24. März 1932

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Herzlichen Dank für deinen tröstlichen und sehr aktuellen Brief. Er traf mich gerade bei der Lektüre des Knakschen Buches «Zwischen Nil und Tafelbai»1, das in der Tat gehaltvoll und dem Blender von Schütz2, |217 dem es gegenübergestellt ist, vorzuziehen ist. Die Aufgabe ist doch recht schwierig, und ich bin noch weit entfernt davon zu wissen, was ich nun eigentlich dazu sagen soll. Es hat keinen Sinn, Dinge vorzutragen, die sich die besseren Missionsführer in den letzten zehn Jahren offenbar schon zu eigen gemacht haben, und ich wollte wohl wissen, in welcher Richtung Hartenstein denn ein masterly word von mir erwartet. Es muß nun hier oder auf dem Bergli irgend eine österliche Erleuchtung über mich kommen, wenn die Sache nicht schief gehen soll.

Um diese Säkularismuskonferenz muß es nach deinem Brief und vor Allem nach den Emilschen Thesen wirklich eine seltsame Sache sein. Die Thesen jedenfalls machen mir unwiderstehlich den Eindruck eines völligen Leerlaufs. Daß er das nicht selber merkt! Visser ’t Hooft und Maury, die hier bei mir waren — in der Tat beide erfreuliche Gestalten, mit denen sich deutsch und französisch gut reden ließ — rückten sehr bestimmt und fast auf der ganzen Linie von Emil ab, was ich eigentlich nicht erwartet hatte. Wie hat dir wohl Oldham gefallen? Und hat sich Heim auch hervorgelassen? Denk, mein Schwager Lindt hat Emil diesen Winter besucht, und der hat ihm gesagt, er gedenke meinen Anselm 📖 gar nicht zu lesen, das sei doch nur eine «Flucht ins Mittelalter». Wie soll das noch weitergehen? — Karl Lindt wollte mich an der Ostern in der Heiliggeistkirche3 predigen lassen. Aber ich tue es nun doch nicht, teils weil ich nun mit meinen Gedanken wirklich ununterbrochen bei den Papuas und bei den Bantunegern sein sollte, teils weil ich mich der zu erwartenden Zusammensetzung der Gemeinde aus ahnungslosen Hochfestkirchenbesuchern und neugierigen Bernern («ich habe ihn nämlich als Student gekannt») nicht gewachsen fühlte.

Jenes Dr. Kampmann erinnere ich mich sehr gut. Er gehört wie Grosche zu den katholischen Theologen, mit denen man sofort au pair reden kann, denen dafür vielleicht die eigentliche römische Rasanz abgeht. Wenn du ihn noch einmal siehst, so grüße ihn von mir. — Lukas |218 Christ schickt mir eben eine Nr. des Protestantenblattes, eine Spezialnummer für die Konfirmanden, die von A-Z Schrecklichstes enthält.4 Und mit eigentlichem Bedauern habe ich den Goetheartikel von Wernle im Kirchenblatt5 gelesen: was sind das für wehmütige Dürftigkeiten.

Denk an, mich trieb wahrscheinlich nicht gerade der Geist, aber irgend etwas in mir, dem — — Kefir zu seinem Dehnartikel, den ich hier vorfand, einen gesalzenen Weinen Brief zu schreiben.6 Ich bin gefaßt darauf, nun weitere Barbareien zur Antwort zu bekommen, aber es mußte nun eben sein. Am Montag verfüge ich mich von hier aufs Berg|219li, das seit dem Dienstag seine Pforten aufs neue geöffnet hat.7 Lollo verbringt dort eine Ruhezeit, um die ich unendlich froh bin. Die administrativen Fähigkeiten von Gerty müssen einfach überwältigend sein, und es scheint sich bei ihr überhaupt etwas zu bewähren, was wir zuweilen mit Unrecht verkannt, bekämpft oder doch benörgelt haben. Gerty muß offenbar unter dem Beifall höherer Chöre genau das sein und bleiben, was sie ist, und wäre dann, wenn auch vielleicht nur als Ausnahme von der sonst wahrlich entgegengesetzten Regel, eine Bestätigung der Behauptung von Schleiermacher, daß die Frauen keine Bekehrung nötig hätten8. Wir Männer doch, meinst du nicht auch? Wenigstens wir nicht von Natur johanneisch Gearteten. Ich habe da neulich von gewissen Papuas gelesen, bei denen dorfweise in einer Weise ernst gemacht wird, vor der wir alle zusammenpacken könnten.9

220Ich stand heute morgen lange auf der halben Höhe des Gurten10 und habe mir das ungewöhnlich klar beleuchtete Bern und seine ganze Umgebung wieder einmal gründlich angesehen. Die vielen aufsteigenden Reminiszenzen an die verschiedensten Stadien, in denen ich hier jung gewesen bin und Törichtes gedacht, gesagt und getan habe, machten es mir sehr klar, daß ich jetzt entschieden nicht mehr jung bin, aber noch immer Törichtes denke, rede und tue. Kennst du die Forsytesaga von Galsworthy11? Ich habe die drei Bände hier nächtlicherweise gelesen und eigentlich mit großem Eindruck. Es handelt sich um England 1886, 1900 und 1920, aber gerade darum erstaunt man, wie genau es sich um den Menschen unserer Zeit überhaupt handelt.

Eben erhalte ich — einen Korrekturabzug der Safenwiler Predigt: «Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht». Die Leute von «Christentum und Wirklichkeit» haben sie irgendwo ausgegraben und wollen sie der Welt aufs neue bekannt machen, 1916!12

Aber du hast jetzt Besseres zu tun, als lange Briefe von mir zu lesen. Also Schluß und herzlichsten Gruß von
deinem
Karl

In einer Bücheranzeige lese ich eben folgende lapidaren Worte:

«Das Elend kommt von der tragischen Beflissenheit, den Bock der Zeiten zu melken, ob er Milch geben kann oder nicht. Niemand weiß, wohin die Menschheit steuert, ob sie leben oder sterben will; gewiß ist nur, daß sie das nicht will, was ihr die Oberlehrer der Glückseligkeit zudenken.»

Sachfußnoten

1
S. Knak, Zwischen Nil und Tafelbai. Studie über Evangelium, Volkstum und Zivilisation, am Beispiel der Missionsprobleme unter den Bantu, Berlin 1931. 📖 Knak, der bewußt einen ähnlichen Buchtitel wählte wie Schütz (s. unten Anm. 2), trat energisch der auch von diesem vertretenen Auffassung entgegen, auf Grund der «zerstörenden Wirkungen der europäischen Zivilisation für Afrika und Asien» habe die dortige, damit «in Bundesgenossenschaft» stehende christliche Mission ihre Berechtigung verloren (vgl. Knaks Vorwort, a.a.O., S. V-X; Zitat dort S. VII). «Wir teilen mit Schütz den leidenschaftlichen Wunsch, durch allen schönen Schein, durch allen ‹Cant›, durch alle politische Heuchelei, durch alle christliche Selbstillusion hindurchzudringen und die Dinge zu sehen, ‹wie sie wirklich sind›. … Darum ergeben sich aber auch andere Imperative für die heimatliche Kirche als die seinen. Sie lauten: Braucht eure Hände getrost dazu, um an die eigene Brust zu schlagen, aber braucht sie nicht nur dazu! … Die Wirklichkeit, die Bantuafrika uns zeigt, schreit nach zupackenden Händen. Gott hat harten Boden umgepflügt, und wir haben von ihm den Samen dafür in die Hände gelegt bekommen. Laßt uns Fleiß tun, um alle menschliche Spreuzutat von diesem guten Samen fernzuhalten, aber vor allem laßt uns in die Furchen Gottes treten und den Samen ausstreuen!» (a.a.O., S. IXf).↩
2
P. Schütz,Zwischen Nil und Kaukasus. Ein Reisebericht zur religionspolitischen Lage im Orient, Berlin 1930. 📖 In seinem Buch schildert und reflektiert Schütz eine Reise, die ihn von Ägypten bis zum Kaukasus hätte führen sollen, die er aber an der russischen Grenze wegen Verweigerung des Visums abbrechen mußte (a.a.O., S. 181–184). Angesichts der Abweisung durch das revolutionäre Rußland schien ihm endgültig klar, «daß dadrüben in Europa im Herzen der Christenheit die Kirche in die babylonische Gefangenschaft geraten ist. … Sie ist auf jede Weise so überwuchert vom Geiste des Säkulums, daß ihr von ihrer Gestalt nichts mehr blieb. Sie hat ihr Wort verloren. … Sie hat das Letzte verloren, was ihr noch irgend ein Existenzrecht als Kirche gäbe. Das Vertrauen, das ihr Wort ernst zu nehmen willig macht» (vgl. a.a.O., S. 196–202.233; Zitat dort S. 201). «Das eben will das Säkulum: die Kirche in der Gefangenschaft Salz und Schwert ihres prophetischen Wortes vergessen machen» (a.a.O., S. 242). Die Kirche solle sich aber «auf den Weg der Passion» führen lassen, d. h. «außer Deckung, draußen, auf der Grenze der Welt auf Posten bleiben» und aushalten. «Auch die Mission der Kirche in der Welt ist Passion» (a.a.O., S. 245). Denn «Aktion ist Natur. Ist Trieb. … Passion ist Überwindung der Natur» (S. 246).↩
3
K. Lindt war Pfarrer an der Heiliggeistkirche in Bern.↩
4
Die Nummer des Schweizerischen Protestantenblattes (12 von Jg. 55 [1932] vom 19.3. 📖; identische Paginierung in Nr. 11 und 12) enthält nach einem Konfirmandenspruch aus J. W. von Goethes «Faust» I (V. 771-784) 📖, die Artikel von J. Täschler, Wir entlassen euch, aber wir lassen euch nicht. Eröffnungswort am gemeinsamen Konfirmandenabend am 11. März 1932 in der Martinskirche Basel (S. [89]-91) 📖; H. Baur, Albert Schweitzer als Christ. Am Konfirmanden-Begrüßungsabend (S. 91–93) 📖; A. Knellwolf, Nachhall (über Joh.13,17) (S. 93–95) 📖 sowie den dritten und letzten Teil einer Artikelserie von H. Andres, Goethe’s Religion in seiner Lyrik (S. 95f.). 📖 ↩
5
P. Wernle, Ein neues Goethebuch, in: KBRS, Jg. 88 (1932), S. 86–90 📖 (zu: E. Franz’ Buch «Goethe als religiöser Denker» 📖). ↩
6
In seinem titellosen Artikel in der Rubrik «Zur Weltlage» in: Der Aufbau. Sozialistische Wochenzeitung, Jg. 13 (1932), S. 37 📖, griff Max Gerber Sätze aus Kirche und Völkerversöhnung. Dokumente … (a.a.O., S. 107, Anm. 22; vgl. dort S. 80–90, bes. S. 84f.) 📖 an, weil sie ihm repräsentativ für die Haltung der dialektischen Theologie zum Krieg zu sein schienen. Aus ihnen gehe eine «Sorte von Gottlosigkeit im Gewande der dialektischen Theologie» hervor, die ihm als «viel gefährlicher als aller offener Atheismus» galten. «Sie ist nichts anderes als eine Neuauflage der Kriegstheologie». Barth schrieb Gerber daraufhin, er «denke nicht daran, mit dir diskutieren zu wollen», aber Gerber solle doch nicht wie die Nazis «über ferne und komplizierte Ereignisse und Gestalten in wüster optischer Verzerrung Bericht erstatten, Citate aus dem Zusammenhang reißen, bis man den Götzen beieinander hat, den man wieder einmal stürzen will, und zum Schluß schimpfen wie ein Kutscher». Mit dieser Art der Berichterstattung werde er «das Feld sicher nicht behaupten» (Brief vom 22.3.1932; leicht gekürzt erschienen innerhalb von: Kl. Bajohr, Die kirchliche und politische Bedeutung von Barths Schrift «Theologische Existenz heute!», in: Christ und Sozialist. Blätter des Bundes der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands, Neue Folge, Jg. 17 [1993], Dezember 1993, S. 32–41 [dort S. 37f.]). 📖 — Gerber (1887–1949), unter Zofingern «Kefir» genannt, nach 18 Berufsjahren als Pfarrer seit 1931 hauptberuflich Redaktor der von ihm mitbegründeten religiös-sozialen Zeitschrift «Der Aufbau» und freie schriftstellerische und Vortragstätigkeit; vgl. Bw.Th. I (Namenregister). 📖 ↩
7
Pestalozzis zogen am Ende jedes Winters aus ihrem Zürcher Stadthaus auf das Bergli und lebten dort bis zu dreiviertel des Jahres.↩
8
Friedrich Schleiermachers Weihnachtsfeier (1806), Krit. Ausgabe, hrsg. von H. Mulert (PhB 117), Leipzig 1908, S. 28f. 📖, bzw. Fr. Schleiermacher, Die Weihnachtsfeier. Ein Gespräch (Sonderausg.; Libelli, Bd. XI), Darmstadt 1953, S. 30f. 📖; vgl. K. Barth, Schleiermachers «Weihnachtsfeier» (1924), in: V.u.kl.A. 1922-1925, S. 458–489; dort S. 488. 📖 ↩
9
Zu Barths Bibliothek gehören zwei Bücher des Missionars Christian Keyßer über seine Erfahrungen mit den von ihm gegründeten Papuagemeinden in Neuguinea (1899–1920): Ajo! Ein Missionsbuch für deutsche Jugend (Neuendettelsauer Missionsschriften 64), Nürnberg 1926 📖; ders., Eine Papuagemeinde, Kassel 1929 (zugleich: Neuendettelsauer Missionsschriften 65). 📖 Darin schildert er u. a., wie eine große Volksversammlung unter dem Eindruck einer zeichenhaften Vorführung mit nachfolgender Erklärung einstimmig die Frage bejaht, «ob sie der göttlichen Wahrheit nun folgen wollten» (vgl. Eine Papuagemeinde, S. 16–19; Zitat dort S. 17). Zu den Sitten, die in der Folge per Volksabstimmung abgeschafft wurden, gehörten Kannibalismus, Blutrache, Zauberei, Frauenraub und Frauenkauf, Polygamie, Abtreibung, Diebstahl und Ahnenkult (a.a.O., S. 21, und Ajo! …, S. 151–159). Die verfeindeten Familiengruppen schlossen Frieden und begannen, sich zu größeren Dorfgemeinschaften zusammenzuschließen. Für die Verfehlungen einzelner fühlte sich die ganze Gemeinschaft verantwortlich und übte in der für alle zugänglichen Gemeindeversammlung öffentlich Gemeindezucht. Unter dem Eindruck der Christengemeinden entschlossen sich «ganze Stämme» aus freien Stücken, «die Fremdsprache [d. h. den fremden Papua-Dialekt] der Christen anzunehmen, um den Anschluß an die Christengemeinden zu gewinnen und mit ihnen zusammen eine wirkliche Einheit zu bilden» (Eine Papuagemeinde …, S. 33f.; Zitat dort S. 33); die Gemeinden auf der anderen Seite überboten sich bald darin, selbst «Gehilfen» zur — teilweise lebensgefährlichen — Mission an weiteren Stämmen auszusenden. Vgl. a.a.O., S. 20–22.28-37.70f.122-125; Ajo! …, S. 129f.145-149.194.197f.213-215).↩
10
858 m ü. M. hoher Berg, 4 km südlich von Bern und westlich von Wabern.↩
11
1932 erhältlich war die Ausgabe: J. Galsworthy, Forsyte-Saga. Roman, autoris. Übers, von L. Wolf und L. Schalit, Berlin 1925 (Berlin u. a. 19322). 📖 Der Roman besteht aus drei «Büchern», überschrieben «Der reiche Mann», «In Fesseln» und «Zu vermieten».↩
12
Siehe oben S. 194, Anm. 7.↩