23. Januar 1935

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich danke dir sehr herzlich — für den meisterhaften Reisebericht, den ich heute, von Grindelwald hier eintreffend, vorgefunden habe, und vor Allem für diese Reise selbst und für das tatkräftige Eingreifen in die etwas ins Stocken geratene Maschinerie meines Schicksals. Lollos Bericht stimmte mit dem deinigen sachlich völlig überein. Auch sie denkt sehr gerne an dieses gemeinsame Unternehmen zurück. Nur ist sie leider gleich darauf einer, wie es scheint, nicht schwachen Grippe verfallen, liegt zu Bett und ist doch unheimlicherweise rastlos weiter tätig, soweit sie es von da aus sein kann. Die Sache gefällt mir wenig. Aus dem Berner Oberland bin ich sehr erquickt von Bergen und Menschen zurückgekehrt. Nil ist in seiner ganzen Eigenart auf guten Wegen und in guten Schuhen. Gestern Abend habe ich in einer Versammlung von «Erweckten» in Interlaken Rede und Antwort gestanden1 und mich |826 auch dort an der Lage in jenem Sektor nur freuen können. Ich übernachtete bei Pfr. Treier in Gsteig, einem Alt-Helveter, der nun dennoch und gerade der Führer aller Gerechten jenes Landes zu sein scheint.2 Die Tatsache, daß auch in der Schweiz etwas passiert, läßt sich wirklich nicht leugnen. Die «deutsche Frage» müssen wir dann in Basel in aller Gründlichkeit erörtern. Ich verstehe nach deinem und Lollos Bericht immer noch nicht, warum den Leuten so viel an dieser Berufung liegt bzw. warum sie nicht einsehen, daß sie rebus sic stantibus mit einer noch schallenderen Verurteilung endigen muß. — Deine Schilderung der Gebets-Szenen etc. in Barmen war köstlich! Ich meine, dabeigewesen zu sein. Was war das für ein Zusammenprall zwischen Lollo und dem Fremdling? Sie schreibt mir nur andeutend davon.3 — Heute Abend gehe ich mit Markus in die Zofingia. Am Samstag habe ich ein Vorträglein über die deutsche Lage4 zu halten und am Sonntag eine Abendbibelstunde5. Am Montag Morgen komme ich nach Basel. Ist’s recht so? Am 1. Februar möchte ich nach Bonn zurück.

Herzlichen Gruß dir und Marguerite
Dein
K.

Sachfußnoten

1
Über dieses anscheinend kurzfristig anberaumte Gespräch erschien in der Interlakener Lokalzeitung in der Rubrik «Oberländische Neuigkeiten» eine mit dem Kürzel Z. gezeichnete Leserzuschrift eines Teilnehmers des (im Abdruck irrtümlich auf den 11.1. datierten) Gesprächs (in: Oberländisches Volksblatt. Anzeiger von Interlaken, Jg. 73 [1935], Nr. 13 vom 24.1.1935 📖). Demnach sprach Barth zwei Stunden lang im «Rahmen einer zwanglosen Abendstunde … zu einem kleinen Kreis Geladener über aktuelle religiöse und kirchliche Fragen. Kaum konnten die zur Verfügung gestellten Privaträume die Eingeladenen alle fassen.» Barth wurde u. a. danach gefragt, «weshalb heute die Männer nicht mehr so gerne in die Kirche gehen, warum die Kirche die Frau so wenig berücksichtige, ob überhaupt die Kirche als Vermittlerin zwischen Gott und Mensch notwendig sei, ob ein Kirchenstreit, wie er heute in Deutschland sich zeigt, als Klärung der Lage für die Schweiz erwünscht sein könnte usw.» In seinen Antworten habe er «verschiedene Fehlerquellen in der Kirche» hervorgehoben, auf die Verkündigung des Wortes Gottes als den bleibenden Auftrag der Kirche und auf den «unbedingten Gehorsam und Dankbarkeit … und auch Unterordnung», den der einzelne und die Kirche in allen Dingen Gott schuldig sei, verwiesen.↩
2
René Treier (1904–1975), 1928–1946 Pfarrer in Gsteigwiler (Kanton Bern), amtierte danach bis 1959 an der Basler Oekolampad-Kirche. — Die 1831 durch Abspaltung von der Zofingia entstandene Helvetia ist die zweitälteste Studentenverbindung der Schweiz.↩
3
Ein solcher «Zusammenprall» mit A. de Quervain ist in Ch. von Kirschbaums Protokoll der Unterredung (s. oben S. 817, Anm. 6) nicht erwähnt.↩
4
Barths handschriftliche Notizen für seinen am 26.1. in der Kapelle an der Nägeligasse in Bern gehaltenen Vortrag «Der Weg der Bekenntniskirche 1934» (2 mit Tinte beschriebene Blätter) und Durchschlag einer «Nachschrift v. Eugénie Elsässer ergänzt v. Pf[r. Wilhelm] Schlatter» (6 S., mit handschriftlichen Ergänzungen von zwei Händen) im Karl Barth-Archiv.↩
5
Die am 27.1.1935 in Bern gehaltene Bibelstunde über Röm. 12,17–18 ist wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 391–403. 📖↩