25 · 1932

An Prof. D. Dr. Georg Wobbermin, Göttingen (erster Brief)

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An Prof. D. Dr. Georg Wobbermin, Göttingen

1932 (erster Brief)

Unter dem gleichen Datum, an dem Barth in der «Täglichen Rundschau» auf die Nachricht reagierte, zwei Konversionen zum Katholizismus stünden im Zusammenhang mit seiner Theologie (s. vorigen Offenen Brief), erschien in der Zeitschrift «Das Evangelische Deutschland» ein Artikel, in dem Georg Wobbermin dieselben Vorwürfe wiederholte: «Ein neuer Fall ‹Peterson›».1 Wobbermin (1869–1943), Dr. iur. und D. theol., war als Prof. für Systematische Theologie 1922 nach Göttingen gekommen und dort bis zu Barths Weggang nach Münster 1925; dessen Kollege gewesen. Doch hatten sich keinerlei sachliche Beziehungen zwischen ihnen ergeben, weil ihre theologischen Ansätze voneinander zu stark abwichen.2

Wobbermins Text wurde Barth vom Herausgeber der Zeitschrift, August Hinderer, mit der Einladung übersandt, sich auch in der Zeitschrift zu äußern. Barth tat das am 31.5.1932 mit einem Offenen Briefe, den er dem Herausgeber mit der Bitte übersandte, daß er «im Unterschied von der ‹Täglichen Rundschau›» seine «Erklärung ohne Streichungen und Änderungen» abdruckte.3 Das geschah in der Rubrik «Stimmen» unter der Überschrift «Offener Brief an Professor D. Dr. G. Wobbermin» am 12.6.1932.4 Die Schriftleitung führte den Text mit der Bemerkung ein, fachtheologische Erörterungen würden in dieser Rubrik nicht wiedergegeben: «Nachdem wir aber dem ersten Eingesandt (übrigens nicht um seines kritischen, sondern seines positiven Inhalts willen) Raum gegeben haben, muß billigerweise auch eine Auseinandersetzung über die kontroversen Punkte statthaft sein.» Im Einverständnis mit Barth gab die Schriftleitung seinen Text im voraus an Wobbermin weiter, der ihm am 7.6.1932 antwortete; diese «Ant|213wort auf den Offenen Brief» Barths wurde von der Zeitschrift im Anschluß an Barths Brief als Abschluß der Kontroverse abgedruckt,5

Ein neuer Fall «Peterson»

Weihnachten 1930 ist bekanntlich Erik Peterson, bis dahin Kirchenhistoriker der evangelisch-theologischen Fakultät in Bonn, zur römisch-katholischen Kirche übergetreten. Als höchst unerfreuliche Pfingstbotschaft bringt jetzt die Mai-Nummer der «Theologischen Blätter» eine genauere Nachricht über den gleichen Schritt des Schweizer Pfarrers Oskar Bauhofer6 (vgl. D. Ev. Deutschl., Nr. 17, S. 139 📖). Der Herausgeber der «Theologischen Blätter», K. L. Schmidt, entnimmt seine Mitteilung der katholischen Wochenschrift «Das neue Reich»7; er zitiert aus dieser Wochenschrift unter anderem folgenden Passus, mit dem sie vom katholischen Standpunkt aus die Nachricht begleitet: «Es gibt Bekehrungen, die über das Urpersönliche hinaus einen geistesgeschichtlichen Sinn haben; sie erhellen plötzlich die Situation der Zeit: denken wir nur an Newmans Rückkehr in die heilige Kirche8 … Wir glauben nicht zu irren, wenn wir das jetzige Ereignis jenem an Rang und Art gleichsetzen.»

Gegen diesen Vergleich und die mit ihm ausgesprochene Einschätzung des neuen Falles werden wir gewiß nachdrücklichst Einspruch erheben müssen. Die Argumentation, mit der das katholische Blatt seinen Vergleich zu begründen sucht, ist durchaus hinfällig. Aber andererseits dürfen und wollen wir uns doch auch den Ernst der Lage nicht verhehlen. In gewisser Weise ist der neue Fall tatsächlich bezeichnend für die Situation, in der sich gegenwärtig die evangelische Kirche und die evangelische Theologie befinden.

Gerade dann werden wir so urteilen müssen, wenn wir den neuen Fall mit dem Fall Peterson zusammen nehmen. Beide gehören wirk|214lich aufs engste zusammen. Zwar scheinen die Begleitumstände bei beiden recht verschiedenartig gewesen zu sein. Aber prinzipiell theologisch angesehen, besteht an den entscheidenden Punkten die vollste Analogie.

Dreierlei ist in dieser Hinsicht vor allem zu nennen. Erstlich, daß beide – Peterson wie Bauhofer – von der sog. dialektischen Theologie Karl Barths ausgegangen sind; – sodann das mangelnde Verständnis beider für den reformatorischen Glaubensbegriff, daß nämlich der Glaube in erster Linie herzliche Zuversicht auf die Gnade und Güte Gottes ist, die durch das Wort erfahren und offenbart wird, daß also der Glaube als Vertrauen zu dem in Christus offenbaren Gott dem Fürwahrhalten von Lehrsätzen und dogmatischen Formulierungen überzuordnen, keinesfalls aber als bloßer «Hohlraum» anzusehen ist9; – schließlich die unevangelische Fassung und Bewertung des Dogmas im katholisch-scholastischen Sinne, in der sich bereits der Anspruch einer «unfehlbaren» Papstkirche vorbereitet, mag der Papst heißen wie immer.

Als der Unterzeichnete auf dem 3. Deutschen Theologentag in Breslau im Oktober 1930 in der Behandlung des Themas «Wort Gottes und evangelischer Glaube» im Hinblick auf Petersons Schrift «Was ist Theologie?»10 auf den eben genannten Sachverhalt, d.h. also auf den Zusammenhang jener drei Momente hinwies11, fand diese Warnung verhältnismäßig nur geringe Beachtung. Wenige Monate später wurde ihre Berechtigung und Dringlichkeit durch den Übertritt Petersons bestätigt.

215Bauhofer hat im Jahre 1930 sein Buch «Das Metareligiöse, eine kritische Religionsphilosophie» 📖 erscheinen lassen.12 Dies Buch ist in einem Teil seiner Darlegungen scharfsinnig und lehrreich (vgl. «Theol. Lit. Ztg.» 1932, Nr. 8 📖13).

Aber es zeigt doch auch bereits eine erschreckende Verständnislosigkeit für den Gegensatz des reformatorischen Glaubensbegriffs gegen den scholastisch-römischen Autoritätsglauben (fides historica und fides implicita). Und es zeigt ebenso bereits eine dem evangelischen Glaubensverständnis ins Gesicht schlagende Überschätzung des scholastischen Dogmas gegenüber der Heiligen Schrift. Versteigt es sich doch zu der These, das Dogma sei im strengen Sinne die «Vergegenwärtigung» der Offenbarung! Trotzdem ist das Buch auch von evangelischen Kritikern, die der dialektischen Theologie nahestehen, ohne oder fast ohne Vorbehalt gelobt und empfohlen worden.14

Dieser letztgenannte Tatbestand beleuchtet in ebenso greller wie unerfreulicher Weise die Lage, die sich in den letzten Jahren in der evangelischen Theologie herausgebildet hat. Möchte er nun wenigstens für die Zukunft als Warnung dienen, daß nicht weiterhin das Interesse an Schulmeinungen und Cliquenbildungen dem Interesse des evangelischen Glaubens und der evangelischen Kirche übergeordnet wird.

G. Wobbermin
, Göttingen
Sehr geehrter Herr Kollege!

Sie haben mir nun in einer Reihe von Fällen (zuletzt in «Christentum und Wissenschaft», Maiheft 1932, S. 179 und 182 📖15, und in «Das Evangelische Deutschland» Nr. 22, 1932, S. 180 📖) öffentlich nachgeredet, daß unser früherer Kollege Erik Peterson – und nun fügen Sie |216 noch hinzu: daß auch der Schweizer Pfarrer Oskar Bauhofer «von der sog. dialektischen Theologie Karl Barths ausgegangen» sei, und interpretieren diese angebliche Tatsache dahin, daß der Übertritt jener Männer zum römischen Katholizismus mit dieser Theologie zusammenhänge bzw. daß das Wesen und der Charakter dieser Theologie durch jene Übertritte beleuchtet werde. Es tut mir leid, Ihnen nun ebenso öffentlich sagen zu müssen: jene Behauptung und damit auch die auf sie gegründete Konstruktion ist eine Unwahrheit, und zwar eine solche Unwahrheit, deren Entstehung ich mir unter Voraussetzung guten Willens auf Ihrer Seite nicht zu erklären weiß.

Was Erik Peterson betrifft, so kann ich Ihnen doch unmöglich die Oberflächlichkeit zutrauen, daß Sie jene Behauptung auf die Tatsache gründen, daß Peterson zweimal, wie so mancher andere, der weder von der dialektischen Theologie ausgegangen noch zu ihr gekommen ist, einen Aufsatz in «Zwischen den Zeiten» veröffentlicht hat.16 Sie müssen doch wissen, daß Peterson mit der Bildung seiner theologischen Eigenart im wesentlichen fertig war, als die dialektische Theologie überhaupt erst auf den Plan trat, und daß er dieser seiner Eigenart, auch und gerade der dialektischen Theologie gegenüber, schlechterdings treu geblieben ist. Sie müssen wissen, daß die erste und entscheidende der beiden theologischen Broschüren Petersons: «Was ist Theologie?» (1925) direkt gegen mich gerichtet war und daß sie von mir sofort in einem längeren («Z.d.Z.» 1926, Heft 1 📖, veröffentlichten und in dem Sammelband «Die Theologie und die Kirche» 1928 📖 wieder abgedruckten) Aufsatz auf der ganzen Linie kritisch beantwortet worden ist.17 Sie müssen wissen, daß Petersons zweite Broschüre «Die Kirche» (1929)18 mit «dialektischer Theologie» materiell und formell nicht das geringste zu tun hatte. Wer Peterson und seinen Weg auch nur ein wenig kennt, der kann doch über die Behauptung, er sei von der dialektischen Theologie «ausgegangen», und zu der Konstruktion, er sei von da aus zum römischen Katholizismus gekommen, einfach nur lachen. Ich frage Sie hiemit öffentlich: Was haben Sie für Gründe, Peterson zu mir in das von Ihnen angegebene Verhältnis zu stellen?

217Was Oskar Bauhofer betrifft, so hat er so sehr bloß am Rande meines Interesses existiert, daß es mir etwas schwer fällt, Ihnen die Daten anzugeben, die Ihre Behauptung zu widerlegen geeignet sind. Sie können nicht wissen, daß sein Buch «Das Metareligiöse» (1930) 📖 mir vor der Drucklegung von seinem Verleger mit der Aufforderung, mich empfehlend dazu zu äußern, vorgelegt wurde und daß ich dies damals wohlweislich abgelehnt habe.19 (Daß mein fatalerweise apologetisch interessierter Freund Emil Brunner eine andere, positive Stellung zu diesem Buch einnahm20, geht ihn und nicht mich an: Sie haben von der dialektischen Theologie Karl Barths geredet! Aber auch der Zusammenhang zwischen dem Sinn, in welchem Brunner das Buch empfohlen hat, und Bauhofers Katholizismus müßte erst bewiesen werden!) Ich darf Ihnen weiter verraten, daß Herr Bauhofer sich um 1930, als sein Buch eben erschienen war, mit der Absicht trug, sich hier in Bonn zu habilitieren, daß aber sowohl Kollege K. L. Schmidt als ich, an die er sich mit dieser Absicht wandte, auf sie nicht eintreten wollten.21 Auch in bezug auf Bauhofer konnten und mußten Sie aber wissen: Von der «Theologie» von Ernst Troeltsch ist er «ausgegangen», um sich dann nachträglich mit der dialektischen Theologie zu beschäftigen und auseinanderzusetzen, ebenso wie er von da aus auch ein positives Verhältnis zu der sog. ökumenischen Bewegung zu finden gewußt hat. Und Sie mußten wissen (Sie hatten, bevor Sie jene Behauptung in die Welt setzten, die Pflicht, sich darum zu kümmern), daß ich das einzige Mal, wo ich mich öffentlich zu O. Bauhofer geäußert habe, an der Ostwestlichen Theologenkonferenz in Bern, 1930, seiner katholisierenden Auffassung von Naturrecht so bestimmt wie möglich entgegengetreten bin. (Mein damaliges Votum ist ausführlich wiedergegeben «Theol. Blätter» 1931, Sp. 24 📖.22) Ich frage Sie hiemit öffentlich: Wie kommen Sie dazu, ihn und seinen Übertritt mit der von mir vertretenen Theologie in Zusammenhang zu bringen?

218Sehr geehrter Herr Kollege! Es ist nicht eine theologische Diskussion, um die ich Sie bitte. Mir ist höchst zweifelhaft, ob eine solche zwischen Ihnen und mir schon rein sprachlich überhaupt möglich ist. Es kann sich aber jedenfalls in diesem von Ihnen geschaffenen «Fall» nicht darum handeln. Sie haben mit Ihrer Auswertung der Konversionen Peterson und Bauhofer zur weiteren Diskreditierung der von mir vertretenen Theologie die Polemik auf das Feld der Tatsachen verlegt, und ich kann Sie nur ernstlich bitten, bei der Beantwortung meiner Fragen nun auch auf diesem von Ihnen gewählten Feld zu bleiben. Ich erwarte also nicht, daß Sie mich über das Problem des Katholizismus belehren, daß Sie mir nochmals und nochmals entgegenhalten, Gott und Glaube gehörten nach Luther «zuhauf»23, das «scholastische Dogma» (was ist das?) sei etwas Furchtbares24, und der allein heilvolle Weg der Theologie führe von Luther über Schleiermacher und Ritschl zum religionspsychologischen Zirkel.25 Ich erwarte nicht, daß Sie mich nochmals und nochmals deshalb strafen, weil ich mich gegen diese und ähnliche von Ihnen proklamierte «Richtlinien»26 unablässig versündige. Ich lehne Ihre Deutungen ab, und was Sie mißbilligen, das tue ich mit Bewußtsein und Absicht, und mit Bewußtsein und Absicht werde ich es wieder tun. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Sondern ich darf Sie bitten, mir und allem Volk, abgesehen von allen nur für Sie verbindlichen Vermutungen, Meinungen, Deutungen und Konstruktionen, klipp und klar die Tatsachen, d.h. die Texte aus Petersons, Bauhofers und meinen Schriften anzugeben, aus denen nach Ihrer Ansicht hervorgeht, daß Peterson und Bauhofer «ausgehend» von der von mir vertretenen Theologie im römischen Katholizismus geendet haben. Solange das nicht geschehen ist, kann ich Ihnen, so leid mir die entstandene peinliche Situation ist, nur sagen, daß ich vor der von Ihnen jetzt gegen mich angewandten Waffe und vor Ihrer Warnung vor unevangelischen «Schulmeinungen |219 und Cliquenbildungen» keinen Respekt habe. Ich unterdrücke einen boshaften Satz ad vocem «Schulmeinungen und Cliquenbildungen», mit dem ich eigentlich schließen wollte.

Ihr ergebener
Karl Barth
Sehr geehrter Herr Kollege!

Als ich zu Pfingsten – tief erschüttert durch die Nachricht vom Übertritt Bauhofers – den kurzen in Nr. 22 dieses Blattes erschienenen Artikel niederschrieb, habe ich immer wieder und sehr gewissenhaft geprüft, ob diese Zusammenstellung der Fälle Peterson und Bauhofer unter theologisch-prinzipiellem Gesichtspunkt erforderlich sei.

Drei Momente habe ich als Belege für die Zusammengehörigkeit der beiden Fälle genannt:

  • 1. das «Ausgehen beider Männer von der sog. dialektischen Theologie Karl Barths»,
  • 2. die von beiden vollzogene Verkürzung und Umbiegung des reformatorischen Glaubensverständnisses, zumal des Vertrauenscharakters des Glaubens,
  • 3. die ebenso unhistorische wie unpsychologische, zur Scholastik zurückführende Beurteilung des Dogmas.

Punkt 2 und 3 sind dabei, wie der Gedankengang eindeutig zeigt, die eigentlich entscheidenden. Denn es handelt sich doch letztlich um das sachliche Verständnis der in Frage kommenden theologischen Positionen zueinander. Den Beweis für die Thesen 2 und 3 bieten die genannten Schriften beider Männer, und zwar gar nicht bloß mit einzelnen Stellen, sondern mit ihrer ganzen Gedankenführung. Und in dieser doppelten Hinsicht stehen sie beide zugleich in weitgehender Analogie zu Ihrer «Dogmatik».27

Sie, Herr Kollege, kehren das Verhältnis der drei Momente zueinander um. Ja, Sie wollen die für die Sache tatsächlich entscheidenden Punkte 2 und 3 völlig ausschalten und die ganze Frage allein von |220 Punkt 1 aus beurteilen. Dabei verschieben Sie aber nochmals den im Zusammenhang eindeutig klaren Sinn der These 1. Denn diese These bezieht das «Ausgehen» nicht auf die ersten theologischen Anfänge beider Männer (Schüler von Troeltsch ist ja auch D. Gogarten gewesen!), sondern auf den Anfang ihres Weges nach Rom. Und die These 1 meint auch nicht die Sondernüance der dialektischen Theologie, in der Sie sich von den anderen Vertretern derselben unterscheiden, sondern sie meint die dialektische Theologie, als deren Begründer und Hauptrepräsentant Sie gelten. Damit fällt bereits ein großer Teil Ihrer Gegenargumente dahin.

Für das Weitere kommen folgende Tatsachen in Betracht:

Peterson, dessen Weihnachten 1930 erfolgter Übertritt in Deutschland erstmalig durch seinen Sylvester 1930 datierten, an Sie gerichteten Brief bekannt geworden ist28, hat längere Zeit – hier in Göttingen! – sehr stark unter Ihrem theologischen Einfluß gestanden. Das hat er mir selbst mehrfach ausgesprochen. Seine Schrift «Was ist Theologie?» geht gewiß über Ihre Position hinaus und ist insofern gegen Sie gerichtet – aber das doch von einer gemeinsamen Basis aus, die von grundlegender Bedeutung ist.

Ähnliches gilt auch für Bauhofer. Mit seinem Buch hat er Ihre dialektische Theologie «überbieten» wollen. So schreiben Sie selbst in der «Tägl. Rundschau» vom 29. Mai 1932.29 Auch für ihn war also die dialektische Theologie eine Übergangsstation in der Richtung auf Rom. Demgemäß rechnet ihn denn auch D. Keller, der nach Lage der Dinge für diese Frage kompetenteste Fachmann, in seinem kürzlich erschienenen Buch über die dialektische Theologie ohne jede Einschränkung als Vertreter der «dialektischen Theologie» bzw. der «dialektischen Religionsphilosophie» (S. 39 u. S. 165).30

Zu diesen Tatsachen stelle ich dann nur noch die andere, daß Pater Przywara im Hinblick auf das Grundproblem theologischen Denkens – das Verhältnis der objektiven und der subjektiven Seite der Gottesbeziehung – kürzlich urteilen konnte: «Hier steht katholische Theologie mit Barth gegen alle anderen.» (Die literar. Welt, 1930, Nr. 48 📖).31

221Ihr Vorwurf der Unrichtigkeit (nach Ihrem Sprachgebrauch: der «Unwahrheit») fällt also an allen Punkten auf Sie selbst zurück.

Es liegt mir völlig fern, die dialektische Theologie «diskreditieren» zu wollen. Das beweist mein ganzes Schrifttum über sie. Wohl aber hat die von Ihnen und Ihrem Kreise betriebene, auf einseitig-unsachlicher Kritik beruhende Diskreditierung Schleiermachers die Atmosphäre geschaffen, in der jene tragischen Fälle möglich wurden.

Ihr ergebener
G. Wobbermin

Sachfußnoten

1
G. Wobbermin, Ein neuer Fall «Peterson», Nr. 22, 29.5.1932 📖; auch in: Christentum und Wissenschaft, Jg. 8 (1932), S. 179–182 📖. ↩
2
Wobbermin setzte den Weg Schleiermachers auf der Linie von Troeltsch fort, vgl. W. Lohff in: RGG3, Bd. 6, Sp. 1788f. 📖 ↩
3
Begleitbrief an August Hinderer, Berlin-Steglitz, 31.5.1932.↩
4
A.a.O., Nr. 24, S. 197f. 📖 ↩
5
A.a.O., S. 198 📖. ↩
6
K. L. S., «Zur Konversion eines bedeutenden protestantischen Theologen», in: ThBl, Jg. 11 (1932), Sp. 157f. 📖 ↩
7
Das neue Reich, Wien/Innsbruck/München, Jg. 14 (1932), 16.4.1932 📖.↩
8
Die Konversion des anglikanischen Theologen John Henry Newman (1801–1890) 1845 löste eine Welle weiterer Konversionen aus.↩
9
Anspielung darauf, daß Barth mit diesem Begriff den Glauben beschrieben hatte: Der Römerbrief, München 19222, S. 64 📖 (= S. 62 der späteren Auflagen): «Gerade der Glaube ist ja, wenn er wirklich Glaube an Gott ist, Hohlraum, Beugung vor dem, was wir nie werden, nie haben, nie tun können» u.ä.↩
10
Siehe vorigen Offenen Brief, Anm. 2. ↩
11
G. Wobbermin, Das Wort Gottes und der evangelische Glaube, Vortrag am 7.10.1930, in: Vom Worte Gottes. Bericht über den dritten Theologentag in Breslau vom 5.-8.10.1930, hrsg. v. E. Lohmeyer, Göttingen 1931, S. 46–65, 2. Aufl. 📖, vermehrt um einen Bericht über die Auseinandersetzung des Verfassers mit Karl Barth, unter dem Titel: Wort Gottes und evangelischer Glaube, Göttingen 1933 📖; darin: außer den beiden Briefen Wobbermins an Barth auch: D. Barths «Replik» als Teil seiner Dialektik (Teilabdruck aus: Christentum und Wissenschaft, Jg. 8 [1932], S. 307–309 📖).↩
12
Siehe vorigen Offenen Brief, Anm. 8. ↩
13
G. Wobbermin, Rez. von Bauhofer, Oskar, Das Metareligiöse. Eine kritische Religionsphilosophie, Leipzig 1930, in: ThLZ, Jg. 57 (1932), Sp. 184–186 📖. ↩
14
Anspielung auf das Buch von A. Keller, Der Weg der dialektischen Theologie durch die kirchliche Welt. Eine kleine Kirchenkunde der Gegenwart, München 1931 S. 39 und 165 📖. Siehe auch unten Anm. 21. ↩
15
Siehe auch die Meldung in der Täglichen Rundschau vom 20.5.1932, s. vorigen Offenen Brief, Einleitung.↩
16
Siehe vorigen Offenen Brief, Anm. 7.↩
17
K. Barth, Kirche und Theologie 📖, siehe vorigen Offenen Brief, Anm. 2. ↩
18
E. Peterson, Die Kirche, München 1929 📖. ↩
19
Siehe vorigen Offenen Brief, Anm. 9. ↩
20
E. Brunner, Eine Religionsphilosophie vom Standpunkt der Offenbarung aus, in: KBRS, Jg. 87 (1931), Nr. 11, S. 166f. 📖 ↩
21
Vgl. vorigen Offenen Brief, Anm. 9. ↩
22
Siehe vorigen Offenen Brief, Anm. 10. ↩
23
Vgl. a.a.O. (Anm. 13), Sp. 186 📖, s. BSLK S. 560, Z. 21f. 📖 ↩
24
Vgl. a.a.O., Sp. 185 📖. ↩
25
Vgl. ebd. 📖↩
26
Anspielung auf Wobbermins Buch Richtlinien evangelischer Theologie zur Überwindung der gegenwärtigen Krisis (Studien zur systematischen Theologie, hrsg. v. A. Titius und G. Wobbermin, H. 3), Göttingen 1929 📖. ↩
27
Gemeint ist hier K. Barth, Christliche Dogmatik im Entwurf, Bd. I: Die Lehre vom Worte Gottes, München 1927, Neuausgabe, hrsg. v. G. Sauter (GA Abt. II), Zürich 1982 📖. ↩
28
Siehe vorigen Offenen Brief, Einleitung und Anm. 3. ↩
29
Text siehe vorigen Offenen Brief.↩
30
Siehe Anm. 14.↩
31
E. Przywara S.J., Der heutige Stand der Wissenschaften. IX. Theologie, in: Die literarische Welt, Berlin, Jg. 6 (1930), S. 3f. 📖 ↩