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An Prof. Dr. Karl Heim, Tübingen

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An Prof. Dr. Karl Heim, Tübingen

1928

Den Weg des Theologen Karl Heim (1874–1958) verfolgte Barth seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mit Interesse und Kritik.1 Heim, zunächst Reisesekretär der Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung (D.C.S.V.), wirkte dann als Professor für systematische Theologie, zunächst in Halle, seit 1914 in Münster, seit 1920 in Tübingen. Vom pietistischen Ansatz her suchte er ein Gespräch mit Philosophie und Naturwissenschaften. Seit 1927 gab Barth mit Heim und Paul Althaus, Professor für Systematische und für neutestamentliche Theologie in Erlangen, im Chr. Kaiser Verlag die «Forschungen zur Geschichte und Lehre des Protestantismus» heraus.2 Barth sandte Heim 1928 seine im Vorjahr erschienene «Christliche Dogmatik im Entwurf»3, für die sich Heim am 5.6.1928 bedankte: «Ich bin mit dem Lesen noch nicht ganz fertig. Aber ich hoffe in den Ferien mich innerlich mit dem Ganzen dieses großen Werkes auseinandersetzen zu können. Otto Ritschls schulmeisterliche Glossen haben mir keinen Eindruck gemacht.4 Den Punkt, wo ich eine ergänzenden Weiterführung Ihrer Arbeit wünsche, habe ich in der Einleitung der Neuauflage von Glaube und Leben kurz angedeutet, die ich Ihnen beifolgend als kleine Gegengabe zusende.»5

Barth antwortete Heim am 12.6.1928. Diesen Brief nahm Otto Schmitz, Heims Freund und Barths Kollege in Münster, in die «Neue Furche» auf, eine «Vierteljahrsschrift zur Vertiefung christlichen Lebens und Anregung christlichen Werks in der akademischen Welt», die |114 Schmitz im Auftrag der D.C.S.V. seit 1928 herausgab. Und zwar publizierte Schmitz zunächst Heims Ausführungen aus dessen Einführung in die zweite Auflage des Aufsatzbandes «Glaube und Leben», nun unter dem Titel «Ein Wort zur dialektischen Theologie»6, und anschließend Barths Text als Offenen Brief unter der Überschrift «Karl Barth an Karl Heim».7

Barth übersandte Heim im Herbst 1928 einen gerade gedruckten Vortrag «Der römische Katholizismus als Frage an die protestantische Kirche»8, in dem er sich im März und April 1928 kritisch mit Heims Buch «Das Wesen des evangelischen Christentums»9 auseinandergesetzt hatte. Darauf reagierte Heim am 30.10., er habe Barths «Kritik mit Wohlwollen aufgenommen»: «Ich fühle mich dabei nicht als einzelner, da ja ziemlich wenig von meinem eigenen Denken in dem Büchlein steckt, sondern als Exemplar der Gattung evangelischer Polemiker getroffen.» Da Otto Schmitz von Heim einen «offenen Brief» an Barth für die Zeitschrift erbitte, habe er einen entsprechenden Brief geschrieben: «Ich darf Sie vielleicht darum bitten, beil. Epistel nach Durchsicht gleich an Schmitz weiterzugeben, wenn Sie meinen, ein solcher Briefwechsel könne irgendwie zur Klärung dienen, wenn er in diese beschränkte Öffentlichkeit kommt.» Heims Brief wurde dann in unveränderter Form als «Offener Brief an Karl Barth» 1929 im 1. Heft der Neuen Furche abgedruckt.10

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, 12. Juni 1928
Hochverehrter Herr Kollege Heim!

Sie haben mir mit Ihren gesammelten Vorträgen eine reiche und schöne Gabe auf den Tisch gelegt, deren Wert für mich noch erhöht wurde durch die freundlichen Zeilen, mit denen Sie sie begleitet haben, und durch die Einführung des Buches selbst, in der Sie, wenn ich nicht irre, in der Öffentlichkeit zum ersten Mal Ihr Ja und Nein zu meinen Versuchen ausführlich formuliert haben.11 Haben Sie für alles herzlichen Dank, auch für die vornehme Art, in der Sie in der Einführung die nötige Abgrenzung vollzogen haben.

Bevor ich mir erlaube, in ein paar Worten zu sagen, welches Gegenbedenken ich Ihrem Einwand meine gegenüberstellen zu müssen, muß ich etwas ganz anderes in Ordnung zu bringen versuchen, was über kurz oder lang ohnehin einen Brief an Sie notwendig gemacht hätte: eine Entschuldigung im voraus wegen eines kleinen Attentates von mir auf Sie, das Sie nächstens, d.h. im nächsten Heft von «Zwischen den Zeiten» zu gewärtigen haben. Ich hielt im März und April an verschiedenen Orten einen Vortrag «Der römische Katholizismus als Frage an die protestantische Kirche». In diesem Vortrag ist nun an einer Reihe von Stellen nicht gerade zustimmend Bezug genommen auf Ihre Schrift über das Wesen des evangelischen Christentums. Ich gestehe, daß ich sie erst im vergangenen Winter gelesen habe, nachdem ich sie von Hirsch in der Literatur-Zeitung gerühmt fand12 als das Beste, was wir augenblicklich an Kontroversliteratur hätten. Diese Folie müssen Sie sich vor Augen halten, wenn Sie sich darüber wundern sollten, daß ich bei der Überlegung der Frage, was wir eigentlich den Römischen noch Stichhaltiges entgegenzuhalten hätten, gerade Sie aufs Korn nahm. Ich war, als ich Ihre Schrift vornahm, einfach erschrocken darüber, wie dünn und wie gefährdet unsere Linie doch nachgerade geworden sei, wie selbstverständlich das typisch neuprotestantische Argumentieren, von dem ich überzeugt bin, daß es den katholischen Positionen gegenüber unmöglich ist, weil dabei teils zuviel Notwendiges preisgegeben wird, was wir mit den Römischen |116 gemeinsam behaupten müßten, teils zuviel Römisches stillschweigend übernommen wird, wodurch dann der Gegensatz zu einem zufälligen wird. Es ist nun selbstverständlich, daß ich bei andern schwächren Autoren viel eklatanteres Material für meine Kritik der bewußten protestantischen Front hätten finden können als gerade bei Ihnen. Ich meinte aber im Interesse der Sache besser zu tun, mich an das grüne und nicht an das dürre Holz13 zu halten. Nur würde es mir sehr leid tun, wenn Sie etwa diese Polemik als eine Absage Ihnen gegenüber überhaupt auffassen würden, und meine Bitte geht dahin, daß Sie das so wenig tun möchten, wie Sie mir offenbar gewisse Stellen in der Dogmatik übelgenommen haben.

Diese Bitte eignet sich in Anbetracht ihres Gegenstandes insofern zum Vorwort der Erwägung, die ich Ihnen als Zeichen meines Dankes und meiner Aufmerksamkeit zu Ihrer «Einführung» kurz mitteilen wollte, als meine Frage in bezug auf das von Ihnen bei mir vermißte Ausziehen der dritten «Koordinate»14 dahin lautet, ob dieses Ausziehen anderswo als auf dem Boden des katholischen Denkens möglich ist. Ich glaube das Problem dieser dritten Koordinate sehr wohl zu sehen und auch das Loch, das sich in dieser Hinsicht in meiner Theologie befindet. Aber das Loch beruht nicht auf einem Versehen, sondern auf Absicht, weil ich dafür halte, daß in dieser dritten Dimension keine Theologie, sondern allein Gott selbst reden kann, gewiß durch Menschen und warum nicht auch durch Theologen, aber nicht so, daß wir in besondern, einer dritten Klasse angehörigen theologischen Sätzen das Sprechen des Heiligen Geistes, um das es sich hier doch auch für Sie handelt, gleichsam nachsprechen, das göttliche Amen und Punktum selber setzen könnten. Nur wenn ich im katholischen Sinn |117 an die Kirche glaubte (oder allenfalls, was nach Luther ja ebenfalls katholisch war: wenn ich mich selbst für inspiriert hielte15), könnte ich meinen, als Theologe mehr (jenes von Ihnen offenbar vermißte Dritte) tun zu können, meinen, einen Gedanken oder Satz erzeugen zu können, der nun wirklich mehr wäre als «nur ein dialektischer Gedanke» (S. 32)16, meinen, als Theologe z.B. der «Obersten Heeresleitung in den kritischen Augenblicken des Krieges» (S. 30)17 konkrete Weisung geben zu können oder gar zu tun, was nach Apg. 1318 doch eben ausdrücklich der Heilige Geist getan hat. Ist das Wirkliche, was Sie meinen, nicht die Gabe der Prophetie, die ich gewiß nicht leugnen möchte, die aber, wenn ich recht verstehe, mit ihren Sätzen den Rahmen der theologisch möglichen Sätze einfach durchbricht und in der Theologie selbst nur als Grenze, nicht aber als ausgezogene Koordinate sichtbar werden kann? Die Gemeinschaft und der Unterschied in Ihrem und meinem Denken ist mir besonders klar geworden an dem Satz S. 32 u. von den «bestimmten Menschen und bestimmten Hand|118lungen»19, weil ich in der Ethik, die ich diesen Sommer zu lesen habe20, ebenfalls allen Nachdruck eben auf diese Bestimmheit des Gebotes lege und immer wieder darauf hinweise, um welche Dimension es sich hier handelt, aber in dieser Dimension nun vorzugehen, auf diese und diese Menschen und Handlungen den «Akzent der Ewigkeit»21 zu legen, das meine ich unterlassen zu sollen – und bin eigentlich völlig ratlos, wenn ich mich frage, was Sie sich wohl unter dem Finden neuer Kategorien zum Fassen des Reichtums Christi22 vorstellen mögen, da für Sie doch die katholische Möglichkeit und die des Inspiriertentums nicht in Betracht kommen kann.

Aber nun habe ich Ihre Zeit genug in Anspruch genommen. Es wird Sie als alten Münsteraner freuen, zu hören, daß wir dies Semester 140 Studenten haben und daß das Leben in der Fakultät in der, wie es scheint, traditionellen Freundlichkeit und Friedlichkeit weitergeht. Empfangen Sie nochmals meinen Dank und seien Sie bestens gegrüßt

von Ihrem verehrungsvoll ergebenen
Karl Barth
Hochverehrter Herr Kollege!

Sie wenden sich in Ihrem freundlichen Brief gegen das «Ausziehen der dritten Koordinate», das doch nur auf dem Boden des katholischen Denkens möglich sei. Ich muß, um mich zu verteidigen, mit einer etwas schulmeisterlichen Vorbemerkung beginnen. Unter einer Koordinate verstehen wir nicht eine Linie, die ausgezogen oder nicht ausgezogen werden könnte, sondern eine Richtung, auf die jeder Punkt und jede Linie, die sich im Raum befindet, in der bekannten Weise bezogen ist. Mag eine Linie im Raum bloß gedacht oder angedeutet oder ausgezogen sein, auf alle Fälle ist sie auf die drei Dimensionen projizierbar, die wir uns symbolisch vorstellen als drei unsichtbare Wände, die senkrecht aufeinander stehen und nach allen Seiten |119 ins Unendliche ausgedehnt sind. Nun hat ja neuerdings Minkowski dem Begriff der Koordinate einen neuen allgemeineren Sinn gegeben, der ihn nicht bloß auf den Raum beschränkt.23 Die Zeitstrecke ist nach ihm die vierte Koordinate, die zu den drei Raumdimensionen noch hinzukommt. Erst ein Punkt, der auch auf diese vierte Koordinate bezogen ist, ist allseitig bestimmt. Er ist ein «Weltpunkt». Diese Erweiterung des Koordinatenbegriffs über den Raum hinaus ins Unsichtbare mag seine Verwendung entschuldigen.

Nun nach dieser etwas umständlichen Vorbemerkung – zur Sache selbst. Die Koordinate, über deren Recht in der Theologie wir verschiedener Meinung sind, ist die Richtung, aus der die sogenannte «Inspiration», je nachdem, kommt oder auch ausbleibt, d.h. die Gewißheit, beauftragt, gesandt, berufen zu sein, im Namen Gottes etwas Bestimmtes zu sagen oder zu tun. Nehmen wir das Wort Koordinate in dem Sinn, in dem ich es vorhin definiert habe, so genügt mir zunächst Ihre Erklärung vollständig, Sie sehen das Problem dieser dritten Koordinate sehr wohl, Sie halten es aber für nötig, in der Theologie davon zu schweigen, weil in dieser dritten Dimension keine Theologie, sondern Gott allein selbst reden könne. Damit ist die Koordinate als solche anerkannt und auch ganz richtig definiert als die Richtung, aus der Gott allein, je nachdem, reden oder auch schweigen kann. Ich frage mich bloß, ob es wirklich möglich ist, von dieser Dimension, die Sie anerkennen, in der Theologie zu schweigen, und ob Ihnen das bisher wirklich gelungen ist. Sie sprechen ja den Fundamentalsatz: «Deus dixit» nicht bloß als hypothetischen Satz aus, so daß er den Sinn hätte: Wenn Gott irgendwann und irgendwo redet, so ergeben sich daraus gewisse Konsequenzen, es muß ein Redender da sein, der Vollzug einer Rede, und ein geredetes Wort. Diesem hypothetischen Satz und seinen logischen Konsequenzen würde auch ein Jude zustimmen und ein Moslem, ja bis zu einem gewissen Grade auch ein heutiger Relativist. Aber nun fügen Sie zu diesem hypothetischen Satz etwas hinzu, was den Moslem und den Juden in Wut versetzt und wobei der Relativist, wenn er es liest, ein mitleidiges |120 Lächeln nicht unterdrücken kann. Sie sagen: Gott hat geredet durch den Sohn, und dieser Sohn ist Fleisch geworden im historischen Jesus von Nazareth. Sie bezeichnen also eine ganz bestimmte historische Stelle als den Ort, wo das Reden Gottes Wirklichkeit geworden ist. Bei der Bezeichnung dieser Stelle, bei dem Auftreten der Senkrechten von oben24 nicht an irgendeinem Punkt, einerlei wo, sondern gerade an dieser Stelle, wird in Ihrer Theologie die Koordinate sichtbar, von der wir hier sprechen. Sie wird bei Ihnen deshalb immer nur für einen Augenblick sichtbar, weil – nach Ihrer Auffassung der Aufgabe der Dogmatik ganz notwendig – die Frage des Moslem und des Relativisten in der Dogmatik gar nicht zu Worte kommt, ich meine die Frage: Warum soll das Gotteswort gerade an dieser Stelle entscheidend und abschließend gesprochen worden sein? Warum soll der Blitz aus der dunklen Wolke gerade an dieser Stelle eingeschlagen haben und nicht genau ebenso an den zahllosen anderen Stellen, wo in den orientalischen Religionen «Nabis» und «Heilige» auftraten, die sich als Gottgesandte fühlten und Jünger um sich sammelten. Es sieht in Ihren Büchern immer so aus, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir stehen in der Erlebnistheorie und glauben einen direkten Zugang zu Gott zu haben. Oder der qualitative Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf ist uns aufgegangen, dann stehen wir mitten in der Welt der Bibel. Denn mag es auch außerkanonische «Propheten» und «Apostel» geben (Sokrates, Gauthama usw.), «das Problem der Offenbarung kann im Ernst nur aufgeworfen werden im Blick auf ihre Wirklichkeit in Jesus Christus». (Dogmatik I S. 251 📖)25 Aber zwischen diesen beiden Möglichkeiten steht noch eine dritte. Wir können das extra Calvinisticum26 erfaßt haben, aber der Punkt, wo die Senkrechte von oben die Zeitlinie trifft, die Stelle, im Blick auf die das Problem der Offenbarung allein im Ernst aufgeworfen werden kann, liegt nicht in der «Epiphanie der Jahre 1-30»27, sondern viel|121leicht im Koran oder im Zendavesta oder im Herzen jedes gottesfürchtigen Menschen, wer es auch sei. Sobald wir an diese dritte Möglichkeit denken, kommt uns die Richtung zum Bewußtsein, aus der Sie etwas empfangen haben müssen, wenn Ihre Dogmatik möglich sein soll. Denn nun entsteht die Frage: Wie kommen Sie dazu, die Stelle, wo das «Weihnachtswunder»28 liegt, den Ort, an dem das Wort Fleisch geworden ist, so bestimmt zu bezeichnen. Gerade die scheinbare Ruhe und Selbstverständlichkeit, mit der Sie das tun, der nach dem Eindruck der Gegner «diktatorische» Stil Ihrer Darstellung (vgl. O. Ritschl)29, fordert beim Leser die Frage geradezu heraus, die an die Apostel nach der Heilung des Lahmen gerichtet wurde: «In welcher Kraft und aus was für einem Namen habt ihr das getan?» (Apostelg. 4,7). Wo nehmt ihr die Vollmacht dazu her? Auch wenn Sie die Beantwortung dieser Frage aus der Dogmatik in ein anderes Gebiet, etwa das der praktischen Theologie, verweisen, die Frage ist doch da und läßt sich nicht abweisen. Und zwar ist es die Frage, die den heutigen Menschen an der ganzen Theologie am meisten interessiert. Denn alles, was wir reden oder schreiben oder tun, steht eben immer in irgend einer positiven oder negativen Beziehung zu jener «dritten Dimension», aus der die göttliche Vollmacht kommt oder ausbleibt. Wenn Sie also ein theologisches Buch schreiben, so tun Sie es entweder in der Ungewißheit darüber, ob das Ja Gottes darauf liegt. Sie können diese Ungewißheit durch den Gedanken rechtfertigen, auf Gewißheit sei bei Menschenworten nicht zu rechnen, da sich für inspiriert zu halten nach Luther katholisch sei, wir müßten uns also in aller Demut dabei bescheiden, daß alles Gesagte nur hypothetischen Wert haben könnte. Oder Sie schreiben wie ein guter Katholik in der Zuversicht, es geschehe ad majorem ecclesiae gloriam30, das Gesagte nähme also an der göttlichen Vollmacht teil, die die Kirche besitze. Oder Sie |122 schreiben mit der Gewißheit, mit der nach Luther der Pfarrer von der Kanzel steigen soll: «Ich habe das Wort Gottes wacker gepredigt!»31 Sie nehmen also, indem Sie apostolische Worte wiederholen und auslegen, an der Vollmacht teil, die Gott den Aposteln gegeben hat, in seinem Namen zu sprechen. Ist das letztere der Fall, so erhebt sich natürlich die weitere Frage: Wie ist es zugegangen, daß Sie an der Gewißheit teilgenommen haben, mit der die Apostel immer nur mit ausgestrecktem Finger auf die eine Stelle hindeuteten, wo das Wort Fleisch geworden sei? Auf rationalem Wege kann die Teilnahme an der Gewißheit der Apostel nicht entstanden sein. Auch nicht dadurch, daß Sie zunächst unabhängig von aller Erfahrung den Satz: Deus dixit in seine Elemente zerlegten und dann hinterher historisch feststellten, daß in den Jahren 1–30 allen Anzeichen nach eine Verwirklichung dieses Satzes stattgefunden habe. Nein, es gibt nur einen Weg, auf dem man in das Kraftfeld des Gotteswortes hineinkommen und an der Vollmacht der Apostel, es als Gotteswort nachzusprechen, teilbekommen kann. Nämlich durch den Heiligen Geist. Wenn also eine Theologie wie die Ihrige möglich sein soll, so muß etwas geschehen sein, was kategorial betrachtet, denselben Charakter hat und aus derselben Dimension kommt wie der Akzent, den Gott auf die eine Stelle der Geschichte gelegt hat, wo das Weihnachtswunder geschah, und wie die prophetische Inspiration und wie das, was sich Apostelg. 13 in Antiochien begab. Ich sage «kategorial betrachtet». Denn dem Inhalt und der Wirkung nach sind all diese Geisteswirkungen von einander verschieden.

Natürlich ist in allen diesen Fällen, sowohl beim Weihnachtswunder wie bei der prophetischen Inspiration, das Reden aus der dritten Dimension von Anfang bis zu Ende Sache Gottes. Wir Menschen sprechen, auch wenn Gott uns gebraucht, immer nur in menschlicher und relativer Form. Wir können darum auch darüber, daß Gott durch uns redet, nur «dialektisch» sprechen. Aber es kann uns der Glaube geschenkt werden, daß in dem Augenblick, da wir einem Menschen in menschlicher Form etwas sagen, Gott selbst durch unser Wort mit diesem Mensch redet. Und wir können diesen Glauben auch aus|123sprechen. Bei der Verkündigung des Weihnachtswunders tun Sie das ja auch. Sie sagen, daß Sie «im Blick auf dieses historische Datum»32 den Mut haben zu predigen, also in Vollmacht zu Menschen zu sprechen. Aber ich verstehe nicht, warum dasselbe nicht auch bei einer ethischen Entscheidung geschehen kann, die die Kirche oder ein einzelnes Gemeindeglied in einer kritischen Situation der heutigen Zeit in verantwortlicher Weise zu treffen hat. Warum soll uns da nicht ebenfalls der Glaube geschenkt werden können, daß Gott zu einem Menschen redet, während wir ihm in menschlicher Form eine bestimmte Weisung geben? Und warum sollen wir diesen Glauben nicht zur Ehre Gottes auch aussprechen können?

Mit herzlichen Grüßen
Ihr sehr ergebener
K. Heim

Sachfußnoten

1
Er rezensierte 1912 Heims Buch Das Gewißheitsproblem in der systematischen Theologie bis zu Schleiermacher, Leipzig 1911 📖, in der Schweizerischen theologischen Zeitschrift, Jg. 29 (1912), S. 262–267 📖 (V.u.kl.A. 1909–1914, S. 469–479 📖). – Vgl. die Erwähnungen Heims im Bw.Th. I 📖 und II 📖. ↩
2
Busch, Lebenslauf, S. 193 📖; vgl. auch Thurneysens Brief an Barth vom 27.1.1927 (Bw.Th. II, S. 458 📖).↩
3
München 1927; s. Chr. Dogm. 📖 ↩
4
O. Ritschl, Rezension in: ThLZ, Jg. 53 (1928), Sp. 217–228 📖. ↩
5
K. Heim, Glaube und Leben. Gesammelte Aufsätze und Vorträge, Berlin 19282 📖. ↩
6
Jg. 14 der NF, S. 17–22 📖.↩
7
Jg. 14 der NF, S. 23–25 📖.↩
8
In: ZZ, Jg. 6 (1928), S. 274–302 📖; wieder abgedruckt in: Die Theologie und die Kirche, München 1928, S. 329–363 📖, und in: V.u.kl.A. 1925–1930, S. 303–343 📖. Vgl. Barths Brief an Thurneysen vom 5.8.1928: «Ja, der Katholizismusvortrag ist nun eben auch ausgelaufen, wie er war, d.h. bereichert um einige zornige Fußnoten… Mein Kollege Schmitz weint leise über die Schädigung seines Freundes Heim.» (Bw.Th. II, S. 597f. 📖)↩
9
3. Auflage 1928 📖.↩
10
Jg. 15 der NF, S. 28–32 📖.↩
11
Die erste, im Herbst 1925 erschienene Ausgabe der Aufsätze Heims enthielt noch keine Auseinandersetzung mit Barth.↩
12
E. Hirsch, Rezension in: ThLZ, Jg. 52 (1926), Sp. 381f. 📖 ↩
13
Vgl. Lk. 23,31.↩
14
«Die beiden Dimensionen des Göttlichen und des Kreatürlichen sind einander mit calvinischer Strenge entgegengesetzt. […] Das darf uns nicht wieder verloren gehen. Aber es fehlt noch die dritte Dimension, die zu diesen beiden Dimensionen hinzukommen muß, um das Ganze des Christentums zu fassen, die göttliche Auswahl, die bestimmte Menschen und bestimmte Handlungen, ohne ihnen etwas von ihrer Kreatürlichkeit und Problematik zu nehmen, aus der Fülle der übrigen Möglichkeiten herausgreift und ihnen das Siegel des göttlichen Auftrags aufprägt. Das Fehlen dieser Koordinate macht sich in der dialektischen Theologie auf Schritt und Tritt bemerkbar.» (K. Heim, a.a.O., S. 32 📖; Neue Furche S. 19f. 📖).↩
15
Barth denkt an Luthers Abwehr der Schwärmer, die er intensiv studiert hat. Karlstadt ist für Luther (Wider die himmlischen Propheten [1525]) «eyn toll küner geyst, der Got so frech ynn seyne wort greyfft und eraus zwacket, was yhm gefellet» (WA 18,145,3f. 📖). Diese Anmaßung einer Autorität über und gegen das Wort der Schrift heißt letztlich «sich an Christus stat setzen und unter Christus namen […] gesetze machen und kurtz umb so mit den seelen faren, als were er yhr gott». «Solchs alles, und wie es mehr zu zelen ist, treybt ja der, so gesetz und sunde macht, da Christus freyheyt und keyne sunde haben will, gleich wie wyr den Bapst auch des halben den Endechrist erweyset haben, das er solche freyheyt bricht mit gesetzen, da Christus freyheyt haben wil, Und meyn rottengeyst plumbt eben den selben weg hyneyn» (WA 18,111,5-12 📖).↩
16
«Der qualitative Unterschied zwischen Gott und allem Kreatürlichen wird überhaupt erst dann Wirklichkeit für uns, wenn der Heilige Geist spricht, wenn wir von einem Gottesbefehl getroffen werden. Vorher ist er nur ein dialektischer Gedanke.» (Heim, a.a.O., S. 32 📖; Neue Furche S. 19 📖).↩
17
«Als wir in den Grundbegriffen der dialektischen Theologie nicht bloß denken, sondern von ihnen leben wollten, merkten wir, daß sie für das praktische Leben nicht vollständig ausreichten. Daß hier noch etwas fehlt, kommt uns am deutlichsten zum Bewußtsein, wenn wir in verantwortlicher Stellung eine Entscheidung zu treffen haben, von der das Schicksal von Tausenden abhängt. Man denke an die Entschließungen der Obersten Heeresleitung in den kritischen Augenblicken des Krieges.» (Heim, a.a.O., S. 30 📖; Neue Furche S. 17 📖).↩
18
Act. 13,2–4.↩
19
Siehe Anm. 14.↩
20
K. Barth, Ethik I 📖. ↩
21
«Dieses Sprechen des Heiligen Geistes besteht darin, daß sich auf eine unter vielen möglichen Handlungen, die sich aus der Situation hätten ergeben können, der Akzent der Ewigkeit legt.» (Heim, a.a.O., S. 31 resp. 19 📖). Barth nahm dazu indirekt in seiner Ethik I (S. 190) 📖 Stellung.↩
22
Vgl. Eph. 3,8 und Heim, Glaube und Leben, a.a.O., S. 35 📖. ↩
23
Der Mathematiker Hermann Minkowski (1864–1909) hatte in seinen Schriften Raum und Zeit (1908) 📖 und Zwei Abhandlungen über die Grundgleichungen der Elektrodynamik (1910) 📖 die mathematischen Grundlagen der speziellen Relativitätstheorie gelegt.↩
24
Vgl. Chr. Dogm., S. 248f., Anm. 6 📖, und Vortr. u. kl. Arb. 1925–1930, S. 501, Anm. 108 📖.↩
25
«Das Problem der Möglichkeit von Offenbarung kann (welchen Himmelsstrich und welches Zeitalter es auch angehe) im Ernst nur aufgeworfen werden im Blick auf ihre Wirklichkeit in Jesus Christus.» (K. Barth, Chr. Dogm., S. 338 📖)↩
26
Siehe K. Barth, Chr. Dogm., S. 460–464 📖; KD IV/1, S. 197 📖. ↩
27
Siehe K. Barth, Chr. Dogm., S. 321 📖. ↩
28
Siehe K. Barth, Chr. Dogm., S. 340f. 📖 ↩
29
O. Ritschl rügt u. a. Barths «Kraftausdrücke und Machtsprüche» (a.a.O. [s. Anm. 4], Sp. 217; vgl. Sp. 221 📖) und seine «doktrinäre Kirchlichkeit» (Sp. 220). ↩
30
Analogiebildung zu: «Ad maiorem Dei gloriam», das zuerst von Papst Gregor d.Gr. in seinen 593/94 geschriebenen Dialogi gebraucht wurde, später in den Papieren des Trienter Konzils, bei Ignatius von Loyola und dem Jesuitenorden (nach G. Büchmann, Geflügelte Worte, Berlin 197232, S. 625 📖). ↩
31
Vgl. M. Luther, Wider Hans Worst, WA 51, 516,15–517,16 📖. – Barth zitierte die Stelle in Chr. Dogm., S. 535f. 📖 ↩
32
Siehe K. Barth, Chr. Dogm., S. 60 📖. ↩