Durch Vermittlung von Pfarrer Löh in Meiderich hörte 1925 Reverend Alfred Funck von Barth. Funck, 1876 in Bad Cannstatt geboren, hatte zuerst dort das Seminar der Wesleyanischen Methodisten besucht, war aber durch Begegnung mit Adolph Zahn mit der Theologie Kohlbrügges bekannt geworden und zum reformierten Bekenntnis übergetreten. 1906 war er in die USA ausgewandert; er hatte im Staate Süd-Dakota verschiedene Pfarrstellen inne, 1926-1932 in Miller. 1914-1933 gab er die von ihm mitgegründete deutschsprachige Zeitschrift «Reformierte Lehre und Wehre» heraus.1
Seit 1926 wandte sich Funck Jahr für Jahr an Barth, der ihm seit 1927 auch mehrfach antwortete, und verfaßte auch mehrere Artikel über Barth.2 Am 8.12.1931 schrieb Funck:
Lieber Herr Dr. Barth:
Darf ich mir nochmals ein Brieflein oder Karte von Ihnen erbitten, das auf Fragen wie die folgenden in etwa antwortete:
1. Was denken Sie von unserem kleinen Blatt, von den darin veröffentlichten Arbeiten, vielleicht auch ein Wörtlein über das Referat «Wort Gottes und seine Verkündigung»?3
Nicht um zu prahlen, nicht um Anerkennung zu finden. Was mich so bewegt, sagen die Worte: «Als Paulus die Brüder sah, gewann er Zuversicht.»4
Ich lebe in einer kirchlich wie theologisch kaum zu beschreibenden Isoliertheit hier im fernen Nordwesten des Landes, von der Kirche als |166 solcher unbeachtet, 150 Meilen, also etwa 240 Kilometer, entfernt vom nächsten Kollegen der Klassis. Und nun brauche ich nichts mehr weiter zu sagen.
2. Sollte Ihr Wort zugleich auch ein Wort für die Mitarbeiter und Leser des Blattes sein, würden Sie mir gestatten, dasselbe im Blatt weiterzugeben?
3. Haben Sie Zerbes Buch5 gelesen? Wenn so, dürfte ich um Ihr Urteil wissen?
4. Auf welche Weise könnte ich Ihnen einen Dienst erweisen?
In Liebe und Hochachtung und mit den besten Segenswünschen für das Neue Jahr
Ihr A. Funck
Barth antwortete am 4.1.1932. Funck nahm Barths Brief «mit großer Freude und Dankbarkeit» auf. Nachdem er ihn zunächst nur hatte zirkulieren lassen6, veröffentlichte er ihn im Sommer 19327: «Obwohl das Blättlein keinen großen Leseranhang hat, so kommt es doch in die verschiedensten Kreise unserer Kirche – wird von vielen theologischen Lehrern und auch von Hauptleitern der Generalsynode unserer Kirche gelesen8
Bonn a. Rhein, den 4. Januar 1932 Lieber Herr Pfarrer!
Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Brief vom 8. Dezember. Lassen Sie sich vor allem sagen, daß ich Ihnen aufrichtig dankbar bin, einmal für die Mitarbeit, die ich Sie in Ihrem Blatt und an Ihrem Ort jahraus jahrein tun sehe, sodann für die Liebe, die Sie mir in Ihren Briefen persönlich entgegenbringen. Es ist nicht meines Amtes, Anerkennungen auszuteilen, aber Sie dürfen wissen, daß ich an dem verantwortungsvollen Werk, das Sie in so großer äußerer und innerer Einsamkeit zu treiben haben, aus der Ferne mit aller Aufmerksamkeit teilnehme. Vielleicht ist es Ihnen ein Trost und eine Freude zu hören, daß immer |167 wieder Stimmen zu mir dringen, denen ich entnehmen kann, daß ein wenig in allen Ländern da und dort solche Einsame in der gleichen Richtung auf dem Wege sind. Kein Mensch kann sagen, was daraus wird, und darum ist es sicher besser, wenn alles in der Stille bleibt. Was davon an die Öffentlichkeit gezogen werden kann, wie es neulich in dem Buch von Adolf Keller «Der Weg der dialektischen Theologie durch die kirchliche Welt»9 geschehen ist, ist sicher nicht das Eigentliche. Sind wir mit diesem Eigentlichen beschäftigt – was ja sicher jeden Tag für uns alle eine neue und oft genug zu verneinende Frage und darum eine richtige Sorge bleiben wird –, dann werden wir wohl für das Problem unserer Wirkung in weiteren Kreisen gar keine Zeit und Lust haben, sondern wie Bergleute in ihrem Stollen mit gesammelter Aufmerksamkeit nur bei der vor uns liegenden Wand und dem unseren Händen anvertrauten Bohrer sein. Die Situation ist ja überall eine ganz besondere. Und so müssen wir es einander zutrauen, daß ein jeder die seinige so gut wie möglich zu verstehen sucht. Darum getraue ich mich nicht, zu der Haltung des von Ihnen geleiteten Blattes mehr zu sagen als dies, daß ich die Linie, die ich für die richtige halte, in seinem grundsätzlichen Wollen und ganz besonders in Ihren eigenen Beiträgen durchaus wiedererkenne und nicht daran zweifle, daß die Ausführung im einzelnen den dortigen Verhältnissen, in die hinein Sie zu reden haben und über die ich nur wenig Urteil habe, angemessen ist. Ich wünsche Ihnen und mir, daß es uns auch im neuen Jahr gelingen möchte, auf dieser Linie einigermaßen gewisse Tritte zu tun. In Amerika gute Theologie zu treiben, muß ganz besonders schwer sein! Mich beschäftigte gerade in der Weihnachtszeit das Buch, das Prof. Wilhelm Pauck in Chicago über mich geschrieben hat.10. Ich konnte nur staunen darüber, wie völlig dieser Mann, der noch dazu ein ursprünglich deutscher Theologe ist und 1922 ein Semester auch bei mir gehört hat, an mir (und nicht nur an mir!) vorbeigeschrieben hat. Er wird den Brief, mit dem ich ihm den Empfang seines Werkes |168 bestätigt habe, in Amerika sicher nicht bekanntmachen!11 Das Buch von Zerbe ist mir leider nicht vor Augen gekommen, und darum kann ich mich auch nicht dazu äußern. Sollten Sie nicht den Verfasser, den Sie offenbar kennen, oder auch den Verlag dazu veranlassen können, daß mir ein Exemplar dieses Werkes zugesandt wird?12 Nach dem Inhaltsverzeichnis, das Sie seinerzeit brachten, vermute ich, daß er mich, ähnlich wie Pauck, wenn auch wahrscheinlich in anderer Richtung, als Philosophen verstanden und damit mißverstanden hat. Aber ich würde es vorläufig nicht für gut halten, mich direkt in das Gespräch der amerikanischen Theologen einzumischen. Es scheint mir viel wichtiger und richtiger, daß in Amerika selbst (von Amerikanern oder Deutsch-Amerikanern!) auf Zerbe und Pauck geantwortet wird, als wenn dies von mir oder überhaupt von Europa aus geschehen würde. Die Eindrücke von der amerikanischen Kirche und Theologie, die ich aus dem Buche von Pauck empfing, waren alles in allem erschütternd: ein einziges von Glockenklang, Orgelspiel, Missions- und Sozialarbeit angenehm begleitetes Hineinlaufen in den wüstesten, nämlich in den frommen Atheismus, möchte man sagen. Aber Gott wird auch da Meister bleiben und kennt sicher auch jetzt schon die Herzen besser als wir, die nur sehen, was vor Augen ist13, und die sich an Hand dessen von dem wirklichen Geschehen vielleicht immer wieder ganz falsche, in diesem Fall vielleicht: viel zu traurige Bilder machen. – Lieber Herr Pfarrer, ich weiß nicht, und ich glaube es eigentlich nicht, daß dieser Brief sich nun gerade dazu eignet, nach Ihrem Wunsch in Ihrem Blatte wiedergegeben zu werden. Ich eigne mich wirklich wenig dazu, sozusagen Hirtenbriefe zu schreiben. Wiederum möchte ich Ihnen aber auch nicht wehren, von diesem Briefe den bewußten Gebrauch zu machen, wenn Sie glauben, daß damit etwas Gutes geschähe. Nur daß ich dann fast meinen möchte, es wäre besser, ihn ohne alle Streichungen wiederzugeben, wie er eben geworden ist. Sagen Sie jedenfalls Ihren Gesinnungsfreunden, daß es mir eine große |169 Freude und Ermunterung sei, aus jenem fernen Lande immer wieder ein solches verständnisvolles Echo zu empfangen.14 –
Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen den Mut, die Demut und doch auch den Humor, den wir Theologen dieseits und jenseits des Ozeans zu unserem angefochtenen und wahrlich anfechtbaren Tun alle Tage nötig haben.