7. April 1932

Eduard Thurneysen an Karl Barth

220
Lieber Karl,

Also Hansli Buur hat wieder einmal das Maul verrissen wider die reine Lehre, und zwar auf eigentlich ziemlich gemeine Weise, bedenke |221 z. B. das «gegen Bezahlung» Vorschicken «Bileams».1 Und nun steht heute morgen erst noch der beiliegende Artikel von Thalmann in der Nationalzeitung, der zweifellos neben dem fatalen Diktum Emils, auf das er sich ausdrücklich bezieht, auch noch auf den durch Hansli Buur gebrandmarkten Münsterpfarrer Bezug nimmt.2 Mir ist natürlich die Wahlsituation3, um die es da geht, gleichgültig, aber nicht ganz wurst kann es mir schließlich sein, daß Thalmann Präsident der Kuratel4 ist |222 und als solcher eine ganz bestimmte Kulturpolitik treibt auch in Hinsicht auf theologische Berufungen und die ganze Haltung der Universität der Theologie gegenüber. Wenn unsereiner da einfach als schwarzes Schaf dasteht, und zwar dunkelster Färbung, so wirkt sich das unter Umständen wieder einmal so aus, wie es etwa Heiner erfahren mußte. Ich gedenke daher einmal bei Thalmann selber einen Schritt zu tun und mich zu verwahren gegen die Darstellung Hansli Buurs, aus der Thalmann sicher mich einzig kennt. Fatal ist dabei nur, daß der Ausspruch Emils offenbar gefallen sein muß und natürlich auf unsere Rechnung kommt. Der Dubel von Pressemüller5 hat dummerweise dafür gesorgt, daß dieses Diktum Emils urbi et orbi bekannt gegeben wurde. Überhaupt zeitigt die Wahlsituation fatale Dinge. Denn die Inanspruchnahme der Kirche durch die Basler Nachrichten6 zwecks Stimmenfang bei den ordligen7 Kirchgängern für die liberale Liste ist natürlich kein Haar besser als der Reformlerschreck, den Thalmann beschwört8.

223Du hast also unterdessen wieder einen stattlichen Turm errichtet, der nun in Berlin vorgeführt werden wird.9 Sicher eine ganz ausgezeichnete Sache, nach der einem der Mund wäßrig wird. Laß sie mir bald zugehen! Ich freue mich, durch Ruedis dann sogleich authentischen Bericht zu erhalten über die Berliner Schlacht.10 Gertys Notizbuch wird ja sicher mitreisen und in der bekannten guten Weise alles wieder erstehen lassen. Gute Reise! Nur Ferien hast du und Lollo auf diese Weise wieder einmal nicht gehabt.11 Karl, wohin führt dieser rasante, atemlose Lauf von einem zum anderen? Denn jetzt kommt ja dann sofort wieder das Semester. Wir begleiten euch mit aller Anteilnahme von weitem und doch wieder nahe, so gut es uns gegeben ist. Marguerite denkt besonders besorgt an Lollos durchscheinende Gestalt. Denk, vorgestern war Cordier einen Abend lang unser Gast. Er reiste in den Süden und wollte allerlei besprechen. Er berichtete allerhand von Halle und den Dingen um Dehn, die nach seiner Meinung nicht sehr gut stehen. Die Fakultät hat sich scheints nun die Akten aus Magdeburg geben lassen über jene ernsten Vorfälle, aus denen alles herauswuchs. Und offenbar muß da Dehn wirklich irgendetwas Ungeschicktes von «Mördern» gesagt haben, das nicht bestritten werden kann und das nun allerdings sehr nachträglich den auf alles Bedenkliche und Zweideutige natürlich sehr erpichten Hallensern sehr erwünscht sein muß.12

224Ruedi danken wir vielmal für seine heutige Sendung von ausgezeichneten Bildern! Und für den Brief.13 Wir kommen also mit Freuden spätestens am Samstag nächster Woche. Ich kann über zwei Sonntage bleiben. Von Emil höre ich nachträglich, daß er wieder nach Wildungen gefahren ist wegen seinen Steinen. Sie wollen scheints nicht weichen. Und wenn Wildungen nichts bewirkt, muß er sich operieren lassen. Der arme Kerl muß scheußliche Schmerzen ausstehen bei jeder solchen Kolik.

Und nun herzliche Grüße! Wann sehen wir uns wieder? Im Sommer doch sicher, nicht?
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
H. Baur, Bileam, in: Schweizerisches Protestantenblatt, Jg. 55 (1932), S. 109f. 📖 Der Artikel beginnt mit einem Zitat aus Thurneysens Artikel Karfreitag (in: BN, Jg. 88 [1932], Nr. 83 vom 24.3.1932, 1. Beilage) 📖: «Die ganze Krankheit der Kirche, ihre heute so entsetzlich ausbrechende innere Ohnmacht hängt mit dieser falschen idealistischen Theologie zusammen, die das Für uns des Kreuzes nicht mehr verstehen kann» (Hervorhebung von Baur). Dazu bemerkt Baur, dieser Angriff gehe ins Leere: «Es ist ein zurechtgemachter Feind, wie es bei Barth immer der Fall ist, gegen den gekämpft wird; eine Methode, die vor dem Forum der Oberflachen natürlich von vorneherein ihres Sieges sicher ist. / Bileam nenne ich aber E. Th., weil seine kriegerische Attacke in der Karwoche, in der sogar die deutsche Politik Burgfriede erklärt, bis auf den letzten Zug jener Geschichte im vierten Buch Mose ähnelt. König Barak sendet Bileam, gegen Bezahlung den Fluch wider Israel zu schleudern. Die ‹liberale›, d. h. konservative Zeitung Basels sendet den Münsterprediger, die Freisinnigen zu vernichten mit einem Karfreitagsartikel. Und dieser Fluch wird in Bileams Mund zum Segen.» Tatsächlich erweise sich jedoch die Überlegenheit dieser «idealistischen» gegenüber der dialektischen Theologie. «Oder sollte ich den ‹Basler Nachrichten› Unrecht tun? Sollte Barak unschuldig sein? So wollen wir es damit gut zu machen versuchen, daß wir die Rolle der Eselin Bileams übernehmen und rufen: ‹Was habe ich dir getan, daß du mich nun schon dreimal geschlagen?›» (a.a.O., S. 110).↩
2
Die politischen Parteien im Wahlkampf. Referat von Ständerat Dr. Ernst Thalmann am Radikal-demokr. Parteitag, in: NZ, Jg. 90 [1932], Nr. 158 vom 7.4.1932, S. 5. 📖 Thalmann schrieb im Zusammenhang mit der Frage einer von der Kirche unabhängigen theologischen Fakultät: «Man könnte allerdings in politischer Beziehung in diesem Zusammenhang einem Gefühl des Unbehagens Ausdruck geben über den zunehmenden Geist der Unduldsamkeit und der Verketzerung Andersdenkender, der einem heute wieder ganz besonders aus gewissen Theologenkreisen entgegentritt. Wenn z. B. ein Zürcher Theologieprofessor [E. Brunner] erklärt, nicht der materialistische Positivismus sei das Gefährliche, sondern Goethe und Fichte, wie Sie es kürzlich in den Tageszeitungen haben lesen können, so können Sie sich dazu Ihre Gedanken machen. Auch sonst brauchen Sie nur die Tageszeitungen zu lesen, um sich zu überzeugen, dass die christliche Nächstenliebe von vielen Theologen weniger geschätzt wird als Bekenntnis und Begriffstheologie.»↩
3
Am 9. und 10.4.1932 fanden Wahlen für den Großen Rat, das Basler Kantonsparlament, statt, dem Thalmann 1911–1937 angehörte.↩
4
Siehe oben S. 60, Anm. 18.↩
5
Dubel = Dummkopf. Als «Pressemüller» bezeichnet Thurneysen wahrscheinlich Pfarrer Adolf Müller (1885–1970), den ersten Redakteur des Schweizerischen Evangelischen Pressedienstes EPD, der jenen Ausspruch Brunners in einer Mitteilung des EPD an die Tageszeitungen (s. Anm. 2) zitiert haben mag. Pressemitteilungen des EPD aus dieser Zeit konnten nicht nachgewiesen werden.↩
6
Vgl. etwa das Ende eines Leserbriefes, abgedruckt unter der Überschrift «Politik und Kirche» in: BN, Jg. 88 (1932), Nr. 94 vom 6.4.1932, 1. Beilage 📖: «Möchte die Zahl der unter religiöser Begründung in den Parteien wirkenden Persönlichkeiten groß sein und ihr Einfluß durch die Wahlen vom 9./10. April vermehrt werden. Neben andern Parteien finden sich zu Kirche und Gemeinschaft bekennende Mitbürger in der Liberalen Partei.» Ferner das Votum von G. Hanhart, Mitglied der liberalen Partei, auf einer Wahlveranstaltung, «daß er einer einfachen Arbeiterfamilie entstamme, daß für ihn der Eintritt in die sozialdemokratische Partei allein schon deshalb aber vor Jahrzehnten nicht in Frage gekommen sei, weil die Sozialdemokratie den Mitgliedern christlicher Vereine diese Mitgliedschaft, wenn sie der Partei beitraten, unmöglich machen wollte. Wie schwer war es oft dem evangelischen Arbeiter, den Gewerkschaften anzugehören, in denen sie Mitglieder sein mußten» (Erst wieg’s — dann wähle! Beiträge zu einem wichtigen Entscheid, a.a.O., Nr. 93 vom 5.4.1932, 1. Beilage 📖).↩
7
= braven.↩
8
Die politischen Parteien im Wahlkampf (s. Anm. 2) 📖: «Die Radikalen waren von jeher ein Greuel für ängstliche altbaslerische Gemüter und die Berufskreise um die Bürger- und Gewerbepartei, die früher z. T. bei den Freisinnigen angeschlossen waren, haben der Partei schon vor 100 Jahren Schwierigkeiten bereitet.» «Etwas vom Lustigsten in den bürgerparteilichen und liberalen Aeusserungen gegenüber unserer Partei finde ich immer die Behauptung, die richtigen Freisinnigen seien in Basel eigentlich bei den Liberalen und den Bürgerparteilern. … Daß sich die Söhne der alten Basler Konservativen selbst als freisinnig bezeichnen, das hätten sich die Väter nicht träumen lassen. Für sie war ein Freisinniger und ein ‹Refermler› identisch mit etwas ganz Argem und Bösem.»↩
9
Siehe oben S. 213, Anm. 8.↩
10
Das Ehepaar Pestalozzi begleitete Barth und Ch. von Kirschbaum direkt vom Bergli aus nach Berlin.↩
11
Das heißt, Barth und Ch. von Kirschbaum hätten sich während ihres Bergli-Aufenthalts keine Erholung gönnen können.↩
12
In seinem Magdeburger Vortrag Kirche und Völkerversöhnung (in: CW, Jg. 45 [1931]. Sp. 202 📖, und in: Kirche und Völkerversöhnung. Dokumente …, a.a.O. [S. 107, Anm. 22], S. 19 📖) verwendete Dehn das Wort «Mörder» nur an einer Stelle: «Ist der Angreifer nicht in der gleichen Notwehr wie ich? Schieße ich den Strolch, der mich anfällt, über den Haufen, so ermorde ich den Mörder, ehe er selbst zum Mörder geworden ist. … Hatte ich das Recht, die andere Möglichkeit, nämlich, daß ich mich opferte, einfach zur Seite zu schieben?» Gerüchte darüber, daß Dehn die Gefallenen des 1. Weltkriegs als Mörder bezeichnet habe, stützten sich auf angebliche Äußerungen im Anschluß an den Vortrag, die getan zu haben Dehn immer bestritten hat. 1962 schrieb er rückblickend: «So galt ich in allen kirchlichen und politischen Kreisen als der Mann, der die Gefallenen Mörder genannt hatte. Meinen guten Ruf hat diese Legende jedenfalls aufs schwerste geschädigt.» Das zuständige Berliner Konsistorium bezeichnete in seiner Stellungnahme gegenüber den Beschwerdeführern die Vorwürfe als z. T. zutreffend, wenn auch erwähnt wurde, daß Dehn sie bestritten habe. Er selber wurde wegen ungeeigneten pädagogischen Vorgehens gemaßregelt (vgl. G. Dehn, Die alte Zeit …, a.a.O. [S. 95, Anm. 18], S. 256–258 [Zitat dort S. 257] 📖; Kirche und Völkerversöhnung. Dokumente …, S. 26–38). Der von der nationalsozialistischen Studentenschaft ausgelöste und immer neu entfachte Kampf der Hallenser Studenten gegen Dehn zielte auf dessen politische Haltung, die stereotyp mit den Schlagworten «Marxist, Pazifist, Beschimpfer der gefallenen Helden» gekennzeichnet wurde (G. Dehn, >Die alte Zeit …, S. 269). Daß Dozentenschaft und Universität Dehn nicht (mehr) vorbehaltlos unterstützten, wurde am 11.11.1931 erkennbar, als die Vollversammlung der Dozenten in einer Kundgebung der Überzeugung Ausdruck gab, «daß die Studenten, obwohl sie falsche Wege gegangen sind, von reinen, edlen Gefühlen zum Vaterland getragen» seien (zitiert a.a.O., S. 274). Das Erscheinen von Dehns Dokumente-Band im Dezember 1931 löste nicht nur bei den Studenten neue Empörung aus: «Auch die Dozenten waren froh, einen Anlaß gefunden zu haben, sich von mir noch weiter zu distanzieren. Auf einmal war ich — seltsam genug — der Mann geworden, der in den Frieden unserer ‹altehrwürdigen alma mater› eingebrochen war» (a.a.O., S. 277). Über den weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen schrieb Dehn rückblickend: «Die Widerstandskraft von Rektor und Senat schien erloschen zu sein» (a.a.O., S. 278).↩
13
Die Sendung ist nicht erhalten.↩