An Prof. D. Dr. Georg Wobbermin, Göttingen (zweiter Brief)
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An Prof. D. Dr. Georg Wobbermin, Göttingen
1932 (zweiter Brief)
Acht Tage nachdem
Sie haben in Nr. 24 (1932) der Wochenschrift «
Und nun meine Frage! Erinnern Sie sich, Herr Kollege Barth, daß wir bald nach dem Erscheinen der Schrift Petersons «Was ist Theologie?»
Daß dieser Sachverhalt sich weiter in einem unhistorischen und unpsychologischen Denken auswirkt, ist aus der Sache heraus nur gar zu verständlich. Deshalb gehen unsere Positionen auch an diesem Punkt so stark auseinander und gegen einander, obgleich wir ja in dem Kampf gegen allen einseitigen theologischen Historismus und Psychologismus zusammen gehören. Daß Sie in diesen Kampf, den ich unmittelbar vor dem Weltkrieg begonnen hatte5, eingetreten sind, war und ist mir natürlich eine Freude. Aber in doppelter Hinsicht scheint mir auch hier Ihre Stellung unhaltbar zu sein. Einerseits führen Sie den Kampf nicht bis in die letzte Tiefe, so daß auch in Ihrer Dogmatik Historismus und Psychologismus in versteckter Weise wirksam sind. Andererseits schlägt aber der Kampf bei Ihnen in unhistorisches und unpsychologisches Denken um. Beides bedingt sich gegenseitig und macht sich in der dadurch bewirkten Verfestigung in der Gottes- und Trinitäts-Lehre, in der Christologie, Anthropologie und Eschatologie geltend.
Schließlich muß ich auch hier nochmals auf Ihre «Diskreditierung»
Nun bricht ja allerdings dies Schleiermacher-Verständnis neuestens auch in Ihrem eigenen Kreise zusammen. Das ist die Bedeutung des Barthelheimerschen Buches.6 Sein Versuch, trotz dieser Einsicht in einem Rückzugsgefecht eine Aufnahme-Stellung zu beziehen, ist so schwach und unzureichend, daß er von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. (Vgl. meine Anzeige in der ThLZ 1932
Nr. 97). Ich lasse dahingestellt, ob Ihre Abneigung gegen Schleiermacher, dessen Eintreten für evangelisches Christentum ja mit dem anderen für deutsches Volkstum Hand in Hand ging, noch andere Gründe als rein theologische hat. Jedenfalls ist es äußerst seltsam, daß Sie die starken Ansätze existentiellen Denkens, die bei Schleiermacher vom religionspsychologischen Ausgangspunkt her vorliegen, vollständig übersehen oder verkennen. Aber auch diese ganze Einseitigkeit und Überspanntheit Ihrer Ablehnung Schleiermachers teilen
Deutlich genug meine ich Ihnen in meinem «Offenen Brief» gesagt zu haben, was mich an dem Gerücht, in das Sie mich bringen wollten, allein interessierte und welches der Beweis war, den ich allein von ihnen geführt sehen wollte. Es ging um die tolle Nachricht,
Sie könnten sich fragen, sehr geehrter Herr Kollege, und manche von den Lesern dieses Blattes könnten sich mit Ihnen fragen, warum ich gerade in dieser Angelegenheit so scharf werde, statt Ihren Angriff schweigend zu meinen reichen Akten ähnlicher Art zu legen. Ich will es Ihnen sagen: darum werde ich scharf, weil ich in Sachen Katholizismus keinen Spaß verstehe. Ich meine einigermaßen zu wissen, was Katholizismus ist, und meine mir Mühe geben zu sollen, es immer besser zu wissen. Ich halte ihn für einen unheimlich starken und tiefen, letztlich für den einzigen wirklich ernst zu nehmenden Gesprächsgegner der evangelischen Theologie. Ich halte den Idealismus und die Anthroposophie und die völkische Religion und die Gottlosenbewegung für Kindereien, gemessen an diesem Gegner. Ich leide darunter, daß die evangelische Theologie hier blind ist. Daß sie nicht merkt, zu welcher geistigen und geistlichen Bedeutungslosigkeit sie selbst auf der Linie, die Sie, Herr Kollege, für die heilvolle halten, in einer zweihundertjährigen Entwicklung heruntergekommen, wie wenig sie dem Katholizismus heute innerlich gewachsen ist. Meine ganze Arbeit gilt der verzweifelten (jawohl: an unseren in diesen zweihundert Jahren geübten Methoden längst und völlig verzweifelten!) Frage nach einer evangelischen Theologie, die dem Katholizismus, den ich für die große Häresie halte, würdig – als Theologie und als evangelische Theologie würdig! – gegenüberstehen möchte. Ich behaupte kühnlich, daß ich einer der ganz wenigen evangelischen Theologen bin, die einerseits den Römischen hinsichtlich der – nicht von den Reformatoren, wohl aber, Herr Kollege, von Ihren Kirchenvätern preisgegebenen gemein-christlichen Voraussetzungen ruhig ins Auge blicken können und die andererseits weder mit der Erkenntnislehre des vatikanischen noch mit der Rechtfertigungslehre des tridentischen Konzils11 einen heimlichen Bund geschlossen haben. Ich weiß |228 aber auch, was es für eine Last ist, so – und man kann es nur so sein – evangelischer Theologe zu sein. Ich darf mich unter diesen Umständen dagegen wehren, daß Sie, der Sie diese ganze Not gar nicht kennen, mir öffentlich nachreden, gerade ich sei eine Art Vorfrucht des Katholizismus, gerade ich sei verantwortlich zu machen für die beiden Deserteure, die unserer geschlagenen Armee neulich den Rücken kehrten. Daß unsere Armee vorderhand wirklich eine gründlich geschlagene Armee ist, darin bin ich allerdings mit diesen Deserteuren einig. Aber nicht einmal, daß sie das gerade bei mir gelernt hätten, haben Sie bewiesen, geschweige denn, was Sie behauptetet hatten: daß sie gerade von mir «ausgehend», d.h. doch wohl: in der Linie meiner Bemühungen weitergehend, Deserteure geworden seien. Also: ich bin scharf geworden, weil ich Sie energisch bitten wollte und mußte, eine Arbeit, deren Probleme und Sorgen Ihnen offenkundig fremd sind, in Zukunft nicht mehr durch unsachliche Reden zu stören.12