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An die Evangelische Kirchengemeinde in Münster

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An Die Evangelische Kirchengemeinde in Münster

1929

Im Jahre 1928 erregte ein Film über Martin Luther Anstoß, den Hans Kyser als Autor und Regisseur nach Rücksprache mit dem früheren Hofprediger D. Doehring und dem Oberkonsistorialrat D. Scholz gedreht hatte und der den Reformator heroisierte. Katholische Pfarrerkollegien protestierten gegen den Luther-Film, die Fuldaer Bischofskonferenz machte eine Eingabe an die Preußische Staatsregierung, und die Bayerische Staatsregierung forderte eine vollständige Zurückziehung des Films.1 Dagegen verteidigte das Präsidium des Evangelischen Bundes den Film in einer Erklärung: «Wir fordern nun um so mehr alle Evangelischen auf zu erneutem Treuebekenntnis zu Luther und der deutschen Reformation und zu tatkräftigster Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen.»2 Barths Kollege D. Johannes Hänel in Münster trat in einer Zuschrift an den «Reichsboten» für den Film ein und forderte in einem Brief an die Redaktion «auf Biegen und Brechen eine starke evangelische Tageszeitung» wie den «Reichsboten».3 Als Hänel diese beiden Texte Barth zugehen ließ, reagierte der jedoch vollkommen ablehnend.4

130Im Januar 1929 zeigte die Evangelische Kirchengemeinde in Münster den «Lutherfilm» in einer «Evangelischen Gemeindefeier», die in Verbindung mit der Evangelischen Bildkammer in Witten/Ruhr veranstaltet wurde. Das «Lutherfestspiel-Programm» sah vor, daß die Gemeinde zu Beginn und nach jedem der acht «Akte» gemeinsam Strophen aus Luther-Liedern sang, als Schlußlied die erste und letzte Strophe von «Ein feste Burg».5

Am 8. Januar 1929 besuchte Barth den Film, zusammen mit zwei Kollegen, dem Kirchengeschichtler Karl Bauer (1874–1939) und dem praktischen Theologen Wilhelm Stählin (1883–1975). Die drei unterschrieben eine Erklärung an die Öffentlichkeit, die sie der Evangelischen Gemeinde in Münster zukommen ließen.6 Barth kommentierte den Vorgang in einem Privatbrief: «Ihren großen Stoßseufzer über die Kirche verstehe ich wirklich von Herzen. Es ist einfach schrecklich, was speziell die moderne Kirche, die von Dibelius7 vertretene, bejubelte und glorifizierte deutsche Nachkriegskirche, sich fort und fort an unbußfertiger unbeirrbarer Kitschigkeit aller Art leistet und immer wieder leistet. Denken Sie, ich stehe hier eben, Arm in Arm mit Stählin in diesem Falle8, in einer heftigen Kampagne gegen den Lutherfilm, bei der uns die hiesigen Pfarrer bezw. der evang. Bund, der hinter diesem Filme steht, um der ‹Einheit› der evang. Kirche willen sogar einfach den Mund verbieten will. Man braucht wirklich nur einmal hineinzutippen in diesen Topf, um zu sehen, wie voll er ist von aller |131 möglichen Verlogenheit. Da wirds wohl immer wieder kein anderes Mittel geben, [als] daß man möglichst wenig nach links und rechts sieht – weil man sich ja dabei doch immer nur aufs Neue bis zur Weißglut aufregen könnte, ohne etwas zu erreichen –, sondern den Raum, der einem gelassen ist und den man einem nicht nehmen kann, zu benützen, um an seiner Stelle eben nicht den Götzen zu beweihräuchern, sondern gebeugten Hauptes das Bessere zu versuchen.»9 Barth kam noch im nächsten Jahr in seinem berühmt gewordenen Aufsatz «Quousque tandem …?» auf den Lutherfilm zurück.10

Zu einer Veröffentlichung des ganzen Textes der drei Theologen kam es nicht. Im Auftrag der Gemeinde antwortete Pfarrer Walter Fiebig am 19.1.1929 und lehnte einen Abdruck im Gemeindeblatt ab. Nach Verhandlungen mit ihm verfaßte Stählin im Auftrag von Barth und Bauer am 27.2.1929 einen weiteren Brief an das Presbyterium, in dem er einen Kompromißvorschlag zustimmte. Ob er verwirklicht wurde, ließ sich nicht feststellen.

Der Text wurde erst 1985 veröffentlicht, als Prof. Wilhelm Neuser einen Vortrag von 1980 über Barth in Münster in erweiterter Form wiedergab und den Text im Anhang als «Protestschreiben» anfügte.11 Im folgenden werden nacheinander die drei Briefe abgedruckt.

Die Unterzeichneten, die der Vorführung des Lutherfilms am 8. Januar beigewohnt haben, fühlen sich gedrungen, vor der Öffentlichkeit, insbesondere vor der evangelischen Gemeinde Münster, ihren ernsten Bedenken und ihrem Schmerz über diesen Abend Ausdruck zu geben. Wir lassen die Frage nach der Kulturbedeutung des Films bei Seite, ebenso die Frage, inwieweit es möglich ist, geschichtliche Vorgänge im Film anschaulich und verständlich zu machen; wir bestreiten auch nicht, daß einzelne Szenen des Lutherfilms rein film|132technisch geschickt und eindrucksvoll sind. Aber wir bedauern aufs tiefste, daß dieser «Lutherfilm» durch unser Volk geht mit dem Anspruch, den Gliedern der evangelischen Kirche die Persönlichkeit Luthers und die Reformation nahe zu bringen.12 Der geschichtlichen Wahrheit ist an mehr als einem Punkt Gewalt getan; die durch den Film geforderten Vergröberungen verhüllen und entstellen die wesentlichen Triebkräfte und das eigentliche Anliegen der Reformation. Die innersten Fragen werden zu seelischen Erregungen und Aufregungen verfälscht. Vor allem ist die Darstellung Luthers durch einen für diese Aufgabe völlig ungeeigneten Schauspieler eine grobe Geschmacklosigkeit, die ebenso durch den Mangel an Ernst und Würde wie durch eine widerliche sentimentale Mimik abstößt.

Wir erheben als Glieder der evangelischen Gemeinde und als theologische Lehrer Einspruch dagegen, daß dieses Machwerk zu einem evangelischen Bekenntnis gestempelt und daß das Bekenntnislied unserer Kirche in Verbindung mit diesem Film gesungen und dadurch mißbraucht wird.

Wir begreifen, daß katholische Christen durch einzelne Übertreibungen dieses Films in ihren Gefühlen gekränkt werden; freilich müßten an diesem Maßstab gemessen mit noch mehr Recht sehr viele andere Filme und sonstige öffentliche Darbietungen aus Rücksicht auf die Empfindungen bestimmter Kreise unterdrückt werden. Viel schwerer wiegt uns, daß hier evangelische Christen, denen es um die Botschaft der Reformation ernst ist, das, was ihnen heilig ist, durch das Ganze dieses Lutherfilms verzerrt und entweiht sehen müssen.

Wir warnen vor der Selbsttäuschung, als ob durch eine solche Konzession an den schlechten Geschmack und an das Bedürfnis gewisser Kreise nach sentimentalem Kitsch der Dienst gefördert werden könnte, der der evangelischen Kirche in der Gegenwart aufgetragen ist.

Prof. D. Karl Barth
Prof. D. Karl Bauer
Prof. D. Dr. Wilhelm Stählin
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An die HerrenProfessor D. Barth, Professor D. Stählin,Professor D. Bauer in Münster
Sehr verehrte Herren!

In der gestrigen Sitzung des Presbyteriums haben wir Kenntnis genommen von Ihrem Einspruch gegen den Lutherfilm, den Sie zur Veröffentlichung im örtlichen Teil des Gemeindeblattes bestimmt haben.

Wir sind mit Ihnen überzeugt, daß dem Film erhebliche Mängel anhaften und vor Allem der Lutherdarsteller bei weitem nicht den zu stellenden Anforderungen genügt; wir verstehen, daß gerade ernste Christen an der mimischen Darstellung innerer Erlebnisse Anstoß nehmen; manche unter uns teilen auch Ihre Bedenken, als ob durch eine solche Filmdarstellung die Botschaft der Reformation den Gliedern unserer Kirche wieder nahegebracht werden könnte.

Dennoch bitten wir Sie, von einer Veröffentlichung Ihres Einspruchs im örtlichen Teil unseres Gemeindeblatts abzusehen, nicht darum, weil wir eine Erörterung der grundsätzlichen Fragen in unserer evangelischen Gemeinde fürchteten, sondern weil unsere besondere Lage innerhalb der katholischen Mehrheit die ernste Besorgnis uns erweckt, daß die katholische Presse aus dem Meinungsstreit unter uns unliebsames Aufsehen machen wird.

Gewiß steht Ihnen eine Fülle von Möglichkeiten in der theologischen Fachpresse offen, Ihrer Meinung Gehör zu geben, ohne daß unsere Lage als Diasporagemeinde erschwert wird.

Das Presbyterium der evang. Gemeinde
I. A. Fiebig
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Das Presbyterium hat uns gebeten, auf die Veröffentlichung unseres Protestes gegen den Lutherfilm im örtlichen Teil des hiesigen Gemeindeblatts zu verzichten. Gerne vermeiden wir alles, was eine unnötige Aufregung in die hiesige Gemeinde hineintragen oder Außenstehenden Anlaß zu billiger Schadenfreude geben könnte; andererseits können wir uns nicht auf den Weg einer Diskussion in theologischen Fachzeitschriften drängen lassen und damit darauf verzichten, auch vor weiteren kirchlichen Kreisen die ernsten Bedenken gegen den Lutherfilm zur Geltung zu bringen. Wir sehen es deswegen als eine gute Lösung an, wenn ein kurzer – aber immerhin gegenüber dem bloßen Protest ausführlicherer – Aufsatz in dem Hauptteil des Sonntagsblatts erscheint, und nachdem es dem Herrn Vorsitzenden des Presbyteriums gelungen ist, die Aufnahme eines solchen Aufsatzes sicher zu stellen, vermögen wir – im Hinblick auf diese Veröffentlichung – dem Wunsch des Presbyteriums gemäß auf die Veröffentlichung der ursprünglichen Protestkundgebung zu verzichten.

Zugleich im Namen und Auftrag der Herren D. Barth und D. Bauer
ergebenst
W. Stählin

Sachfußnoten

1
H. Kyser, Der Kampf gegen den Lutherfilm, in: Der Reichsbote 4.3.1928 📖. ↩
2
Um den Lutherfilm. Erklärung des Präsidiums des Evangelischen Bundes, in: Der Reichsbote 29.2.1928 📖. ↩
3
J. Hänel, Der Lutherfilm, Der Reichsbote 25.3.1928 📖. ↩
4
«[…] in was für einer Welt leben Sie eigentlich, daß es Ihnen nichts ausmacht, […] das Produkt des Herrn Doehring und die Belange des reformatorischen Evangeliums in eins zu setzen und von ‹stahlhartem Widerstand› und ‹ungestümem Fordern› zugunsten des erstem zu reden? daß Sie als Alttestamentler nicht einsehen, daß die ganze um diesen albernen Film herum entstandene Verlegenheit die verdiente Strafe dafür ist, daß unsere pausbackige Kirchlichkeit zum so und so vielten Mal mit Jahwe umgegangen ist, als wäre er einer von den Göttern der Kanaaniter, als sei es um des Pöbels willen eine gute Absicht, aus dem Heiligen ein Spektakel und aus der Wahrheit ein Geschäft zu machen? daß Sie gar kein Gefühl in den Fingerspitzen haben dafür, daß wir bei solchem Auftreten als Partei oder Firma der schwarzen Partei oder Firma gegenüber das Spiel zum vornherein verraten haben, weil eben damit der ‹reformatorische Geist› verloren ist? Hilf Himmel, nun haben Sie die ganze Klerisei, die diese Zeitung liest, wieder einmal stark gemacht in der Verstockung, in der sie sich ohnehin befindet!» (Brief vom 31.3.1928).↩
5
Das Programm verdankt der Herausgeber Prof. W. Neuser, Ost-Bevern. – Siehe auch W. Neuser, Karl Barth in Münster 1925-1930 (ThSt 130), Zürich 1985, S. 75f. 📖 ↩
6
Der Entwurf stammte womöglich von Stählin. Im Karl Barth-Archiv befindet sich der Text ohne Überschrift in einem maschinenschriftlichen Durchschlag, an dessen Kopf der handschriftliche Vermerk Stählins «für Herrn D. Barth» steht.↩
7
Otto Dibelius, seit 1925 Generalsuperintendent der Kurmark, hatte 1926 das Buch Das Jahrhundert der Kirche 📖 veröffentlicht, das in Deutschland viel diskutiert wurde und das Barth im Dezember 1928 in seinen Offenen Abenden mit den Studenten las und negativ beurteilte (Bw.Th. II, S. 639 📖). Zu Barths Konflikt mit Dibelius vgl. H. Fritz, Otto Dibelius. Ein Kirchenmann in der Zeit zwischen Monarchie und Diktatur (AKZ 27), Göttingen 1998, S. 355–380 📖. ↩
8
Vgl. die Vorbehalte Barths gegen Stählin in Bw.Th. II, S. 399.414.449.678 📖. ↩
9
Brief an Fräulein Heyd vom 13.1.1929.↩
10
«Die Kirche kann nicht sich selbst wollen, bauen, rühmen, wie alle anderen. […] da wird kein Lutherfilm […] auch nur das geringste helfen: eine Kirche, die zugestandenermaßen damit beschäftigt ist, ihren (ihren!) Wert zu behaupten, ja zu steigern […], kann in keinem Wort ihrer Oster- und Sonntagspredigt glaubwürdig sein.» (ZZ, Jg. 8 [1930], S. 5f. 📖, auch in: K. Barth, Der Götze wackelt, hrsg. von K. Kupisch, Berlin 1961, S. 31 📖).↩
11
A.a.O., S. 75f. 📖 ↩
12
Das Präsidium des Evang. Bundes hatte betont, es ginge jetzt darum: «Hat die evangelische Mehrheit in dem Deutschland von heute noch das Recht, sich an ihren besten und größten Erinnerungen zu freuen, sich zu ihnen zu bekennen, sie sich gegenwärtig und lebendig zu halten, oder hat sie es nicht?» (S. Anm. 2)↩