19. September 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Ich kann dir melden, daß die Sache mit der Münchner Reise nun meinerseits doch so geordnet werden konnte, daß es bei der Abreise Freitag 29. Sept. bleiben kann. Ich habe mich für diesen darauf folgenden Sonntag frei gemacht, so daß ich ungesorgt1 mit euch fahren kann. Und du nicht meinetwegen deinen Aufenthalt in Bern2 frühzeitig abbrechen mußt. Hier ein paar Briefe. Den von dem Studenten in Leysin deshalb, weil ich denke, du werdest vielleicht doch auch bereit sein, Lempp die Weisung zu geben, er möge auf dein Konto einiges Wesentliche von deinen Büchern dort hinauf schicken3, es wäre sicher angebracht. Ich habe es mit meinen Büchern wenigstens so gehalten. Die Briefkopie an Jacobi nur zur Einsicht, Jacobi hat gerade heute deswegen an mich geschrieben.4 Der welsche Brief zeigt dir, wie gut wir augen|498blicklich im Westen aufgenommen sind. Ich habe Maury bereits geschrieben, du seiest in Bern und er möge sich mit dir direkt in Verbindung setzen, über den Sonntag freilich seiest du abwesend.5 Wie geht es dir wohl in Bern? Hast du allerhand gute Zusammenkünfte mit den Dortigen? Eine gute Bettagspredigt gehört? Denk, bei mir hat es sich ereignet, daß bei einer Abendpredigt im Margarethenkirchlein6 ein irgendwie etwas Aufgeregter nach zu Ende gegangener Predigt von der Empore herunter das Wort ergriff, und zwar durchaus nur, um zu bekräftigen, ich habe das Wahre gesagt, und er habe es nun wirklich gehört, daß die Sünden vergeben werden, und es möchten doch alle Anwesenden das auch gehört haben. Und ich möge entschuldigen, daß er sich herausgenommen habe, das herauszurufen, aber er sei dazu getrieben. Ich konnte ihm nur von der Kanzel herunter zunicken. Die Leute in der Kirche aber versicherten mir nachher, es habe für sie die Wirkung gehabt, daß die ganze Predigtsituation für sie durch dieses unerwartete Zeugnis dieses «Getroffenen» in merkwürdiger Weise in den Ernstfall hinaufgehoben worden sei. Der Gottesdienst ging dann in einer gewissen Bewegtheit zu Ende. Dagegen hat mein Kollege Täschler nichts Gescheiteres zu predigen gewußt vor ganz vollem Münster als: Text: Halte, was du hast, daß niemand deine Krone … [Apk. 3,11]; Ausführung: das dreifache Diadem der Mutter Helvetia, 1.: wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern 2. Wir wollen frei sein, wie die Väter waren 3. Wir wollen trauen auf den höchsten Gott, also recht und schlecht nach Wilhelm Tell7! Was doch alles in der Kirche passiert! Wie geht es wohl Peter?8 Sollte er in Bern sein, so lasse ich ihn vielmal grüßen, ebenso natürlich Frau Professor. Heute habe ich zwei Vorträge von Karl |499 Heim gehört über theolgische Probleme der Gegenwart9, recht und schlecht in seinem Stil und Gang, aber mit erfreulich deutlicher und richtig sofort dem Protest unter den Schwaben rufender Abgrenzung gegen das moderne Heidentum der Deutschen Christen. Hartenstein ist wieder einmal nach Stuttgart gerufen worden, weil der Wurm10 scheints nun doch dem Arierparagraph und ähnlichen Torheiten widerstehen will für seine Kirche11 und dazu alle seine Mannen um sich ruft.12 Sei herzlich gegrüßt!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
= ohne Sorge.↩
2
Vom 15. bis 29.9.1933 hielt sich Barth bei seiner Mutter in Wabern bei Bern auf.↩
3
Brief an Thurneysen nicht erhalten. Am 20.9.1933 schrieb Barth an A. Lempp: «Darf ich Sie bitten, in meinem Auftrag je ein gebundenes Exemplar Dogmatik I[/]1 📖, Auferstehung der Toten 📖, Philipperbrief, 📖 Vorträge I 📖 und II 📖 zu senden an Bibliothek des Sanatoriums für erkrankte Studenten Leysin-Village Schweiz.» Ein Dankesschreiben vom 26.9.1933 im Namen der Bibliothek des «Sanatorium Universitaire Suisse» ist unterzeichnet von Carl Haffter, cand. med.↩
4
Beide Briefe nicht erhalten.↩
5
Brief nicht erhalten. Ob Maury tatsächlich auch direkt an Barth schrieb, ist unbekannt.↩
6
Abendgottesdienst am 17.9.1933 anläßlich des eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettages (s. oben S. 42, Anm. 14) in der Kirche St. Margarethen in Binningen (Kanton Basel-Landschaft) am Basler Stadtrand.↩
7
Aus der Rütliszene in: Fr. von Schiller, Wilhelm Tell, V. 1448.1450.1454 (2. Aufzug, 2. Szene). 📖↩
8
Wegen eines Nervenzusammenbruchs, vermutlich im August 1933 (nach einem Brief A. Barths an K. Barth vom 23.8.1933), war P. Barth zur Ruhe gezwungen. Erst am 16.10 konnte er seinem Bruder mitteilen, er habe sich wieder erholt. Sein geplanter Besuch bei seiner Mutter am Bettag konnte trotzdem stattfinden (nach einer Postkarte von P. an K. Barth vom 4.10.1933).↩
9
Die Vorträge konnten nicht nachgewiesen werden.↩
10
Theophil Wurm (1868–1953), 1929–1949 Leiter der Evangelisch-lutherischen Kirche in Württemberg, seit 1933 mit dem Titel Landesbischof.↩
11
Am 5.9.1933 war auf der Tagung der mehrheitlich deutschchristlichen preußischen Generalsynode (der «braunen Synode») beschlossen worden, den sog. Arierparagraphen (vgl. oben S. 386, Anm. 3) nach staatlichem Muster in der Kirche durchzusetzen; die Brandenburgische Synode hatte bereits zwei Wochen zuvor einen entsprechenden Beschluß gefaßt. Vgl. Scholder I, S. 595.597-600 📖; Gauger I, S. 98.100 📖; Teilabdruck des Kirchengesetzes betreffend die Rechtsverhältnisse der Geistlichen und Kirchenbeamten vom 6.9.1933 bei Michaelis/ Schraepler, S. 596f. 📖; van Norden, S. 357f 📖. (zur daraufhin einsetzenden heftigen Auseinandersetzung vgl. a.a.O., S. 316–318.358-392; Gauger I, S. 101f.104f.; Scholder I, S. 610–613.615-620.676-678.684.699; Meier I, S. 116–122 📖; Hermelink, S. 50–53 📖). — Am 12./13.9.1933 war in Stuttgart der neugebildete deutschchrislich majorisierte Landeskirchentag zusammengetreten. «Das Beamtengesetz mit dem Arierparagraphen, von der radikalen Gruppe im Landeskirchentag beantragt, wurde an die Ausschüsse überwiesen und kam danach nicht mehr zur Sprache» (Scholder I, S. 608); zum Verlauf des Kirchentages vgl. die Dokumentation bei G. K. Schäfer, Die evangelische Landeskirche in Württemberg und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf, Bd. II: Um eine deutsche Reichskirche 1933, Stuttgart 1972, S. 346–381. 📖↩
12
Hartenstein, der am 20.9.1933 in Stuttgart war (nach einem Brief Hartensteins an W. Metzger vom 23.9.1933), nahm vermutlich an einer von Wurm einberufenen Versammlung von (etwa 1000) württembergischen Pfarrern teil, auf der dieser sich für seine Teilnahme an der ersten Deutschen Nationalsynode am 27.9. gegen die in den offiziellen kirchlichen Gremien dominierenden Deutschen Christen bei der Pfarrerschaft Rückhalt verschaffen wollte; zur Pfarrerversammlung und der damit in Zusammenhang stehenden Spaltung der Württemberger Deutschen Christen vgl. G. K. Schäfer, a.a.O., S. 499–573 (Abdruck von Hartensteins Brief an Metzger dort, S. 531f.) 📖; Th. Wurm, Erinnerungen aus meinem Leben, Stuttgart 1952, S. 89. 📖↩