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Morgen um diese Zeit werden wir — es ist wie ein Traum — in dem im beiliegenden Programm angekündigten Festgottesdienst in der Kai|225ser Wilhelm Gedächtniskirche1 mitten in dem von Wahlfiebern2 geschüttelten Berlin sitzen, und nachher werden Lollo und ich als besorgte deutsche Reichsbürger3 irgendwo unsere Stimme für Hindenburg4 abgeben, und am Nachmittag bin ich — und wurden soeben solenn auch meine mitgebrachten «Schweizerfreunde» — eingeladen zu einem Thee oder Kaffee, der von Richter5, dem Prediger des Vormittags, eigens dazu arrangiert ist, um sowohl der Fakultät als auch den «Missionsführern» als auch (!) den Generalsuperintendenten Gelegenheit zu geben, mich einmal aus der Nähe zu beschnuppern. Ich werde sicher mit blutig rasiertem Hals oder mit einem anderen physischen Defekt mitten |226 darunter sitzen, und Rudi ist gesonnen, seinen Taschenapparat mitzunehmen (er rechnet mit mehreren hundert Aufnahmen) und dann und wann eine Belichtung zum bleibenden Andenken an all die Vorgänge vorzunehmen. Am Abend soll es dann ein Zusammensein mit allerlei anderen, weniger prominenten, aber um so angenehmeren Freunden geben. Am Montag morgen sause ich im Auto dahin und dorthin, u. a. auch zu unserem Freund Jacobi6. Zum schwarzen Kaffee werde ich wo sein? Bei meinem Spezialfreund Gen[eral]sup[erintendent] Dibelius, der von seinem Sohn heftig bedrängt worden zu sein scheint, er müsse mich kennen lernen, und der mir darauf einen Brief voll Schmalz und Honig geschrieben hat7, in christlicher Feindesliebe mich geradezu ersäufend. Dann aber geht’s los. Auf in die Aula — der Andrang für die 2000 Plätze scheint nach allen Berliner Berichten schon längst ein beängstigender gewesen zu sein8 —, und dort soll dann der Film rollen, den ich dir hier zur vielleicht gleichzeitig zu vollziehenden Kenntnisnahme überreiche. Magst du ihn dann auch Hartenstein zugänglich machen und ihm sagen, daß ich leider zu spät damit fertig geworden sei, um ihn ihm noch, wie ich wollte, zur Zensur überreichen zu können? Ich weiß nicht, ob er gut oder nicht gut ist; so wie er ist, wird er nun eben über die Leinwand gehen müssen. Nachher soll es dann noch ein Zusammensein mit einer unbestimmten Zahl mehr oder weniger guter Freunde geben, und am Dienstag früh entfernen wir, Rudi, Gerty, Lollo und ich, uns eiligst in Richtung Bethel, wo Unterhaltungen mit |227 den dortigen Zeit- und Streitgenossen den Abschluß der ganzen Festfolge bilden sollen.9 Es ist ein schöner Gedanke, daß heute in 8 Tagen gerade ihr das Törli, in dem ich dies tippe, während Lollo sorglich mit Packen beschäftigt ist, beziehen und von Rudi und Gerty nachträglich hören werdet, wie alles das, was ich da programmatisch ankündige, nun in Wirklichkeit verlaufen ist. Richtige Ferien sind das nun freilich nicht gewesen. Ich habe eigentlich heute morgen zum ersten Mal die entsprechenden Gefühle. Vorgestern sind auch schon die ersten Korrekturbogen für die Dogmatik
📖10 eingetroffen, freundlich daran erinnernd, daß da ein Turmbau im Gange ist, von dem doch erst die untersten Fundamente stehen.
Wenn ich so alt werde wie mein Vater, so würde ich jetzt gerade noch zehn Jahre vor mir haben. Doch Lollo pflegt es mit Recht zu beanstanden, wenn ich mich Altersbetrachtungen hingebe, und so will ich denn rasch abschließen, um dir, bevor ich die Gaue der Heimat wieder einmal verlasse, in alter Dankbarkeit noch einmal zuzuwinken. Es ist einer der wenigen ganz tröstlichen irdischen Gedanken, zu denken, daß du auch da bist. Laß dir wegen Baur und Thalmann, deren Produkte ich dir hier wieder zurückgebe, kein einziges graues Haar wachsen. Das sind Leute, die schon durch ihre Dummheit sichtbar gestraft sind und deren Tun sicher keine einzige reale Gegenwirkung auszuüben vermag. Mir wird ja in Bonn u. a. die Aufgabe bevorstehen, dem Hirsch eins auf seine wütend gegen mich gesenkten Hörner zu geben.11 Denk an |228 die Bedeutung des «Feindes» in den Psalmen und laß dich nur nebenbei stören und betrüben. Bitte grüße auch Marguerite.
Es grüßt dich von Herzen