12 · 1928

An Francis P. Miller, Christlicher Studenten-Weltbund, Genf

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An Francis P. Miller, Christlicher Studenten-Weltbund,
Genf

1928

Am 7.3.1928 bat Francis Pickens Miller, der Verwaltungssekretär des Christlichen Studenten-Weltbunds in Genf, Barth um einen Beitrag für die Juli-Nummer der Vierteljahrsschrift «The Student World» über das Thema «Christus im Leben seiner Nachfolger», das auch der nächsten Versammlung des General-Komitees im Dezember 1928 in Indien zugrundegelegt werden sollte. Er fügte ein Verzeichnis von 15 anderen Artikeln und ihrer Verfasser bei, die er ebenfalls in dieser Nummer zu veröffentlichen hoffte.

«Das Thema selber bietet viele Möglichkeiten und verlangt eine viel intensivere Behandlung. Durch unsere Zeitschrift selber ist uns aber eine gewisse Begrenzung auferlegt. Überdies sind für die Studenten, für die diese Zeitschrift bestimmt ist, kürzere und ziemlich einfach gehaltene Abhandlungen von größerem Dienst als eine sehr eingehende und vollständige Analyse. Es wäre uns sehr wertvoll, von Ihnen einen Artikel über ‹den Glaubenschristen› zu haben. Ich weiß, wie sehr Ihre Zeit und Kraft in Anspruch genommen ist. Da aber Ihre Gedanken in so starkem Maße heute in vielen unserer Bewegungen besprochen werden und auch von starkem Einfluß auf die Besprechungen in Indien sein werden, glaube ich mich für meine Anfrage nicht entschuldigen zu müssen. Ihr Artikel wird von den Führern der Christlichen Studentenbewegungen der verschiedensten Nationen gelesen werden, und Sie werden damit eine Bereicherung zu dem Gedankenkreis unserer Bewegungen geben. Ich möchte Sie bitten, den Artikel nicht länger als etwa 3.000 Worte abzufassen […]»

Barth lehnte am 12.3.1928 in einem Briefe die Bitte ab, erlaubte aber den Abdruck dieses Briefes, der in der deutschen Fassung und in einer Übersetzung ins Englische in der Juli-Nummer der Zeitschrift wiedergegeben wurde.1 Als Überschrift wurde «Der innere Mensch» |111 gewählt und im Anschluß an den Brief eine Predigt Barths aus Safenwil über 2.Kor. 4,16–18 abgedruckt, die unter diesem Titel zuerst in der Zeitschrift «Das neue Werk» (Jg. 2 [1920], S. 201–207 📖) und dann in dem von Barth und Thurneysen gemeinsam herausgegebenen Predigtband «Komm, Schöpfer Geist!» (München 1924, S. 235–245 📖) erschienen war.

Sehr geehrter Herr Miller,

Sie waren so freundlich, mich zur Mitarbeit an der Julinummer der Zeitschrift «The Student World» einzuladen. Ich danke Ihnen bestens für das Vertrauen, muß Sie aber bitten, mir zu verzeihen, daß ich diesen Auftrag nicht übernehmen kann. Ich kritisiere niemanden, der der Meinung ist, mit der Veranstaltung eines solchen aus den verschiedenartigsten christlichen Stimmen zusammengesetzten Orchesterkonzertes etwas Gutes und Verheißungsvolles zu tun, oder dem es Freude macht, dabei mitzuwirken. Ich weiß, daß derartige Veranstaltungen heute in der Christenheit und sonst an der Tagesordnung sind, und will gerne daran glauben, daß die Absichten dabei ernsthafte sind. Aber gerade die ernsthaften Vertreter dieser modernen Methoden werden auch Verständnis haben für die Besorgnis, es möchte durch solche Veranstaltungen der Anschein erweckt oder es möchte der schon vorhandene Anschein verstärkt werden:

Die Einheit der Christen in Christus sei eine Wirklichkeit, die durch eine Addition von möglichst vielen und verschiedenartigen christlichen Standpunkten sichtbar darzustellen ist.

Die christliche Wahrheit bestehe also in der Summe oder im Querschnitt der jeweilen im Umlauf befindlichen christlichen Gedanken und Meinungen.

Die christliche Erkenntnis vollziehe sich also auf dem Weg einer Auswahl und gegenseitigen Abrundung zwischen diesen verschiedenen christlichen Ansichten.

Diesem Anschein, den ich für verhängnisvoll halte, möchte ich nicht dienen, indem ich meinen Namen und eine Äußerung meiner Gedanken zu der beabsichtigten Stimmensammlung hergebe. Gerade wenn es so ist, wie Sie schreiben: daß meine Gedanken da und dort auch in Ihren Kreisen Eingang gefunden haben, könnten Alle die, die |112 wissen, um was es mir geht, sich nur wundern darüber, mich in dieser Reihe auftauchen zu sehen. Mein Beitrag kann in diesem Fall nicht darin bestehen, daß ich 3000 Worte sage, sondern daß ich kein einziges Wort sage; das ists, was ich ehrlicher Weise hier allein tun kann.

Fassen Sie es bitte nicht als Hochmut auf, daß ich Ihre Einladung nicht annehme, sondern glauben Sie mir, daß ich es persönlich gerne tun würde, wenn ich die Lage sachlich anders ansehen könnte. Wenn es Ihnen schwer fallen sollte, mich zu verstehen, so wird Ihnen gewiß Herr Dr. Adolf Keller2, der, wie ich sehe, auch zu Ihren Mitarbeitern gehört, meinen Fall gerne etwas näher erklären und Ihnen sagen, daß ich kein böser Mensch bin.

Mit herzlichem Gruß
Ihr sehr ergebener
Prof. D. Karl Barth

Sachfußnoten

1
The Student World, Genf, Vol. 23 (Juli 1928), Nr. 3, S. 298–300 📖. Dieses Heft enthielt außerdem 10 Beiträge (u. a. von Nicolai Berdiaeff, Paul Tillich, Reinhold Niebuhr, Mahatma Gandhi und Emil Fuchs).↩
2
Adolf Keller (1872–1963), Sekretär des Schweizer Ev. Kirchenbundes, einer der Initiatoren der ökumenischen Bewegung in Europa, mit Barth seit den Genfer Tagen bekannt (s. Offenen Brief Nr. 1).↩