21. Januar 1935

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

ich kann dir nur kurz berichten, weil ich eigentlich ohne Unterbruch an meinem morgen zu haltenden und nun durch die Elberfelderreise in den Hintergrund geschobenen Vortrag1 sitzen sollte. Aber ein paar Worte müssen nun doch an dich abgehen.

Die Reise ist natürlich dank Ruedi in ausgezeichnete Bahnen gelenkt gewesen von Anfang an. Wie seinerzeit bei früheren guten Fahrten wur|816de mir wieder das fertige Billet überreicht, Stümpen2 eingekauft, der Speisewagen zur rechten Stunde aufgesucht, keine gestrichenen Brötli und Epfel mitgenommen, dafür die Illustrierten und sonst allerhand zum Lesen. Und unter solchen Umständen war das Ziel bald erreicht. Am Bahnhof in Köln aber wurde zuerst noch Lollo gesichtet und an Bord genommen, durchsichtig und mitgenommen, aber bewegt von allem eben hinter ihr Liegenden3 und voll guter Einsichten und Bereitschaft, nun auch diesem Gespräch wieder so offen als möglich entgegenzugehen. Wir hatten uns eigentlich vorgestellt, daß sie eindeutiger an dem deutschen Plane hänge und für unsere Erwägungen nicht allzuviel übrig haben werde. Natürlich liegt ihr vieles, ja alles daran, wenn es denn sein könnte, dich der deutschen Situation zu erhalten, aber darin habe ich sie ohne weiteres verstanden und in Elberfeld erst recht verstanden. Und doch war sie ganz und gar nicht starr darin, sondern hat ja auch ihr Brot aufs Wasser geworfen4 und geht den Weg, der sich zeigen wird. Wie wollte es anders als gut, restlos gut und schön mit ihr gewesen sein! In Elberfeld stand Hesse bereit und neben ihm — unvermeidlicherweise! — der Fremdling5. Wir gaben den Versuch, allein zu Nacht zu essen, bald auf, weil im Predigerseminar schon alles bereit war, suchten nur noch schnell das Hotel Kaiserhof auf, und dann waren |817 wir gleich mitten im Kreis der Kandidaten. Ich mußte sofort ans Telefon, wo mich «Bruder Immer» für eine Predigt verpflichten wollte. Die werden da offenbar sehr rasch aus dem Ärmel geschüttelt. Nach dem Essen wurden Psalmen gesungen, aus der Bibel gelesen und bereits in einem längeren Gebete gegen unser vermutliches Vorhaben, dich in die Schweiz zu ziehen, erste Vorkehren getroffen, denen wir uns natürlich nicht anschließen konnten. Das Auto Halstenbach aber brachte uns nach vielem Auf und Ab über holpriges Pflaster nach Barmen zu diesem Edelkaufmann in jene Halle, in der du wohl schon mehr als einmal auch gesessen hast.6 Sofort wurde wieder gebetet. Doch standen auch ausgezeichnete und gefüllte Zigarrenkisten herum. Und die Beratung begann. Lollo wollte zuerst die Brüder auf Herz und Nieren prüfen, indem sie die Urteilsbegründung7 durch den Herrn Dr. Mensing8 lesen und im Auszug vorlegen ließ. Das brachte den zunächst durch Hesse und Immer, Bockemühl9 und Humburg bereits in Fahrt geratenen Schlitten in eine andere Richtung: sie hatten zunächst einfach deine Bedeutung für Deutschland hervorgehoben sowohl im Blick auf deine kirchenpolitische (Hesse) wie im Blick auf deine Leistung für die protestantische Welttheologie überhaupt. Nun erwogen sie die durch die Ur|818teilsbegründung entstandene Lage, sprachen über die Situation der theologischen Schule, baten uns Schweizerbrüder darum, ihnen auf alle Fälle Zeit zu lassen10, klärten die Frage ab, ob nicht die ganze Bekenntnissynode oder dann die von Rheinland-Westphalen dich berufen könnte, was, soviel ich verstand, als nicht gerade bevorstehend erachtet wurde. Humburg sah eine gewisse Verwirrung als bevorstehend an, die durch die Verlagerung in der Urteilsbegründung11 sicher bei gewissen Kreisen eintreten werde. Lollo griff kräftig und klärend in das Gespräch ein, indem sie betonte, es liege nun alles daran, diese Verlagerung dadurch unwirksam zu machen, daß man zeige, wie auch die nun vorgeschobenen Punkte (Hitlergruß + Äußerungen in Berlin) ganz das gleiche meinten von dir aus wie dann die Eidesverweigerung.12 Aber klar |819 blieb bei allen: Barth ist der theologische Lehrer der Kirche: er bleibt es! (Humburg). Endlich kam ich zu Worte: 1. Wir wollen Barth nicht aus dem Kampfe ziehen, aber ihn an eine andere Stelle setzen. 2. Nach allgemeinem Eindruck ist die Lage in Deutschland für ihn und seine Arbeit einfach bedroht und unsicher. Dürft ihr unter diesen Umständen ein Experiment mit ihm machen, dessen Kosten er schließlich bezahlen muß? 3. Ich sage das einmal als Freund, dem Barths Existenz am Herzen liegt. Das ist eine allerdings mehr persönliche Sache. Aber dann im Blick auf seine Leistung für die ganze Kirche. Diese Arbeit darf nicht ohne Not aufs Spiel gesetzt werden. Auch England und Amerika warten hinter unseren deutschsprechenden Kirchen auf die Fortführung seines Weges in der grundlegenden dogmatischen Arbeit. 4. Der Ruf der Schweiz ist nicht gering zu achten. Er ist in seiner Art von innerer Notwendigkeit getragen. Auch wir haben eine Kirche, die sich Karl Barth als wichtiges Arbeitsfeld öffnen wird. Was daraus wird, das kommt auch euch wieder zugut. Nach mir griff der «Älteste»13 Pestalozzi in gleicher Richtung ins Gefecht ein. Er bezweifelte vor allem, daß die Auseinandersetzungen in Deutschland wirklich auch nach deinem Einsatz und Weiterarbeiten draußen zu einem greifbaren Abschluß kommen werden. Er sieht voraus, daß endlose Wirrnisse weitergehen werden. Es sei schade, dich in diesem Kriege zu verbrauchen. Darauf Humburg: das sei eine heilige Stunde, die Brüder zweier Kirchen in dieser Weise über diese Frage zu einander sprechen zu hören. Ein ganz großes Erlebnis! Aber eben: du seiest der Mann, den «wir in den nächsten Jahren nicht entbehren können». Und die Zahl derer, die wenn auch im Stillen erst für dich eintreten, sei viel größer, als man denke. Leider nicht durch Klarheit [ausgezeichnet] und eher verwirrend redete dann unser Freund Alfrède14 — er schien aber nicht allzuviel Gewicht zu haben unter den «Brüdern». Er schob deine persönliche Existenz in nicht einleuchtender Weise in den Vordergrund. Weiter sprach Hesse, aufs neue deinen Einfluß in Deutschland stark und überzeugend hervorhebend. Und gab das Versprechen ab: Barth muß bei uns an seiner Dogmatik 📖 arbeiten können. Klugkist15 schwärmte dann ein wenig in Richtung: Beschwö|820rung Calvins durch Farel — «deine verdammten Studien» — auch im Kampf kann gearbeitet werden.16 Barth will Kämpfer sein. Das sei gerade Bekenntnishaltung, wie du sie die Jungen gelehrt habest.17 Humburg gab kund, daß die dich niederdrückenden Vorgänge bei der Sitzung des Bruderrates ganz anders zu interpretieren seien. Man habe gerade um deinetwillen gesagt, daß der Bruderrat dich zur Einlegung der Revision gebeten habe, solle verschwiegen werden.18 Das hätte deine |821 Stellung verschlechtert. Für die Überwindung der konfessionellen Spannungen seiest du schlechthin unersetzlich draußen. Herr Siebel erwog nochmals die ungünstige Rechtslage und empfahl Sondierungen in Berlin.19 Die Mittel, dich anzustellen, würden unbedingt da sein. Lollo griff nochmals ausgezeichnet und glänzend ein: sie schilderte die Mühe, die die Arbeit an der Dogmatik 📖 koste. Und die innere Aufgabe, gerade daran zu arbeiten. Das erfordere ganzen Einsatz. Du könnest nicht weiter und weiter auf zwei Feldern kämpfen. Es gehe hier um ein Entweder-Oder. Es ist wirklich die Frage ernst zu nehmen, ob man ihn da draußen immer neu in den Kampf werfen dürfe. Du siehst: also sicher ein gutes Gespräch. Zum Schluß mußte ich noch ein Wort sagen.20 Dann fuhren wir zurück und — völlig veränderte Situation! — kamen im Kaiserhof in ein elegantes Dancing, tranken noch eine Flasche Wein |822 und blieben bis nach Mitternacht zusammen. Andern Morgens trafen wir drei uns zunächst wieder für einen Augenblick allein beim Morgenkaffee, um dann in den Bekenntnisgottesdienst abgeholt zu werden. Hesse hielt ihn in Form einer Doppelpredigt: einer Vorpredigt, nach der Lollo und ich meinten, es sei schon zu Ende, und einer dann erst folgenden Nachpredigt. Ziemlich viel Rhetorik im alten Stil, ernste und eifrige Beteuerungen und sicher auch mutige Worte gegen «Blut und Boden»21 (er war am ersten Gebot). Doch dann wieder lange, lange freie Gebete, in denen sowohl der Saarsieg22 verdankt als auch unter starker Betonung der Heilige Geist auf Adolf Hitler herabgefleht wurde, was dieser sicher nötig hätte, was aber doch mehr zu der Bekenntniskirche hin gesagt schien. Wir fuhren ab und trafen dann im Restaurant zur ewigen Lampe mit Herrn Bleibtreu und Prof. Wolf zusammen. Ruedi spendierte ein treffliches Mittagessen. Und nochmals wurde alles erwogen. Die Beiden sahen die Lage, wie dir Lollo berichtet hat, als wenig aussichtsvoll hinsichtlich der eingelegten Berufung. Um drei Uhr mußten Ruedi und ich weg.

Mein Eindruck ist dieser: 1. Die Deutschen sind voll guten Willens und stehen nach dem Maß ihrer Kräfte treu zu dir in diesem reformierten Winkel. Aber sie haben ihrem Staate schon längst so wenig widerstanden, daß sie jetzt auch seinen neuen Anschlag gegen dich mit keinerlei Mitteln werden abwenden können. Falls du wirklich gehen müßtest, so wäre das, auch das, in gewissem Sinne die nicht unverdiente Frucht eines längst eingeleiteten Rückzuges vor der nach allem greifenden politischen Ideologie. Man kann nicht plötzlich eine Schlacht gewinnen auf einem Felde, das man schon längst geräumt hat. 2. Trotzdem scheint es richtig zu sein, die Berufung laufen zu lassen, sofern |823 nicht gerade endlose Verzögerungen daraus entstehen. Es wird zwar, wenn nicht alles trügt, eine neue und vielleicht schärfere Verurteilung erfolgen, schärfer in dem Sinne, daß du mehr und öffentlicher politisch diffamiert werden wirst. Es heißt ja schon jetzt: den Eid habest du schwören wollen. Deswegen hätte man dich also nicht fallen gelassen, aber was dahinter stehe an lätzer23 Staatsgesinnung, sei das Gravierende. Das wird wohl noch schärfer herauskommen. Aber die Reformierten hängen irgendwie an dieser Berufung. Vielleicht ist es ihnen nochmals vor Augen zu führen, daß man auf diesem Weg nicht weiterkomme. Vielleicht müßten sie ihre Bitte an dich nochmals erneuern, dabei zu bleiben? Wenn dann das neue Urteil da ist — das allerdings scheint mir unerläßlich —, dann müssen sie sich nochmals ganz neu vor die Frage stellen lassen: Können wir es verantworten, Barth unter diesen Umständen nach Elberfeld zu rufen? Oder wäre das nicht wirklich ein nutzloses Experiment, das man mit dir nicht spielen darf? Dann müßten sie dich — wenn nicht ein Wunder des Umschwungs in der Einstellung des Staates geschieht, wenn nicht sozusagen die Reichswehr dich unter ihren Schutz nimmt24 — freigeben für Basel. Das sind so meine Erwägungen. 3. Denk, das ganze Format der Leute und der Gespräche, wie ich es empfand, hat mich ein klein wenig enttäuscht — aber ich weiß: so darf man nicht messen und reden! Es ist mehr so ein hinzukommendes Gefühl. Hesse speziell ist mir wirklich sehr sympathisch und nahe. Auch andere wie etwa Immer sind einfach gut. Und hinter ihnen allen steht ja ein ganz großer Einsatz. Aber speziell wenn ich an den Gottesdienst denke und auch an gewisse Phasen des Gespräches, so hätte ich irgendwie eine höhere geistige Spannung erwartet. Aber ich sage das niemals im Sinne einer Abwertung. Ich habe da ja viel zu wenig Einblick. Nur so sehr anders als bei unseren schweizerischen Pfarrern, mutatis mutandis, kam mir alles nicht vor. Sicher war auch das Gespräch in Basel nicht weniger gut und gewichtig als das in Elberfeld. Wenn mir dieser letzte Eindruck etwas sagt, so dieses, daß du auf alle Fälle für die Arbeit an der Dogmatik 📖 da bist. Das übrige wird mehr oder weniger gut vorwärts gehen. Und ich wünschte mir dein Draußenbleiben, wenn |824 ich es überhaupt wünschen kann, mindestens ebensosehr wie um der kirchenpolitischen Kämpfe willen um deinetwillen: einmal weil ich dir den inneren Anstoß, der sichtlich auf dich von diesen aktuellen Fragestellungen her ausgeht, gönnen möchte. Und dann weil ich den deutschen Raum um seiner Weite willen gern um dich liegen sähe. Aber auch das ist ja nicht sehr dringend gedacht. Mir ist eigentlich unser dir ja bekannter schweizerischer Ruf eher dringlicher geworden, wenn ich auch die Not draußen, die nach dir verlangt, wohl sehe und nicht gering achte. Von allen deutschen Voten, die ich in diesen Tagen vernommen habe, ist mir eigentlich außer gewissen Äußerungen von Hesse und Humburg das Votum von Hartenstein25 am eindringlichsten geblieben.

Ich muß schließen. Ruhe noch gut aus. Du wirst es draußen wieder brauchen können. Und erst recht für deine innere Entscheidung. Wie hat dir wohl Lollo berichtet? Sie hat durch ihr Dasein beim Gespräch wie durch ihr Eingreifen viel bedeutet. Mir hat die ganze Reise etwas gegeben, ich bedaure sie keineswegs. Grüße Frau Professor und Lindts von mir. Wir freuen uns auf dein Zuunskommen. Laß es nicht zu kurz bemessen sein!

Herzlich
Dein
Eduard

Alph. Koechlin läßt noch sagen: du sollest doch in Bern auf dem politischen Departement vorbeigehen und dein eindeutiges Schweizerbürgertum feststellen. Der Berliner Gesandte hat scheints irgendwie sich um deine Sache gekümmert.26 Koechlin hatte Bericht aus Bern. Aber bisher meinten sie dort, du seiest mindestens Doppelbürger.

Sachfußnoten

1
Am 22.1.1935 sprach Thurneysen im Rahmen einer Vortragsreihe des Münstergemeinde-Vereins der Positiven über «Lebendige Kirche und Bekenntnis». Der Vortrag erschien in erweiterter Fassung unter leicht geändertem Titel als: Lebendige Gemeinde und Bekenntnis (ThExh 21), München 1935. 📖↩
2
Schweizerische Zigarrensorte.↩
3
An Barths Stelle hatte Ch. von Kirschbaum als offizielle Vertretung von Bonn an der Rüstzeit der Bekennenden Kirche vom 14. bis 17.1.1935 in Bad Oeynhausen teilgenommen, deren Ergebnisse nach Vorlage beim Reichsbruderrat von diesem der Vorläufigen Kirchenleitung als Weisung übergeben werden sollten (Beschluß des Reichsbruderrates vom 3.1.). Nach einem einführenden Referat berieten lutherischer, unierter und reformierter Konvent getrennt über die Themen «Alte und neue Kirche, Reformation oder Restauration» (am 15.1.), «Staat und Kirche» (am 16.1.) und «Volkskirche, Freikirche oder Bekenntniskirche?» (am 17.1.) und einigten sich im jeweils folgenden Plenum auf Thesen zu diesen Themen. Vgl. den summarischen Bericht «Rüstwoche der Bekennenden Kirche» in Oeynhausen vom 14.-17. Januar 1935, in: 31. Brief zur Lage vom 11.2.1935, in: Beckmann, S. 234 📖; Original und Durchschlag eines 20 seitigen Berichtes von Fr. Schipper über die Rüstzeit (mit handschriftlichen Zusätzen des Autors) im Karl Barth-Archiv. Thesen bei Schmidt 1935, S. 50f. 📖↩
4
Vgl. Joh. Jacob Reiske über seine von ihm selbst aufgesetzte Lebensbeschreibung (Leipzig 1783): «Ich wagte es drauf, es auf meine kosten drucken zu lassen und mein brot aufs wasser zu werfen» (zitiert nach: J. und W. Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. II, Leipzig 1860, Sp. 401 📖).↩
5
Alfred de Quervain. Vgl. oben S. 153 bei Anm. 34.↩
6
Carl Wilhelm («Willy») Halstenbach (1886–1953), Kaufmann und Kirchmeister in der reformierten Gemeinde Barmen-Gemarke, seit Dezember 1934 Mitglied des Moderamens des Reformierten Bundes, «wurde während des Kirchenkampfes Mitglied des Presbyteriums in Gemarke. In seiner Wohnung [der «Villa Halstenbach»], fanden sehr viele Zusammenkünfte von Kreisen der Bekennenden Kirche statt» (R. Steiner, Die Reformierte Gemeinde Gemarke im Jahre 1933 und 1934 [SVRKG 68], Köln 1982, S. 149, Anm. 92 📖; Abbildungen des Saals der Villa Halstenbach in: R. Hendricks, Villa Halstenbach. Geschichte eines Hauses und der Fabrikantenfamilien Mittelsten Scheid, Lekebusch und Halstenbach. Aus Anlaß des 100jährigen Bestehens des Saalanbaus, Schwelm 1996, S. 66 📖). Zu dem Treffen vom 19.1. vgl. R. Steiner, a.a.O., S. 125f.128; von Ch. von Kirschbaum erstelltes 12seitiges Protokoll über das «Gespräch (im Auszug) zwischen Pastoren und Ältesten von Wuppertal und Ed. Thurneysen und R. Pestalozzi am 19.Jan.1935 in Barmen» im Karl Barth-Archiv.↩
7
Abdruck bei Prolingheuer, S. 286–296. 📖 ↩
8
Rechtsanwalt Dr. Carl Mensing (1876–1953), Kirchmeister der reformierten Gemeinde Elberfeld und Mitglied des Kuratoriums der Theologischen Schule Elberfeld sowie Mitglied des rheinischen Provinzialbruderrates und des preußischen Bruderrates, Rechtsbeistand der Bekennenden Kirche in vielen Prozessen.↩
9
Peter Bockemühl (1896–1953), 1927 bis zu seinem Tod Pfarrer in der reformierten Gemeinde Cronenberg (heute Stadtteil von Wuppertal), 1929 von K. Barth mit einer Tochter von Hugo und Maria Putsch getraut.↩
10
P. Humburg bat «die Herren Brüder aus der Schweiz», den Deutschen Zeit zu lassen. «Und dann wäre zu überlegen, was geschehen kann, damit dieses Urteil nicht rechtskräftig wird und dieses Verfahren niedergeschlagen wird. Dann erst, wenn alles da getan ist, dann kommt die Frage der Theol. Schule. Da ist dann der Augenblick gekommen, wo uns die Not zwingen kann[,] zur Gründung einer Freien kirchlichen Fakultät zu schreiten» (Protokoll, S. 4).↩
11
Die Urteilsbegründung, die am 16.1.1935 nach Bonn geschickt worden war, bezeichnete ausdrücklich Barths Verhalten in der Eidesfrage (Punkt 1 der Anklage) als für eine Dienstentlassung nicht ausreichend, zumal er in seinem Brief vom 18.11.1934 erklärt hatte, den Eid nun in der vorgeschriebenen Form leisten zu können. Verurteilt wurde Barth wegen seiner oppositionellen Haltung, wie sie sich in den beiden anderen Anklagepunkten (s. oben S. 798f., Anm. 17) manifestiert habe. Der Staat könne sich nicht «mit dem Verhalten eines beamteten Hochschullehrers und Jugenderziehers, wie der Angeklagte es an den Tag gelegt hat, abfinden». Von einem solchen Beamten müsse der Staat «in erster Linie unbedingtes Eintreten für das Ideengut der nationalsozialistischen Bewegung» verlangen. «Diesem Staate gegenüber, der von seinen Dienern den Einsatz des ganzen Menschen mit allen Kräften des Herzens und der Seele verlangt, ist keine laue Loyalität denkbar, mit der es sich der Beamte des früheren Parteistaates genügen lassen konnte. Eine solche Einstellung aber ist dem Angeschuldigten nicht möglich …» Vgl. Prolingheuer, a.a.O. (Zitate dort S. 291) sowie S. 120f. 📖 ↩
12
Zu diesem Gesprächsabschnitt vermerkt das Protokoll: «Mensing: … Daß die Gesamtlage hingegen damit sehr erschwert ist, das läßt sich nicht leugnen. Humburg: Sehr erschwert. Denn wie soll man einer weiteren Öffentlichkeit jetzt noch die Sache erklären können? Nun sie ja eigentlich mit der Sache der Kirche nichts mehr zu tun hat? L. v. K.: Ich glaube, das dürfte nicht gesagt werden, denn es gilt gerade jetzt unter allen Umständen daran festzuhalten, daß es die gleiche Sache ist in allen drei Punkten. Es geht in den beiden anderen Anklagen um dasselbe Anliegen, um das es in der Eidesfrage geht, und die Kirche wird sich diesem Anliegen hier so wenig wie dort entziehen können und dürfen» (Protokoll, S. 5).↩
13
So wurde R. Pestalozziwohl als Nicht-Theologe vom Gesprächsleiter angeredet. Ein Presbyteramt bekleidete er nicht.↩
14
A. de Quervain.↩
15
Lic. theol. Hermann Klugkist Hesse (1884–1949) war nach Pfarrämtern in Wybelsum, Weener und Loga seit 1920 Pfarrer in Elberfeld (nach dem Krieg auch Superintendent), außerdem (zusammen mit K. Immer) seit 1933 Herausgeber des bekenntniskirchlich orientierten biblischen Wochenblattes «Unter dem Wort».↩
16
Als Calvin Anfang Juli 1536 auf der Rückreise von Italien durch Genf kam, wurde er vom dortigen Reformator Guillaume Farel «im Namen des allmächtigen Gottes» gebeten, unter Verzicht auf seine Privatgelehrtenlaufbahn Aufbau und Ordnung der Genfer evangelischen Kirche zu übernehmen (Fr. W. Kampschulte, Johannes Calvin. Seine Kirche und sein Staat in Genf, Bd. I, Leipzig 1869, S. 281 📖). Darauf hatte in Elberfeld schon H. A. Hesse in seiner Begrüßung hingewiesen: «Das, was uns hier zu der Bitte veranlaßt hat, B. möchte, wenn es sein könne, nach Elberfeld kommen, das liegt uns nicht in dem Sinn am Herzen, daß wir drängen möchte[n], daß wir ihn wie Farel Calvin beschwören möchten: Du mußt bleiben! … Aber wenn der Wille Gottes wirklich sich in diesem Fall erweisen sollte als der, daß uns K. B. genommen würde, und sei es auch nur, wie er es verschiedentlich ausgedrückt hat, auf einige Jahre (wir haben dabei gedacht an die Zeit, in der Calvin nach Straßburg ging!), dann möchten wir das allerdings mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen: Es wäre für uns ein schwerer ernster Weg …» (Protokoll S. 1f.; eine entsprechende Äußerung von H. Kl. Hesse ist dort nicht vermerkt).↩
17
Laut Protokoll sagte H. Kl. Hesse: «Wenn einer uns gelehrt hat, Bekenntnis und Bekenntnishaltung nicht auseinanderzureißen, so K. B. Und wenn das verstanden ist, so kann man nicht sagen: K. B. muß seine Dogmatik 📖 schreiben. Das wäre fast, als wenn man sagen wollte: Du mußt deine Bekenntnishaltung halbwegs aufgeben. Wenn K. B. hier bliebe, so müßte er Dogmatik weiterschreiben, wenn er nach Basel ginge, so müßte er weiter ‹Theol. Existenzen› schreiben! » (S. 10).↩
18
Als den Mitgliedern des Reichsbruderrates die Beschlüsse seiner Sitzung vom 3.1.1935 in Oeynhausen schriftlich zugestellt wurden, bemerkte Gotthilf Weber, Kochs neuer Stellvertreter, in einem Begleitschreiben, «daß der Bruderrat den unter 1) genannten Beschluß als vertraulich behandelt wissen will. Der genannte Beschluß ist nicht zur Weitergabe an die Amtsbrüder bestimmt!» (Brief vom 5.1.1935). Die Bemerkung bezieht sich auf den — in Anwesenheit der von Präses Koch ebenfalls eingeladenen, ausgetretenen Mitglieder Barth, Hesse, Immer und Niemöller gefaßten — Beschluß: «Der Bruderrat der D.E.K. fordert Herrn Professor D. Barth auf, gegen das Urteil der Dienststrafkammer bei der Regierung in Köln vom 20.12.1934 Berufung einzulegen.» Humburg versuchte nachträglich, Barth diese Bitte in einem ausführlichen Brief zu erklären: «Aber jene Tatsache, daß man Sie bat, unsere Aufforderung an Sie, Revision anzumelden, nicht zu veröffentlichen, war nur so zu verstehen, daß man Ihre Sache nicht belasten wollte durch die Opposition, die von staatlicher Stelle etwa gegen die Bekenntnisfront gerichtet sein würde. Wenn es den Anschein haben würde, daß unsere Bekenntnisfront Ihre Angelegenheit als die eigene vertrete, so sei zu befürchten, daß das einer gerechten Durchführung des Verfahrens gegen Sie schädlich sein würde. So hat auch, soviel ich weiß, Prof. v. Soden die Sache in Ihrer Gegenwart begründet, und so allein war sie zu verstehen. Auf jeden Fall nicht als der Ausdruck einer Zurückhaltung, als wolle man sich nicht hinter Sie stellen oder als wolle man sich von Ihnen distanzieren» (Brief vom 21.1.1935). Zur Bruderratssitzung vgl. auch Prolingheuer, S. 111–114 📖 (Abdruck der Beschlüsse dort S. 114f.); ferner Marahrens’ Bericht über die Sitzung vor nicht-deutschchristlichen Kirchenführern am 4.1. in: Meiser, Aufzeichnungen I, S. 368–370. 📖 ↩
19
Das Protokoll (S. 10) bietet eine Zusammenfassung der Äußerungen von Remko Walther Siebel (1894–1976), Fabrikant in Freudenberg (Kreis Siegen), 1922–1936 als Schatzmeister Mitglied des Moderamens: «Siebel: berichtet von seinem Gespräch mit K. B. und der guten Verständigung, die trotz der politischen Gegensätzlichkeit möglich wurde. Er hält die Stellung B.’s infolge des Urteils für ungemein schwierig in Deutschland, ist der Ansicht, daß der Minister befragt werden muß, ob B. eine freie Lehrtätigkeit noch erlaubt ist, ehe er den Ruf nach E. annimmt.»↩
20
Das Protokoll gibt drei Voten Thurneysens wieder (S. 1.5-8.11). In seinem Schlußwort faßte er Zweck und Ergebnis des Gesprächs zusammen: «Unser Dienst ist damit geschehen, daß wir nun die Schwere und den Ernst der Verantwortung [scil. einer Berufung Barths] Ihnen noch einmal vor Augen gestellt haben. Wir unsererseits nehmen den Eindruck mit, daß Sie diese Verantwortung in vollem Ernst und Gewißheit in sich tragen und wissen, was Sie tun, wenn Sie ihn rufen. Von da aus werden wir uns alle hinter ihn stellen müssen.»↩
21
Die «häufig verwendete Propagandaformel (vom Volksmund abschätzig zu ‹Blubo› verkürzt) [stand] für den ‹Grundgedanken› der nat.-soz. Ideologie, daß ein ‹gesunder Staat› nur auf der Einheit von ‹eigenem Volk›, also ‹Blut› (d. h. einer einheitl. Rasse) und ‹eigenem Boden› beruhen kann» (H. Heidtmann, Art. «Blut und Boden», in: Das große Lexikon des Dritten Reiches, hrsg. von Chr. Zentner und Fr. Bedürftig, München 1985, S. 80 📖).↩
22
Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages von 1919 sollte das Saargebiet nach 15jähriger Verwaltung durch den Völkerbund in einer Volksabstimmung über seine endgültige staatliche Zugehörigkeit entscheiden. Am 13.1.1935 stimmte erwartungsgemäß eine überwältigende Mehrheit (fast 91%) für die Rückgliederung in das Deutsche Reich, die — nach dem entsprechenden Völkerbundsbeschluß am 17.1. — am 1.3.1935 erfolgte.↩
23
= verkehrter.↩
24
Vermutlich spielt Thurneysen hier auf die Darstellung der Hintergründe des «Röhm-Putsches» durch A. Oeri an, derzufolge die Reichswehr die von Hitler befohlene Ermordung von Papens verhindert habe; vgl. oben S. 681f., Anm. 6.↩
25
Zu Hartensteins Votum schrieb L. Christ an Barth: «Aus der Rede Hartensteins hab ich eindrücklich den Ruf der deutschen Kirche nach deiner Hilfe herausgehört. Die Aufforderung aber, ja die Verpflichtung zum Opfer, mit der er geschlossen hat, die find ich ganz und gar unerträglich und unzulässig» (Brief vom 13.1.1935).↩
26
Am 16.1.1935 hatte P. Dinichert Bundesrat Motta über eine am 12.1.1935 in deutschen Zeitungen veröffentlichte Mitteilung der Dienststrafkammer zu Barths Verurteilung (s. Prolingheuer, S. 120 📖) informiert und sich «schon aus rein menschlichen Gründen» erkundigt, ob Barth und seine Familie «im Zusammenhange mit seiner Dienstentlassung irgendwie belästigt worden» seien, da er seit seinem Besuch bei Staatssekretär von Bülow (s. oben S. 811, Anm. 51) «auf offiziellem Wege» nichts mehr von Barth gehört habe. Auskunft könne man «zweifelsohne» über Koechlin erhalten (Brief im Schweizerischen Bundesarchiv, Bern). Eine entsprechende briefliche Anfrage von M. de Stoutz, dem Chef der Abteilung für Auswärtiges im Politischen Departement in Bern, (nicht erhalten) verneinte Koechlin am 21.1.1935 und fuhr fort: «Auch die Prozeßverhandlung vollzog sich formell in durchaus entgegenkommender, einwandfreier Weise.» Er habe Barth vor kurzem in Basel von Dinicherts Intervention bei von Bülow in Kenntnis setzen können. Barth werde «zweifellos, falls er nicht mündlich bei Ihnen vorsprechen kann, Ihnen vor seiner Rückkehr nach Deutschland noch berichten» (Brief im Schweizerischen Bundesarchiv, Bern). Die Anfrage von de Stoutz beilegend, forderte Koechlin Barth am 21.1.1935 auch noch direkt brieflich auf, in Bern vorzusprechen (Brief im Karl Barth-Archiv). Daraufhin teilte Barth de Stoutz am 30.1.1935 von Basel aus mit, «daß bisher weder ich selbst noch meine Angehörigen im Zusammenhang mit meiner Dienstentlassung irgendwie belästigt worden sind. — Es kann Sie außerdem interessieren zu vernehmen, daß das Disziplinargericht, das die Dienstentlassung über mich verhängt hat, mündlich und schriftlich die Feststellung machte, daß ich (entgegen der bisherigen allgemeinen Annahme) bei meiner Ernennung zum ordentl. Professor im Jahre 1925 die deutsche Staatsangehörigkeit nicht erworben habe und also nur als Schweizerbürger anzusprechen sei» (handschriftliches Original im Schweizerischen Bundesarchiv, Bern; vgl. oben S. 225, Anm. 3). In seiner Antwort vom 2.2.1935 ließ de Stoutz Barth wissen, daß man sich gegebenenfalls für ihn verwenden werde.↩