20. April 1932

Eduard Thurneysen an Karl Barth

228
Lieber Karl,

wir sitzen nebeneinander — am Zunftessen zur Saffran1 — und kommen uns unter all diesen Burgern (dein Schwager Knauer2 ist auch sichtbar) ganz ver[kle]idet3 vor. Eben ertönt das Sempacherlied4, und die Begeisterten singen es mit. Mir gegenüber sitzt ein alt Pfarrer5, der diese seltene Gelegenheit zu ergiebiger Weinprobe benützt. Eben wird eine bereits etwas alkoholisierte Rede von freundeidgenössischem Zusammenhalt gehalten und die Glace6 in Form der Zunftlaterne serviert. |229 Die Zwillinge aber und Frieder begrüßen den Großvater7 als alte Zürcherli8.

Herzlich!
Eduard
Grüße Nelly und Lollo Liebend
Ruedi

Die Vorlesung über Schöpfung9 ist heute an dich abgegangen!

Sachfußnoten

1
Zu den Bräuchen des Sechseläutens, des traditionellen, von den Zürcher Zünften organisierten Frühlingsfestes, gehört ein Festessen der einzelnen Zünfte, an dem neben den von der Zunftvorsteherschaft eingeladenen offiziellen Gästen auch andere, von einzelnen Zunftmitgliedern eingeladene Gäste teilnehmen können; vgl. W. Baumann / A. A. Niesper, Sechseläuten. Zürcher Sechseläuten — Fest des Frühlings, der Zünfte und der Jugend, Zürich 1976, S. 47–49 📖; W. Baumann, Zürcher Sechseläuten. Constaffel und die 25 Zünfte, Zürich 1992, S. 80–84. 📖↩
2
Karl Knauer (1875–1945), Bankprokurist, verheiratet mit N. Barths Schwester Franziska Margarita («Margrit»), lebte in Zürich.↩
3
Wort im Original durch Lochung z. T. unleserlich. Wahrscheinlich ließ der Anblick der vielen die historischen Kostüme ihrer Zunft tragenden Männer die Gäste ihre normale Kleidung als eine Verkleidung empfinden.↩
4
Das Sempacherlied «Laßt hören aus alter Zeit / Von kühner Ahnen Heldenstreit …» (von H. Bosshardt [1811–1877], Melodie von H. U. Wehrli [1794/1839]) besingt den verlustreichen Sieg der Eidgenossen über das österreichische Heer bei Sempach 1386 (Liederbuch für die schweizerische Studenten-Verbindung Zofingia (Deutsche Sektionen.), Zürich 18914, S. 21f. [Nr. 11] 📖; Lieder für Jung und Alt, hrsg. von J. J. Schäublin, Basel 1949127, S. 220f. [Nr. 153] 📖).↩
5
D. h. ein Pfarrer im Ruhestand.↩
6
= Speiseeis.↩
7
Friedrich Otto Pestalozzi (1846–1940), bis 1921 in der Eisenhandelsfirma der Familie Pestalozzi tätig, nahm seit dem Tod seiner Frau (1908) wieder regelmäßig am Sechseläuten-Mittagessen der Zunft zur Saffran teil; vgl. E. Eidenbenz-Pestalozzi, Friedrich Otto Pestalozzi (1846–1940), 115. Neujahrsblatt auf das Jahr 1952, zum Besten des Waisenhauses Zürich hrsg. von der Gelehrten Gesellschaft, Zürich o. J. [1951?], S. 55 📖.↩
8
Zum Brauchtum des Sechseläutens gehört seit 1862 ein Kinderumzug durch Zürcher Straßen, der bis zum zweiten Weltkrieg am Sechseläuten-Vormittag, also kurz vor dem mittäglichen Festessen, stattfand. Die mitziehenden Mädchen und Jungen sind in Kostüme oder Trachten gekleidet; vgl. W. Baumann, Zürcher Sechseläuten. Constaffel und die 25 Zünfte, Zürich 1992, S. 79–81. 📖 Wahrscheinlich trugen Ursula und Franziska Pestalozzi deshalb alte Zürcher Trachten.↩
9
Vgl. oben S. 208.↩