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An Michael M. Hoffmann, Berlin

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An Michael M. Hoffmann, Berlin

1932

Am 17.6.1932 schrieb Michael M. Hoffmann (geb. 1906) «im Auftrage der Internationalen Studenten-Vereinigung Berlin» an Barth. Hoffmann, Diplom-Volkswirt, 1906 in St. Petersburg geboren, hatte 1923/24 in der Sowjetunion Volkswirtschaft studiert, war emigriert, hatte in Berlin 1926-29 sein Studium fortgesetzt und promovierte 1931/32.1 Die internationale Studenten-Vereinigung, die er in Berlin im November 1929 gegründet hatte, war «keine an Partei, Weltanschauung oder Religion gebundene Gruppe, sondern ein freies Forum geistig-aktiver Jugend.» In ihrem Auftrag gab Hoffmann 1929-1933 die Zeitschrift «Agni», Internationale Monatsschrift für Kultur und Kunst, heraus.2 Hoffmann teilte Barth mit, daß im Mai 1932 eine Akademische Arbeitstagung europäischer Jugend in Berlin stattgefunden habe. «Religiöse und soziale Fragen stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit. Zwei führende Katholiken haben gesprochen. […] Jetzt eilt uns eine sehr ernste und wichtige Sache. Anfang Juli erscheint als Sonderheft unser bisher ganz internes Organ ‹Agni› – internationales Forum der geistig-führenden Jugend. Fragen der Tagungsarbeiten werden von Tagungsrednern besprochen. Zwei Katholiken sprechen hier. Wir haben beschlossen, an führende Männer der Evangelischen Welt Fragen zu stellen, die uns sehr angehen und deren Beantwortung wir im Sonderheft der ‹Agni› veröffentlichen. Diese Antworten werden uns dienen, bei Studienwachen, in Arbeitsgemeinschaften darüber zu denken, zu sprechen. Aus dem Erlös des Verkaufs dieses Hefts wollen wir ein Haus auf dem Lande bauen – ein Haus für unsere Arbeit.» Hoffmann bat Barth «umgehendst» um eine Antwort, gleich in welcher Form, auf seine handschriftlich beigelegten Fragen.

230Barth antwortete am 21.6., und unter der Überschrift «Protestantismus der Gegenwart» wurden beide Texte unter «I. Fragen», «II. Antworten» im Sonderheft «Jugend und Krisis der Kultur» veröffentlicht.3

Hoffmann dankte Barth am 29.6. für seinen Brief and bat ihn, im Juli auf einer Tagung über «Evangelische Lebensauffassung» zu sprechen, was Barth jedoch umgehend abwies.4 Barths Text, den Georg Merz «ganz ausgezeichnet» fand5, wurde in der Zeitschrift «Christentum und Wirklichkeit» unter dem Titel «Antworten auf Fragen» auszugsweise wieder abgedruckt.6

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I. Fragen

1. Womit erklären Sie die ungeheure Interesselosigkeit der Allgemeinheit gegen die protestantische Kirche?

Auf welchem Wege erwarten Sie die Neubelebung des Protestantismus?

2. Was kann dazu getan werden, daß die protestantische Kirche wieder Angelegenheit des Volkes wird?

3. Wie beurteilen Sie die heutige Jugend in religiöser Hinsicht?

4. Welches erscheint Ihnen als die ideale Wechselbeziehung zwischen Staat und Kirche?

5. Darf, Ihrer Meinung nach, die Kirche Politik treiben und in welcher Form?

6. Halten Sie die Vereinigung der christlichen Kirchen für ein auf der Erde zu erstrebendes Ziel? Welche Wege, glauben Sie, können dahin führen?

7. Halten Sie den Bolschewismus für die evangelische Welt für eine Gefahr, und mit welchen Mitteln ist ihr zu begegnen?

8. Sehen Sie in der Gegenwart das intensive Bestreben nach Vereinfachung des Weltbildes einerseits, –den Hunger nach übersinnlichem Erleben anderseits, und wo sehen Sie das Berechtigte dieser beiden entgegengesetzten Faktoren und wie unterstützten bzw. bekämpfen Sie sie?

II. Antworten

Sehr geehrter Herr Hoffmann!

Auf Ihre Fragen würde ich folgendes antworten:

1. Die «Interesselosigkeit der Allgemeinheit gegen die protestantische Kirche» erklärt sich daraus, daß die protestantische Kirche seit ca. 200 Jahren tatsächlich weithin aufgehört hat, interessant zu sein, indem sie sowohl ihre Substanz als Kirche wie ihre Gestalt als protestantische Kirche weithin verloren hat. Die katholische Kirche ist der |232 Allgemeinheit darum mit Recht «interessanter», weil sie sowohl ihre Substanz als Kirche wie auch ihre (antichristliche!) Gestalt als katholische Kirche im Ganzen zu wahren gewußt hat.

Eine wirkliche Neubelebung des Protestantismus könnte nur darin bestehen, daß er nicht mehr -ismus, d.h. das Kompromißsystem einer religiösen Fraktion, sondern nur noch–rücksichtslos gegen alle von außen kommenden (philosophischen, moralischen, ästhetischen, politischen) Ansprüche und Maßstäbe in Ausrichtung der ihm aufgetragenen Botschaft protestantische Kirche sein wollte.

Nach meiner Kenntnis der Menschen und Verhältnisse im Raum der deutschen und der schweizerischen protestantischen Kirche halte ich es nicht für wahrscheinlich, daß diese Neubelebung in den nächsten Zeiten Ereignis werden wird.

2. Die Kirche kann und soll keine «Angelegenheit des Volkes» sein, wohl aber müßte das «Volk», nämlich der wirkliche Mensch in seiner wirklichen Not und mit seinen wirklichen Fragen, wieder ganz anders eine Angelegenheit der Kirche werden. Dies würde dann der Fall sein, wenn die protestantische Kirche, unter Verzicht auf die Ideologien, von denen sie jetzt weithin lebt, in Rückkehr zu ihrem christlichen Thema und zu ihrer protestantischen Sprache (s. oben) ihre ursprüngliche und notwendige Bezogenheit zum «Volk» wieder entdecken würde.

3. Die heutige Jugend ist in religiöser Hinsicht so entschlossen und fröhlich heidnisch, aber auch so reif zur Erkenntnis Gottes in Christus, wie dies vermutlich von der Jugend, aber schließlich, in anderer Form, auch vom Alter aller Zeiten zu sagen gewesen ist und zu sagen sein wird.–Man darf sie bitten, sich sowohl in ihrer «Heutigkeit» wie in ihrer «Jugendlichkeit» nicht allzu wichtig zu nehmen.

4. Es gibt keine «ideale» Wechselbeziehung zwischen Staat und Kirche, wie es auch keine «ideale» Wechselbeziehung zwischen Philosophie und Theologie gibt. Staat und Kirche sind göttliche Ordnungen unter Voraussetzung der Sünde, d.h. der menschlichen Unordnung, die von keinem Tag auf den andern und also auch in keiner Idee zu überwinden ist. In der Realität des Reiches Gottes, die in Staat und Kirche das Gemeinte ist, gibt es beide nicht mehr und also auch keine Wechselbeziehung zwischen beiden. Jede rebus sic stantibus wirkliche Wechselbeziehung zwischen beiden wird eine Darstellung der |233 Konkurrenz zwischen dem (von der Kirche vertretenen) göttlich verheißenen und gebotenen und dem (vom Staat vertretenen) menschlich verwirklichten Recht bedeuten müssen. Gut ist eine solche Darstellung, die dieser Konkurrenz Freiheit bietet, ungut eine solche, die sie verheimlichen oder unterdrücken will.

5. Die Verkündigung der Kirche ist per se politisch, sofern sie die in der Unordnung befindliche heidnische Polis zur Verwirklichung von Recht aufzurufen hat. Gut ist sie dann, wenn es das konkrete Gebot Gottes, ungut ist sie dann, wenn es die abstrakte Wahrheit einer politischen Ideologie ist, was sie vertritt.

6. Eine Vereinigung der christlichen Kirchen (gemeint ist wohl: Konfessionen) kann nur insofern ein erstrebenswertes Ziel sein, als sich in ihnen bloß zufällig äußerlich getrennte, aber grundsätzlich unter sich vereinbare Bekenntnisse desselben Glaubens gegenüberstehen, nicht aber, wie z.B. im Gegensatz des Evangelischen und des Römisch-Katholischen, je das die Gegenseite als Irrtum ausschließende Bekenntnis eines anderen Glaubens. Auch in Bezug auf die im ersten Fall möglichen Vereinigungen ist aber zu sagen, daß es für die evangelische Kirche dringlichere Aufgaben gibt als gerade diese.

7. Der Bolschewismus ist nur die asiatisch-drastische Gestalt der neuheitlichen Geistesbewegung, die in Westeuropa deutlich schon in der Renaissance des 16. Jahrhunderts eingesetzt hat (die z.B. auch in dem durch die französische Revolution abgelösten Absolutismus des Zeitalters Ludwigs XIV. und dann in jener Revolution selber auf dem Plan war) und die ihrerseits wieder nur ein Exponent des Antichristentums ist, das der Politik des christlichen Glaubens z.B. auch im römischen Papsttum gegenüber stand und noch steht. Den Bolschewismus besonders tragisch zu nehmen, zeugt von wenig Einsicht. Die Kirche hat ihm nicht in Form von direkter Bekämpfung zu begegnen, sondern indem sie den Antichrist in ihren eigenen Mauern bekämpft. Dort und nur dort kann er ihr gefährlich und kann er von ihr überwunden werden.

8. Auch das intensive Bestreben nach Vereinfachung des Weltbildes und der Hunger nach übersinnlichem Erleben kann nicht als besonderes Merkmal gerade der Gegenwart gelten, obwohl beide gewiß auch für die Gegenwart bezeichnend sind. Beide gehören zusammen und sind in ihrer dialektischen Bezogenheit charakteristisch für die |234 immanente vorläufige, d.h. durch die christliche Verkündigung bzw. durch den christlichen Glauben noch nicht oder nicht mehr erschütterte Problematik des heidnischen Menschen, wie er schon in der römischen Kaiserzeit gelebt hat. Beide sind durch die evangelische Kirche weder zu unterstützen noch zu bekämpfen. Beiden hat sich vielmehr ihre in den drei Artikeln des Glaubensbekenntnisses zusammengefaßte Botschaft schlicht gegenüberzustellen.

In vorzüglicher Hochachtung
Ihr
Prof. D. Karl Barth

Sachfußnoten

1
Staatswiss. Diss. «Die agrarische Überbevölkerung Rußlands», Nauen-Berlin 1932 (mit Lebenslauf) 📖.↩
2
Es erschienen insgesamt vier Hefte, darin mehrere Beiträge von Hoffmann (Zitat aus dem Sonderheft 1932, S. 3 📖). «Das Wort ‹Agni› bedeutet ewiges Weltenfeuer, einen Gott, der zwischen Himmel und Erde vermittelte – ein ewiges Weltenfeuer lebe auch in ‹Agni›» (Vorwort zu H. 1, 1930, S. 3).↩
3
Jugend und Krisis der Kultur. Sonderpublikation der «Agni». Internationale Zeitschrift für Kultur und Kunst, Berlin/Leipzig 1932, S. 36–39 📖. Das Heft enthält Beiträge von Fritz Klatt, Frank Thieß, Gustav Wyneken (diese drei hatten auf der Tagung gesprochen), ferner von Walter Johannes Stein, Edgar J. Jung, Karin Ruths-Hoffmann, Friedrich Muckermann S.J. («Kirche und Bolschewismus»), K. Barth, Albert Einstein und Eugen Rosenstock («Gedanken zum Bündnis zwischen Geistigen und Arbeitslosen»).↩
4
«Sie mußten es für etwas halten, daß ich mich neulich so schnell hinsetzte und Ihnen auf Ihre mit der Bitte um eiligste Erledigung übersandten Fragen meine Antworten gab, die ich mir doch auch nicht aus dem Ärmel schütteln konnte. Sie können nicht verlangen, daß ich mich nun auch noch mit derselben Pressanz im Handkehrum nach Berlin bestellen lasse. Bitte bedenken Sie: ich halte überhaupt im Jahr nur etwa 1-2 mal einen auswärtigen Vortrag; ich stehe mitten in einer sehr angestrengten Semesterarbeit; und ich habe, wie ich gewiß zu meiner Schande gestehen muß, von Ihrer ‹Internationalen Studentenvereinigung› zum ersten Mal durch Ihre Briefe gehört und bin über das Wesen dieser Sache durchaus nicht im Klaren.» Barth empfahl Hoffmann, sich an den Privatdozenten Lic. Bonhoeffer zu wenden. «Was er Ihnen sagen wird, wird jedenfalls in der großen Linie auch im Sinne dessen sein, was ich Ihnen sagen könnte.» (Brief vom 1.7.1932).↩
5
Brief von Merz an Barth vom 24.6.1932: Es «sei eine ausgezeichnete Ergänzung zu den ‹Fragen an das Christentum›, die man den Lesern nicht vorenthalten sollte.» Karl Barths Aufsatz «Fragen an das ‹Christentum›» war u. a. in «Christentum und Wirklichkeit» erschienen (Jg. 10, 1932, H. 2, S. 35–41 📖).↩
6
Jg. 10, 1932, H. 9, München, S. 210–213 📖. Darin wurden die einzelnen Antworten jeweils an die Fragen angeschlossen. – Barth an Hoffmann (P.S. zum Brief vom 1.7.1932): «Noch möchte ich Ihnen mitteilen, daß ich gebeten wurde, die mir von Ihnen zugekommenen Fragen nebst meinen Antworten in Christentum und Wirklichkeit abdrucken zu lassen, und ich habe angesichts der gewiß gänzlichen Konkurrenzlosigkeit dieser Zeitschrift Ihnen gegenüber eingewilligt.»↩