11. Februar 1932

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

hier hast du die Paragraphen über die Schöpfung.1 Karl läßt dich bitten, sie mit Vorsicht zu genießen, da die Entstehung dieses Abschnitts ja bekanntlich Jahre zurückliegt und er Manches darin heute anders sagen würde. (Vielleicht darf er die Bogen im März, wenn er nach Basel kommt, wieder mitnehmen, da sie ja im kommenden Semester die Unterlage für seine Vorlesung sein werden2.) Dein Brief hat uns, und Karl besonders, sehr bewegt und in bezug auf Bruder Heiner bekümmert. Wenn das Arbeitsgedränge auch hier nicht so beklemmend wäre, würdest du eine direkte Antwort von ihm haben, auf die du nun leider bis zum nächsten etwas freieren Tag warten mußt! — Die Vorlesung macht nach wie vor viel Mühe. In diesen Tagen bekommst du wieder einen abgeschlossenen Paragraphen aus der Lehre über die Trinität3 — heute Abend will ein Vortrag in einer Studentenverbindung4 gehalten sein, und der gestrige Tag gehörte atemlos einem langen Artikel über «Dehn und die dialektische Theologie», der inzwischen in Karl herangereift ist und morgen oder übermorgen in der Frankfurter Zeitung stehen soll.5

209 Lieber Eduard, wir sind treulich bei dir und deinen vielen großen und kleinen Sorgen. Karl bahnt sich auch mühsam seinen Weg — in jeder Hinsicht. Es wird gut sein, wenn ihr in absehbarer Zeit — Mitte März — dann einmal wieder einen Abend lang zusammensitzen könnt.6 Als Karl deinen Brief gelesen hatte, rief er aus: «Ach, es ist doch gut, daß Eduard da ist» — und ich möchte es mit ihm sagen.

Dir und Marguerite von Herzen alles Liebe und Gute

Deine
Lollo

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 203, Anm. 28.↩
2
Barth glaubte nicht, wie Ch. von Kirschbaums Bitte vermuten lassen könnte, im Sommersemester 1932 die Prolegomena beenden und bereits die Schöpfungslehre behandeln zu können, die er in seinen früheren Dogmatikvorlesungen im Rahmen der auf die Prolegomena folgenden Lehre von Gott vorgetragen hatte. Vielmehr hatte Barth, als die Neubearbeitung der Dogmatik ein so starkes Anwachsen des Stoffes mit sich brachte, daß er sich erst nach knapp eineinhalb Semestern dem Ende des ersten Prolegomena-Kapitels näherte, seinem Verleger Lempp am 9.12.1931 vorgeschlagen, die Veröffentlichung dieses Kapitels schon vor Fertigstellung der Prolegomena als deren ersten Halbband «schon jetzt, d. h. vielleicht nach Weihnachten» in Angriff zu nehmen. Auch wenn Barth im Dezember 1931 noch damit rechnete, daß die übrigen drei Kapitel «nicht in dem Maße umfangreicher werden wie das erste», muß er doch für deren Erarbeitung mindestens ebensoviel Zeit veranschlagt haben wie für das erste, also bis Ende des Sommersemesters 1932. Es ist deshalb zu vermuten, daß Barth die genannten Paragraphen bei der Neubearbeitung der Trinitätslehre heranziehen wollte (vgl. KD I/1 [Sachregister] 📖).↩
3
Wahrscheinlich § 8: Gott in seiner Offenbarung, KD I/1, S. 311–367 📖.↩
4
Im Karl Barth-Archiv finden sich keine Spuren von diesem Vortrag.↩
5
K. Barth, Warum führt man den Kampf nicht auf der ganzen Linie? Der Fall Dehn und die «dialektische» Theologie, in: Frankfurter Zeitung, Nr. 122 vom 15.2.1932, S. 6. 📖↩
6
Barth reiste Mitte März über Basel zu seiner Mutter nach Wabern, fuhr zwei Wochen später von dort auf das Bergli und nach einer weiteren Woche nach Berlin.↩