Am 21.3.1926 schrieb Harald Wellejus (1878–1947), Pfarrer in Korup auf Fünen in Dänemark, an Barth, er habe versprochen, am 11.5. «einen Vortrag bei unserem ‹Stiftskonvent›, wo ungefähr 100 Pfarrer zusammen kommen, zu halten, und der Vortrag heißt ‹Was hat uns Karl Barth zu sagen›. Und darum lese ich jetzt – wie auch zuvor – Ihre Bücher und was andere schon darüber geschrieben haben, aber natürlich sollte es sowohl mich als meine Zuhörer sehr interessieren, ob wir eine persönliche Aussage von Ihnen hätten. Und weil wir alle eben Dänen sind, wollte ich meinen, daß es für uns ganz besonders Interesse haben wollte, ob Sie vielleicht Ihre Meinung von Sören Kierkegaard äußern würden. Daß Sie, Herr Professor, Sören Kierkegaard studiert haben, weiß ich sehr wohl, teils weil Sie es selbst sagen1, teils weil ich es dann und wann zwischen den Zeilen lesen kann (zum Beispiel ‹Das Wort Gottes› 1925, S. 12, wo Sie von der religiösen Gerechtigkeit und vom Christentum mit bitterer Ironie reden2). Kierkegaard konnte gewiß dasselbe in seiner letzten Schrift ‹Der Augenblick›3 mit gleichen Worten gesagt haben, nur daß er doch wohl ‹Christenheit› statt ‹Christentum› gebraucht haben würde.) – Wenn Sie mir etwas von dieser Frage oder anderes, was Ihnen im Augenblicke besonders am Herzen liegt und für meinen Vortrag in Betracht kommen konnte, zuschreiben würden, dann würden Sie mir eine große Freude tun.»4
Barths Antwort, die im Original nicht erhalten ist, wurde von Wellejus in der Zeitschrift «Kirke og Folg», die er 1926 mitbegründet hatte und deren Mitherausgeber er war, im Juni 1926 in dänischer Übersetzung ohne Datumsangabe, aber anscheinend vollständig wiederge|107geben, und zwar am Ende eines Aufsatzes «Omkring Karl Barth»5, nachdem Wellejus vorher ausführlich die Stelle zitiert hatte, die ihn bei Barth an Kierkegaard erinnerte.6 Wellejus besuchte mit seiner Familie kurz darauf, in den Sommerferien 1926, Barth in Münster7, berichtete in «Kirke og Folg» darüber8 und beschäftigte sich weiter mit ihm.9
108Im folgenden wird der Brief Barths in einer Rückübersetzung aus dem Dänischen wiedergegeben, die H. Stoevesandt nach Entwürfen von Prof. Götz Harbsmeier und Frau Aase Wellejus formuliert hat.
Sehr geehrter, lieber Herr Pastor!
Die Frage, die Sie an mich richten, ist in Deutschland bereits als Examensaufgabe gestellt worden, und ich kann Ihnen keine andere Antwort geben als die, die ich schon einem Kandidaten, der mich um Rat fragte, gegeben habe10: Ich habe keine systematische und abgeschlossene Stellung zu Kierkegaard, weil ich ihn zwar schon lange, aber zu wenig kenne. Als ich den Vortrag hielt, den Sie zitieren –1916! –, kannte ich ihn noch kaum; zwischen der ersten und zweiten Auflage meines «Römerbriefs»11 habe ich ihn dann besser kennen gelernt, aber ich habe den Eindruck, daß sein Einfluß auf mich überschätzt wird. Was ich ihm verdanke, sind einzelne wichtige Anregungen, wie Sie in der zweiten Auflage meines «Römerbriefs» leicht werden feststellen können. In weiten Gebieten seiner Lebensarbeit (ich denke besonders an die erste und zweite Periode seiner Wirksamkeit als Schriftsteller) ist mir der große Mann sehr fremd geblieben. Falls Prof. Geismar Kierkegaard richtig verstanden hat12, wenn er (Geismar) allen Nachdruck auf Kierkegaards zweite Periode (im Gegensatz zur dritten) legt, dann habe ich den eigentlichen Kierkegaard nicht erfaßt. Denn sofern er Pietist ist, ist er mir schrecklich. Und nun kenne ich ihn also nicht gut genug, um sicher zu sein, ob Geismar tatsächlich recht hat.
109Wenn ich Ihnen einen guten Rat für Ihren Vortrag geben darf, so müßte es der sein, daß Sie sich nicht wie die meisten meiner Kritiker damit begnügen, meine verhältnismäßig älteren Schriften («Römerbrief», «Wort Gottes» usw.) zu beurteilen, sondern auch genau beachten, was ich in «Zwischen den Zeiten» 1924, 1925 und 1926 geschrieben habe. Ich bin «kirchlicher», als die meisten meiner Kritiker sehen oder sehen wollen.
Mit herzlichem Gruß und den besten Wünschen