23 · 1932

An Prof. D. Emanuel Hirsch, Göttingen

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An Prof. D. Emanuel Hirsch, Göttingen

1932

Nach der Veröffentlichung von Barths Zuschrift an die Frankfurter Zeitung (s. vorigen Offenen Brief) richtete Prof. Dr. Emanuel Hirsch, Göttingen, am 27.2.1932 an Barth einen sieben Seiten langen Offenen Brief, den Wilhelm Stapel im April im «Deutschen Volkstum» abdruckte.1

Seit sich Barth und Hirsch im November 1921 in Göttingen als Kollegen kennengelernt hatten, herrschte zwischen ihnen ein spannungsreiches Verhältnis.2 Hirsch, 1888 in der Westprignitz geboren und in Berlin aufgewachsen, hatte seit 1906 in Berlin Theologie studiert und 1914 über Fichtes Religionsphilosophie promoviert. Seine theologische und politische Weitsicht war dadurch charakterisiert, daß er den Völkern und speziell dem deutschen Volk in der Geschichte einen besonderen Rang zuerkannte, den er theologisch begründet sah.3

185Barth antwortete Hirsch am 17. April mit einem Offenen Briefe, den er ihm zusandte und den Stapel zusammen mit einer Replik Hirschs – in Gestalt eines Briefes vom 21. April an Stapel – im «Deutschen Volkstum» abdruckte.4 Inzwischen hatte sich Hirsch, Mitglied der Deutschnationalen Partei, in einem Aufruf am 3.4. zum zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl für die Wahl Adolf Hitlers eingesetzt.5

Barth verzichtete auf eine öffentliche Replik6, es kam nur noch zu einem Austausch von Privatbriefen.7 Damit riß die Verbindung zwischen Barth und Hirsch ab.8 Der gedruckte Briefwechsel fand weite |186 Resonanz.9 Barth selbst widmete im Sommersemester 1932 in seiner Sozietät einen Abend dem ‹Fall Dehn»; Hellmut Traub referierte und analysierte den Hergang.10

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Offener Brief Emanuel Hirschs

Sehr verehrter Herr Kollege Barth,

die Erklärung, die Herr Kollege Dörries und ich unter dem 27. Januar 1932 haben ausgehen lassen, hat Sie veranlaßt, in einem Artikel der Frankfurter Zeitung selbst als Lehrer hinter Ihrem Schüler Dehn –nach Ihren näheren Angaben darf man wohl von einem sehr ungewöhnlichen Maß der Abhängigkeit sprechen – hervorzutreten. Sie geben dabei – ich weiß nicht, warum – mir einen gewissen Vorzug vor Herrn Kollegen Dörries, indem Sie mich persönlich zur Rechenschaft ziehen über mein Verhältnis zur Theologie und zu Ihrer Theologie insbesondere. Es scheint Ihnen danach an einem öffentlichen Wort von mir an Sie gelegen zu sein. Hier ist es.

Stoffs genug hätte ich dazu allein durch die Aufgabe, das falsche Bild von unsrer Stellungnahme, das Sie im Leser erwirken, richtigzustellen. Sie sprechen «von den in der hallischen Universitätszeitung schreibenden, dichtenden und Karikaturen zeichnenden Kommilitonen und den dieser Jugend geradezu ihre Dankbarkeit ausdrückenden Theologieprofessoren Hirsch und Dörries». Auch Leser, die die Kriegslisten der von Ihnen seit Jahren in das theologische Gespräch übertragenen journalistischen Kunst in Rechnung stellen, werden meinen, wir hätten uns mit der kampfesweise der hallischen Studenten ganz einverstanden erklärt. Die Wahrheit ist, daß sich unsre Erklärung gegen diese Kampfesweise durch Forderung eines Kampfes auf dem Wege der Freiheit und des Geistes scharf abgrenzt und sich unsre Dankbarkeit auf das Ja der deutschen Jugend zu Volk und Freiheit bezieht. Sie schreiben von unsrer (nämlich Dörries’ und meiner) «Parteijugend». Die Wahrheit ist, daß wir uns, von allem Parteipolitischen absehend, zu einem deutschen Wollen bekannt haben, das in jungen Menschen sehr verschiedenartiger Parteizugehörigkeit lebendig ist. Sie tun so, als ob bestimmte theologische Ergebnisse Dehns uns veranlaßt härten, von einer Untergrabung seiner Wirksamkeit unter jungen deutschen Menschen durch ihn selbst zu reden. Die Wahrheit ist, daß wir uns zu der Freiheit der Theologie auf jede Gefahr des Ergebnisses hin bekannt haben. Diese Art von Ihnen, den Kampf gegen uns zu führen, schiene mir, wenn sie von irgendeinem andern als von Ihnen ausginge, den Vorwurf mangelnden Verantwortungs|188gefühls hinreichend zu begründen. Bei Ihnen erinnere ich mich jedoch rechtzeitig daran, daß es Ihnen bisher noch niemals gegeben worden ist, einen Ihnen quer liegenden Gedankengang eines andern richtig zu verstehn und wiederzugeben. Seit Jahren tragen diejenigen theologischen Arbeiter, die Ihr Mißfallen erregen, es als ihr Kreuz, daß es bei Ihrer Polemik nicht ohne falsche Unterstellungen abgeht, und wir alle haben begriffen, daß es sich dabei Ihrerseits nicht um bösen Willen, sondern um eine unüberwindliche Grenze der geistigen Veranlagung handelt. Ich würde mir also komisch vorkommen, wenn ich nicht meinerseits ebensoviel christliche Geduld Ihrer Polemik gegenüber aufbrächte als die Leidensgefährten.

Ernster nehme ich eine andre Schwierigkeit des Gesprächs. Sie weisen selbst darauf hin, daß Sie Schweizer sind. Ich weiß und ehre es als Ihre nationale Entscheidung, daß Sie Ihr Schweizertum mit scharfer Bewußtheit als national und staatlich von unserm Deutschtum sich unterscheidende Größe fassen und daß Sie seinerzeit die Einbürgerung in Deutschland nicht gewollt haben als mit der Ihnen natürlichen Treue gegen Ihr eignes Volk nicht vereinbar. Wahrscheinlich sind Sie daher auch heute noch im formell-rechtlichen Sinne Ausländer.11 Auch wenn man aber von diesem Rechtlichen absieht, dem Herzen nach sind Sie nicht mit dem deutschen Volke und Staate als dem Volke und Staate Ihrer selbst und Ihrer Familie verbunden. Sie empfinden sich als Gast, und Sie stehen zu uns und unserm Geschick in der Rolle des stark mitinteressierten Beobachters. Was das bedeutet, ist Ihnen aber nicht klar. Es geht nicht etwa um die Schonung gewisser nationaler Empfindlichkeiten, die Ihnen als letztlich «nicht verständig» erscheinen. Im Gegenteil, wir erwarten von dem bei uns lebenden Gaste gar nicht, daß er fühle wie einer, der ganz zu uns gehört, und |189 ertragen von ihm darum manche Äußerung, die uns am Gliede unsers eignen Volkes unerträglich wäre. Es geht vielmehr darum, daß das Fehlen eines letzten Gefühls unbedingter Zusammengehörigkeit mit unserm Volke und Staate Ihrem Verständnis deutscher Dinge Grenzen zieht, die Sie innerlich achten lernen müssen. Wer jetzt nicht mit den Wurzeln seines Lebens und mit seinem und der Seinen ganzem Geschick unwiderruflich hineingebunden ist in das deutsche Schicksal, wer jetzt nicht sich und die Seinen mit uns von dem gleichen ehernen Ringe umschlossen weiß, ihm fehlt eine wesentliche Bedingung, uns in unsrer verzweifelten Lage zu verstehen, und damit das innere Maß für die Leidenschaft und die Ziele gegenwärtigen deutschen Wollens. Durch Ihr unvorbehaltenes Sichgleichsetzen mit Ihrem Schüler Dehn haben Sie sich auch dessen Worte über die Dämonie des Wollens der gegenwärtigen deutschen Jugend auf Volk und Freiheit hin zu eigen gemacht. Darf ich Sie an die ernsten Worte erinnern, die Paul Althaus letzten Sommer Schweizer kirchlichen Kreisen entgegenhielt, als diese über bestimmte Richtungen in der deutschen Freiheitsbewegung christlich abzuurteilen schienen?12 Unser Ja zu Volk und Freiheit ist leidenschaftlich, und unser Zorn gegen den Volksgenossen – also nicht gegen Sie, den Gast –, der es nicht fühlt, ist eine sehr paradoxe Verkehrung der um ihn werbenden, ihn zur Deutschheit aufrufenden Liebe. Wer nicht mit uns in der Lage ist, mit dem deutschen Schicksal sein und seiner Kinder Existenz zitternd vor Gott zu bringen, wer nicht in unserm inneren Sichentscheiden drin zu stehn durch seine Existenz gerufen ist, der kann auch nicht wägen, ob unser Wollen in Gott gebunden ist oder nicht.

Entsprechende Grenzen Ihrer Urteilsmöglichkeit bestehen für die mit dem Verknechtungskriege der Welt wider unser Volk und Land zusammenhängenden Fragen. Eine «harmlose» Angelegenheit nennen Sie die Frage um die Gedenktafeln in den Kirchen.13 Sie haben sich |190 ja auch nie in eine deutsche Mutter einfühlen müssen, die ernsthaft mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß die Knochen ihres Jungen von irgendeinem belgischen Bauern auf den Mist geworfen worden sind, und nicht in die der zahllosen deutschen Mütter, Schwestern und Frauen, die einen geliebten Menschen ins Feld ziehen sahen und nichts als ein Briefchen des Kompagnieführers und eine amtliche Verlustliste wiederzusehen bekamen und allenfalls die Photographie eines namenlosen Massengrabs, das die irdischen Reste mit decken sollte, besitzen. Für solche Menschen ist keine erhabene Gleichgültigkeit möglich, wenn ein im Namen der Kirche Redender, durch Sie in seinem Gewissen verwirrt, Bedenken hat, ob sie den Namen wenigstens an einer Stätte angeschrieben sehen dürfen, da Christen sich zum Gebete versammeln, und zwar deswegen Bedenken hat, weil der Sohn, Bruder oder Gatte ja immerhin trotz seiner Aufopferung in hinreichendem Verdachte stehe, wider das fünfte Gebot gesündigt zu haben.14 Vielleicht verstehen Sie an dem Gesagten, daß Sie sich zu weit vorgewagt haben und deutschen Männern die Entscheidung darüber überlassen müssen, welche mit dem deutschen Schicksal zusammenhängenden Fragen so ins Herz schneiden, daß eine Erörterung nur in der Zartheit der sich mit Deutschlands Schicksal in eins setzenden Liebe geschehen darf. Die Logik des Herzens lernt man nicht, wenn man sich nach Ihrem Vorschlag an einen Schreibtisch setzt, um Theologie zu treiben.

Nach diesen beiden Vorbemerkungen lassen Sie mich zu der Sache kommen, die Ihnen am Herzen liegt, zu der feierlichen Aufforderung an die deutschen Theologen und insbesondere auch an mich, die durch die von Ihnen inaugurierte dialektische Theologie geschaffene Lage ernst zu nehmen. Wir sollen erstens vor allem die allgemeinen theologischen Grundlagen diskutieren, von denen aus sich Dehns oder, wie man nun vielmehr sagen muß, Ihre Bedenken zur Kriegsfrage ergeben, zweitens auch bei dem Hineingehn in die konkreten Streitfragen den Gegensatz als wissenschaftlichen behandeln.

Was das Erste anlangt, so bin ich einigermaßen erstaunt gewesen. Seit einem Jahrzehnt hat so gut wie jeder sich der Systematik anneh|191mende Theolog in Buch oder Aufsatz oder beiden seine ernsthafte Beschäftigung mit der sogenannten dialektischen Theologie unter Beweis gestellt. Keinem deutschen Theologen im neunzehnten Jahrhundert ist eine solcher Ernsthaftigkeit des Ringens mit seinen letzten Einsichten und Absichten bei den Zeitgenossen begegnet wie Ihnen. Ihnen ist es anscheinend noch nicht genug gewesen. Was nun mich persönlich anlangt, so können Sie wissen, daß Ihre Aufforderung mir gegenüber gerade in dieser Lage besonders unangebracht ist. Ich habe in meinem letzten Buche «Schöpfung und Sünde»15 im ernstlichen Ringen mit den Voraussetzungen der sogenannten dialektischen Theologie gerade die Grundlagen der theologischen Ethik zu klären gesucht und dabei gerade das Verhältnis des christlich Guten zur Sündhaftigkeit des Kreatürlichen in die Mitte gestellt, d.h. den Punkt, der in Dehns Magdeburger Vortrag die Grundverwirrung angerichtet hat. Verlassen Sie sich vielleicht darauf, daß die Leser Ihres Zeitungsartikels die Sinnlosigkeit Ihrer Aufforderung mangels Kenntnis des theologischen Schrifttums des letzten Jahrhunderts nicht durchschauen?

Es steht mit den Grundaussagen der dialektischen Theologie heute überhaupt ganz anders, als Sie meinen. Die Arbeit des letzten Jahrzehnts ist nicht umsonst gewesen. Niemand wird Ihnen es rauben können, daß Sie in einem bestimmten Durchgangsmoment festländischer evangelischer Theologie der König gewesen sind und die Spuren des Hindurchgangs durch die von Ihrem Römerbriefkommentar geschaffene theologische Lage an jeder seitdem ans Licht getretenen lebendigen theologischen Leistung haften. Aber das ist eine historische Erinnerung, die mit jedem Tage historischer wird. Allenthalben sind die Geister am Werke, die über die von Ihnen geschaffene Lage hinausführen in neues junges Land. Aber – es sei. Nehmen wir an, die Grundaussagen Ihrer Theologie stünden so unangefochten oder so erbärmlich angefochten da, daß Sie ein Recht zu Ihrer Aufforderung hätten, und die Weiterbildung der sogenannten dialektischen Theologie durch andre sei in den Grundlagen so wenig belangreich, daß Sie |192 noch ein Recht hätten, sich als Wortführer dieser ganzen theologischen Bewegung zu geben. Wer sagt denn da, daß sich von diesen Grundlagen aus so selbstverständlich Ihre durch Dehn in Magdeburg an den Tag gekommenen Bemerkungen zur Kriegsfrage ergeben? Nehmen Sie guten Rat an. Es schadet einer Theologie immer, wenn ihr Urheber den für ihn notwendigen Zusammenhang zwischen Grundeinsicht und Einzelanwendungen als unantastbare sachliche Selbstverständlichkeit behaupten will. Sie verfiele damit der Hybris der Philosophie, den geschichtlichen Ursprung alles reflektierenden Denkens im Einzelmenschen mit den zufälligen Grenzen und Bedingtheiten seiner Wirklichkeitserschlossenheit zu vergessen. Schon hat sich in de Quervain ein junger Schweizer gefunden, welcher von theologischen Voraussetzungen aus, die Sie im wesentlichen billigen müssen, den Weg hinüberbahnt zu dem jungen Denken, das sich seiner Verwurzelung in Volksgemeinschaft und Schicksalsgemeinschaft als einer von Gott gesetzten Lebenswirklichkeit bewußt ist.16 So anders die theologische Grundhaltung de Quervains ist als die von Althaus oder mir, in der konkreten politischen Ethik hat er einen Boden gefunden, auf dem ein Weiterbauen in unserem Sinne möglich ist. Und nur wenn sie auf dem von de Quervain eingeschlagenen Wege entschlossen weiter geht, weit, weit weg von Ihnen und Dehn, wird die sogenannte dialektische Theologie noch die Möglichkeit haben, lebendig einzuwirken auf junge deutsche Menschen, die sich ihrer Deutschheit bewußt sind und die Befreiung unsers Volks aus seiner gegenwärtigen Knechtung für ihre von Gott ihnen gegebene und dadurch heilige Pflicht halten. Herr Kollege, es ist objektiv eine Verfälschung des Tatbestands, wenn Sie erklären, es ginge im Falle Dehn um die dialektische Theologie. Es geht um die Einseitigkeit zweier Theologen, eines Schweizers und eines von diesem geistig beherrschten Deutschen, welche aus den zufälligen Schranken ihrer eignen Lebensbemächtigung eine Angelegenheit der Theologie und der Kirche machen.

193Ich bin schon nahe herangekommen an Ihre andre Aufforderung, die ich dahin formen darf: wir möchten doch die Fragen auch der politischen Ethik in möglichster wissenschaftlicher Grundsätzlichkeit abhandeln. Hier hab ich mich nun zwiefach über Sie gewundert. In der Generation der bei Kriegsende ungefähr Dreißigjährigen bin ich der, der mit «Deutschlands Schicksal»17 einer denkenden Beschäftigung der Theologie mit den Fragen Volk und Menschheit, Staat und Krieg die Bahn zu brechen suchte. Ich erinnre mich noch genau meiner Sorge beim Herausgehen des Buchs, ob man die innere theologische Nötigung, diese Fragen anzugreifen, verstehen oder mich als einen Seitensprünge machenden Dozenten vielleicht nach meiner wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit gering beurteilen würde. Seitdem habe ich gerade unter den Theologen unendlich viele Mitarbeiter bekommen, die jeder von ihrem Standort aus, in ähnlichem oder in ganz anderm Geiste, den gleichen Fragenkreis durchgrübelt haben, – so viele, daß mein Buch angesichts der heute reich entwickelten Erörterung dem Theologen vielfach überholt erscheinen muß und von ihm kaum noch verstanden wird. Rudolf Smend hat neulich ausgeführt, daß das ganze leidenschaftliche geistige Ringen der deutschen evangelischen Theologie des letzten Jahrzehnts um das rechte Verständnis von Volk und Staat einem kommenden Kirchenhistoriker gerade als die Großtat der evangelischen Theologie der Nachkriegszeit erscheinen wird.18 Wenn es einen wissenschaftlichen Einwand gegen Dehns Vortrag gibt, so ist es der, daß er von dieser ganzen reichen Arbeit keine Kenntnis genommen hat und einfach als Laie, so als ob er zum ersten Male zur Sache redete, spricht. Das ist es auch, was jedem ernsthaft an diesen Dingen Arbeitenden die Lust genommen hat, sich mit Dehn auseinanderzusetzen. Dieser Vortrag ist wirklich kein Stück theologischer Arbeit, das ernst genommen zu werden verdiente. Er ist einfach das Noterzeugnis eines in einem arbeitsreichen Großstadt|194pfarramt stehenden Pfarrers, der nicht Zeit hatte, sich auf dem Stande der gegenwärtigen theologischen Erörterung zu halten. Es tut mir leid, dies jetzt so öffentlich feststellen zu müssen, und das Geschrei, das man deshalb über mich machen wird, gellt mir schon im voraus in die Ohren. Aber die Feststellung ist durch Ihre Aufforderung unvermeidlich geworden. Unbegreiflich, daß Sie so das Augenmerk verloren haben. Kennen Sie das ganze reiche Schrifttum des letzten Jahrzehnts zu diesen Fragen vielleicht selber nicht? Oder sind Sie ein Opfer jener unter Ihren blinden Parteigängern geworden, welche jede von einem dialektischen Theologen bedruckte Seite für ein Ereignis halten und alles andre als nicht vorhanden betrachten? Hüten Sie sich vor den Anhängern! Diesen Rat erteile nicht ich Ihnen, sondern ein Mann, zu dem wir beide gemeinsam aufschauen, Sören Kierkegaard.19

Aber es ist noch etwas andres zu Ihrem Appell an unsern wissenschaftlichen Fleiß und Ernst zu sagen. Sollten Sie wirklich meinen, daß die Wissenschaft Meisterin und Entscheiderin aller Fragen sei? So haben manche Menschen des neunzehnten Jahrhunderts gedacht, über die wir heut lächeln, und Sie selbst haben, sofern ich mich recht erinnere, über solche Herren sogar recht derb gespottet, wenn sie Ihnen bei Ihren Kreuzfahrten im Reich der Theologie gerade schußgerecht vor die Flinte gekommen sind. Mit mir wissen Sie, daß der Glaube, durch dessen Schenkung an uns Gott über uns entscheidet, vor und über aller theologischen Denkarbeit steht. Mit mir wissen Sie, daß das Durchdenken auch jeder humanen Lebensfrage allein in der Besinnung auf Grund und Recht jeder menschlichen Existenz vor Gott wahrhaftig wird und eben damit auf eine Urgrenze jedes Denkens und Redens stößt. Mit mir wissen Sie, daß, wenn man dort jene Grenze überhüpft, vom Glauben, wenn man hier diese überhüpft, vom Menschsein nicht richtig gesprochen werden kann, daß also die Erinnerung an diese beiden Grenzen keine unfreie Einengung der Theologie bedeutet, sondern die einfache Forderung der Sachlichkeit |195 im Tun theologischer Arbeit. Von daher sollte Ihnen die – klar von uns geschaute – Paradoxie, die im zweiten Punkt der Erklärung von Herrn Kollegen Dörries und mir enthalten ist, zugänglich gewesen sein. Wir geben einerseits alles wahrhaftige theologische Denken und Grübeln über den Krieg – ich darf hinzufügen: auch über Volk und Staat – frei, ohne Vorbehalt, auf jede Gefahr. Wir fordern anderseits von einem deutschen Theologen, daß er, wenn er über diese Dinge denkt und redet, sich seiner existentiellen Bindung in das deutsche Volk, in die gegenwärtige Stunde dieses Volks, in den notwendigen Freiheitswillen dieses Volkes bewußt bleibe. Er soll diese Bindung Gott untergeben und sich von Gott den Weg in ihr weisen lassen und keine Not, keinen Abgrund auf dem Wege dieses Grenzens und Richtens aus Gott und auf Gott scheuen. Er darf aber niemals so denken und reden, als ob er nicht existentiell in dieser Bindung stünde, er darf diese Bindung mit seinem Denken nie vergessen oder zerstören wollen.

Was könnten Sie nun darauf erwidern? Wollen Sie leugnen, daß die Eingliederung in Volk und Staat und in die geschichtliche Stunde und geschichtliche Aufgabe von Volk und Staat mit meiner Existenz als Mensch so verwoben ist, daß ich sie nur in Ungehorsam gegen den, der mich in sie gesetzt hat, verleugnen könnte und nur durch Abgleiten in nicht-existentielles, also theologisch belangloses Gerede nicht zum Grundpunkte desjenigen Verstehens von Volk, Staat und Krieg machen könnte, welches mir als Theologen aufgegeben ist? Wollen Sie es wirklich? Dann würden Sie an die Stelle der konkreten menschlichen Existenz, die uns gegeben ist, der in der Geschichte, eine abstrakte menschliche Existenz setzen, die nur im Hirne einiger philosophischen und theologischen Spekulanten vorkommt. Es ist die Not unsers Denkens, daß wir diese existentielle Konkretion niemals mit ihrer ganzen Fülle hineinnehmen können in unsre Reflexion. Daran spüren wir, daß wir als Menschen denken, und ich denke auch, als Menschen Theologie treiben, und nicht als Gott. Ich mache keinem Theologen einen Vorwurf, daß er von unsrer Existenz in abstrahierenden Begriffen allein reden kann. Ich halte es aber für eine Pflicht der Sachlichkeit, ohne deren Erfüllung mir theologisches Denken genau so unmoralisch wird wie bei entsprechendem Fehler philosophisches, daß unsre Begriffe immer scharfer Ausdruck gerade derjenigen Seite unsrer existentiellen Konkretion sind, die wir gerade ent|196scheidend unter Gott grenzen wollen. Diese Forderung geltend gemacht zu haben in der besonderen Anwendung auf den deutschen Theologen, der heut in Deutschland über Volk, Staat und Krieg denkt, das ist der einfache Sinn des von Herrn Kollegen Dörries und mir Gesagten.

Sie führen gegen uns als warnendes Menetekel drohender Barbarei ein Hitlerwort an. Wenn dies Wort von einem verantwortlichen Theologen oder Wissenschaftler geschrieben wäre, würde ich Ihr Entsetzen verstehen. Es ist der einseitige Gegenschlag gegen den Dünkel jener volksentfremdeten Intellektuellen, die nie begriffen haben, daß sie und ihre ganze Reflexionskultur nur in einem starken und freien Volke möglich war, das sich manche Krankheit leisten kann. Wer den Dünkel dieser Intellektuellen selber satt hat bis dort hinaus, wer die zerstörenden Wirkungen ihrer in der Luft schwebenden Geistigkeit auf alles Gemeinschaftsleben selber beobachtet hat, wird die Einseitigkeit an jenem Wort zum mindesten verzeihen. Diese Intellektuellen, sie haben jedenfalls nicht das Recht, gegen das Hitlerwort aufzumucken. Dies Recht haben allein wir, die wir unsrer existentiellen Bindung an unser Volk und sein Schicksal und seinen Freiheitswillen mit jedem Tage neu bewußt werden. Haben Sie keine Sorge um unsre Göttinger Studenten der Theologie: sie werden mir gerne bezeugen, daß ich das Aufmucken gegen die Verächter des Geistes noch nicht verlernt habe und wenig Aussicht ist, ich werde es je verlernen.

Schade, schade, daß Sie nicht gemerkt haben, wie Sie mit jenen Intellektuellen in eine Gesellschaft geraten, für die Sie viel zu gut sind. In den Jahren des persönlichen Umgangs mit Ihnen, hier in Göttingen, ist mir immer als einer der menschlich liebwertesten Züge an Ihnen erschienen Ihr ganzes echtes treues Schweizertum. Nie habe ich in dieser Ihrer Volksverbundenheit ein Wanken wahrgenommen, und manchmal habe ich gelächelt, wie unbefangen Sie alle schweizerischen Fragen ungebrochen schweizerisch ansahen und beurteilten. Aber das ist nun mein ernstes und aufrichtiges letztes Wort: falls Sie nicht uns Reichsdeutschen für unser Volk und seine notwendigen Ziele das gleiche zugestehen, was Sie für Ihr Volk selbstverständlich üben, dann wären Sie parteilich, und falls Sie die Ihnen von Gott geschenkte Vollmacht, unsre Jugend zu lehren, gebrauchen, um unsre Jugend in ihrem deutschen Wollen, ihrer deutschen Pflicht – welches diese deutsche |197 Pflicht sei, steht Ihnen nicht an zu beurteilen – zu erschüttern oder zu verwirren, würden Sie Ihr Amt als Lehrer der Theologie mißbrauchen.

Wir Deutsche können mehr vom Ausländer lernen als andre Völker. Wir sind alle bereit, wenn Sie mit einer neuen großen theologischen Leistung unsre theologische Erkenntnis fördern sollten, es dankbar zu nehmen. Wir weigern uns aber, Ihre Rede als die eines Theologen anzunehmen, wenn Sie Ihre theologische Einsicht gleichsetzen mit einer religiös-politischen Haltung, welche aus einem innerlich unwahren, allein dem reflektierenden Schweben des unbeteiligten Beobachters zugänglichen Begriffe von Existenz heraus den durch Gott in seiner Sünddurchwobenheit dennoch geheiligten Ring des Volkstums und seines Schicksals sprengt. Wir handeln auch als Diener am Evangelium, wenn wir es für unrecht erklären, den Glauben an Gott zu wenden gegen das von uns immer neu vor Gott gebrachte Ja unsrer jungen deutschen Menschen zu Volkheit und Freiheit für unser von übermütigen Siegern zur Verzweiflung getriebenes deutsches Volk.

Emanuel Hirsch

Offener Brief Karl Barths

Lieber Herr Kollege Hirsch!

Ein solcher öffentlicher Redewechsel ist gewiß auch nach Ihrem Empfinden für die Beteiligten selbst wie für die freiwillig oder unfreiwillig Zuhörenden eine versuchliche und leicht sehr unerbauliche Angelegenheit. Aber ich muß zugeben, daß ich Ihnen durch die mehrfache Nennung gerade Ihres Namens in meinem Artikel in der «Frankfurter Zeitung» einigen Grund gegeben habe, mir diesen «Offenen Brief» zu schreiben, und damit auch das Recht, an derselben Stelle zu hören, was ich dazu zu sagen habe.

Sie müssen mir freilich verzeihen, wenn ich nun einiges nicht tue, was Sie und die Leser des «Deutschen Volkstums» vielleicht von mir |198 erwarten und was ich an sich auch sehr wohl tun könnte. Ich möchte vor allem Ihren Klagen hinsichtlich meines «Bildes» von Ihrer Stellungnahme, Ihren vielen: «Die Wahrheit ist …» keine Aufrechnung gegenüberstellen hinsichtlich der Punkte, in denen ich meinerseits das, was ich in der «Frankfurter Zeitung» in Wirklichkeit geschrieben habe, durch Sie in schmerzlicher Weise entstellt und mißbraucht finde. «Die Wahrheit ist», daß solcher Hader um die Worte gerade zwischen Leuten, die sich sachlich so fern stehen wie Sie und ich, ohne alle Frucht ins Unendliche gehen könnte. Auch mein Schicksal, in der Schweiz meine Heimat und in Deutschland meine Lebensaufgabe zu haben, und das bißchen Ernst, mit dem ich es versuche, ein guter Deutscher zu sein, ohne aufzuhören, ein guter Schweizer zu bleiben, möchte ich, soviel Gewicht Sie anscheinend darauf legen, nicht zum Gegenstand einer Apologie machen: ich will nicht erst ausführlich werden darüber, daß Sie der Kenner nicht sind, der mein Verhältnis zu dieser meiner besonderen Lage und Aufgabe zu beurteilen vermöchte und vor dem ich mich seinetwegen zu rechtfertigen hätte. Was ich in der «Frankfurter Zeitung» geschrieben habe und wie ich es geschrieben habe, gibt mir das Recht festzustellen, daß diese persönliche Frage überhaupt schlechterdings nicht zur Sache gehört. Wiederum möchte ich Ihnen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten hinsichtlich der verschiedenen Boshaftigkeiten, mit denen Sie Ihren Brief gewürzt haben: sie haben technisch meine Bewunderung erregt, und Sie werden nicht bezweifeln, daß auch ich in der Lage wäre, mir einige derartige Pointen einfallen zu lassen. (Den mit Personen und Verhältnissen weniger bekannten Lesern darf ich versichern, daß das rechtsrheinische Basel (Basilea minor), wo meine Vorväter hausten, den Wettbewerb mit Berlin, wo Herr Hirsch das Licht der Welt erblickte20, wenn es darauf |199 ankäme, sicher mit mindestens gleich glücklichen Aussichten aufnehmen würde.) Aber wozu? Meine «journalistische Kunst» haben ja auch Sie anerkannt, und mich lüstet zu wenig nach weiteren Lorbeeren, als daß ich das Bild, das wir mit einem Wettbewerb auf diesem Boden zusammen stellen könnten, erfreulich zu finden vermöchte. – Also dies sind die Seiten, von denen mich Ihr Brief eben nicht wirklich anrührt und nach denen ich ihn unbeantwortet lassen dürfen möchte.

Was mich an Ihrem Brief wirklich und ernsthaft bewegt, ist dieses: Ich hatte es unvorsichtigerweise nicht für möglich gehalten, daß Ihnen das Anliegen so ganz entgehen könnte, das ich in meinem Artikel zur Aussprache bringen wollte. – Darf ich es nochmals kurz zusammenfassen? Ich wollte darauf hinweisen, daß es für uns Akademiker und dann noch in besonderem Sinn für uns Theologen sachlich eine Ebene oder mindestens einen Punkt oberhalb oder jenseits der auch uns so oder so erfüllenden politischen Erregung geben müsse und dem entsprechend – ich bediente mich schon damals dieses Ihres Lieblingswortes – eine besondere «Leidenschaft» oberhalb oder jenseits unserer mit dieser Erregung zusammenhängenden Leidenschaften. Ich wollte auf die Möglichkeit aufmerksam machen, eine Angelegenheit wie den Fall Dehn von jenem Oberhalb und Jenseits her und also anders als bisher geschehen: offener, sorgfältiger, abwägender, vorbehaltender, mehr an der Sache als an irgendwelchen Thesen und Parolen interessiert, in einigem Abstand zu dem Frakturdenken und Plakatreden der Parteiführer und Parteigänger, den «Zorn» ein bißchen dämpfend und dafür den Geist nicht so sehr dämpfend21, zu diskutieren. Auf die «dialektische Theologie» habe ich doch (übrigens nicht als Erster, sondern in Aufnahme der Anregungen Ihrer Gesinnungsverwandten Eger in Halle und Hoffmann in Münster22) nur |200 hingewiesen als auf den nächsten sinnvollen Gesprächsgegenstand abseits vom Getümmel des literarischen und sonstigen Straßenkampfes. Mein speziell auf Sie sich beziehender Schlußsatz lautete: «Ich hoffe aber, daß sein und mein primäres Interesse der Theologie und nicht der Politik gehört». – Und nun sehe ich mit Verwunderung und Betrübnis, daß Sie auf dieses mein Anliegen in Ihrem umfangreichen Brief weder explizit noch implizit eingegangen sind. So wenig scheinen Sie es überhaupt bemerkt zu haben, daß es Ihnen nichts ausmachte, genau das, was ich in Frage gestellt zu haben meinte, in schöner Naivität oder in schönem Trotz einfach noch einmal zu tun. Wo sitzt die «Leidenschaft» Ihres Briefes? Noch einmal restlos in Ihrem aufs neue abgelegten politischen Glaubensbekenntnis. Wer bin ich Ihnen? Ein Vertreter einer Ihnen nicht angenehmen «religiös-politischen Haltung», den Sie im Namen Ihrer eigenen entgegengesetzten «religiös-politischen Haltung» und darum, wie es auch die Politiker der kleinsten Minderheiten zu tun pflegen, selbstgewiß im Namen des «deutschen Volkes» anzureden und zu strafen haben. Was machen Sie mit mir? Sie versuchen es, mich niederzureden, wie man es eben wenigstens nach gewissen Rezepten mit politischen Gegnern zu halten hat. Wer muß Ihnen als Eideshelfer dienen und sich von Ihnen loben lassen? Der in diesem Falle wirklich arme de Quervain, weil Sie mit seiner politischen Einstellung zufrieden sind, obwohl Sie wissen und sagen, daß seine Theologie eine ganz andere ist als die Ihrige. Was ist Ihr ganzer Brief? Nichts Schlimmeres, aber auch nichts anderes als eben ein Stück politischer Agitation, bei der es genau nach den von Ihnen in Schutz genommenen Anweisungen von Hitler auf Erreichung bestimmter greifbarer Zwecke, auf die Behauptung und Befestigung von Machtpositionen abgesehen ist. Es hilft mir wirklich wenig, wenn Sie mich auf den zweiten Punkt Ihres Manifestes vom 27. Januar verweisen, wo Sie der Theologie «einerseits» alle erdenkliche Freiheit des «Grübelns» auch in Sachen der politischen Ethik zuerkennen wollen, um sie «andererseits» unter eine Bedingung zu stellen, die in Ihrem Sinn und in Ihrem Mund, wie jede Zeile Ihrer Kundgebungen deutlich genug zeigt, nur das bedeuten kann, daß die Theologie, wo sie sich mit der Politik berührt – Sie reden, wie wenn es sich hier um die Häresie aller Häresien handeln würde! –, sich hüten soll, von jener Freiheit einen anderen Gebrauch zu machen als den, der |201 Ihren Vorstellungen von einem existenziell gebundenen Denken, von Deutschtum und deutschem Freiheitswillen entspricht und also nach Ihrem Urteil als Gehorsam gegen Gott in Betracht kommt. Wirklich eine köstliche und wahrhaft christliche Freiheit! Und noch weniger ist mir geholfen, wenn Sie mir versichern, daß Sie die Studenten in Göttingen nun doch nicht ganz im Stil jener merkwürdigen Eröffnungen Hitlers zu unterweisen pflegen. Das will ich glauben! Aber Günther Dehn ist nicht Ihr Göttinger Zuhörer und ich bin es auch nicht, und ihn und nun auch mich haben Sie nun eben doch hemmungslos in diesem Stil unterwiesen. Und wenn ich mich nicht auch auf diesen Stil einlassen und mich auf die Ebene begeben will, von der ich ja gerade abrufen wollte, was bleibt mir dann übrig, als Ihnen zu sagen, daß Sie mir auf das, wonach ich gefragt habe, mit keinem Wort geantwortet haben und daß ich mit dem, was Sie an Stelle einer wirklichen Antwort zu mir gesagt haben, von A bis Z nichts anzufangen weiß?

Wie habe ich mich doch getäuscht, als ich jene Frage an Sie richtete mit der Erwartung, wenigstens für die Frage als solche bei Ihnen Gehör zu finden! Das ist’s, was Sie mir, so wie die Dinge zwischen uns liegen, hätten antworten müssen: Es sei unbegreiflich, daß ich Sie und Ihre Theologie kennen und Ihnen zumuten konnte, Ihr primäres Interesse bei der Theologie und nicht bei der Politik zu haben. Mußte ich nicht wissen, daß Sie für die bei dieser Zumutung vorausgesetzte Unterscheidung und Überordnung nimmermehr Verständnis haben würden? Mußte ich Sie erst nötigen, noch einmal und noch einmal zu erklären, daß als «der Grundpunkt» Ihres theologischen Verstehens von Volk, Staat und Krieg die in ihrer «Verwobenheit» von Schöpfung und Sünde als göttliche Setzung direkt einzusehende menschliche Existenz und beileibe nicht eine der menschlichen Existenz und allen ihren Bestimmungen eindeutig und unumkehrbar gegenüberstehende Instanz anzusehen sei? Wie sollte es angesichts dieses Ihr und Ihrer Freunde Schrifttum beherrschenden «Grundpunktes» nicht klar sein, daß Ihre theologische «Leidenschaft» mit Ihrer politischen schlechterdings identisch sein muß? Daß ein Appell von der einen an die andere Ihnen gegenüber einfach keinen Sinn haben kann? Daß Sie im Falle Dehn nicht anders vorgehen konnten, als Sie es getan haben? Wie konnte ich von Ihnen verlangen, daß Sie sich für Dehns Magdeburger Vortrag, für den ganzen Hallenser Streit und schließlich auch |202 für meinen Einwand noch in einem anderen Sinn interessieren sollten, als im Sinne dessen, was Sie die «deutsche Freiheitsbewegung» nennen? Wie konnte ich Sie an ein Oberhalb und Jenseits der politischen Erregung erinnern wollen? Der Gehorsam gegen Gott fällt für Sie in der Sache, von der wir reden, nun einmal eindeutig zusammen mit dem Bewußtsein Ihrer «existentiellen Bindung an das deutsche Volk», und dieses Bewußtsein ebenso eindeutig mit Ihrer bestimmten politischen Überzeugung. Wo und wie sollte es da ein Oberhalb und Jenseits geben? Vielleicht einen «Gott», vielleicht ein «Evangelium», vielleicht eine «Kirche», die eine schlechterdings selbständige und überlegene «Leidenschaft» für sich in Anspruch nehmen könnte? Vielleicht ein Gesetz, das sich auch und gerade gegen das bestgemeinte Ja! des reinsten menschlichen Willens wenden könnte? Vielleicht einen Glauben, eine Liebe, eine Hoffnung, die sich auf keinen Fall dialektisch in das Pathos von «Schöpfung und Sünde» auflösen ließen? Vielleicht eine Theologie, die auch im Angesicht der Politik gerade nicht Politik würde, sondern Theologie bliebe? Nein, wie konnte ich Sie nur mit solchen Dingen behelligen wollen? Ich kannte doch Ihre Bücher und ich wußte doch, daß unter Voraussetzung der Holischen Luther-Interpretation die Dinge ungefähr so laufen müssen, wie sie bei Ihnen, wie man anerkennen muß: in höchster Konsequenz, nun einmal laufen.23 Also: wie unverantwortlich habe ich mich getäuscht, als ich von dem Politiker Hirsch an den Theologen Hirsch meinte appellieren zu können. Ich hätte Sie mit dem, was ich sagen wollte, wirklich nicht mitanreden dürfen. Ich hätte Sie Ihrer Theologie bzw. Ihrem Zorn überlassen sollen. Ich will es auch gewiß nicht wieder tun.

Oder soll ich es doch vielleicht gelegentlich wieder tun? Gelegentlich und auf die Gefahr neuen Zornes hin doch auch Sie wieder daran erinnern, daß wirkliche theologische «Leidenschaft» dort anfangen könnte, wo die Leidenschaften, die im Falle Dehn gewütet haben, aufhören, und daß es letztlich auch im Interesse der Politik oder sagen wir jetzt: der Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes, liegen |203 würde, wenn einige unter uns sich in jener Leidenschaft statt in diesen zusammenfinden würden? Ich werde es vielleicht doch gelegentlich wieder tun.

Da ich zu «Zorn und Abwehr» Ihnen gegenüber keinen zureichenden Grund habe, darf ich Sie meines Gedenkens auch ohne diesen Zusatz versichern.

Mit freundlichem Gruß!
Ihr
Karl Barth

Antwort von Emanuel Hirsch an den Herausgeber

Sehr verehrter Herr Doktor Stapel!

Ihre Bitte, auf das Schreiben Karl Barths an mich eine Antwort zu geben, stellt einen hohen Anspruch an meine Überwindungskraft, und fast hätte ich es abgelehnt. Um der Sache willen schreibe ich Ihnen nun dennoch diesen Brief, mit der Erlaubnis, ihn so wie er ist, drucken zu lassen. Mehr ist mir nicht möglich.24

204Das ganze Schreiben Barths ist ein einziger großer Beleg für die |205 Aussage meines offenen Briefs, daß Barth als Schweizer, der zu uns Reichsdeutschen nicht hinübergefunden hat, einen deutschen Christen in seiner gegenwärtigen inneren Lage nicht verstehen kann und – so muß ich jetzt hinzufügen – nicht verstehen will. Er hat wohl gelesen, was Sören Kierkegaard durch Johannes Climacus in der Unwissenschaftlichen Nachschrift sagt über die Schwierigkeit der Aufgabe, in dem absoluten Verhältnis zu dem absoluten Telos das relative Verhältnis zu den relativen Tele so zu bewahren, daß man als wahrhaftiger Mensch mit ganzem Ernste und ganzer Treue in diesen relativen Tele lebt.25 Wenn ihm dann aber die paradoxe Durchspannung des Lebens und der Reflexion durch diese Doppelhaltung bei deutschen Christen, die die gegenwärtige Lage ihres Volks vor Gott durchleben, begegnet, dann versagt ihm mangels von Erschlossenheit für deutsche Volksnot das Verständnis. Dann verlangt er vom deutschen Christen, daß er sein Menschsein als Deutscher beschädige und die Spannung der Doppelhaltung durch Halbheit im Irdischen auf ein Maß herabsetze, das ihm noch als bei einem Christen und Theologen verständlich erscheint. Und wenn das der deutsche Christ und Theolog nicht tut, dann glaubt ihm Barth den christlichen und theologischen Ernst nicht mehr. Dann weiß er, daß Gott, Evangelium, Glaube, Liebe, Hoffnung, Kirche für so einen deutschen Christen keine von dem Irdischen unabhängige Bedeutung haben.

Soll ich ihm nun so darauf antworten, daß ich ihm meine christliche Innerlichkeit und meinen theologischen Ernst beteure? Wer dergleichen täte, würde ja nur verraten, daß er nicht weiß, was es mit dem wahren Ernst und der wahren Leidenschaft des Glaubens und seiner Reflexion auf sich hat. Und selbst wenn ich eine mögliche indirekte |206 Form fände, – was würde das nützen dem Herzenskündiger Barth gegenüber, der meine theologischen Schriften gelesen und in ihnen hinter der Maske des Theologen den nach Macht verlangenden deutschen Politiker gefunden hat? Er, der so die Unechtheit meiner scheinbaren theologischen Bemühungen und Leidenschaft durchschaut hat, er würde sich durch solche Winkelzüge einer sich selbst nicht kennenden Individualität gewiß nicht beirren lassen.

Was ist mit dieser Lage zwischen ihm und mir eingetreten? Ich hatte Barth gebeten, die schweizerische Perspektive auf deutsche Dinge nicht mit seinen theologischen Grundaussagen zu verwechseln, und auf diese Weise das Meine dazu zu tun gesucht, daß die sogenannte dialektische Theologie nicht mehr mit internationalen Hypotheken belastet wird, die mit ihr nichts zu tun haben. Ich wollte warnen vor dem Mißbrauch religiöser und christlicher Kategorien wider den Willen zur Freiheit und zur Deutschheit. Was habe ich erfahren? Eben diesen Mißbrauch in der konkreten Anwendung wider meine eigene Haltung. Karl Barth scheint also entschlossen zu sein, eben in das hineinzurennen, was ich in den Schluß Worten meines Briefs als seine ernste Gefahr erkennen ließ. Er bleibt dabei, aus den Schranken seiner Lebensbemächtigung tatsächlich eine Angelegenheit der deutschen Theologie und der Kirche zu machen.

Nun gut. Die Frage, ob ihm das gelingt, steht nicht bei ihm und nicht bei mir. Sie steht bei den deutschen Theologen und Christen, die meinen offnen Brief an Karl Barth lesen, hinter Barths Antwort her noch einmal lesen, und ihn aufrichtig in ihrem Gewissen wägen. Mir persönlich aber bleibt nichts übrig, als mich einfach getrost jedem Angriff preiszugeben, mag er nun gegen meine christliche oder theologische oder auch gegen meine menschliche Ehre sich richten. Es gehört als Teilaufgabe mit zu dem Dienste am Evangelium, der mir als Professor der Theologie aufgetragen ist, daß ich meiner Kirche zu helfen suche, auf die rechte Weise und mit der rechten Wegweisung sich hineinzustellen in die ihr von Gott vor die Füße gelegte gegenwärtige deutsche Wirklichkeit. Was mir um der Erfüllung dieser Pflicht willen widerfährt, das muß ich aushalten und meinen Weg weiter gehen «durch gute Gerüchte, durch böse Gerüchte».26

207Ich hoffe, sehr verehrter Herr Doktor, bei Ihnen auf ein Verständnis für diese Haltung.

Emanuel Hirsch

Sachfußnoten

1
Deutsches Volkstum, Jg. 34 (1932), S. 266–272 📖; nachgedruckt in: Die Wartburg, Jg. 31 (1932), S. 168–174 📖.↩
2
Vgl. seine Briefe an Thurneysen in Bw.Th. II, S. 5 📖 («Hirsch rabiat […] deutsch-national. Es war von der ‹Ausmordung des deutschen Volkes› durch die Entente die Rede»), S. 41–46, S. 88 (Hirsch hielt eine «große nächtliche Schutzrede für die Mörder von Erzberger»), 108f., 131 (Hirsch trat in einer erregten Studentenversammlung vehement dafür ein, auf einen Weihnachtsgruß französischer Theologiestudenten wegen des Einmarsches der Franzosen ins Ruhrgebiet nicht zu anworten), 158, 163 etc. – Siehe auch H. Assel, Der andere Aufbrach. Die Lutherrenaissance (Forschungen zur systematischen und ökumenischen Theologie, Bd. 72), Göttingen 1994, S. 23ff., bes. S. 26 📖. ↩
3
Barth hatte sich schon 1924 in Hirschs Broschüre Die Liebe zum Vaterlande, Langensalza 19243 📖, Stellen angestrichen, die Hirschs Position charakterisierten: «Staates Ehre eigene Ehre, Staates Schande eigene Schande.» (S. 10) «[…] darum nimmt der Affekt der Vaterlandsliebe uns unbedingt dahin. Er kennt keine Grenzen.» (S. 12) «Die Vaterlandsliebe […] erst schenkt unserm irdischen Wirken einen lebendigen Sinn.» (S. 14) «Fremde Nationen […] zerstören bei der Aneignung unserer Arbeit notwendig das Gesetz des Lebens, aus dem wir schaffen. Sie können das Innerste und Feinste an dem Werke von unser keinem ergreifen.» (S. 15) «Die tathafte Unbedingtheit, die die Hingabe an das Vaterland in der Entscheidung gewinnt, hat ihren Naturgrund in derseinshaften Unbedingtheit, mit der wir uns der Volksgemeinschaft innerlich hingegeben finden kraft der uns angeborenen seelischen Art.» (S. 16) «Wenn irgendwo, so spüren wir es an dieser Stelle, daß der Herr des Gewissens auch der Herr der Natur und Geschichte ist.» (ebd.) «Wir geben uns in der Entscheidung hin an das ewige Gottesreich als der Gemeinschaft in heiliger, glaubengeborener Liebe.» (S. 17) Es «ist klar, daß es eine ungeheiligte Vaterlandsliebe gibt.» (ebd.) «Ein Beispiel wirklichen Nationalismus in all seiner Unheiligkeit ist Frankreich.» (S. 18) «Wer da glaubt, der weiß, daß Gott ihn auch einmal fragen wird, wie er dem Vaterlande die Treue gehalten hat.» (S. 21) «Es ist in alle Ewigkeit nichts Geringes, das Werk des ewigen Herren, der uns in die Geschichte unsers Volkes hineinstellte, um uns zu opfernder Liebe und männlicher Verantwortung zu bilden, verachtet zu haben. Man muß also noch sehr wenig von göttlichen Dingen verstanden haben, um zu meinen: weil das Ewige uns alle Vergötterung irdischer Gestalten verbietet, müsse der Glaube in jener angeblich heiligen Gleichgiltigkeit sich halten, die bei allem Irdischen nur wie von ferne dabei ist und die Wartezeit nur mit unendlicher Nüchternheit möglichst sachlich abzumachen hat. Wo das Licht des Ewigen wahrhaft scheint, da macht es die Gestalten dieser Erde durchsichtig, daß in ihnen allen die ewige Verantwortung uns ansieht. Jedes irdische Verhältnis ist nun aus Gott und zu Gott, – wenn wir die rechte Entscheidung treffen.» (S. 21f.) usw.↩
4
Seite 390-394 resp. 394f. 📖↩
5
Assel, a.a.O., S. 255 📖. ↩
6
Brief an Hirsch vom 9.5.1932.↩
7
Auszüge s. unten Anm. 24.↩
8
Hirsch wurde Wortführer der «Deutschen Christen». Er vertrat 1933 die These, daß man der «Volkheit» (dem Nomos), dem von Gott eingesetzten «geheimen Souverän», Gehorsam schulde und daß sich die «Volkheit» als politischer Wille in einem stellvertretenden öffentlichen Souverän manifestiere, die Hirsch in Hitler und seinen Vertretern gegeben sah (Assel, a.a.O., S. 259–261 📖; zur Mitgliedschaft Hirschs in der NSDAP und deren Organisationen: S. 262). Später wirkte er im Hintergrund mit, als Barth als Professor entlassen wurde (s. Offenen Brief Nr. 37) und schrieb 1940 eine Gegenschrift zu Barths erstem Offenen Brief nach Frankreich an Pfarrer Westphal (s. Offene Briefe 1935-1942, Nr. 26, Einleitung 📖). Er blieb auch am Ende des Zweiten Weltkrieges, das er in Privatbriefen als «Weihe des Untergangs» deutete, und danach im Banne seiner Nationaltheologie (Assel, a.a.O., S. 303f). – S. auch: R. P. Ericksen, Die Göttinger Theologische Fakultät im Dritten Reich, in: H. Becker u.a., Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus. Das verdrängte Kapitel ihrer 250 jährigen Geschichte, München u. a. 1987, S. 61–87 📖; Theologie im Nationalsozialismus. Fallbeispiele aus der Theologischen Fakultät Göttingen. Festschrift der Fachschaft evang. Theologie zum 250. Universitätsjubiläum, hg. vom Fachschaftsrat an der Theol. Fakultät, Göttingen 1987, S. 126–202 📖. ↩
9

Hirsch schickte seinen Brief an den Theologen Eduard Geismar in Dänemark: «Ich schicke Ihnen gleichzeitig den offenen Brief an Karl Barth als Drucksache. Sie sehen, ich bin nun mit den Barthianern noch härter auseinander als Sie.» J. H. Schjørring, Theologische Gewissensethik und politische Wirklichkeit. Das Beispiel Eduard Geismars und Emanuel Hirschs, Göttingen 1979, S. 176 📖. – Das Auswärtige Amt in Berlin gab am 13.5.1932 an das Preußische Wissenschaftsministerium eine Meldung der Schweizerischen Depeschen-Agentur weiter: Eine Bewegung, angeführt von Prof. E. Hirsch in Göttingen, werfe «dem Schweizer Barth» vor, «er verstehe nichts von den Fragen des deutschen Volkstums und verwirre durch seine Theologie das nationale Gewissen der deutschen Studenten.» (Universitätsarchiv Bonn, P. I, S. 84–86, nach: E. Busch, Bogen, S. 37 📖)

Die Frankfurter Zeitung berichtete am 8.5.1932 über Emanuel Hirsch contra Karl Barth: «Barths Polemik ist von einer erfrischenden Offenheit und Direktheit. Bei Hirsch schwelen Zorn und Ärger, die er nicht herauslassen will, hinter der Form einer sachlichen Entgegnung und kommen nur in einigen unangenehmen Bosheiten zum Ausdruck, die die mit der anderen Hand gegebenen Versicherungen der Ergebenheit und Hochachtung Lügen strafen.»↩

10
H. Traub, Demologie und Theologie zum sogenannten Fall Dehn, in: ZZ, Jg. 10 (1932), S. 355–375 📖, und in: H.-G. Ulrichs (Hrsg.), Hellmut Traub (s. S. 180, Anm. 28), S. 15. 21-39. 157 📖. ↩
11
Barth besaß durch Abstammung die schweizerische Staatsangehörigkeit. Er war der Ansicht, er habe durch seine Ernennung zum ordentlichen Professor an der Universität Münster «die preußische Staatsbürgerschaft hinzuerworben» (so in seinem Vernehmungsprotokoll vom 27.11.1934, zitiert von H. Prolingheuer, Der Fall Karl Barth. Chronographie einer Vertreibung 1934-1935, Neukirchen-Vluyn 19842 S. 55 📖). Daß er die preußische und damit die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, ist durch seinen Reisepaß vom 4.1.1926 belegt; vgl. weiter Bw.Th. III, S. 225, Anm. 3; S. 786f., Anm. 2; S. 825, Anm. 26 📖.↩
12
P. Althaus und Hirsch hatten sich am 2.6.1931 in einer gemeinsamen Erklärung gegen ökumenische Bestrebungen in der Kirche ausgesprochen (ThBl 10 [1931], Sp. 177f.. 📖). Althaus reagierte auf einen kritischen Artikel des Schweizerischen Ev. Pressedienstes dazu; s. Allgem. Ev.-Luth. Kirchenzeitung, Jg. 64 (1932), Sp. 62–65 📖. Vgl. K. Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich. Bd. I: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1977, S. 213f. 📖 ↩
13
Siehe oben Nr. 20, S. 176.↩
14
Anspielung auf Dehns Magdeburger Vortrag (s. die Einleitung zum Offenen Brief an Rektor der Universität Halle, Nr. 20, S. 158).↩
15
E. Hirsch, Schöpfung und Sünde in der natürlich-geschichtlichen Wirklichkeit des einzelnen Menschen. Versuch einer Grundlegung christlicher Lebensweisung, Tübingen 1931 📖. ↩
16
Alfred de Quervain (1896–1968), seit 1930 Privatdozent in Basel, ab 1932 Pfarrer, ab 1935 auch Dozent für Dogmatik in Elberfeld, veröffentlichte Die theologischen Voraussetzungen der Politik. Grundlinien einer politischen Theologie, Berlin 1931 📖; Theologie und politische Gestaltung, Berlin 1931 📖; Das Gesetz des Staates. Wesen und Grenze der Staatlichkeit, Berlin 1932 📖. ↩
17
E. Hirsch, Deutschlands Schicksal. Staat, Volk und Menschheit im Lichte einer ethischen Geschichtsansicht, Göttingen 19201, 19222, 19253. 📖 ↩
18
R. Smend, Protestantismus und Demokratie, in: Krisis. Ein politisches Manifest, Weimar 1932, S. 182–193 📖, und in: Ders., Staatsrechtliche Abhandlungen, Berlin 19943, S. 296–308 📖, und in: Kirche und moderne Demokratie, hrsg. von Th. Strohm und H.-D. Wendland (Wege der Forschung, Bd. 205), Darmstadt 1973, S. 1–13 📖. ↩
19
Vermutlich spielt Hirsch auf die «Verständigung mit dem Leser» im Anhang zur Abschließenden unwissenschaftlichen Nachschrift, Gesammelte Werke, 16. Abt., 2. Teil, Düsseldorf/Köln 1958, S. 333 📖, an: «Vor allen Dingen bewahre denn der Himmel das Buch und mich vor jeder anerkennenden Gewaltsamkeit, daß ein brüllender Parteigänger es anerkennend zitiert».↩
20
Irrtum Barths: Hirsch war zwar in Berlin aufgewachsen, aber in Bentwitsch in der Westprignitz geboren. – Barths Bemerkung führte zu einer Reaktion des Herausgebers Stapel, der darin eine Anspielung Barths auf angebliche jüdische Abkunft Hirschs erblicken wollte und das (in der Rubrik «Zwiesprache») abwies: «Ich stelle auf Grund meiner Kenntnisnahme [des Stammbaums Hirsch] fest, daß jüdisches Blut sowohl väter- wie mütterlicher- und großmütterlicherseits ausgeschlossen ist» (Deutsches Volkstum, Jg. 34 [1932], S. 423 📖). Barth nahm in einem Brief an Stapel am 4.7.1932 dazu Stellung: «Ich konnte nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Was für eine unsaubere Phantasie müssen die Leute haben, die bei dem Stichwort ‹Berlin› alsbald an die Juden denken und die mir angesichts des Zusammenhangs, in dem das Stichwort bei mir fiel, diese Anspielung zutrauen konnten! Ist das nun auch wieder etwas von ‹deutscher› Art, dem ich armer Schweizer Ehrfurcht und Bewunderung entgegenbringen sollte??» Stapel erwiderte ihm: «Daß Wien und Berlin die beiden großen Stationen des nach Westen wandernden Ostjudentums sind und daß daher die Betonung der Begriffe Wien und Berlin eine bestimmte Bedeutung hat, ist eine historische und soziologische Tatsache, nicht eine Phantasie.» (Brief vom 6.7.1932 an Barth).↩
21
Vgl. 1.Thess. 5,19.↩
22
Siehe oben S. 170 und 176.↩
23
Vgl. K. Holl, Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte, Bd. I: Luther, Tübingen 19232, 19326. 📖 Über Barths Sicht des Zusammenhangs zwischen Holls Luther-Interpretation und Hirsch s. seinen Rundbrief vom 26.11.1924 in Bw.Th. II, S. 293 📖. – Über den Zusammenhang zwischen Holl und Hirsch s. auch H. Traub (s. S. 180, Anm. 28), S. 371–374 📖.↩
24

Zwischen Hirsch und Barth kam es anschließend noch zu einem Austausch von Privatbriefen. Hirsch schrieb am 10.5. an Barth, er habe früher noch an ein letztes Verstehen und einen letzten Willen zur Gerechtigkeit bei Barth geglaubt, nun aber, nach der Art seiner Antwort, die Hirsch wirklich um Barths willen schmerze, sei Barth ihm im Dunkel verborgen, nicht nach der theologischen, sondern nach der menschlichen Seite.

Barth antwortete am 16.5.: «So, nun bin ich Ihnen also ‹nach der menschlichen Seite im Dunkel verborgen›: Nun, das waren Sie mir von der ersten Viertelstunde an, da ich Sie sah und hörte: Sie führten ein Gespräch mit Frau Bertholet über die Berechtigung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges; im Oktober 1921 muß das gewesen sein; das war der Anfang zwischen Ihnen und mir, und ich fand ihn reichlich dunkel, und nachher wurde es in vier Jahren keineswegs heller. Ich habe mich immer wieder gehörig über Sie geärgert. Ihre Art Vaterlandsliebe, deren Unterbauung durch Ihre Spekulation über Schöpfung und Sünde sie in meinen Augen nur noch schlimmer macht, halte ich für ein Landesunglück, verhängnisvoller als Alles, was Engländer und Franzosen Deutschland antun können. […] Also auch an Dunkel fehlt es auch von mir aus gesehen wirklich nicht, und es wäre mir ein Kleines gewesen, das auch im Deutschen Volkstum auszubreiten, wenn ich nach Ihrem Vorgang persönlich hätte werden wollen. Sollten Sie wirklich Anlaß haben, mich darum mit einem besonderen Groll zu belegen, weil ich statt dessen gesagt habe, was ich nun allerdings sagen mußte, wenn ich Ihnen überhaupt antworten wollte: Ich höre hier keinen Theologen, sondern nur einen aufgeregten Parteimann reden? Daswar das Zurückhaltendste, was ich Ihnen öffentlich sagen konnte und wollte, und Sie taten sehr Unrecht, das, was ich gesagt, sofort psychologisch umzubiegen und entsprechend zu behandeln. […] Keine Frage: Ich kann Ihrem System und seinen Anwendungen nur widerstehen, und Sie müßten sich schon in ganz anderer Weise sichtbar machen, als dies bisher geschehen ist, wenn sich dies ändern sollte. Ich glaube aber noch nie ein Gespräch über Sie geführt zu haben, in dem ich nicht in irgendeiner Form geltend machte, daß ich Sie noch anders kenne und bei den sichtbaren Greueln Ihrer Lehre und Ihrer Haltung nicht mit letztem Ingrimm behaften könne. Ich denke, daß dies auch in meiner öffentlichen Antwort sichtbar geworden ist und daß Sie darum nicht gut tun, nun auch mir gegenüber so tragisch zu werden, in absehbarer Zeit vielleicht auch mir mit dem Ihnen so teuren § 11 des Pressegesetzes zu kommen. Tun Sie es nicht, Herr Hirsch, ich beschwöre Sie bei den vielen verhältnismäßig ruhigen Pfeifen, die wir zusammen geraucht haben!

Ich gebe demnächst meiner ganzen Mannschaft […] Gelegenheit, sich über unseren Streit auszusprechen. Das Referat hält Hr. Helmut Traub, bei dem Sie sich in guten Händen wissen dürften, auch wenn er nicht der Sohn von Gottfried Traub wäre.»

Hirsch reagierte am 18.5.: Barth habe sich an Hirschs politischer Grundhaltung geärgert und aus ihr sofort negative Schlüsse gegen seinen Charakter und seinen theologischen Ernst gezogen. Hirsch habe ein ähnliches offenes Bekenntnis des politischen Fanatismus, das alles übertreffe, was er in seinem Briefe an Stapel über Barths Haltung ausgesagt habe, nicht für möglich gehalten. Es sei nur eine Parallele da: die Propaganda gegen das deutsche Volk im Kriege. Der Deutsche sei ein schlechter Mensch, wenn er sich für seine Freiheit wehre. Immer wieder habe Hirsch sich während Barths Zeit in Göttingen gewundert, wie häufig Barth gerade auch politische Gespräche mit ihm gesucht habe. Hirsch habe dem nachgegeben, weil er die Gelegenheit so verstanden habe, daß ein Ausländer, der das deutsche Erleben nicht teilte, sich deutsche Lebenswirklichkeit zu erschließen und zu sehen trachtete, wie ein deutscher Christ nationaler Prägung sein Schicksal und seine Aufgabe von Gott her zu sehen und den Weg des Gehorsams zu finden suchte. Hirsch schloß mit der Frage, wer von beiden der Politiker sei. Der, der einen Menschen in unerbittlichem Ernst zwingen wolle, eine ihm lebensmäßig nicht zugängliche politische Haltung kirchlich und theologisch ungeächtet zu lassen, oder der, der einen politisch die Wirklichkeit anders Erfahrenden menschlich und christlich in den Staub ziehen müsse, weil er den politischen Gegensatz zu einer Frage des Werts der Persönlichkeit und zu einer theologischen Unsauberkeit verabsolutiere. Die Frage bedürfe keiner augenblicklichen Antwort. Sie möge aber vor Barth stehen. Und hoffentlich stelle Barth sich auch vor sie. Hirsch hoffe immer noch, Barth besänne sich noch hinsichtlich der von ihm eingenommenen Grundhaltung Hirsch gegenüber.↩

25
Die Aufgabe ist die, «das absolute Verhältnis zum absoluten Telos ein-zuüben, in der Weise, daß das Individuum danach strebt, dieses Maximum zu erreichen: sich zugleich zu dem absoluten Telos und zu dem relativen zu verhalten – […] so, daß es sich absolut zu seinem absoluten Telos und relativ zu dem relativen verhält. Das letztere Verhältnis gehört der Welt an, das erstere dem Individuum selbst, und es ist schon schwierig, sich zugleich absolut zu dem absoluten Telos zu verhalten und dann in demselben Augenblick wie andere Menschen sowohl an diesem wie an jenem teilzunehmen.» S. Kierkegaard, a.a.O. (s. Anm. 19), S. 113f. 📖 ↩
26
2.Kor. 6,8.↩