216
Wabern bei
Bern, 24. März 1932
Herzlichen Dank für deinen tröstlichen und sehr aktuellen Brief. Er traf mich gerade bei der Lektüre des Knakschen Buches «Zwischen Nil und Tafelbai»1, das in der Tat gehaltvoll und dem Blender von Schütz2, |217 dem es gegenübergestellt ist, vorzuziehen ist. Die Aufgabe ist doch recht schwierig, und ich bin noch weit entfernt davon zu wissen, was ich nun eigentlich dazu sagen soll. Es hat keinen Sinn, Dinge vorzutragen, die sich die besseren Missionsführer in den letzten zehn Jahren offenbar schon zu eigen gemacht haben, und ich wollte wohl wissen, in welcher Richtung Hartenstein denn ein masterly word von mir erwartet. Es muß nun hier oder auf dem Bergli irgend eine österliche Erleuchtung über mich kommen, wenn die Sache nicht schief gehen soll.
Um diese Säkularismuskonferenz muß es nach deinem Brief und vor Allem nach den Emilschen Thesen wirklich eine seltsame Sache sein. Die Thesen jedenfalls machen mir unwiderstehlich den Eindruck eines völligen Leerlaufs. Daß er das nicht selber merkt! Visser ’t Hooft und Maury, die hier bei mir waren — in der Tat beide erfreuliche Gestalten, mit denen sich deutsch und französisch gut reden ließ — rückten sehr bestimmt und fast auf der ganzen Linie von Emil ab, was ich eigentlich nicht erwartet hatte. Wie hat dir wohl Oldham gefallen? Und hat sich Heim auch hervorgelassen? Denk, mein Schwager Lindt hat Emil diesen Winter besucht, und der hat ihm gesagt, er gedenke meinen Anselm
📖 gar nicht zu lesen, das sei doch nur eine «Flucht ins Mittelalter». Wie soll das noch weitergehen? — Karl Lindt wollte mich an der Ostern in der Heiliggeistkirche3 predigen lassen. Aber ich tue es nun doch nicht, teils weil ich nun mit meinen Gedanken wirklich ununterbrochen bei den Papuas und bei den Bantunegern sein sollte, teils weil ich mich der zu erwartenden Zusammensetzung der Gemeinde aus ahnungslosen Hochfestkirchenbesuchern und neugierigen Bernern («ich habe ihn nämlich als Student gekannt») nicht gewachsen fühlte.
Jenes Dr. Kampmann erinnere ich mich sehr gut. Er gehört wie Grosche zu den katholischen Theologen, mit denen man sofort au pair reden kann, denen dafür vielleicht die eigentliche römische Rasanz abgeht. Wenn du ihn noch einmal siehst, so grüße ihn von mir. — Lukas |218 Christ schickt mir eben eine Nr. des Protestantenblattes, eine Spezialnummer für die Konfirmanden, die von A-Z Schrecklichstes enthält.4 Und mit eigentlichem Bedauern habe ich den Goetheartikel von Wernle im Kirchenblatt5 gelesen: was sind das für wehmütige Dürftigkeiten.
Denk an, mich trieb wahrscheinlich nicht gerade der Geist, aber irgend etwas in mir, dem — — Kefir zu seinem Dehnartikel, den ich hier vorfand, einen gesalzenen Weinen Brief zu schreiben.6 Ich bin gefaßt darauf, nun weitere Barbareien zur Antwort zu bekommen, aber es mußte nun eben sein. Am Montag verfüge ich mich von hier aufs Berg|219li, das seit dem Dienstag seine Pforten aufs neue geöffnet hat.7 Lollo verbringt dort eine Ruhezeit, um die ich unendlich froh bin. Die administrativen Fähigkeiten von Gerty müssen einfach überwältigend sein, und es scheint sich bei ihr überhaupt etwas zu bewähren, was wir zuweilen mit Unrecht verkannt, bekämpft oder doch benörgelt haben. Gerty muß offenbar unter dem Beifall höherer Chöre genau das sein und bleiben, was sie ist, und wäre dann, wenn auch vielleicht nur als Ausnahme von der sonst wahrlich entgegengesetzten Regel, eine Bestätigung der Behauptung von Schleiermacher, daß die Frauen keine Bekehrung nötig hätten8. Wir Männer doch, meinst du nicht auch? Wenigstens wir nicht von Natur johanneisch Gearteten. Ich habe da neulich von gewissen Papuas gelesen, bei denen dorfweise in einer Weise ernst gemacht wird, vor der wir alle zusammenpacken könnten.9
220Ich stand heute morgen lange auf der halben Höhe des Gurten10 und habe mir das ungewöhnlich klar beleuchtete Bern und seine ganze Umgebung wieder einmal gründlich angesehen. Die vielen aufsteigenden Reminiszenzen an die verschiedensten Stadien, in denen ich hier jung gewesen bin und Törichtes gedacht, gesagt und getan habe, machten es mir sehr klar, daß ich jetzt entschieden nicht mehr jung bin, aber noch immer Törichtes denke, rede und tue. Kennst du die Forsytesaga von Galsworthy11? Ich habe die drei Bände hier nächtlicherweise gelesen und eigentlich mit großem Eindruck. Es handelt sich um England 1886, 1900 und 1920, aber gerade darum erstaunt man, wie genau es sich um den Menschen unserer Zeit überhaupt handelt.
Eben erhalte ich — einen Korrekturabzug der Safenwiler Predigt: «Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht». Die Leute von «Christentum und Wirklichkeit» haben sie irgendwo ausgegraben und wollen sie der Welt aufs neue bekannt machen, 1916!12
Aber du hast jetzt Besseres zu tun, als lange Briefe von mir zu lesen. Also Schluß und herzlichsten Gruß von
In einer Bücheranzeige lese ich eben folgende lapidaren Worte:
«Das Elend kommt von der tragischen Beflissenheit, den Bock der Zeiten zu melken, ob er Milch geben kann oder nicht. Niemand weiß, wohin die Menschheit steuert, ob sie leben oder sterben will; gewiß ist nur, daß sie das nicht will, was ihr die Oberlehrer der Glückseligkeit zudenken.»