26 · 1932

An Prof. D. Dr. Georg Wobbermin, Göttingen (zweiter Brief)

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An Prof. D. Dr. Georg Wobbermin, Göttingen

1932 (zweiter Brief)

Acht Tage nachdem Wobbermin den Offenen Brief Barths vom 31.5.1932 an ihn beantwortet hatte (s. vorigen Offenen Brief), richtete Wobbermin nun seinerseits am 15.6.1932 einen «Offenen Brief an Professor Dr. Karl Barth». Dieser Brief wurde von Barths Kollegen Karl Ludwig Schmidt in den Theologischen Blättern abgedruckt, zusammen mit einer «Replik an Professor D. Dr. G. Wobbermin», mit der Barth am 18.6.1932 antwortete und den Briefwechsel beendete.1

Erik Peterson gab seinerseits eine Erklärung ab, worin er einen Zusammenhang zwischen seiner Konversion und Barths Theologie von sich wies.2

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Sehr geehrter Herr Kollege!

Sie haben in Nr. 24 (1932) der Wochenschrift «Das Evangelische Deutschland» einen offenen Brief an mich gerichtet, der die Fälle Peterson und Bauhofer betrifft. Sie bestreiten darin meine These, daß diese Fälle eine wesensmäßige Beziehung zur dialektischen Theologie haben, reden sogar von «Unwahrheit» und legen mir bestimmte Fragen zur Beantwortung vor. Ich habe diese Fragen in derselben Nr. 24 der genannten Wochenschrift beantwortet3, obgleich die Art Ihrer Fragestellung m.E. den Kern der Sache, um die es geht, gar nicht trifft, sondern die Aufmerksamkeit von der entscheidenden Hauptsache ablenkt. Da ich mich dort auf die Antwort als solche beschränken mußte, werden Sie es verstehen, daß ich nun auch meinerseits den Wunsch habe, Ihnen wenigstens eine Frage vorzulegen, die sich nicht nur an Ihre Fragen unmittelbar anschließt, sondern auch geeignet sein dürfte, die Sache, um die es geht, weiter zu klären. Ich mußte nämlich an der genannten Stelle wegen des beschränkten mir zur Verfügung stehenden Raumes davon absehen, für meine These noch einen Zeugen anzuführen, der doch zweifellos Anspruch auf Berücksichtigung in der ganzen Angelegenheit hat. Dieser Zeuge ist – Karl Barth. Er steht also zu Ihnen nicht nur in enger Beziehung, sondern ist mit Ihnen geradezu identisch – war es jedenfalls.

Und nun meine Frage! Erinnern Sie sich, Herr Kollege Barth, daß wir bald nach dem Erscheinen der Schrift Petersons «Was ist Theologie?» 📖4 eine längere Unterhaltung über diese Schrift hatten? Wir waren einig in dem Urteil, daß die Schrift ernst zu nehmen und nicht etwa durch Totschweigen zu erledigen sei. Im übrigen aber gingen unsere Auffassungen diametral auseinander. Sie rühmten die Schrift in den höchsten Tönen wegen des Ihrer Meinung nach richtigen Ansatzes ihrer Problemstellung – wenn auch mit dem Vorbehalt, daß sie zu weit gehe, über das Ziel schieße, falsche Folgerungen ziehe, und wie Sie es in ähnlichen Wendungen ausdrückten. Dagegen lehnten Sie es immer wieder ab, mit mir das πρῶτον ψεῦδος (den Grundfehler) der Schrift in ihrem falschen Ansatz zu sehen, der nicht von vornherein |224 die «objektiv-subjektiv»-Problematik der theologischen Aufgabe ins Auge fasse und infolgedessen einem einseitig-falschen Objektivismus verfalle. Ist nun aber nicht – prinzipiell theologisch betrachtet und von den rein individuellen Begleitumständen abgesehen, die ja auch mir genau bekannt sind – eben dieser Objektivismus der letzte Grund des Geschickes Petersons gewesen? Und liegt es nicht auch bei Bauhofer wieder ebenso? Dieser Objektivismus ist ja bei beiden der Anlaß, daß sie die eigenpersönliche Glaubensüberzeugung und Glaubensverantwortung im theologischen Ansatz nicht berücksichtigen, sondern grundsätzlich ausschalten. Eben hierin aber treffen beide mit der Grundhaltung Ihrer «Dogmatik» zusammen. Und hierin ist dann wieder begründet, daß bei jenen wie bei Ihnen die Frage nach der eigenpersönlichen Glaubenserfahrung im Sinne der Reformatoren gar nicht gestellt, geschweige denn für die theologisch-dogmatische Arbeit fruchtbar gemacht wird.

Daß dieser Sachverhalt sich weiter in einem unhistorischen und unpsychologischen Denken auswirkt, ist aus der Sache heraus nur gar zu verständlich. Deshalb gehen unsere Positionen auch an diesem Punkt so stark auseinander und gegen einander, obgleich wir ja in dem Kampf gegen allen einseitigen theologischen Historismus und Psychologismus zusammen gehören. Daß Sie in diesen Kampf, den ich unmittelbar vor dem Weltkrieg begonnen hatte5, eingetreten sind, war und ist mir natürlich eine Freude. Aber in doppelter Hinsicht scheint mir auch hier Ihre Stellung unhaltbar zu sein. Einerseits führen Sie den Kampf nicht bis in die letzte Tiefe, so daß auch in Ihrer Dogmatik Historismus und Psychologismus in versteckter Weise wirksam sind. Andererseits schlägt aber der Kampf bei Ihnen in unhistorisches und unpsychologisches Denken um. Beides bedingt sich gegenseitig und macht sich in der dadurch bewirkten Verfestigung in der Gottes- und Trinitäts-Lehre, in der Christologie, Anthropologie und Eschatologie geltend.

Schließlich muß ich auch hier nochmals auf Ihre «Diskreditierung» Schleiermachers hinweisen. Die dialektische Theologie steht und fällt mit ihrem Schleiermacher-Verständnis, sofern sie nicht nur hinter |225 Einzel-Lehren und Einzel-Positionen Schleiermachers, sondern auch hinter seine Grundintention und d.h. zugleich hinter die Linie «Reformation – Schleiermacher» bzw. «Luther – Schleiermacher» zurückgehen will.

Nun bricht ja allerdings dies Schleiermacher-Verständnis neuestens auch in Ihrem eigenen Kreise zusammen. Das ist die Bedeutung des Barthelheimerschen Buches.6 Sein Versuch, trotz dieser Einsicht in einem Rückzugsgefecht eine Aufnahme-Stellung zu beziehen, ist so schwach und unzureichend, daß er von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. (Vgl. meine Anzeige in der ThLZ 1932 Nr. 97). Ich lasse dahingestellt, ob Ihre Abneigung gegen Schleiermacher, dessen Eintreten für evangelisches Christentum ja mit dem anderen für deutsches Volkstum Hand in Hand ging, noch andere Gründe als rein theologische hat. Jedenfalls ist es äußerst seltsam, daß Sie die starken Ansätze existentiellen Denkens, die bei Schleiermacher vom religionspsychologischen Ausgangspunkt her vorliegen, vollständig übersehen oder verkennen. Aber auch diese ganze Einseitigkeit und Überspanntheit Ihrer Ablehnung Schleiermachers teilen Peterson und Bauhofer mit Ihnen.

Ihr ergebener
Georg Wobbermin
Sehr geehrter Herr Kollege!

Deutlich genug meine ich Ihnen in meinem «Offenen Brief» gesagt zu haben, was mich an dem Gerücht, in das Sie mich bringen wollten, allein interessierte und welches der Beweis war, den ich allein von ihnen geführt sehen wollte. Es ging um die tolle Nachricht, Peterson und Bauhofer seien «von der sogen, dialektischen Theologie Karl Barths ausgegangen» und von da aus zum römischen Katholizismus gekommen. Für die Wahrheit dieser (ich wiederhole: tollen) Nachricht haben Sie in keiner von Ihren beiden Antworten auch nur den Schatten eines Beweises erbracht. Es ist kein Beweis, wenn Sie, wo gedrucktes Material genug zur Verfügung steht, an vor sieben Jahren |226 mündlich geführte Gespräche erinnern (ich für meine Person entsinne mich wirklich nicht mehr, wie das damals war), aus denen doch auch Ihnen nur Redensarten in Erinnerung geblieben sind, die hier gar nichts zur Sache tun. Es ist kein Beweis, wenn Sie als Beleg für Bauhofers Nähe zu mir eine gelegentliche Etikettierung durch einen Dritten, Adolf Keller, und als Beleg für meine Nähe zum Katholizismus ein aus dem Zusammenhang gerissenes Wort von Erich Przywara anführen. (Wie Przywara in Wirklichkeit von mir denkt, kann jedermann z.B. RGG 2. Aufl. Bd. 4 Sp. 1600f. bequem nachlesen.8) Es ist kein Beweis, wenn Sie, wo Sie eine konkrete geschichtliche Behauptung zu begründen hatten, aufs neue mit Ihrem nun seit vielen Jahren oft genug gehörten, durch die dauernde Wiederholung weder konkreter, noch kräftiger, noch interessanter werdenden Wort von meinem «einseitig-falschen Objektivismus» aufwarten. Es ist kein Beweis, wenn Sie in diesem Augenblick und zu diesem Zweck die nun gleichfalls sattsam gesungene Totenklage um Ihren Schleiermacher noch einmal anstimmen. Und es ist nicht nur kein Beweis, sondern es ist offene Komik, wenn Sie mich bei Anlaß des selber ganz unnützlich herbeigezogenen Schleiermachers (nicht ohne geistige Anleihe bei Ihrem Göttinger Kollegen Hirsch9) nun auch noch der Sünde wider das «deutsche Volkstum» und wider das «existenzielle Denken» zeihen wollen. Was soll das alles? Ich kann das alles, ich kann Ihre beiden Antwortbriefe in ihrem gesamten (auch in ihrem hier nicht erwähnten) Inhalt nur als Versuche verstehen, die Tatsache zu vernebeln, die nun wohl auch mein ergrimmtester Gegner (vielleicht mit Ausnahme meiner Gönner vom großen deutschen und vom kleinen schweizerischen Protestantenblatt!10) als erwiesen ansehen wird: Sie haben kei|227nen Beweis für jene Nachricht. Sie haben sie «frei erfunden», wie man einst im Kriege so schön zu sagen pflegte. Ich muß meinen Satz wiederholen: vor dieser Kampfesweise kann ich keinen Respekt haben.

Sie könnten sich fragen, sehr geehrter Herr Kollege, und manche von den Lesern dieses Blattes könnten sich mit Ihnen fragen, warum ich gerade in dieser Angelegenheit so scharf werde, statt Ihren Angriff schweigend zu meinen reichen Akten ähnlicher Art zu legen. Ich will es Ihnen sagen: darum werde ich scharf, weil ich in Sachen Katholizismus keinen Spaß verstehe. Ich meine einigermaßen zu wissen, was Katholizismus ist, und meine mir Mühe geben zu sollen, es immer besser zu wissen. Ich halte ihn für einen unheimlich starken und tiefen, letztlich für den einzigen wirklich ernst zu nehmenden Gesprächsgegner der evangelischen Theologie. Ich halte den Idealismus und die Anthroposophie und die völkische Religion und die Gottlosenbewegung für Kindereien, gemessen an diesem Gegner. Ich leide darunter, daß die evangelische Theologie hier blind ist. Daß sie nicht merkt, zu welcher geistigen und geistlichen Bedeutungslosigkeit sie selbst auf der Linie, die Sie, Herr Kollege, für die heilvolle halten, in einer zweihundertjährigen Entwicklung heruntergekommen, wie wenig sie dem Katholizismus heute innerlich gewachsen ist. Meine ganze Arbeit gilt der verzweifelten (jawohl: an unseren in diesen zweihundert Jahren geübten Methoden längst und völlig verzweifelten!) Frage nach einer evangelischen Theologie, die dem Katholizismus, den ich für die große Häresie halte, würdig – als Theologie und als evangelische Theologie würdig! – gegenüberstehen möchte. Ich behaupte kühnlich, daß ich einer der ganz wenigen evangelischen Theologen bin, die einerseits den Römischen hinsichtlich der – nicht von den Reformatoren, wohl aber, Herr Kollege, von Ihren Kirchenvätern preisgegebenen gemein-christlichen Voraussetzungen ruhig ins Auge blicken können und die andererseits weder mit der Erkenntnislehre des vatikanischen noch mit der Rechtfertigungslehre des tridentischen Konzils11 einen heimlichen Bund geschlossen haben. Ich weiß |228 aber auch, was es für eine Last ist, so – und man kann es nur so sein – evangelischer Theologe zu sein. Ich darf mich unter diesen Umständen dagegen wehren, daß Sie, der Sie diese ganze Not gar nicht kennen, mir öffentlich nachreden, gerade ich sei eine Art Vorfrucht des Katholizismus, gerade ich sei verantwortlich zu machen für die beiden Deserteure, die unserer geschlagenen Armee neulich den Rücken kehrten. Daß unsere Armee vorderhand wirklich eine gründlich geschlagene Armee ist, darin bin ich allerdings mit diesen Deserteuren einig. Aber nicht einmal, daß sie das gerade bei mir gelernt hätten, haben Sie bewiesen, geschweige denn, was Sie behauptetet hatten: daß sie gerade von mir «ausgehend», d.h. doch wohl: in der Linie meiner Bemühungen weitergehend, Deserteure geworden seien. Also: ich bin scharf geworden, weil ich Sie energisch bitten wollte und mußte, eine Arbeit, deren Probleme und Sorgen Ihnen offenkundig fremd sind, in Zukunft nicht mehr durch unsachliche Reden zu stören.12

Ihr ergebener
Karl Barth

Sachfußnoten

1
ThBl, Jg. 11 (1932), Sp. 219f. resp. 221f. 📖 Dazwischen wurde Wobbermins Antwortbrief vom 7.6.1932 wiedergegeben (Sp. 220f.; Text siehe vorigen Offenen Brief). – Wobbermins Brief vom 15.6. erschien auch in: Christentum und Wissenschaft, Jg. 8 (1932), S. 268f. 📖 – Wobbermin nahm seine beiden Briefe vom 7. und 15.6.1932 auf in Wort Gottes und evangelischer Glaube, zweite Auflage 📖 (s. Barths ersten Brief an Wobbermin, Nr. 25, Anm. 11.). ↩
2
«In letzter Zeit hat Wobbermin (s. Theol. Blätter 1932, p. 166 📖) K. Barth wiederholt der Begünstigung des Katholizismus beschuldigt und ihn auch für meine Konversion verantwortlich gemacht. Was den ersten Punkt angeht, so hat Wobbermin aus der Tatsache, daß Barth den Katholizismus theologisch ernst genommen hat, schon ein ‹Katholisieren› konstruiert, was mir in der Sache falsch geurteilt zu sein scheint, denn dann hat der ganze Altprotestantismus ‹katholisiert›. Was den zweiten Punkt angeht, so kann ich meinerseits nur die Behauptung Barths bestätigen, daß meine eigene theologische Entwicklung von der Barths vollkommen unabhängig verlaufen ist. Psychologisch gesehen hat der Pietismus und Kierkegaard vielleicht den entscheidenden Anstoß zur Rückkehr zum katholischen Glauben gegeben, aber letzthin führen alle Wege des Protestantismus nach Rom» (Hochland, 1932/33, H. 2, S. 119f. 📖, nachgedr. in: ThBl, Jg. 11 [1932], November, Sp. 345).↩
3
Wobbermins Brief vom 7.6.1932, Text siehe vorigen Offenen Brief. ↩
4
Siehe Offenen Brief Nr. 24, Anm. 2. ↩
5
Anspielung auf Wobbermins Werk Systematische Theologie nach religionspsychologischer Methode, Bd. 1, Leipzig 19131, 19252 📖. ↩
6
W. Bartelheimer, Schleiermacher und die gegenwärtige Schleiermacherkritik. Eine Untersuchung über den Subjektivismus, Leipzig 1931 📖. ↩
7
G Wobbermin, a.a.O., Sp. 210–212 📖. ↩
8
«Protestantismus: II. Beurteilung vom Standpunkt des Katholizismus», RGG2 Bd. IV, Sp. 1600–1603 📖. Nach einer im einzelnen durchgeführten Kritik an allen Richtungen des Protestantismus schreibt Przywara abschließend, der Katholik werde «in der Methodologie Barths […] und Wobbermins […] den deutlichen Ausdruck des inneren Problems» des «protestantischen religiösen Individualismus» «anerkennen müssen, ohne aber hier eine Lösung sehen zu können» (Sp. 1603).↩
9
Vgl. Barths Offenen Brief an Hirsch 1932, Nr. 23. ↩
10
Das liberale deutsche Protestantenblatt hatte gerade im Juni 1932 unter der Überschrift Karl Barth muß Offene Briefe schreiben von Barths Briefwechsel mit Hirsch und Wobbermin berichtet und geurteilt, daß Barths Offener Brief an Wobbermin vom 31.5.1932 einen Zusammenhang zwischen den beiden Konversionen «mit einer Schärfe leugnet, die nicht berechtigt erscheint gegenüber den Feststellungen, die Wobbermin in seiner Antwort macht.« – Zum Schweizerischen Protestantenblatt: s. Offenen Brief Nr. 14. ↩
11
Vgl. DH 3004–3043 und 1520–1583 📖. ↩
12
Wobbermin polemisierte weiter gegen Barth, z.B. in der 2. Auflage seiner Schrift Das Wort Gottes und der evangelische Glaube 📖 (s. S. 214, Anm. 11) und bei der Gedenkrede für Prof. Arthur Titius in Berlin: Karl Barths Anspruch, als Papst aller evangelischen Kirchen zu gelten, in: Arthur Titius. Ökumenische Theologie zur Befriedung der Kirche. Eine Gedenkrede, hrsg. v. G. Wobbermin, Berlin 1937, S. 20f. (englisch: S. 22f.) 📖. Die Zeitschrift «Positives Christentum» berichtete am 20.6.1937, Wobbermin habe in seiner Gedenkrede «die unheilvolle Wirkung des Heiligen der Bekenntnisfront Karl Barth einer treffenden und vernichtenden Kritik» unterzogen. Die Feierstunde «wurde peinlich gestört durch protestierendes Scharren von ‹Bekennern›, die schließlich unter lautem Zuschlagen der Saaltür die Aula verließen.»↩