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28. August 1933
Ja, es war wirklich an der Zeit, daß es zu einer richtigen gegenseitigen Bestärkung des Gerechten zwischen uns kam. Wir haben den letzten Mittwoch wahrhaftig auch in selten guter Nacherinnerung und freuen uns infolgedessen bereits auf den wieder vor der Türe stehenden Freitag abend. Du selber bist also aus guten Gründen doch nicht sehr erhobenen Hauptes zurückgekehrt. Ach, Karl, was soll ich dir zurufen? Ich möchte dich weder mit Elia verwechseln1, noch kann ich dir eine Oxfordermahnung zu Teil werden lassen über die «Denksünden», wie sie Heiner mir zukommen ließ2. Ich sehe keine Möglichkeit für dich, etwas anders haben zu wollen, als es nun einmal ist. «Der Eifer um dein Haus…» [vgl. Ps. 69,10; Joh. 2,17]. Ich möchte nur das Eine doch sagen, daß ich trotz allem und allem die Dinge nicht nur verzweifelt schlecht stehen sehe, daß die Erinnerung an die 7000, die ihre Kniee … [vgl. 1.Kön. 19,18; Röm. 11,4], wohl am Platze wäre auch in dem Sinne, daß du nicht verbittert alle Brücken abbrichst, um, wie du an Niesei schreibst, ganz von vorne für dich allein anzufangen.3 Ich sehe sogar in denen, die jetzt wirklich einen unerfreulichen Aspekt bieten, noch einen Rest von Willen, eben die Kniee nicht zu beugen, den man stärken, auf den man rechnen muß. Ich weiß doch nicht, ob der Wunsch, man sähe am liebsten gerade ganz Abkehr, gerade vollen Übergang zu den verdammten Deutschen Christen statt jenes Hinkens auf beiden Seiten [vgl. 1.Kön. 18,21], ein restlos «frommer» Wunsch ist.4 Wie ich an Ge|487org schrieb: ich höre aus deiner Abrechnung gerade mit diesen zum Teil so schwachen Mittelgestalten doch immer noch ein dringliches ihnen Zureden heraus, das nicht einfach vergeblich sein muß. Daß sogar Hartenstein richtig unglücklich war und bedrängt von seiner eigenen Haltung, wirst du ebenfalls aus dem Brief an Georg entnehmen.5 Du hast doch nicht einfach ins Leere geredet, so wenig natürlich von einer dich erfreuenden und stärkenden Erfahrung mit Hartenstein die Rede sein konnte. Ist nicht doch alles noch viel mehr in Bewegung? Ist der Aufmarsch nicht eben als ein ganz vorläufiger zu betrachten und noch nicht endgültige Verstockung und Verhärtung zu konstatieren? Dies Vorläufige ist sicher schlimm genug und rechtfertigt allen deinen Grimm. Aber es rechtfertigt vielleicht doch nicht ganz deine Resignation, deine endgültige Abwendung. Ist das nun wieder fatales Johannissimusreden? Und wirst du das auch aus dem Brief an Georgius herausle|488sen? Ich mußte ihm, was ich ihm zu sagen hatte, aus meiner eigenen Situation heraus entwickeln, und ich hatte von da aus nicht den Dampf, ihn einfach anzufahren, er hätte es als unglaubwürdig empfinden müssen. So blieb es bei der an ihn gerichteten Frage. Du wirst aber hoffentlich aus allem, auch aus unserem Zusammensein herausgemerkt haben, daß ich in der Sache auf meine Weise wirklich keinerlei Abweichen kenne von der Linie, die du als die zu haltende nun einmal bezeichnen mußtest. Ich wüßte wirklich auch nicht, was denn daran falsch sein sollte.
Aus Georgs Brief erfährst du allerlei, was ich dir nun nicht mehr besonders zu schreiben brauche. Also z. B. dieses, daß ich Emil angeläutet habe, um eventuell ein Zusammensein zu dritt zu ermöglichen. Aber einmal ist es mir gewesen, als ob er eigentlich viel lieber dich allein sähe, was ich auch wirklich gut begreife. Und dann also setzt er einstweilen keinen Fuß aufs Bergli, was ich, so wie ich ihn kenne, auch wieder einigermaßen begreife.6 Ich würde an deiner Statt daran nicht rütteln. Er hat da nun einmal seine Hemmung. «An der Bidassoabrücke brechen alte Wunden auf…»7 Daran ist vorläufig nichts zu ändern. Ob du |489 nicht doch einmal ein Rittlein mit ihm unternimmst? Dazu wäre er glaub freudig bereit. Oder ob wir es eventuell versuchen, von Zürich aus zu ihm zu gehen, wenn ich mit Marguerite am Freitag komme? Oder ob wir es auch nicht tun? Wir kommen in Zürich an 16 Uhr 11. Wenn wir gerade weiterfahren, sind wir 17 Uhr 03 in Oberrieden am unteren Bahnhof. Marguerite würde ja auf alle Fälle mit Lollo gleich weiterfahren, falls Ihr um dieses Besuches willen bei Emil zusammen in die Stadt kämet. Aber mach ganz, wie es dir richtig zu sein scheint. Allzuviel käme vielleicht bei einer solchen Entrevue nicht heraus, wer weiß …
Weiter wirst du die seltsame Sache mit Gottfried Rade8 ersehen — eine Sache, die mich eigentlich gar nicht freut, es sei denn, man könne mir glaubwürdig versichern, daß dieser Gottfried kein Windbeutel mehr sei. Er ist ja sicher auch von der Kirche und dem Dienst in der Kirche ganz und gar abgekommen und greift nun nur dazu um seiner Jüdin willen, was?
Ich danke Lollo herzlich für das mir heute zugekommene Heft! Und ich lege dir die Abschrift des Dokumentes von Hartenstein bei.9 Sie ist allerdings entstanden ohne Wissen von Hartenstein, und du wirst sie jedenfalls öffentlich nicht ohne weiteres verwenden dürfen.
Morgen, Karl, morgen nachmittag bei einem Schwarzen Kaffee10 findet nun die Begegnung zwischen Heiner und mir statt. Was wird dabei herauskommen? Es ist mir durch unsere Gespräche erst recht klar geworden, daß es wirklich auch bei ihm [um] dieses eine Gleiche geht, um eine irgendwie «zweibeinige» Theologie bzw. die Philosophie als |490 zweites Bein der Theologie. Da kann es ja letztlich keinen Frieden geben, sondern nur Mord und Totschlag, oder? Ich werde nicht ohne Sorgen über die Wettsteinbrücke11 schreiten, und Gertruds freundliches Gezwitscher wird daran auch nichts ändern können.
Den Genfer Vortrag über «Führung»12 werdet Ihr auch in einem Abzug erhalten, sobald er durchgesehen ist. Er ist aber wie gesagt mehr eine Kinderlehre als eine theologische Arbeit strengen Stils. Die Briefdurchschläge und die Thesen von Helmi13 bringe ich am Freitag mit.
Und nun viele Grüße Lollo und dir und nicht weniger Ruedi und Gerty. Sieh zu, daß die seltsame Weigerung Emils, aufs Bergli zu kommen, bei Ruedi nicht neue Ungnade weckt — vielleicht wird ihm diese Stelle am besten gar nicht vorgesetzt. Es wäre mir nicht recht, wenn Ruedi ungehalten würde, was ich natürlich zehnmal begriffe.
491 Ich lege dir noch die wirklich gute Schrift von Hartenstein14 bei, eigentlich das Beste, was ich über die Oxfordsache bisher kenne.