19. Februar 1932
Mitten aus allerhand Gedränge heraus muß ich dir schnell etwas schreiben, das dich vielleicht ein wenig freut. Ich war am letzten Dienstag rasch im Aargau, weil ich in Suhr die Trauung eines Mädchens vorhatte, das schon in Leutwil bei uns war, später Kinderpflege erlernte und dann immer etwas in Fühlung blieb mit uns und das nun also heiratete.1 Und dazu kam noch etwas: Pfarrer Ott hat bekanntlich Safenwil verlassen, und zwar etwas stürmisch, so daß er nicht einmal seine Kündigungsfrist innehielt und daher einen Ersatzmann stellen mußte. Den kenne ich persönlich gut, hatte ihn Ott empfohlen, und er nahm ihn.2 Und nun benützte ich die Gelegenheit und fuhr gleich nach Safenwil, um den Mann dort zu besuchen. Es war ein fast frühlingsmäßig schöner, sonniger Tag, die Aargauerwälder zwar noch verschneit, aber begehbar, das ganze Land selten |210 schön. Wir spazierten. Und er erzählte mir unter anderem auch von der Pfarrwahl, an der die Safenwiler nun wieder herummachen. Und nun sei es ein Hauptanliegen von ihnen, nicht nur einen Pfarrer, sondern auch wieder eine Pfarrfrau zu bekommen. Und, sagten sie meinem Freund, Otts Ledigsein sei nicht das Wahre gewesen, Brändlis3 Frau sei für sie ganz ausgefallen, aber die letzte Pfarrfrau, die sie gehabt hätten, das seist du gewesen. Und dein An-ihnen-Anteilnehmen, das sei bei ihnen einfach noch in heller Erinnerung. Und von daher seien sie jetzt darauf aus, einen Pfarrer mit einer Frau zu bekommen. Karl selber habe ja, wurde gesagt, nicht allzuviel Besuche in der Gemeinde mehr gemacht, aber du seiest immer wieder bei den Leuten aus- und eingegangen. Du bist also wirklich noch nicht vergessen! Überhaupt muß nun eure ganze Zeit nach all den fatalen Erlebnissen mit Brändli und den sehr stürmischen Zeiten mit Ott als letzte wirklich gute Zeit in Safenwil in Erinnerung stehen. Ich war kürzlich zusammen mit einem Herrn Hilfiker4, der jetzt gegenwärtig Regierungsrat von Baselland ist, einem Safenwiler, der von Karl nicht nur in das Christentum, sondern auch in den Sozialismus eingeführt worden ist. Und der einem zu verstehen gibt, Karl müsse eigentlich stolz darauf sein, einen Schüler herangezogen zu haben, der nun also die Liestaler Kantonalbank geleitet [hat] und schließlich Regierungsrat geworden ist als Sozialdemokrat. Konfirmiert ist er freilich, soviel ich vernahm, als Bezirksschüler in Kölliken worden. Aber er hat sich dann in Basel seinerzeit bei mir trauen lassen, und seine Tante, sagte er mir, sei eine treue Anhängerin von Karl gewesen. Und nun erzählte er mir allerlei aus Safenwil. Unter anderem, daß auch erbitterte alte Feinde von Karl wie der Wirt Zehnder5 ihm erst kürzlich gesagt hätten, der letzte wirklich gute Pfarrer von Safenwil sei eben doch Barth gewesen. Man habe es ihm ja wüst gemacht6, aber gegen Schluß hin sei es doch noch ganz recht gekommen!
Ich versprach meinem Freunde, dir das zu sagen. Und ich habe es gern getan. Wir beide, Marguerite und ich, gedenken deiner, eurer ja wirklich weiter und weiter mit aller inneren Anteilnahme, auch wenn es zum direkten Schreiben so selten kommt. Aber in Gedanken sind wir viel bei euch. Das wirst du mir glauben. Nimm warme Grüße von mir und Marguerite. Darf ich dich bitten, wenn’s möglich wäre, mir eine Nummer der Frankfurter Zeitung zukommen zu lassen mit dem Artikel von Karl über Dehn7? Oder, wenn das nicht möglich ist, mir die betreffende Nummer zu sagen, damit ich sie selber mir besorgen kann. |211 Herzliche Grüße an Lollo und Karl und die Kinder. Unseren geht es augenblicklich allen fünfen gut. Marguerite war über die Fastnacht für drei Tage allein mit den Kindern im Schwarzwald oben. Karl und Lollo lasse ich vielmal danken für die rasche Zusendung der Dogmatikparagraphen über die Schöpfung, die ich gründlich ansehen werde.
Herzlich