212
23. März 1932
Hier hast du zwei Dokumente aus dem gegenwärtigen Gespräch. Die Thesen1 konnte Brunner nicht vertreten, weil der arme Kerl wieder an einer schweren Nierensteinkolik krank liegt. Ich selber habe an der Sitzung des Oldhamkomitees2 nicht teilnehmen können, obwohl es also in Basel tagte, weil ich am Freitag und Samstag vor Palmsonntag einfach nicht frei war. Ich ging dann noch in die Schlußsitzung und kam dort zu meiner Überraschung neben unseren seltsamen ehemaligen Freund — Eugen Rosenstock3 zu sitzen, mußte längere englische Diskussionsvoten mit gefurchter Stirne anhören und hatte mir gegenüber |213 Karl Heim und Direktor Knak4 aus Berlin, und mein einziger Beitrag am Gespräch bestand darin, daß ich durch ein Votum die Hinzuwahl von — Tillich zu diesem ja an sich schon wie du siehst reichlich gesprenkelten Kreise verhüten konnte. Im übrigen schien mir die ganze Gesellschaft reichlich ratlos vor ihrem Säkularismusproblem zu sitzen. Es wurden sehr merkwürdige Vorschläge in dieser Schlußsitzung laut. Ich mußte einfach an das Andersenmärchen vom König ohne Kleider und den Webern, die ihm ein so feines Gespinst zu weben versprachen, daß nur ganz, ganz kluge Leute es zu sehen vermöchten5, erinnert. Man sah wirklich offenbar von allen Seiten nichts, aber keiner wollte der Unkluge sein, der das Geheimnis verriete, daß nämlich schlechterdings nichts auf den Webstühlen sei. Emil, der eigentliche Webmeister, fehlte überdies. Und so kam es schließlich zu dem Beschluß, an der Sitzung übers Jahr auf alle Fälle sein neues Ethikbuch6 gelesen haben zu wollen, damit das dann zur Grundlage der Besprechung gemacht werden könnte. Übrigens gefiel mir der Herr Knak sehr gut. Das ist auf alle Fälle ein sehr anständiger und durchgebildeter Mann, mit dem irgendwie zu reden sein wird. Aber er klagte also, daß die dialektischen Theologen für die Mission nichts übrig hätten.7 Ich beruhige ihn auf Vorschuß deines Berliner Vortrages8.
Laß doch Emils Thesen auf dem Bergli zurück, ich möchte sie doch unter den Kundgebungen Emils nicht missen. Du selber hast ja wohl |214 den Besuch des netten Visser9 aus Genf gehabt, der mit dem dicken Maury10, oder wie er heißt, bei dir vorbeifahren wollte. Das sind auf alle Fälle zwei wirklich gute Gestalten, nicht? Dem Oldham selber hingegen mußte ich auf dringendes Ersuchen deinen Zofingerblattaufsatz11 überreichen, der ihm eine erste Taube der Hoffnung [vgl. Gen. 7,11] zu sein schien, daß die Flut des Nichtswissenwollens vom Säkularismusproblem auch bei uns im Sinken sei. Immer noch der gleiche unverbesserliche Geistreichler ist hingegen Rosenstock. Dafür sandte mir Ehrenberg12 aus Bochum dieser Tage einen Dr. Kampmann13 vorbei, der sei|215nerzeit bei dir im Seminar in Münster mitgemacht haben will, einen ganz aufrechten Priester, der irgendwo in Bochum Gymnasiallehrer ist, sich aber als sehr orientiert zeigte, Grosche14 auch kennt und sich selber habilitieren will. Gegenwärtig hält er Passionspredigten in der Clarakirche in Basel.15 Er gefiel mir sehr gut.
Salve! Sei froh, daß du nicht deinerseits dich in die Kampagne dieser Woche werfen mußt, obwohl es ja auch einfach schade ist, daß das nicht geschehen wird. Die Konfirmation liegt bereits dahinten. Das ganze Oldhamkomitee mitsamt Heim und Knak saß bei mir in der Konfirmationspredigt. Nun muß ich morgen abend die Vorbereitungspredigt16 halten, was ich wirklich eigentlich von all den bevorstehenden Predigten an sich [am] liebsten tue, dann kommt Karfreitag und Ostern17. Wie |216 geht es dir wohl weiter in der Missionsliteratur? Sei herzlich gegrüßt. Viele Grüße auch an Frau Professor18.