24 · 1932

An Die Tägliche Rundschau, Berlin

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An die Tägliche Rundschau, Berlin

1932

Als Barth in Göttingen lehrte, lernte er 1921 den jungen Erik Peterson (1890–1960) als Kollegen kennen und schätzen1, der damals dort Privatdozent der Kirchengeschichte war; er ging 1924 als Professor für Neues Testament und Kirchengeschichte nach Bonn, wo Barth ihn 1930 als Kollegen wiedertraf. 1925/26 kam es zu einer Kontroverse zwischen den beiden Theologen.2

Als Peterson Weihnachten 1930 in Rom zum Katholizismus übertrat, teilte er das Barth in einem Briefe mit, den Barth im Einverständnis mit ihm in den Theologischen Blättern wiedergab.3 In einem Vorspann unter der Überschrift: «Zu Erik Petersons Übertritt zum römischen Katholizismus» schrieben Barth und der Herausgeber Karl Ludwig Schmidt:

Im Einverständnis mit dem Herrn Verfasser veröffentlichen wir den unten stehenden Brief. Wir tun dies als Petersons Freunde, im Gedanken an all diejenigen, die mit uns an seinem Weg und seiner Arbeit interessiert waren und noch sind und denen dieses Dokument hilfreich sein kann, auch zu seinem neuesten Schritt ein Verhältnis menschlich-persönlichen Verständnisses und Respektes zu gewinnen. Wir denken aber, daß es der theologischen Klarheit dient, wenn wir zugleich öffentlich aussprechen, daß wir diesen seinen Schritt mate|209riell nur als Irrtum und Abfall von der einen wahren katholischen Kirche verstehen und beurteilen können.

Bonn, im Januar 1931

Karl Barth und Karl Ludwig Schmidt

In der «Täglichen Rundschau», der bürgerlich-nationalen Tageszeitung in Berlin, erschien am 20.5.1932 unter der Überschrift «Ein zweiter Fall Peterson» die «Zuschrift eines Lesers»:

Nach Peterson ist nun auch der Schweizer Theologe Bauhofer, ebenfalls Dialektiker aus der Karl Barthschen Schule, in die römische Kirche übergetreten!

Gewichtige Stimmen führen diese Übertritte auf die einseitige Akzentlage der Barthschen Theologie zurück, in der zwar berechtigterweise die negative Seite im Verhältnis des Menschen zu Gott bis in ihre letzten Konsequenzen dargestellt wird, dagegen die positive Seite dieses Verhältnisses, die «Gemeinschaft mit Christus» nicht entfernt mit gleichem Gewicht behandelt wird. Es ist besonders der Kreis um Prof. Wobbermin, Göttingen4, der auf diese Gefahren der Barthschen Theologie seit Jahren aufmerksam gemacht hat.

Darauf richtete Barth am 24.5. an die Schriftleitung einen Brief, in dem er die Behauptung, die Übertritte stünden in einem Zusammenhang mit seiner Theologie, als «böse Verleumdung» charakterisierte und den Herausgeber «einer christlichen Zeitung» um den Abdruck eines beigefügten Schriftsatzes bat, «der die Sache richtig stellt». Die Tägliche Rundschau veröffentlichte jedoch am 29.5. nur eine Darstellung «Peterson, Bauhofer – Barth», in der sie Teile von Barths Offenem Briefe wiedergab und den Kommentar anschloß, «daß nach diesen Erklärungen ein Zweifel über die Bedeutung dieser Übertritte nicht mehr möglich ist. Selbst dann, wenn die Dinge wirklich so lägen, wie sie in der Zuschrift geschildert werden, könnte u.E. eine Theologie niemals daran gemessen werden, ob sie den einzelnen zu dieser oder jenen Konsequenzen führt.»

Im folgenden wird Barths Offener Brief zum ersten Mal im Wortlaut wiedergegeben; die beim Abdruck weggelassenen Teile sind markiert worden.

«Ein zweiter Fall Peterson»

210⌜Unter diesem Titel brachte die «Tägliche Rundschau» vom 20. Mai d.J. an hervorgehobener Stelle und fettgedruckt eine Mitteilung, deren erste Sätze mich interessieren. Sie lauten:

«Nach Peterson ist nun auch der Schweizer Theologe Bauhofer, ebenfalls Dialektiker aus der Karl Barthschen Schule, in die römische Kirche übergetreten!

Gewichtige Stimmen führen diese Übertritte auf die einseitige Akzentlage der Barthschen Theologie zurück …»

Dazu ist von mir aus Folgendes zu bemerken:

Die «gewichtige Stimme», laut welcher diese Übertritte mit der «Barthschen Theologie» zusammenhängen sollen, kann keine andere sein als die des in der genannten Mitteilung am Schluß ausdrücklich erwähnten Prof. Wobbermin-Göttingen, der diesen Zusammenhang tatsächlich schon wiederholt (soeben wieder im Maiheft der Zeitschrift «Christentum und Wissenschaft» S. 179 und 182) öffentlich behauptet hat.⌝5 Diese «gewichtige Stimme» sagt aber nicht die Wahrheit.

Erik Peterson, der 1925 eine direkt gegen mich gerichtete Schrift «Was ist Theologie?» herausgegeben hat6, ist, wie jeder Ehrliche unter den Kennern der theologischen Dinge mir bestätigen wird, in keinem Stadium seiner Entwicklung «Dialektiker aus der Karl Barthschen Schule» gewesen. Den Anlaß zu dieser Nachrede kann nur die Tatsache geboten haben, daß er, wie dies auch andere andersgerichtete Theologen getan haben, zweimal einen Beitrag in der Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» veröffentlichte.7 Es ist nicht wahr, daß seine Konversion etwas mit der «Barthschen Theologie» zu tun hat.

Oskar Bauhofer ist kein «Dialektiker aus der Karl Barthschen Schule», sondern ein Schüler von Ernst Troeltsch. Er sah sich 1930 veranlaßt, in dem Buch «Das Metareligiöse» die inzwischen in seinen |211 Gesichtskreis gerückte sogenannte «Dialektische Theologie» durch eine «Kritische Religionsphilosophie» überbieten zu wollen.8 Ich habe es seinerzeit seinem Verleger gegenüber abgelehnt, das mit meinen Intentionen nicht übereinstimmende Buch zu empfehlen.9 Ich habe einem Vortrag über das Naturrecht, den ich den Verfasser 1930 vor einer theologischen Konferenz in Bern halten hörte, sofort in aller Form widersprochen.10 Dies sind meine Beziehungen zu Herrn Bauhofer. Es ist nicht wahr, dass seine Konversion etwas mit der «Barthschen Theologie» zu tun hat.

⌜Ich darf Prof. Wobbermin in Göttingen, seine Freunde und meine sonstigen theologischen Gegner bitten, sich nach besseren Waffen umzusehen.

Prof. D. Karl Barth

Sachfußnoten

1
Siehe Bw.Th. II, S. 6f. 📖 u. a.; Busch, Lebenslauf, S. 147 📖; Barths Brief an Rade vom 11.9.1922 (Bw. R. [s. S. 18, Anm. 1], S. 177f. 📖); Barths Brief an Prof. Dr. Franco Bolgiani vom 12.8.1963, in: K. Barth, Briefe 1961-1968, hrsg. v. J. Fangmeier u. H. Stoevesandt (GA Abt. V), Zürich 1975, S. 165f. 📖 ↩
2
E. Peterson, Was ist Theologie?, Bonn 19251, 19262 📖, auch in: Ders., Theologische Traktate, München 1951, S. 9–43 📖, und in: Theologie als Wissenschaft. Aufsätze und Thesen, hrsg. v. G. Sauter (ThB 43), München 1971, S. 132–151 📖. – K. Barth, Kirche und Theologie, in: ZZ, Jg. 4 (1926), S. 18–40 📖; auch in: K. Barth, Die Theologie und die Kirche (= Gesammelte Vorträge 3), München 1928, S. 302–328 📖, und in: V.u.kl.A. 1922–1925, S. 644–682 📖. – Vgl. Busch, Lebenslauf, S. 193 📖, und Bw.Th. II, S. 371 📖. ↩
3
Jg. 10 (1931), Nr. 2, Sp. 59f. 📖↩
4
Professor für Systematische Theologie in Göttingen, s. die beiden nächsten Offenen Briefe.↩
5
G. Wobbermin, Gottes Wort und evangelischer Glaube, in: Christentum und Wissenschaft, Jg. 8 (1932), S. 178–182 📖. ↩
6
S. Anm. 2.↩
7
E. Peterson, Der Lobpreis der Engel und der mystische Lobpreis, ZZ, Jg. 3 (1925), S. 141–153 📖; ders., Über die Forderung einer Theologie des Glaubens. Eine Auseinandersetzung mit Paul Althaus, in: ZZ, Jg. 3 (1925), S. 281–302 📖. ↩
8
O. Bauhofer, Das Metareligöse, eine kritische Religionsphilosophie, Leipzig (J. C. Hinrichs) 1930 📖. ↩
9
Briefe Barths an Gustav Rost, J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig, vom 12.11.1929 und an Bauhofer vom 3.12.1929.↩
10
Nachtrag zu dem Bericht über die ost-westliche Theologenkonferenz in Bern in den ThBl 1930 Nr. 12. Das theologische Problem des Naturrechts. Thesen eines Referates von V.D.M. O. Bauhofer und Bericht über die Aussprache, in: ThBl, Jg. 10 (1931), Nr. 1, Sp. 24 📖.↩