23. März 1932

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Hier hast du zwei Dokumente aus dem gegenwärtigen Gespräch. Die Thesen1 konnte Brunner nicht vertreten, weil der arme Kerl wieder an einer schweren Nierensteinkolik krank liegt. Ich selber habe an der Sitzung des Oldhamkomitees2 nicht teilnehmen können, obwohl es also in Basel tagte, weil ich am Freitag und Samstag vor Palmsonntag einfach nicht frei war. Ich ging dann noch in die Schlußsitzung und kam dort zu meiner Überraschung neben unseren seltsamen ehemaligen Freund — Eugen Rosenstock3 zu sitzen, mußte längere englische Diskussionsvoten mit gefurchter Stirne anhören und hatte mir gegenüber |213 Karl Heim und Direktor Knak4 aus Berlin, und mein einziger Beitrag am Gespräch bestand darin, daß ich durch ein Votum die Hinzuwahl von — Tillich zu diesem ja an sich schon wie du siehst reichlich gesprenkelten Kreise verhüten konnte. Im übrigen schien mir die ganze Gesellschaft reichlich ratlos vor ihrem Säkularismusproblem zu sitzen. Es wurden sehr merkwürdige Vorschläge in dieser Schlußsitzung laut. Ich mußte einfach an das Andersenmärchen vom König ohne Kleider und den Webern, die ihm ein so feines Gespinst zu weben versprachen, daß nur ganz, ganz kluge Leute es zu sehen vermöchten5, erinnert. Man sah wirklich offenbar von allen Seiten nichts, aber keiner wollte der Unkluge sein, der das Geheimnis verriete, daß nämlich schlechterdings nichts auf den Webstühlen sei. Emil, der eigentliche Webmeister, fehlte überdies. Und so kam es schließlich zu dem Beschluß, an der Sitzung übers Jahr auf alle Fälle sein neues Ethikbuch6 gelesen haben zu wollen, damit das dann zur Grundlage der Besprechung gemacht werden könnte. Übrigens gefiel mir der Herr Knak sehr gut. Das ist auf alle Fälle ein sehr anständiger und durchgebildeter Mann, mit dem irgendwie zu reden sein wird. Aber er klagte also, daß die dialektischen Theologen für die Mission nichts übrig hätten.7 Ich beruhige ihn auf Vorschuß deines Berliner Vortrages8.

Laß doch Emils Thesen auf dem Bergli zurück, ich möchte sie doch unter den Kundgebungen Emils nicht missen. Du selber hast ja wohl |214 den Besuch des netten Visser9 aus Genf gehabt, der mit dem dicken Maury10, oder wie er heißt, bei dir vorbeifahren wollte. Das sind auf alle Fälle zwei wirklich gute Gestalten, nicht? Dem Oldham selber hingegen mußte ich auf dringendes Ersuchen deinen Zofingerblattaufsatz11 überreichen, der ihm eine erste Taube der Hoffnung [vgl. Gen. 7,11] zu sein schien, daß die Flut des Nichtswissenwollens vom Säkularismusproblem auch bei uns im Sinken sei. Immer noch der gleiche unverbesserliche Geistreichler ist hingegen Rosenstock. Dafür sandte mir Ehrenberg12 aus Bochum dieser Tage einen Dr. Kampmann13 vorbei, der sei|215nerzeit bei dir im Seminar in Münster mitgemacht haben will, einen ganz aufrechten Priester, der irgendwo in Bochum Gymnasiallehrer ist, sich aber als sehr orientiert zeigte, Grosche14 auch kennt und sich selber habilitieren will. Gegenwärtig hält er Passionspredigten in der Clarakirche in Basel.15 Er gefiel mir sehr gut.

Salve! Sei froh, daß du nicht deinerseits dich in die Kampagne dieser Woche werfen mußt, obwohl es ja auch einfach schade ist, daß das nicht geschehen wird. Die Konfirmation liegt bereits dahinten. Das ganze Oldhamkomitee mitsamt Heim und Knak saß bei mir in der Konfirmationspredigt. Nun muß ich morgen abend die Vorbereitungspredigt16 halten, was ich wirklich eigentlich von all den bevorstehenden Predigten an sich [am] liebsten tue, dann kommt Karfreitag und Ostern17. Wie |216 geht es dir wohl weiter in der Missionsliteratur? Sei herzlich gegrüßt. Viele Grüße auch an Frau Professor18.

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Wahrscheinlich handelt es sich um ein im Karl Barth-Archiv erhaltenes Typoskript, überschrieben: «Christentum und Wirklichkeit. Bemerkungen und Thesen zu meinem vorbereitenden Memorandum über Christentum und Wirklichkeit — Emil Brunner» (4 S., Einleitung und 12 numerierte Thesen), denn in einem (undatierten) Brief, in dem Brunner Thurneysen bat, doch zur «Oldhamkonferenz» zu kommen, da er für das Gespräch unentbehrlich sei, heißt es weiter: «Ich habe als Diskussionsgrundlage auf Grund meines Memorandums 12 Thesen aufgestellt, die du nächstens bekommen wirst» (Brief-Signatur: B 38,103, Nachlaß Thurneysen 📖).↩
2
In einem Protokollbuch der Basler Mission findet sich bei einer Randnotiz «Säkularism’ Konferenz Basel» die Eintragung: «19./20. März wird hier im Haus die Säkularismuskonferenz (Oldhams Anregung) tagen mit Vertretern versch. Länder, Hauptreferent E. Brunner = Zürich» (Komiteeprotokolle 1932, S. 42, Nr. 198; Archiv der Basler Mission). Näheres über Gründung und Zusammensetzung der Konferenz ist im Buch der Komiteeprotokolle von 1930 vermerkt: «Oldham regte durch pers. Besuch auf d. Kontinent die Bildung von Studienkreisen (Akademiker verschied. Fakultäten) zum Studium des ‹Saekularismus› an [.] In Basel wird der Schweiz. Kreis am 31. März zusammentreten[,] gebildet aus Prof. Bächthold (Basel), Spörri (Zür.) [,] E[.]Brunner (Zürich), Pfr. A[.] Koechlin, Rektor P. Burckhardt, Pfr. Thurneysen, Dir. Hartenstein e [= und] Insp. Oettli. Prof. Brunner wird einen Vortrag halten über den ‹Saek. als kirchl. Problem›» (Eintragung zur 14. Inspek[toren] konferenz, Dienst[ag] 25.3.1930, S. 70, Nr. 318; Archiv der Basler Mission). — Da Thurneysen ordentliches Mitglied dieses Komitees war, muß es sich bei dem «geheimen Treffen» vom Oktober 1930 um einen anderen Kreis gehandelt haben; vgl. oben S. 42, Anm. 17.↩
3
Eugen Rosenstock-Huessy (1888–1973), als Jugendlicher vom jüdischen zum protestantischen Glauben übergetreten, nach bewegtem beruflichem Werdegang 1923–1933 o. Professor für Rechtsgeschichte und Soziologie in Breslau, nach seiner Emigration im September 1933 lehrte er bis 1960 in den Vereinigten Staaten; vgl. Bw.Th. I 📖 und II (Namenregister) 📖.↩
4
Siegfried Knak (1875–1955), seit 1910 Inspektor und 1921–1949 Direktor der Berliner Missionsgesellschaft.↩
5
Hans Christian Andersens Märchen «Des Kaisers neue Kleider» 📖.↩
6
E. Brunner, Das Gebot und die Ordnungen. Entwurf einer protestantischtheolagischen Ethik, Tübingen 1932. 📖 ↩
7
Ähnlich hatte sich S. Knak bereits Barth gegenüber in einem durch den Berliner Vortrag «Die Not der Kirche» angeregten Briefwechsel im März 1931 geäußert (Briefe vom 10.3. und 21.3.1931), wozu Barth differenziert Stellung genommen hatte (Brief vom 13.3.1931).↩
8
Barth war eingeladen, am 11.4.1932 an der Brandenburgischen Missionskonferenz in Berlin einen Vortrag zu halten: K. Barth, Die Theologie und die Mission in der Gegenwart, in: ZZ, Jg. 10 (1932), S. 189–215 📖 (wieder abgedruckt in: Th.Fr.u.A., S. 100–126 📖). Er wiederholte den Vortrag am 10.5.1932 in Bonn bei einer rheinischen Missionsarbeitstagung (vgl. Missionskursus, in: General-Anzeiger für Bonn und Umgegend, Jg. 43 [1932], Nr. 14324 vom 11.5.1932, S. 3 [1. Teil], und Nr. 14325 vom 12.5.1932, S. 3 [2.Teil] 📖).↩
9
Willem Adolf Visser ’t Hooft(1900–1985), 1924 Sekretär des Weltbundes des CVJM, 1931 Sekretär, 1933 Generalsekretär, 1936 Vorsitzender des Christlichen Studentenweltbundes, seit 1938 führend im Entstehungsprozeß des Ökumenischen Rates der Kirchen, dessen erster Generalsekretär er 1948–1966 war. — Zu dem Treffen ist es gekommen (s. unten S. 217); dennoch stellte Visser ’t Hooft sich Barth in einem Brief vom 37.03.1930liegt online noch nicht vor vor, indem er an eine Begegnung «ich glaube vor drei oder vier Jahren» bei «Eykman in Amsterdam» anknüpfte. (Wahrscheinlich handelt es sich um ein Zusammentreffen anläßlich eines Vortrags, den Dr. Johan Eijkman am 2.6.1926 vor Barths Studenten auf dessen Hollandreise gehalten hatte; vgl. Bw.Th. II, S. 417. 📖) Nach Barths eigener Erinnerung fand seine erste Begegnung mit Visser ’t Hooft in der Wohnung seiner Mutter bei Bern statt, während er noch in Deutschland lebte (Brief an A. Finet vom 25.1.1956, s. O.Br. 1945-1968, S. 367 📖).↩
10
Pierre Maury (1890–1956), 1919–1925 Generalsekretär der französischen Christlichen Studentenbewegung, 1925–1930 Pfarrer in Ferney-Voltaire bei Genf, 1930–1934 Sekretär, 1935–1938 stellvertretender Vorsitzender des Christlichen Studentenweltbundes, ab 1934 Pfarrer in Passy (Paris), 1943–1950 daneben Professor für Dogmatik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Paris, 1950–1953 Präsident der Reformierten Kirche in Frankreich. Maury wurde ein enger Freund Barths; vgl. K. Barth / P. Maury, Nous qui pouvons encore parler … Correspondence 1928-1956 (Collection «Symbolon»), hrsg. von B. Reymond, Lausanne 1985 📖; Busch, S. 262f. und Abb.50 📖. ↩
11
K. Barth, Fragen an das «Christentum», a.a.O. (S. 194, Anm. 7). 📖 ↩
12
Dr. oec. publ. et phil. Hans Philipp Ehrenberg (1883–1958), 1909 vom Judentum zum evangelischen Glauben übergetreten, nach Privatdozentur und Professur für Philosophie in Heidelberg theologische Examina und Lehrvikariat, 1924 erst Hilfsprediger, dann 1925–1937 Pfarrer in Bochum, zugleich 1925–1933 Studienleiter des evangelischen «Kampfbundes» christlicher Arbeiter (gegen den areligiösen Marxismus). Vgl. W. Korenhof, Zwischen Kreuz und Davidsstern. Hans Ehrenberg, Philosoph und ökumenischer Theologe (1883–1958). Gelebter Glaube in der Weimarer Republik (Diss.theol. Heidelberg) 1990 📖; vgl. Bw.Th. I, S. 349, Anm. 2, 📖 sowie Bd. I und II (Namenregister) 📖. ↩
13
Dr. phil. paed. Theoderich Kampmann (1899–1983), 1925–1933 Religionslehrer in Bochum, dann Studienrat in Hagen, später (1945–1967) Dozent und Professor für Pädagogik und Homiletik zunächst in Paderborn, dann in München (für Pädagogik und Katechetik).↩
14
Robert Grosche (1888–1967), katholischer Theologe, seit 1912 in der Seelsorge tätig, Begründer und langjähriger Herausgeber der seit 1932 erscheinenden Zeitschrift «Catholica. Vierteljahresschrift für Kontroverstheologie», 1943 Stadtdechant von Köln, 1954 Honorarprofessor für katholische Theologie in Köln; vgl. E. Kock, Geist des Aufbruchs. Robert Grosche — Seelsorger, Vordenker, Mittler, in: Internationale katholische Zeitschrift «Communio», Jg. 28 (1999), S. 277– 285 📖; Busch, S. 228 📖; ferner Bw.Th. II, S. 407. 📖 ↩
15
Kampmanns Passionspredigten kündigte das katholische Pfarrblatt am 18.3.1932 mit folgender Anzeige an: «Alle Pfarrangehörigen / werden erwartet zu allen diesjährigen / Großen Karwochenpredigten / «Gotteskraft und Menschenschwachheit» / von H. H. Professor D. Kampmann / aus Bochum (Westfalen) / Beginn: Palmsonntag abends 8 Uhr — Jeden Abend die ganze Karwoche — Männerseite der Kirche den Männern reserviert.» (Pfarrblatt für die Katholiken der Stadt Basel, Jg. 19, Nr. 12 vom 18.3.1932, S. 77, unter der Überschrift «St. Klara-Pfarrei» 📖). — Die bis heute in staatlichem Besitz befindliche Kirche St. Clara, nach der Reformation evangelische Gottesdienststätte, dient seit 1798 (mit Unterbrechung der Jahre 1813–1816) wieder als katholischer Gottesdienstraum.↩
16
Der Informationsschrift des evangelisch-reformierten Kirchenrates von Basel-Stadt für neue und andere interessierte Gemeindeglieder (Kirchlicher Wegweiser, Basel 1915, S. 35 📖) schreibt über diese Einrichtung der Münstergemeinde: «Vor Festtags-Communionen findet jeweilen am Tage vorher ein Vorbereitungsgottesdienst nachmittags oder abends statt.» Am 24.3.1932 (Gründonnerstag) hielt Thurneysen diesen Gottesdienst um 19 Uhr in St. Martin, die sonst als Frühpredigtkirche genutzt wurde.↩
17
Am Karfreitag hielt der «positive» Münsterpfarrer Thurneysen nachmittags (15 Uhr), am Ostersonntag morgens (9 Uhr) Gottesdienst, sein «liberaler» oder «freisinniger» Kollege Täschler an denselben Tagen an dem jeweils anderen Gottesdiensttermin (vgl. oben S. 20, Anm. 11). Ein Manuskript von Thurneysens Osterpredigt über 2.Tim. 1,10 (unveröffentlicht) befindet sich in der Predigtforschungsstelle Heidelberg (Signatur: PF Thur 0006/03).↩
18
Barths Mutter; vgl. oben S. 209, Anm. 6.↩