9. April 1932

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Morgen um diese Zeit werden wir — es ist wie ein Traum — in dem im beiliegenden Programm angekündigten Festgottesdienst in der Kai|225ser Wilhelm Gedächtniskirche1 mitten in dem von Wahlfiebern2 geschüttelten Berlin sitzen, und nachher werden Lollo und ich als besorgte deutsche Reichsbürger3 irgendwo unsere Stimme für Hindenburg4 abgeben, und am Nachmittag bin ich — und wurden soeben solenn auch meine mitgebrachten «Schweizerfreunde» — eingeladen zu einem Thee oder Kaffee, der von Richter5, dem Prediger des Vormittags, eigens dazu arrangiert ist, um sowohl der Fakultät als auch den «Missionsführern» als auch (!) den Generalsuperintendenten Gelegenheit zu geben, mich einmal aus der Nähe zu beschnuppern. Ich werde sicher mit blutig rasiertem Hals oder mit einem anderen physischen Defekt mitten |226 darunter sitzen, und Rudi ist gesonnen, seinen Taschenapparat mitzunehmen (er rechnet mit mehreren hundert Aufnahmen) und dann und wann eine Belichtung zum bleibenden Andenken an all die Vorgänge vorzunehmen. Am Abend soll es dann ein Zusammensein mit allerlei anderen, weniger prominenten, aber um so angenehmeren Freunden geben. Am Montag morgen sause ich im Auto dahin und dorthin, u. a. auch zu unserem Freund Jacobi6. Zum schwarzen Kaffee werde ich wo sein? Bei meinem Spezialfreund Gen[eral]sup[erintendent] Dibelius, der von seinem Sohn heftig bedrängt worden zu sein scheint, er müsse mich kennen lernen, und der mir darauf einen Brief voll Schmalz und Honig geschrieben hat7, in christlicher Feindesliebe mich geradezu ersäufend. Dann aber geht’s los. Auf in die Aula — der Andrang für die 2000 Plätze scheint nach allen Berliner Berichten schon längst ein beängstigender gewesen zu sein8 —, und dort soll dann der Film rollen, den ich dir hier zur vielleicht gleichzeitig zu vollziehenden Kenntnisnahme überreiche. Magst du ihn dann auch Hartenstein zugänglich machen und ihm sagen, daß ich leider zu spät damit fertig geworden sei, um ihn ihm noch, wie ich wollte, zur Zensur überreichen zu können? Ich weiß nicht, ob er gut oder nicht gut ist; so wie er ist, wird er nun eben über die Leinwand gehen müssen. Nachher soll es dann noch ein Zusammensein mit einer unbestimmten Zahl mehr oder weniger guter Freunde geben, und am Dienstag früh entfernen wir, Rudi, Gerty, Lollo und ich, uns eiligst in Richtung Bethel, wo Unterhaltungen mit |227 den dortigen Zeit- und Streitgenossen den Abschluß der ganzen Festfolge bilden sollen.9 Es ist ein schöner Gedanke, daß heute in 8 Tagen gerade ihr das Törli, in dem ich dies tippe, während Lollo sorglich mit Packen beschäftigt ist, beziehen und von Rudi und Gerty nachträglich hören werdet, wie alles das, was ich da programmatisch ankündige, nun in Wirklichkeit verlaufen ist. Richtige Ferien sind das nun freilich nicht gewesen. Ich habe eigentlich heute morgen zum ersten Mal die entsprechenden Gefühle. Vorgestern sind auch schon die ersten Korrekturbogen für die Dogmatik 📖10 eingetroffen, freundlich daran erinnernd, daß da ein Turmbau im Gange ist, von dem doch erst die untersten Fundamente stehen.

Wenn ich so alt werde wie mein Vater, so würde ich jetzt gerade noch zehn Jahre vor mir haben. Doch Lollo pflegt es mit Recht zu beanstanden, wenn ich mich Altersbetrachtungen hingebe, und so will ich denn rasch abschließen, um dir, bevor ich die Gaue der Heimat wieder einmal verlasse, in alter Dankbarkeit noch einmal zuzuwinken. Es ist einer der wenigen ganz tröstlichen irdischen Gedanken, zu denken, daß du auch da bist. Laß dir wegen Baur und Thalmann, deren Produkte ich dir hier wieder zurückgebe, kein einziges graues Haar wachsen. Das sind Leute, die schon durch ihre Dummheit sichtbar gestraft sind und deren Tun sicher keine einzige reale Gegenwirkung auszuüben vermag. Mir wird ja in Bonn u. a. die Aufgabe bevorstehen, dem Hirsch eins auf seine wütend gegen mich gesenkten Hörner zu geben.11 Denk an |228 die Bedeutung des «Feindes» in den Psalmen und laß dich nur nebenbei stören und betrüben. Bitte grüße auch Marguerite.

Es grüßt dich von Herzen
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Der Festgottesdienst fand am 10.4.1932 statt. J. Richter (s. unten Anm. 5) hatte Barth am 5.3.1932 «einige Programme für die Jahresversammlung der Brandenburgischen Missionskonferenz» zugesandt (Programme nicht erhalten). Außer Barth waren an der zweitägigen Konferenz (10./11.4.) laut der Übersicht Hauptveranstaltungen der Missionskonferenzen im Jahre 1932, in: Die deutsche evangelische Heidenmission. Jahrbuch 1933 der vereinigten deutschen Missionskonferenzen, hrsg. von W. Freytag, Hamburg 1933, S. 99 📖, als Redner angekündigt: Missionsdirektor S. Knak über «Welche Aufgaben stellt heute die religiöse Lage auf den Missionsfeldern der Theologie?» (der jedoch statt dessen unter dem Eindruck von Barths Vortrag eine unvorbereitete Stellungnahme abgab; s. unten S. 230, Anm. 11) und Missionsinspektor Braun (Berlin) über «Heidenmission, Rassenfrage und nationale Bewegung».↩
2
Am 10.4.1932 erfolgte der zweite Wahlgang in der Wahl des Reichspräsidenten, bei dem nur noch Hindenburg (Weimarer Koalition), Hitler (NSDAP) und Ernst Thälmann (KPD) kandidierten. «Der Wahlkampf wurde mit einer beispiellosen Erbitterung geführt.» Vgl. Dederke, S. 237–240.322 📖 (Zitat dort S. 239); Hillgruber, S. 211–215. 267 📖 (Tabelle 5b); H. Brüning, Memoiren 1918-1934, Stuttgart 1970, S. 528–537. 📖 ↩
3
Barth war 1925 im Zusammenhang mit seiner Berufung nach Münster deutscher Staatsbürger geworden, ohne die schweizerische Staatsangehörigkeit aufzugeben; sein am 4.1.1926 in Göttingen ausgestellter (später bis 1931 verlängerter) deutscher Reisepaß (Staatsangehörigkeit Preußen) befindet sich im Karl Barth-Archiv. Die juristische Feststellung im Urteil vom 20.12.1934 gegen Barth, derzufolge er «ausschließlich Schweizer geblieben» sei (vgl. Prolingheuer, S. 286 und S. 55, Anm. 20 📖), mußte ihn daher überraschen; vgl. unten S. 825, Anm. 26.↩
4
Paul von Beneckendorff und von Hindenburg (1847–1934), 1914 Generalfeldmarschall, 1916–1918 Oberbefehlshaber der Obersten Heeresleitung, 1919 im Ruhestand, seit 1925 Reichspräsident, 1932 wiedergewählt. — Photographie von Barth und G. Dehn nach der Stimmabgabe bei Busch, S. 250, Abb. 44 📖.↩
5
Julius Richter (1862–1940), 1914–1930 Professor für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft in Berlin. Durch seine leitenden Funktionen im Deutschen Evangelischen Missionsausschuß unterhielt er viele ökumenische Kontakte.↩
6
Gerhard Jacobi (1891–1971), seit 1930 Pfarrer in Berlin, 1934–1939 Präses der Bekenntnissynode von Berlin, ab 1945 dort Generalsuperintendent, 1954–1967 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche von Oldenburg; vgl. Bw.Th. II, S. 300. 📖 — Barth plante für den 11.4. um 9 Uhr ein Treffen mit Hermann Sasse, um 11 Uhr mit Jacobi (Briefe an Jacobi und Sasse vom 5.4.1932).↩
7
In seinem Brief vom 5.4.1932 berichtete Dibelius von der Anregung durch den «theologischen Jungen, der Sie in Koblenz [wohl beim theologischen Examen] aufgesucht hat», und lud Barth ein, bei ihm zu wohnen. Barth lehnte mit dem Hinweis, bereits von einem Freund (R. Pestalozzi in das Hotel Excelsior) eingeladen worden zu sein, ab, regte aber ein Treffen für Sonntag, den 10.4.1932 [sic], um 15 Uhr — vor einer für den Nachmittag geplanten Zusammenkunft mit Mitgliedern der theologischen Fakultät — an (Brief vom 7.4.1932 an Dibelius). Zum «schwarzen Kaffee» s. oben S. 106, Anm. 18.↩
8
Am 7.4.1932 hatte J. Richter Barth geschrieben: «Der Andrang wird so groß sein, daß wir 500 numerierte Platzkarten ausgegeben haben.»↩
9
Der Besuch der Genannten in Bethel dauerte vom 12. bis 13.4. Dabei kam es zu Begegnungen mit W.und M. Vischer und mit E. Küppers (Eintragungen in Ch. von Kirschbaums Taschenkalender für 1932; im Karl Barth-Archiv).↩
10
Da der erste Halbband der Neubearbeitung der Dogmatik ursprünglich nur das erste Kapitel (KD I/1, S. 1–310 📖) umfassen sollte (s. oben S. 208, Anm. 2), hatte die Drucklegung des Textes bereits begonnen. Das Manuskript war frühestens im Januar an den Verlag gegangen (Anfrage Lempps an Barth vom 9.1.1932). Die Zusendung der Korrekturbogen hatte sich wegen notwendiger Vorarbeiten in der Druckerei bis Anfang April verzögert (Brief Lempps an Barth vom 2.4.1932).↩
11
K. Barth, Antwort an Emanuel Hirsch (Bonn, 17.4.1932), in: Deutsches Volkstum, Jg. 14 (1932), S. 390–394 📖 (unter dem Titel «Karl Barth und Emanuel Hirsch» erschienen zusammen mit: E. Hirsch, Antwort von Emanuel Hirsch an den Herausgeber [Wilhelm Stapel], a.a.O., S. 394f. 📖), als Reaktion auf: E. Hirsch, Offener Brief an Karl Barth (Göttingen, 27.2.1932), a.a.O., S. 266–272. 📖 — Emanuel Hirsch (1888–1972), 1921–1935 Professor für Kirchengeschichte, 1935–1945 für Systematische Theologie in Göttingen, war Barth seit seiner Zeit als Professor in Göttingen bekannt; vgl. Bw.Th. II (Namenregister). 📖↩