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An Den Rektor der Universität, Prof. Dr. Gustav Aubin,
Halle
1931
Günther Dehn (1882–1970), seit 1911 Pfarrer in Berlin, hatte 1928 in einer Gemeinde in Magdeburg einen Vortrag «Kirche und Völkerversöhnung» gehalten und an dessen Ende ausgeführt: «Es ist allgemein üblich, daß von der Kirche der Tod fürs Vaterland unter den Gesichtspunkt des reinen Opfertodes gestellt wird, unter das Bibelwort: ‹Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lasse für seine Freunde.›1 Wir wollen ganz gewiß diesem Tod seine Würde und auch seine Größe lassen, aber ebenso gewiß wollen wir auch die Wahrheit sagen. Es wird bei dieser Darstellung eben außer acht gelassen, daß der, der getötet wurde, eben auch selbst hat töten wollen. Damit wird die Parallelisierung mit dem christlichen Opfertod zu einer Unmöglichkeit. Im Anschluß daran sollte man auch die Frage erwägen, ob es richtig ist, daß die Kirche den Gefallenen Denkmäler in den eigenen Mauern errichtet. Sollte man das nicht vielmehr der bürgerlichen Gemeinde überlassen?»2 Dehns Vortrag wurde von politisch und kirchlich rechtsstehenden Kreisen mit Empörung aufgenommen.3
159Zwei Jahre später wurden die gegen Dehn gerichteten Anschuldigungen von Gottfried Traub in seinen nationalistischen «Eisernen Blättern» wieder aufgegriffen4, nachdem Dehn einen Ruf auf einen Lehrstuhl für praktische Theologie in Heidelberg erhalten hatte. Als daraufhin die Fakultät gegen eine Stimme Dehn für nicht geeignet erachtete5, verzichtete Dehn auf die Professur. Er nahm aber einen Ruf des preußischen Kultusministers Grimme auf einen Lehrstuhl für praktische Theologie an der Universität Halle an. Eine Hetzkampagne des nationalsozialistischen deutschen Studentenbundes gegen ihn wurde zunächst unterbunden, indem im Februar 1931 diese Hochschulgruppe aufgelöst wurde. Doch suchten nationalistische und nationalsozialistische Gruppen in monatelangen Besprechungen ihr Ziel durchzusetzen, Dehn an einer Lehrtätigkeit zu hindern. Kurz bevor diese zum Wintersemester 1931/32 beginnen sollte – vier Wochen nach dem spektakulären Wahlsieg der Nationalsozialisten6 – beschloß der Vorstand und der Ferienausschuß der Deutschen Studentenschaft am 17.10.1931, die Universität Halle aus Protest zu verlassen, weil er mit Rektor und Senat «keine Einigung» hätte erzielen können; diese hätten sich geweigert, mit ihm «in den Kampf gegen die volk- und vaterlandverseuchende pazifistisch-marxistische Pest zu Felde zu ziehen».7
160Barth war dem vier Jahre älteren Dehn zum ersten Mal in Bern 19078 und dann wieder in Tambach 1919 begegnet9, die beiden waren sich nähergekommen, Freunde geworden und standen in Briefwechsel miteinander. Barth verfolgte die Auseinandersetzung in Halle «von Anfang an» und stand in «ständiger Fühlung» mit Dehn.10 Als ein Beschluß der Deutschen Studentenschaft drohte, wandten sich am 15.10. Gertrud Staewen und Dehn in Briefen an Barth und seinen Bonner Kollegen Karl Ludwig Schmidt mit der Frage, ob sie nicht etwas für Dehn tun könnten. Barth lehnte nach Rücksprache mit Schmidt zum gegebenen Zweitpunkt eine Aktion ab und begründete das am 16.10. in Briefen an Frau Staewen und an Dehn.11
Nach der Erklärung der Studenten entschloß sich Barth dann doch dazu, einzugreifen. Zusammen mit Schmidt verfaßte er eine Erklärung, für die er 14 Kollegen um Unterschriften bat.12 Doch konnten |161 sich nur drei Kollegen zur Unterschrift entschließen, Martin Dibelius, der in Heidelberg ein Sondervotum in der Fakultät zugunsten Dehns abgegeben hatte, Otto Piper in Münster und Georg Wünsch in Marburg.13 Der Text wurde dem Rektor der Universität in Halle, Prof. Aubin, «unter gleichzeitiger Benachrichtigung des derzeitigen Dekans der dortigen Theologischen Fakultät zu freier Verfügung zugeschickt», von Karl Ludwig Schmidt in den Theologischen Blättern abgedruckt und dort so begründet: «Diese Erklärung wollte eine unnötige Empfehlung von D. Dehn gegenüber seinen studentischen Anklägern ebenso wie eine Antastung der studentischen Freizügigkeit und des ehrwürdigen oder auch nicht ehrwürdigen akademischen Rechtes zum allgemeinen Exodus vermeiden. Sie wollte aber die Tatsache feststellen, daß die Durchführung des Kampfes gegen D. Dehn entsprechende Unternehmungen auch an anderen Universitäten nötig machen müßte.»14
Die Berufung von Pfarrer D. Günther Dehn zum ordentlichen Professor der praktischen Theologie an der Universität Halle hat einer Gruppe dortiger Studierender Anlaß gegeben, sich mit der Aufforderung zum Verlassen der Universität Halle an ihre Kommilitonen zu wenden.
Die unterzeichneten ordentlichen Professoren der Theologie an anderen deutschen Universitäten erklären hiermit, daß sie mit D. Dehn persönlich und sachlich solidarisch sind.
Sie halten es für angebracht, die Hallische Studentenschaft auf die groteske Situation aufmerksam zu machen, die sich bei diesem Sachverhalt für die auf Grund jener Parole von Halle Abwandernden auswärts ergeben könnte.
Karl Ludwig Schmidt,
Bonn
162Dagegen verfaßten die von Barth angeschriebenen Otto Schmitz und Wilhelm Stählin in Münster eine andere Erklärung: «Die unterzeichneten ordentlichen Professoren der Theologie, verschiedenen theologischen und politischen Überzeugungen angehörig, fühlen sich verpflichtet, öffentlich zu erklären, daß sie jeden Versuch studentischer Kreise, D. Günther Dehn an der akademischen Lehrtätigkeit zu hindern, auf das schärfste verurteilen.» Diese Erklärung, die jede inhaltliche Solidarisierung mit Dehn vermied, erhielt viele Unterschriften.15 Auch sie wurden in den Theologischen Blättern abgedruckt.16
Karl Barth machte in Briefen mehrfach die Ziele deutlich, die K.L. Schmidt und er mit der Erklärung verfolgten. In einem Briefe an Schmitz vom 19.10. äußerte er noch die Hoffnung auf eine gemeinsame Erklärung: «Es war uns vor Allem zu tun um den ganz konkreten Hinweis darauf, daß die abwandernden Hallenser Studenten sich nicht darüber täuschen sollten, daß sie an so und so vielen anderen Universitäten in dieselbe Situation geraten würden, um deretwillen sie Halle verlassen wollten. Es erschien uns dazu nötig, uns den Studenten gegenüber vorbehaltloser, als es in Ihrem Briefe geschieht, zu Dehn zu stellen.»
Als die Hallenser Studenten dann doch auf den Auszug verzichtet hatten, schrieb Barth am 20.10. an Dehn17:
Wir haben unsere Erklärung, zu der wir uns ja, wie Sie wissen, etwas zögernd entschlossen haben, mit vollem Bewußtsein auf den Exodus zugespitzt, weil wir uns sagten, daß dies und nur dies unseres Amtes und auch Ihrer Stellung angemessen sein könne: daß wir die auszugslustigen Studenten darauf aufmerksam machen «Ihr werdet an so und so viel andern Universitäten wieder einem Dehn begegnen und also aufs Neue einen Exodus veranstalten müssen!» M.a.W.: «Wir haben nicht das geringste Interesse daran, flüchtige Hallenser in un|163sere Hörsäle zu bekommen!» Dies schien uns nüchtern und deutlich das Zeugnis zu sein, dessen Sie bedurften: «Dehn ist nicht allein, sondern wer ihn boykottiert, muß wissen, daß er implizit so und so viel andere mit ihm boykottiert.» Eine «Proskriptionsliste für das kommende dritte Reich» hat jemand hier diese Unterschriftenliste genannt. Mehr und etwas Anderes konnten und können Sie von uns nicht erwarten.
Am 24.10. schrieb Barth an Stählin in Münster:
Was wir mit unserer Erklärung wollten, ist gegenüber dem, was Schmitz mit seiner Erklärung will, etwas charakteristisch und von Haus aus Anderes. Wir wollten nicht: 1. Ein Elogium für Dehn («einen Mann wie…»), 2. eine «Verurteilung» der hallenser Studenten, die mit ihrer Auszugsdrohung doch nur von ihrem guten akademischen Recht Gebrauch gemacht haben, 3. ein Aufgebot aller und jeder ‹anständigen Leute› unter den Kollegen. Sondern wir wollten den hallenser Studenten ohne alle moralische Note und auch ohne ihnen Dehn anzupreisen sagen: Wenn ihr in Halle weglauft, so werdet ihr an diesen und diesen anderen Universitäten in dieselbe Situation kommen, denn ihr werdet daselbst diese und diese anderen Theologieprofessoren finden, die mit dem von euch bekämpften Dehn (selbstverständlich zunächst und in diesem Fall: in der Sache, wegen der ihr ihn bekämpft, aber diese Einschränkung geht euch nichts an und machen wir darum euch und den übrigen Aufgeregten gegenüber gar nicht geltend!) «persönlich und sachlich solidarisch» [sind].
Die Zustimmung zu dieser Erklärung haben wir natürlich nur von solchen Kollegen erbitten wollen, von denen wir meinten annehmen zu dürfen, daß sie dafür Verständnis hätten: der Augenblick erforderte die Feststellung einer (für die Unterschreibenden etwas kompromittierenden) Tatsache. Diese Bitte hat uns eine schöne Sammlung von in ihrem Tenor auffällig an Lc. 14,18f. erinnernden Briefen eingetragen. Ohne umsichtiges Wenn und Aber will sich mit verschwindenden Ausnahmen niemand mit dem wackern Dehn «persönlich und sachlich solidarisch» erklären, d.h. die von uns vorausgesetzte «Tatsache» ist offenbar im Allgemeinen nicht Tatsache. […]
Wir haben mit unserer Erklärung nie etwas Anderes gewollt als Übergabe an Rektor und Dekan von Halle zu gutscheinendem Gebrauch und nachher Abdruck (à titre de document) in den Theol. Blättern.
164An der Linie, die in der Erklärung eingeschlagen worden war, hielt Barth auch in der Folgezeit fest. Kritisch urteilte er am 24.11. in einem Briefe an Dehn über die Entwicklung in Halle, die K. L. Schmidt und er «mit größter Aufmerksamkeit und Teilnahme» verfolgt hätten: «Unser starker Eindruck blieb doch, bei aller Dankbarkeit dafür, daß Alles nicht noch schlimmer sich gestaltete, der, daß die Universität sich im großen Ganzen doch ziemlich miserabel benommen hat.18 Die Art, wie man mit den Randalierenden und Randallustigen parlamentierte, ihre edeln Motive anerkannte und sie schließlich ganz straffrei ausgehen ließ, aber auch die Art, wie man offenbar sowohl Sie wie Herrn Aubin als eine Art pudendi der Universität zwar formal deckt, aber dann doch wieder preisgibt, das Alles sieht nicht im geringsten nach akademischer Würde und Selbstbewußtheit aus. «Aber auch zur Sache Dehns selbst äußerte sich Barth kritisch: «Darf ich es aussprechen, daß es mir in anderer Richtung auch nicht ganz wohl dabei war, wenn jeweilen in den Zeitungen von Ihrem energischen Abrücken vom Marxismus, von Ihrer gänzlich unpolitischen Gesinnnung, von Ihrer einstigen Zugehörigkeit zur SPD als einer sozusagen apologetischen Maßnahme (Brücke zwischen Proletariat und Kirche!), die Sie jetzt ohnehin auch noch als eine Art Jugendsünde preisgeben, zu lesen war. Ich unterstelle natürlich ohne weiteres, daß die Zeitungen […] die Sache in einer Betonung vortrugen, die nicht in Ihrem Sinne lag. Aber ich frage mich doch, ob nicht auch Sie selbst, natürlich in bester und verständlichster Absicht, in dieser Hinsicht im Angesicht des Feindes einiges gesagt haben, was vielleicht in diesem Augenblick und diesem Publikum gegenüber besser nicht gesagt worden wäre. Jedenfalls scheint es mir, daß das Licht von Harmlosigkeit, in das Sie seitens Ihrer Verteidigung gerückt worden sind, eigentlich peinlicher ist als die Unflätereien, die von der Gegenseite her über Sie ergangen sind.»