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An Pastor Gustav Friedrich Nagel, Hamburg

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An Pastor Gustav Friedrich Nagel, Hamburg

1929

Gustav Friedrich Nagel (1868–1944) in Hamburg-Blankenese, seit 1918 Schriftleiter des Ev. Allianzblattes und seit 1926 Erster Vorsitzender des deutschen Zweiges der Ev. Allianz, sandte Barth 1929 seine gerade erschienene Schrift «Karl Barth und der heilsgewisse Glaube»1 und fügte einen privaten Brief vom 12.10.1929 bei:

Sehr geehrter Herr Professor! Ihr Angriff gegen den Pietismus möchte von solchen, die sich zu einem biblisch geklärten Pietismus dennoch glauben bekennen zu sollen, trotz seiner Heftigkeit rein sachlich empfunden werden. Ich habe mich jedenfalls bemühen wollen, diesem Empfinden in einem Referat, das eine Antwort enthält, voll Raum zu gewähren. Außerordentlich dankbar wäre ich, wenn es Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, möglich wäre, dieses Referat, das ich in Form einer Broschüre mir hier beizufügen gestatte, mit gleichem Empfinden entgegenzunehmen und würdigen zu können.

Sollte irgend ein Anlaß einmal einen mündlichen Austausch ermöglichen und Sie einen solchen mir gütigst gewähren können, so würde mich das zu großem Dank verpflichten.

In christlicher Hochachtung G.F. Nagel

Barth, der auf Angriffe von Pietisten nicht mit öffentlichen Stellungnahmen reagierte2, antwortete Nagel am 14.10.1929. Aus seinem Briefe druckte Nagel nur einen kleineren Teil am 5.1.1930 im Ev. Allianzblatt ab, und zwar so, daß er Barths Meinung «gerade um seine eigentlichen Spitzensätze» reduzierte und den Anschein erweckte, als lehne Barth die Position Nagels und seinen Pietismus nur wegen des Formfehlers (falsches Zitat) ab3; danach ließ Nagel einen Abschnitt aus Barths Dogmatik und einen Kurzkommentar von Lic. Brandenburg, Lübeck, folgen, der Nagels Ausdeutung Barths recht gab.4 Am |136 16.2.1930 veröffentlichte Nagel im Ev. Allianzblatt eine Notiz, in der er bemerkte, er sehe durch Barths briefliche Bemerkung seine eigene Ausdeutung von Barth als korrigiert an: «Das Zitat muß so verstanden werden, wie Barth es nach seiner Darlegung verstanden haben will.»5 Im folgenden führte Nagel die Polemik gegen Barth im Allianzblatt in zwei Ausgaben weiter.6

Am 13.1.1931 versicherte Nagel in einem Privatbrief an Barth, es ginge ihm um «Sinn und Inhalt des Wortes», um seine Unversehrheit «in seiner Heilsbedeutung für die Gemeinde». Nagel fragte Barth, ob er auf seine (Nagels) Schrift irgendwo eingehender als in seinem Briefe geantwortet habe. Barth erwiderte am 16.1.1931, das sei nicht geschehen und werde auch nicht erfolgen. «Es wird von allen Seiten so viel über mich und gegen mich geschrieben und gedruckt, daß ich fast ununterbrochen nur damit beschäftigt sein könnte, Antworten zu geben, wenn ich dabei auch nur die größeren Bücher und Broschüren berücksichtigen wollte.» Er könne seine Antworten auf die einzelnen Einwände «nur in der Form geben, daß ich eben weiterarbeite und dann in […] weiteren Veröffentlichungen gelegentlich kundgebe […], ob ich aus den Äußerungen Anderer etwas gelernt oder nicht gelernt habe.» Im zweiten Absatz seines Briefes ging Barth kritisch auf Nagels Behandlung seines Briefes von 1929 ein: «Die Art, wie Sie meinen letzten Brief in Ihrem Blatt ohne mein Vorwissen und nur teilweise citiert haben, und die Art, wie Sie sich dazu geäußert haben, endlich die Tatsache, daß Sie mir auch nachträglich von dieser Veröffentlichung nicht einmal Kenntnis gaben, gefällt mir nicht. Ich kann nur wiederholen, daß ich eine Diskussion über die Heiligung mit Menschen aus Ihren Kreisen immer wieder auch darum als schwierig empfinde, weil mir die konkreten Auswirkungen dessen, was Sie Heiligung nennen (in diesem Fall die Ordnung des Verhaltens in einer literarischen Auseinandersetzung), weithin fremdartig sind.»

Barths Brief vom 14.10.1929 hieß im Wortlaut:

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Sehr geehrter Herr Nagel!⌝

Empfangen Sie meinen besten Dank für Ihren Brief und für die Übersendung Ihrer Streitschrift. Ich habe sie gelesen und anerkenne gerne, daß Ihr Bemühen, diesen Streit rechtschaffen zu führen, nicht zu verkennen ist. Zur Sache selber kann ich kaum etwas sagen, weil Sie sich – wie das nun von Andern schon oft geschehen ist – damit begnügt haben, einer Anzahl von Spitzensätzen aus meinen Schriften die von mir bestrittene These noch einmal gegenüberzustellen und als schriftgemäß und giltig zu behaupten. So einfach bin ich nun jedenfalls nicht zu überwinden.7 ⌜Und wenn es Ihnen wirklich darum zu tun ist, mit mir und nicht nur über mich zu reden, so müßten Sie es anders anfangen, etwa in Form einer genauen zusammenhängenden Durchprüfung meiner Auslegung z.B. von Phil.38 oder des Abschnittes über den heiligen Geist in der Dogmatik.9 Mit den bloßen Beteuerungen, die Sie an Stelle der Begründungen setzen, kann ich mich nicht zufrieden geben und dürften Sie mich auch vor den einfachen Lesern, für die Ihre Schrift wohl bestimmt ist – denen meine Schriften wohl nie zu Augen kommen – nicht erledigen wollen. Lassen Sie mich gerade daran noch eine Bemerkung knüpfen. Immer wieder muß ich die Beobachtung machen, daß ausgerechnet gerade meine verehrten pietistischen Gegner es insofern merkwürdig leicht mit der Wahrheit nehmen, als ich nirgends so oft wie in den Gegenschriften von dieser Seite mich über irreführendes Zitieren aus meinen Büchern zu beklagen habe. Auch⌝ Sie lassen mich auf S. 34 sagen: Beck habe sich den Inhalt des Textes «tunlichst vom Leibe gehalten».10 Bitte lesen Sie die |138 angeführte Seite 404 meiner Dogmatik nochmals nach, so werden Sie finden, daß ich das nicht von Beck, sondern von den modernen |139 Agnostikern unter den Theologen gesagt habe. ⌜Es wäre ja schon rein geschichtlich ein Unsinn, wenn ich das von Beck hätte sagen wollen. Aber in den Ohren Ihrer 2000 Leser habe ich nun diesen Unsinn gesagt, weil Sie es ihnen so vorgesagt haben und gewiß kaum zwei oder drei Gelegenheit haben werden, sich in meinem Buch selber zu überzeugen, daß ich das nicht gesagt habe. Ich bin nicht allen Ihren Zitaten nachgegangen, aber nach dieser Probe habe ich Anlaß zu vermuten, daß es Ihnen nicht klar ist, welche Sauberkeit und Exaktheit gerade in den Zitaten geboten ist, wenn die Polemik nicht unter das Gebot vom falschen Zeugnis wider den Nächsten11 fallen soll. Solange die Pietisten – nochmals: Sie sind nicht der Erste, dem ich das schreibe – ihr Geheiligtsein nicht auch auf diesem Gebiet einigermaßen bewähren, werde ich ihrer Lehre darüber und ihren Einwürfen gegen meine Lehre immer nur mit halbem Ohr zuhören. Ich möchten Sie nicht kränken mit dem allem, aber ich mußte Ihnen das offen sagen.

Mit freundlichem Gruß!
Ihr
Karl Barth⌝

Sachfußnoten

1
G. F. Nagel, Karl Barth und der heilsgewisse Glaube (= Biblische Grundwahrheiten H. 9), Neukirchen 1929 📖. ↩
2
So E. Busch, Karl Barth und die Pietisten. Die Pietismuskritik des jungen Karl Barth und ihre Erwiderung, München 1978, S. 190 📖. ↩
3
So E. Busch, a.a.O., S. 279 📖. ↩
4
Ev. Allianzblatt, Jg. 40 (1930), S. 9f. 📖↩
5
A.a.O., S. 107 📖. ↩
6
A.a.O., S. 123f. 311f. 📖, jeweils in der Rubrik Briefbeantwortung.↩
7
In der gedruckten Wiedergabe sind die folgenden Sätze wie folgt zusammengefaßt: «Professor Barth beklagt sich dann in dem weiteren Inhalt seines Briefes darüber, daß sich auf S. 34 meiner Broschüre ein falsches Zitat finde.»↩
8
K. Barth, Erklärung des Philipperbriefes, München 1928, S. 85–115 📖. ↩
9
K. Barth, Chr.Dogm., S. 268–289 («Gott der heilige Geist») und S. 380–434 («Die Ausgießung des heiligen Geistes») 📖.↩
10

Nagel, a.a.O., S. 34 📖: «Ströme von Licht und Heil sind von Männern wie Menken und Beck […] in die gläubige Gemeinde gedrungen. […] Was hat Barth dazu zu sagen? ‹Es ist eine Tatsache›, sagt er, ‹daß die Stellung eines Menken, eines J. T. Beck zu dem kirchlichen Bekenntnis grundsätzlich keine andere gewesen ist, als die ihrer linksstehenden theologischen Zeitgenossen› (‹Dogmatik›, S. 377 📖). Beck habe sich den Inhalt des Textes ‹tunlichst vom Leibe gehaltem› (‹Dogmatik›, S. 404).»

Barth hatte auf S. 403 (Neuausg. S. 522 📖) geschrieben: «Irgendeine Philosophie, und wäre es eine ganz primitive, populäre, aphoristische, eklektische, irgendeine Denkordnung hat jeder, auch der einfachste, auch der scheinbar völlig der Beobachtung hingegebene gelehrte Bibelleser. Eine Philosophie ist auch der Schematismus des gesunden Menschenverstandes des aller Spekulation abholden Rationalisten oder Ritschlianers.» Nagel druckte im Allianzblatt die darauf folgenden Sätze Barths ab: «Keinenfalls hat jemand das Recht – das Wort vom Balken im Auge wäre da nicht genug zu bedenken – damit zu prahlen, er habe eben dem ‹Griechentum› ganz entsagt, er vermische eben das neue Testament nicht mit seiner Weltanschauung, sondern lasse ganz und gar nur die Schriftgedanken reden. Das ist einfach nicht wahr: In der Art, wie er sie reden läßt, verrät er, wenn er z.B. J. T. Beck heißt, ganz deutlich, daß er ein jüngerer Zeitgenosse von Schelling und Baader ist und sichtlich auch Jakob Böhme nicht ohne Gewinn gelesen hat. Er verrät sich durch die behaglichpragmatische Arn seines Referates als naiven Aristoteliker oder als Nachzügler Kants durch seinen Widerwillen gegen alle Metaphysik, durch seine Neigung, überall Ethik zu entdecken, oder als moderner Agnostiker durch die Art, wie er sich den Inhalt des Textes sichtlich tunlichst überhaupt vom Leibe hält, wie er referieren, nur referieren will.» (Chr.Dogm., S. 404, Neuausg. S. 522f.)

Nagel schloß danach folgenden Absatz an: «Pastor Lic. Brandenburg, Lübeck, der zu jener Broschüre das Vorwort schrieb, bemerkt zur Frage des Verständnisses des obigen Zitats: ‹Ich muß gestehen, daß auch ich aus dem Zitat nichts anderes herausgelesen hätte, als daß der moderne ’Agnostiker’ Beck sein sollte, denn die übrigen Hinweise: Beziehung zu Schelling und Baader sowie auch zu Jakob Böhme, ferner auch ’die Neigung, überall Ethik zu entdecken’ – gehen wohl deutlich auf Beck. Ich halte es für gut, daß Sie im Ev. Allianzblatt’ unter Wiedergabe des Zitats eine Notiz bringen, damit der Leser selbst urteilen kann, ob Sie leichtfertig geschrieben haben. Auch würde ich in der Berichtigung bemerken, daß die umständliche Ausdrucksweise Barths an manchem Mißverständnis schuld ist.›»

In den letzten Absätzen seines Artikels erinnerte Nagel an G. Menken: «Ich möchte mich voll bekennen zu der Bereitwilligkeit Menkens, jede notwendige Korrektur um der Wahrheit willen ohne Empfindlichkeit zu ertragen. […] Aber ich muß doch sagen, daß mich die Äußerungen Professor Barths enttäuscht haben, da er zwar jenes Zitat korrigiert und über seine pietistischen Gegner dabei lebhafte Klage führt, auf den Kerngehalt der Sache aber nicht weiter eingeht. Er tut dies nur in der oben angeführten kurzen Bemerkung über ‹von ihm bestrittene Thesen›. Ein nicht korrekt wiedergegebenes Zitat könnte aber natürlich an dem Gesamtergebnis meiner Darlegungen keine Änderungen bedeuten.» (Ev. Allianzblatt, Jg. 40 [1930], S. 10. 📖)↩

11
Vgl. Ex. 20,16. – Dtn. 5,20.↩