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An das Schweizerische Protestantenblatt

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An das Schweizerische Protestantenblatt

1928

In der ersten Ausgabe seines Werkes «Der Römerbrief» hatte Barth in der Auslegung des Abschnitts Röm. 12,21–13,8a dreimal zur Charakterisierung des Staates den Begriff «Tier aus dem Abgrund» aus der Offenbarung Johannis (13,1) verwendet.1 Im Schweizerischen Protestantenblatt hatte der freisinnige Pfarrer Hans Baur (1870–1938) in seiner Besprechung des Werks Barths kritische Haltung gegenüber dem Staat negativ beurteilt.2 Ähnlich wurde von freisinniger Seite aus argumentiert, als 1927 Barths eventuelle Berufung auf einen Lehrstuhl in Bern diskutiert wurde.3 Nachdem sich die Berufung nach Bern zerschlagen hatte, kam das Schweizerische Protestantenblatt 1928 in einem Artikel zum Schweizerischen Nationalfeiertag am 1.8. im Blick auf die zweite Fassung von Barths «Römerbrief» auf das Zitat aus der Offenbarung zurück und stellte fest: «Barth hat das ‹Tier aus dem Abgrund›, das ihm der Staat zuerst war, gestrichen, wohlgemerkt, nachdem das Wort seine Schuldigkeit getan.»4

125Barth reagierte am 7.8. mit einem Brief an Heinrich Schachenmann, wie Baur Pfarrer an St. Leonhard in Basel, der die Zeitschrift herausgab. Schachenmann sandte Barths «Reklamation» dem Verfasser des Artikels, Pfarrer Baur, in die Ferien nach und teilte Barth auf einer Postkarte vom 9.8. mit: «Angesichts des Umstandes, daß Sie Ihre an sich gewiß berechtigte Richtigstellung mit einem persönlichen Ausfall gegen Pfarrer Baur verbinden, habe ich darauf verzichtet, ihm diesbezüglich einen Rat zu geben, und muß es durchaus ihm überlassen, wo und in welcher Weise er Ihnen antworten wird.»

Im Schweizerischen Protestantenblatt wurde am 25.8.1928 von Pfarrer Baur am Anfang eines Aufsatzes «Religion und Patriotismus» Barths Brief ohne Briefkopf und Grußformel und nach Kürzungen im ersten Satz und unter Streichung des letzten Absatzes abgedruckt.5 Im folgenden wird Barths Text im Wortlaut und anschließend der Kommentar des Herausgebers der Zeitschrift abgedruckt. worden.

, 7. August 1928
Sehr geehrter Herr Pfarrer!⌝

In Nr. 30 des Schweiz. Protestantenblattes schreibt, wie ich vermute, Herr Pfarrer Baur Folgendes:

S. 254: «Zweite Auflagen sind maßgebend. Barth hat das ‹Tier aus dem Abgrund›, das ihm der Staat zuerst war, gestrichen, wohlgemerkt, nachdem das Wort seine Schuldigkeit getan.» Diese Mitteilung ist irreführend. Es ist allerdings richtig, daß die Wendung Seite 383 der ersten Auflage meines Römerbriefes vorkam und nachher in der zweiten Auflage nicht mehr vorkam.6 Wie wenig ich aber an eine «Streichung» dachte, dürfte daraus hervorgehen, daß ich die Wendung in dem Vortrag «Der Christ in der Gesellschaft» 1919, Seite 37, wieder brauchte und in der in zwei Auflagen 1924 und 1925 erschienenen Vortragssammlung «Das Wort Gottes und die Theologie» durchaus wieder drucken ließ.7 Da das Protestantenblatt aus diesem Tier nun |126 schon so oft Kapital geschlagen hat8, mußte Pfarrer Baur das wissen.9 Er mußte auch wissen, daß die Erklärung von Röm. 13 in der zweiten |127 Auflage trotz des zufälligen Fehlens jener Wendung sachlich an Radikalismus nichts verloren hat. Und er mußte endlich auch wissen, daß sein Nachsatz «Wohlgemerkt» einen unschönen Angriff bedeutet, zu dem ihm jede Unterlage fehlt. ⌜Ich kann nur immer wieder bedauern, daß die Polemik des «Protestantenblattes» mit solchen Mitteln arbeitet. Wenn ich meinen Widerspruch wieder einmal anmelde, so tue ich es nicht, weil ich Herrn Pfarrer Baur als Theologen ernst nehme, was mir unmöglich geworden ist, sondern weil das Blatt im Aargau gelesen wird, wo ich immerhin 10 Jahre gelebt habe, und weil es mir leid tut, mich gerade dort vor Leuten, die nicht nachkontrollieren können, immer wieder in dieser Weise verdächtigen und beschimpfen lassen zu müssen.

Hochachtungsvollst ergeben
Ihr
Karl Barth⌝

Diese Richtigstellung des bekannten Führers der dialektischen Theologie ist überaus wertvoll. Einmal: Zu dem Nachsatz, der sie ihm in die Feder diktierte, hatte ich sehr starke Unterlagen in den Zeitungsstimmen zur Berner Professorenwahl. Die ganze Anhängerschaft Professor Barths warf sich ja wie ein gut geleitetes Corps von Schützen auf das Protestantenblatt, das jene Wendung des Römerbriefs (nicht Pauli, sondern Barths) als Grund aufgegriffen hatte, sich die Person dieses Lehrers der vaterländischen theologischen Jugend etwas genauer anzusehen. «Lüge» war das mindeste, was man dem Blatt vorwarf, und die «zweite Auflage» wurde überall als Beweis ins Feld geführt, daß jetzt keine Rede von jener ersten «vaterlandslosen» Ansicht mehr sein könne. Wir haben denn auch sofort Feuereinstellen in diesem Punkte befohlen, und jetzt, als ich bei Brunner ähnliche, wenn auch sanftere Töne im weitverbreiteten Werk «Der Protestantismus der Gegenwart»10 fand, hielt ich es für meine Pflicht, Barth als «Bekehrten» von Brunner zu scheiden und jene (tatsächlich erfolgte und oben von Barth zugegebene) Streichung des als Schlagwort benutzten Ausdrucks geziemend in Erinnerung zu rufen.

128Nun hören wir also, daß Barth nach wie vor den Staat als das Tier aus dem Abgrund betrachtet wissen will, und werden künftig daran uns halten. Daß er nur von «unschönen Angriffen» reden kann, wenn wir diese Frage am 1. August berühren, daß er nicht begreift, daß diese Ansicht von uns bekämpft werden muß, wenn wir noch eine Spur von religiöser Vaterlandsauffassung besitzen, daß wir die junge Theologenwelt auf diese ungeheuerlichen Folgen aufmerksam machen müssen, um sie rechtzeitig zu warnen, tut uns wahrhaft leid. Zuerst hat er es uns gegenüber mit Totschweigen versucht, wie gegenüber seinem Berner Gegner. Ob er uns «ernst nimmt» oder nicht, ist uns völlig gleichgültig. Der Hauptpastor Goeze in Hamburg hat es zuerst auch mit der Diskreditierung seines Gegners Lessing – nicht zusammengezählt! – probiert.11 Damit wollen wir heute antworten, daß wir seine Wahrhaftigkeit anerkennen. Wenn sie bis zu den Feststellungen dieser Zeilen fraglich war, so hat er sich bei seinen Freunden zu bedanken, die wohl spüren, daß auf die Länge im Schweizerischen Vaterland eine staatsfeindliche Theologie nicht bestehen kann, und seine Lehre von diesem Makel befreien wollten.

Daß diese meine Worte gänzlich frei von Leidenschaft sind – da ja doch viele Leser bei jeder theologischen Auseinandersetzung die von Melanchthon bekämpfte Rabies12 an der Arbeit und gelben Haß in den Augenwinkeln leuchten sehen –, will ich noch mit zwei Worten andeuten. Ich sitze hier auf freier Emmentalerhöhe angesichts der Berge Helvetiens, und meine Seele ist trunken von Liebe13 zu dem Volk, das unter ihnen wohnt; er sitzt in Münster unter dem Lambertiturm, an dem einst die Wiedertäuferkäfige hingen. Kein Wunder, wenn ich auf antipatriotische Worte radioaktiv bin, während er, fern vom Land der Väter und auch wohl schlecht darüber berichtet, sich innerlich darüber empört, was ein (falscher) Bund, den Religion und Staat schaffen, für Unheil zu stiften im Stande war.

Sachfußnoten

1
In der Neuauflage (GA Abt. II), hrsg. von H. Schmidt, Zürich 1985, S. 511 📖: «Je sicherer ihr euren Weg geht, ohne euch durch die Fragestellungen dieses Äons verwirren zu lassen, um so mehr wird sich auch ein so ungefüges Tier aus dem Abgrund, wie der heutige Staat an euch erweisen müssen als ‹ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.›»- S. 517: «Sofern ihr Gott die ‹Liebe zu einander›, die das positive Wesen der kommenden neuen Welt ist (13,8bff.), noch schuldig bleiben müßt (13,8a), dürft ihr dem Gesetz Gottes und Gottes ‹Amtsträger› (13,6) – ob er gleich das Tier aus dem Abgrund ist – die schuldige Achtung nicht versagen.»- S. 518: «Keine Ignorierung der jetzigen Ordnungen, keine Dienstverweigerung und keine vornehme Zurückhaltung vom Parteileben überwindet das Tier aus dem Abgrund, macht den fatalen ‹Amtsträger› Gottes überflüssig oder befreit euch auch nur von der Mitverantwortlichkeit für seine unerfreuliche Existenz.»↩
2
«Ganz modern ist die haßerfüllte Stellung zum Staate, so daß Paulus mit seinem ‹Seid untertan der Obrigkeit!› über solche Deutung jedenfalls sehr verwundert wäre» (Jg. 42, Nr. 16 vom 19.4.1919, S. 128 📖).↩
3
Dazu vgl. das Zitat von E. Sch. aus der freisinnig-demokratischen Berner Zeitung «Der Bund», Nr. 413 vom 26.9.1927 📖, abgedruckt in Bw.Th. II, S. 531, Anm. 2. 📖 ↩
4
Schweizer. Protestantenblatt Jg. 51, Nr. 31 vom 4.8.1928, S. 254 📖.↩
5
A.a.O., Nr. 34, S. 276f. 📖 Der Artikel ist namentlich nicht gezeichnet, doch von Baur verfaßt.↩
6
Vgl. K. Barth, Der Römerbrief, 2. Auflage in neuer Bearbeitung München 1922, S. 461–488 📖 («Die große negative Möglichkeit 12,21–13,7» und «Die große positive Möglichkeit 13,8–14»).↩
7
«Eine demütige, aber zielklare und auch wohl freudige Freiheit, uns auch auf dem Boden dieses Äons zu bewegen, wird uns nie ganz verboten und unmöglich sein: die Freiheit, im Lande der Philister zu wohnen, die Freiheit, im Hause der Zöllner und Sünder mit ruhiger Überlegenheit ein- und auszugehen, so auch im Hause des ungerechten Mammons, so auch im Hause des Staates, welcher ist das Tier aus dem Abgrund, heiße er wie er wolle, so auch im Hause der gottlosen Sozialdemokratie, so auch im Hause der falsch berühmten Wissenschaft und der losen Künste, so auch endlich und zuletzt sogar im Kirchenhaus. «(Der Christ in der Gesellschaft, in: K. Barth, Das Wort Gottes und die Theologie, München 1924, S. 57f. 📖 Wiederabdruck in: Anfänge der dialektischen Theologie, Teil I, hrsg. von J. Moltmann [ThB 17/I], München 1962, S. 26). 📖 ↩
8
So war 1924 in dem ungezeichneten Artikel Karl Barth und Albert Schweitzer von «unfruchtbarem Absprechen über Staat und Kirche» bei Barth die Rede (Schweiz. Protestantenblatt Jg. 47, Nr. 35 vom 30.8., S. 285 📖). 1927 stand in einem mit H. A. [Hans Andres] gezeichneten Artikel Zur Nachfolge von Professor Lüdemann über Barth: «Im Kommentar zum Römerbrief höhnt er über die gesellschaftlichen Institutionen. […] Barth huldigt einer radikalen Verwerfung aller Kultur, und er findet oft zynische Worte, um diesen ethischen Defaitismus zu verkündigen. Und ein solcher soll Professor an unserer Berner Universität werden, deren Aufgabe nicht zuletzt aufbauende Kulturarbeit sein soll.» (Jg. 50, Nr. 35 vom 3.9., S. 292 📖) In dem anschließenden, ungezeichneten Artikel Bernhard Dörries über Barth hieß es: «Die Familie ist ‹der gefräßige Götze des Bürgertums›, der Staat das ‹Tier aus dem Abgrund›. Hier zeigt sich, was für einen Begriff von Patriotismus der Schweizer Barth im [Deutschen] Reich verbreitet. Dörries muß ihm sagen, daß er nicht für sein Volk gelitten habe, deshalb liebe er es nicht, und bekennt sich mit solcher tiefer Liebe zu seinem armen niedergetretenen Vaterland und dem Recht, es zu verteidigen, daß einem die Schamröte ins Gesicht steigt. Soll wirklich dieser Kaffeehauston unser Volk im Ausland um seine alte Ehre bringen, für sein Land alles zu wagen? Diese Studierstubenfederhelden machen unser Volk schlecht und unsere Kirche dazu.» (Jg. 50, Nr. 35 vom 3.9.1927, S. 293f. 📖) Am 24.9.1927 gab H. Andres in Zur Professorenwahl in Bern Barths Zitat aus Der Christ und die Gesellschaft (s. Anm. 7) in der Kurzfassung wieder, der Staat sei, «heiße er wie er wolle, das Tier aus dem Abgrund», und stellt Dörries’ Kommentar dagegen, «solch ein Wort mute ihn geradezu an wie eine Blasphemie.» (Jg. 50, Nr. 38, S. 323 📖)↩
9
Barth hatte schon 1927 in einem Brief an Thurneysen geurteilt: «Das mit dem Tier aus dem Abgrund ist doch ein grober Unfug. Ich las gestern die Stelle (Wort Gottes S. 58 📖) noch einmal durch und wundere mich doch, daß unter den Reformern keiner ist, der den Anderen sagt, daß es nicht anständig und erst noch geistlos sei, aus dieser Stelle Kapital zu schlagen.» (Bw.Th. II, S. 530f. 📖)↩
10
Vgl. E. Brunner, Christlicher Glaube nach reformierter Lehre, in: Der Protestantismus der Gegenwart, hrsg. von G. Schenkel, Stuttgart 1927, S. 369–372 📖. ↩
11
Anspielung auf den Streit zwischen Goeze und Lessing um die «Fragmente» aus der «Apologie» von Reimarus.↩
12
Anspielung auf das Wort über den Ingrimm der Theologen aus Ph. Melanchthons letztem Scriptum (Corpus reformatorum, Bd. 9, Sp. 1098 📖).↩
13
Vgl. Hl 5,1.↩