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21. Januar 1935
ich kann dir nur kurz berichten, weil ich eigentlich ohne Unterbruch an meinem morgen zu haltenden und nun durch die Elberfelderreise in den Hintergrund geschobenen Vortrag1 sitzen sollte. Aber ein paar Worte müssen nun doch an dich abgehen.
Die Reise ist natürlich dank Ruedi in ausgezeichnete Bahnen gelenkt gewesen von Anfang an. Wie seinerzeit bei früheren guten Fahrten wur|816de mir wieder das fertige Billet überreicht, Stümpen2 eingekauft, der Speisewagen zur rechten Stunde aufgesucht, keine gestrichenen Brötli und Epfel mitgenommen, dafür die Illustrierten und sonst allerhand zum Lesen. Und unter solchen Umständen war das Ziel bald erreicht. Am Bahnhof in Köln aber wurde zuerst noch Lollo gesichtet und an Bord genommen, durchsichtig und mitgenommen, aber bewegt von allem eben hinter ihr Liegenden3 und voll guter Einsichten und Bereitschaft, nun auch diesem Gespräch wieder so offen als möglich entgegenzugehen. Wir hatten uns eigentlich vorgestellt, daß sie eindeutiger an dem deutschen Plane hänge und für unsere Erwägungen nicht allzuviel übrig haben werde. Natürlich liegt ihr vieles, ja alles daran, wenn es denn sein könnte, dich der deutschen Situation zu erhalten, aber darin habe ich sie ohne weiteres verstanden und in Elberfeld erst recht verstanden. Und doch war sie ganz und gar nicht starr darin, sondern hat ja auch ihr Brot aufs Wasser geworfen4 und geht den Weg, der sich zeigen wird. Wie wollte es anders als gut, restlos gut und schön mit ihr gewesen sein! In Elberfeld stand Hesse bereit und neben ihm — unvermeidlicherweise! — der Fremdling5. Wir gaben den Versuch, allein zu Nacht zu essen, bald auf, weil im Predigerseminar schon alles bereit war, suchten nur noch schnell das Hotel Kaiserhof auf, und dann waren |817 wir gleich mitten im Kreis der Kandidaten. Ich mußte sofort ans Telefon, wo mich «Bruder Immer» für eine Predigt verpflichten wollte. Die werden da offenbar sehr rasch aus dem Ärmel geschüttelt. Nach dem Essen wurden Psalmen gesungen, aus der Bibel gelesen und bereits in einem längeren Gebete gegen unser vermutliches Vorhaben, dich in die Schweiz zu ziehen, erste Vorkehren getroffen, denen wir uns natürlich nicht anschließen konnten. Das Auto Halstenbach aber brachte uns nach vielem Auf und Ab über holpriges Pflaster nach Barmen zu diesem Edelkaufmann in jene Halle, in der du wohl schon mehr als einmal auch gesessen hast.6 Sofort wurde wieder gebetet. Doch standen auch ausgezeichnete und gefüllte Zigarrenkisten herum. Und die Beratung begann. Lollo wollte zuerst die Brüder auf Herz und Nieren prüfen, indem sie die Urteilsbegründung7 durch den Herrn Dr. Mensing8 lesen und im Auszug vorlegen ließ. Das brachte den zunächst durch Hesse und Immer, Bockemühl9 und Humburg bereits in Fahrt geratenen Schlitten in eine andere Richtung: sie hatten zunächst einfach deine Bedeutung für Deutschland hervorgehoben sowohl im Blick auf deine kirchenpolitische (Hesse) wie im Blick auf deine Leistung für die protestantische Welttheologie überhaupt. Nun erwogen sie die durch die Ur|818teilsbegründung entstandene Lage, sprachen über die Situation der theologischen Schule, baten uns Schweizerbrüder darum, ihnen auf alle Fälle Zeit zu lassen10, klärten die Frage ab, ob nicht die ganze Bekenntnissynode oder dann die von Rheinland-Westphalen dich berufen könnte, was, soviel ich verstand, als nicht gerade bevorstehend erachtet wurde. Humburg sah eine gewisse Verwirrung als bevorstehend an, die durch die Verlagerung in der Urteilsbegründung11 sicher bei gewissen Kreisen eintreten werde. Lollo griff kräftig und klärend in das Gespräch ein, indem sie betonte, es liege nun alles daran, diese Verlagerung dadurch unwirksam zu machen, daß man zeige, wie auch die nun vorgeschobenen Punkte (Hitlergruß + Äußerungen in Berlin) ganz das gleiche meinten von dir aus wie dann die Eidesverweigerung.12 Aber klar |819 blieb bei allen: Barth ist der theologische Lehrer der Kirche: er bleibt es! (Humburg). Endlich kam ich zu Worte: 1. Wir wollen Barth nicht aus dem Kampfe ziehen, aber ihn an eine andere Stelle setzen. 2. Nach allgemeinem Eindruck ist die Lage in Deutschland für ihn und seine Arbeit einfach bedroht und unsicher. Dürft ihr unter diesen Umständen ein Experiment mit ihm machen, dessen Kosten er schließlich bezahlen muß? 3. Ich sage das einmal als Freund, dem Barths Existenz am Herzen liegt. Das ist eine allerdings mehr persönliche Sache. Aber dann im Blick auf seine Leistung für die ganze Kirche. Diese Arbeit darf nicht ohne Not aufs Spiel gesetzt werden. Auch England und Amerika warten hinter unseren deutschsprechenden Kirchen auf die Fortführung seines Weges in der grundlegenden dogmatischen Arbeit. 4. Der Ruf der Schweiz ist nicht gering zu achten. Er ist in seiner Art von innerer Notwendigkeit getragen. Auch wir haben eine Kirche, die sich Karl Barth als wichtiges Arbeitsfeld öffnen wird. Was daraus wird, das kommt auch euch wieder zugut. Nach mir griff der «Älteste»13 Pestalozzi in gleicher Richtung ins Gefecht ein. Er bezweifelte vor allem, daß die Auseinandersetzungen in Deutschland wirklich auch nach deinem Einsatz und Weiterarbeiten draußen zu einem greifbaren Abschluß kommen werden. Er sieht voraus, daß endlose Wirrnisse weitergehen werden. Es sei schade, dich in diesem Kriege zu verbrauchen. Darauf Humburg: das sei eine heilige Stunde, die Brüder zweier Kirchen in dieser Weise über diese Frage zu einander sprechen zu hören. Ein ganz großes Erlebnis! Aber eben: du seiest der Mann, den «wir in den nächsten Jahren nicht entbehren können». Und die Zahl derer, die wenn auch im Stillen erst für dich eintreten, sei viel größer, als man denke. Leider nicht durch Klarheit [ausgezeichnet] und eher verwirrend redete dann unser Freund Alfrède14 — er schien aber nicht allzuviel Gewicht zu haben unter den «Brüdern». Er schob deine persönliche Existenz in nicht einleuchtender Weise in den Vordergrund. Weiter sprach Hesse, aufs neue deinen Einfluß in Deutschland stark und überzeugend hervorhebend. Und gab das Versprechen ab: Barth muß bei uns an seiner Dogmatik
📖 arbeiten können. Klugkist15 schwärmte dann ein wenig in Richtung: Beschwö|820rung Calvins durch Farel — «deine verdammten Studien» — auch im Kampf kann gearbeitet werden.16 Barth will Kämpfer sein. Das sei gerade Bekenntnishaltung, wie du sie die Jungen gelehrt habest.17 Humburg gab kund, daß die dich niederdrückenden Vorgänge bei der Sitzung des Bruderrates ganz anders zu interpretieren seien. Man habe gerade um deinetwillen gesagt, daß der Bruderrat dich zur Einlegung der Revision gebeten habe, solle verschwiegen werden.18 Das hätte deine |821 Stellung verschlechtert. Für die Überwindung der konfessionellen Spannungen seiest du schlechthin unersetzlich draußen. Herr Siebel erwog nochmals die ungünstige Rechtslage und empfahl Sondierungen in Berlin.19 Die Mittel, dich anzustellen, würden unbedingt da sein. Lollo griff nochmals ausgezeichnet und glänzend ein: sie schilderte die Mühe, die die Arbeit an der Dogmatik
📖 koste. Und die innere Aufgabe, gerade daran zu arbeiten. Das erfordere ganzen Einsatz. Du könnest nicht weiter und weiter auf zwei Feldern kämpfen. Es gehe hier um ein Entweder-Oder. Es ist wirklich die Frage ernst zu nehmen, ob man ihn da draußen immer neu in den Kampf werfen dürfe. Du siehst: also sicher ein gutes Gespräch. Zum Schluß mußte ich noch ein Wort sagen.20 Dann fuhren wir zurück und — völlig veränderte Situation! — kamen im Kaiserhof in ein elegantes Dancing, tranken noch eine Flasche Wein |822 und blieben bis nach Mitternacht zusammen. Andern Morgens trafen wir drei uns zunächst wieder für einen Augenblick allein beim Morgenkaffee, um dann in den Bekenntnisgottesdienst abgeholt zu werden. Hesse hielt ihn in Form einer Doppelpredigt: einer Vorpredigt, nach der Lollo und ich meinten, es sei schon zu Ende, und einer dann erst folgenden Nachpredigt. Ziemlich viel Rhetorik im alten Stil, ernste und eifrige Beteuerungen und sicher auch mutige Worte gegen «Blut und Boden»21 (er war am ersten Gebot). Doch dann wieder lange, lange freie Gebete, in denen sowohl der Saarsieg22 verdankt als auch unter starker Betonung der Heilige Geist auf Adolf Hitler herabgefleht wurde, was dieser sicher nötig hätte, was aber doch mehr zu der Bekenntniskirche hin gesagt schien. Wir fuhren ab und trafen dann im Restaurant zur ewigen Lampe mit Herrn Bleibtreu und Prof. Wolf zusammen. Ruedi spendierte ein treffliches Mittagessen. Und nochmals wurde alles erwogen. Die Beiden sahen die Lage, wie dir Lollo berichtet hat, als wenig aussichtsvoll hinsichtlich der eingelegten Berufung. Um drei Uhr mußten Ruedi und ich weg.
Mein Eindruck ist dieser: 1. Die Deutschen sind voll guten Willens und stehen nach dem Maß ihrer Kräfte treu zu dir in diesem reformierten Winkel. Aber sie haben ihrem Staate schon längst so wenig widerstanden, daß sie jetzt auch seinen neuen Anschlag gegen dich mit keinerlei Mitteln werden abwenden können. Falls du wirklich gehen müßtest, so wäre das, auch das, in gewissem Sinne die nicht unverdiente Frucht eines längst eingeleiteten Rückzuges vor der nach allem greifenden politischen Ideologie. Man kann nicht plötzlich eine Schlacht gewinnen auf einem Felde, das man schon längst geräumt hat. 2. Trotzdem scheint es richtig zu sein, die Berufung laufen zu lassen, sofern |823 nicht gerade endlose Verzögerungen daraus entstehen. Es wird zwar, wenn nicht alles trügt, eine neue und vielleicht schärfere Verurteilung erfolgen, schärfer in dem Sinne, daß du mehr und öffentlicher politisch diffamiert werden wirst. Es heißt ja schon jetzt: den Eid habest du schwören wollen. Deswegen hätte man dich also nicht fallen gelassen, aber was dahinter stehe an lätzer23 Staatsgesinnung, sei das Gravierende. Das wird wohl noch schärfer herauskommen. Aber die Reformierten hängen irgendwie an dieser Berufung. Vielleicht ist es ihnen nochmals vor Augen zu führen, daß man auf diesem Weg nicht weiterkomme. Vielleicht müßten sie ihre Bitte an dich nochmals erneuern, dabei zu bleiben? Wenn dann das neue Urteil da ist — das allerdings scheint mir unerläßlich —, dann müssen sie sich nochmals ganz neu vor die Frage stellen lassen: Können wir es verantworten, Barth unter diesen Umständen nach Elberfeld zu rufen? Oder wäre das nicht wirklich ein nutzloses Experiment, das man mit dir nicht spielen darf? Dann müßten sie dich — wenn nicht ein Wunder des Umschwungs in der Einstellung des Staates geschieht, wenn nicht sozusagen die Reichswehr dich unter ihren Schutz nimmt24 — freigeben für Basel. Das sind so meine Erwägungen. 3. Denk, das ganze Format der Leute und der Gespräche, wie ich es empfand, hat mich ein klein wenig enttäuscht — aber ich weiß: so darf man nicht messen und reden! Es ist mehr so ein hinzukommendes Gefühl. Hesse speziell ist mir wirklich sehr sympathisch und nahe. Auch andere wie etwa Immer sind einfach gut. Und hinter ihnen allen steht ja ein ganz großer Einsatz. Aber speziell wenn ich an den Gottesdienst denke und auch an gewisse Phasen des Gespräches, so hätte ich irgendwie eine höhere geistige Spannung erwartet. Aber ich sage das niemals im Sinne einer Abwertung. Ich habe da ja viel zu wenig Einblick. Nur so sehr anders als bei unseren schweizerischen Pfarrern, mutatis mutandis, kam mir alles nicht vor. Sicher war auch das Gespräch in Basel nicht weniger gut und gewichtig als das in Elberfeld. Wenn mir dieser letzte Eindruck etwas sagt, so dieses, daß du auf alle Fälle für die Arbeit an der Dogmatik
📖 da bist. Das übrige wird mehr oder weniger gut vorwärts gehen. Und ich wünschte mir dein Draußenbleiben, wenn |824 ich es überhaupt wünschen kann, mindestens ebensosehr wie um der kirchenpolitischen Kämpfe willen um deinetwillen: einmal weil ich dir den inneren Anstoß, der sichtlich auf dich von diesen aktuellen Fragestellungen her ausgeht, gönnen möchte. Und dann weil ich den deutschen Raum um seiner Weite willen gern um dich liegen sähe. Aber auch das ist ja nicht sehr dringend gedacht. Mir ist eigentlich unser dir ja bekannter schweizerischer Ruf eher dringlicher geworden, wenn ich auch die Not draußen, die nach dir verlangt, wohl sehe und nicht gering achte. Von allen deutschen Voten, die ich in diesen Tagen vernommen habe, ist mir eigentlich außer gewissen Äußerungen von Hesse und Humburg das Votum von Hartenstein25 am eindringlichsten geblieben.
Ich muß schließen. Ruhe noch gut aus. Du wirst es draußen wieder brauchen können. Und erst recht für deine innere Entscheidung. Wie hat dir wohl Lollo berichtet? Sie hat durch ihr Dasein beim Gespräch wie durch ihr Eingreifen viel bedeutet. Mir hat die ganze Reise etwas gegeben, ich bedaure sie keineswegs. Grüße Frau Professor und Lindts von mir. Wir freuen uns auf dein Zuunskommen. Laß es nicht zu kurz bemessen sein!
Herzlich
Alph. Koechlin läßt noch sagen: du sollest doch in Bern auf dem politischen Departement vorbeigehen und dein eindeutiges Schweizerbürgertum feststellen. Der Berliner Gesandte hat scheints irgendwie sich um deine Sache gekümmert.26 Koechlin hatte Bericht aus Bern. Aber bisher meinten sie dort, du seiest mindestens Doppelbürger.