28. August 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Ja, es war wirklich an der Zeit, daß es zu einer richtigen gegenseitigen Bestärkung des Gerechten zwischen uns kam. Wir haben den letzten Mittwoch wahrhaftig auch in selten guter Nacherinnerung und freuen uns infolgedessen bereits auf den wieder vor der Türe stehenden Freitag abend. Du selber bist also aus guten Gründen doch nicht sehr erhobenen Hauptes zurückgekehrt. Ach, Karl, was soll ich dir zurufen? Ich möchte dich weder mit Elia verwechseln1, noch kann ich dir eine Oxfordermahnung zu Teil werden lassen über die «Denksünden», wie sie Heiner mir zukommen ließ2. Ich sehe keine Möglichkeit für dich, etwas anders haben zu wollen, als es nun einmal ist. «Der Eifer um dein Haus…» [vgl. Ps. 69,10; Joh. 2,17]. Ich möchte nur das Eine doch sagen, daß ich trotz allem und allem die Dinge nicht nur verzweifelt schlecht stehen sehe, daß die Erinnerung an die 7000, die ihre Kniee … [vgl. 1.Kön. 19,18; Röm. 11,4], wohl am Platze wäre auch in dem Sinne, daß du nicht verbittert alle Brücken abbrichst, um, wie du an Niesei schreibst, ganz von vorne für dich allein anzufangen.3 Ich sehe sogar in denen, die jetzt wirklich einen unerfreulichen Aspekt bieten, noch einen Rest von Willen, eben die Kniee nicht zu beugen, den man stärken, auf den man rechnen muß. Ich weiß doch nicht, ob der Wunsch, man sähe am liebsten gerade ganz Abkehr, gerade vollen Übergang zu den verdammten Deutschen Christen statt jenes Hinkens auf beiden Seiten [vgl. 1.Kön. 18,21], ein restlos «frommer» Wunsch ist.4 Wie ich an Ge|487org schrieb: ich höre aus deiner Abrechnung gerade mit diesen zum Teil so schwachen Mittelgestalten doch immer noch ein dringliches ihnen Zureden heraus, das nicht einfach vergeblich sein muß. Daß sogar Hartenstein richtig unglücklich war und bedrängt von seiner eigenen Haltung, wirst du ebenfalls aus dem Brief an Georg entnehmen.5 Du hast doch nicht einfach ins Leere geredet, so wenig natürlich von einer dich erfreuenden und stärkenden Erfahrung mit Hartenstein die Rede sein konnte. Ist nicht doch alles noch viel mehr in Bewegung? Ist der Aufmarsch nicht eben als ein ganz vorläufiger zu betrachten und noch nicht endgültige Verstockung und Verhärtung zu konstatieren? Dies Vorläufige ist sicher schlimm genug und rechtfertigt allen deinen Grimm. Aber es rechtfertigt vielleicht doch nicht ganz deine Resignation, deine endgültige Abwendung. Ist das nun wieder fatales Johannissimusreden? Und wirst du das auch aus dem Brief an Georgius herausle|488sen? Ich mußte ihm, was ich ihm zu sagen hatte, aus meiner eigenen Situation heraus entwickeln, und ich hatte von da aus nicht den Dampf, ihn einfach anzufahren, er hätte es als unglaubwürdig empfinden müssen. So blieb es bei der an ihn gerichteten Frage. Du wirst aber hoffentlich aus allem, auch aus unserem Zusammensein herausgemerkt haben, daß ich in der Sache auf meine Weise wirklich keinerlei Abweichen kenne von der Linie, die du als die zu haltende nun einmal bezeichnen mußtest. Ich wüßte wirklich auch nicht, was denn daran falsch sein sollte.

Aus Georgs Brief erfährst du allerlei, was ich dir nun nicht mehr besonders zu schreiben brauche. Also z. B. dieses, daß ich Emil angeläutet habe, um eventuell ein Zusammensein zu dritt zu ermöglichen. Aber einmal ist es mir gewesen, als ob er eigentlich viel lieber dich allein sähe, was ich auch wirklich gut begreife. Und dann also setzt er einstweilen keinen Fuß aufs Bergli, was ich, so wie ich ihn kenne, auch wieder einigermaßen begreife.6 Ich würde an deiner Statt daran nicht rütteln. Er hat da nun einmal seine Hemmung. «An der Bidassoabrücke brechen alte Wunden auf…»7 Daran ist vorläufig nichts zu ändern. Ob du |489 nicht doch einmal ein Rittlein mit ihm unternimmst? Dazu wäre er glaub freudig bereit. Oder ob wir es eventuell versuchen, von Zürich aus zu ihm zu gehen, wenn ich mit Marguerite am Freitag komme? Oder ob wir es auch nicht tun? Wir kommen in Zürich an 16 Uhr 11. Wenn wir gerade weiterfahren, sind wir 17 Uhr 03 in Oberrieden am unteren Bahnhof. Marguerite würde ja auf alle Fälle mit Lollo gleich weiterfahren, falls Ihr um dieses Besuches willen bei Emil zusammen in die Stadt kämet. Aber mach ganz, wie es dir richtig zu sein scheint. Allzuviel käme vielleicht bei einer solchen Entrevue nicht heraus, wer weiß …

Weiter wirst du die seltsame Sache mit Gottfried Rade8 ersehen — eine Sache, die mich eigentlich gar nicht freut, es sei denn, man könne mir glaubwürdig versichern, daß dieser Gottfried kein Windbeutel mehr sei. Er ist ja sicher auch von der Kirche und dem Dienst in der Kirche ganz und gar abgekommen und greift nun nur dazu um seiner Jüdin willen, was?

Ich danke Lollo herzlich für das mir heute zugekommene Heft! Und ich lege dir die Abschrift des Dokumentes von Hartenstein bei.9 Sie ist allerdings entstanden ohne Wissen von Hartenstein, und du wirst sie jedenfalls öffentlich nicht ohne weiteres verwenden dürfen.

Morgen, Karl, morgen nachmittag bei einem Schwarzen Kaffee10 findet nun die Begegnung zwischen Heiner und mir statt. Was wird dabei herauskommen? Es ist mir durch unsere Gespräche erst recht klar geworden, daß es wirklich auch bei ihm [um] dieses eine Gleiche geht, um eine irgendwie «zweibeinige» Theologie bzw. die Philosophie als |490 zweites Bein der Theologie. Da kann es ja letztlich keinen Frieden geben, sondern nur Mord und Totschlag, oder? Ich werde nicht ohne Sorgen über die Wettsteinbrücke11 schreiten, und Gertruds freundliches Gezwitscher wird daran auch nichts ändern können.

Den Genfer Vortrag über «Führung»12 werdet Ihr auch in einem Abzug erhalten, sobald er durchgesehen ist. Er ist aber wie gesagt mehr eine Kinderlehre als eine theologische Arbeit strengen Stils. Die Briefdurchschläge und die Thesen von Helmi13 bringe ich am Freitag mit.

Und nun viele Grüße Lollo und dir und nicht weniger Ruedi und Gerty. Sieh zu, daß die seltsame Weigerung Emils, aufs Bergli zu kommen, bei Ruedi nicht neue Ungnade weckt — vielleicht wird ihm diese Stelle am besten gar nicht vorgesetzt. Es wäre mir nicht recht, wenn Ruedi ungehalten würde, was ich natürlich zehnmal begriffe.

Euer
Eduard

491 Ich lege dir noch die wirklich gute Schrift von Hartenstein14 bei, eigentlich das Beste, was ich über die Oxfordsache bisher kenne.

Sachfußnoten

1
Vermutlich eine Anspielung auf eine Stelle aus G. Merz’ Brief an Thurneysen vom 8.8.1933: «Man kann natürlich einfach auch so, wie es Karl tut und wie er es 1926 mit den schweizerischen Reformern in seinem Briefe an Bern tat, glatt feststellen: Unchristen — Baal-Jahve» (s. oben S. 483, Anm. 2).↩
2
Wohl im nicht erhaltenen Brief H. Barths an Thurneysen. Vgl. oben S. 480f. und S. 481, Anm. 2.↩
3
Vgl. oben S. 484, Anm. 6.↩
4
Thurneysen spielt auf einen Passus aus Barths Brief an W. Vischer vom 24.8.1933 an: «Die Tannenbergbündler sind weniger gefährlich als die D. Chr. Und die D. Chr. selber sind weniger gefährlich als die, die da in meiner Nähe, auf beiden Seiten hinkend, die Kirche, die Kirche, die Kirche zu ‹meinen› behaupten. Jedenfalls bin ich gesonnen, auf eigene Faust und ohne Rücksicht auf das bisherige Bündnis mit den Leimsiedern von vorn anzufangen.» — Der 1925 von E. Ludendorff als Dachverband der völkischen Wehr- und Jugendbünde gegründete, im September 1933 verbotene Tannenbergbund lehnte die christlichen Kirchen ab und vertrat eine «deutsche Gotteserkenntnis»; vgl. Art. «Tannenbergbund», in: Das große Lexikon des Dritten Reiches, hrsg. von Chr. Zentner / Fr. Bedürftig, München 1985, S. 574. 📖 ↩
5
In seinem langen Brief vom 27.8.1933 hatte Thurneysen an G. Merz geschrieben: «Ich weiß aus meinem dreiwöchigen Zusammensein mit Hartenstein in Adelboden, daß auch einer wie er, der Mühe hat, Karl alles abzunehmen, nicht verschlossen ist gegen seine Botschaft. Er wehrt sich gegen Karls gewisse schroffe und unerbittliche Art, die Dinge zu sehen und zu sagen, er behauptet aber, bei mir könne er, auch wenn ich das Gleiche sage (und ich hoffe, ich tue es wirklich auf meine Weise), zuhören. Eben erst heute abend hat er — er mußte schnell nach Berlin fahren und kam gerade zurück — wieder von sich aus angeläutet, um mir zu sagen, daß alles von Karl Gesagte ihm draußen wahrhaftig nachgegangen sei und daß er sich eigentlich seines sturen Widerstandes im Gespräch mit Karl am Mittwoch schäme. … Das was Karl gelegentlich eine ‹zweibeinige Theologie› nennt … Das höre ich aber auch bei unserm Freund Hartenstein (vielleicht mehr gefühlsmäßig begründet [als bei H. Barth], aber deswegen nicht weniger zäh verteidigt) in einer schwäbischen Heimatliebe eingehüllt und mit jenem auch von dir ja schon gekennzeichneten stauffisch-chiliastischen Anstrich. Wir hatten dieser Tage ein mühsames Gespräch mit ihm. Karl war für einen Tag gekommen und wollte Hartenstein sehen. Aber Karls deutliche und scharf gestellte Gegenfragen fanden bei Hartenstein verschlossene Türen. Es ging, was ich so sah, auch menschlich bei Hartenstein Karl gegenüber irgendwie etwas zu. Und dabei hat mir Karl selber richtig leid getan. Er war angegriffen und niedergeschlagen, weil er bei Hartenstein auf etwas gerechnet hatte, zum mindesten auf eine größere Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit, und sich nun im Entscheidenden einfach verlassen sah» (Durchschlag im Karl Barth-Archiv).↩
6
In demselben Brief (s. Anm. 5) schrieb Thurneysen: «Eben gestern telefonierte ich ihm [Brunner] wegen einer Entrevue zwischen Karl und ihm auf dem Bergli Ende nächster Woche (ich fahre schnell hin für einen Tag), aber er erklärte mir, aufs Bergli gehe er nie mehr.» Barth hatte Brunner am 17.7.1933 brieflich ein Zusammentreffen auf dem Bergli, eventuell mit einem gemeinsamen Ausritt, vorgeschlagen. Es ergab sich schließlich doch am 8.9.1933 ein — nach Brunner — «sehr erfreuliches Gespräch …, wo wir beide ebenso freundlich wie bestimmt uns gegenseitig unsere Gravamina vorlegten und, wie ich glaubte, wirklich beiderseits auf einander hören konnten. Der Morgen war uns beiden eine rechte Freude. Kata sarka müßte ich sagen: wär’s doch dabei geblieben» (Brief Brunners an Thurneysen vom 13.9.1933; Nachlaß Thurneysen 📖). Zu dem weiteren, unerfreulicher verlaufenen Treffen am 11.9. vgl. unten S. 523, Anm. 35.↩
7
Das Gedicht «Die Bidassoabrücke» von Ludwig Uhland (Uhlands Werke in drei Teilen, hrsg. von A. Silbermann, Bd. I, Berlin u. a. o. J., S. 176 📖) schildert die Ankunft einer geschlagenen Schar spanischer Freiheitskämpfer am Grenzfluß zwischen dem spanischen und dem französischen Hoheitsgebiet, der Bidassoa, im Unabhängigkeitskrieg des spanischen Volkes gegen die französische Fremdherrschaft (1808–1814), den Frankreich für sich entschied. Ein «alter Kriegsmann» versucht durch einen Hinweis auf den diesmal als einziger unverletzt gebliebenen Kämpfer Mina den gesunkenen Mut der Mitstreiter zu heben und ihnen neue Hoffnung auf einen späteren Sieg einzuflößen. Die anschließende letzte Strophe lautet:
Mina rafft sich auf vom Steine
(Müde saß er dort und still),
Blickt noch einmal nach den Bergen,
Wo die Sonne sinken will.
Seine Hand, zur Brust gehalten,
Hemmt nicht mehr des Blutes Lauf;
Auf der Bidassoabrücke
Brachen alte Wunden auf.
↩
8
Martin Gottfried Rade (1891–1987), Sohn Martin und Dora Rades, 1916–1923 Pfarrer in Steinbach-Hallenberg (Thüringer Wald), 1924–1928 Geschäftsführer des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold im Bezirk Kurhessen, seit 1928 Geschäftsführer für den Jugendherbergsverband im Freistaat Sachsen, verlor seine Stelle nach Übernahme des Verbandes durch die Nationalsozialisten wegen seiner zweiten, jüdischen Frau Herta, geb. Rosenbaum, und trat im Oktober 1933 das Pfarramt in Seewis (Kanton Graubünden) an, das er bis 1958 innehatte.↩
9
Nicht erhalten.↩
10
Siehe oben S. 106, Anm. 18.↩
11
In den Jahren 1876–1879 erbaute, nach dem Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein (1594–1666) benannte Rheinbrücke in Basel. H. Barth wohnte seit 1930 in der auf der Kleinbasler Seite gelegenen Wettsteinallee 59.↩
12
Im Rahmen der internationalen Sommerkonferenz des christlichen Studentenweltbundes, die vom 3. bis 9.8.1933 unter dem Vorsitz von W. A. Visser ’t Hooft und P. Maury in La Châtaigneraie bei Coppet (Kanton Waadt) bei Genf stattfand, hielt Thurneysen am Abend des 6.8. einen Vortrag mit dem Titel «Gebet und Führung» (Programm der Konferenz in der Bibliothek des ökumenischen Rates der Kirchen, Genf). Der Vortrag erschien unter dem leicht geänderten Titel Führung. Zur Frage der Geistesleitung (s. oben S. 271, Anm. 8) 📖 sowie in englischer Übersetzung unter dem Titel Guidance in: The Student World, Vol. XXVI (1933), S. 294–309. 📖 ↩
13
W. Vischer hatte Barth mit einem Brief vom 21.8.1933 seine 10 Thesen über «Die Kirche und die Juden» zugesandt (Typoskript im Karl Barth-Archiv) und dazu geschrieben: «Die Leute um Bodelschwingh haben von mir Sätze der Kirche zu den Juden verlangt. … Ich habe nun zusammengestellt, was, soweit ich höre, die Bibel dazu sagt.» Es habe aber nur Bonhoeffer zugestimmt. Dieser Entwurf wurde mit Änderungen (Wegfall der Thesenform, Textumstellungen, Streichung konkreter Verwerfungen) in die vorläufige Fassung des sog. Betheler Bekenntnisses vom 26.8.1933 aufgenommen. Zu Vischers Beteiligung an der Erarbeitung dieses Bekenntnisses vgl. Chr.-R. Müller, Bekenntnis und Bekennen. Dietrich Bonhoeffer in Bethel (1933). Ein lutherischer Versuch (Studienbücher zur kirchlichen Zeitgeschichte 7), München 1989, S. 28–30 📖 (Übersicht über die vier Vorentwürfe und die endgültige Textfassung dort S. 82–193); Lichtenfeld, S. 357–362.381.395f. 📖; vgl. auch D. Bonhoeffer, Gesammelte Schriften, Bd. II: Kirchenkampf und Finkenwalde. Resolutionen, Aufsätze, Rundbriefe 1933-1943, hrsg. von E. Bethge, München 1959, S. 91–119. 📖 ↩
14
K. Hartenstein, Hat die Gruppenbewegung eine Frage an uns?, in: EMM NF, Jg. 77 (1933), S. 163–170.194-202. 📖 ↩