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An Pfarrer John McConnachie, Dundee, Grossbritannien

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An Pfarrer John McConnachie,
Dundee, Grossbritannien

1931

John McConnachie (1876–1948), Pfarrer an der St. John’s Church in Dundee, hatte 1927 begonnen, Barth in Großbritannien bekanntzumachen.1 Am 4.1.1931 richtete er einen Brief an Barth, er sei aufgefordert worden, einen schmalen Band zu schreiben, der im Frühjahr herauskommen solle: «Karl Barth and the Preacher»: «It is not meant to be a scientific treatment of your Theology but rather your message to the Preacher. We are a practical people, and what people want to know is ‹Is this a preachable theology?› So much of our preaching is of the subjective psychological type and there is a sense of dissatisfaction and a desire for something objective and authoritative.» McConnachie sammle gerade das Material, er sei überzeugt, daß Barth eine große |148 Botschaft (message) für die Pfarrer in Großbritannien habe, die sie hören sollten. «My treatment will be entirely sympathetic to your point of view. I shall not go into any questions of criticism. If I mention any points along which development may yet take place in your views it will simply be to show that I have not swallowed your message in an wholesale uncritical fashion.» Da nun Barth freundlich über frühere Veröffentlichungen McConnachies über Barth gesprochen und erwähnt habe, daß er sie bei seinem Besuch in London verwendet habe, um Engländern seine «attitude to the World of God» zu zeigen, wage McConnachie die Bitte an Barth, eine kurze Einleitung zu dem geplanten Werk zu schreiben; sie werde die Annahme des Manuskripts beim Verlag Hodder and Stoughton und die Verbreitung des Buches fördern. McConnachie schlug Barth vor zu schreiben, Barth kenne ihn, habe ihn in Bonn gesehen, in seinem Hörsaal, habe mehrere Texte von ihm über sich gelesen und sei der Meinung, sie seien hilfreich, seine Ansichten einem englisch sprechenden Publikum zu vermitteln; er habe frühere Publikationen des Autors schon zu gleichem Zwecke verwandt.

Zwar könne McConnachie Barth noch kein Manuskript senden, weil es noch im Werden sei. Er fügte aber eine Inhaltsübersicht bei, in der er Überschriften und Stichworte zu den geplanten sechs Abschnitten nannte. Im letzten Abschnitt des geplanten Buches wollte er Barths Lehre zusammenfassen, ihn als Prediger schildern und die Frage beantworten: «What difference would this make upon my preaching?» McConnachie schloß mit der Frage, wie Barth zu der Meinung Hoyles2 stehe, seine Lehre sei zu einem guten Teil Frucht seiner journalistischen Tätigkeit, die Geist und Stil beeinflußt habe.

Barth lehnte in einem Brief vom 9.1.1931 das an ihn gestellte Ansinnen ab. Daraufhin bat McConnachie am 12.1., Barth möge die Erlaubnis geben, daß er in seiner Einleitung den Mittelteil von Barths Antwortbrief in einer Übersetzung, die er in seinem Brief mitteilte, wiedergebe. Mit dieser Lösung zeigte sich Barth am 16.1. einverstanden, und so wurde der Briefteil in dieser Form in das Vorwort zu McConnachies Buch «The Significance of Karl Barth» eingefügt.3 Am |149 12.5. sandte McConnachie ein Exemplar an Barth, der sich bei ihm am 29.5. «für das schöne Buch» bedankte: «Ich habe es aufmerksam gelesen, soweit mein Englisch dazu hinreichte, und sage Ihnen gerne, daß ich mich über seinen Inhalt nur gefreut habe. Ich anerkenne es gerne als eine gute und zutreffende Einführung in die Arbeit, die ich zu tun versuche.» Dieses Urteil Barths über sein Buch gab McConnachie im Februar 1933 in englischer Übersetzung in seinem nächsten Buch über Barth wieder.4

Im folgenden wird Barths Brief vom 9.1.1931 vollständig in seiner deutschen Fassung wiedergegeben. Der in der Übersetzung nicht abgedruckte Teil wird dabei markiert.

Lieber Herr Pfarrer!

Ich danke Ihnen herzlich für Ihren freundlichen Brief. Ich weiß die freundschaftliche Gesinnung und die sachliche Beteiligung, die daraus spricht, sehr zu schätzen, und ich nehme an Ihrer Absicht eines kleinen Buches über meine Arbeit herzlich und mit aufrichtigem Interesse Anteil. Aber nun muß ich Ihnen leider eine Enttäuschung bereiten. Die Erfüllung Ihres Wunsches, zu dieser Schrift ein Vorwort aus meiner eigenen Feder zu bekommen, würde sowohl meinen Grundsätzen wie meiner bisherigen Praxis ganz widersprechen. Ich verstehe die Motive, die Sie zu diesem Wunsche bewogen haben, sehr gut, und ich möchte sehr gerne, daß Sie nicht betrübt wären, von mir ein Nein in dieser Angelegenheit zu bekommen. Sie werden aber gewiß Folgendes verstehen können: Nach Ihren eigenen Mitteilungen wird es sich darum handeln, meine Arbeit und meine Absichten dem englischen theologischen Publikum als «praktisch», als «a preachable theology» darzustellen und zu empfehlen. Ich habe gutes Vertrauen zu Ihnen, daß Sie das mit aller Ihnen möglichen Vorsicht und Umsicht tun werden. Dennoch scheint es mir, daß Sie die Verantwortung Ihren Landsleuten gegenüber für dieses Unternehmen selber übernehmen und |150 allein tragen müssen.⌝ Wenn es meine Aufgabe wäre, selber direkt zu den englischen und schottischen Theologen zu reden, so würde ich vielleicht (ich maße mir ja nicht an, dieses theologische Publikum genau zu kennen) vor Allem darum bitten, man möchte doch nicht so schnell die Frage aufwerfen, was man nun praktisch mit der Sache anfangen kann. Man möchte doch vielmehr mit einer gewissen Ruhe und Liebe dem Nachdenken über die Probleme selbst nachgehen. Man möchte sich dazu entschließen, wieder ganz ernsthaft theologische Arbeit zu leisten. Die Praxis und die Methoden der Praxis würden sich dann nachher entweder in dieser Generation oder in einer späteren ganz von selbst ergeben. Es sei im gegenwärtigen Augenblick nötiger für die Theologen, gerade auch für die im Pfarramt stehenden Theologen, daß sie in ihrer Praxis einmal gründlich gestört und beunruhigt werden, als daß sie nun sofort von einer glänzenden und flotten Praxis zu einer anderen übergehen. Das ist meine eigene Situation, und in diese Situation – nicht einer neuen Sicherheit, sondern eines neuen Fragens und Suchens möchte ich auch in Deutschland diejenigen, die auf mich hören wollen, versetzt sehen. Ich befürchte, wenn jemand mit der Frage an mich herantritt, «what difference would this make upon my preaching?» und von mir nichts Anderes hören will als eine runde Antwort auf diese Frage, so wird er gar nichts verstehen von dem, was ich sage. ⌜Ich weiß nun nicht, lieber Herr Pfarrer, ob Sie nicht selber viel zu sehr charakteristisch englischer Theologe sind, um sich diese meine Gesichtspunkte zu eigen machen zu können. Ich habe viel zu viel Respekt vor der Eigenart der geistigen Situation in einem anderen Lande, um es ohne Weiteres zu verurteilen, wenn dort andere Wege eingeschlagen werden, als ich es tue. Es ist sehr wohl möglich, daß bei Ihnen vorläufig andere Methoden gar nicht möglich sind und daß Sie darum, wenn Sie überhaupt etwas zur Bekanntmachung meiner Arbeit tun wollen, so vorgehen müssen, wie Sie es beabsichtigen. Ich kann aber nicht selber die Verantwortung dafür übernehmen, wie ich es tun würde, wenn ich das von Ihnen gewünschte Vorwort schreiben und mit meinem Namen unterzeichnen würde. Ich möchte mich bei allem Vertrauen, das ich zu Ihnen habe, nicht in einem vielleicht für den Augenblick unvermeidlichen englischen Verständnis in einer durch mein Vorwort als authentisch erklärten englischen Ausgabe in die Hände des dortigen Publikums |151 geben und diesem dadurch die Möglichkeit verschaffen, allzu schnell mit mir fertig zu werden. Ich bin selber zu wenig fertig mit mir, als daß ich nicht sehr wachsam sein müßte, wenn ich dem Versuch begegne, mich möglichst schnell practicable zu machen. Auch wenn dieser Versuch von einem mir so wohlbekannten Mann wie Sie gemacht wird!

Ich hoffe so sehr, Sie verstehen mich gut genug, um auch diese Antwort nicht falsch zu verstehen.

Sie fragen mich, was ich von den Bemerkungen von Hoyle halte betreffend meine «journalistische Tätigkeit»? Ich kann dazu nur sagen, daß ich diese Bemerkungen für vollen Unsinn halte. Meine Tätigkeit an der Christlichen Welt war eine kurze Episode in meinem Leben5, und die gewisse Freude an literarischer Äußerung, die ich in der Tat immer gehabt habe, hat mit dieser Tätigkeit nicht das Geringste zu tun. Herr Hoyle konnte nicht wissen, daß ich an jener Zeitung nicht als Schriftsteller, sondern als technischer Mitarbeiter beteiligt war, der während jenes Jahres kaum etwas mehr als ein paar Recensionen geschrieben hat.6

Ich erwidere Ihre freundlichen Grüße und Wünsche zum neuen Jahr und verbleibe
Ihr ergebener
[Karl Barth]⌝

Sachfußnoten

1
Sein erster Aufsatz: The Teaching of Karl Barth. A New Positive Movement in German Theology, in: Hibbert Journal Jg. 215 (1927), S. 385–400. 📖 – Zu seinem Werdegang und zu seiner Begegnung mit K. Barth s. J. McConnachie, Der Einfluß Karl Barths in Schottland und England, in: Theologische Aufsätze. Karl Barth zum 50. Geburtstag, hrsg. v. E. Wolf, München 1936, S. 559–570. 📖 – Darstellung des Inhalts und der Wirkung von McConnachies Werken über Barth in A.-K. Finke, Karl Barth in Großbritannien. Rezeption und Wirkungsgeschichte, Neukirchen-Vluyn 1995, S. 95–97.101-107.140f.143-145 usw. 📖 ↩
2
R. B. Hoyle, The Teaching of Karl Barth: an exposition, New York 1930, S. 20. 📖 ↩
3
London 1931, S. 11f. 📖 – Das Vorwort datiert vom Februar 1931. – McConnachie kam in seinem Buch zu dem Schluß, Barth sei «the first outstanding Reformed theologian of Germany for the last 150 years.» (a.a.O., S. 268)↩
4
J. McConnachie, The Barthian Theology and the Man of To-day, London 1933, S. 9. 📖 ↩
5
1908–1909 war Barth ein knappes Jahr lang Redaktionsgehilfe in Marburg bei der Christlichen Welt. ↩
6
Sieben Rezensionen Barths aus der CW 📖 sind wieder abgedruckt in: K. Barth, V.u.kl.A. 1905–1909, S. 313–331 und 367-372. 📖 ↩