ich habe keine Angst um die Aktualität der kirchlichen Botschaft; aber Angst, dass, wenn der Pfarrer sein Herz teilt, das Ganze verloren geht.

Auch die Heidenmission habe ich in Satz 3 gemeint. Es ist bei der Heimatpropaganda für die Mission oft so geredet, es sei hier eine Fortsetzung der Apostelgeschichte. Die Mission würde gut tun, zu bedenken, es gibt nur eine heilige Schrift; die kann man nicht durch Traktätchen erweitern.53

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III. Die Kirche in der Welt.

1. Die Kirche ist in der Welt. Sie bekennt sich in der Nachfolge des fleischgewordenen Wortes Gottes rückhaltlos zu der ganzen Not des von Gott gut geschaffenen, aber in Sünde gefallenen und unter dem göttlichen Fluch stehenden Menschen. Sie vertraut und sie gehorcht allein der eben diesem Menschen in Jesus Christus widerfahrenen Barmherzigkeit. Sie wartet nach Gottes Verheißung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnt [vgl. 2.Petr. 3,13]. 28

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse außer der Barmherzigkeit Gottes in Christus auch noch einer dem Menschen erkennbaren Güte dieser Welt vorbehaltloses Vertrauen schenken und einer dem Menschen erkennbaren Eigengesetzlichkeit dieser Welt vorbehaltlosen Gehorsam entgegenbringen.j

Die Kirche bekennt sich zu der ganzen Not des Menschen. Aber sie tut es in einem ganz bestimmten Sinn. Nicht in dem Sinn, dass sie auch Welt ist, sondern weil Christus sich zur Welt bekannt hat; nicht weil sie mitmacht, getragen und geführt von der Bewegung des Volks her, sondern weil sie den Auftrag hat von ihrem Herrn her, an der Welt teilzunehmen, darum tut sie es. Von der Kirche aus kann das Diesseits letztlich nur bezeichnet werden als die Not des Menschen. Die Kirche weiß darum, dass die Welt verloren ist. Es kann darum nicht bedeuten, dass die Kirche einfach mitmacht. Sie ist als Kirche in der Welt, mit einem Auftrag an die Welt, mit einem besonderen Vertrauen und einer besonderen Hoffnung.

40 2. Die Kirche anerkennt nach Weisung des Wortes Gottes dankbar, dass der Wandel der Menschheits- und Völkergeschichte, die politischen, philosophischen und kulturellen Versuche des Menschen unter der Anordnung des göttlichen Befehls und der göttlichen Geduld stehen. Sie begleitet sie darum mit der ernsten Anerkennung ihres zeitlichen, bestimmten und begrenzten Rechtes mit ihrer Fürbitte, aber auch mit der Erinnerung an Gottes Reich, Gesetz und Gericht, mit der Hoffnung auf ihn, der alles lenkt, um alles neu zu machen [vgl. Apk. 21,5].

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse in der Wirklichkeit dieses oder jenes Versuchs des Menschen, [sich selber zu helfen,]k nicht sowohl einen Erweis der göttlichen Geduld, als vielmehr eine Annäherung an die Wiederherstellung der göttlichen Schöpfungsordnung erblicken.l

Die Kirche weiß darum, dass die Welt in ihrer Verlorenheit nicht sich selber überlassen ist; sondern wo Kirche da ist, da muss das Wort Gottes in die Welt hineingesprochen werden. In die Welt ist der göttliche Befehl hineinzurufen. Weil es Kirche und Wort Gottes gibt, darum gibt es eine Weltgeschichte. Darum ist es nicht einfach Torheit und Narrheit, was der Mensch da treibt. Wenn es kein Wort gäbe, wenn die Welt ohne Jesus Christus wäre, so gäbe es keine Weltgeschichte. In ihm ist wirksam Gottes Befehl und Gottes Geduld. Darum begleitet die Kirche die Welt in Erziehung, Kunst, Politik usw. in Anerkennung ihres begrenzten und bestimmten Rechtes mit ihrer Fürbitte. Das ist der entscheidende Akt, den die Kirche für die Welt tun kann. Es kann nicht darum gehen, dass die Schöpfungsordnungen wieder sichtbar werden, es kann nur darum gehen, dass die göttliche Geduld uns leitet und begrenzt.

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3. Die Kirche ist in der Welt unter der Heiligen Schrift. Sie dient dem Menschen und dem Volk, dem Staat und der Kultur, indem sie 29 hinsichtlich ihrer Botschaft und ihrer Gestalt dem ihr vorgeschriebenen Worte Gottes und seinem Heiligen Geist gehorsam zu sein bemüht ist.

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche habe dem Menschen damit zu dienen, dass sie, ihm mehr gehorchend als Gott [vgl. Act. 5,29], ihre Botschaft und ihre Gestalt seinen jeweiligen Überzeugungen, Wünschen und Zwecken anpasse und zur Verfügung stelle.m

Die Kirche ist in der Welt am treusten, wenn sie sich selbst am treusten ist. Es ist nicht so, als sei die Kirche dann eine selbstsüchtige Angelegenheit, wo man im Winkel etwas Schönes für sich hat. Gerade wenn die Kirche danach drängt, Kirche zu sein, dann dient sie damit dem Volk, der Kultur. Sie würde ihm nicht dienen, würde antinational handeln, wenn sie nationalistisch handeln würde. Nicht aus Gleichgültigkeit, nicht aus Opposition, sondern gerade für den Staat, für die Nation hat sie gerade zu stehen.

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IV. Die Botschaft der Kirche.

1. Der Auftrag der Kirche besteht darin, in Auslegung und nach Maßgabe des prophetisch-apostolischen Zeugnisses an Christi Statt und also seinem eigenen Wort und Werk dienend, durch Predigt und Sakrament die Botschaft von Gottes nahe herbeigekommenem Reich auszurichten: Gott der Schöpfer hat sich seiner Geschöpfe, Gott der Versöhner hat sich der Sünder, Gott der Erlöser hat sich seiner geliebten Kinder in freier Gnade angenommen.

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse das Wort Gottes des Schöpfers, Versöhners und Erlösers, statt ihm zu dienen, als ihr eigenes Wort aussprechen und also, statt die freie Gnade zu verkündigen, «dynamisch» wirken.n

Der Auftrag der Kirche besteht darin, dem Wort und Werk Gottes zu dienen. Sie kann nicht an die Stelle treten dessen, was Gott tut. Sie kann nicht «dynamisch» wirken wollen. Man hat in diesem Jahre der Kirche Dinge zugemutet, die sie nicht leisten kann, ohne Dämonenkirche zu werden: «Lebenskräfte» sollte sie «strömen lassen».56 Damit |46 tun wir nicht, was wir tun sollen. Was auf ehernen Tafeln geschrieben ist, haben wir laut zu buchstabieren, abzulesen.

Dieser Gegensatz in der Verkündigung der Kirche weist darauf hin: Es geht um die Verkündigung der Gnade Gottes. Es geht in dieser Botschaft aber nicht darum, dass eine Vergottung des Menschen eintritt. Man kann auch schon mal in einer Lebensbewegung drinstehen; der liebe Gott ist kein Pedant. Aber wenn das droht verwechselt zu werden, dann haben wir misstrauisch zu sein, ob hier nicht ein anderer Herr regiert. Alles, was wir meinen, wenn wir «Bewegung»57 sagen, liegt beschlossen im Worte Gottes und im Glauben. Nun soll es nicht ankommen auf etwas, das da geschieht vor unseren Augen, sondern nur darauf, was Gott will und sagt. Dienen 30 und nicht wirken wollen – Gnade und nicht Weltbewegung: diese Gegensätze sollen wir beachten.

2. Die freie Gnade, in der Gott sich unser annimmt, ist die in der Kraft des Heiligen Geistes sich erfüllende Verheißung der Gegenwart Jesu Christi als des Herrn, der für uns Knecht geworden, um unser altes Leben in den Tod zu geben und unser neues Leben an das Licht zu bringen [vgl. 2.Tim. 1,10].

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Gnade Gottes bestehe in moralischen oder religiösen Vollkommenheiten, deren sich der Mensch nicht nur im Blick auf den, der den Gottlosen gerecht macht [vgl. Röm. 4,5], sondern doch auch im Blick auf einen eigenen Besitz rühmen könnte.o

Es ist zu unterstreichen «sich unser annimmt» und «für uns». Gnade ist ein und dasselbe wie Jesus Christus; Jesus Christus für uns, in dem |48 alles geschehen ist, was für uns geschehen musste, so dass die Frage nicht aufkommen kann: muss ich jetzt auch noch etwas tun? Es ist alles geschehen, denn in Christus ist unser altes Leben in den Tod gegeben und unser neues Leben an das Licht gebracht [vgl. 2.Tim. 1,10]. Gnade ist nicht ein Werk, an dem wir uns zu beteiligen haben. Die Gnade ist freie und frei bleibende Gnade.

3. Die Gabe der Gnade ist unsere Zugehörigkeit zu Jesus Christus: In ihm sind wir gerechtfertigt durch das Wunder des Glaubens, der immer wieder die in ihm geschehene Vergebung unserer Sünde annimmt. Und in ihm sind wir geheiligt durch das Wunder des Gehorsams, der sich immer wieder unter das Gericht und unter die Weisung des von ihm kommenden Gebotes stellt.

Damit ist abgelehnt die Ansicht:

a) Als sei das «Evangelium» und das «Gesetz», unsere Rechtfertigung und unsere Heiligung, nicht die Offenbarung und das Werk der einen Gnade Jesu Christi.

b) Als vollziehe sich unsere Rechtfertigung als Sünder dadurch, dass wir plötzlich oder allmählich bessere Menschen werden.

c) Als sei die Gabe der freien Gnade nicht auch unsere Inanspruchnahme zum Gehorsam gegen Gottes Gebot oder als sei diese unsere Heiligung etwas anderes als eine Gabe der freien Gnade.p

Im Anschluss an Calvin sagen wir hier: Gnade bedeutet Rechtfertigung und Heiligung.58 Evangelium und Gesetz sind nicht als zwei Dinge anzusehen, die aus verschiedenen Quellen stammen.59 Indem die Gnade Vergebung ist, beansprucht sie uns. Es geht nicht an zu sagen: Das Gesetz kommt irgendwo anders her, aus der Vernunft, aus dem Volkstum als dessen Nomos.60 Das Gesetz Gottes hören wir mit |50 dem Evangelium zusammen, man darf beide nicht aufspalten. Hier ist meine ernsteste Sorge den Lutheranern gegenüber. Auch bei Vogel62 kommt die Heiligung zu kurz. Wer Glaube sagt, muss auch Gehorsam sagen, wer Evangelium sagt, muss auch Gesetz sagen. 31

Hinter der Theologie der D.C. steht die Rechtfertigungslehre von Karl Holl;63 es gibt eine Rechtfertigung aus Gnaden, aber indem der Mensch von Gott erzogen wird.64 Rechtfertigung ist nicht eine Erfüllung und Durchströmung des Menschen, sondern Rechtfertigung des Gottlosen.

Gerade von den Grundsätzen Calvins aus sind wir in der Lage, uns zu wehren dagegen, dass aus der Heiligung nun doch wieder ein eigenmächtiges Werk des Menschen gemacht wird. Das bewahrt davor, |52 den Menschen wieder einzusetzen als einen, der sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann.

4. Unser durch den Heiligen Geist in Jesus Christus begründetes und von ihm jeden Tag neu zu erbittendes Leben im Glauben und im Gehorsam wartet auf seine Erlösung durch den kommenden Herrn: in der Auferstehung der Toten, durch das Gericht und zum ewigen Leben.

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Ein Leben im Glauben und im Gehorsam könne in irgendeiner Hinsicht ein in sich abgeschlossenes, sich selbst genügendes, dem Warten auf den kommenden Herrn und also der Hoffnung auf ihn und der Furcht vor ihm entzogenes Leben sein.q

Das Ganze ist umgrenzt von dem Horizont des Kommens Jesu. Unser Leben ist ein Leben im Warten. Es gibt keine Möglichkeit, Burgen aufzurichten, in denen wir gesichert sind. Die Trennung des Sichtbaren von dem Unsichtbaren hat im letzten Jahr eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Allem Zeitlichen kommt Gottes nahes Reich entgegen. Wir leben unter einer überhängenden Wand. Keine Geborgenheiten gibt es, gar kein gültiges Wort als das, was Gott gesprochen hat.

V. Die Gestalt der Kirche.

1. Die Kirche Jesu Christi ist die sichtbar und zeitlich gestaltete Wirklichkeit der durch den Dienst der Verkündigung vom Herrn selbst berufenen, versammelten und getragenen, getrösteten und regierten Gemeinde und die ebenso sichtbar und zeitlich gestaltete Wirklichkeit der Einheit solcher Gemeinden.

54 Damit ist abgelehnt die Ansicht: Als empfange die Kirche ihre zeitliche und sichtbare Gestalt kraft ihrer eigenen Willkür oder äußerer Notwendigkeiten wie ein religiöser Verein, dessen Prinzip ebensogut in dieser wie in jener Form verwirklicht werden könne.r

Der ganze merkwürdige Einbruch in die Gestalt der Kirche beruhte auf der Voraussetzung, dass Kirche ein Verein sei; man könne darum von der Kirche verlangen, dass sie sich anpasse an die Ordnungen, die nun eben für Vereine im heutigen Deutschland gelten. Darum die Forderung, sie müsse sich gleichschalten; ihrem Geist würde man damit ja nicht nahe treten; der Geist und das Gewissen seien frei (H. M. Müller65). In Wirklichkeit aber ist die Kirche kein Verein, sondern eine sichtbar zeitlich gestaltete Wirklichkeit, nicht aus einer Willkür heraus, sondern als Kirche Jesu 32 Christi sichtbar zeitlich gestaltet. Sie ist die Versammlung, durch den Dienst der Verkündigung berufen, getragen, getröstet.

56 2. Die Gestalt der Kirche ist dadurch bestimmt, dass ihre äußere Ordnung ebenso wie ihr inneres Leben unter der Verheißung und unter dem Befehl Jesu Christi als des alleinigen Herrn der Kirche steht. Die Gemeinden tragen einzeln und in ihrer Gesamtheit vor ihm die Verantwortung dafür, dass der Dienst der Verkündigung, der Dienst der Aufsicht und die die Verkündigung begleitenden Dienste der Lehre und der Liebe in ihrer Mitte ihre berufenen Träger finde[n]s und von diesen recht ausgeübt werde[n]t .

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Als könne und dürfe den Gemeinden die Verantwortung für die Bestellung und Verwaltung des kirchlichen Dienstes von einem besonderen kirchlichen Führeramt abgenommen werden.u

Jesus Christus ist der Herr der Kirche, und zwar unbedingt und in allem; im Äußeren und im Inneren ist zu fragen nach seinem Willen. Da gibt es keinen Dispens: das ist Welt. Alles ist Welt, aber in dieser Welt gibt es nun Gemeinde. Hier darf nicht gesprochen werden von dem Recht der Gemeinde, sich selbst zu regieren, sondern von ihrer Verantwortung dafür, dass der Dienst der Verkündigung versehen wird und recht versehen wird. Immer sind die Gemeinden aufgerufen, Jesus Christus Rechenschaft abzulegen. In dieser Verantwortung lebt die Kirche.

Abgelehnt ist der Begriff des Führers. Dieser Begriff stellt etwas anderes an die Stelle der Verantwortung. Eine dritte Instanz wird hier aufgerichtet, ein Thron, der leer bleiben muss. Der entscheidende Streit wird darum gehen müssen: dass es in keinem Sinn das geben darf, dass in der Kirche eine Instanz regiert, die nicht selber indirekt die Gemeinde ist, so wie man es von den Presbyterien und Synoden sagen kann. Nicht eine reformierte Sonderlehre ist das; hier gibt es keine Verständigung. Unerbittlich haben wir an dem Punkt zu sein, wo der Bischof eingeführt werden soll als ein wirklicher Führer, als Meister, als Autorität.66 Verständige Lutheraner haben eine andere |58 Bischofsauffassung, sie meinen damit den Dienst des Presbyteriums und der Synode.

3. Die Kirche Jesu Christi ist, was ihre Botschaft und ihre Gestalt betrifft, eine und dieselbe in den verschiedenen Zeiten, Rassen, Völkern, Staaten und Kulturen. Das Recht kirchlicher Verschiedenheiten da und dort steht und fällt damit, dass sie mit der Einheit ihrer Botschaft und Gestalt vereinbar sind.

Damit ist abgelehnt die Ansicht:

a) Als sei das Recht zeitlicher, nationaler und lokaler Verschiedenheiten der kirchlichen Formen aus besonderen Offenbarungen Gottes in der Geschichte abzuleiten. 33

b) Als sei es mit der Einheit der Botschaft und Gestalt der Kirche vereinbar, die Gliedschaft und die Befähigung zum Dienst in ihr auf die Angehörigen einer bestimmten Rasse zu beschränken.v

Die Einheit. Der Vorwurf der humanitären Gleichmacherei trifft nicht. Es geht nicht an, hinter den Verschiedenheiten eine besondere Offenbarung Gottes zu sehen.69 Diese Verschiedenheiten stehen unter der einen Botschaft, sind gemessen an dem einen Maßstab. Der Arierparagraph70 in jeder Form ist damit nicht zu vereinbaren. Dieser kann |60 nur aus den trüben Quellen einer zweiten Offenbarung begründet werden.

4. Die Kirche erkennt im Staate auf Grund der Weisung des Wortes Gottes die Anordnung des göttlichen Befehls und der göttlichen Geduld, kraft welcher der Mensch es versuchen darf und soll, im Rahmen seines Verständnisses von Vernunft und Geschichte, verantwortlich dem Herrn aller Herren [vgl. 1.Tim. 6,15; Apk. 17,14; 19,16], Recht zu finden und mit Gewalt aufzurichten und aufrechtzuerhalten. Die Kirche kann dem Staat dieses sein besonderes Amt nicht abnehmen. Sie kann sich aber auch ihr eigenes Amt nicht vom Staate abnehmen, sie kann ihre Botschaft und ihre Gestalt nicht vom Staat her bestimmen |62 lassen. Sie ist, gebunden an ihren Auftrag, grundsätzlich freie Kirche in dem in der Bindung an seinen Auftrag grundsätzlich ebenso freien Staat.

Damit ist abgelehnt die Ansicht: Als sei der Staat die höchste oder gar einzige («totale»72) Form sichtbar-zeitlich gestalteter geschichtlicher Wirklichkeit, der sich darum auch die Kirche mit ihrer Botschaft und Gestalt «gleichzuschalten»73, unter- oder gar einzuordnen habe.w

Wir wären stumme Hunde [vgl. Jes. 56,10], wenn wir ein reformiertes Bekenntnis aufstellen würden und nichts sagten über den «totalen» Staat. Der Staat kann nicht den ganzen Menschen in Beschlag nehmen, kann nicht bestimmen wollen über die Gestalt und Botschaft der Kirche. Wenn das unsere Erkenntnis ist, dann muss es wohl auch unser Bekenntnis sein.

Aussprache.

P. van Senden-Detmold75 u. a.: Frage nach der Freiwilligkeitskirche; Forderung der finanziellen Loslösung vom Staat.

P. Immer: Die Verantwortung zwingt uns, klar zu sagen, wo die Totalität des Staates ihre Grenze hat. Dieser Kampf muss im Land der Reformation exemplarisch durchgekämpft werden.

64 P. Rosenboom-Bremen76: Barth scheint mir dem Worte Bischof zu wenig Gewicht beizulegen. Hat einer erst mal den Bischofstitel, so kommt der Führeranspruch von selbst hinterher.

Barth: Es geht uns nicht um praktische Überlegungen über die Zweckmäßigkeit kirchenbehördlicher Titel. Es gibt reformierte Kirchen mit einem Bischof an der Spitze: Ungarn.

Der «Pastor» ist eigentlich nicht Hirte, sondern der Diener des Hirten (gegen P. Dahm-Niederdresselndorf77, der Hirte und Führer gleichsetzt). Der evangelische Pfarrer ist nicht wie der römische Priester ein anderer Jesus Christus. Im Staat mag es den Führer geben, darüber haben wir nicht zu entscheiden; 34 aber eine Kirche, die Führerkirche wäre, könnte nur die Papstkirche sein.

Die Kirche darf ihre Botschaft und Gestalt nicht vom Staat bestimmen lassen. Aber dass sie kein Geld annehmen soll, dass sie keinerlei Beziehungen haben darf zum Staat, warum sollte das so sein? Das ist je und je in der Lage zu entscheiden. Heute haben wir dringendere Fragen.

Aussonderung der Kerngemeinde als allein wahlberechtigt? Ist diese Frage: Kerngemeinde oder Volkskirche? heute bekenntnisreif? Wir sind auf dem Boden der Volkskirche und wollen versuchen, ob auf ihrem Boden gesagt werden kann, was gesagt und gehört werden muss.
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Tagung der freien reformierten Synode

am 3. und 4. Januar 1934 in Barmen.

Vormittag, 4. Januar 34.

Erklärung

über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der deutschen evangelischen Kirche der Gegenwart

von Karl Barth.a

Nach einigen allgemeinen Vorbemerkungen, in denen besonders die Mitschuld der ganzen Kirche an der Schuld der Irrlehre der D[eutschen] C[hristen] betont wird, geht Barth dazu über, seine in Thesenform abgefasste Erklärung, die jedem Teilnehmer der Synode gedruckt überreicht wurde, abschnittweise zu erklären.

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I. Die Kirche in der Gegenwart.

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1. Mit dem hier erwähnten «alten Irrtum»  ist die Tatsache gemeint, dass immer wieder der Versuch gemacht wird, die Offenbarung freilich gelten zu lassen, aber nun diesem von Gott her kommenden Wort und Willen gegenüber geltend zu machen: da ist der Mensch mit seinen Anliegen und seinen Wünschen, mit seinem Willen und seiner Erkenntnis und seinem Lebensernst, und dieser Mensch steht Gott gegenüber als ein Partner, der auch mitzureden hat über das, was |15 Gottes Wort ist und wie der zeitliche Weg zu dem ewigen Heil sein soll. Es geht hier um ein Parlamentieren zwischen Gott und Mensch. Seit dem Jahre 1700 wird man sagen müssen: in bald mehr, bald weniger sicherer Weise ist das der Gang der Ereignisse gewesen!31 Dieser Aufstand des Menschen gegenüber dem in der Kirche handelnden Gott und seinem Wort ist ein Aufstand, der nicht einfach eine Revolution ist, sondern ein Sich in die Macht setzen des Menschen, verbunden mit sehr viel Gläubigkeit, sehr viel Ernst und viel gründlicher Wissenschaft. Aber er ist Aufstand. Dieser Irrtum ist heute manifest geworden. Das, was heute sichtbar wird in der Irrlehre der D. C., 32 können wir nicht als etwas Zufälliges begreifen, als etwas Vorübergehendes, sondern wir müssen in dieser gegenwärtigen Not eine Not sehen, an der wir schon lange gelitten haben, an der wir alle teilhaben und alle schuldig waren und noch sind, und eine Versuchung, die in uns allen lebt, die eine Macht ist, die in der Kirche regiert. Diese Macht gilt es zu erkennen, und darum gilt es, Buße zu tun.

17 Im 2. Satz wird dieser Irrtum bezeichnet als identisch, als derselbe Irrtum wie der Irrtum der Papstkirche und Schwärmerei. Damit ist gesagt: Wir können nur aufnehmen das Bekenntnis der Väter. Der Feind ist kein neuer. Er ist der alte, der schon im 16. Jahrhundert auf dem Plan war. Wir können nur hören auf das, was die Väter schon gewollt und getan und geschrieben haben im Gehorsam. Der Feind ist der eine, die Wahrheit ist die eine, und auch das Bekenntnis kann nur das eine sein. Um was ging es in der Reformation Luthers, Zwinglis und Calvins? Bekanntlich hatten sie nicht nur gegen einen, sondern gegen zwei Gegner zu kämpfen: auf der einen Seite das römische Papsttum und auf der anderen die mannigfachen Bewegungen der Humanisten und Spiritualisten. |2| Die Reformatoren haben klar und deutlich gesehen, dass sie es in diesen zwei Gegnern mit einem Feind zu tun hatten. Beide vertreten dem Worte Gottes gegenüber einen Anspruch des Menschen, der selber unter Berufung auf seinen Geist und sein Gewissen und seine Gerechtigkeit Gott gegenüber ein zweiter Gott sein will. Das tat der Papst mit seiner Kirche, indem er pochte auf die Tradition, auf die Geschichte, auf die Universalität des Papsttums, das taten die Schwärmer, indem sie geltend machten jene verborgene Stimme des menschlichen Gewissens. Diesen beiden Instanzen gegenüber sagten die Reformatoren: Hier ist der Mensch auf dem Plan – und diesem Menschen gegenüber haben sie das Wort der heiligen Schrift aufzurichten versucht, das diesen Menschen bändigt, regiert, dem er sich unterzuordnen hat.|

Und wenn die evangelische Kirche der Gegenwart dieser Versuchung zu erliegen droht, die damals von den Reformatoren abgewehrt wurde, so ist es eben diese Versuchung in der heutigen Gestalt des deutschen Menschen, der zu sagen hat, wie das Wort verkündigt zu |19 werden hat und wie es gehört werden muss, und der sich damit dem Wort der Schrift nicht mehr unbedingt beugt. Nimmt die Kirche das an, dann hat sie aufgehört evangelische Kirche zu sein. Sie ist dann nicht nur oberflächlich getroffen und beschädigt, sie ist in ihrer Wurzel tödlich verletzt. Und es kann dann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Rom – und Rom wartet auf uns, und Rom hat Zeit zu warten – uns wieder hat oder – das ist der andere Weg – bis wir in völlige Skepsis verfallen. Diese zwei Gefahren stehen riesengroß vor uns. Eine evangelische Kirche würde es dann nicht mehr geben. Die Versuchung, um die es hier geht: Papsttum und Schwärmertum in Gestalt des deutschen Menschen, das ist nicht eine Meinung, die man einmal haben und eventuell auch wieder ändern kann, sondern das ist der alt böse Feind,33 der sich hier meldet. Hier kann es nicht um ein Sowohl-als-auch, hier kann es nur um ein Entweder-Oder gehen.

Friede auf Kosten der Wahrheit darf hier nicht geschlossen werden. Wir haben zu bedenken, dass wir hier nicht scharf genug zusehen und nicht scharf genug hinhören können. Zu allen Zeiten ist es die Art des Irrtums gewesen, dass er sich nicht unverhüllt, ungesichert gegeben hat in der Kirche. Und wir erleben es ja auch heute, dass, wenn wir die Manifeste der D. C. (und nicht nur der D. C.!) lesen, wir uns zunächst gar nicht zu helfen wissen vor der strengen Orthodoxie, die da auf den Plan tritt. –  |

Meine Freunde, es wird die große Frage für unsere Kirche sein und auch die Frage für diese Synode heute, ob wir die Gefahr sehen, so riesengroß sehen, wie sie ist. Oder ob uns immer noch Atem und Raum bleibt zu der Frage: Fährmann, sag mir’s ehrlich, ist’s denn so gefährlich?34 Meine Freunde, ich kann das nicht für Sie entscheiden, sondern das wird Ihre Entscheidung sein müssen, ob Sie gerade auch zu diesem Satz 2 Ja zu sagen und dann auch ein kräftiges Nein zu sprechen imstande sind.

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3. Wer ist gemeint, der hier Buße zu tun hat? Ich habe hier gewagt, einen Satz zu formulieren, der Ihnen vielleicht nicht auf den ersten Blick einleuchtet. Nach meiner Überzeugung muss das aber heute so gesagt werden. Wir, das kann heute nicht heißen: wir Reformierten, oder im Osten: wir Lutheraner. Ich bin fern, die heilige Notwendigkeit unseres reformierten Bekenntnisses in Frage zu stellen, und ich anerkenne ohne weiteres den Ernst eines wirklich ernst gemeinten lutherischen Bekenntnisses. Ich anerkenne das, indem ich hier in Abschnitt 3 spreche von der lutherischen und reformierten Herkunft und Verantwortung. |3|

An Stelle des Wortes Verantwortung stand in der ersten Fassung der Thesen: Eigenart.35 Eigenart aber meint ein Recht, und um ein Recht kann es hier auf keinen Fall gehen. Sondern wir haben hier einen Auftrag und mit diesem Auftrag eine Verantwortung. Gerade wenn wir in dieser Erkenntnis stehen (wir können nicht theoretisch in ihr stehen, nicht im leeren – in diesem Jahr so viel erwähnten! – leeren Raum36 , sondern im Raum des Jahres 1933!), dann verstehen wir, dass wir mit evangelischer Kirche noch mehr meinen und sagen als mit reformierter. Wir sagen damit: Kirche Jesu Christi. Und wenn wir uns umblicken unter den reformierten und lutherischen Gemeinden, ist es dann nicht so, dass das Wissen um die Einheit unseres Glaubens, |23 Liebens und Hoffens [vgl. 1.Kor. 13,13] hier an erster Stelle stehen muss, ohne die jeweilige Verantwortung aufzugeben? Können wir es uns leisten, im gegenwärtigen Augenblick noch gegeneinander zu stehen? Haben wir nicht erleben müssen, dass es mancherlei Lutheraner und mancherlei Reformierte gibt? Die Scheidung der Geister geht quer hindurch. Unsere «reformierten Belange»37 jetzt den Erfordernissen des gemeinsamen evangelischen Bekennens und Handelns nicht überzuordnen, müsste eine Selbstverständlichkeit sein, aber eine Selbstverständlichkeit, die heute auch klar auszusprechen ist. Und wenn Sie mich fragen, wie ich dasselbe auch aussagen könne für Lutheraner und Unierte, so kann ich darauf nur antworten, dass ich diesen Satz nicht ausspreche als einen kirchenpolitischen Satz (ich habe keine Verhandlungen mit Lutheranern geführt!). Sondern wenn wir diesen Satz sagen, meine Freunde, so sagen wir ihn als einen Glaubenssatz, und zwar gerade als einen reformierten Glaubenssatz. Denn es ist immer die Art der reformierten Kirche gewesen, zu reden und immer wieder zu reden von der einen christlichen evangelischen Kirche. Und wenn es je einmal am Platze war, dies zu betonen, so heute.

Diskussion: Es werden Einwände erhoben gegen das zuletzt Gesagte bzw. gegen die Durchführbarkeit einer solchen «Einheit», Einwände, die zum Teil Missverständnissen entspringen und zum Teil nicht ohne Erregung vorge|25tragen werden, besonders in einem Fall, in dem die Undurchführbarkeit begründet wird mit der «Anmaßung der lutherischen Gemeinden», die sogar die Abendmahlsgemeinschaft verweigern.

Barth: Meine Herrn und Brüder, ich kann Sie nur um das Eine bitten, zu bedenken, dass, wenn wir hier ein Glaubensbekenntnis ablegen wollen, wir vor der Frage stehen: Glauben wir oder glauben wir nicht. Solche Einwände könnten dann eigentlich nicht mehr gemacht werden. Sehen Sie, das ist ja ganz selbstverständlich, dass wir unsere Kirchenpolitik machen müssen, ich mache sie ja auch, und ich sehe nicht ein, wie sie durch die These 3 beeinträchtigt sein soll. Aber worum es mir geht, ist das, eben diese Kirchenpolitik unterzuordnen dem heute geforderten Gehorsam für die Wahrheit und gegen den Irrtum. Da kann dann eine gute Kirchenpolitik gemacht werden, auch eine gut reformierte, aber bestimmend bleibt dieses Eine. Und wenn Sie mir sagen: die Anderen danken uns das nicht, so kann ich Ihnen nur antworten: das geht uns nichts an. Man kann, wenn man ein Glaubensbekenntnis ablegt, nicht nach dem Erfolg fragen. Sondern wenn wir einig darin sind, dass es um das Bekennen und Handeln gegenüber dem Irrtum und für die Wahrheit geht, dann müssen wir diesen Satz von der Einheit wagen und dürfen uns nicht fürchten. Wer glaubt, der fürchtet nicht. Und wer glaubt, |4| der hat dann auch eine Sicherheit zu handeln. Ich weiß um den ganzen Ernst der Fragen, die zwischen uns und den Lutheranern stehen. Ich glaube aber doch auch im Laufe dieses Jahres gesehen zu haben, dass man sogar in den Fragen der Verfassung, sogar in der Bischofsfrage, mit ernsten Lutheranern nicht so dran ist, dass man hier einen Glaubensgegensatz feststellen könnte und dürfte. Lesen Sie etwa die kleine Bekenntnisschrift von Heinrich Vogel40 ! Ich glaube, mit diesem Mann könnten wir uns ohne weiteres an einen Tisch setzen. – Und in diesem Sinne möchte ich Sie bitten, auch diese 3. These als einen Glaubenssatz zu verstehen. (Lebhaftes Trampeln).

27 II. Die Kirche unter der heiligen Schrift .

In diesem Abschnitt und in dem folgenden geht es um das Gesetz der Kirche, um die Ordnung bzw. das Fundament, auf dem sie aufgebaut ist, während Abschnitt IV und V dann die Anwendung dieses Gesetzes behandeln. Die Kirche steht unter der Autorität der heiligen Schrift, weil sie ihren Ursprung und ihr Dasein hat aus der Offenbarung, aus dem Worte Gottes. Weil sie Zeugin dieser Offenbarung ist, darum steht sie unter der heiligen Schrift. –

Wir stehen heute vor der Frage: Hat die Kirche sich außer auf die Offenbarung des dreieinigen Gottes auch noch auf eine andere Gottesoffenbarung, nämlich eine Gottesoffenbarung in Natur und Geschichte, zu berufen? Nach meiner geschichtlichen und theologischen Einsicht ist diese Frage das eigentliche theologische Kernproblem der ganzen gegenwärtigen Situation. Es geht um die Frage: Hört die Kirche auf die Offenbarung in Jesus Christus und nur auf diese Offenbarung? Ich habe die Offenbarung des Wortes Gottes mit Absicht bezeichnet als die Offenbarung, die der ewige Vater durch seinen ewigen Sohn in der Kraft des ewigen Geistes gewirkt hat. Mit dieser dreimaligen Erinnerung: Ewig wird erinnert an die Lehre von der Dreieinigkeit, die die Grundlehre der alten christlichen Kirche gewesen ist und die in der Reformation feierlich auch als die Grundlehre der neuen evangelischen Kirche anerkannt worden ist.42 An der Frage der Dreieinigkeit Gottes, insbesondere an der Frage der Gottheit des Sohnes, haben sich die Geister geschieden und scheiden sie sich heute |29 noch. Denn darum geht es: wenn das, was in der heiligen Schrift Wort Gottes heißt, nicht die Erscheinung eines göttlichen Menschen oder eines Halbgott gewordenen Gottes ist, sondern wenn das wahr ist: Jesus Christus ist wahrer Mensch und – wahrer Gott von Ewigkeit, wie der Vater und der Heilige Geist,41 dann ist damit grundsätzlich entschieden, dass uns hier Gott begegnet, dann haben wir hier zu hören, wie man auf Gott hört. Dann können unsere Augen und Ohren nicht gleichzeitig noch anderswohin schielen und hören. Wenn wir im Angesichte Jesu Christi das Angesicht Gottes zu erblicken haben, dann können wir hier nicht ein Ja-aber sprechen, sondern dann stehen wir hier vor Gottes einer, einzigen Offenbarung, dann hat Gott hier einmal für allemal gesprochen. Alles Andere wird dann für mich nicht existieren, sondern nur dieses Wort, das Gott tatsächlich gesprochen. Entweder dies gilt und dann gilt es ausschließlich oder gar nicht. Der Sohn ist nicht eine Erkenntnisquelle neben anderen, er ist die eine, er ist sie ganz und gar. Stehen wir vor ihm, wie wir vor Jesus Christus stehen müssen, der uns versöhnt hat mit Gott, dann haben wir gar nicht Zeit, noch andere Offenbarungen zu suchen. Wir sind dann vollkommen in An|5|spruch genommen von diesem Hören auf ihn. Die Kirche Jesu Christi kann nur die Kirche sein, die so hört. Andere Meister kann es für sie nicht geben. Nicht andere Quellen, andere Stimmen, andere Wahrheiten, sondern diese eine Wahrheit: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich! [Joh. 14,6] An der Unbedingtheit dieses Satzes scheiden sich heute die Geister. Und es glaube ja niemand, dass diese Sache so einfach ist. Die Sache ist es gewiss, aber sie anzunehmen ist schwer. Meine Freunde, wir stecken alle voll natürlicher Theologie, bis zum Rande! Sie ist uns sozusagen eingeimpft von unseren Großvätern und Urgroßvätern her. Zwei Jahrhunderte haben mit ihr den Bund geschlossen, und es ist eine große Sache, heute zu erklären: nun soll es Schluss damit sein. – |

Ich kann auch diese These nur als Frage an die Synode richten. Sehen Sie es nicht auch so? Gilt die Offenbarung in Jesus Christus oder gilt sie nicht? Ich würde mich nicht wundern, wenn jetzt ein Ja-aber ertönte! Ich kenne dieses Ja-aber und ich weiß, dass es ein Wagnis ist, diesen Satz als Bekenntnissatz vorzulegen. Aber ich kann nur hinzufügen: wenn heute bekannt sein muss, so muss das bekannt sein. |31 Denn aus diesem trojanischen Pferde sind alle Feinde hervorgegangen bis und mit Hossenfelder43 !! Auf diesen Punkt lege ich allerhöchstes Gewicht. Aber ich würde mich nicht wundern, wenn Sie erklärten, hier lieber nicht mitgehen zu wollen. – –

In der 2. These dieses Abschnittes soll die Verbindung hergestellt werden zwischen der Offenbarung und derjenigen Autorität, auf der unsere Kirche gründet. Das Wort ist nicht unserer Willkür überlassen, sondern die Kirche hört es – gewiss nicht aus eigener Kraft und Macht – durch die freie Gnade des Heiligen Geistes im Zeugnis der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes. – |

An diesem Punkte begegnen wir einem doppelten Irrtum unserer Zeit, und gerade hier wird es besonders deutlich, dass der neue Gegner der alte ist. Einmal: Die Bibel ist nicht Zeugnis der Geschichte menschlicher Frömmigkeit, menschlicher Religion. Das haben wir jetzt 200 Jahre lang gesagt und gehört, und 2. aus diesem Irrtum entsprang die fatale Unterscheidung in der Rangordnung des Alten und des Neuen Testamentes. Die ganze seltsame Ausscheidung des Alten Testamentes, oder doch dessen Herabsetzung und Abwertung, geht darauf zurück, dass man in der Bibel Zeugen menschlicher Frömmigkeit reden zu hören glaubte von ihren Erlebnissen und Erfahrungen. Die Kirche hört hier Zeugnis von denen, die das Wort gehört haben, gehört, gesehen und betastet [vgl. 1.Joh. 1,1]. Zeugen des Wortes Gottes, Zeugen Jesu Christi, und zwar Mose und die Propheten wie die Apostel. Erst beide sind das ganze Zeugnis, Altes und Neues Testament miteinander. Im Alten Testament das Zeugnis von dem kom|33menden, im Neuen Zeugnis von dem gekommenen Herrn. So hört die Kirche Gottes Wort: Jesus Christus. Er ist ihr immer wieder der Kommende und immer wieder der Gekommene! Und beides lässt sich nicht trennen. Nur in diesen zwei Worten lässt sich dieses Eine sagen. Die Kirche lebt «zwischen den Zeiten» (wenn ich dieses verklungene Wort45 hier noch einmal aufnehmen darf). Altes und Neues Testament, eines weist auf das andere hin, und wer das eine abtrennen möchte, hat auch das andere verloren.

3. Die Kirche lebt durch die freie Gnade des heiligen Geistes... In der «Ablehnung» dieser These möchte ich den Versuch verstehen, als sei es Sache der Kirche, aufzuzeigen, dass es auch heute im Raume der Kirche und der Welt, im Raume der Völkergeschichte Offenbarungen gibt, ein Wirken Gottes. Das kann nicht Aufgabe der Kirche sein, weitere |6| Offenbarungen Gottes aufzuzeigen. Sondern die Kirche verkündigt die eine Offenbarung, die bezeugt ist in der heiligen Schrift. Die Kirche hat nicht die Aufgabe, die Prophetin zu spielen. Sie hat sich an das in der heiligen Schrift vorliegende Zeugnis zu halten und sie hat mit dieser Auslegung dem Worte Gottes, das gewiss auch heute gesprochen werden soll, zu dienen. Sie würde aber etwas ganz Anderes tun, wenn sie sich heute hinstellen wollte und sagen: Da, da in diesem oder diesem Geschehen, da hat sich Gott offenbart. Da müsste der Pfarrer ein Prophet sein, das ist er nicht. Sondern er ist ganz schlicht Theologe und hat als solcher das Wort der Schrift auszulegen. |35 Ich gestehe, dass ich hier nicht nur an die D. C. denke, sondern auch an jene Bewegung, die vielleicht bald auch bei uns weiterhin bekannt wird, als sie es heute ist, an die sogenannte Oxfordbewegung. Sie geht davon aus, dass die Apostelgeschichte nicht abgeschlossen ist, sondern ihre Fortsetzung erlebt in den Erfahrungen und Erlebnissen und Zeugnissen gläubiger Menschen. Diese haben das Thema der Verkündigung der Kirche zu bilden oder sind doch ein Teil dieser Verkündigung.44 Dazu ist zu sagen, dass die Kirche allein und ausschließlich hinzuweisen hat auf das Wort Gottes in der heiligen Schrift. Und sie sollte dann nicht Angst haben, so nicht zur Gegenwart zu reden. Sie sollte das dem Worte Gottes überlassen! Wenn sie wirklich hört, dann wird sie auch das Wort finden für unsere Zeit. Während die Prophetlein, die diese Zeit deuten wollen, an ihm vorübergehen.

In der Diskussion taucht natürlich die Frage nach Rö. 1,20 auf. D. Hesse49  würde als Überschrift des Abschnittes lieber sehen: Die Kirche unter dem Worte Gottes. Ein Anderer möchte im ersten Satz der 1. These einfügen: hat ihren Ursprung «aus dem Willen Gottes»... Der gewichtigste Einwand wird von P. Ibeling-Düsseldorf46 vertreten. Er verweist auf Calvins Institutio 📖, die beginne mit einer cognitio Dei creatoris47 , und vertritt im weiteren Verlauf seiner Rede die Gegebenheit eines «Anknüpfungspunktes» (Barth: Ssssss!!). Er verweist ferner auf die Propheten, die doch auch die Geschichte ihres Volkes gedeutet hätten, und stellt die Frage, ob die Theologen denn heute nur Exegeten zu sein hätten. – Schließlich legt ein Pfarrer noch ein Wort ein für die Heidenmission, in der doch sichtlich noch Offenbarungen Gottes gegeben seien, die man aufzeigen könne. –

Barth beantwortet zunächst einen kurzen, sehr heftigen Einwurf, der den eben genannten voranging und der wesentlich in einer Anklage gegen den Pietismus bestand. – Barth: Ich glaube, wer meine Vergangenheit kennt, der weiß, dass ich in diese Richtung schon viele Pfeile geschossen habe.50 Ich habe es nicht für nötig gehalten, das heute auch wieder zu tun. Vielleicht gehört diese Front auch zu den veralteten Fronten. Das, was gegen den Pietismus zu sagen ist, ist genau auch heute zu sagen. Denn implizit ist der Pietismus na|37türlich auch bei den D. C. vorhanden. Aber ich würde es nicht für sinnvoll erachten, diesen Schlag noch einmal zu schlagen. – Zu D. Hesse: Ich möchte darum bitten, die Überschrift doch nicht abzuwandeln, weil es in der gegenwärtigen Situation auf konkrete Konfrontationen ankommt. Vom Wort Gottes sprechen die D. C. auch. |7| Vom Willen Gottes muss hier nicht besonders gesprochen werden. Das Wort Gottes ist ja der Sohn Gottes, darum [ist] Kirche des Wortes identisch mit Kirche Gottes. –

Und zu dem Verweis auf Rö. 1 und Calvin kann ich nur sagen: Achtung! Gewiss, ich höre, ich höre. Aber wenn wir jetzt hier nachgeben würden, dann ließen wir den Feind zur offenen Türe wieder herein. Es steht doch m. E. bei Paulus und bei Calvin nicht so, dass bei ihnen die Kirche bezogen würde auf zwei Offenbarungsquellen. Und darum geht es mir. Gewiss, es finden sich bei Paulus und bei Calvin Erwähnungen einer natürlichen Gotteserkenntnis, aber wenn sie verkündigen, dann nicht aus dieser Erkenntnis. Den «Anknüpfungspunkt» bestreite ich.54 Denn dann ist die natürliche Erkenntnis als zweite Offenbarungsquelle wieder auf dem Plan, wenn wir sagen, wir Menschen haben eine Möglichkeit Gott zu erkennen. Es kann keine Frage sein, dass Luther und Calvin und Zwingli diese Frage noch nicht so scharf gesehen haben. Man findet bei Luther und bei Calvin manche Stellen, wo sie ganz harmlos von einer natürlichen Erkenntnis sprechen. Man kann nur feststellen: sie machen in ihrer Theologie keinen Gebrauch davon. Wer sich daher für eine natürliche Gotteserkenntnis auf die Reformatoren berufen möchte, dem ist zu sagen: Macht einmal diesen sauberen Gebrauch bzw. völligen Nicht-Gebrauch von dieser Sache, wie die Reformatoren getan haben!! Ich will es offen aussprechen, dass meine Erklärung hier an diesem Punkt eine Verschärfung bedeutet gegenüber den Reformatoren. Aber nach den fatalen 400 Jahren, die hinter uns liegen, haben wir wahrhaftig Grund dazu. – Sie sagten weiter: Sollen die Prediger denn nur Exegeten sein? Wären wir nur wirklich «nur» Exegeten!! Nicht Exegeten im leeren Raum, sondern wirkliche Exegeten, heute, in Deutschland inmitten aller Fragen und Nöte, Exegeten, die deutsch sprechen, aber wovon deutsch sprechen? Von dem in der heiligen Schrift bezeugten Wort Gottes. Ich habe keine Angst um die Aktualität dieses Wortes, aber ich habe Angst, wenn der Prediger sein Auge und sein Ohr teilt, dass dann das Ganze verlorengeht.

Und nun noch ein Wort zur Heidenmission: Da muss ich allerdings sagen, ich habe auch die Heidenmission gemeint. Gerade in der Missionspropaganda – also vielleicht mehr in der Heimat als draußen – ist oft genug geredet worden, als sei die Mission eine Fortsetzung der Apostelgeschichte. Und gerade |39 die Mission müsste sich immer wieder sagen: es gibt nur eine heilige Schrift, die man nicht durch «Traktätchen» erweitern kann.53 Was Paulus und Barnabas getan haben, bleibt immer etwas ganz Anderes, qualitativ Anderes, als was auch die besten Missionare heute tun können.

III. Die Kirche in der Welt .

Dieser Abschnitt ist die andere Seite des vorangehenden. Die Kirche bekennt sich zur Welt, zur Not der Welt. Sie ist nicht im leeren Raum. Aber sie bekennt sich zur Welt in einem ganz bestimmten Sinn. Nicht weil sie auch Welt ist. Sie ist Kirche. Sie bekennt sich zur Welt, weil Jesus Christus sich zur Welt bekannt hat. Darum, nicht weil sie mitmachen wollte in der Welt, getragen und bewegt von den Bewegungen dieser Welt. Nicht weil sie im Volk drinsteht, nicht weil sie in Deutschland ist, nein, sondern weil sie Auftrag hat. Was sie in der Welt sieht, ist Not. Sie weiß, dass diese Welt verloren ist. Und darum kann sich die Kirche ihren Gesetzen nicht unterwerfen. Indem sie |8| in der Welt ist, wartet sie auf eine neue Welt, eine neue Erde und einen neuen Himmel [vgl. 2.Petr. 3,13; Jes. 65,10]. Das ist ihr «Teilnehmen» an der Welt. Sie ist in der Welt, ganz und gar in der Welt, aber mit einem besonderen Auftrag und einer besonderen Hoffnung. – |

In der «Ablehnung» soll nicht bestritten werden, dass es Güte gibt in dieser Welt. Aber diese Güte ist nicht die Güte Gottes, nicht seine |41 Autorität, sondern die Güte des Menschen. Vorbehaltloses Vertrauen und vorbehaltlosen Gehorsam darf diese Güte nicht beanspruchen.

2. Die Kirche weiß darum, dass diese Welt nicht sich selber überlassen ist, sondern indem Kirche da ist, muss in die Welt hineingesprochen werden auf Anordnung göttlichen Befehls. Nur von hier aus kann etwas über die Welt ausgesagt werden. Weil es einen Apostel Paulus gibt, darum kann Rö. 13 geschrieben stehen vom römischen Staat, darum gibt es eine Ordnung unseres öffentlichen Lebens. Weil es Kirche gibt, weil es Wort Gottes gibt und weil Jesus Christus sich dieser Welt angenommen hat, darum gibt es eine Völker- und Weltgeschichte. Gottes Befehl und Gottes Geduld sind wirksam im Raum des Menschen. Es gibt einen Befehl, eine Ordnung, eine Leitung, und darum begleitet die Kirche die Welt auf ihrem ganzen Wege. Der Mensch wird beim Wort genommen von Jesus Christus, und es gilt für ihn, dass es, wenn er in seinen Grenzen bleibt, auch in dieser Welt Gehorsam gibt. Und darum begleitet die Kirche die Welt mit ihrer Fürbitte. Das ist der eigentlich entscheidende Akt, den die Kirche tun kann: beten für die Welt, rufen, schreien zu Gott, dass er sich bekenne zu dem, was der Mensch in seiner Schwachheit versucht, mit der Erinnerung an Gottes Reich, Gesetz und Gericht. Der Raum des Menschen ist umgeben von dem großen Raum des Reiches Gottes. Was in seinem Raum geschieht, eilt dem Gericht entgegen. – Und über das hinaus begleitet die Kirche den Raum der Welt mit einer neuen Hoffnung.– –

43 Mit der «Ablehnung» soll abgelehnt sein die Ansicht, als sei die Welt von sich aus auf dem Wege, sich herauszuhelfen, sich zu stützen auf die Schöpfungsordnung, als ob das möglich wäre. Es kann nur darum gehen, dass die göttliche Geduld uns hält, umgibt und leitet.

3. Die Kirche hat sich selber treu zu sein. Sie ist auch der Welt am treusten, wenn sie sich selber treu ist. Nicht «Brüder, bleibt der Erde treu!»55, und auch nicht Angst vor dem Vorwurf, die Kirche desolidarisiere sich von den Interessen des Volkes, des Staates. Es geht nicht darum. Sondern gerade, wenn die Kirche sich treu ist und in der Welt ganz und gar nur Kirche sein will, dient sie dem Volk und dem Staat. Sie würde nicht dienen, sie würde antinational sein, wenn sie nationalistisch sein wollte! Nein, die Kirche hat sich nicht zur Verfügung zu stellen. Nicht aus Ablehnung und Gleichgültigkeit, sondern gerade für das Volk und für den Staat hat die Kirche ganz und gar Kirche zu sein. –

Diskussion fällt wegen der beschränkten Zeit aus.

45 IV. Die Botschaft der Kirche .

1. Es geht mir hier vor allem darum: der Auftrag der Kirche besteht darin, dem Wort (= Werk) Gottes zu dienen. Also die Kirche hat mit dem, |9| was sie zu tun hat, nicht an die Stelle Gottes zu treten, die Kirche kann nicht «dynamisch» wirken wollen. Das hat ja auch in diesem letzten Jahr eine so unheimliche Rolle gespielt, dass man der Kirche Dinge zumuten wollte, die sie mit dem besten Willen nicht erfüllen konnte, sie müsste denn eine «Dämonenkirche» sein. Lebenskräfte entwickeln!!56 Gewiss, das kann man. Es geht (wir wissen das alle ein wenig), aber es wird dann auch danach!! Aber es gibt eine andere Haltung, und sie muss die Haltung der Kirche sein, ganz abgesehen von aller Dynamik und allen Dämönlein! Auf ehernen großen Tafeln steht es geschrieben, und die Kirche hat es laut nachzubuchstabieren. Dazu bedarf sie keiner Dynamik! Da hat sie nichts zu «wirken», sondern nur abzulesen, zu hören und nachzusagen. Es geht um die Verkündigung der Gnade Gottes. Es geht nicht um eine Vergottung des Menschen, nicht um das Hervorrufen einer Lebensbewegung (gewiss, es kann auch solche Lebensbewegungen geben. Der liebe Gott ist kein Pedant und erlaubt uns Manches! aber wir sollen ja nicht meinen, dass die Botschaft darin bestehe!). Sondern im Gegenteil: wo solche Lebensbewegungen sprießen, da ist sicher immer größte Vorsicht geboten.57 Die Gnade ist die Gnade Gottes. Und Alles, was gemeint sein kann, wenn wir Bewegung und wenn wir Dynamik sagen, das liegt beschlossen in seinem Wort und im Glauben an dieses Wort. Und nun soll es ganz und gar nicht darauf ankommen, dass |47 etwas gemacht wird und etwas geschieht, sondern ganz und gar nur darauf, dass Gott etwas tut. Dienen und nicht wirken wollen soll die Kirche. Gnade und nicht Weltbewegung!

2. In diesem Satz ist hervorzuheben «sich unserer» annimmt und «für uns Knecht geworden.» ... Jesus Christus für uns! Da kann die Frage gar nicht aufkommen: Muss ich jetzt auch noch etwas tun? Es ist Alles getan. In Christus ist dein, mein, unser Leben in den Tod gegeben und ist dein, mein, unser Leben an das Licht gebracht [vgl. 2.Tim. 1,10]. Gnade heißt Jesus Christus. Und die Verheißung, die in diesem Namen liegt, ist uns zugesagt. Es ist Gnade, freie Gnade. Damit [ist] abgelehnt, dass sie in moralischen oder religiösen Vollkommenheiten bestehe. Gewiss, der Mensch darf sich rühmen, aber unter keinen Umständen einer eigenen Sache, sondern nur im Blick auf den, der ihn gerettet und gerecht gemacht hat.

49

3. Was bedeutet das für den Menschen? Die Gnade bedeutet für ihn Rechtfertigung und Heiligung (Calvin!)58 im Wunder des Glaubens. Der Glaube ist ein Wunder wie die Hochzeit zu Kana [vgl. Joh. 2,1–11] oder die Auferstehung Jesu Christi. (Also gerade kein Anknüpfungspunkt, Herr Pastor Ibeling!!61) Rechtfertigung und Heiligung ist ein Wunder. Rechtfertigung und Heiligung, Gesetz und Evangelium, Glaube und Gehorsam dürfen nicht als zwei Dinge angesehen werden, die aus verschiedenen Quellen kommen.59 Man kann nicht von Gnade sprechen, ohne auch des Anspruchs zu gedenken, und man kann das Gesetz nicht anderswoher ableiten als die Gnade (also nicht etwa der Nomos des Volkes!60 ). Das Gesetz wird nur gehört mit dem Evangelium. Auf dem Sinai wurde nicht etwa nur das Gesetz erlassen, es wurde auch der Bund geschlossen [vgl. Ex. 20; 24,1–11]. Eine Auf|51spaltung von Gesetz und Evangelium kann es nicht geben. Hier habe ich eine ernste Sorge gegenüber den lutherischen Brüdern. Sogar bei Vogel62 fällt das Problem der Heiligung unter den Tisch. Aber ich glaube, darüber würde sich reden lassen.

In der «Ablehnung» dieser These hatte ich die Tatsache im Auge, dass hinter der Theologie der D.C. die Theologie Karl Holls steht.63 Grob gesagt, läuft seine Rechtfertigungslehre darauf hinaus, dass der Mensch in seinem Leben erzogen wird, um am Ende seines Lebens dazustehen als einer, der sterbend verwirklicht, was Gott aus ihm gemacht hat.64 Das ist nicht die Rechtfertigungslehre von Paulus und den Reformatoren! Rechtfertigung ist das Wunder der Gerechtsprechung des Gottlosen.

Und endlich auch unsere Heiligung ist Gnade. Wenn wir begreifen: Gesetz |10| und Evangelium kommen aus einer Quelle, dann werden wir davor bewahrt sein, den Menschen doch wieder als einen einzusetzen, der sein Schicksal selber in die Hand nehmen kann!

53

4. Endlich ist darauf hinzuweisen, dass das ganze Leben des Menschen umgrenzt ist von der Erwartung der Erlösung durch den kommenden Herrn. Unser Leben ist nicht ein in sich abgeschlossenes, sondern ein Leben im Warten auf den Herrn und also ein Leben in Hoffnung auf ihn und in Furcht vor ihm. Wir haben keine Möglichkeit, «Burgen» aufzurichten, in die wir uns vor ihm flüchten könnten. Was hat das in unserer Zeit für eine Rolle gespielt, dieses Trennen der Gebiete und dieses Errichten von Bezirken, die sich überlassen seien. So kann man nicht denken, wenn man weiß: alle Zeit eilt der Ewigkeit entgegen, oder besser: allem Zeitlichen kommt Gottes nahes Reich entgegen. Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde [vgl. Jes. 65,17; Apk. 21,1]. Wenn man das weiß, wie anders wird dann das Leben aussehen. Dann ist überall Furcht, aber auch überall Hoffnung, und ein letztlich gültiges Wort ist dann nur das Wort, das Gott gesprochen hat.

V. Die Gestalt der Kirche .

55

[1.] Jetzt kommen wir auf Dinge, die uns Reformierten besonders zu schaffen machen. Der Irrtum, dass die Kirche ihre zeitliche und sichtbare Gestalt aus eigener Willkür oder äußeren Notwendigkeiten empfange, beruht auf dem Irrtum, die Kirche sei ein Verein. Ein sehr hoher, sehr edler, aber eben doch ein Verein! Und da kann dann verlangt werden, dass die Kirche sich auch den Gesetzen, die für Vereine gelten, unterwirft, kann m. a. W. verlangt werden, dass sie sich – gleichschaltet. Das Evangelium bleibt ja trotzdem frei. Wie oft haben wir das in diesem Jahr zu hören bekommen, am lautesten und pathetischsten von H. M. Müller!!65 Die Kirche ist aber kein Verein, sondern die sichtbar-zeitlich gestaltete Wirklichkeit als Kirche Jesu Christi. Sie ist die vom Herrn selbst berufene Gemeinde Jesu Christi, und als solche steht sie mitten in der Zeit und mitten im heutigen Deutschland. Sie darf sich das nicht bagatellisieren lassen. Alles hängt daran, dass Rechtfertigung und Heiligung hier nicht auseinandergerissen werden. Auch als Gestalt hört die Kirche auf göttlichen Befehl. –

57

2. Jesus Christus ist der Herr der Kirche. Das ist der grundlegende Satz für die Kirche. Die Gemeinden haben einzeln und in ihrer Gesamtheit die Verantwortung für die Geltung dieses Satzes. Nicht von einem Recht der Gemeinden ist da die Rede. «Ihr Recht» kann nur darin bestehen, dass sie sich verantworten vor dem Herrn. Verantworten dafür, dass der befohlene Dienst geschieht und dass er recht geschieht. Immer ist die Gemeinde und sind die Gemeinden aufgerufen, mit ihrem Tun Jesus Christus, dem Herrn der Gemeinde, Rechenschaft abzulegen. In dieser Verantwortung lebt die Kirche. Wo dieses geschieht, da ist die Kirche mitten in der Geschichte lebendig. Wo diese Verantwortung getragen wird, da ist Kirche. Und diese Verantwortung darf der Gemeinde nicht von einem «Führer» abgenommen werden. Ich habe absichtlich nicht gesagt «Bischof». Weil mir hier alles anzukommen scheint auf den Begriff des Führers. Wer «Führer» sagt in der Kirche, der stellt zwischen die Gemeinde und den Dienst, der von ihr zu leisten ist, eine dritte Instanz. Dieser Platz |11| ist aber ein Thron, der leer bleiben muss in der christlichen Kirche. Wird da ein Führer hingestellt, so ist Jesus Christus entthront. Es darf in keinem Sinn (ob geistliches Ministerium oder Bischof, ob General-Synode oder Nationalsynode67) in der christlichen Kirche eine Instanz geben, die nicht indirekt die Gemeinde selber ist, so wie man dies vom Presbyterium und den alten Synoden sagen konnte. Sie sind der Dienst der Kirche. Eine Kirchengewalt aber im engeren Sinn greift |59 die Substanz der Kirche an. Und diese Frage kann nicht reformierte Sonderlehre sein, sondern an dieser Frage entscheidet sich Alles. Es tröstet mich zu wissen, dass auch verständige Lutheraner (Vogel!) den «Bischof» nicht auffassen im Sinne des «Führers».68 So kann es dann leicht geschehen, dass der Streit um den «Bischof» ein Streit um Worte wird. Unerbittlich muss man sein, wo der Bischof eingeführt wird als ein Meister, als eine Autorität der Kirche.66 Dieser Platz steht allein dem Herrn der Kirche zu. –

3. Wenn wir von der Einheit der Kirche reden, so müssen wir uns heute scheinbar – aber doch nur scheinbar – verteidigen gegen den Vorwurf der rationalistischen Gleichmacherei. Ein Missverständnis! Es gibt die Verschiedenheiten der Zeiten, Rassen, Völker, Staaten und Kulturen. Aber wenn wir von der Kirche Jesu Christi sprechen und von ihrer Einheit, dann sprechen wir von der Einheit Gottes selber in seinem Wort. Und es geht nicht an, den Verschiedenheiten, die es freilich gibt, auch verschiedene Offenbarung zuzusprechen. Das Pathos der Deutschheit,69 es hat an dieser Stelle nichts zu sagen! Es kann sich nicht berufen auf ein Wort Gottes. (Die so viel zitierte Stelle «Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche» [vgl. 1.Kor. 9,20–22] steht |61 nämlich in Wahrheit sehr anders im N. T.!71) Dass ein Chinese ein Chinese und kein Deutscher ist, und dass ein Deutscher ein Deutscher und kein Chinese ist, nun ja, das soll man nur ganz ernst nehmen, aber deshalb zu sagen: es muss für jeden eine besondere Offenbarung geben, das geht nicht an. Damit bricht ein anderer Geist und ein anderer Gott ein.74 Dazu muss man Nein sagen. Sondern die rechte kirchliche Verschiedenheit steht und fällt damit, dass diese Verschiedenheiten vereinbar sind mit der Botschaft und Gestalt der Kirche. Alle diese Verschiedenheiten sind gemessen an diesem Maßstab, und wo man es sich leistet, etwas Besonderes zu sein, muss man sich diese Frage gefallen lassen, um sich unter Umständen zurückrufen zu lassen in die Einheit. – |

Selbstverständlich ist von hier aus die Ablehnung des Arierparagraphen70 für die Kirche, und zwar des Arierparagraphen in jeder Form, in jeder Form, auch in der leisesten Beschränkung für das Pfarramt! Wenn man nicht einen zweiten Gott zulässt in der Kirche, so wird man niemals zum Arierparagraphen kommen können.

63

4. Hier glaube ich nichts Anderes gesagt zu haben als was Rö. 13 steht. Die Aufgabe von Staat und Kirche ist eine verschiedene, weder kann und darf die Kirche dem Staat die seinige abnehmen, noch umgekehrt. Die Kirche hat ihrer Botschaft und Gestalt treu zu sein. Sie ist gebunden an ihren Auftrag. Damit ist abgelehnt die Ansicht, als sei der Staat die höchste, einzige, totale Form geschichtlicher Wirklichkeit.72 Wir wären stumme Hunde [vgl. Jes. 56,10], wenn wir das auf einer freien reformierten Synode heute nicht aussprechen, wenn wir ein Bekenntnis aufstellen würden, das hier schweigt zu einer Irrlehre, die nicht nur von Theologen, sondern zum Teil auch von der Obrigkeit selbst vertreten wird. Wenn die Obrigkeit Theologie treibt, dann müssen wir das Wort ergreifen (auch wenn das vielleicht «gefährlich» ist!). Der Staat kann nicht den ganzen Menschen mit Beschlag belegen und der Staat kann nicht die Botschaft und Gestalt der Kirche bestimmen, sondern wenn der Staat das tut, dann tritt neben Rö. 13 das Andere: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen [Act. 5,29]. Wenn dies unsere Erkenntnis ist, dann muss es auch unser Bekenntnis sein. –x

Textkritische Fußnoten

b
Handschriftliche Stichworte Barths zur Einleitung: «Vorlage nach Auftrag: 1. nicht / Bekenntnis sondern Erklärung / zu den Bekenntnissen 2. nicht / vollständ[ige] Glaubenslehre und Polemik, / sondern: die Sache d[er] Kirche heute. / 3. Kirche / (I Problem, II–III Gesetz, IV–V Ordnung)».↩
c
Handschriftliche Stichworte Barths zu These I.1: «1933 … Wort Gottes u[nd] nicht Kairos30 / Buße – D. C. nur Ausbruch». Darunter: «Irrtum (an der Wahrheit!) / Eigenmächtigkeit über … darin / heimlich: eigene Off[en]­b[arung] / eigene Göttlichkeit / Gott ist nicht Gott / Entwicklung seit 170­0». ↩
d
Handschriftliche Stichworte Barths zu These I.2: «Alter Irrtum: Kirche u[nd] Geist / als Interpretatores perseipse [?] / Ref[ormation]: Wort und h[ei]l[iger] Geist über / Kirche u[nd] Geister / Orthodoxie der D. C. / und der J[ungreformatorischen] B[ewegung] / ‹Häresie›-Vorwurf auch über große [?] / Entschiedenheit. Altes Bekenntnis / aber [?] …». Weiter unten: «‹Frieden› nur möglich in Wahrheit».↩
e
Handschriftliche Stichworte Barths zu These I.3: «Verschiedenheiten sind da, aber / auch ein Herr. Verantwortungen / bleiben, aber auch gemeinsamer Dienst / Aufruf?… Ref[ormation]!!». ↩
f
Mit Blick auf den Kontext und die Parallelüberlieferung wird hier zu lesen sein: «Glaubensgegensatz».↩
g
Handschriftliche Stichworte Barths zu These II.1: «Andere Meister? / Gottheit Xi [= Christi] u[nd] Menschheit Xi / Sünde – Gnade / Kirche hört ein Wort». ↩
h
Handschriftliche Stichworte Barths zu These II.2: «Schrift Zeugnis von Off[en]b[arung] / Gewissheit: er kommt – er / ist gekommen / Dieses eine Volk ist die Kirche[:] / Israel, das X [= Christus] kreuzigt = die / Gemeinde d[es] Auferstandenen». – Zur Ablehnung: «Bestreitung des AT ist / Leugnung d[er] Gottheit und der / Menschheit Jesu».↩
i
Handschriftliche Stichworte Barths zu These II.3: «Aufgabe d[er] Kirche: eine / nicht Geschichtsdeutung / Prophetie kann nur / Exegese sein im Gehorsam / D. C. und Oxford». ↩
j
Handschriftliche Stichworte Barths zu These III.1: «Solidarität / Gehorsam / Hoffnung / Güte u[nd] Eigengesetzlichkeit / der Welt keine gewissen / Erkenntnisse. / Vertrauen u[nd] Gehorsam gelten / d[er] Barmherzigkeit Gottes».↩
k
Eingefügt nach Barths Typoskript.↩
l
Handschriftliche Stichworte Barths zu These III.2: «Welt nicht sich selbst überlassen / Weil Wort gesprochen / Gottes Befehl u[nd] Geduld macht / Welt möglich». – Darunter, durch eine Klammer verbunden: «Anerkennung / Fürbitte / G[ottes] Reich / Hoffnung». – Darunter, neben der Ablehnung: «Welt nicht aus sich selbst auf dem Weg der Erlösung».↩
m
Handschriftliche Stichworte Barths zu These III.3: «Kirche ist der Welt treu, / indem sie sich selber treu / ist». – Darunter, neben der Ablehnung: «Wäre untreu!»↩
n
Handschriftliche Stichworte Barths zu These IV. 1: «dienen, nicht wirken / Gnade, nicht Welt- / entwicklung». ↩
o
Handschriftliche Stichworte Barths zu These IV. 2: «‹sich annimmt› / für uns».↩
p
Handschriftliche Stichworte Barths zu These IV. 3: «Rechtf[ertigung] und Heil[igung]». ↩
q
Handschriftliches Stichwort Barths zu These IV. 4: «Erwartung».↩
r
Handschriftliche Stichworte Barths zu These V. 1: «sichtbar – unsichtbar». ↩
s
Eingefügt nach Barths handschriftlicher Verbesserung seines Typoskripts.↩
t
Eingefügt nach Barths handschriftlicher Verbesserung seines Typoskripts.↩
u
Handschriftliche Stichworte Barths zu These V. 2: «Gemeinde / Verantwortung». ↩
v
Handschriftliche Stichworte Barths zu These V. 3: «Einheit / durch / Herrschaft Xi [= Christi]».↩
w
Zu These V. 4. hat Barth keine Stichpunkte notiert. ↩
a
Im Typoskriptdurchschlag folgt in Ch. von Kirschbaums Handschrift: «Protokoll der Ausführungen von Karl Barth auf Grund der Thesen (nicht wörtlich!)». Das Original des Typoskripts trägt neben der Überschrift oben links ihren handschriftlichen Vermerk: «Protokoll, nicht wörtlich!»↩
x
Das Typoskript endet hier mit einem lang gezogenen Schlussstrich; die noch folgende Aussprache wurde nicht mehr dokumentiert.↩

Sachfußnoten

1
Siehe unten, S.65-83. ↩
2
Zur Vorgeschichte der Synode vgl. W. Niesel, Kirche unter dem Wort. Der Kampf der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union 1933–1945 (AGK.E 11), Göttingen 1978, S. 19f. 📖; ­Lekebusch, S. 80–86. 📖 ↩
3
Der Coetus reformierter Prediger – die den kirchenleitenden Gremien gegenüber kritisch bis oppositionell eingestellte Bruderschaft reformierter Pfarrer – war am 13. Oktober 1933 in Elberfeld gegründet worden (vgl. ­Lekebusch, S. 57–78 📖). ↩
4
Siehe unten, S. 84. ↩
5
Über die genauen Verabredungen sind im Karl Barth-Archiv keine Unterlagen erhalten. Angesichts der knappen Zeit dürften sie telefonisch getroffen worden sein. Ein erster Hinweis auf die notwendig gewordene Arbeit an einer «Bekenntnisformulierung» findet sich im Brief Barths an W. Jannasch vom 23.12.1933 (s. unten, S. 88, Anm. 27). ↩
6
So formuliert im Einladungsschreiben, zitiert nach RKZ 83 (1933), S. 410. ↩
7
Zahlenangaben nach dem Wortlaut des Synodalbeschlusses (s. unten, S. 82). Eine – allerdings nicht vollständige – Liste der Mitglieder findet sich in: Handbuch der deutschen evangelischen Kirchen 1918 bis 1949. Organe – Ämter – Verbände – Personen, Bd. 1: Überregionale Einrichtungen, bearb. von H. Boberach (†) / C. Nicolaisen / R. Pabst (AKZG.A 18), Göttingen 2010, S. 147–151. 📖 ↩
8
Karl Immer (1888–1944), 1927–1944 Pfarrer in Barmen-Gemarke (am 15.3.1934 in den einstweiligen Ruhestand versetzt), Begründer und Vorsitzender des Coetus reformierter Prediger, seit Mai 1934 Mitglied des Reichsbruderrates der Bekennenden Kirche. ↩
9
Wilhelm Kolfhaus (1870–1854), 1920–1940 Pfarrer in Vlotho, 1930–1936 Schriftleiter der RKZ, Mitglied des Moderamens des Reformierten Bundes. ↩
10
Vgl. Freie reformierte Synode zu Barmen-Gemarke am 3. und 4. Januar 1934. Vorträge, Verhandlungen, Entschließung, im Auftrag des Coetus reformierter Prediger Deutschlands hrsg. von K. Immer, Wuppertal-Barmen-Wichlinghausen 1934, S. 5–12. 📖 Siehe auch den Bericht von H. Graffmann, Die freie reformierte Synode in W.-Barmen, in: RKZ 84 (1934), S. 13f. 📖 ↩
11
Vgl. das Programm der Synode (RKZ 83 [1933], S. 410). ↩
12
Wilhelm Niesel (1903–1988), seit 1930 Hilfsprediger und Studieninspektor am Predigerseminar in Elberfeld, 1930 bei Barth promoviert. ↩
13
Vgl. Freie reformierte Synode (Anm. 10), S. 34–48. 📖 ↩
14
Siehe unten, S. 82, den Wortlaut des Beschlusses. ↩
15
Siehe unten, S. 84-110. ↩
16
Demgemäß endet auch die Dokumentation der Synode mit der Entschließung (vgl. Freie reformierte Synode [Anm. 10], S. 48 📖). ↩
17
Zum zeitlichen Ablauf der Reise vgl. Bw.Th. III, S. 565. 📖 ↩
18
Siehe unten, S. 84-110. ↩
19
Brief Ch. von Kirschbaums an E. Küppers vom 27.12.1933 (KBA 9233.386). ↩
20
Siehe unten, S. 66. ↩
21
KBA 10064.↩
22
Brief Immers an Barth vom 20.1.1934 (KBA 9334.112), in dem er zu Funke notierte: «z. Zt. Domkandidatenstift in Berlin». – Vermutlich handelt es sich beim Verfasser der Mitschrift um Emil Eugen Funke (1908–1947), der zwischen seinen 1932 und 1935 in Münster abgelegten theologischen Examina u. a. Vikar in Siegen und am Domkandidatenstift in Berlin war und am 30. Juni 1935 in Emden ordiniert wurde. ↩
23
Vgl. K. Immer, Die Briefe des Coetus reformierter Prediger 1933–1937, hrsg. von J. Beckmann, Neukirchen-Vluyn 1976, S. 24. 📖 ↩
24
Vgl. J. Beckmann, Rheinische Bekenntnissynode im Kirchenkampf. Eine Dokumentation aus den Jahren 1933–1945, Neukirchen-Vluyn 1975, S. 89. 📖 ↩
25
KBA 11056. Das Original (KBA 11056.1) trägt auf der ersten Seite oben links den handschriftlichen Vermerk Charlotte von Kirschbaums: «Protokoll, nicht wörtlich!». ↩
26
Am 8.1.1934 schrieb Barth an E. Thurneysen: «Du bist durch Lollos Protokoll wenigstens über meine Tätigkeit an der ‹Freien Synode› am 4. Januar unterrichtet» (KBA 9270.613; Bw.Th. III, S. 571 📖; ebd., Anm. 4, bedarf insofern der Korrektur). ↩
27
Siehe oben, Anm. 10. ↩
28
Siehe unten, S. 65-83.↩
29
Im Vorfeld der Synode war die Frage nach dem Status der beabsichtigten Erklärung kontrovers diskutiert worden. Der Offenbacher Pfarrer Wilhelm Boudriot (1892–1948) etwa hatte sich entschieden gegen einen Bekenntnistext ausgesprochen. Am 29. Dezember 1933 schrieb er an den Moderator des Reformierten Bundes, Albert Lang: «Unser Frankfurter Arbeitsausschuß, der ein ganz bedeutendes reformiertes Gebiet umfaßt, lehnt unbedingt diese Wuppertaler Bestrebungen nach ‹neuen› Bekenntnissen ab» (LKA Detmold, Depositum Reformierter Bund, Nr. 40; zur Haltung Boudriots vgl. ­Lekebusch, S. 85f. 📖).↩
30
Zur Kritik Barths am «Kairos»-Begriff und speziell an seiner Anwendung auf die Ereignisse des Jahres 1933 vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 318, Anm. 112 📖. Siehe auch unten, S. 227f. ↩
31
Mit den Zeitangaben «1700» oder auch «vor 200 Jahren» pflegte Barth auf den theologischen Umbruch zum Neuprotestantismus anzuspielen; vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 32, Anm. 49 📖.↩
32
Mit der Lehre und den Bekenntnissen der Deutschen Christen hatte sich Barth bereits 1933 in Theologische Existenz heute! (vgl. a.a.O., S. 320–330) 📖 und in seinen Gegenthesen zu den Rengsdorfer Thesen (a.a.O., S. 558–566) 📖 ausführlich auseinandergesetzt; der oben ausgeführte Gedankengang findet sich zudem bereits in der zweiten These von Kirchliche Opposition 1933. Grundsätzliches (a.a.O., S. 587) 📖.↩
33
Vgl. aus Strophe 1 des Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» von M. Luther (RG 32; EG 362) 🎵: «Der alt böse Feind, mit Ernst er’s jetzt meint; […]». ↩
34
Vgl. Strophe 4 des Volksliedes «Als wir jüngst in Regensburg waren» 🎵:
Schiffsmann, lieber Schiffsmann mein,
sollt’s denn so gefährlich sein?
Schiffsmann, sag’ mir’s ehrlich,
ist’s denn so gefährlich?
↩
35
Siehe unten, S. 72, Anm. i–i. ↩
36
Anspielung auf die zeitgenössische, seitens Deutscher Christen gängige Kritik an Barth und dessen Theologie (vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 543, Anm. 73 📖). ↩
37
Die Forderung nach Wahrung der «reformierten Belange» – d. h. nach Behauptung und Durchsetzung reformierter Interessen in den kirchenpolitischen Auseinandersetzungen des Jahres 1933 – spielte im Vorfeld der Synode eine erhebliche Rolle (vgl. ­Lekebusch, S. 84f. 📖). In einem auf die Entscheidungen der Synode hinzielenden programmatischen Aufsatz hatte Wilhelm Niesel unter anderem beklagt: «Wir haben es erlebt, wie von den strengen Lutheranern und den strengen Reformierten einer nach dem anderen in das Lager der ‹Deutschen Christen› hinüberging. […] Und wenn man das gerade nicht tat, so hielt man es für richtig, in diesen furchtbaren Monaten Belange des eigenen ‹Bekenntnisses› zu retten und zu erkämpfen, unter Umständen auch mit Hilfe der neuen häretischen Bewegung. Was heißt aber Bekenntnistreue, wenn man nur immer wieder ‹Belange› vertritt und zu diesem Zwecke sogar bereit ist, mit den Ungläubigen an einem Joche zu ziehen?» (W. Niesel, Bekenntnis oder Berechnung?, in: RKZ 83 [1933], S. 398–400, dort S. 399 📖).↩
38
Zu dieser Äußerung Luthers auf dem Marburger Religionsgespräch, die von Franz Tügel gegen Barth gewendet worden war (vgl. Fr. Tügel, Unmögliche Existenz! Ein Wort wider Karl Barth, Hamburg 1933, S. 47 📖), vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 546, Anm. 81. 📖 Siehe auch unten, S. 128, Anm. 21. ↩
39
Robert Ferdinand Sohnius (1870–1943), damals Pfarrer in Repelen. ↩
40
Heinrich Vogel (1902–1989), seit 1932 Pfarrer in Dobbrikow. – Barth bezieht sich ausweislich der Parallelüberlieferung auf H. Vogel, Acht Artikel evangelischer Lehre. Um der gegenwärtigen Irrlehre willen, den Verirrten zur Weisung, den Angefochtenen zum Trost, bekannt auf dem Grunde der Heiligen Schrift, Berlin 1933 📖 (auch in: Schmidt I, S. 80–89 📖). Auch Wilhelm Niesel lobte die Äußerungen Vogels und hob hervor, dass sie sich im Vergleich mit den sogenannten «Düsseldorfer Thesen» (Eine theologische Erklärung zur Gestalt der Kirche, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 249–259 📖) durch eine «Verwerfung der Häresie» auszeichneten (Niesel [Anm. 37], S. 400 📖).↩
41
Vgl. hierzu die einschlägige Aussage des Konzils von Chalkedon (DH 301) sowie Chr.Dogm., S. 245–268 📖; KD I/1, S. 419–470 📖. ↩
43
Joachim Hossenfelder (1899–1976), seit 1929 Mitglied der NSDAP, 1932 Mitbegründer und Reichsleiter der «Glaubensbewegung Deutsche Christen», 1933 Bischof des Bistums Brandenburg, im Dezember 1933 von allen Ämtern enthoben und in den Wartestand versetzt.↩
44
Im Spätsommer 1933 hatte Emil Brunner versucht, Barth durch die Teilnahme an einer Sitzung mit Mitgliedern der Oxford-Gruppenbewegung von den Zielen und Vorzügen dieser vom nordamerikanischen Theologen Frank N. D. Buchman (1878–1961) 1921 gegründeten Bewegung, die seit 1932 eine rege Tätigkeit auch in der Schweiz entfaltete, zu überzeugen; vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 607f., Anm. 32 📖; Bw.Brunner, S. 234–243 📖. Vgl. auch E. Thurneysen, Führung. Zur Frage der Geistesleitung, in: Die Furche 10 (1934), S. 83–102, dort S. 89 📖: «Diese Distanz zwischen dem Geschehen um die Propheten und Apostel herum und dem sonstigen Geschehen in der menschlichen Geschichte […] darf unter keinen Umständen verwischt oder relativiert werden. Daß diese Distanz immer wieder, auch in der christlichen Kirche nicht mehr recht gesehen und innegehalten wird, daß man […] die Geschichte aus der Oxford-Bewegung gelegentlich neben die Geschichten der Bibel gestellt hat, daß man es gewagt hat, Russells Buch ‹For Sinners only› eine ‹Fortsetzung der Apostelgeschichte› zu nennen: das ist schlechthin verkehrt.» Gemeint ist: A. J. Russell, For Sinners only, London 1932 📖; den Vortrag, der dem Artikel zugrunde lag, hatte Thurneysen bereits im April 1933 gehalten. ↩
46
Heinrich Ibeling, (1875–1948), Pfarrer in Düsseldorf, seit 1928 Vorsitzender der Niederrheinischen Predigerkonferenz. ↩
47
Das erste Buch der Institutio Calvins 📖 ist überschrieben: «De cognitione Dei creatoris». ↩
48
Vgl. J. Calvin, Homilia in primum librum Samuelis, CR 57 (= Calvini Opera 29), col. 233–CR 58 (= Calvini Opera 30), col. 734, dort: CR 57, col. 320 📖: «At confusa est et inanis est eiusmodi cognitio.»; a.a.O., col. 425: «unde conspicuum est, Deum etiam inimicorum suorum in medio ex suis operibus gloriam consequi: etsi confusa illa cognitio sit». Calvin spricht auch von «confusa notitia» (a.a.O., CR 57, col. 319; CR 58, col. 680; Inst. I,6,1 📖) oder «confusa scientia» (ders., Homilia in primum librum Samuelis, CR 57, col. 236). ↩
51
Heinrich Ködding, Pfarrer in Eberstadt bei Lich. ↩
52
Nach der Parallelüberlieferung war Röm. 1,20 angesprochen worden. ↩
53
Ausgeführt hatte Barth diesen Gedanken bereits in seinem Missionsvortrag von 1932: K. Barth, Die Theologie und die Mission in der Gegenwart, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 156–208, dort S. 191f. 📖↩
56
Von «dynamischem» Wirken der Kirche, von deren «Lebenskräften» oder «strömendem» Leben war besonders bei Theologen, die den Deutschen Christen nahestanden, die Rede. Vgl. etwa I. B. Schairer, Volk – Blut – Gott. Ein Gruß des Evangeliums an die deutsche Freiheitsbewegung, Berlin 1933, dort S. 201 📖: «Erst durch die Tätigkeit einer lebensvollen, blutwarmen Kirche werden ja die Bilde- und Bindegesetze des Volksseins wach und mobil. Wird das, was immer am Erstarren und Verselbsten stockt, aus der Sonderung, dem ‹An sich› neu und neu herausgerissen, herausgerufen und somit aktiviert, in Dynamik gesetzt. Nicht Menschengesetze, staatliche Gebote treten damit auf […]; sondern Gottesgesetze – sie allein sind dynamisch brauchbar. Die kirchliche Tätigkeit eines positiven, konstruktiven Christentums wird immer und immerzu die Kanäle und Adern göttlicher Bindigkeit offen halten, reinigen, daß alles Sein in ihnen ströme und so ‹Leben› werde» (im Exemplar Barths teils unterstrichen); a.a.O., S. 213: «Nicht das ‹Leben› des Volkes ist die rechte Kirche – bilde sie sich das ja nicht ein!, sondern nur der große Kanal, die Hauptschlagader, auf der vom Herzen der Welt gesundes Bundesblut dem ringenden, lechzenden Körper zuströme.» – In den ersten, von Joachim Hossenfelder verfassten Richtlinien der Deutschen Christen vom 26. Mai 1932 hieß es: «Wir wollen das wiedererwachte deutsche Lebensgefühl in unserer Kirche zur Geltung bringen und unsere Kirche lebenskräftig machen» (Schmidt 📖; vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 355f., Anm. 145). 📖↩
57
Vgl. K. Barth, Theologische Existenz heute!, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 271–363, dort S. 357 📖: «[…] die allermeisten ‹Bewegungen› hat wahrscheinlich der Teufel erfunden.» Zu den möglichen – aber durchweg negativ besetzten – Konnotationen des Wortes «Bewegung» bei Barth vgl. a.a.O., S. 357f., Anm. 212.↩
58
Vgl. Inst. III,1–19 📖. ↩
59
Vgl. Th.Calv., S. 219f. 📖; Th.ref.Bek., S. 158f. 📖 ↩
60
Zur Kritik Barths an Friedrich Gogartens positiver Aufnahme der auf Wilhelm Stapel (1882–1954; Publizist und Schriftsteller, Herausgeber der nationalkonservativen Zeitschrift «Deutsches Volkstum») zurückgehenden «Volksnomoslehre» (vgl. W. Stapel, Der christliche Staatsmann. Eine Theologie des Nationalismus, Hamburg 1932, S. 174–185 📖) vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 502, Anm. 40. 📖 ↩
62
Siehe oben, Anm. 40. ↩
63
Karl Holl (1866–1926), lutherischer Theologe und Kirchenhistoriker, dessen Forschungen über Luther und die Reformation maßgeblich die «Lutherrenaissance» der 1920er Jahre anregten (vgl. H. Assel, Der andere Aufbruch. Die Lutherrenaissance – Ursprünge, Aporien und Wege: Karl Holl, Emanuel Hirsch, Rudolf Hermann [1910–1935] [FSÖTh 72], Göttingen 1994, bes. S. 59–163 📖). Zu Barths Einschätzung über die Nähe der Deutschen Christen zu Holl in diesem Punkt vgl. H. M. Müller, Der innere Weg der Deutschen Kirche, Tübingen 1933, S. 71, Anm. 12 📖: «Neu zur Geltung kommt heute Karl Holl: durch das positive Verhältnis seiner Freunde und Schüler zu den D. C. Es hat seine Gründe, daß man von Luther her gedrungen ist, D. C. zu sein.» ↩
64
Barth hielt Holls Interpretation von Luthers Römerbriefvorlesung «für eine einzige Gewaltsamkeit»: «Holl hat ein Moment der Lehre Luthers, nämlich die Lebenserneuerung, die bei Luther gerade nicht den Ton hat, so gewiß sie auch nicht fehlt, stark betont in den Mittelpunkt gerückt, und er hat es mit der Frage der Rechtfertigung, nach dem Guten im Lebensakt des glaubenden Menschen, in eine Beziehung gebracht, die Luther, wenn er von dieser redete, genau so in Abrede gestellt hat, wie er es mit den guten Werken der Nicht-Wiedergeborenen oder mit jener ‹fides caritate formata› getan hat» (Ethik II, S. 37 📖; vgl. a.a.O., S. 35–42). Bei seiner Auseinandersetzung mit Holl bezog Barth sich in Ethik II vornehmlich auf: K. Holl, Die Rechtfertigungslehre im Licht der Geschichte des Protestantismus (SgV 45), Tübingen 1906, 2. verb. Aufl. 1922 📖; ders., Was hat die Rechtfertigungslehre dem modernen Menschen zu sagen?, Tübingen 1907 📖; ders., Die Rechtfertigungslehre in Luthers Vorlesung über den Römerbrief mit besonderer Rücksicht auf die Frage der Heilsgewißheit [1910], in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte, Bd. I: Luther, Tübingen 19232.3, S. 111–154. 📖↩
65
Hans Michael Müller (1901–1989), seit 1928 Privatdozent in Jena, 1933/34 theologischer Referent des zum Reichbischof gewählten Ludwig Müller. – Müller hatte einen ernsthaften Konflikt zwischen dem «Totalitätsanspruch ­des Evangeliums» und dem «Totalitätsanspruch des Staates» bestritten, um den kirchenpolitischen Kurs der NSDAP zu rechtfertigen (H. M. Müller [Anm. 63], S. 35 📖; Hervorhebungen getilgt). Müller zitiert eine «Verfügung […], die der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, am 14. Oktober 1933 erlassen hat»: «Kein Nationalsozialist darf irgendwie benachteiligt werden, weil er sich nicht zu einer bestimmten Glaubensrichtung oder Konfession oder weil er sich zu überhaupt keiner Konfession bekennt. Der Glaube ist eines jeden eigenste Angelegenheit, die er nur vor seinem Gewissen zu verantworten hat. Gewissenszwang darf nicht ausgeübt werden» (a.a.O., S. 36). Auf das «religiöse Gebiet», so Müller unter Berufung auf Punkt 24 des Parteiprogramms der NSDAP, wolle die «politische Gleichschaltung» nicht übergreifen (a.a.O., S. 38): «Eine Gleichschaltung der Kirchen, der innerchristlichen Bekenntnisse und der deutsch-völkischen Bestrebungen kommt nicht in Frage. Geistig-seelische Auseinandersetzungen sind für ein Volk lebensnotwendig, der Staat selbst sichert ihre Möglichkeit» (ebd.).↩
66
Zur Verwendung des «Führer»-Begriffs in der seit Frühsommer 1933 geführten Diskussion um das Bischofsamt in der zu gründenden Reichskirche hatte Barth sich bereits in Theologische Existenz heute! 📖 ausführlich geäußert (vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 306–320). ↩
69
Vgl. dazu etwa aus These 2 der «Rengsdorfer Thesen»: «Ein ‹allgemeines Christentum› gibt es nicht. […] Für den deutschen Menschen kann es nur ­ein im deutschen Volkstum verwurzeltes Christentum geben» (V.u.kl.A. 1930–1933, S. 563 📖). ↩
70
Am 5. September 1933 hatte die später als «braune Synode» bezeichnete Generalsynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union mit ihrer übergroßen deutschchristlichen Mehrheit das «Kirchengesetz betreffend die Rechtsverhältnisse der Geistlichen und Kirchenbeamten» verabschiedet (vgl. Gauger I, S. 98. 100 📖; Scholder I, S. 597–600 📖), das den hier zum ersten Mal im Bereich der Kirche formulierten Arierparagraphen enthielt: «Wer nichtarischer Abstammung oder mit einer Person nichtarischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher und Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden. Geistliche und Beamte arischer Abstammung, die mit einer Person nichtarischer Abstammung die Ehe eingehen, sind zu entlassen. Wer als Person nichtarischer Abstammung zu gelten hat, bestimmt sich nach den Vorschriften der Reichsgesetze.» (KJ 60–71 [1933–1944], Gütersloh 19762, S. 33f. 📖; G. van Norden, Der deutsche Protestantismus im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, Gütersloh 1979, S. 357f. 📖).↩
72
Siehe unten, S. 81, Anm. 29. ↩
73
Siehe unten, S. 81, Anm. 30. ↩
75
Hermann van Senden (1880–1955), seit 1923 Pfarrer in Detmold, Superintendent, Mitglied des Moderamens des Reformierten Bundes. ↩
76
Wiard Rosenboom (1889–1937), seit 1926 Pfarrer an St. Stephani in Bremen, 1934 Mitglied des dortigen Landesbruderrats. ↩
77
Wilhelm Dahm (1894–1985), seit 1928 Pfarrer in Niederdresselndorf/Siegerland. ↩
42
Vgl. etwa CA I (BSLK, S. 50f. 📖; BSLK.NE, S. 92–95 📖); Genfer Katechismus (1542/1545), I (BSRK, S. 118,15–32 📖; RefBS 1/2, S. 292,5–30 📖).↩
45
Anspielung auf die Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» und auf ihr von Barth im Oktober 1933 herbeigeführtes Ende (vgl. K. Barth, Abschied, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 492–515 📖).↩
49
Hermann Albert Hesse (1877–1957), seit 1916 Pfarrer, seit 1929 zugleich Direktor des Reformierten Predigerseminars und Dozent an der Theologischen Schule in Elberfeld, 1933 Mitglied des «Dreimännerkollegiums» (vgl. dazu V.u.kl.A. 1930–1933, S. 242f. 📖).↩
50
Siehe z. B. Römerbrief 1, S. 276–294 📖; Chr.Dogm., S. 115f. 267. 393. 468. 📖 Vgl. E. Busch, Karl Barth und die Pietisten. Die Pietismuskritik des jungen Karl Barth und ihre Erwiderung (BEvTh 82), München 1978, bes. S. 17–142. 📖↩
54
Die Frage nach dem Vorhandensein eines «Anknüpfungspunktes» für das göttliche Handeln beim oder im Menschen, die auch im Missionsvortrag 1932 eine Rolle gespielt hatte, war in den frühen 1930er Jahren einer der zentralen Streitpunkte zwischen Barth und Emil Brunner (vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 179, Anm. 57 📖; vgl. auch unten, S. 429-527).↩
55
Bei Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen 📖, heißt es in der Vorrede: «Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!» (ders., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 15; vgl. S. 99).↩
61
Siehe oben, S. 34/35.↩
67
Leitende Organe der 1933 konstituierten Deutschen Evangelischen Kirche bzw. der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union.↩
68
Nach der Verwerfung des im Führerprinzip begründeten Bischofsamtes hieß es bei Vogel (Anm. 40): «Das Hirtenamt der Kirche weidet mit keinem anderen Stabe als dem Wort der Heiligen Schrift, dessen Schöpfer- und Befehlsgewalt es selber unterworfen ist, dem Wort, das alle Christen als Glieder am Leibe Jesu Christi im Glauben und in der Fürbitte zu den rechten Priestern und Bischöfen füreinander macht» (Schmidt 📖).↩
71
Diesen Gedanken hatte Barth – ausführlicher als hier – auch schon in seinen Bemerkungen zum Betheler Bekenntnis geäußert; vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 464. 📖↩
74
Vgl. oben, S. 24 (mit Anm. 38); s. auch unten, S. 128, Anm. 21.↩