kein Datum

Vorwort

VORWORT

«Man könnte Bücher schreiben und man wird wohl später einmal Bücher schreiben über das, was sich in diesem Jahr nur auf dem Gebiet des kirchlichen Lebens in Deutschland in Wirklichkeit zugetragen hat»1, schrieb Barth in dem Artikel Zur Lage der «protestantischen Opposition» in Deutschland, den er im März 1934 für die Basler Nachrichten entworfen hatte. Mit seiner Prognose hat er mehr als recht behalten: Die Forschungen zur deutschen Kirchengeschichte der Jahre 1933 und 1934 füllen inzwischen Bibliotheken.

In den Bestand einer solchen Bibliothek gehören auch die Vorträge und kleineren Arbeiten Barths, die in seiner Bonner Zeit während der Jahre 1933 bis 1935 entstanden sind. Nachdem mit dem Band 49 der Gesamtausgabe die Arbeiten des Jahres 1933 ediert worden sind,2 erscheinen nun im vorliegenden Band Barths Arbeiten des Jahres 1934 und des ersten Halbjahres 1935.3 Die Zäsur mitten in diesem Jahr ergibt sich aus Barths Wechsel von Bonn nach Basel, zu dem er sich nach seiner Entlassung aus dem Dienst und der dann vom Reichswissenschaftsminister verfügten Versetzung in den Ruhestand gezwungen sah.

Der Umfang des vorliegenden Bandes lässt erahnen, welches Arbeitspensum Barth in diesen anderthalb Jahren zu bewältigen hatte. Das Jahr 1934 begann sogleich mit einem ganzen Wirbel von unvorhergesehenen Aufgaben. Die von Barth ursprünglich zugesagte Würdigung Ulrich Zwinglis, dessen 450. Geburtstag auf den Neujahrstag 1934 fiel, verwandelte sich in den Weihnachtsferien 1933/34 in eine äußerst arbeitsintensive Vorbereitung auf die kurzfristig einberufene Freie Reformierte Synode in Barmen. Auf ihr brachte Barth am 4. Januar die von ihm verfasste Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche in der Gegenwart ein. Dazu kam der Vortrag Gottes Wille und | unsere Wünsche, mit dem aus der geplanten Zwingli-Würdigung ein theologisches und seelsorgerliches Wort «in der Zeit großer Bedrängnis und Verwirrung»4 wurde.

Die Freie Reformierte Synode sollte sich als Präludium der ihr folgenden Freien Synoden und dann der berühmten Reichsbekenntnissynode in Barmen herausstellen, die am 31. Mai 1934 die Barmer Theologische Erklärung beschloss. Barth war der maßgebliche Autor des Entwurfs dieser Erklärung. Die im April in Paris gehaltenen Vorträge Offenbarung, Kirche, Theologie 📖 lassen die wichtigsten theologischen Vorentscheidungen erkennen. In den Mitte Mai entstandenen Thesen zur Gründung der Evangelischen Bekenntnisgemeinschaft in Bonn kristallisierte sich der erste Wortlaut heraus. In der Zeit nach der Bekenntnissynode wurde Barth nicht müde, die Erklärung zu erläutern und zu kommentieren.

Die am 9. Juni 1934 vorgetragene Kurze Erläuterung der Barmer Theologischen Erklärung 📖 und das im Sommer 1934 entstandene Fragment Die Theologische Erklärung der Barmer Bekenntnissynode 📖 bieten Kommentare aus erster Hand. Aber nicht nur das: Man lernt im vorliegenden Band Barth als Mitglied des von der Barmer Synode eingesetzten Theologischen Ausschusses und als Mitautor der Erklärung der 2. Reichsbekenntnissynode von Dahlem kennen. Man kann seinen Bemühungen um die Anerkennung der Barmer Theologischen Erklärung durch die Reformierten folgen: Ende November 1934 reiste er nach Detmold, wo sich nach zähen Debatten die Hauptversammlung des Reformierten Bundes auf den Boden der Barmer Theologischen Erklärung stellte und die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche als die rechtmäßige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche anerkannte. Drei Tage vor Weihnachten, direkt nach seiner von der Kölner Dienststrafkammer verfügten Entlassung, reiste Barth am 21. Dezember von Bonn nach Uelsen in der Grafschaft Bentheim, um die Reformierten in der Provinz Hannover für die in Detmold beschlossene Position zu gewinnen (Uelsener Protokoll 📖). Barths Freude an der langen Autofahrt durch die winterliche westfälische Landschaft von Münster bis zum Pfarrhaus in Uelsen bildete den Kontrast zu den erheblichen Bedenken, die er dort zu überwinden hatte.

In engem Zusammenhang mit der Barmer Theologischen Erklärung standen zwei Arbeiten, in denen grundsätzlich das Problem der natürlichen Theologie zum Thema wurde: die im September 1934 vornehmlich in Rom verfasste Broschüre Nein! Antwort an Emil Brunner 📖 und die im Frühjahr 1935 entstandene Antwort an Erwin Reisner 📖. Beiden Autoren war es um das Problem der Anknüpfung gegangen, die sie bei Barth nicht beachtet fanden. Brunner hatte das seit Beginn der 1930er Jahre immer wieder dargelegt und damit zunehmend Barths Befremden provoziert. Mit seiner im Mai 1934 publizierten Schrift «Natur und Gnade»5 suchte Brunner nun zu zeigen, dass Barths entschiedene Ablehnung der natürlichen Theologie nicht durch die reformatorische Theologie gedeckt sei und mehr auf Missverständnissen als auf wirklichen sachlichen Gegensätzen beruhe. Für Barth liefen Brunners Einwände zu diesem heiklen Zeitpunkt auf eine fatale Öffnung für Positionen hinaus, die von den Deutschen Christen vertreten wurden. Deshalb konnte er hier nur ein schroffes Nein! aussprechen.

Weniger schroff, aber bei allem Verständnis für das Problem doch auch eindeutig, fiel im Frühjahr 1935 die Antwort an Erwin Reisner aus. Dieser hatte Barth die Frage vorgelegt, ob nicht wenigstens das menschliche Scheitern und mit ihm die Verzweiflung als Anknüpfungspunkt für Theologie und Verkündigung in Frage kämen. Barth stellte die Erfahrung des Scheiterns in den Horizont der Christuserkenntnis des Glaubens. Wenn der Mensch in allen seinen Unternehmungen scheitere und wenn ihm seine radikale Erlösungsbedürftigkeit bewusst werde, dann geschehe das in der Erkenntnis des an Jesus Christus vollstreckten Gerichtes, des von Jesus Christus erfüllten Gesetzes, das heiße aber im Glauben an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten und also im Bereich von Gottes Gnade, Geist und Offenbarung.6

Die Vorworte zu den einzelnen Heften der Reihe «Theologische Existenz heute» bieten aufschlussreiche Kommentare zu den aktuel|len Ereignissen und Entwicklungen. Das Vorwort zu Offenbarung, Kirche, Theologie 📖, in dem sich Barth unter anderem mit Emanuel Hirschs gerade erschienenem Buch zur gegenwärtigen geistigen Lage7 auseinandersetzte, erreicht fast das Format eines Aufsatzes. Nachdem es dann im Juli 1934 zu einem zeitweiligen Verbot der von ihm geschriebenen Hefte gekommen war, entschloss sich Barth zum Verzicht auf solche Vorworte; er wollte die Fortsetzung der Reihe nicht unnötig gefährden. Im Vorwort [zu: Der Christ als Zeuge] 📖 nahm er erstaunlich offen auf das Verbot Bezug und erklärte, dass man das Entscheidende, das man als Theologe heute zu sagen habe, auch ohne direkte Beleuchtung der jeweils im Vordergrund stehenden Ereignisse und Gestalten sagen könne, «ohne darum im ‹leeren Raum› zu reden!»8 Der auf der Basis der Nachschrift erstmals veröffentlichte Vortrag Der Weg der Bekenntniskirche 1934 📖, den Barth am 26. Januar 1935 in Bern hielt, bietet ein Resümee seiner Kommentare und Einschätzungen zur Lage. Ähnliche Einblicke gewährt der für den Zwingli-Kalender verfasste Artikel Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland 📖, in dem am Ende ausdrücklich der Verklärung der Geschichte der bekennenden Kirche im nationalsozialistischen Deutschland zu einer Heldengeschichte widersprochen wird.

Barth konnte dies sehr kompetent tun, weil er, wie es in seinen Stichworten für den Berner Vortrag vom Januar 1935 heißt, «hier dabei war und erzählen kann»9. Diese Notiz mag als Hinweis auf einen bemerkenswerten Sachverhalt dienen: Als Mitglied des auf der Dahlemer Synode gebildeten Rates der Deutschen Evangelischen Kirche hatte Barth, wenn auch nur für einen Monat, ein kirchenleitendes Amt inne, und der Umstand, dass er in dieser Zeit nicht weniger als fünfmal nach Berlin reiste, verdeutlicht, dass er seine ihm daraus erwachsenden Pflichten durchaus ernst nahm.

Inmitten der Dramatik des Geschehens finden sich schließlich ­Texte, die in einem erkennbaren Zusammenhang zu der Arbeit an | Band I/2 der Kirchlichen Dogmatik 📖 stehen, dessen erstes Drittel Barth noch in Bonn vortrug. Mit den im Frühling 1934 in Paris gehaltenen Vorträgen Offenbarung, Kirche, Theologie 📖 stellte er sich erstmals dem französischen Publikum vor. Die mit einem umfangreichen Besichtigungsprogramm und vielen Begegnungen verbundene Reise nach Frankreich ließ für wenige Tage fast alles in den Hintergrund treten, was sich inzwischen in Deutschland an Ungemach aufgetürmt hatte. Barths Pariser Vorträge können gerade wegen des ihnen anhaftenden Zeitkolorits immer noch als eine instruktive Einführung in seine Theologie gelesen werden. Den dann in den Sommerferien 1934 gehaltenen Vorträgen Der Christ als Zeuge 📖 und Der Dienst am Wort Gottes 📖 gelingen eindrucksvolle Brückenschlage von der dogmatischen Grundlagenreflexion zur Bewährung theologischer Erkenntnis in den Zerreißproben der Zeit. Erst recht gilt dies für den Vortrag ­Das Evangelium in der Gegenwart 📖, den Barth Anfang Juni 1935 vor ­Studenten in Bern und Basel hielt.

In diesem siebten Band aus der Abteilung «Vorträge und kleinere Arbeiten» gelten die bisherigen editorischen Prinzipien im Wesentlichen unverändert. Abweichungen von den Vorarbeiten Barths, sofern sie vorhanden sind, werden in der Regel komplett ausgewiesen, außer wenn es sich eindeutig nur um Korrekturen von Verschreibungen und minimale stilistische Verbesserungen handelt. Die Art und die Bedeutung vieler der hier edierten Texte ließen es den Herausgebern nicht geraten erscheinen, dem Leser die Entscheidung, welche auch kleineren textlichen Veränderungen wichtig sind und welche nicht, zu häufig abzunehmen. Häufiger als sonst erscheinen in diesem Band zusätzlich zum Editionstext Abdrucke von Stichwortmanuskripten Barths. Oft fehlte ihm die Zeit zur wörtlichen Ausarbeitung eines Beitrags, so dass die Druckversion mehrerer Texte auf der Basis von Mitschriften erstellt wurde; in solchen Fällen handelt es sich beim Stichwortmanuskript also um die letzte Textstufe, die Barth selbst niederschrieb. Das editorische Vorgehen und die zu beachtenden Besonderheiten bei einzelnen Texten werden am Ende der jeweiligen Einleitungen kurz erläutert.

Mit der mit Band 46 in der Gesamtausgabe erfolgten Umstellung auf die neue Rechtschreibung verbindet sich das Problem des Um|gangs mit Zitaten aus bereits edierten Briefen Barths und Charlotte von Kirschbaums, die zur Erhellung des Hintergrundes in diesem Band gehäuft angeführt werden. Um einer gewissen Einheitlichkeit willen erfolgt der Abdruck solcher Zitate hier – wie im Editionstext selbst – nach dem behutsam an die gültige Rechtschreibung angepassten Originaltext. Bezüglich der Nachweise verfährt dieser Band wie die bisherigen: In der Regel wird, wo dies möglich ist, die Literatur herangezogen, auf die Barth sich wirklich stützte.

Die Arbeit an der Edition der in Barths Bonner Jahren von 1930 bis 1935 entstandenen Vorträge und kleineren Arbeiten begann im Herbst 1994 am Seminar für Reformierte Theologie in Münster/Westfalen und führte zu einer nun schon über zwei Jahrzehnte währenden engen Arbeitsgemeinschaft der Herausgeber. Damals war kaum zu ahnen, mit welchem Ausmaß an zeitgeschichtlicher Rekonstruktion und textkritischer Arbeit die editionsgerechte Aufbereitung dieser Texte verbunden sein würde. In den Jahren von 1996 bis 2001 ist das Vorhaben von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert worden, der wir an dieser Stelle nochmals ausdrücklich danken. Die Arbeit wurde danach im Wechsel von großen und kleinen Schritten fortgeführt. Der ursprüngliche Plan, alle in Bonn entstandenen Vorträge und Arbeiten in einem einzigen Band zu vereinen, musste bald aufgegeben werden. Nachdem die Texte der Jahre 1930 bis 1933 im Jahr 2013 als Band 49 der Gesamtausgabe erschienen sind, liegen nun mit diesem Band die Vorträge und kleineren Arbeiten aus Barths Bonner Jahren und damit insgesamt aus seinen 14 Jahren in Deutschland komplett vor.

Der besondere Dank der Herausgeber gilt den an Recherchen, an der Herstellung von Textvorlagen und sonst in vielfacher Weise beteiligten Mitarbeitern des Seminars für Reformierte Theologie in Münster: An erster Stelle ist Gertrudis Sieg zu nennen, aber in gleicher Weise gilt dies für Anja Botta, Hilka Wurps, Alexander Dölecke, Dr. Stefan Holtmann und Matthias Schleiff. Darüber hinaus ist Ira Dibra und Ulrike Peisker für ihre Hilfe bei der in Saarbrücken fortgeführten Arbeit an Texten ebenso zu danken wie Marco Varisco, Basel, für Kontrollarbeiten am gesetzten Text und Mareike Zocher, Bremerhaven, und Florian Boss, Basel, für ihre Hilfe bei der Erstel|lung bzw. Durchsicht der Register. Den langjährigen Leitern des ­Karl Barth-Archivs, Dr. Hinrich Stoevesandt und Dr. Hans-Anton ­Drewes, gilt unser Dank für weiterführende Anregungen, Hilfestellungen und Auskünfte sowie für die mehrfach gewährte Gelegenheit, im Archiv selbst zu recherchieren. Großen Dank schulden die Herausgeber den Mitarbeitern des Evangelischen Zentralarchivs Berlin, des Hauptarchivs der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel und der Landeskirchlichen Archive Bielefeld, Detmold, Düsseldorf, Leer und Oldenburg für ihre Hilfe beim Suchen und Bereitstellen wichtiger Dokumente; pars pro toto sei Ruth­Rockel-Boeddrig (Düsseldorf) genannt, die einen besonders verzwickten Fall zu klären half. Für ihre Auskünfte zu einzelnen Sachverhalten sei allen denen herzlich gedankt, die am jeweiligen Ort genannt sind. Schließlich danken wir dem Theologischen Verlag Zürich und seiner Leiterin Lisa Briner ­für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und gute verlegerische ­Betreuung.

Michael Beintker
Michael Hüttenhoff
Peter Zocher

Sachfußnoten

1
Siehe unten, S. 160.↩
2
Vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 209–618. 📖↩
3
Eine Ausnahme bildet das im Anhang abgedruckte Vorwort zur englischen Ausgabe der Römerbriefauslegung 📖 von 1932, für das ursprünglich ein anderer Platz in der Gesamtausgabe vorgesehen war und das nun in den Bestand der Arbeiten der Bonner Jahre eingeordnet erscheint.↩
4
Siehe unten, S. 90.↩
5
E. Brunner, Natur und Gnade. Zum Gespräch mit Karl Barth, Tübingen 1934 (2., stark erw. Aufl., Tübingen 1935). 📖 Wiederabdruck: Dial.Theol., S. 169–207. 📖↩
6
Vgl. unten, S. 758.↩
7
E. Hirsch, Die gegenwärtige geistige Lage im Spiegel philosophischer und theologischer Besinnung. Akademische Vorlesungen zum Verständnis des deutschen Jahres 1933, Göttingen 1934. 📖↩
8
Siehe unten, S. 427.↩
9
Siehe unten, S. 692.↩