19 · 1931

An Prof. Dr. Karl Heim, Tübingen

152

19

An Prof. Dr. Karl Heim, Tübingen

1931

Von Karl Heim (s. Offenen Brief Nr. 13) erschien 1931 im Furche-Verlag in Berlin das Buch «Glaube und Denken. Philosophische Grundlegung einer christlichen Lebensanschauung 📖».1 Heim verehrte Barth ein Exemplar, und der bedankte sich mit einem Offenen Brief, den er in der Nr. 5 der Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» unter der Überschrift «Karl Barth an Karl Heim» abdruckte.2 Heim scheint auf Barths Brief direkt nicht reagiert zu haben.3

Hochgeehrter Herr Kollege!

Seit mehreren Tagen liegt neben mir und oft genug offen vor mir Ihr neues Buch «Glaube und Denken», das Sie mir zu überreichen die große Freundlichkeit hatten. Ich danke Ihnen herzlich. Sie dürfen meiner Aufmerksamkeit und meines Willens, Sie zu verstehen, so weit es die mir gesetzten Grenzen nur immer zulassen, auch diesmal gewiß sein. Nicht ohne Beschämung ob des ichhaft gerichteten Interesses, das ich damit bewies, habe ich zuerst nach den mich ja besonders angehenden dreißig letzten Seiten des Buches gegriffen4, immerhin etwas getröstet durch die Nachricht, daß auch die «Furche» ausgerechnet diesen offenbar auch für Andere besonders bedeutsamen Text als erste Leseprobe zum Abdruck gebracht habe.5

153Wenn ich, wie Sie es gewiß erwarten, kurz zu dem gerade hier Vorgetragenen Stellung nehmen soll, so erliege ich zunächst der Versuchung, Ihnen etwas Allgemeines vorzuseufzen über die mich sehr bewegende Tatsache, wie fern und fremd man doch auch und gerade in der heutigen Theologie auch und gerade unter scheinbar sich sehr Nahestehenden dauernd aneinander vorbeiredet. Wie ist es möglich – ich möchte mit einem sehr drastischen Beispiel anfangen –, daß Sie in dem solennen Augenblick, in dem Sie das Vorwort zu der dreibändigen Zusammenfassung Ihres Lebenswerks schreiben, als Erstes die freudige Erklärung abgeben können: «Wir haben genug dogmatische Lehrbücher, die in die Lehre der evangelischen Kirche … ausgezeichnet einführen»6 – und daß ich auf diese Versicherung eigentlich ehrlicher Weise nur mit einem grimmigen Gelächter antworten könnte? Und zur Sache: Ist es Ihnen nicht auch erschütternd, daß die Diskussion zwischen Ihnen und mir doch eigentlich noch genau an demselben Punkte steht, wo sie vor drei Jahren7 und wo sie wahrscheinlich von Anfang an, noch bevor sie durch Schrift und Druck laut wurde, gestanden hat? Wieviel müssen sowohl Sie für mich wie ich für Sie in all den vielen Jahren vergeblich gesagt haben, wenn es nun möglich ist, daß wir uns, jedenfalls in dem, was wir uns gegenseitig meinen vorhalten zu sollen, nur als letzte raffinierteste Inkarnationen gerade des bösen theologischen Prinzips sehen und verstehen können? Warum schaut Sie meine Theologie schließlich doch nur als die letzte Spitze des unerfreulichen Hochmuts des modernen Profanen an? Und warum mich die Ihrige nur als die neueste Form der eben so unerfreulichen Demut des modernen Pietisten? (wobei sich die Attribute des Hochmuts und der Demut ja auch schön vertauschen lassen!). Hier kann doch etwas nicht stimmen. Was wird bei alledem aus den zwischen Tübingen und Bonn unruhiger als je hin und her eilenden, denkenden und redenden theologischen Knaben und Mädchen? Was für ein Zeichen richten wir da eigentlich auf? Sollte der Anlaß nicht «existenziell» (in Ihrem Verstand des Begriffes) genug sein, um Röm. 3,23 nun doch in den Mund zu nehmen, oder wissen Sie Rat, ob sich vorher und sonst zur Behebung dieser doch eigentlich skandalösen Situation |154 etwas sagen und tun läßt? Aber es kann sein, daß es da um Notwendigkeiten geht, zu denen überhaupt nichts zu sagen ist, und so will ich mit diesem allgemeinen Seufzer zum Schluß kommen.

Lassen Sie mich kurz zusammenfassen, was mich bei der Lektüre dieser mich angehenden Seiten Ihres Buches alles in allem mehr bekümmert als belehrt und erbaut hat. Bitte nehmen Sie Alles, was ich sage, in keiner Weise als Vorwurf auf, sondern eben nur als Beschreibung der unübersteigbaren Grenzen, vor die ich mich gestellt sehe.

1. Es ist Ihnen sicher bewußt, daß Ihre Polemik, die ich gerne auch als Irenik verstehen will, letztlich darauf hinausläuft, daß Sie mich gleichsam beim Rockknopf ergreifen und mich nach meiner persönlichen Bekehrung fragen. So jedenfalls würde man früher das, was Sie mit mir machen, genannt haben. «Warum hält ihn eine innere Hemmung davor zurück …?» (S. 419)!!8 Mir ist klar, daß die an den Hörer oder Leser gerichtete Frage nach seiner persönlichen Bekehrung hinter jedem echt theologischen Satz steht und stehen muß. Aber mir ist nicht klar, in welchem Sinn und mit welchem Recht er als selbständiger theologischer Satz auftreten kann. Ich denke hier an alle die Stellen, wo Sie mir vorhalten, daß ich mit wunderbarem Instinkt, mit diplomatischer Verschlagenheit etc. schließlich doch nur eine gegen Gott gesicherte Position verteidigen, mich selbst nicht preisgeben, kurz, in jeder Weise vor der eigentlichen Entscheidung ausweichen wolle. Ich sehe: Sie sagen an allen diesen Stellen, «der Mensch» tue das, aber ich müßte Ihr Drängen auf Konkretheit der theologischen Aussagen doch schlecht verstanden haben, wenn ich mich da nicht höchst direkt seelsorgerisch betippt fühlen würde. Und nun will ich wieder nicht leugnen, daß ich das jeden Tag nötig habe. Aber Sie reden ja nicht nur zu mir, sondern über meinen Kopf weg auch über mich zu anderen Leuten, besonders auch zu den «Furche»-Leuten, die das nur zu gerne lesen werden.9 Sie machen argumentando und zwar an ab|155schließender Stelle Gebrauch von dieser Möglichkeit, und das schafft eine Luft, in der ich nicht diskutieren kann. Das «Existenzielle» in Ehren, aber wenn man ruhig miteinander reden will, muß es eine Unterscheidung der Ebenen und Kompetenzen geben, sonst wehrt sich «der Mensch» – in diesem Fall doch nicht ohne Weiteres gegen Gott, aber gegen diese andringliche Herzensbeleuchtung.

2. Es gibt eine ganze Anzahl von Stellen auf diesen Seiten, in denen ich mich in einer mir nicht durchsichtigen Weise mißverstanden fühle. Sie lassen mich z.B. sagen, was das Wort Gottes von uns verlange, sei nichts inhaltlich Ausdrückbares, Gott werde dem Menschen nicht unbequem, indem er ein Gesetz erlasse (S. 413). Der Herr befehle uns inhaltlich nichts, sondern lasse uns Freiheit, der Bibelbuchstabe könne nicht bindend werden für unser praktisches Leben (S. 414), Propheten und Apostel seien nur Paradigmata der heteronomen Haltung, es sei Gott verboten, konkret zu mir zu sprechen (S. 416), es sei kein Raum für eine göttliche Auswahl und Versiegelung einer relativen Erscheinung (S. 417), das göttliche Gebot laute: Handle so, daß du … und sei also ein Apriori (S. 423), es komme nicht so genau darauf an, was wir tun, wir könnten also eigentlich machen, was wir wollten (S. 426) etc. etc. Ich kann nur sagen, daß mir alle diese Lehren, so wenig ich Ihre Antithese dazu bejahen kann, fremd sind und daß ich mich doch ein wenig wundern muß, daß Sie, verehrter Herr Kollege, sich so gar nicht gehindert gesehen haben, mir all dieses Ungute in vollem Ernst zuzuschreiben.

3. Ich muß gerade in den entscheidenden Punkten gestehen, daß mir das, was im Unterschied zu mir Sie selber eigentlich wollen, auch diesmal nach wie vor ganz dunkel geblieben ist. Ich will es an einigen Punkten illustrieren: als existenzielle Aussagen in der Theologie sollen nur zugelassen sein Sätze, die ein «Aufschrei» eines zusammenbrechenden Christophorus sind (S. 409). Werkerei und Erlebnistheologie! kann ich dazu nur sagen und mit Entsetzen mir vorstellen, wie etwa der Betrieb eines systematisch-theologischen Seminars unter dieser schrecklichen Voraussetzung sich gestalten müßte. – Daß wir allzumal Sünder sind, soll nur aus «ganz konkretem» Anlaß ausgesprochen werden dürfen (S. 409). Wissen oder ahnen Sie etwas davon, aus welchem ganz konkreten Anlaß der Apostel Paulus Röm. 3,23 dies ausgesprochen haben möchte? Ist die Wahrheit des Gerichts und |156 der Verheißung nun wirklich wieder oder immer noch an die biographischen Zuständlichkeiten dessen gebunden, der davon redet? – Christologie soll als Beweis ihrer Echtheit eine Zertrümmerung aller praktischen Sicherungen des Menschen, verbunden mit «Vision» und Ohnmachtsanfall, zur Folge haben (S. 411). Wie mögen Sie sich nur die Erfüllung dieses von mir geforderten Werkes vorstellen? Passiert dergleichen denn nun wirklich in Ihrem Kolleg und Seminar, wenn Sie Christologie vortragen? Mit der bloßen «Erwähnung» (S. 411 oben) der praktischen Bedeutung des Wortes Gottes können Sie es doch sicher auch nicht schaffen. So kann ich es nur als schreckliches und darum sicher menschliches Gesetz empfinden, was Sie mir da auf S. 410 aufladen wollen. – Sie nennen meine Bezugnahme auf die Taufe (Proleg. S. 298f. 📖) «beinahe römisch-sakramental».10 Der Protest gegen das Mißverständnis, das mich auch hier betrübt, mag unterdrückt sein. Ich habe aber in Ihrem Leitfaden zur Dogmatik II, 2. Aufl. S. 79 📖 nachgeforscht, welches denn Ihre eigene Lehre von der Taufe sei, und habe dort den Satz gefunden: Es «erschließt sich dem Glauben in der Taufhandlung selbst die überindividuelle, in der unsichtbaren Kirche allgegenwärtige Sündenvergebung gerade in ihrer Transsubjektivität als individueller subjektiver Besitz». Und nun möchte ich wohl wissen, warum es verboten sein soll, mit diesem Satz auch an anderer und gerade auch an entscheidendster Stelle der Dogmatik, in der Frage der Selbstgewißheit, des Glaubens, ernst zu machen – oder aber, was jener Satz, aber dann auch die Taufe selbst, für einen Sinn haben sollte, wenn dies wirklich verboten sein sollte.

Und nun muß ich doch noch einmal auf den Anfang zurücklenken und Ihnen gestehen, wieviel lieber ich Ihnen nicht diesen, sondern einen ganz anderen Brief geschrieben hätte, wie sehr ich es beklage, daß offenbar weder ich Sie noch Sie mich so lesen können, daß solche gegenseitigen Fragen und Antworten überhaupt möglich werden. Aber da an der Tatsache zunächst nichts zu ändern ist und ultra posse |157 keine Ansprüche an den Nächsten zulässig sind11, bleibt mir nichts übrig, als Sie auch unter diesen Verhältnissen meines Dankes für Ihre Teilnahme an meiner Arbeit und meiner nach wie vor freundlichen Gesinnung gegen Sie zu versichern und Sie zu bitten, es mir nicht übel zu nehmen, wenn ich meinem Kummer in solcher Deutlichkeit12 und Vollständigkeit Ausdruck gegeben habe.

So seien Sie herzlichst gegrüßt von

Ihrem sehr ergebenen
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Als erster Band (des später sechsbändigen Werkes) Der evangelische Glaube und das Denken der Gegenwart, Berlin 1931 📖. ↩
2
Jg. 9 (1931), S. 451–453 📖.↩
3
Im Karl Barth-Archiv ist keine briefliche Antwort erhalten. Die Bibliographie Karl Barth (Bd. II/1) 📖 verzeichnet keine gedruckte Antwort Heims.↩
4
Aus Kapitel 25: Die Aufgabe einer evangelischen Glaubenslehre in der heutigen Geisteslage, S. 391–434 📖. ↩
5
Der Furche-Verlag gab einen 16seitigen Probebogen heraus, den er empfehlend kommentierte: «Alle zentralen Fragen, die die geistige Geschichte besonders der letzten 10 Jahre bewegt haben, kommen hier zur Verhandlung.» Barth unterstrich sich den letzten Satz: «Von diesem Buch wird eine neue Epoche der Geistesgeschichte datieren.»↩
6
A.a.O., S. V. 📖 ↩
7
Siehe die Offenen Briefe Barths und Heims 1928, Nr. 13.↩
8
«Warum hält ihn eine innere Hemmung davon zurück, auf diese Frage [Woher nehmen die Gläubigen die Gewißheit ihrer Gotteskindschaft, da doch die Verworfenen ebenfalls Glauben haben können?] die Antwort Calvins zu geben: Der Heilige Geist versiegelt den Erwählten die Gewißheit ihrer Gotteskindschaft und schneidet damit die Möglichkeit ab, ihr Glaubenskampf könnte eine Don Quichotterie sein?» (A.a.O., S. 418f. 📖).↩
9
Die Mitglieder der pietistisch geprägten Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung, die die «Furche» herausgab.↩
10
«Jeder Leser ist erstaunt über diese ganz und gar unreformierte, beinahe römisch sakramentale Antwort, mit der hier [Chr. Dogm., S. 298–301 📖] die radikale Fragestellung des an sich selbst verzweifelnden Menschen beschwichtigt wird.» (A.a.O., S. 419)↩
11
«Ultra posse nemo obligatur», «Über sein Können hinaus ist niemand (etwas zu leisten) verpflichtet», Umformung eines Rechtssatzes des Juristen P. Iuventius Celsus um 100 (nach Büchmann, Geflügelte Worte, Berlin 197232, S. 583 📖).↩
12
Im Originalbrief an Heim: «in so schweizerischer Deutlichkeit». Als Schlußsatz folgt dort eine Anspielung auf Adolf Schlatter: «Aber es geht ja die Sage, daß Sie dessen auf Grund von Erfahrungen mit meinem ebenso ehrwürdigen wie rüstigen Landsmann in Tübingen nicht ganz ungewohnt seien.»↩