491
12. September 1933
Hier das angekündigte Heft aus Bethel.1 Findest Du nicht auch, daß die darin versuchte Arbeit der Besinnung und Abklärung in wirklich |492 guter Weise verläuft? Du wirst vielleicht sagen: Es sei zu spät für alle diese Dinge. Aber kann man das wirklich wissen? Auf alle Fälle mußt Du die Stimme dieser Schwankenden und Schwachen doch auch wieder nicht unterschätzen. Sie erhebt sich immerhin noch und sagt einiges von dem, was man ja wirklich längst gerne von ihnen gehört hätte. Mag es mit ihren verpaßten Gelegenheiten stehen, wie es nun einmal steht, sie werden, wenn sie in dieser Richtung weiter arbeiten, doch sicher auch mit zu den hoffnungsvollen Punkten in der so verwüsteten deutschen Kirchenlandschaft gehören.
Karl, ich habe mir in diesen letzten Tagen alles, alles immer von neuem durch den Kopf gehen lassen, wirklich fast Tag und Nacht. Das Eine ist mir ganz klar geblieben: Daß ich für mich von keiner anderen Linie etwas wissen möchte als von der, die Du jetzt in Deutschland mit allem Einsatz halten mußt. Aber ich möchte noch etwas dazu sagen. Ist es nicht wirklich von existentieller Bedeutung, daß Du als Nichtdeutscher mit einer Rückzugslinie im Rücken, wie sie die Anderen nicht haben, mit einem bei den Anderen natürlich so nicht vorkommenden Nichtverwurzeltsein im Schicksalsboden des deutschen Volkes, daß Du also mit einem Wort wirklich als Schweizer unter die Deutschen gestellt bist? Du wirst mir nicht zutrauen, daß ich daraus eine metaphysische Lehre mache, welche das Nicht-auf-Dich-Hörenwollen der deutschen Theologen begreiflich machen oder gar irgendwie rechtfertigen könnte. Das sicher nicht! Ich meine es vielmehr ganz positiv so: Ich bin sehr tief davon überzeugt als von einer wirklichen «Führung»2, daß du gerade als Schweizer mitten im deutschen Kirchenland drin diese Deine Linie halten mußt allen Anderen gegenüber. Denn, das haben mir die Gespräche in diesen Wochen sehr klar gemacht, es ist den deutschen Theologen offenbar im Augenblick schlechthin unmöglich, diese Linie ihrerseits heute zu halten. Sie können es nicht. Es ist ihnen wie verwehrt. Sie könnten aber — und daran hängt der Sinn deiner Arbeit und Sendung — sie könnten auf Dich hören, und sie müßten Dich aushalten als den ihnen nun in dieser Sache gesetzten «Lehrer». Aber Karl, und das möchte ich nun weiter sagen: Solltest Du sie nicht auch Deinerseits nun trotz allem einfach aushalten, diese deutschen Theologen, als Deine wirklich widerstrebenden «Schüler»? Du hast in der Ethik dieses Wi|493derstreben, dieses Sich-nicht-Dreinredenlassen als den eigentlichen Sinn des «Lehrer-Schülerseins» erläutert.3 Also laß es nun doch konkret gelten. Es ist mir ganz sicher geworden, daß Du in Deutschland ausharren mußt bis zu der Grenze, wo die mögliche «Disziplinwidrigkeit» der «Schüler» Dich realiter zum Schweigen und vielleicht zum Abzug nötigt.
Karl, ich möchte Dir von da aus noch ein Wort sagen zu Deiner, wie soll ich’s nennen, «Personalpolitik». Ich muß es tun, weil da auch in mir ein Bedenken sich regt, das ein gewisses Gewicht hat. Ich glaube, ich weiß ein wenig, wie es bei Dir ist, wie jedesmal dann, wenn Du einem solchen durchaus widerstrebenden «Ketzer» begegnest, ganz elementar in Dir drin eine Türe zugeht und Du kaum mehr anders kannst als davonlaufen und das Gespräch dahinfallen zu lassen. Aber bedenke doch das Dransein dieser Anderen! Sie können wirklich — ich sehe es ganz von nahem und deutlich an Hartenstein — sie können nicht einfach hören. Ist das nun jedesmal der schon eingetretene Fall endgültiger Verstockung, die nur noch mit dem Abbruch des Gesprächs beantwortet werden darf? Mir ist auf der anderen Seite ebenfalls ganz deutlich sichtbar — ich weiß, daß ich es darin sehr viel leichter habe als Du —, daß die Ketzer auf ihrer Seite und in ihrer Weise nicht weniger darunter leiden, mit Dir nicht in eins zu kommen, Deine von Dir mit einem letzten Geltungsanspruch notwendigerweise gehaltene Linie ihrerseits nicht wirklich als die eigene sehen zu können. Laß sie also nicht einfach fallen! Rede nichts Anderes zu ihnen, aber (sollte es nicht doch möglich sein?) rede es, wenn Du kannst, ein klein wenig geduldiger zu ihnen. So daß sie merken, daß Du ihr inneres und äußeres Dransein wahrhaftig auch ein wenig siehst. Das glauben sie Dir nämlich einfach nicht. Du mußt nicht über «Johannes» spotten, Karl, es hängt daran meiner Einsicht nach ungeheuer viel, vielleicht eigentlich Entscheidendes. Du sollst nicht Jona unter dem Ricinus [Jona 4] sein, sogar nicht den heillosen Deutschen Christen gegenüber. Du denkst nun, ich komme eben von einem solchen her und sei vielleicht so ein wenig von ihm gewickelt worden. Ja, es ist wahr, ich habe mit Gogarten ein Gespräch gehabt, aber weiß Gott, was ich da schreibe, das ist schon vorher in mir drin gewesen. Übrigens war ich mit Gogarten nur ganz kurz zusammen. Das |494 Gespräch ging sofort los und war sachlich sehr schwierig, schwierig auch darum, weil auch Gogarten seine «Gertrud»4 (sie heißt zwar anders) bei sich hatte. Und du sollst ja nicht glauben, daß ich nicht mit dem mir wahrhaftig gebotenen tiefsten Mißtrauen an ihn herangegangen bin und wahrhaftig auch nachher mich keineswegs etwa mit ihm «verständigt» wußte. Aber eines ist mir sehr eindrücklich geworden, viel eindrücklicher als bei Hartenstein, das nämlich, daß Gogarten sich in seiner Lage5 nichts weniger als siegreich und um Auswege wissend und den Aufbruch der Nation begrüßend und bejahend dargestellt hat, sondern ganz und gar bedrängt und bedrückt, elend und vor allem einsam sich dran weiß, nicht weniger, als Du es auf Deiner Seite oft genug sein mußt. Meinst Du nicht, das habe, ich möchte fast zu sagen wagen, wirklich auch seine «theologische» Bedeutung? Du hast ihn persönlich ja nie «angenommen», wie man so sagt, aber das ist auf seiner Seite wirklich anders. Es war ganz klar im Gespräch über diese Seite der Sa|495che, daß er richtig Verlangen darnach hätte, gerade mit Dir (Du mußt nicht lachen) den Kontakt nicht ganz abreißen zu lassen, sich trotz aller Differenzen irgendwie mit Dir in einer Nähe zu wissen. Auch für ihn gilt, daß er den eigentlichen Dissensus zwischen Dir und sich einfach nicht richtig sieht. Darüber wird das Gespräch, wirklich das Gespräch noch weiter gehen müsse. Ja, es muß wirklich weiter gehen! Es wäre ein Unglück, wirklich ein Unglück weittragender Art, wenn es irgendwie abrisse. Wenn die Türen zwischen Dir und den Anderen endgültig zugehen müssen, dann wird das sich doch noch klarer zeigen, als es heute der Fall ist. Ich persönlich könnte die Verantwortung dafür heute noch nicht übernehmen.
Ich bin heilfroh, daß wir uns noch einmal sehen. Sollte es nicht sogar irgendwie möglich gemacht werden, daß wir uns an dem schönen uns bevorstehenden Männerabend in Bubendorf6 noch einen Augenblick ohne Lukas und Eberhard und Hächler7 und Konsorten sehen könnten? Wenn ich sicher wüßte, daß Ihr am Donnerstag abend schon vor dem Nachtessen in Bubendorf eintrefft, so würde ich sehen, ein wenig vor den anderen Gästen dort einzutreffen. Auch die schöne Reise nach München, die uns also bevorstehen soll, freut mich natürlich.8 Ich hoffe wirklich, es möglich zu machen mitzukommen.
496 Mit Heiner war das Zusammensein nach dem Berglisonntag9 darum zunächst gar nicht gut, weil er mit der runden Erklärung hervortrat, er habe sich mit Dir restlos verständigt. Mit Dir sei das eine leichte Sache gewesen, und es könne nur an mir und nicht an der Sache selber liegen, wenn es zwischen mir und ihm nicht so leicht gehe. Das habe ich mir so nicht sagen lassen. Aber die Vereinigung soll also weiter laufen, und |497 Heiner hat als nächstes im Sinn, nun einmal unseren Freund Emil aus Zürich über die Humanität und die Offenbarung reden zu lassen. Ich habe zugestimmt, obgleich ich befürchten muß, daß es auch da nicht ein Friedens-, sondern eher wieder ein Streitgespräch absetzen wird. Schluß!
Sei mit Lollo, mit Ruedis herzlich gegrüßt
in Eile!
Den Brief an Georg, dessen Abschrift beiliegt10, habe ich der Kürze halber nun ohne Euer ausdrückliches Plazet bereits abgehen lassen.