An Prof. Dr. Karl Heim, Tübingen
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An Prof. Dr. Karl Heim, Tübingen
1931
Von
Seit mehreren Tagen liegt neben mir und oft genug offen vor mir Ihr neues Buch «Glaube und Denken», das Sie mir zu überreichen die große Freundlichkeit hatten. Ich danke Ihnen herzlich. Sie dürfen meiner Aufmerksamkeit und meines Willens, Sie zu verstehen, so weit es die mir gesetzten Grenzen nur immer zulassen, auch diesmal gewiß sein. Nicht ohne Beschämung ob des ichhaft gerichteten Interesses, das ich damit bewies, habe ich zuerst nach den mich ja besonders angehenden dreißig letzten Seiten des Buches gegriffen4, immerhin etwas getröstet durch die Nachricht, daß auch die «
153Wenn ich, wie Sie es gewiß erwarten, kurz zu dem gerade hier Vorgetragenen Stellung nehmen soll, so erliege ich zunächst der Versuchung, Ihnen etwas Allgemeines vorzuseufzen über die mich sehr bewegende Tatsache, wie fern und fremd man doch auch und gerade in der heutigen Theologie auch und gerade unter scheinbar sich sehr Nahestehenden dauernd aneinander vorbeiredet. Wie ist es möglich – ich möchte mit einem sehr drastischen Beispiel anfangen –, daß Sie in dem solennen Augenblick, in dem Sie das Vorwort zu der dreibändigen Zusammenfassung Ihres Lebenswerks schreiben, als Erstes die freudige Erklärung abgeben können: «Wir haben genug dogmatische Lehrbücher, die in die Lehre der evangelischen Kirche … ausgezeichnet einführen»6 – und daß ich auf diese Versicherung eigentlich ehrlicher Weise nur mit einem grimmigen Gelächter antworten könnte? Und zur Sache: Ist es Ihnen nicht auch erschütternd, daß die Diskussion zwischen Ihnen und mir doch eigentlich noch genau an demselben Punkte steht, wo sie vor drei Jahren7 und wo sie wahrscheinlich von Anfang an, noch bevor sie durch Schrift und Druck laut wurde, gestanden hat? Wieviel müssen sowohl Sie für mich wie ich für Sie in all den vielen Jahren vergeblich gesagt haben, wenn es nun möglich ist, daß wir uns, jedenfalls in dem, was wir uns gegenseitig meinen vorhalten zu sollen, nur als letzte raffinierteste Inkarnationen gerade des bösen theologischen Prinzips sehen und verstehen können? Warum schaut Sie meine Theologie schließlich doch nur als die letzte Spitze des unerfreulichen Hochmuts des modernen Profanen an? Und warum mich die Ihrige nur als die neueste Form der eben so unerfreulichen Demut des modernen Pietisten? (wobei sich die Attribute des Hochmuts und der Demut ja auch schön vertauschen lassen!). Hier kann doch etwas nicht stimmen. Was wird bei alledem aus den zwischen
Lassen Sie mich kurz zusammenfassen, was mich bei der Lektüre dieser mich angehenden Seiten Ihres Buches alles in allem mehr bekümmert als belehrt und erbaut hat. Bitte nehmen Sie Alles, was ich sage, in keiner Weise als Vorwurf auf, sondern eben nur als Beschreibung der unübersteigbaren Grenzen, vor die ich mich gestellt sehe.
1. Es ist Ihnen sicher bewußt, daß Ihre Polemik, die ich gerne auch als Irenik verstehen will, letztlich darauf hinausläuft, daß Sie mich gleichsam beim Rockknopf ergreifen und mich nach meiner persönlichen Bekehrung fragen. So jedenfalls würde man früher das, was Sie mit mir machen, genannt haben. «Warum hält ihn eine innere Hemmung davor zurück …?» (S. 419)!!8 Mir ist klar, daß die an den Hörer oder Leser gerichtete Frage nach seiner persönlichen Bekehrung hinter jedem echt theologischen Satz steht und stehen muß. Aber mir ist nicht klar, in welchem Sinn und mit welchem Recht er als selbständiger theologischer Satz auftreten kann. Ich denke hier an alle die Stellen, wo Sie mir vorhalten, daß ich mit wunderbarem Instinkt, mit diplomatischer Verschlagenheit etc. schließlich doch nur eine gegen Gott gesicherte Position verteidigen, mich selbst nicht preisgeben, kurz, in jeder Weise vor der eigentlichen Entscheidung ausweichen wolle. Ich sehe: Sie sagen an allen diesen Stellen, «der Mensch» tue das, aber ich müßte Ihr Drängen auf Konkretheit der theologischen Aussagen doch schlecht verstanden haben, wenn ich mich da nicht höchst direkt seelsorgerisch betippt fühlen würde. Und nun will ich wieder nicht leugnen, daß ich das jeden Tag nötig habe. Aber Sie reden ja nicht nur zu mir, sondern über meinen Kopf weg auch über mich zu anderen Leuten, besonders auch zu den «
2. Es gibt eine ganze Anzahl von Stellen auf diesen Seiten, in denen ich mich in einer mir nicht durchsichtigen Weise mißverstanden fühle. Sie lassen mich z.B. sagen, was das Wort Gottes von uns verlange, sei nichts inhaltlich Ausdrückbares, Gott werde dem Menschen nicht unbequem, indem er ein Gesetz erlasse (S. 413). Der Herr befehle uns inhaltlich nichts, sondern lasse uns Freiheit, der Bibelbuchstabe könne nicht bindend werden für unser praktisches Leben (S. 414), Propheten und Apostel seien nur Paradigmata der heteronomen Haltung, es sei Gott verboten, konkret zu mir zu sprechen (S. 416), es sei kein Raum für eine göttliche Auswahl und Versiegelung einer relativen Erscheinung (S. 417), das göttliche Gebot laute: Handle so, daß du … und sei also ein Apriori (S. 423), es komme nicht so genau darauf an, was wir tun, wir könnten also eigentlich machen, was wir wollten (S. 426) etc. etc. Ich kann nur sagen, daß mir alle diese Lehren, so wenig ich Ihre Antithese dazu bejahen kann, fremd sind und daß ich mich doch ein wenig wundern muß, daß Sie, verehrter Herr Kollege, sich so gar nicht gehindert gesehen haben, mir all dieses Ungute in vollem Ernst zuzuschreiben.
3. Ich muß gerade in den entscheidenden Punkten gestehen, daß mir das, was im Unterschied zu mir Sie selber eigentlich wollen, auch diesmal nach wie vor ganz dunkel geblieben ist. Ich will es an einigen Punkten illustrieren: als existenzielle Aussagen in der Theologie sollen nur zugelassen sein Sätze, die ein «Aufschrei» eines zusammenbrechenden
Und nun muß ich doch noch einmal auf den Anfang zurücklenken und Ihnen gestehen, wieviel lieber ich Ihnen nicht diesen, sondern einen ganz anderen Brief geschrieben hätte, wie sehr ich es beklage, daß offenbar weder ich Sie noch Sie mich so lesen können, daß solche gegenseitigen Fragen und Antworten überhaupt möglich werden. Aber da an der Tatsache zunächst nichts zu ändern ist und ultra posse |157 keine Ansprüche an den Nächsten zulässig sind11, bleibt mir nichts übrig, als Sie auch unter diesen Verhältnissen meines Dankes für Ihre Teilnahme an meiner Arbeit und meiner nach wie vor freundlichen Gesinnung gegen Sie zu versichern und Sie zu bitten, es mir nicht übel zu nehmen, wenn ich meinem Kummer in solcher Deutlichkeit12 und Vollständigkeit Ausdruck gegeben habe.
So seien Sie herzlichst gegrüßt von