An den Publizisten Dr. Wilhelm Stapel, Hamburg
10
An Den Publizisten Dr. Wilhelm Stapel, Hamburg
1926
Der politische Publizist Dr. phil.
Stapel antwortete Barth am 23.4.1926: «Verbindlichen Dank für Ihre Zeilen, von denen ich das in Betracht Kommende wohl unter der Rubrik der ‹Zwiesprache› unsern Lesern mitteilen darf; denn Ihre Rede muß selbstverständlich gehört werden. Vermutlich ist Ihnen meine Anmerkung zu meinem eigenen Beitrag (auf Seite 327 untenf.) entgangen. Ich vergaß wohl, sie anzustreichen. Darin betone ich (wie schon im Untertitel) das Subjektive meiner Ausführungen und gebe die Ursache an, warum ich so subjektiv geschrieben habe.»4
99
Im folgenden werden aus Stapels Artikel die Passagen wiedergegeben, die Barths Theologie betreffen, und der Offene Brief Barths in der abgedruckten Form, dazu Stapels «Antworten».
Als nun
Erstens: Das Primäre ist bei ihnen nicht die Wissenschaft, sondern die Religion. Sie gehen nicht vom Erkenntnishunger aus, sondern vom Gottesverlangen. Die Religion ist ihnen nicht Stoff der Wissenschaft, sondern die Wissenschaft ist ihnen Mittel und Werkzeug des Religiösen. Ihre ursprüngliche Bewegkraft (primum movens) ist eine Art prophetischer Aktivität, nicht ein Erkenntnisverlangen.
Zweitens: Anstatt nach dem Gotteserlebnis fragen sie nach Gott an sich. Anstatt nach der innern Wahrhaftigkeit – welche Skrupel hat |100 diese Frage unter den liberalen Theologen hervorgerufen! – fragen sie nach der Wahrheit. Nicht das Seelische ist ihnen wesentlich, sondern allein Gott. Damit fällt das endlose Herumwühlen in der Seele und in der menschlichen Geschichte dahin, und der Mensch wird vor eine Entscheidung gestellt.
Drittens: An die Stelle des entwicklungsgeschichtlichen Denkens tritt das apokalyptische Denken. Der Fortschrittsoptimismus weicht der harten Erkenntnis, daß alles irdische Leben ein Sterben ist. An die Stelle des kulturbürgerlichen: «Nun, es wird schon irgendwie!» tritt ein sich abwendendes: «Nicht so!» Die Aufgabe ist nicht, daß wir kulturselig werden, sondern daß wir ewig selig werden. Die Welt ist nichts, Gott ist alles.
Demgegenüber scheinen mir nun aber bei den Theologen der Krisis manche Werte auszufallen, die nicht ausfallen dürfen, weil sonst das irdische Leben und das ewige Leben gleichsam unfruchtbar werden.
Erstens: Der Gegensatz zwischen Gott und Welt ist bei
Zweitens: Die Theologen der Krisis bedenken nur Gottes eingeborenen Sohn, nicht Gott den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden. Wer Gott als Vater- und Schöpfergott anerkennt, nimmt die Welt mitsamt dem Teufel in Gott auf, denn sie gehört zum «Werden» (Luther), zur «ewigen Geburt». Die Theologen der Krisis gelangen nur zu einer toten Zweischneidigkeit statt zu einer lebendigen Dreieinigkeit.
Drittens: Für sie werden Gott und Welt, statt zur lebendigen Polarität des wirklichen (endlichen wie ewigen) Lebens, zu abstrakten Begriffen, mit denen sich ein spitziges Gedankenspiel treiben läßt. An die Stelle des Wühlens in der Seele und in der Geschichte tritt das Wühlen in Begriffen. Es ist der Fluch des Akademikertums, das, festbesoldet und pensionsberechtigt, nicht mehr um sein täglich Dasein kämpfen muß, daß es sich aus der blutvollen, drangvollen Kampfes|101welt in eine Schattenwelt der Begriffe sublimiert. Die ganze moralische Begriffsbildung von «gut» und «böse» in den letzten Jahrhunderten leidet daran, daß sie fern vom Kampfplatz geprägt wurde, nach «allgemeinen Begriffen» statt aus der realen Individualität und realen Sozialität heraus, von «gesicherten Existenzen» statt von solchen, die die Moral mit dem eigenen Leben bezahlen müssen. Es ist schlimm, daß die Theologen der Krisis sich in eine soziale Dialektik und einen rationalen Pazifismus verfangen – das Akademikertum ist eben eine besonders feine Teufelei. Mir scheint, die Theologen der Krisis werden mit ihrer Kulturkritik nur das Zivilisatorische fördern, und zwar ohne es zu meistern. (Wenn sie das wenigstens vermöchten!)
Viertens: Ich vermisse bei den Theologen der Krisis, mit deren Schriften ich in Berührung gekommen bin, die Ehrfurcht vor den Schmerzen des Lebens. (Diese hat mit Individualismus oder Sozialismus nichts zu tun, sie ist Sache der empfindenden Fingerspitzen, nicht des Bewußtseins). Was mußte ein
Letztens: Bei
Religion offenbart sich im Kämpfen und Bauen. Ein gutes Wort ist gewiß nicht zu verachten. Aber – ich erwarte die «Erneuerung» nicht von den Theologen, die in ihrem Kolleg die Welt verneinen und dann nach der Erledigung des Verneinungspensums mit der übrigen Welt zum Mittagessen nach Hause gehen, sondern von Menschen, die sich sozusagen handgreiflich mit der verworfenen Welt beschäftigen.
Zu meinem kleinen Beitrag über die «Theologie der Krisis» schrieb mir Herr Professor
«ad 1) Ist es billig, Leuten, die sich doch wahrlich nicht als Propheten und Reformatoren ausgegeben und benommen haben, vorzuwerfen, daß ihnen die ‹seelische Tiefe›
103ad 2) Die Welt mitsamt dem Teufel in Gott aufzunehmen, diese Einladung
ad 3) Es geht doch nicht an, mir (ich fühle mich hier wohl mit Recht besonders angegriffen) unter der Anklage auf ‹akademische› Begrifflichkeit im Besonderen das vorzuwerfen, daß ich den Nationalismus speziell der Mehrzahl der deutschen Akademiker irgendwie rein physisch nicht mag und ihm gegenüber dem, was Sie ‹soziale Dialektik, rationalen Pazifismus› nennen (ich bin als sozialistischer Pfarrer immerhin ein Jahrzehnt lang als ein bißchen ungesicherte ‹Existenz› auf dem ‹Kampfplatz› gewesen!), immer noch den Vorzug gebe. Darüber kann man verschieden denken; aber daß man ein ‹begriffsspitzer Belehren › sei, weil man diese Theorie (Sie wissen welche ich meine!) nicht mitmacht10, das scheint mir eine parteiische Ketzermacherei, die ich fröhlich ablehne.
ad 4) Hier gebe ich Ihnen recht. Auf die Ehrfurcht vor den Schmerzen des Lebens kann man sich nicht genug hinweisen lassen, auch nicht genug darauf, daß man unrecht hat, auch wenn man recht hat. Wer vergäße das nicht beständig?
ad 5)
104Zum Schlußabsatz. Ich beschäftige mich ‹sozusagen handgreiflich mit der verworfenen Welt› – nun ja, indem ich mich mit Kirche und Theologie beschäftige und folglich mein Kolleg so ernst nehme wie Sie Ihre Zeitschrift – um nachher, wie Sie gewiß auch, mit der übrigen Welt zum Mittagessen zu gehen. Die ‹Erneuerung› aber erwarten gewiß weder Sie noch ich von dem, was wir lehren, also weder von den Theologen noch von den freien Rednern über Religion, zu denen ich wie
Darauf folgende Antworten:
ad 1)
ad 2) Wenn man nicht das, was der christliche Theologe für christlich hält, sondern «die Wahrheit» will, so schlägt der Einwand nicht durch. Die Einheit ist so ewig wie die Doppelheit.
ad 3) Ich unterscheide zwei Menschenarten: die, welche hungern mußten, und die, welche höchstens freiwillig hungerten. Aber freilich, dieser Unterschied ist hier nicht das Wesentliche, darum ist Barths Einwand treffend. Es handelt sich um biologische Unterschiede. (Daher das «physische» Mögen und Nicht-Mögen.) Ich selbst, durch den Liberalismus hindurchgegangen, «mag» die pazifistischen und akademisch-sozialen Seelen nicht mehr und nehme eine gewisse Rauheit und Gradlinigkeit im Kauf, wenn ein redliches Herz und ein fester Charakter dabei ist. Barth gehört nicht zu den «weichlichen» «Intellektuellen», aber in der Gefahr, die mit der Begrifflichkeit gegeben ist, scheint er mir immerhin zu stehn.
ad 5) Das würde vielleicht mein Raabe-Buch entscheiden, das ich schreiben würde, wenn ich sechzig Jahre alt werden sollte.13
ad 6) Zu meiner Lebensstimmung gehört das Wort: «bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren, die Menschen zu bessern und zu bekeh|105ren.»14 (Darum geben sich freundliche Menschen Mühe, mich von meinem «Pessimismus» zu bekehren.) Ich erwarte das Heil ebensowenig von mir (und andern Journalisten) wie von den Theologen der Krisis. Ich erwarte es von denen, die so unmittelbar im Leben stehn, daß sie überhaupt keine Zeit haben zu philosophieren und theologisieren, sondern daß sie nur kurz beten können. Ich erwarte es von solchen, denen es der Herr, weil es denn so sein muß, wohl oder übel im Schlafe geben muß.15